, daß ja die Mama , von der die Leute schon damals gesagt hätten , sie sähe aus wie ein Engel , nun auch droben im Himmel sei und jeden Augenblick ihre kleine Fee sehen könne . Dann streichelte er zärtlich das Köpfchen des Kindes , das aufs neue in krampfhaftes Weinen ausbrach . 8 Am anderen Morgen hallte das Ausläuten der Glocken feierlich über die Stadt . Die schmale , steile Gasse hinauf strömten die Andächtigen nach der hochgelegenen Barfüßerkirche . Samt und Seide und auch minder kostbare , aber doch sonntägige Stoffe wurden in die Kirche getragen , nicht allein zur Ehre Gottes , sondern auch um der Augen des lieben Nächsten willen . Aus dem stattlichen Eckhause am Marktplatze schlüpfte eine kleine , schwarz umhüllte Gestalt . Niemand hätte unter dem großen , plumpen Umhängetuche , das eine Nadel unter dem Kinne zusammenhielt , die feinen , graziösen Formen der kleinen Felicitas zu entdecken vermocht . Friederike hatte der Kleinen das häßliche , grobe Gewebe mit den wichtig betonten Worten umgelegt , daß die Madame ihr das schöne Tuch zur Trauer schenke ; dann hatte sie die Hausthür geöffnet und dem hinauseilenden Kinde streng anbefohlen , ja nicht etwa , wie sonst , in den Familienkirchenstuhl zu gehen - es sei Platz für sie auf den Bänkchen der Schulkinder . Felicitas drückte das Gesangbuch unter den Arm und schritt hastig um die Ecke . Es war unverkennbar , sie strebte ungeduldig vorwärts zu kommen ; aber da drüben schritten feierlich gemessenen Ganges drei schwarzgekleidete Gestalten , deren Anblick sofort ihre Schritte verlangsamte ... Ja , dort ging sie , die große Frau inmitten ihrer zwei Söhne , und alle Menschen , die vorüberkamen , neigten sich tief und respektvoll . Sie hatte zwar das ganze Jahr über fast für niemand einen guten Blick , und der Mund sprach oft unbarmherzig zu denen , die Hilfe suchten ; und dort der kleinere Knabe an ihrer Linken schlug die Bettelkinder , die sich ins Haus wagten , und trat mit Füßen nach ihnen . Er log auch abscheulich und schwur dann heilig und teuer , daß er nicht gelogen habe - aber das schadete alles nicht . Sie gingen jetzt in die Kirche , setzten sich in den streng abgeschlossenen Kirchenstuhl , hinter vornehme Glasscheiben , und beteten zum lieben Gott , und er hatte sie lieb , und sie kamen in seinen Himmel : denn - sie waren ja keine Spielersleute . Die drei Gestalten verschwanden in der Kirchenthür . Das Kind folgte ihnen mit den ängstlichen Augen , dann huschte es vorüber , vorüber an all den offenen Thüren , aus denen bereits der Orgelklang scholl , und die einen Blick gewährten in das magische Düster der Kirchenhalle , über die dichtgedrängten Reihen der Andächtigen . An das trotzig empörte , heftig pochende Kinderherz aber , das da draußen vorübereilte , schlug der Orgelton vergeblich . Es konnte heute nicht zum lieben Gott beten ; er wollte ja nichts wissen von dem armen , erschossenen Mütterchen , er litt es nicht in seinem großen , blauen Himmel - es lag einsam draußen auf dem Gottesacker , und da mußte das Kind hin und mußte es besuchen . Felicitas bog ein in eine zweite Gasse , die noch steiler den Berg hinauflief , als die drunten neben dem Hause . Dann kam das häßliche Stadtthor mit dem noch viel häßlicheren Turme , der auf seinem Rücken dräute , aber durch die Thorwölbung leuchtete es grün . Da schlangen sich die prächtigen , wohlgepflegten Lindenalleen in wunderlichem Kontraste um alte , geschwärzte Stadtmauern , wie ein frischer Myrtenkranz um einen ergrauten Scheitel ... Wie war es so feierlich still hier oben ! Das Kind erschrak vor seinen eigenen Schritten , unter denen der Kies knirschte - es ging ja auf verbotenem Wege . Aber es lief immer rascher und stand endlich , tief Atem schöpfend , vor dem Eingangsthore des Gottesackers . Noch nie hatte Felicitas diesen stillen Ort betreten - sie kannte jene kleinen , gleichförmig nebeneinander liegenden Felder noch nicht , jene Schlußsteine , unter denen das vielgestaltige Leben urplötzlich verbraust und verklingt . Neben dem schwarzen Eisengitter der Thür streckten zwei große Holunderbüsche die Zweige hervor , gebeugt von der Last ihrer schwarzen , glänzenden Beerendolden , und da seitwärts erhob sich das graue Gemäuer einer alten Kirche - das sah düster aus : aber dort hinüber dehnte sich ein weiter Plan , bunt besät mit Blumen und Büschen , auf denen das Gold der milden Herbstsonne lag . » Wenn willst du denn besuchen , Kleine ? « fragte ein Mann , der in Hemdärmeln an der Thür des Leichenhauses lehnte und blaue Wolken aus seiner Tabakspfeife in die klare Luft blies . » Meine Mama , « entgegnete Felicitas hastig und ließ ihre Augen suchend über das große Blumenfeld gleiten . » So - ist die schon hier ? - Wer war sie denn ? « » Sie war eine Spielersfrau . « » Ah , die vor fünf Jahren auf dem Rathause umgekommen ist ? ... Die liegt da drüben , gleich neben der Kirchenecke . « Da stand nun das kleine , verlassene Wesen vor dem Fleckchen Erde , das den Gegenstand all seiner süßen , sehnsüchtigen Kindesträume deckte ! ... Ringsum lagen geschmückte Gräber ; die meisten waren mit buntfarbigen Astern so völlig bedeckt , als habe der liebe Gott alle seine Sterne vom Himmel schneien lassen . Nur der schmale Streifen zu des Kindes Füßen zeigte dürres , verbranntes Gras , gemischt mit üppig wuchernden Queckenranken . Unachtsame Füße hatten bereits einen Weg darüber gebahnt ; die anfangs lockere , von Regengüssen durchwühlte Erde war tief eingesunken , und mit ihr der weiße , schmucklose Stein zu Füßen des vernachlässigten Grabes - » Meta d ' Orlowska « stand in großen , schwarzen Lettern dicht am Erdrande ... An diesem Steine kauerte sich Felicitas nieder , und ihre kleinen Hände wühlten in eienr von Gras entblößten Stelle ... Erde , nichts als Erde ! Diese schwere , fühllose Masse lag auf dem zärtlichen Gesichte , auf der lieben Gestalt im lichtglänzenden Atlasgewande , auf den Blumen in den lilienweißen , erstarrten Händen . Jetzt wußte das Kind , daß die Mutter damals nicht bloß geschlafen habe . » Liebe Mama , « flüsterte sie , » du kannst mich nicht sehen , aber ich bin da , bei dir ! Und wenn auch der liebe Gott nichts von dir wissen will - er hat dir ja nicht ein einziges Blümchen geschenkt - und kein Mensch kümmert sich um dich , ich hab ' dich lieb und will immer zu dir kommen ! ... Ich will auch nur dich allein lieb haben , nicht einmal den lieben Gott , denn er ist so streng und schlimm gegen dich ! « Das war das erste Gebet des Kindes am Grabe der verfemten Mutter ... Ein leichtes Lüftchen strich vorüber , weich und kühlend , wie sich die beschwichtigende Mutterhand um die klopfenden Schläfe des fieberkranken Lieblings legt . Die Astern nickten herüber zu dem tieftraurigen Kinde , und auch durch die dürren Blütenrispen der Gräser zog es leise flüsternd ; und droben dehnte sich der Himmel in durchsichtiger Klarheit - der ewige , wandellose Himmel , den Menschenbegriffe zu einem Tummelplatze irdischer Leidenschaften machen . Als Felicitas später in das düstere Haus am Marktplatze zurückkehrte - das Kind wußte nicht , wie lange es träumend da draußen auf dem weiten , stillen Totenfelde gesessen hatte - fand sie die Hausthür nur angelehnt . Sie schlüpfte hinein , blieb aber sofort erschrocken in der nächsten Ecke stehen , denn die Thür zu des Onkels Zimmer stand ziemlich weit offen , Johannes ' Stimme klang heraus , und Felicitas hörte , wie er mit festen , langsamen Schritten auf und ab ging . Ein so eigentümlich wilder Trotz auch seit gestern über die Kleine gekommen war , die Furcht vor jener unbewegten , grausam kalten Stimme und den unerbittlichen , grauen Augen war doch noch größer . Sie konnte unmöglich in das Bereich der halboffenen Thür treten - ihre kleinen Füße standen wie eingewurzelt auf den Steinplatten . » Ich gebe dir vollkommen recht , Mama , « sagte Johannes drinnen , indem er stehen blieb ; » das kleine , lästige Geschöpf wäre am besten in irgend einer braven Handwerkerfamilie aufgehoben . Aber dieser unvollendete Brief hier ist für mich so maßgebend , wie ein rechtskräftiges Testament ... Einmal sagt der Papa , daß er das Kind um keinen Preis aus dem Schutze seines Hauses entlassen werden - es sei denn , daß es der Vater selbst zurückfordere - und hier mit den Worten : - ich würde deshalb auch unbedingt die Sorge um das mir anvertraute Kind in deine Hände legen - macht er mich unwiderleglich zum Vollstrecker seines Willens ... Es kommt mir durchaus nicht zu , an der Handlungsweise meines Vaters irgendwie zu mäkeln , aber wenn er gewußt hätte , wie unsagbar zuwider mir die Menschenklasse ist , aus der das Kind stammt - er würde mich mit dieser Vormundschaft verschont haben . « » Du weißt nicht , was du von mir verlangst , Johannes ! « entgegnete die Witwe im Tone tiefsten Verdrusses . » Fünf lange Jahre habe ich diesen Auswürfling , dies gottverlassene Wesen stillschweigend neben mir dulden müssen - ich kann es nicht länger ! « » Nun , dann bleibt uns kein anderer Ausweg , als ein Aufruf an den Vater des Kindes . « » Ja , da kannst du rufen ! « erwiderte Frau Hellwig mit einem kurzen , höhnischen Auflachen . » Der dankt Gott , daß er den Brotesser los ist ! Doktor Böhm sagt mir , soviel er wisse , habe der Mann zu Anfang ein einziges Mal von Hamburg aus geschrieben - seit der Zeit nicht wieder . « » Als gute Christin wirst du übrigens auch nicht zugeben , liebe Mama , daß das Kind dahin zurückkehrt , wo seine Seele verloren geht - « » Sie ist so wie so verloren ! « » Nein , Mama ! Wenn ich auch nicht leugnen will , daß der Leichtsinn in diesem Blute stecken muß , so glaube ich doch auch fest an den Segen einer guten Erziehung . « » Du meinst also , wir bezahlen das schwere Geld noch so und so viel Jahre länger für ein Geschöpf , das uns auf der Gotteswelt nichts angeht ? - Sie hat Unterricht im Französischen , im Zeichnen - « » Ei behüte , das fällt mir nicht ein ! « unterbrach Johannes die Aufzählung - zum erstenmal erhielt diese monotone Stimme eine etwas lebhaftere Klangfarbe . » Das fällt mir nicht ein , « wiederholte er . » Mir ist diese moderne weibliche Erziehung ohnehin ein Greuel ... Solche Frauen wie dich , die , echt christlichen Sinnes und in wahrhafter Weiblichkeit , nie die ihnen gesteckten Grenzen überschreiten , die wird man in kurzem suchen müssen ... Nein , das alles hat von jetzt ab ein Ende ! Erziehe das Mädchen häuslich , zu dem , was einst seine Bestimmung sein wird - zur Dienstbarkeit ... Ich lege die Angelegenheit völlig und unbesorgt in deine Hände . Mit deinem starken Willen , deinem Christentum - « Hier wurde die Thür plötzlich weiter aufgerissen , und Nathanael , der sich bei dem Zwiegespräche langweilen mochte , sprang heraus . Felicitas drückte sich gegen die Wand ; aber er sah sie doch und stürzte wie ein Stoßvogel auf die Zitternde zu . » Ja , verstecke dich nur , das hilft dir nichts ! « rief er und preßte ihr zartes Handgelenk beim Weiterzerren so heftig , daß sie aufschrie . » Jetzt kommst du mit und sagst der Mama gleich den Text der Predigt ! Gelt , das kannst du nicht ? Du warst nicht auf den Schulbänkchen , ich hab ' genau aufgepaßt ... Und wie siehst du denn aus ? ... Nein , Mama , sieh dir nur einmal dies Kleid an ! « Mit diesen Worten zog er die widerstrebende Kleine an die Thür . » Komm herein , Kind ! « gebot Johannes , der mitten im Zimmer stand und den Brief seines Vaters noch in der Hand hielt . Felicitas trat zögernd über die Schwelle . Sie sah einen Moment an der hohen , schmalen Gestalt empor , die vor ihr stand . Da lag kein Stäubchen auf dem ausgesucht feinen , schwarzen Anzuge ; das Weißzeug leuchtete in blendender Frische ; nicht ein Härchen auf der Stirn krümmte sich gegen die Hand , die unablässig , fast ängstlich darüber hinstrich - da war alles peinlich geordnet und sauber . Er blickte mit einer Art von Abscheu auf den Kleidersaum des Kindes . » Wo hast du dir das geholt ? « fragte er und zeigte nach der Stelle , die seinen Blick auf sich zog . Die Kleine sah scheu hinab - das sah freilich schlimm aus . Gras und Wege draußen waren noch taunaß gewesen ; sie hatte beim Niederwerfen am Grabe nicht daran gedacht , daß solche auffallende Spuren an dem schwarzen Kleide zurückbleiben könnten ... Sie stand schweigend mit gesenkten Augen da . » Nun , keine Antwort ? ... Du siehst aus wie das böse Gewissen selbst - du warst nicht in der Kirche , wie ? « » Nein , « sagte die Kleine aufrichtig . » Und wo warst du ? « Sie schwieg . Sie hätte sich lieber totschlagen lassen , ehe der Muttername vor diesen Ohren über ihre Lippen gekommen wäre . » Ich will dir ' s sagen , Johannes , « entgegnete Nathanael an ihrer Stelle ; » sie war draußen in unserem Garten und hat Obst genascht - so macht sie ' s immer . « Felicitas warf ihm einen funkelnden Blick zu , aber sie öffnete die Lippen nicht . » Antworte , « gebot Johannes , » hat Nathanael recht ? « » Nein ; er hat gelogen , wie er immer lügt ! « entgegnete das Kind fest . Johannes streckte in diesem Augenblicke ruhig den Arm aus , um Nathanael zurückzuhalten , der wütend auf seine Anklägerin losstürzen wollte . » Rühr sie nicht an , Nathanael ! « gebot auch Frau Hellwig dem Knaben . Sie hatte bis dahin schweigend im Lehnstuhle des Onkels am Fenster gesessen . Jetzt erhob sie sich - hu , was warf die große Frau für einen düstern Schatten in das Zimmer ! » Du wirst mir glauben , Johannes , « wendete sie sich an ihren Sohn , » wenn ich dir versichere , daß Nathanael niemals die Unwahrheit sagt . Er ist fromm und lebt in der Furcht des Herrn , wie selten ein Kind - ich habe ihn behütet und geleitet , das wird dir genügen ... Es hat noch gefehlt , daß sich dies erbärmliche Geschöpf zwischen die Geschwister stellt , wie es bereits zwischen den Eltern der Fall gewesen ist ... Ist es nicht an sich unverzeihlich , daß sie , statt in die Kirche zu gehen , sich an anderen Orten herumtreibt ? - mag sie nun gewesen sein , wo sie will ! « Ihre Augen glitten mit tödlicher Kälte über die kleine Gestalt . » Wo ist das neue Tuch , daß du heute Morgen bekommen hast ? « fragte sie plötzlich . Felicitas fuhr erschreckt mit den Händen nach den Schultern - o Himmel , es war verschwunden , es lag sicher draußen auf dem Gottesacker ! Sie fühlte recht gut , daß sie sich einer großen Unachtsamkeit schuldig gemacht habe - sie war tief beschämt ; ihre gesenkten Augen füllten sich mit Thränen , und die Bitte um Verzeihung drängte sich auf ihre Lippen . » Nun , was sagst du dazu , Johannes ? « fragte Frau Hellwig mit schneidender Stimme . » Ich schenke ihr das Tuch vor wenig Stunden , und an ihrem Gesicht wirst du sehen , daß es bereits verloren ist ... Ich möchte wissen , wieviel diese Garderobe deinem seligen Vater das Jahr über gekostet hat ... Gib sie auf , sag ich dir ! Da ist Hopfen und Malz verloren - du wirst nie ausrotten können , was von einer leichtfertigen , liederlichen Mutter aufgeerbt ist ! « In diesem Augenblicke ging eine schreckliche Veränderung in Felicitas ' Aeußerem vor . Eine tiefe Scharlachröte ergoß sich über das ganze Gesicht und den lilienweißen Hals bis unter den Ausschnitt des groben schwarzen Wollkleides . Ihre dunklen Augen , in denen noch die Thränen der Reue funkelten , blickten sprühend empor zu dem Gesichte der Frau Hellwig . Jene ängstliche Scheu vor der Frau , die fünf Jahre lang auf dem kleinen Herzen gelastet und ihr stets die Lippen verschlossen hatte , war verschwunden . Alles , was seit gestern ihre kindlichen Nerven in die furchtbarste Spannung versetzt hatte , es trat plötzlich überwältigend in den Vordergrund und nahm ihr den letzten Rest von Selbstbeherrschung - sie war außer sich . » Sagen Sie nichts über mein armes Mütterchen , ich leide es nicht ! « rief sie ; ihre sonst so weiche Stimme klang fast gellend . » Es hat Ihnen nichts zuleide gethan ! ... Wir sollen nie Böses von den Toten sprechen - hat der Onkel immer gesagt , denn sie können sich nicht verteidigen - Sie thun es aber doch , und das ist schlecht , ganz schlecht ! « » Siehst du die kleine Furie , Johannes ? « rief Frau Hellwig höhnisch . » Das ist das Resultat der freisinnigen Erziehung deines Vaters ! Das ist das feenhafte Geschöpfchen , wie er das Mädchen in dem Briefe da nennt ! « » Sie hat recht , wenn sie ihre Mutter verteidigt , « sagte Johannes halblaut mit ernstem Blicke ; » aber die Art und Weise , wie sie es thut , ist eine ungebärdige , abscheuliche ... Wie kannst du dich unterstehen , in so ungebührlicher Weise zu dieser Dame zu reden ? « wandte er sich zu Felicitas , und ein schwacher Schimmer von Rot flog über sein bleiches Gesicht . » Weißt du nicht , daß du verhungern mußt , wenn sie dir kein Brot gibt , und daß draußen das Straßenpflaster dein Kopfkissen sein wird , wenn sie dich aus dem Hause stößt ? « » Ich will ihr Brot nicht ! « preßte das Kind hervor . » Sie ist eine böse , böse Frau - sie hat so schreckliche Augen ... Ich will nicht hier bleiben in euerem Hause , wo gelogen wird , und wo man sich den ganzen Tag fürchten muß vor der schlechten Behandlung - lieber will ich gleich unter die dunkle Erde zu meiner Mutter , lieber will ich verhungern - « Sie konnte nicht weiter sprechen ; Johannes hatte ihren Arm gefaßt , seine mageren Finger drückten sich wie eiserne Klammern in das Fleisch - er schüttelte sie einige Male heftig . » Komm zu dir , komm zur Besinnung , abscheuliches Kind ! « rief er . » Pfui , ein Mädchen und so zügellos ! Bei dem unverzeihlichen Hange zu Leichtsinn und Liederlichkeit auch noch diese maßlose Heftigkeit ! ... Ich sehe ein , hier ist viel versehen worden , « wandte er sich an seine Mutter , » aber unter deiner Zucht , Mama , wird das anders werden . « Er ließ den Arm der Kleinen nicht los und führte sie unsanft aus dem Zimmer hinüber in die Gesindestube . » Von heute an habe ich über dich zu gebieten - merke dir das ! « sagte er rauh ; » und wenn ich auch fern bin , ich werde dich doch exemplarisch zu strafen wissen , sobald ich erfahre , daß du meiner Mutter nicht in allen Stücken ohne Widerrede gehorchst ... Für dein heutiges Benehmen hast du auf längere Zeit Hausarrest , um so mehr , als du von der Freiheit einen so schlechten Gebrauch machst . Du betrittst den Garten ohne ganz spezielle Erlaubnis meiner Mutter nicht wieder ; ebensowenig gehst du auf die Straße , die Wege nach der Bürgerschule ausgenommen , die du von nun an besuchen wirst ; und hier in der Gesindestube magst du essen und dich tagüber aufhalten , bis du bessere Sitten zeigst ... Hast du mich verstanden ? « Die Kleine wandte schweigend das Gesicht ab , und er verließ die Stube . 9 Nachmittags trank die Familie Hellwig den Kaffee draußen im Garten . Friederike hatte ihren kattunenen , flanellgefütterten Sonntagsmantel über die Schultern geworfen , die schwarzseidene , wattierte Staatsmütze aufgesetzt und war zuerst in die Kirche und dann zu einer » Frau Muhme « auf Besuch gegangen . Heinrich und Felicitas waren allein in dem großen , kirchenstillen Hause . Ersterer war längst heimlicherweise draußen auf dem Gottesacker gewesen und hatte das verhängnisvolle Tuch heimgeholt - es lag nun gesäubert und regelrecht zusammengelegt im Kasten . Der ehrliche Bursche hatte die vormittägige Szene von der Küche aus mit angehört und zum Teil auch gesehen ; er war sehr in Versuchung gewesen , hervorzuspringen und mit seinen derben Fäusten den Sohn des Hauses ebenso zu schütteln , wie die zarte Gestalt des aufrührerischen Kindes hin und her geschüttelt wurde . Jetzt saß er da in der Gesindestube und schnitzelte an seinem defekten Ausgehstock herum , wobei er leise und zwar sehr ungeschickt und unmelodisch pfiff . Er war ja aber auch gar nicht bei der Sache ; seine Blicke huschten rastlos und verstohlen hinüber nach dem schweigenden Kinde ... Das war gar nicht mehr das Gesicht der kleinen Felicitas ! Sie saß dort wie ein gefangener Vogel , aber wie ein Vogel , dem die Wildheit in der Brust brennt und der voll unversöhnlichen Grolles der Hände denkt , die ihn gefesselt haben ... Auf ihren Knieen lag der Robinson , den Heinrich auf eigene Gefahr hin von Nathanaels Bücherbrett geholt hatte , aber sie warf keinen Blick hinein . Der Einsame hatte es gut auf seiner Insel , da gab es doch keine bösen Menschen , die seine Mutter leichtsinnig und liederlich schalten ; da lag der funkelnde Sonnenschein auf den Palmenkronen , auf den grünen Wogen des fetten Wiesengrases - und hier brach das Gotteslicht gedämpft , als trübe Dämmerung durch die engvergitterten Fenster , und nirgends , weder draußen in der schmalen Gasse noch hier im ganzen Hause , erquickte ein grünes Blatt das Auge ... Ja , drin im Wohnzimmer , da stand freilich ein Asklepiasstock im Fenster - die einzige Blume , die Frau Hellwig pflegte , aber Felicitas konnte diese regelmäßigen , wie aus kaltem Porzellan geformten Blütenbüschel , die starren , harten Blätter nicht leiden , die stocksteif und ungerührt dahingen , mochte auch der Luftzug durchstreichen , soviel er wollte - was gab es denn Schöneres , als draußen die leichtbeweglichen , grünen Zungen an Büschen und Bäumen mit ihrem unaufhörlichen Rauschen und Flüstern ? Die Kleine sprang plötzlich auf . Droben auf dem Dachboden , da konnte man weit hinaus in die Gegend sehen , da war sonnige Luft - wie ein Schatten glitt sie die gewundene steinerne Haupttreppe hinauf . Das alte Kaufmannshaus war eigentlich nach gewissen Begriffen degradiert worden . Vor langen Zeiten war es ein Edelsitz gewesen . Es hatte auch noch etwas Ehrgeiziges in seiner Physiognomie - wenn auch nicht in dem Maße , wie die Türme , die alles unter sich lassen und , wenn es ginge , am liebsten auch den Himmel als alleiniges Eigentum auf ihre Spitze spießen möchten - aber es zeigte doch hier und da dies Emporstreben in dem Turmansatze des Erkers und vor allem in den mächtigen Schornsteinen , die sich in jenen Zeiten so nötig machten , wo noch die Wildbraten in ihrer natürlichen Größe und Urwüchsigkeit auf den Bratspießen adeliger Küchen steckten ... Das blaue Blut , das die Herzen der ehemaligen ritterlichen Bewohner klopfen gemacht , war längst versiegt , ja , in den letzten Stadien war es ihm ergangen , wie dem alten Hause auch - es war degradiert worden . Die vordere , nach dem Marktplatz gewendete Front des Hauses hatte sich allmählich in etwas modernisiert , die Hintergebäude dagegen , drei gewaltige Flügel , standen noch in keuscher Unberührtheit , wie sie aus der Hand ihres Schöpfers hervorgegangen waren . Da gab es noch jene langen , hallenden Gänge mit schiefen Wänden und tief ausgetretenem Estrich , in denen selbst bei strahlendem Mittagssonnenscheine eine traumähnliche Dämmerung webt , und die es einer sagenhaften Ahnfrau so leicht machen , in grauer Schleppe , mit verblichenem Antlitz und schattenhaft gekreuzten Händen umherzuspuken . Da waren noch jene unvorhergesehenen , unter dem leisesten Tritte kreischenden Hintertreppchen , die plötzlich am Ende eines Korridors auftauchen , um drunten vor irgend einer unheimlichen , siebenfach verriegelten Thür zu münden - jene abgelegenen , scheinbar zwecklosen Ecken mit einem einsamen Fenster , durch dessen runde , bleigefaßte Scheiben fahle Lichtsäulen auf den zerbröckelnden Backsteinfußboden fallen . Der Staub , der hier auf die Köpfe der Vorüberwandelnden herabrieselte , war historisch ; er hatte als jugendliche Holzfaser irgend eines Balkens oder als neuer Mörtel die hochgehenden Wogen des blauen Blutes mit angesehen . Wo es irgend möglich gewesen , hatte der Steinmetz das Wappen des Erbauers des Hauses , eines Ritters von Hirschsprung , angebracht . Die steinernen Thür-und Fenstereinfassungen , ja selbst einzelne Quadern des Fußbodens zeigten den majestätischen Hirsch , wie er , die Vorderläufe hochhebend , zum grausigen Sprunge über einen Abgrund ansetzte . Auf den Thürpfosten einer der großen Staatsstuben im Vorderhause befanden sich auch die Bildnisse des Erbauers und seiner Ehegesponsin , langgestreckte Gestalten in Barett und Schneppenhaube . Der ehrenfeste Ritter blickte mit unvergänglich herausforderndem Stolze in die Welt , aus der längst sein Staub und seine » für ewig « besiegelten und verbrieften Ansprüche hinweggeweht waren . Felicitas stand droben an der Mündung der Treppe und sah mit großen , verwunderten Augen in eine halboffene Thür , die sie nicht anders als verschlossen kannte ... Wie sehr mußte die Ausführung ihres Racheaktes alles Denken der sonst so peinlich pünktlichen Hausfrau in Anspruch genommen haben , daß sie darüber Schloß und Riegel vergessen konnte ! ... Hinter der Thür lag ein scheinbar endloser Korridor , der über eines der Hintergebäude hinlief , und in welchen verschiedene Thüren mündeten . Eine derselben stand offen und ließ in eine Rumpelkammer mit einem sehr hochliegenden Mansardenfenster sehen . Sie war vollgepfropft mit altem Gerümpel , und da seitwärts an einem Rokokoarmsessel lehnte auch das Bild der Frau Kommerzienrätin . Es war nicht einmal gegen eine schützende Wand gekehrt ; Staub und Spinnen durften sich nun ungestört des Gesichts bemächtigen , das dem Maler in der stolzen Ueberzeugung gesessen hatte , es werde für Kind und Kindeskinder bis in die fernste Zeit ein Gegenstand hoher Verehrung sein . Die großen , hervortretenden , etwas lüsternen Augen hatten , so nahe gesehen , etwas Furchterregendes für das Kind - es wandte sich ängstlich ab , aber in dem Momente fuhr es wie ein Stich durch das kleine Herz und das Blut brauste nach dem Kopfe - den mit Seehundsfell überzogenen Koffer dort am Boden kannte ja die kleine Felicitas ganz genau ! ... Scheu , mit angehaltenem Atem - schlug sie den Deckel zurück - da lag obenauf ein hellblaues Wollkleidchen , dessen Säume und Bündchen zierliche Stickerei zeigten . Ach ja , das hatte ihr Friederike eines Abends ausgezogen , und dann war es verschwunden , und die kleine Felicitas mußte dafür ein abscheuliches , dunkles Kleid anlegen . Immer tiefer und heftiger wühlten die kleinen Hände , - was kam da alles zum Vorschein , und wie stürmte es in der Kinderseele bei diesem Wiedersehen ! ... All diese Gegenstände , so elegant , als sollten sie den vornehmen Körper einer kleinen Prinzessin umhüllen , hatte die tote Mutter in den Händen gehabt . Felicitas erinnerte sich mit peinlicher Schärfe des süßen Gefühls , wenn die Mama sie angekleidet und mit ihren samtweichen , zarten Fingern berührt hatte ... Ach , hier tauchte auch das buntscheckige Kätzchen auf , das einst der ganze Stolz des Kindes gewesen ! Es war auf eine kleine Tasche gestickt . - Halt , da steckte auch etwas drin , aber es war kein Spielzeug , wie das Kind anfänglich meinte , es war ein hübsches Petschaft von Achat , auf dessen silberner Platte derselbe majestätische Hirsch sich bäumte , den das Mauerwerk des Hellwigschen Hauses bis zum Ueberdruß zeigte . Unter dem Wappen stand in feinen , flüchtigen Zügen M. v. H .... Das hatte gewiß der Mama gehört , und das Kind hatte einst die räuberische kleine Hand danach ausgestreckt . - Höher und höher wuchs die Flut der Erinnerungen und auf manche fiel ein Strahl des gereiften Verständnisses . Jetzt begriff sie jene Momente , wo sie , aus dem ersten Schlafe aufschreckend , den Vater im goldblitzenden Wams und die Mutter mit den aufgelösten blonden Locken an ihrem Bettchen stehen sah - sie waren aus der Vorstellung heimgekommen ... und da war auch jedesmal auf die arme Mama geschossen worden , und das Kind hatte so ahnungslos in das totenbleiche Gesicht gesehen ; es wußte aber noch , daß es an solchen Abenden stets stürmisch , wie in atemloser Hast , an das Mutterherz emporgerissen worden war ... Stück um Stück der neuentdeckten Schätze wurde gestreichelt und geliebkost und dann sorgsam in den Koffer zurückgelegt , und als der Deckel alles wieder verschloß , da schlang das Kind seine Arme um den kleinen , vielgereisten Kasten und legte das Köpfchen darauf - sie waren ja alte Kameraden , zwei , die zusammengehörten in der weiten Welt , welche nicht so viel