und Weise , mit welcher sie ihre Schätze wieder an Ort und Stelle brachte , mischte sich der Stolz auf den Besitz derselben mit einer unverkennbar wehmüthigen Erinnerung . Der Caplan ließ sie ruhig gewähren . Wenn ich das Alles so vor mir sehe , sagte sie mit einem Male , ist ' s mir grade , als ob ich die ganzen vergangenen Jahre wieder vor mir hätte . Von jedem Stücke kann ich sagen , wann er es mir geschenkt hat , wann ich es zuerst getragen und gebraucht , und wie Alles damals gewesen ist . Manches liegt noch ganz neu da , Manches ist nicht mehr zu gebrauchen , und ich könnte es doch nicht fortgeben . Sie bückte sich bei den letzten Worten , nahm aus der untersten Lade eine Jacke von Kattun hervor , hielt sie dem Caplan hin und sagte : Sehen Sie , Hochwürden , das war der erste Anzug , den er mir nach seiner Rückkehr kaufte . Ich war damals noch nicht ausgewachsen und so mager ! Aber ich hätte es nicht mit ansehen können , daß ein Anderer mir nachgetragen , was er mir einmal gegeben hat . Der Caplan warf einen Blick auf das bezeichnete Kleidungsstück und machte die Bemerkung , daß es ihr auch künftig an Nichts fehlen und der Baron für alle ihre Bedürfnisse auch künftig sorgen lassen werde . Sie hörte nicht darauf , denn sie war viel zu sehr mit sich und der Vergangenheit beschäftigt . So oft er nach der Stadt fuhr , brachte er mir Etwas mit , nahm sie wieder das Wort . Zuletzt dieses große , rothe Umschlagetuch . Ich sollte mich darüber freuen , ich sollte sehen , wie schön es sei . Schön genug war es , aber freuen konnte ich mich nicht mehr darüber . Ich wußte ja schon , was hier bevorstand . Die Freude an Deinem Hab und Gut wird wiederkommen , sagte der Caplan , wenn Du erst wieder in Ruhe und unter Menschen sein wirst , denen Du Deine Sachen zeigen kannst . Sie schüttelte verneinend das Haupt . Wer so unglücklich gemacht werden soll , wie ich , den freut Nichts mehr , und aus dem Unglück darf man nicht zurückdenken an die guten Tage , wenn ' s einem das Herz nicht brechen soll . Ich wollte , ich hätte die Commode gar nicht aufgemacht ! Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen , schloß die sämmtlichen vier Schubladen zu und steckte die Schlüssel in die Tasche von weißem Piqué , die sie unter ihrem Kattunrocke trug . Der Caplan stand auf ; das schien sie zuerst auf den Gedanken zu bringen , daß sie mit dem Aufräumen in seiner Gegenwart etwas Ungehöriges gethan hätte . Sie bat ihn deßhalb um Entschuldigung . Aber , fügte sie hinzu , wenn Sie nur ein einziges Mal erfahren hätten , wie einem Menschen zu Muthe ist , dem so wie mir der Todesstoß gegeben wird , so würden Sie wissen , auf was man da Alles verfällt . Elend muß man kennen , damit man ' s versteht ! Die Worte kamen ihr von Herzensgrund und rührten den Caplan durch den Ausdruck , mit welchem sie gesprochen wurden . Er seufzte unwillkürlich , sah Pauline an , zögerte einen Augenblick und sagte dann mit ganz verändertem Tone : Und wenn ich es nun verstände , was Elend ist , wenn ich es wüßte , wie Dir Armen zu Muthe ist ? Sie richtete ihre dunkeln Augen forschend auf seine Miene . Hochwürden , was soll das sagen ? fragte sie danach . Sie sollten wissen , wie mir zu Muthe ist ? So wie Sie , Hochwürden , sieht man nicht aus , so still und ruhig nicht , wenn man so zerschmettert worden ist und sein Alles verloren hat , wie ich . So still und ruhig wird man , kann man werden , wenn man sich vorhält , daß Alles , was wir leiden , uns von Gott kommt , und daß der Heiland selbst sein Kreuz getragen , daß Christus selbst den Kelch des Leidens ausgekostet hat bis auf den letzten Tropfen ! entgegnete er ihr . Pauline schwieg , als stände sie an geweihter Stätte , als sei ein Vorhang vor ihr aufgezogen , der ihr ein Allerheiligstes offenbarte . Sie faltete die Hände , ihr Blick hing mit einer ganz neuen , liebevollen Empfindung an dem milden Antlitze des geistlichen Herrn , und näher zu ihm tretend , während sich ihre Wangen rötheten von der Scheu , mit welcher sie die Frage an ihn richtete , sprach sie leise : Hochwürden , sind Sie denn auch verlassen und verstoßen worden ? Nein ! entgegnete er . Was ist Ihnen denn geschehen ? forschte sie weiter , und ihre Stimme wurde weicher , ihr Blick von Theilnahme gesänftigt . Er nahm sie bei der Hand , setzte sich und nöthigte sie damit , sich ebenfalls niederzulassen ; dann sagte er ruhig : Ich habe mich überwunden ! Freiwillig ? rief sie aus . Freiwillig ! wiederholte er , und sie schwiegen Beide . Pauline war wie umgewandelt , sie vergaß sich selbst in diesem Augenblicke . Das Vertrauen des Caplans hatte sie erhoben . Ihn aber hatte es eine neue , große Ueberwindung gekostet , vor Pauline von seinem eigenen Geschicke zu sprechen ; indeß er hatte richtig erkannt , daß man auf diese Frau nur wirken könne , indem man ihre Theilnahme auf einen Anderen richte und ihr ein Beispiel aus dem Bereiche vorhielt , den sie kannte und übersah . Das Verlangen , mehr von dem Schicksale des Geistlichen zu hören , ließ ihr nun keine Ruhe . Sie wollte vergleichen können , und doch band die Ehrfurcht ihr die Zunge , bis sie endlich die Frage wagte : Und jetzt , Hochwürden , sind Sie denn jetzt nicht mehr unglücklich , haben Sie verschmerzt , was Sie gelitten , was Sie geopfert haben ? Ja , ich habe es verschmerzt ! Ich habe wieder Freude an dem Leben , ich habe Menschen , deren Wohl und Wehe mir sehr am Herzen liegt .... Und Sie können also wirklich wieder glücklich sein ? fragte sie noch einmal . Ich bin freudig in meiner Arbeit , in der Erfüllung meiner Pflicht ! Mit einem Worte , ich lebe gern , versetzte er - und ich habe doch keinen Sohn , für den ich leben könnte ! Sie faßte den Gedanken offenbar bereitwillig auf . Ja , sagte sie , es ist ein gutes Kind , und Sie glauben nicht , wie klug er ist . Weit über seine Jahre klug ! Er merkt Alles und weiß Alles , ohne daß man es ihm sagt . Wenn er mich traurig findet , sieht er mich an , daß man denkt , es sei eine Sünde , ihn merken zu lassen , was man aussteht . Er läßt dann keinen Blick von mir , und seine Augen sind ganz wie die des Vaters . Sie sprach darauf von der Absicht des Barons , den Knaben früh einer männlichen Leitung zu übergeben , und klagte sich an , daß sie denselben bisher nicht genug geliebt habe . - Ich habe immer und immer nur an den Vater gedacht , sagte sie ; der Knabe würde mich bald vergessen , nähme man ihn fort von mir , und der Vater wird mich noch schneller vergessen ! setzte sie mit erneuter Klage hinzu . Der Caplan mochte es ihr nicht bemerken , daß sie damit zum ersten Male ihre indirecte Zustimmung zu den Absichten des Barons kundgegeben hatte , aber die Thatsache war ihm wichtig , und obschon er bei Paulinen ' s schnell wechselnden Stimmungen auf diese plötzliche Sinnesänderung nicht allzu viel vertraute , fing er doch an , mit ihr von einem der nächstgelegenen Städtchen und von dem Leben in demselben zu sprechen . Pauline wußte es , daß der Baron sie dorthin senden wollte . Sie fragte , wie weit der Ort von Richten entfernt sei und wie viel Zeit man brauche , um von dort nach der Hauptstadt der Provinz zu kommen , in welcher nach dem oftmals ausgesprochenen Plane seines Vaters der Knabe später erzogen werden sollte . Dann erkundigte sie sich , ob ihrem Sohne seine Geburt bei der Aufnahme in eine Erziehungsanstalt keine Hindernisse in den Weg stellen würde , wie sie einmal gehört zu haben glaubte , und sie blieb überhaupt nur mit der Zukunft des Knaben beschäftigt , bis der Caplan sich entfernte . Es war aber ersichtlich daß ihr Etwas auf dem Herzen lag , für das sie den Ausdruck oder den Moment nicht zu finden wußte , und der Geistliche hielt schon den Drücker der Thüre in der Hand , als sie sich ihm näherte und schüchterner , als es ihre Art war , die Frage aufwarf : Sie haben sich überwunden , sich aufgeopfert , Hochwürden , hat Ihnen das gute Frucht gebracht ? Haben sie es Ihnen gedankt , diejenigen , für welche Sie sich geopfert haben ? Ein Opfer , für das man Lohn erwartet , ist kein Opfer mehr ! entgegnete er ihr . Sie verstummte darauf und ließ ihn gehen . Aber er war ihr menschlich näher getreten , seit sie wußte , daß auch er gelitten und verzichtet habe ; und es gelang ihm nach einigen Tagen endlich , ihre Einwilligung zu der Uebersiedelung nach der Stadt zu erhalten . Sie erklärte jedoch , daß sie den Baron noch einmal sehen wolle , ehe sie Richten verlasse . Sie müsse aus seinem eigenen Munde das Versprechen erhalten , daß er sie besuchen werde , wenn er nach ihrem künftigen Wohnorte komme ; daß er selbst über den Lebensweg ihres Sohnes wachen wolle , und der Caplan ging , so weit er es vermochte , auf alle ihre Wünsche ein . Neben diesen Stunden voll ruhiger Ueberlegung gab es aber auch viele andere , in welchen sie sich nur mit der Hochzeit des Barons und der künftigen Baronin beschäftigte , und in denen sie völlig wieder in ihren Schmerz versank . Sie betheuerte dann unaufhörlich , daß sie ja verzichten möchte , daß sie es aber nicht könne , und daß es über ihre Kräfte gehe . Es war ein Auf und Nieder in ihren Empfindungen , dem schwer zu folgen , dessen Ursachen oft nicht zu erspähen waren ; und oftmals , wenn die Vorstellungen und Gespräche des Caplans sie so weit gebracht hatten , daß ein Schuldbewußtsein und der Gedanke , daß man ein Verschulden büßen müsse , in ihr rege wurden , warf sie mit der ihr eigenthümlichen Plötzlichkeit gewisse Aeußerungen über die ihr einzig angemessene Art von Buße hin , welche er aufs Neue zu bekämpfen hatte . Am Freitag Abend ging er nochmals zu ihr . Man erwartete in der Nacht die Ankunft des Barons , der sich am Sonntag in aller Frühe zu seiner Braut begeben wollte . Der Caplan wünschte ihm bei seiner Heimkehr sagen zu können , daß er Alles geordnet habe und daß Pauline in ihr Schicksal ergeben sei . Er war daher sehr zufrieden , als er Abends , da er zu ihr kam , sie damit beschäftigt fand , die Kleider und das Spielzeug ihres Sohnes in einen kleinen Koffer zusammen zu packen . Sie sprachen fortdauernd von der Reise und von der Stadt . Als der Caplan sie fragte , für welche Zeit er ihr die Pferde bestellen solle , gab sie den Sonntagmorgen an , und wünschte , daß der alte Kämmerer bewogen werden möge , sie zu begleiten . Sie habe Richten nie verlassen und es bange ihr vor der Fremde . Der Caplan versprach ihr , dies zu vermitteln und Alles nach ihrem Wunsche einzurichten . Nur als sie auf die begehrte Unterredung mit dem Baron zurückkam und auf dieselbe bestand , erklärte er ihr , er zweifle , daß derselbe geneigt sein werde , sie in diesem Augenblicke wiederzusehen . Von ihrer Forderung zu Bitten übergehend , flehte sie zuletzt den Caplan mit Thränen , ihr diese einzige Gunst zu erwirken , und er sagte ihr zu , dem Baron ihren Wunsch mitzutheilen . Indeß gleich die erste Begegnung mit demselben ließ ihn erkennen , daß er hier auf Widerstand stoßen werde und daß für die Erfüllung von Paulinen ' s Bitte Nichts zu hoffen sei . Der Baron war sehr aufgeräumt und in der That auch viel beschäftigt . Er fragte Anfangs gar nicht nach Pauline , und da er es später that , geschah es in einer Weise , die kaum eine Antwort zu verlangen schien . Dennoch , und obschon der Caplan selbst eine Unterredung oder einen Abschied zwischen dem Baron und Pauline für zwecklos ansah , sprach er dem Ersteren davon , um seiner Zusage nachzukommen ; indeß der Baron lehnte den Vorschlag entschieden ab . Ich kenne des guten Geschöpfes Liebe und Leidenschaft , sagte er , und ich kenne auch meine Schwäche . Es ist nicht Fühllosigkeit oder Härte gegen das arme Weib , das ich meinen Verhältnissen und meiner sittlichen Ueberzeugung opfern muß , es ist die unerläßliche Nothwehr gegen mich selbst , wenn ich mir in dem Augenblicke der Abreise zu meiner Braut eine Scene erspare , die mir , sie mag ausfallen wie sie immer wolle , das Herz zerreißen wird , ohne nach der andern Seite hin irgend etwas zu nützen . Es fiel dem Caplan auf , daß der Baron auch dieses Mal Paulinen ' s Namen auszusprechen vermied und sich mit anderer Bezeichnung dafür behalf . Er kannte das an seinem Herrn und wußte , was es zu bedeuten habe . So kam er denn auch nicht mehr auf den Wunsch Paulinen ' s zurück , aber der Baron erbot sich später aus freiem Antriebe , ihr noch einmal zu schreiben , was der Caplan für zweckmäßig erachtete . Auch schrieb er ihr noch in derselben Stunde und sandte den Brief sogleich durch einen Boten ab . » Ich danke Dir « , lauteten die Zeilen , » daß Du Dich entschlossen hast , in die Stadt zu ziehen . Du kennst mich genugsam , um zu wissen , daß ich Dir dies lohnen werde . Es soll Dir dort , darauf kannst Du Dich verlassen , ein ganz sorgenfreies Leben bereitet werden , und Paul wird nicht aufhören , ein Gegenstand meiner treuen Sorgfalt zu sein . Der hochwürdige Herr Caplan , der sich in diesen Tagen Deiner so gütig und väterlich angenommen hat , wird auf meine Bitte Dir auch ferner mit seinem Rathe zur Seite stehen und dafür sorgen , daß Du Dich nach Deinem Ermessen einrichten kannst . Daß ich nicht zu Dir komme , geschieht aus Rücksicht für Dich sowohl als auch für mich . Wozu ein Wiedersehen , wenn man vergessen will ? Und vergessen lernen mußt Du ! Folge in Allem ganz dem Rathe und den Anordnungen des verehrten Herrn Caplans . Was Du in Zukunft etwa von mir wünschest , was ich von Dir erfahren soll , theile ihm mit . An mich selbst schreibe nicht . Meine Theilnahme und mein Schutz werden Dir und Paul nie entgehen , und ich werde mich Dir verpflichtet fühlen , wenn Du Dich mir in diesen Anordnungen pünktlich fügsam zeigst . Somit lebe denn wohl ! Sei Gott mit Dir , und möge er uns Allen in seiner Gnade eine ruhige Zukunft verleihen ! « Pauline empfing den Brief gegen Mittag aus den Händen des damit beauftragten Reitknechtes . Sie hieß ihn warten und durchflog das Schreiben . Aber es schien , als könne sie den Inhalt nicht gleich fassen . Ihre Augen , ihr Herz suchten nach einem freundlichen Worte , suchten endlich nur nach der Anrede mit ihrem Namen , nach irgend einem Zeichen der Bewegung in der Seele dessen , der diesen Brief geschrieben hatte . Es war vergebens . Als sie das Blatt zum zweiten Male beendet hatte , ließen ihre bebenden Hände es zur Erde fallen . Ihr Knabe , der dabei stand , glaubte , ein Zufall habe das Papier den Händen der Mutter entgleiten machen , und bückte sich , es ihr zu reichen . Sie hielt ihn davon zurück . Rühre das Blatt nicht an , sagte sie mit befehlendem Tone , rühre es nicht an ! Der Knabe war erschrocken ; er lehnte sich auf den Schooß der Mutter , die sich niedergesetzt hatte , weil die Kniee ihr versagten . Sie küßte ihm den lockigen Kopf , ihre Thränen flossen auf ihn nieder . Er wollte bei dem Unbehagen , das ihn peinigte , gern Etwas thun , es los zu werden , wußte aber nicht , was , und fragte also , ob der Ludwig , der den Brief gebracht habe , fortgehen solle . Sie bejahte das , und der Knabe brachte dem Diener die Weisung . Ist nichts zu bestellen , Mamsell ? fragte der Reitknecht , die Thür öffnend . Nichts ! antwortete sie fest , und er ging davon . Der Knabe drängte sich an sie . Du weinst immer ! sagte er , und da sie ihm nicht antwortete , setzte er nach einer Weile hinzu : Weine nicht , ich kann ' s nicht leiden , wenn Du weinst ! - Die Worte klangen herrisch in dem Munde eines Kindes , aber der Kleine schmiegte sich zärtlich an ihr Knie , während er sprach . Dieses Mal indeß machte die Liebkosung des Sohnes keinen Eindruck auf die Mutter . Sie schob ihn leise von sich . Lehne Dich nicht immer an mich ! Lerne allein stehen , Du wirst ' s nöthig haben ! sagte sie finster und streng . Das verdroß den Knaben . Ich bin Dir nicht gut , Mutter ! schmollte er . Du hast auch keinen Grund dazu , entgegnete sie ihm . Ihre finstere Weise machte Paul bange . Es wurde ihm unheimlich bei der Mutter und in der Stube , und er lief zur Magd hinaus . Als Pauline allein war , fing sie laut und heftig zu weinen an . Das währte eine geraume Zeit . Bisweilen war es , als wolle sie sich besänftigen , aber dann nahm sie den Brief wieder vor , den sie nach der Entfernung des Kindes von dem Boden aufgehoben hatte , und ihre Thränen flossen auf ' s Neue . Sie ließ beim Mittagessen die Speisen unberührt , war aber mit dem Knaben freundlich und legte ihm reichlich zu essen vor . Nach der Mahlzeit ging sie wieder daran , verschiedene Sachen einzupacken , indeß sie kam damit nur langsam vorwärts , denn sie setzte sich oftmals nieder , ihre Hände gegen die Stirn pressend , weil der Kopf sie schmerzte . Nach einer Weile stellte sie die Arbeit gänzlich ein und blieb wohl eine Stunde hindurch ruhig aufgestützt am Fenster sitzen . Dann stand sie auf , zog sich zum Ausgehen an , hieß den Knaben seine Mütze nehmen und verließ mit ihm das Haus . Gleich am Eingange des Dorfes bog sie von der großen Fahrstraße ab und schlug einen Feldweg ein . Er führte durch den Wald in den Park des Schlosses . Durch eine Hecke trat sie in denselben ein . Es war hell unter den großen Bäumen , aber die Luft wehte stark und die Blätter rauschten mit leisem Klingen , sofern sie noch an den Bäumen hielten . Der ganze Boden war mit welkem , vielfarbigem Laube wie mit einem dichten Teppiche bedeckt , daß die Schritte bald unhörbar darüber hinglitten , bald es raschelnd nach sich zogen , je nachdem es trocken oder feucht war . Hier und da flog ein Vogel auf , hier und da kamen ein Hirsch oder ein paar Rehe aus dem Unterholze hervor und streckten zutraulich die feinen Köpfe mit den klaren , neugierigen Augen aus der leichten Umzäunung hervor . Die Mutter hatte dem Knaben oft von den schönen , schlanken Rehen und von den Hirschen mit ihren großen Geweihen erzählt , aber er hatte sie niemals gesehen , und seine Freude an den Thieren war sehr lebhaft . Er hatte den Rest seines Vesperbrodes in der Tasche und wollte sie füttern . Die Mutter gab es nicht zu . Laß es gut sein , sagte sie , das ist Nichts für Dich ; hier werden andere Kinder die Rehe füttern ! - Sie hielt ihn an der Hand fest , um schneller mit ihm vorwärts zu kommen , und zeigte ihm im Vorübergehen die Statuen im Garten , welche große Blumenkörbe und schwere Füllhörner in den Armen trugen . Ein Ende weiter standen auf den Postamenten Knaben-und Mädchengestalten aus Stein gehauen , welche die Flöte bliesen und Guitarre spielten . Es war das Alles neu für Paul und machte ihm Freude ; aber seine Freude konnte nicht aufkommen vor dem finstern Ernst der Mutter . Er fragte mehrmals : Wem gehören die Rehe ? Wem gehören die Hirsche ? Wem gehört das Alles ? Sie antwortete ihm kurz : Dir nicht ! In der Nähe des Schlosses sah sie der Gärtner , der die Orangeriehäuser zur Nacht decken ließ . Er blickte ihr verwundert nach , weil sie seit Jahren nicht im Schloßgarten gewesen war , bot ihr den Guten Abend , sagte aber Nichts . So kam sie bis zu der Stelle , an welcher der kleine Fluß sich durch die Ausgrabungen zu einem großen Teiche verbreiterte und von wo sich das Schloß auf seiner Terrasse am stolzesten ausnahm . Die Sonne war schon zum Sinken geneigt , sie spiegelte sich in den Fenstern , daß sie leuchteten , als wäre Feuer dahinter . Auf den Terrassen standen , wie in Paulinen ' s Garten , auch noch einige Stockrosen , die der Nachtfrost verschont hatte und die dem Knaben als etwas Bekanntes Vergnügen gewährten . Aber obschon die Terrasse durch das Schloß vor dem Winde geschützt war , waren auch hier die Bäume schon entlaubt . Die letzten acht Tage hatten sie sehr mitgenommen , ihre Blätter schwammen auf dem Wasser , von dem der Nebel aufzusteigen begann , denn die Luft war klar und kalt . Die vielen Schornsteine des Schlosses , die sich , drei , vier aneinandergelehnt , emporhoben , fielen dem Knaben auf . Zähle die Schornsteine und merke Dir Alles , denn hier wohnt Dein Vater ! Das ist Deines Vaters Haus ! sagte die Mutter mit dem kurzen , nachdrücklichen Tone , der alle ihre Worte auf diesem Wege dem Kinde auffallend und eindringlich machte , ohne daß es wußte , weshalb ihm Alles so besonders klang . Zähle die Schornsteine , wiederholte sie , und zähle , wie viel blanke Fenster das Schloß hat , und wie viel große Thore und Thüren . Hinter den blanken Fenstern , in denen die Sonne sich so golden spiegelt , werden glückliche Kinder wohnen und spielen , aber Du wirst nicht hineinkommen in das Haus . Merke es Dir gut . Das ist Schloß Richten ! Hörst Du , Paul ! Das ist Schloß Richten , das gehört dem Baron von Arten , dem Onkel Baron , und der Onkel Baron ist Dein Vater ! Der Baron von Arten ist Dein Vater , Paul ! Sie sah den Knaben an , sein ernstes Gesicht , in dem sich ein großer Scharfsinn kundgab , befriedigte sie . Weißt Du ' s jetzt ? fragte sie . Ja ; das ist Schloß Richten , das gehört dem Onkel Baron , und der Baron von Arten ist mein Vater ! sprach der Kleine ihr halb verwundert und halb im Schrecken nach . Merk ' Dir ' s , Dein Vater heißt Herr Baron von Arten ! wiederholte sie . Sage das noch einmal nach ! Mein Vater heißt Herr Baron von Arten ! sprach das Kind ; und ich komme nie hinein ! setzte er aus freiem Antriebe hinzu , denn es that ihm leid , daß er nicht hinein sollte in das schöne Schloß zu den glücklichen Kindern , die einst hinter den goldenen Fenstern spielen würden . Mache , daß Du hineinkommst ! rief die Mutter mit unterdrückter Stimme , denn Dir kommt es zu , dort in dem Schlosse zu wohnen . Dir kommt es zu ! Hörst Du , Dir ! Du bist der älteste Sohn ! Dir kommt es zu , dieses Schloß ! In dem Augenblicke hörte sie Schritte . Sie fuhr zusammen , faßte ihres Sohnes Hand , und als sie sich umwendete , stand der Caplan vor ihr . Er hatte sie aus dem Fenster seines Zimmers auf der Terrasse gesehen und kam besorgt herab , sie zu fragen , was sie hierher geführt habe . Paul soll doch wenigstens einmal sehen , wo sein Vater wohnt , antwortete sie trocken . Da er den Park und das Schloß nie hat betreten dürfen , so lange wir hier lebten , soll er es sich genau betrachten , ehe wir von hier scheiden . Der Caplan machte keine Einwendungen dagegen . Er sprach ihr und dem Kinde freundlich zu , aber er suchte sie , indem er vorwärts ging , von der Terrasse , auf welche auch die Fenster von dem Zimmer des Barons hinaussahen , fortzubringen , und weil die Achtsamkeit des Knaben sich auf die Schwäne unten im Flusse hinwendete , gelang es Jenem leicht , Mutter und Sohn dorthin zu leiten . Am Flusse blieb Pauline stehen . Die Sonne war herunter , das Wasser sah schon ganz finster und schwarz aus , die Schwäne zogen mit ihren weißen gehobenen Flügeln langsam darauf hin . Sieh ' , wie breit der Fluß hier ist ! sagte Pauline , der geht durch das ganze Land , und ist tief , sehr tief . Noch ein paar Wochen , dann wird er gefroren sein . Vergiß das nicht , Paul ! Oben liegt das große , helle Schloß und unten fließt das tiefe , finstere Wasser ! Wirst Du das behalten ? Ja ! versicherte der Knabe . Nun , dann können wir gehen ! rief die Mutter , blieb aber doch noch einmal stehen , um noch einen Blick auf das Schloß zu werfen , und sagte : Da oben ist auch Alles leer , all die Stuben von der seligen gnädigen Frau und von dem gnädigen Fräulein ! Die haben auch Platz machen müssen ! Sie seufzte , wollte noch Etwas sagen , unterließ es jedoch und wünschte dem Caplan eine gute Nacht , wobei sie ihm dankte , daß er so viel Geduld und Nachsicht mit ihr gehabt habe und daß er sie und den Knaben hier nicht gestört . Er versuchte , mit ihr von ihrer Reise , von ihrer Einrichtung in der Stadt zu sprechen , und geleitete sie während dessen bis zum Parke hinaus . An der Pforte desselben bat er sie , sie möge das Wort halten , das sie ihm neulich gegeben , den Baron nicht weiter zu beunruhigen . Was ich versprochen habe , das habe ich versprochen und das werde ich halten ! Was der Herr Baron von mir noch hören soll , das erfährt er durch Sie , Hochwürden ! betheuerte sie . Der Caplan lobte das , sie boten sich nochmals gute Nacht , und Pauline schritt mit ihrem Sohne durch die hereinbrechende Dunkelheit gen Rothenfeld nach Hause . Viertes Capitel Als der Geistliche in das Schloß zurückkehrte , sagte man ihm , daß der Baron nach ihm gefragt habe , und er verfügte sich nach dessen Zimmer . Ein freundliches Licht , eine behagliche Wärme strömten ihm entgegen , als er in dasselbe eintrat . Im Kamine knisterte und flackerte das Feuer und warf seine Streiflichter nach den Genien von Marmor empor , die von der hochgegiebelten Spitze desselben Kränze und Palmenzweige herniederreichten . An dem großen Schreib-Bureau , oben , gegen das Fenster hin , saß der Baron . Bei dem klaren Lichte der Wachskerzen , die auf den silbernen Armleuchtern brannten , ordnete er verschiedene Briefschaften und Papiere , und die im Kamine auffliegenden leichten Feuerflocken verriethen , daß er auch Papiere verbrannt haben mußte . Als er den Caplan gewahrte , stand er auf und ging ihm ein paar Schritte entgegen . Es ist gut , daß Sie da sind , Bester , sagte er dann ; mir wurde allmählig bange vor diesem Schreibtische . Alte Papiere durchzusehen , ist mir beinahe noch quälender , als auf einem Kirchhofe umher zu wandeln . Der Kirchhof , so traurig seine Mahnung an unsere Vergänglichkeit ist , zeigt sich uns doch immer als die Ruhestätte für manches Leiden , und wir selber empfinden uns auf demselben mit Behagen als die Lebenden , wir sind für den Augenblick wenigstens noch die Bevorzugten . Aber vor solchen Papieren - er wies mit der Hand darauf hin - fühlen wir selbst uns schon in gewissem Sinne als Vergangene . Wir kennen uns selbst nicht in den durchlebten Zuständen wieder , wir belächeln das , was uns einst wichtig schien , wir sehen auf uns selbst wie auf etwas Fremdes zurück , und daneben wälzt sich uns die ganze Masse von Irrthümern und Verschuldungen auf , die man sich nicht ableugnen kann und mit denen man sich selbst und Andere leiden machte . Die vergangenen Freuden sind uns keine rechten Freuden mehr , die Menschen , die vor uns auftauchen , sind theils wirklich todt , theils todt für uns , und weil wir auf so viel Vergangenes blicken , verlieren wir das Zutrauen zu demjenigen , was wir jetzt wünschen und erstreben . Der grüne Rasen des Kirchhofes ist lange nicht so melancholisch , als solche Päcke vergilbter Papiere . Sie müßten uns alle Lust am