allem , was man dagegen sagen mag , ein großes Glück sein . Er verstand zu lavieren ; und durch alle Gefahren , alles Kriegswetter , Krachen und Poltern rettete er sich mit seinem Päcklein , zog im Sommer des Jahres achtzehnhundertundsechs durch das Rosentor zu Neustadt ein und wurde als Jude nach damaligem löblichem Gebrauch gleich dem eingetriebenen Schlachtvieh verzollt . Nach dieser lobwürdigen Gewohnheit konnten Zettel auf irgendeinem Steueramt in jeder beliebigen deutschen Stadt abgeliefert werden , auf welchen zu lesen stand : » Heute am .. Januar 178. verzollt und versteuert am Kreuztor : I. drei Rinder , II. vierzehn Schweine , III. zehn Kälber , IV. ein Jüd , nennt sich Moses Mendelssohn aus Berlin . « Die Schlacht bei Jena , welche so manche Niederträchtigkeit , so manchen Unsinn über den Haufen warf , machte auch diesem Skandal ein Ende , aber Anno fünfzehn hätte mancher liebende Landesvater die gute , alte Sitte allergnädigst gern wiedereingeführt . In Neustadt lud Samuel Freudenstein sein Bündel bei einem Glaubensgenossen ab und präsentierte demselben einen Wechsel , der sein ganzes damaliges Vermögen darstellte . Er war des umherschweifenden Lebens überdrüssig , wollte von jetzt an das Leben auf bescheidenem Fuße anfangen , und das Städtlein gefiel ihm . Was ihm der Gastfreund über die sonstigen Verhältnisse mitteilte , befestigte seinen Entschluß , hiesigen Orts den Wanderstab abzusetzen und sich häuslich niederzulassen . Trotz dem Unglück , welches Samuel bei seinem letzten Unternehmen gehabt hatte , war der Wechsel , den er aus seiner schmierigen Brieftasche hervorwühlte , für die Neustädter Verhältnisse doch nicht so unbedeutend , und es ließ sich wohl ein neues Geschäftchen damit gründen . Die Häuser waren damals wohlfeil , der ewigen Einquartierung wegen ; Samuel erhielt das beschriebene Gebäude in der Kröppelstraße fast geschenkt und richtete sich darin ein wie ein Ohrwurm in einem leeren Schneckenhaus . Im Jahre 1815 heiratete er die Tochter des weisen und wohlhabenden Mannes , der seinen Wechsel so prompt saldiert hatte . Sein Trödelgeschäft hatte unter den Durchmärschen von Feind und Freund nicht gelitten ; es hatte sich im Gegenteil sehr dadurch gehoben , denn Freund und Feind hatten mancherlei Dinge loszuschlagen , an welche sie leicht gekommen waren , welche sich aber schwer mitschleppen ließen im Tornister oder auf dem Bagagewagen . Nach dem zweiten Pariser Frieden ahnte die Kröppelstraße , daß der Jüd im Keller sein Schäflein geschoren habe , der Gastfreund aber wußte es und gab seine Tochter , das schöne Blümchen , gern an ihn ab . Wir wissen , daß Moses Freudenstein und Hans Unwirrsch fast um dieselbe Stunde im Jahre 1819 geboren wurden und daß das » Blümchen « im Kindbett starb . Der Frauen Amme fütterte den Säugling auf , und Samuel erzog ihn auf seine Weise , welche von dem Schulplan des Spritzenhauses in mancher Hinsicht bedeutend abwich . Um die Erziehung der Juden bekümmerte sich das hohe Kultusministerium damals noch nicht ; es ließ sie in dieser Beziehung ganz und gar ihren eigenen Weg suchen , und - sie fanden ihn und gingen ihn . Moses Freudenstein wußte um viele Dinge Bescheid , von welchen die Taugenichtse , die ihn in der Kröppelstraße mißhandelten , nicht das mindeste ahnten . Daß die Kröppelstraße den Juden nicht mit den freundlichsten Augen ansah und sich ihm gegenüber nicht auf den Standpunkt des » Liebe deinen Nächsten wie dich selbst « stellte , brauchte keine Verwunderung zu erregen ; aber übertrieben war es doch , wenn die Mütter ihre hoffnungsvollen Sprößlinge vor dem Trödelladen dadurch warnten , daß sie behaupteten , man verfertige darin Würste aus dem Fleisch kleiner unartiger und unschuldiger Christenkinder und benutze dazu statt ihrer Därme ihre wollenen Strümpfe . Auch für Hans Unwirrsch hatte einst die Idee , zu Wurstfleisch gehackt und in seinen eigenen wollenen Strumpf gestopft zu werden , nichts Verlockendes ; als er aber mit Moses hinab in den dunkeln Laden polterte , war er über diese Fabel längst hinaus und sah sich nur sehr neugierig in dem geheimnisvollen Raume um , in den er bis jetzt nur ganz verstohlen von der Straße aus zu blicken gewagt hatte . Aus der Finsternis des Hintergrundes hervor stürzten der Vater Samuel und die alte Esther , um den jetzt in lautes Geheul ausbrechenden Moses in ihre Arme zu schließen , auszufragen und zu beruhigen . Verwünschungen aller Art schleuderte Esther auf den Haufen in der Gasse , und als sie gar , bewaffnet mit einem Besen , einen Angriff darauf machte , stob er entsetzt nach allen Seiten hin auseinander . Mit traurigem Kopfschütteln ließ sich der Trödler das Geschehene auseinandersetzen , aber sein Zorn machte sich nicht in lauter Weise Luft . Er hatte in seinem Leben so viele Demütigungen hinunterschlucken müssen , daß es ihm auf eine mehr oder weniger nicht ankam . Aber dem Verteidiger seines Sohnes stattete er seinen Dank fast in einer Art ab , wie er es einem erwachsenen Mann gegenüber getan haben würde , und Hans fühlte sich höchlichst geschmeichelt und schenkte ihm seine ganze Hochachtung . Er genoß in dem dunkeln Hinterzimmer eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen , fand auch hier manches , was seine Aufmerksamkeit erregte , und versprach sich und der Familie Freudenstein , die angeknüpfte Bekanntschaft fortzusetzen . Die Base Schlotterbeck war grade nicht sehr entzückt , als sie das Geschehene vernahm . Sie hatte auch ihre kleinen Vorurteile gegen die Juden und sah nicht ein , welchen Nutzen ein solcher Umgang ihrem Pflegling bringen könne . Die Frau Christine aber erinnerte sich , daß ihr seliger Mann einst geäußert hatte , der Nachbar Freudenstein sei kein übler Mann , es lasse sich recht gut mit ihm verkehren . Die Frau Christine , welche mehr als einer wohlhabenden israelitischen Familie in der Hauptstraße die Hemden gewaschen hatte , meinte daher , die Juden seien auch Menschen und könnten recht vernünftige Leute sein . Sie hatte nichts gegen den Verkehr mit dem westfälischen Lakaien drüben , und auch der Oheim Grünebaum gab als » zivilisierter Mann « und » Philosophikus « seine Zustimmung . Hans durfte Moses besuchen und Besuche von Moses annehmen . Die Nachbarn und Nachbarinnen schüttelten bedenklich die Köpfe , aber hinderten nicht , was das Geschick beschlossen hatte . Nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit des Trödelladens gewöhnt hatten , entdeckte Hans darin so viele Wunder , daß sich sein Leben jetzt erst mit dem wahren Inhalt zu füllen schien . Zu gleicher Zeit erstieg er eine zweite Stufe auf der Leiter des Wissens , sagte er dem Spritzenhaus und dem Nachfolger Silberlöffels Valet , um in die unterste Klasse der » Bürgerschule « einzutreten . Das war ein wichtiger Schritt vorwärts und wurde als solcher gebührend anerkannt und gefeiert . Der Oheim Grünebaum hielt dabei eine seiner schönsten und längsten Reden , welche aber doch weniger Wirkung auf den Neffen machte als ein Paar neuer Stiefel , womit er ihn beschenkte . Es waren die ersten , auf welche Hans Unwirrsch trat ; in fieberhafter Aufregung hatte er ihren Bau von den ersten Anfängen an bewacht ; mit Nägeln waren sie beschlagen , daß man von der Sohle fast nichts erblickte ; wenn man darin einherstapfte , so hörte man den Schritt drei Gassen weit . Der Oheim Grünebaum hatte ein Meisterstück gemacht und hatte das seltene Vergnügen , daß es als solches anerkannt wurde . Ein großes Sehnen in Hansens Brust war durch die Stiefeln befriedigt worden , er schritt auf ihnen mit bedeutend erhöhterem Selbstbewußtsein durch das Leben . Ein Junge mit so vielen und so dickköpfigen Nägeln unter den Füßen konnte schon seinen Standpunkt den neuen Lehrern und den neuen Schulgenossen gegenüber behaupten , und Hans behauptete ihn und trat jetzt auch erst in ein innigeres Verhältnis zu dem andern Geschlecht , welches er bis dahin so sehr verachtet hatte , insofern es nicht durch seine Mutter und die Base Schlotterbeck repräsentiert wurde . Neben dem Trödelladen wohnte eine Frau , die sich durch eine Semmel- und Obstbude vor der Tür der Bürgerschule erhielt . Ihr Name tut nichts zur Sache ; aber sie hatte eine Tochter von ungefähr acht Jahren , und das kleine Mädchen hatte eine Katze . Das Kind starb zuerst , dann starb die Katze ; die Obsthändlerin ist heute auch längst tot ; - sie haben keine unausfüllbare Lücke in der Welt gelassen , aber die kleine Sophie war doch Hans Unwirrschs erste Liebe . In Abwesenheit der Mutter saß das Kind in der Obstbude an der Bürgerschule , und neben ihm saß die Katze . Beide blickten unbeschreiblich ernsthaft und verständig über die Haufen rotbäckiger Äpfel und Birnen , die Körbe mit den Pfefferkuchen und Semmeln und die Glaskästen voll verlockenden Zuckerwerks . Sich selber ließen sie niemals durch die ausgelegten Schätze verlocken . Pflichtgetreu saßen sie da , warteten auf die Kunden und besorgten den Handel ebensogut wie die Inhaberin der Firma . Zuerst wurde Hans natürlich durch das Obst , die Pfefferkuchen und Semmeln zu der Bude gezogen ; dann übte die Katze eine bedeutende Anziehungskraft auf ihn aus ; die kleine Sophie würdigte er seiner Aufmerksamkeit zuletzt , und es dauerte eine ziemliche Zeit , ehe das Verhältnis sich umkehrte . Letzteres trat erst dann ein , als der ritterliche Hans auch hier als Beschützer aufgetreten war , und dazu mangelte die Gelegenheit nicht . Nicht Hans allein richtete seine Aufmerksamkeit auf die Katze in der Semmelbude . Auch andere jugendliche Gemüter nahmen teil an ihrem Wohl , aber noch viel mehr an ihrem Wehe . Die offenen oder geheimen Angriffe auf das ehrbare , gesittete Tier nahmen nie ein Ende , und die kleine Herrin wußte im Kampf mit allen finstern Mächten ihrem Jammer oft keinen Rat . An jedem Abend trug sie ihre vierbeinige Freundin auf den Armen nach Haus , und dann war auch die rechte Zeit der Wegelagerer gekommen . An jeder Straßenecke hatten Kind und Katze Leid zu bestehen , und immer neue Verfolger schlossen sich zur Begleitung an . Bei solcher Gelegenheit zeigte sich Hans wieder als ein edles Gemüt und nahm sich der duldenden Unschuld nach Kräften an . Er trug zwar wiederum einige Beulen und blaue Flecke davon ; aber das stolze Gefühl , mit welchem er die kleine Sophie sicher bis zur Kröppelstraße geleitete , war doch auch nicht zu verachten . Die Bekanntschaft war angeknüpft , und gegenseitige , innigste Zuneigung entstand daraus . An jedem Abend fand sich Hans an der Obstbude ein , um seine beiden Schutzbefohlenen abzuholen . Moses Freudenstein war bald der Vierte im Bunde . Durch einen Lenz , einen Sommer und einen Winter verkehrten die Kinder so miteinander . Sie trieben alle Kinderspiele zusammen ; mit seinen schönsten Blüten überschüttete sie der Frühling , der Sommer gab alle Freuden , welche er dem jungen Menschen zu geben hat . Holdselig war das Jahr , keine Blüte , keine Frucht blieb aus . In den Herzen der Greise regten sich die ältesten fröhlichen Erinnerungen ; die Schatten der Toten , welche der Base Schlotterbeck in den Gassen begegneten , schienen sich , nach der Aussage der Base , mit den Lebendigen zu freuen . Die Jünglinge und Jungfrauen lebten ein doppeltes Leben in einer schönen Gegenwart und einer schönern , hoffnungsreichen Zukunft . Sorgenvolle Väter und Mütter warfen wenigstens auf Augenblicke die Not des Tages von sich ; aber die Glücklichsten waren doch die Kinder , die vom Alter , vom Tod , von der Hoffnung und von der Sorge noch nichts wußten . Ihnen gehörte die Lust des Jahres ganz und gar , und größtes Unrecht war es , in ihr Reich allzu verständig mit kalter Hand einzugreifen . Zu Wald und Feld führte Hans die kleine Sophie . Sie verloren sich freilich nicht weiter in die grüne Freiheit , als der Schall der Glocken der kleinen Stadt reichte : aber welch eine Unendlichkeit war ihnen darin gegeben ! Der Inbegriff aller Dinge , die Welt , die absolute Totalität eröffnet dem Forscher nicht weitere und nicht geheimnisvollere Räume , als dem Kinde die engbegrenzte Wiese und das Stückchen Himmelblau darüber bieten . Mit dem Hunger nach der Unendlichkeit wird der Mensch geboren ; er spürt ihn früh ; aber wenn er in die Jahre des Verstandes kommt , erstickt er ihn meistens leicht und schnell . Es gibt soviel angenehme und nahrhafte Sachen auf der Erde , es gibt so vieles , was man gern in den Mund oder in die Tasche schiebt . Hans Unwirrsch war jetzt in dem Alter , wo die ersten Klänge der großen Weltenharfe leise , leise das aufhorchende Ohr berühren ; wo man im Gras sich wälzt oder still liegt und den Wind in den Blättern hört , die Wolken in der Luft schwimmen sieht und nach den fernen Bergen hinüberstaunt ; wo man läuft , um die Stelle zu finden , an welcher der Regenbogen auf der Erde steht , wo man mit Gras und Baum , mit dem lieben Gott , mit jedem Vogel , jeder bunten Mücke , jedem glänzenden Käfer auf du und du steht : wo man Pantheist in der lautersten Bedeutung des Wortes ist . Ernsthaft wie in der Holzbude vor der Schule saß das kleine Mädchen am Rande des Waldes oder in der Blumenfülle der Wiese . Ihre Hände waren nie unbeschäftigt , ihre Augen waren stets für alles weit geöffnet : aber sie sprach seltener als andere Kinder , und was sie sagte , war viel vernünftiger als anderer Kinder Worte . Die Nachbarn in der Kröppelstraße schüttelten oft den Kopf über sie und nannten sie altklug ; allein , das war sie nicht . Ihre Gedanken über das Rauschen im grünen Baum , über den Sonnenschein , über die weiße und über die rosige Wolke , über den stillen , blauen Himmel waren echte Kindergedanken trotz aller Vernünftigkeit . Mit ihren großen Augen sah sie fest und tief in die schöne Welt und schloß sie dann geraume Zeit , als wolle sie versuchen , wieviel sie von all der Pracht und Lieblichkeit mit sich hineinnehmen könne in die Dunkelheit , den Winter - das Grab . Sie starb in dem Winter an einer Kinderkrankheit , die arme , kleine Sophie . Wenn wir auf das anmutige Bild hauchen , so ist es verschwunden , als sei es nimmer dagewesen . Auf der obersten Stufe der steilen Treppe , die zu der Wohnung der Obsthökerin führte , saßen dicht aneinandergedrängt Hans Unwirrsch und Moses Freudenstein , und die Katze Sophiens saß eine Stufe niedriger auf der Treppe . Hinter der Tür lag das kleine Mädchen , von welchem gesagt wurde , daß es noch an dem nämlichen Tag sterben müsse . Durch ein einziges morsches und schmutziges Fenster wurde der enge Vorplatz erhellt ; der Regen schlug an die Scheiben , und der Wind rüttelte daran . Mehr als einmal hatte man den Versuch gemacht , die beiden Knaben von ihrem Platze zu vertreiben ; doch Hans wich weder der Gewalt noch der Überredung , und Moses , der gern fortgeschlichen wäre , mußte seinetwegen bleiben . Die Katze miauzte von Zeit zu Zeit leise und klagend : wenn die Knaben zueinander sprachen , so geschah das auch leise und ängstlich . Sie sahen die Katze an , und die Katze sah sie an ; der Tod aber lag auf der Lauer wie damals , als der Lehrer Silberlöffel so krank war ; - ein lautes Wort durfte nicht gesprochen werden , der Tod konnte es nicht leiden . Der Jude wie der Christ fühlten gleicherweise die Schwere der Stunde ; jeder jedoch machte auf seine Weise seine Bemerkungen darüber . » Hast du gehört , was der Doktor sagte zur Jungfer Schlotterbeck ? « fragte Moses . » Sie macht ' s nun nicht lange mehr , hat er gesagt , und er hat den Kopf geschüttelt - so . « Moses Freudenstein schüttelte den Kopf , wie ihn der Doktor geschüttelt hatte , und Hans sah die Katze an und streichelte sie und schluchzte : » Sie macht ' s nun nicht lang mehr ! « Die Katze aber wimmerte , als wollte auch sie sagen : Ja , sie macht ' s nun nicht lang mehr , und niemand weiß das besser als ich . » Wohin wird sie nun gehen , wenn sie tot ist ? « fragte der Jude , ohne seinen Freund dabei anzusehen . Moses schien für sich allein tief darüber nachzugrübeln , und das Grübeln schien das Gefühl in den Hintergrund zu drängen . » In den blauen Himmel , zu den Engeln , zu dem lieben Gott geht siel « flüsterte Hans , den Finger auf den Mund legend . Aber Moses legte den klugen Kopf auf die Seite und blickte nach dem klirrenden Fenster , an welchem der Regen in Strömen herniederfloß . » Mein , sie wird einen bösen Weg haben ! Wird sie doch sehr frieren auf dem Weg . « Hans Unwirrsch sah ebenfalls nach dem trostlosen Fenster und zog die blauroten Hände so tief als möglich in die Ärmel seiner Jacke , aus welcher er der Base und der Mutter wieder einmal ganz unbemerkt herausgewachsen war . Er konnte über das , was hinter der dunklen Tür vorging , nicht solche Fragen aufwerfen wie der kleine , scharfe , semitische Dialektiker ihm zur Seite ; er war zu unglücklich dazu und fror zu sehr körperlich und geistig . Er hatte mit dunklern , verworrenern , aber auch schmerzvolleren Gefühlen zu kämpfen als Moses Freudenstein . Der Tod der Spielgefährtin machte einen noch viel schärfern Eindruck auf ihn als der des Lehrers ; zum erstenmal fühlte Hans Unwirrsch , daß er ein Stück von seinem Leben verliere . Aber der schaurige Gast , der Tod hinter der Tür , achtete weder auf Grübeln noch auf Gefühl . Mit einem Satz schoß die Katze von ihrem Platz auf der Treppenstufe gegen die Tür ; sie fing an , heftig daran zu kratzen , ihr Haar sträubte sich , sie schrie kläglicher als je . Jemand öffnete die Tür , um das Tier zu verscheuchen ; aber blitzschnell schoß es in die Spalte , und dann - dann durfte auch Hans eintreten - die kleine Sophie verlangte nach ihm . Das Kind wußte ganz klar , daß es sterben müsse . Die großen , ernsthaften Augen hatten einen Glanz bekommen , der nicht mehr von dieser Welt war . Sophie wehrte sich nicht gegen den Tod : sie lag ganz still und sprach auch nicht viel mehr . Mit ihren Augen nahm sie Abschied von ihrem Gespielen , und als Hans laut und bitterlich weinte , schüttelte sie nur ganz leise den Kopf und flüsterte : » Ich habe sie gesehen - gestern - in der Nacht - die schöne große Wiese ! O Hans , wie die Sonne darauf schien - das glänzte ! - und so viele , viele , viele Blumen ! Oh , mir fehlt gar nichts mehr , morgen bin ich ganz gesund . So schöne , goldene Äpfel in den grünen , grünen Bäumen . Wenn der Wind geht , fallen sie wie ein Regen von Gold herunter . Morgen bin ich auf der schönen , schönen , großen , großen Wiese - gute Nacht , Hans , lieber Hans ! « Sie schloß die Augen und schlief ein , und im Schlafe ging sie hinüber in die Ewigkeit , wo die goldenen Äpfel im grünen Gezweig hingen - all der liebliche Glanz , nach welchem der Armenschullehrer hier auf Erden so großen Hunger gehabt hatte , den er so vergeblich hier auf Erden zu ergreifen gesucht hatte . Die Katze war auf die Bettdecke der Kranken gesprungen , hatte sich ihr zu Füßen in einen Knäuel gerollt und schnurrte behaglich . Man ließ das arme Tier , wo es war ; aber den weinenden Hans führte die Base Schlotterbeck fort ; er sah seine Spielgefährtin nicht eher wieder , als bis sie im Sarge lag . Als das Kind gestorben war , wollte man die Katze wegnehmen von der Decke ; sie gebärdete sich jedoch wie toll , biß und kratzte und spuckte und sprang erst dann freiwillig herab , als die winzige Leiche aus der Bettstelle gehoben wurde . Als der Sarg geschlossen worden war und auf zwei Stühlen in der Mitte der Stube stand , legte sich das Tier unter den Sarg und wollte auch von dieser Stelle nicht weichen . Als der Sarg aus dem Hause getragen wurde , folgte ihm die Katze bis zur Haustür und sah ihm nach . Dann schoß sie wieder die Treppe hinauf und fing an zu suchen in allen Winkeln und Ecken und wollte dies Suchen nicht aufgehen trotz allem , was man tat , um sie davon abzubringen . Tagelang , nächtelang wimmerte sie umher , daß das roheste Gemüt im Haus und in der Nachbarschaft ein Grauen und eine Wehmut darüber ankam . Vergeblich bot man dem armen Geschöpf die besten Bissen - es nahm sie nicht an . Niemand hatte das Herz , es roh und rauh anzufassen ; aber man fürchtete sich vor ihm , und jeder atmete auf , als es nach acht Tagen allmählich still wurde . Es hatte ein altes Kleidchen der Toten gefunden , darauf wickelte es sich in einem Winkel zusammen und starb vor Gram und Hunger . Hans Unwirrsch und Moses Freudenstein begruben es , und der Vater Samuel gab aus seinem Trödelvorrat eine bunte Schachtel zum Sarge her . Der Tod der kleinen Sophie und der Katze machte , wie gesagt , einen viel größeren Eindruck auf Hans als der Tod des Lehrers Silberlöffel . Mit einem andern Mädchen schloß er fürs erste keine Freundschaft ; aber der Trödelladen gewann von jetzt an einen immer größern Einfluß auf ihn . Die Base Schlotterbeck und die Mutter Christine hätten Grund gehabt , recht eifersüchtig auf den Nachbar Samuel Freudenstein zu sein . Fünftes Kapitel Die Freundschaft zwischen dem Sohne des Schusters und dem Sohne des Trödlers , zwischen dem Christen und dem Juden , zog den ersteren immer mehr von dem Umgang mit den übrigen Altersgenossen ab . Diese betrachteten das Verhältnis nicht von der günstigsten Seite ; sie hatten mancherlei daran auszusetzen , und Hans mußte viel darum leiden innerhalb und außerhalb der Schule . Die witzigen Köpfe machten die lächerlichsten Glossen über diese merkwürdige Freundschaft . Die , welche Talent für die zeichnenden Künste besaßen , bedeckten Gartenmauern , Hauswände und Türen mit mehr oder weniger gelungenen Illustrationen der zwei Freunde ; und krummnasige Abbildungen von Moses und Hans , worunter wieder andere geistreiche Bemerkungen schrieben , sah man nicht selten und auch an Orten , wo man sie nicht vermutete . Körperlich aber vergriff man sich nicht mehr an den beiden ; man machte in dieser Beziehung zu böse Erfahrungen Es war übrigens abzusehen , daß eine Zeit kommen könne , wo das Interesse an ihnen vollständig erloschen sein würde und wo man sie ruhig ihres Weges gehen lassen würde , ohne sich weiter um sie zu bekümmern . Wie in einer Märchenhöhle saß Hans Unwirrsch in dem Laden des Trödlers , und Samuel Freudenstein war auch in seiner Art ein Zauberer , der durch sein Hantieren , durch sein Wesen und seine Worte wohl einen mächtigen Eindruck auf ein kindliches Gemüt machen mußte . Mit dem Pinsel wie mit dem Leimtopf wußte er gleich geschickt umzugehen ; Vögel , allerlei Vierfüßler stopfte er sehr naturgetreu aus und verkaufte sie in Glaskästen den Liebhabern . Er war auf einer ewigen Jagd nach Merkwürdigkeiten begriffen , saß in seinem Gewölbe wie eine Spinne in ihrem Netz und lauerte auf seine Kunden - Käufer und Verkäufer . Selten entging ihm eine römische Münze oder ein Brakteat , die den Versuch gemacht hatten , noch einmal am Weltverkehr teilzunehmen , und die vom Krämer oder vom Bauer mit Grimm und Verachtung ganz unvermutet in der Ladenkasse oder im Lederbeutel entdeckt und angehalten worden waren . Merkwürdige gläserne Pokale und Becher wußte Samuel sehr zu schätzen , er witterte sie in den dunkelsten Winkeln und Küchenschränken auf den Dörfern aus und zahlte gern dafür , was die Besitzer verlangten . Auch Ahnenbilder kaufte er gern , doch meistens mehr des Rahmens wegen . Es war ein Wunder , wie viele Leute , die auf solche » Ahnen « durchaus keinen Anspruch hatten , doch dergleichen angeschleppt brachten . Wie kamen diese Kotsassen , Halbspänner und Brinksitzer , diese kleinen Handwerker zu diesen stattlichen Herren in Perücke , Ringkragen und Brustharnisch , zu diesen hochtoupierten und gepuderten Damen , die zu ihrer Entwürdigung so holdselig lächelten und auf Rosen und Lilien rochen ? Der Stolz und die Verehrung manches Geschlechtes wurde in der Kröppelstraße auf das schnödeste mit dem Gesicht gegen die Wand gelehnt , und manchen gnädigen Herrn , manche gnädige Frau und manches gnädige Fräulein nahm der Trödler nur als Zugabe auf einen alten Sessel , wackligen Tisch oder wurmstichigen Rokokokasten mit Achselzucken an . Auch mit Büchern gab sich Samuel Freudenstein ab ; alte Folianten in Schweinsleder waren ein wertvoller Handelsartikel es gab keine Scharteke , die nicht zuletzt doch noch der Welt auf irgendeine Art nützlich wurde , an die der Autor einst nicht gedacht hatte . Manches Buch aber , welches der Zufall in den Trödelladen hinabwarf , sollte auf Hans Unwirrsch später eine Wirkung haben , mit welcher der Verfasser zufrieden sein konnte . - Die mannigfachen Gegenstände , welche der Laden enthielt , eröffneten dem in einfachster Ärmlichkeit aufwachsenden Knaben den Blick in unendliche Räume . Was die Schule nüchtern lehrte , gewann hier bunteste und lebendigste Gestalt ; und vielerlei , von dem die Schule nichts sagte , trat ihm hier zuerst entgegen . Einst war in die Kröppelstraße ein Bilderbuch geraten , das einem Kinde wohlhabender Eltern gehörte , und sehr stolz war der Besitzer darauf und gab es nicht aus den Händen . Der arme Hans durfte nur aus der Ferne einen ganz flüchtigen Blick hineintun , worauf es ihm sogleich wieder vor der Nase zugeschlagen wurde . Wie früher von den großen Butterbröten der Genossen , so träumte Hans geraume Zeit von diesem Bilderbuche ; er hätte gern tagelang gehungert , wenn es ihm dafür auf eine Stunde in die Hände gelegt worden wäre ; den Besitzer hielt er für den glücklichsten Jungen , den es jemals gegeben habe . Er hatte einen großen Hunger nach diesem Bilderbuch und mußte ihn sich vergehen lassen wie so manchen andern Hunger damals und später . Jetzt wurde ein in jeder Beziehung viel reichhaltigeres Bilderbuch vor ihm aufgeschlagen , und nach Belieben durfte er darin blättern . Nun dämmerte ihm eine Ahnung von dem Reichtum der Welt ; immer bestimmtere Formen erhoben sich unter den schwankenden Märchenbildern , den verschwimmenden Gestalten und Klängen , welche durch die Base Schlotterbeck und ihre Kalenderbibliothek in der Kinderseele wachgerufen worden waren . Aus der Schule konnte Hans Unwirrsch nichts mitbringen , welchem Moses Freudenstein nicht eine andere Färbung hätte gehen können ; und die Worte des Vaters Samuel gewannen bald ein ebenso großes Gewicht wie die der Lehrer in der Bürgerschule . In diesem Trödelladen wuchs Hans über diese Schule schnell hinaus . Der Vater Freudenstein hatte eine gewaltige Achtung vor den Wissenschaften , eine fast ebenso große Achtung wie weiland der arme Anton Unwirrsch . Doch wenn dieser sie um ihrer selbst willen einst verehrte , so schätzte jener sie , weil er darin den Talisman glaubte gefunden zu haben , der zugleich mit dem Gelde ein Schild und eine Waffe sei für sein immer noch ob seiner und der Väter Sünden so vielfach bedrängtes und zurückgesetztes Volk . Das Leben , welches dem Manne so arg mitgespielt hatte , hatte ihm immer von neuem diese Lehre vor die Augen gerückt , und wie der Meister Anton beschloß er , seinen Sohn mit diesen mächtigen Verteidigungs- und Angriffswaffen genügend auszurüsten . Wie Anton Unwirrsch wollte er seinem Sohn den Weg durch die Welt freier machen , als er selbst ihn gefunden hatte : wie Anton Unwirrsch lebte er seit der Geburt seines Kindes nur in der Zukunft desselben . » Lerne , daß dir schwitzet der Kopf , Moses « , sagte er , sobald der Knabe nur irgend imstande war , ihn zu verstehen . » Wenn se dir hinhalten an Stück Kuchen und an Buch , so laß den Kuchen und nimm das Buch . Wenn du was kannst , kannste dich wehren , brauchste dich nicht lassen zu treten , kannste an großer Mann werden und brauchst dich zu fürchten vor keinem , und den Kuchen wirst du auch dazu bekommen . Se werden dir ihn geben müssen , ob se wollen oder nicht . « Moses Freudenstein öffnete bei solcher Ermahnung die funkelnden Augen sehr weit und kniff sie dann zu und fragte wohl : » Und ich brauch , wenn ich lern , mich nicht lassen zu schimpfen und schlagen in der Gaß ? Ich kann ' s ihnen heimzahlen , was sie mir tun , brauch mich nicht zu verkriechen vor ihnen ? « » Wenn du hast Kunst und wenn du hast Geld , kannst du sie stecken alle in den Sack . Und wenn du jetzt sitzest im Winkel , kannst du denken : du bist die Katz , und die Mäus tanzen vor dir und pfeifen dir zum Hohn . Laß sie pfeifen und lern ; wenn der jungen Katz sind gewachsen die Krallen , kann sie spielen mit der Maus , und die Maus hat das Schlimmste davon . « » So will ich sitzen im Dunkeln und will lernen alles , was es gibt , und wenn ich alles weiß und habe das Geld , so will ich es ihnen in der Gasse vergelten