Oswald an der verschlossenen eisernen Gitterthür . In dem Pförtnerhäuschen öffnete sich ein Fenster ; der Pförtner schaute heraus und fragte nach seinem Begehr . Oswald wünschte Doctor Birkenhain zu sprechen . Sind Sie schon gemeldet ? Ja . Ihr Name ? Oswald nannte seinen Namen . Der Mann blickte auf eine Tafel , welche die Namen der Angemeldeten enthalten mochte ; dann steckte er den Kopf wieder zum Fensterchen heraus : Nur gerade über den Hof nach der Hauptthür ; dort noch einmal zu klingeln . Die Thür that sich auf und schloß sich wieder hinter dem Eingetretenen . Oswald ging über den geräumigen , mit Kies bestreuten , hier und da mit Büschen und Bäumen bepflanzten Vorhof dem Hause zu . Auf einer Bank unter einem dieser Bäume saß in einer Gruppe von mehreren Personen ein junger , sehr wohlgekleideter Mann . Als Oswald an ihm vorüberschritt , erhob sich der junge Mann , trat auf ihn zu und sagte , indem er mit einer höflichen Verbeugung den Hut zog : Ich habe gewiß die Ehre , mit dem Kaiser von Fez und Marokko zu sprechen ? Als Oswald diese wunderliche Frage verneinte , schüttelte der junge Mann traurig den Kopf und sagte , indem er Oswald mit einem leeren Blick ansah : Es ist merkwürdig ; der Kaiser hatte es mir doch so fest versprochen , mich noch in diesem Sommer abzuholen , und der Sommer geht zu Ende und der Kaiser kommt nicht ; ich werde wohl bis nächsten Sommer warten müssen . Dann aber kommt er ganz gewiß . Meinen Sie nicht auch ? Ich zweifle keinen Augenblick daran , erwiderte Oswald . Ein schwacher Strahl von Freude zuckte über das blasse Gesicht des Unglücklichen . Er verbeugte sich abermals , setzte seinen Hut wieder auf und schritt zu seinem Platze auf der Bank zurück . Oswald gelangte zu der Hauptthür , klingelte und wurde von einem Diener , welcher öffnete und nach seinem Namen fragte , in ein Zimmer geführt , mit der Anweisung , ein wenig warten zu wollen , Doctor Birkenhain würde alsbald erscheinen . Es war ein hohes , schönes Gemach ; ausgezeichnete Oelgemälde schmückten die Wände ; zwischendurch antike Köpfe und Büsten auf Consolen : der Apoll von Belvedere , der Zeus von Otricoli , die Ludovisische Juno ; auf Tischen mitten in dem Zimmer Bücher und Kupferwerke - Alles athmete den heitern Genuß des Daseins ; nichts erinnerte daran , daß man sich in einem Hause der Krankheit und des Todes befinde . Nach einigen Minuten trat Doctor Birkenhain herein . Oswald hatte sich natürlich von diesem Manne , der in der letzten Zeit von einer so verhängnißvollen Bedeutung für ihn geworden war , ein Bild entworfen und war jetzt nicht wenig erstaunt , als er fand , daß von diesem Bilde auch nicht ein Zug paßte . Er hatte sich Doctor Birkenhain als einen Ehrfurcht gebietenden Greis vorgestellt , voll Gravität und Würde , und sah sich jetzt einem Manne gegenüber , der nicht viel älter sein konnte , als er selbst , zum wenigsten das dreißigste Lebensjahr schwerlich überschritten hatte - lang und dürr , mit schlichtem hellbraunen , nicht allzu dichtem Haupthaar und spärlichem Schnurr- und Kinnbart - ein mageres Gesicht von einer kränklich gelben Farbe , - eine hohe Stirn , große hellblaue Augen , denen man es auf den ersten Blick ansah , daß sie gewohnt waren , in der Seele des Menschen zu lesen und deren durchdringende Schärfe auf die Dauer fast unerträglich wurde . Nach der ersten Begrüßung und nachdem Doctor Birkenhain bedauert hatte , daß es ihm nicht vergönnt gewesen sei , die Bekanntschaft seines Collegen Braun zu machen , der sich durch seine Abhandlung über den Typhus mit einem Schlage einen Platz unter den ersten Pathologen Deutschlands erworben habe , sagte er : Ich habe Ihrem Besuch mit großer Spannung entgegengesehen , weil ich mir von Ihrem Wiedersehen mit Berger für den Letzteren sehr viel verspreche . Ich weiß durch Herrn Bemperlein , und auch aus Bergers eigenem Munde , daß Sie der vertrauteste Freund und so zu sagen der Liebling des unglücklichen Mannes sind - es wenigstens vor dem Ausbruch seiner Krankheit waren . Wenn Etwas im Stande ist , das bei Berger fast bis auf den letzten Funken erloschene Interesse am Leben wieder zu entfachen , so ist es die Liebe - nicht die allgemeine Menschenliebe , die nur ein anderer Ausdruck für Egoismus ist , sondern die ganz specielle Liebe für ein bestimmtes Individuum , an dessen Freuden und Leiden er einen sympathetischen Antheil nimmt . Die Liebe ist das realste aller Gefühle , ist das , welches sich am kräftigsten gegen die Vernichtung wehrt und alle anderen überdauert . Der größte Psycholog , der vielleicht je gelebt hat und dem wir Irrenärzte sehr viel verdanken , Shakespeare , läßt seinen Lear noch kurz vor dem Ausbruche des Wahnsinns zum Narren sagen : Mir blieb ein Stückchen vom Herzen noch und das bedauert Dich . Dies Stückchen vom Herzen ist der gesunde Punkt , von dem die Heilung ausgehen muß , auch bei Berger . Ich bitte Sie deshalb , Berger auf alle Weise für Ihr individuelles Schicksal zu interessiren . Erzählen Sie ihm von Ihren Plänen und Entwürfen , von Ihren Hoffnungen und Wünschen ; von Ihren Freuden und Leiden . Besonders von den letzteren , wenn Sie davon zu berichten haben und - verzeihen Sie dem Arzt die Indiscretion ! - ich glaube , daß Ihre Mittheilungen besonders nach dieser Seite hin ziemlich ausgiebig sein werden . Sie lächeln ? nun , vielleicht irre ich mich , und ein gewisses Etwas in Ihrem Gesicht ist der Ausdruck eines physischen und nicht psychischen Vorganges - aber , wie dem auch sein mag , verhüllen Sie vor Berger nicht die Schatten- und Nachtseiten Ihrer Existenz . Im Gegentheil : klagen Sie , und je eindringlicher , je schmerzlicher , desto besser ; aber klagen Sie wie ein Kranker , der nach Gesundheit schmachtet , wie ein eingefangener Vogel , der sich nach Freiheit sehnt . Das Unglück geliebter Menschen rührt uns tausendmal mehr , als unser eigenes , und die Last , die Berger bei sich selbst kaum noch beachtet , wird ihm unerträglich dünken , sobald er sie auf den Schultern eines Andern sieht , den er liebt . Denn , ich wiederhole es , nur so ist diesem Manne beizukommen . Gegen Vernunftgründe ist er , der scharfsinnige Denker , der alle Philosophen in- und auswendig kennt , in einen undurchdringlichen Harnisch gehüllt . Gegen einen Beweis von der Würde und Realität des Lebens bringt er Ihnen zehn andere , die das Gegentheil darthun ; und wo Sie ein Haar spalten , spaltet er das gespaltene noch einmal . Uebrigens brauchen Sie nicht zu fürchten , daß er Sie , wie sonst wohl , in philosophische Dispüte verwickeln wird . Die Wissenschaft , aus der er sonst in so vollen Zügen trank , ist ihm ein Gräuel ; er mag nichts davon hören und sehen . Und nun noch eins : wie lange gedenken Sie in Fichtenau zu verweilen ? Vier bis fünf Tage höchstens . Sehr gut ; ich wollte Sie eben bitten , Ihren Besuch nicht länger auszudehnen . Es handelt sich darum , auf Berger einen bedeutenden Eindruck zu machen , und zu der Freude , Sie wiederzusehen , muß der Schmerz kommen , Sie so bald wieder zu verlieren . Vielleicht , daß wir ihn so in die Welt zurück locken , von der er sich jetzt voll Ekel abwendet . Ist Berger von meiner Ankunft unterrichtet ? Nein ; ich wollte auch die Ueberraschung zu Hülfe nehmen . Damit wir den Eindruck ganz rein haben , werde ich Sie nicht zu ihm begleiten . Sie werden mir dann ja erzählen , wie er Sie empfangen hat . Er pflegt um diese Zeit seinen Spaziergang in die Berge zu machen , den er manchmal bis in den Abend ausdehnt . Ich lasse ihn ganz frei gewähren , da jede Restriction schädlich sein würde , wie es denn überhaupt jetzt nur noch sein freier Wille ist , der ihn hier hält . Begleiten Sie ihn auf diesem Spaziergange , die Herzen erschließen sich unter dem Himmelsdome leichter , als unter einer Zimmerdecke . Noch eins ; fuhr Doctor Birkenhain fort , während sie sich von ihren Plätzen erhoben ; Sie werden Berger auch in seinem Aeußern verändert finden ; suchen Sie auch da , mit aller Schonung natürlich , einzuwirken . Solche scheinbare Kleinigkeiten sind von der größten Bedeutung ; ein fehlender Handschuhknopf kann einen Dandy um seine gute Laune bringen und wir haben eine andere Stimmung im Schlafrock und eine andere im Frack . - Nun wollen wir gehen , wenn es Ihnen recht ist ; ich will Sie selbst bis an Bergers Thür bringen . Die beiden Herren gingen aus dem Empfangszimmer auf den mit Steinfliesen ausgelegten Flur , die breiten steinernen Treppen hinauf , durch hohe , helle , luftige Corridore . Es begegneten ihnen mehrere Personen , die Oswald nicht für Kranke gehalten haben würde , wenn Doctor Birkenhain es ihm nicht gesagt hätte ; so vernünftige Antworten gaben sie auf die hingeworfenen Fragen des Arztes . In diesem Flügel ist die Station für die leichtesten Kranken , sagte Doctor Birkenhain ; bei dem schönen Wetter sind die meisten im Garten , oder auf dem Hofplatz . - - Wie geht ' s , Herr Commerzienrath ? Danke , Herr Doctor ! erwiderte der Angeredete , ein außerordentlich wohlhäbig aussehender Mann , der mit einer Gießkanne in der Hand vorüberging ; danke ; es würde ganz gut gehen , wenn - Der Commerzienrath trat mit einem Blick auf Oswald dem Doctor näher und flüsterte ihm etwas in ' s Ohr , wovon Oswald nur die Worte : Bündel Heu - in der Seite - verstehen konnte . O , das ist das Wenigste , erwiderte Birkenhain in einem Ton , dessen Zuversichtlichkeit für den größten Hypochonder überzeugend sein mußte , das wollen wir schon weg kriegen . - Der Kranke drückte seinem Arzt dankbar die Hand und entfernte sich , augenscheinlich über den glücklichen Ausgang seines vermeintlichen Leidens beruhigt und getröstet . Ich wollte , Bergers Fall wäre so leicht wie dieser , sagte Doctor Birkenhain , während sie in dem Corridor weiter schritten ; aber mit Pillen und Latwergen ist seiner Krankheit nicht beizukommen . So , nun gehen Sie den Corridor zu Ende , die letzte Thür links ist Bergers . Ich bin äußerst begierig , was Sie mir zu erzählen haben werden . Wollen Sie morgen bei mir speisen ? Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen , Sie meiner Frau vorzustellen . Um drei Uhr . Ist ' s Ihnen recht ? also à revoir ! Doctor Birkenhain reichte Oswald die Hand und trat in eine der Thüren , an denen sie eben vorbeigekommen waren . Oswald ging den Corridor allein zu Ende , voll von dem bedeutenden Eindruck , den der Mann , welcher ihn so eben verlassen , auf ihn gemacht hatte , und zugleich voll Unruhe über die Rolle , die ihm zugetheilt war . Er sollte in Berger die Freude an einem Leben wiedererwecken helfen , das für ihn selbst beinahe alles Interesse verloren hatte ! War er unter Allen nicht der am wenigsten zu einer solchen Mission Geeignete ? Und doch hatte er sie übernommen ! Er mußte sie ausführen ! Oswald kam an die bezeichnete Thür . Auf der braunen Täfelung stand mit Kreide und offenbar von Bergers Hand geschrieben : Lasciate ogni speranza , voi ch ' entrate ! Ein Schauer durchrieselte Oswald . Er blieb unschlüssig vor der Thür stehen , bevor er es über sich gewinnen konnte , zu klopfen . Er lauschte , ob sich nichts drinnen rege ; er hörte nichts . Endlich faßte er sich ein Herz und klopfte mit fester Hand . Da er keine Antwort erhielt , so klopfte er lauter ; abermals keine Antwort . Eine bange Furcht ergriff ihn ; er öffnete hastig die Thür und trat in das Zimmer . Siebentes Capitel Oswalds Furcht war unnöthig gewesen . Mitten in dem großen , durch die heruntergelassenen Vorhänge halbdunklen Gemache saß Berger an einem mit Büchern bedeckten Tische . Er hatte den gesenkten Kopf in beide Hände gestützt und schien zu schlafen , denn er regte sich , obgleich er mit dem Gesicht nach der Thür zu saß , selbst dann noch nicht , als Oswald bis an den Tisch getreten war . Oswald wagte nicht , ihn zu wecken . Er blieb an dem Tisch stehen und schaute mit Augen , die sich , ihm kaum bewußt , mit Thränen füllten , auf den Dulder . Welche Verwüstungen hatten diese wenigen Monate in dem einst so stolzen energischen Gesicht angerichtet ! das dunkle lockige Haar war ergraut ; die massive , wie aus Granit gehauene Stirn schien , da die Schläfen kahl geworden waren , noch gewaltiger und imponirender . Ein voller Bart , den Berger sonst nicht trug , floß silbergrau von Wangen , Lippen und Kinn herab , daß die Spitzen fast die Tischplatte berührten . Die Hände , die einst so sorgsam gepflegten rundlichen Hände waren so mager , so durchsichtig mager geworden ! Und dieser Anzug ! eine blaue Blouse anstatt des schwarzen Rockes , an dem kein Federchen geduldet wurde ; ein grobes , zerknittertes Hemd an ihm , der früher Luxus mit feinster , blendendweißer Wäsche trieb ! Auf dem Tisch ein abgetragener runder Filz und ein Stock , der offenbar noch vor kurzer Zeit der integrirende Theil einer Dornenhecke gewesen war , anstatt des sorgsam gebürsteten Pariser Hutes und des Bambusrohres mit dem goldenen Knopf ! - wenn solche Veränderungen mit dem äußern Menschen vorgehen konnten , welche Revolutionen mußten in der Seele Tiefen stattgefunden haben ! Berger regte sich . Er hob die Stirn , schlug die Augen auf und blickte auf Oswald . Die Augen waren tief und klar , und schienen größer als sonst : kein Zucken verrieth Erstaunen , Verwunderung oder Schrecken über den unerwarteten Anblick . Ich hatte so eben nur von Dir geträumt , Oswald ! sagte er , sich erhebend , mit einer leisen Stimme , von der alle frühere Schärfe und Kraft gewichen schien . Oswald konnte sich nicht länger beherrschen . Er schluchzte laut auf und warf sich stürmisch in Bergers Arme . All das Leid , das er erlitten - erst jetzt , an der Brust dieses Mannes glaubte er es wahrhaft zu fühlen ; alle Thränen , die sein Herz geblutet und sein Auge nicht geweint hatte , erst jetzt , in den Armen dieses Mannes , der so viel erduldet , glaubte er sich ihrer nicht schämen zu dürfen . Berger hielt ihn mit den Armen umfangen , wie ein Vater den Sohn , der aus der Ferne heimkehrt , in welcher er sich von Träbern nährte . Weine nur ! sagte er , weine ! In Thränen erleichtert sich das allzuvolle junge Herz . Als ich jung war , wie Du , da habe ich geweint , wie Du - jetzt hat mein Auge das Weinen verlernt . Berger , lieber , lieber Berger ! Ich wußte , daß ich Dich so wiedersehen würde ; ich habe Dich längst erwartet . Ich dachte nicht , daß Du es in der öden Wüste auch nur so lange aushalten würdest . Weine nur ! die Thränen sind der Preis , um den wir unsere Seele zurückkaufen aus dem kläglichen Handel , den wir eingingen , noch ehe wir wußten , was wir thaten . Bevor wir dem Dasein entsagen , müssen wir erkennen , daß es besser ist , nicht da zu sein . Der Eine kommt früher zu dieser Einsicht , der Andere später . Freue Dich , daß Du zu denen gehörst , die in der bitteren Qual der Sansara schon einen Vorschmack des süßen Nirwana haben . Er ließ Oswald aus seinen Armen und griff nach dem Hut und dem Stock auf dem Tische . Komm ! sagte er . Oswald war von dieser Scene so erschüttert , daß er nur an Bergers wunderlichen Anzug dachte , um zu fühlen , daß es schlechterdings unmöglich sei , diesem Manne von solchen Dingen zu sprechen . Er hätte eben so gern eine Mutter , die über der Leiche ihres Kindes weint , an eine Nachlässigkeit der Toilette , an eine Schleife , die sich verschoben , an ein Band , das aufgegangen ist , erinnert . Sie gingen durch die langen Corridore , die breite steinerne Treppe hinab zum Hause hinaus . Als sie über den Hof schritten , kam der junge Mann , der auf der Bank saß , und wiederholte die Frage , die er vorhin an Oswald gerichtet hatte : Ich habe gewiß die Ehre , mit dem Kaiser von Fez und Marokko zu sprechen . Nein , antwortete Berger ; der Kaiser kommt nicht , verlassen Sie sich darauf ! Kommt nicht ? sagte der junge Mann , und sein bleiches Gesicht wurde noch bleicher und seine Augen irrten unruhig umher : kommt nicht ? woher wissen Sie das ? Weil , wenn er käme , es Dir nicht zum Glück , wie Du wähnst , sondern nur zu Deinem gänzlichen Verderben gereichen würde . Warum willst Du , daß er kommt ? Damit er Dir Gold bringt , das Du verspielst , und Juwelen , die Du an Deine Maitressen verschenkst ; damit es Dir die Mittel zu einem Leben gewährt , dem entronnen zu sein , Du Deinem Gott , wenn Du an einen Gott glaubst , auf den Knieen danken müßtest . Was Du für einen Stern der Verheißung hältst , ist nur ein Irrlicht auf dem Sumpfe . Trau seinem Schimmer nicht , er lockt Dich hierhin und dorthin und immer tiefer in den Morast . Kehr ihm entschlossen den Rücken zu ! Noch einmal sage ich Dir : der Kaiser kommt nicht , und es ist ein Glück für Dich , daß er nicht kommt . Kennen Sie denn Se . Majestät so genau ? stotterte der junge Mann . Sehr genau , sagte Berger , und ein eigenthümliches Lächeln spielte auf seinem Gesicht ; sehr genau , nur zu genau . Auch mich hat Se . Majestät lange genasführt . Ihnen verspricht er Geld und Gut , mir versprach er - es bleibt sich gleich , was ; und so verspricht er Jedem etwas Anderes , um Jeden zu narren und zu äffen . Die Einsicht , daß es mit Sr. Majestät Versprechungen eitel Wind ist , das ist der Weisheit Anfang - wie es denn auch ihr letzter Schluß ist . Diese Worte sprach Berger mit plötzlich abfallender Stimme , wie zu sich selbst . Er achtete des jungen Mannes nicht weiter , der mit einem unbeschreiblich traurigen Gesicht , den Hut in der Hand , dastand ; auch Oswalds nicht , der schweigend und durch die eben erlebte Scene auf ' s peinlichste berührt , neben ihm her weiter schritt . Berger mußte ahnen , was in der Seele seines Begleiters vorging , denn als sie durch die Pforte , die ihnen ohne Weiteres geöffnet wurde , getreten waren und nun auf der Landstraße , die erst an dem Fluß entlang , dann über eine Brücke auf das jenseitige Ufer und von dort höher und immer höher in die Berge führte , dahinschritten , unterbrach er plötzlich das Schweigen und sagte : Du wunderst Dich , daß ich mit dem armen Schelm nicht glimpflicher verfuhr , daß ich ihm seine wahnwitzigen Illusionen so grausam zerstörte . Diese scheinbare Grausamkeit ist im Grunde Wohlthat . Wer ist der Unglückliche ? Ein Graf Maltan aus unserer Gegend . Er hat binnen wenigen Jahren ein Vermögen von einer halben Million in sinnlosen Ausschweifungen durchgebracht . Jetzt hofft und harrt er auf den fabelhaften Kaiser , der ihm wiederbringen soll , was er verlor . Aber wenn der junge Mann dadurch , daß Sie ihm diesen einzigen letzten Trost rauben , den schwachen Rest seines Verstandes vollends verliert - Du sprichst , wie Doctor Birkenhain . Ich muß lachen , wenn ich sehe , wie dieser Mann in seinem blinden Optimismus sich gegen die Kraft , die den Menschen unaufhaltsam zur Vernichtung treibt , stemmt , dem Kinde gleich , das einen Strom mit seinen Händchen aufzuhalten versucht . Mein Studium hier besteht in der Beobachtung dieses eigenthümlichen Kampfes , der erhaben sein würde , wenn er nicht lächerlich wäre . Diese Aerzte tappen im Dunkeln , wie bei einem Blindekuhspiel , und glauben die Krankheit zu curiren , wenn sie die Symptome fortschaffen . Sie wissen nicht , sie ahnen nicht , daß eben das Leben selbst der Schuh ist , der uns drückt , das Nessuskleid , das uns bei lebendigem Leibe verbrennt ; und daß diesen Schuh auszuziehen , dieses Kleid von sich zu streifen , nicht nur das beste , sondern auch das einzige Mittel ist , der öden Qual des Daseins zu entrinnen . Sie waren , von der Landstraße abbiegend , auf eine Lichtung im Wald gelangt , die mit Moos und Haidekraut dicht übersponnen war . Vor ihnen sah man über die Wipfel der Tannen weg in die Ebene , aus der sie emporgestiegen waren und weit in das Hügelland hinein ; hinter ihnen zog sich der Wald bergauf höher und höher . - Es war still , lautlos still um sie her . Lange weiße Fäden wehten durch die dünne klare Luft . Die Blumen waren verschwunden ; die Vögel hatten ihre Lieder , die Cicaden ihr Schwirren verlernt ; der Sommer war todt und die Natur saß in stummen Schmerz an seiner Leiche . Selbst der herbstliche Sonnenschein war wehmüthig , wie einer Wittwe Lächeln ; das Blau des Himmels matt und krankhaft , wie einer Trauernden verweintes Auge . Berger hatte sich auf einen niedrigen Baumstumpf gesetzt , Oswald sich neben ihn in das dichte Haidekraut gelagert . In dieser Waldesstille , die ihn so lebhaft an die Forsten von Grenwitz und Berkow und an die schmerzlich süßen Tage , die er dort verlebt , erinnerte , überkam ihn jener Drang , sich mitzutheilen , der uns in manchen Momenten mit unwiderstehlicher Heftigkeit befällt . Wie es den katholischen Christen treibt , die tiefverborgenen Geheimnisse seiner Brust dem Priester , seinem personificirten Gewissen , in ' s Ohr zu murmeln , so trieb es Oswald , dem unglücklichen Mann an seiner Seite , in welchem er von Anfang an sein zweites Ich erkannt hatte , Alles zu beichten , was er erlebt , erstrebt , gefehlt und gesündigt hatte in dieser letzten , für ihn so ereignißreichen , verhängnißvollen Zeit . Er dachte nicht an Doctor Birkenhains Weisung , Berger auf jede Art für sein Schicksal zu interessiren und dem Kranken gegenüber die Rolle eines Arztes zu spielen . War er doch selbst so krank ! Aber , wie es auch in seinem Herzen wühlte , - der Mann an seiner Seite hatte Schlimmeres erduldet ; was er sich selbst kaum zu gestehen wagte - ihm , dem Manne , der gesenkten Hauptes in dem dunklen Labyrinth der Seele umherwanderte und keinen Weg zum Licht des Tages zu finden wußte - ihm durfte er Alles , Alles sagen . Und , stockend im Anfang , und dann immer lebhafter , leidenschaftlicher erzählte er ihm , was er zu erzählen hatte : seine Liebe zu Melitta , seine Liebe zu Helenen , seine Freundschaft für Bruno ; und wie ihm die Eifersucht und der Wankelmuth des Herzens jene , und die Verkettung der Umstände diese und der Tod den herrlichen Knaben geraubt hatten . Berger hatte , das Kinn in die Hand stützend und mit großen Augen unablässig in die Ferne blickend , ohne Oswald auch nur einmal zu unterbrechen , schweigend zugehört . Endlich , als der junge Mann mit der schmerzlichen Klage : Warum haben Sie mich in dieses Wirrsal geschickt ? warum haben Sie mich so lange in der Irre gelassen ? schloß , erhob er das Haupt , wandte die Augen auf ihn und sagte langsam und bedächtig : Weil Du auch dies erfahren mußtest , weil Du , als Du in Grünwald bei mir warst , noch immer an die große Lüge , die wir Leben nennen , glaubtest , weil der Trotz , mit dem Du diese Lüge bejahtest , gebrochen werden mußte . Ich habe Dich den kürzesten und sichersten Weg zur Erkenntniß geführt . Ich wußte , daß Du Dich blenden lassen würdest von der trügerischen Spiegelung , daß Du mit pochendem Herzen , mit lechzender Zunge durch den öden , heißen Sand eilen würdest , weiter , unaufhaltsam weiter , nach dem blauen See mit dem waldbekränzten Ufer , der sich vor Dir zurückzog in demselben Maße , in welchem Du Dich ihm zu nähern glaubtest , bis Du endlich , in Deiner Qual Dir und Deinem Dasein fluchend , zusammenbrechen würdest . Freue Dich ! Du hast es überstanden , und in eben so viel Wochen , als ich dazu Jahre brauchte , den ersten , den schwersten Cursus durchgemacht : Du hast die Augen aufgeschlagen und angesehen , was da war , und siehe ! es war nicht gut ! Dir ist der Werth des Lebens , der Zweck des Lebens problematisch geworden : Du hast angefangen zu begreifen , daß es mit jener Behauptung schaler Optimisten : das Leben sei des Lebens Zweck , wohl schwerlich seine Richtigkeit haben dürfte , - man müßte denn seine Beruhigung in dem Erstreben eines Zieles finden , das sich nie erreichen läßt , oder das , wenn es in jedem Augenblick erreicht wird , in keinem Augenblick erreicht zu werden verdient . Du hast gesehen , daß Lug und Trug und Dummheit und Gemeinheit sich in Wahrheit , Ehrlichkeit , Weisheit und Hoheit unauflöslich verweben . Diese Erkenntniß , die nur den stumpfsinnigen Sklaven kalt läßt , der die Peitschenhiebe seines Treibers grinsend entgegennimmt , edle Seelen aber zum Tode betrübt , ist der Anfang der Weisheit , ist die Vorhalle zum großen Geheimniß . Und das große Geheimniß ? Berger antwortete nicht ; er schaute wieder mit jenem trüben starren Blick in die Ferne . Oswald wagte nicht , seine Frage zu wiederholen . Tiefe Stille rings umher ! Still flossen die feinen Sommerfäden durch die helle Luft ; still wob der Abendsonnenschein sein goldenes Netz über das Haidekraut des Bodens und die dunkelgrünen Wipfel der Tannen . So saßen sie stumm nebeneinander - stumm und traurig , wie zwei im Walde verirrte Kinder . Aber während der Mann , der mit dem Leben abgeschlossen , dem es fürchterlicher Ernst war mit seiner Weltverachtung , sich widerstandslos tiefer und tiefer in den Abgrund seiner Schmerzen sinken ließ , kämpfte die junge ungebrochene Lebenskraft in dem Andern gewaltsam hinauf zur Luft und zum Licht . Was ist es , das sich in mir in diesem Augenblicke , wo ich es am wenigsten erwartete , gegen Ihre herbe Weisheit auflehnt ? fragte er , zu Berger aufschauend . Mein Verstand sagt mir , daß Sie recht haben ; aber - mein Auge trinkt den Zauber dieser abendlichen Landschaft , trinkt ihn bis in ' s Herz hinein und in meinem Herzen flüstert eine Stimme : Die Welt ist so schön , so schön ! und wenn auch das Leben Dir Bitternisse ohne Zahl zu kosten giebt , doch ist es süß - sagen Sie , Berger , haben Sie je geliebt mit aller Kraft der Seele ? und kann die Liebe sterben , wie der Sommer und die Blumen und der warme Sonnenschein ? Berger lächelte - es war ein sonderbares , unheimliches Lächeln . Ob ich geliebt habe ? Er senkte den Blick und hob mit seinem Stabe von der Moosdecke zu seinen Füßen ein Stück ab . Was frommt es , sagte er , den Schleier heben , den so viele Jahre über die Vergangenheit breiteten ? Du siehst , was drunter ist , ist Moder und Verwesung . Und doch , sagte er nach einer Pause , es ist gut , wenn Du auch das erfährst . Höre ! Es sind jetzt dreißig Jahre her - ich stand damals in Deinem Alter , aber ohne Deine Erfahrungen gemacht zu haben , in frischer ungebrochener Kraft mich an das Leben klammernd , das mir süß und köstlich schien , wie eine liebe Braut . Wenn je ein Mensch geschwärmt hat für Freiheit und Schönheit , für all die bunten Phantasmagorien , mit welchen der blinde Drang , der uns in ' s Dasein rief , sich selbst zu beschönigen und die jämmerliche Hohlheit des Daseins zu verdecken sucht - wenn je ein Mensch für die blutlosen Schemen , die man Ideale nennt - begeistert war - so bin ich es gewesen . Ich glaubte , Thor , der ich war , daß die ewige Seligkeit schon hier auf Erden erreicht sei , überall , wo im freien Lande freie Menschen wohnten . Ich glaubte an ein Vaterland und habe auf den Schlachtfeldern von Leipzig und Waterloo mit meinem Blute meinen Glauben besiegelt . Ich kam zurück , voll des heißen Dranges , das angefangene Werk zu vollenden . Aber ehe ich daran gehen konnte , die Wunden , die der Krieg dem Vaterlande geschlagen , zu heilen , mußte ich an die Heilung meiner eigenen Wunden denken . Man schickte den Reconvalescenten nach Fichtenau . Damals sah es noch anders aus in Fichtenau . Es existirte noch kein Curhaus und keine Heilanstalt für Geisteskranke - nichts desto weniger wurde der Ort nicht leer von Fremden , denn der poetische Nimbus , den die großen Männer von Weimar über diese Thäler