nachtschlafender « Zeit in Häuser einführe , wo alleinstehende und -schlafende Damen und schutzlose Jungfrauen mit allem , was sie um und an sich hätten , den Gelüsten jedes verwegenen Verbrechers ausgesetzt seien , wie die Gerichtszeitung » tagtäglich « durch haarsträubende Berichte und Beispiele gräßlich der Welt vor die Augen stelle . Der beschauliche Hausherr jedoch , als er vernahm , daß der Polizeischreiber bei der Sache beteiligt sei , wurde in der Ruhe des sichern Bürgers nicht aufgestört durch diese Klagen . Sein Herr Fiebiger gehörte ja der Polizei an und somit der allein infallibeln Macht und Autorität auf dieser Erde ; und dem Schutze und der bessern Einsicht dieser Macht darf , kann und muß man alles , was man hat und ist , kindlich vertrauend anheimstellen . Grollend zog sich Fräulein Aurora Pogge in ihre jungfräulichen Gemächer zu ihrer Katze , ihrem Tagebuch und ihrer Magd zurück , während der Partikulier Mäuseler eine frische Pfeife stopfte und sich glücklich und sicher in dem Bewußtsein fühlte , daß andere Leute für ihn dachten und handelten ; als deutscher Mann und freier Bürger fühlte er sich in dem Bewußtsein , daß ihn zum Denken und Handeln niemand zwinge . » Himmlische Augen , wunderbare Augen - schwarzes Meer - bodenlose Tiefe - ewiger Untergang ! « murmelte Julius , während der Schreiber in seinem Stockwerk nach dem Schlüsselloch tastete . Wir wollen uns aber nicht mit der Gedankenreihe beschäftigen , welche der Deklamator durch diese Ausrufe und Bilder zum Abschluß brachte , nur das wollen wir sagen , daß sie sich längst nicht mehr auf Helene Wienand bezogen . Der Polizeischreiber fand das Schlüsselloch , Robert trat in die Behausung seines Führers , seine neue Heimat . Schminkert folgte , rezitierend : O Venus Cypria , den kleinen Fuß Soll sie mir setzen auf den stolzen Nacken , Und höher trag das Haupt ich als ein König . In Prosa setzte er hinzu : » Können Sie die Lampe nicht finden , Alterchen ; oder liegt ' s an den Schwefelhölzern ? Ordnung , Ordnung , Mann der Ordnung ! Wie oft soll ich Ihnen das sagen ? Ordnung ist die Hauptsache im menschlichen Leben , das sehen Sie deutlich an mir . Aha - endlich ! Licht wird ' s , und aus dem Chaos steigt die Welt . « » Hier sind die versprochenen zehn Taler « , sagte der Schreiber . » Nun packen Sie sich auf der Stelle , Julius , und kommen Sie nicht eher heim , bis das Geld den Weg Ihrer übrigen Besitztümer gewandelt ist . Hier - nehmen Sie ! - nun , warum nehmen Sie nicht ? « Der Deklamator wies mit einer majestätischen Handbewegung die dargebotenen Banknoten weit von sich , warf die Augen » graß in einen Winkel « , wie der Major von Walter in » Kabale und Liebe « , blickte dann » fürchterlich zum Himmel « , wie derselbe unzurechnungsfähige Major , und sagte mit den hohlsten Brusttönen , die er aufbieten konnte : » Pieseke , wie kommen Sie mir vor ? « » Was fällt Ihnen ein ? Nehmen Sie , und fort mit Ihnen ! « » Weder das eine noch das andere , Greis . Sie sind ein großartiger Charakter , Fiebiger ; aber Julius Schminkert wird Ihnen an Erhabenheit nicht nachstehen . Ihr schnödes Geld erlaube ich mir mit legitimer Verachtung zurückzuweisen ; aber ein steifes Glas Grog wollen wir uns und diesem Jüngling brauen , Alter ; und ich will Euch das neueste Couplet vom Thaliatheater singen ; trinken wollen wir auf die Tugend , Schönheit und Gesundheit des Engels , welcher diesen Sohn der Wildnis mit seinem Flügelschlage auf das Pflaster warf . Trinken wollen wir und - Hölle und Teufel , was soll - « Der Polizeischreiber hatte mit einer Kraft , welche man ihm nicht zugetraut hätte , den Komödianten an den Schultern genommen und mit unwiderstehlicher Gewalt zur Tür hinausgedreht . Eilig schob er hinter dem mundfertigen Künstler den Riegel vor und sagte energisch : » So ! « Draußen ein ärgerliches Gebrumm , untermischt mit pathetischen Tiraden aus den Werken einheimischer und fremder Dramatiker ! Nun ging dieses Fluchen und Deklamieren in ein höhnisches Pfeifen über , dieses in eine lustige Opernmelodie und diese in ein Lied , in welchem der Dichter und Julius Schminkert die alles in allem doch so ernste Welt aufforderten , dem Trübsinn und der Trauer ein Schnippchen zu schlagen , die silbernen Becher anzuklingen und zu leeren auf das Wohl einer gewissen romanischen und romantischen Dame , Tochter eines hohen römischen geistlichen Würdenträgers , welche sich , wie es schien , in politischen Angelegenheiten zu Venedig aufhielt , da es in dem Liede an geheimnisvollen Anspielungen , Lagunen , Mondschein und Gondeln nicht fehlte . Dieser Gesang entfernte sich die Treppe hinunter , drang zu den schläfrigen Ohren des Partikuliers Mäuseler und seiner Wirtschafterin , ärgerte das Fräulein Pogge und fand einen sympathischen Nach- und Widerhall nur in dem zarten Busen Angelikas , welche belesene junge Dame sich ganz dafür geeignet fühlte , ebenfalls die Tochter eines Kardinals zu sein und auf den Lagunen im Mondenschein in einer Gondel zu schweben . Ihr tragisches Ende fand die Arie erst an der nächsten Straßenecke , wo der talentvolle Sänger Don Julio Schminkertino auf dem Glatteis ausglitschte und sich mit schmerzlichem Nachdruck auf einen unnennbaren , aber durchaus nicht transzendentalen Körperteil setzte . Wenn wir noch einmal über die Schulter nach ihm hinblicken , so bemerken wir , daß er sich - nicht die Stirn reibt . Wir überlassen ihn für jetzt seinen Gefühlen , die wir leider in des Wortes höchst materiellster Bedeutung nehmen müssen , und sprechen von dem Polizeischreiber Fiebiger in seiner Wohnung und in seinem Schlafrocke . Kalt gewordener Tabaksrauch ist noch eine der geringeren Qualen , denen das Weib des neunzehnten Jahrhunderts ausgesetzt ist , wie zwischen den Zeilen mehr als einer schriftstellernden Makarie zu lesen ist . Die Natur des alten Polizeischreibers hatte viel vom Duft des kalt gewordenen Tabaksrauchs und sein Zimmer nicht weniger . Eine über und über mit Pfeifen von allen Formen und Größen behängte Wand bestätigte , daß der Alte ein eifriger Feueranbeter und Verehrer des stinkgiftigen Krautes sei . An der entgegengesetzten Wand fiel ein Bücherbrett ins Auge ; die römischen Autoren in der Ursprache , die Griechen in Übersetzungen , deutsche , englische und französische Dichter und Philosophen in unvollständigen Exemplaren waren hier aufgestellt . Auf den ersten Blick sah man dieser Büchersammlung an , daß sie allmählich beim Antiquar und in Versteigerungen zusammengekauft war und daß viele Jahre darüber hingegangen waren , ehe sich die mehr oder weniger zerlesenen Bände an dieser Stelle zusammengefunden hatten . Das zweifenstrige Gemach war bedeutend länger als breit , und eine Glastür führte in eine fast noch längere und schmälere Kammer , aus der man die schöne Aussicht auf die Höfe und Hintergebäude der Musikantengasse und auf den Giebel des Sternsehers genoß . In der Stube befanden sich einige Stühle , welchen man ebenfalls den Trödelmarkt ansah , ein zerlumptes Sofa , ein runder Tisch , ein Schreibtisch und ein Spiegelembryo , der nur beim hellsten Wetter zu gebrauchen war und welcher dann doch noch dem schönsten Mädchengesicht die verschrobenste Fratze zugeschnitten hätte , wenn eins hineingelächelt haben würde . In der Kammer stand ein schlechtes hartes Bett , ein Stuhl , ein Nachttisch und ein Kleiderstock . Eine Tür führte in eine leere zweite Kammer . Wir notieren das Mobiliar der ganzen Wohnung nur deshalb gleich einem Auktionskommissarius , weil wir die Originalität des Bewohners nicht dadurch hervorheben wollen , daß wir ihn in eine originelle Umgebung versetzen . Kleider machen nicht immer Leute , den Menschen erkennt man nicht immer an seinem Umgange , nicht immer ist ein Genie nachlässig in seinem Äußern , und es kann Sonderlinge geben , die nicht mehr einen Zopf dem zwanzigsten Jahrhundert entgegentragen und die sich von außen durch nichts Auffälliges von den übrigen Menschen abheben . Man sagt und klagt , die Sonderlinge - diese ernsthaft-spaßhaften Menschen , über die man sich so gern ergötzte - verschwänden allmählich ganz und gar , und hält auch das für ein Zeichen , daß die Welt und Zeit immer flacher werden . Ein großer Teil der Leute , welcher von dem Sterngucker Ulex weiß , möchte ihn gern unter Glas und in Spiritus setzen , samt dem alten Giebel vom Nikolaikloster , um beides so lange als möglich zu erhalten . Sollte sich die Originalität in jetziger Zeit vielleicht nicht mehr auf die innern Teile einzelner Bevorzugter werfen ? Für das Innerliche hat die Menschheit niemals ein sehr scharfes Auge gehabt , und wir wollen ihr keinen Vorwurf daraus machen ; denn die Winter sind kalt , die Kartoffeln mißraten sehr häufig , und man hat seine liebe Not mit den Regierungen , den Weibern und Kindern . Achtung oder du erfrierst ! Achtung oder du verhungerst ! Achtung oder man stellt dich unter polizeiliche Aufsicht ! Achtung oder die Frau zieht den Pantoffel vom Fuß ! Achtung oder deine Tochter kriegt keinen Mann ! - Zum Teufel mit der Innerlichkeit ! Beim Himmel , die arme Menschheit hat wenig Zeit , sich mit ihrem eigensten Wesen zu beschäftigen . Der Polizeischreiber Fiebiger aus Poppenhagen hatte das Leben von den verschiedensten Seiten kennengelernt . Er hatte in seiner Jugend fast soviel Inkarnationen durchgemacht wie ein indischer Gott ; nun aber betrachtete er fast schon dreißig Jahre lang das Dasein von seinem hohen Dreibein im Departement der öffentlichen Sicherheit aus , und seine Philosophie war die eines geistreichen Mannes und Autodidakten , der alles benutzt hat , um zu lernen , und in Fesseln und Ketten von mancherlei Art ein freier Mann geblieben , aber ein kaustischer Verächter aller Prätensionen menschlichen Stolzes und menschlicher Vollkommenheiten geworden ist . Er war wenig krank , und wenn er sich je unwohl fühlte , so litt er an versetzter Satire , wie andere Leute an versetzten Blähungen leiden . Dieser Natur konnte keine bessere Stellung in der Gesellschaft als die , in welcher sie sich befand , zuteil werden . Dieser Herr Fiebiger war ganz an seinem Platze im Büro Nummer dreizehn . Er behauptete , zwei Gewänder zur Bedeckung seines Ichs zu haben , einen Frack und einen Schlafrock . Im Frack sammelte der Polizeischreiber den Stoff , welchen er im Schlafrock in langen Monologen sich selber oder in kurzen Bemerkungen andern , nach seiner Art verarbeitet , zum besten gab , sich selber höchst vergnügt , andern zu Ärger , Lehre und Nutzen . Wörtlich genommen trug der Schreiber keinen Schlafrock , sondern eine kurze wollene Jacke , in welcher er sich in diesem Augenblicke , dicht am warmen Ofen , mit seinem Schützlinge zu einem höchst frugalen Abendessen niedersetzte . Mechanisch aß und trank Robert Wolf , ohne zu wissen was . Er sah alles durch einen gestaltenvollen Nebel und starrte seinen Wirt an wie den Beherrscher dieses Nebels , dieser Gestalten , wie ein Rätsel , welches zu lösen er sich viel zu schwach fühlte . Der Knabe war sehr weich geworden , und man sah es an seinen Augen , daß sie sich , wie die eines Kindes , bei dem geringsten Anlaß mit Tränen füllen würden . Während des Mahles beobachtete der Wirt den Gast scharf und genau und unterwarf ihn schweigend einer nochmaligen Prüfung , die ganz zu seiner Zufriedenheit auszufallen schien ; denn er schob seinen Teller zurück und stopfte seine erste Abendpfeife mit dem Ausdruck eines Mannes , der ein großes Werk zu erwünschtem Abschluß gebracht hat und vollkommen mit sich einverstanden ist . Mit blauen Ringeln und Wolken füllte sich von neuem das Gemach ; der Regen schlug in Stößen gegen die Fenster , dumpf rollten die Wagen in den Gassen . Der alte Gastfreund lehnte sich zurück in dem zerlumpten Sofa , sah noch einmal seinem Gast in die Augen , blies eine Rauchwolke gegen ihn und begann ganz ex abrupto : » Ich heiße Friedrich Wilhelm Fiebiger , bin im Jahre 1788 zu Poppenhagen im Wirtshaus zum Drachen geboren und bin in die Welt gelaufen , nachdem mein Vater sein Wirtshaus in seiner eigenen Gaststube vertrunken , den Drachen in anderer Leute Hand , sich selber aber in die Grube gebracht hatte . Per varios casus bin ich endlich hier Polizeischreiber geworden und zugleich ein alter Gesell , der seine Stiefel selber putzt , selber seinen Kaffee kocht , grade wie Robinson Crusoe auf der Insel Juan Fernandez . Kennen Sie die Geschichte , Robert ? « Der Knabe nickte . » Gut , so wissen Sie auch , wie der in doppelter Hinsicht verschlagene Reisende einen grünen Vogel , wenn ich nicht irre einen Papagei , fing und zu seinem Freunde und Genossen machte . Ich versuchte dasselbe , um meine Einsamkeit zu erheitern , brachte es aber nur zu einem Starmatz , von dem sein Verkäufer behauptete , es sei der gebildetste Vogel , der jemals den Unterricht des Menschen genossen habe . Mißtrauisch innerhalb der Polizeistube , bin ich der leichtgläubigste Mann außerhalb derselben . Ich kaufte den Vogel , und mein Kummer war nicht gering , als ich aus dem Schnabel des schwarzen Satans nichts als die injuriösesten Schimpfnamen , Epitheta , wie sie noch niemals einem Polizeier geboten waren , zu hören bekam . Die Katze fraß die Bestie und rächte mich - nun frage ich dich , Robert Wolf vom Eulenbruch , willst du den Versuch machen , auf dem Fuß vollkommener Gleichberechtigung mit mir Stiefel zu putzen und Kaffee zu kochen ? Willst du meine Grillen und Launen ertragen und mir deine Seele geben , wie du sie der schönen Eva Dornbluth , unserer Landsmännin , gabst ? Ich bin kein Onkel Zauberer , der expreß aus Afrika nach China kommt , um sich von dem dummen Schneiderjungen Aladin die Wunderlampe aus der Zauberhöhle holen zu lassen und den Armen in blinder Wütenhaftigkeit darin einzusperren . Ängstige dich nicht , Robert Wolf . Ich bin arm und kann dir keinen Glanz versprechen . Ich bin arm , und du wirst mit mir arm sein ; hart wirst du arbeiten müssen , denn der Mensch ist zur harten Arbeit geschaffen . Viel Feiertage wird ' s nicht abwerfen , denn die Feiertage sind den Menschen deiner Art nichts nütz ; Licht und Luft wirst du in dem Dasein , welches ich dir biete , nicht so unmittelbar aus der ersten Hand haben wie in deiner - in unserer waldigen Heimat . Bedenke dich - wirst du dein Leben in meine Hand legen , so will ich versuchen , mit guter Hülfe diesem Leben einen Inhalt zu geben , wie es sich für ein vernünftiges Wesen schickt ! « Zitternd rief der Jüngling : » Sie wollen sich so meiner annehmen ? Ich soll hier bei Ihnen leben ? Ich soll hier in dieser Stadt wohnen ? « » Wenn du willst , so wird dem nichts entgegenstehen . « » Ich kann mit ihr nicht in einer Stadt leben ! « schrie Robert Wolf , mit der alten Energie aufspringend . » Ich könnte ihr in den Straßen begegnen , und ich würde sie dann töten . O lassen Sie mich meines Weges gehen , jetzt , jetzt gleich ! « » Ruhe , mein Junge ; immer ruhig Blut « , sagte der Schreiber gemütlich , » Wir haben nun das erste Brot und Salz der Gastfreundschaft miteinander gegessen , jetzt wollen wir dir , so gut es angeht , ein Nachtlager bereiten . Ich leihe dir für diesmal einen Strohsack und einen alten Mantel . Morgen im Tageslicht wird alles ganz anders aussehen . Morgen will ich meine Fragen dir wiederholen ; jetzt hast du ein wenig das Fieber und mußt ausschlafen . Komm zu Bett . « Robert Wolf folgte dem Alten schwankend ; in der zweiten Kammer wurde der Strohsack auf den Boden geworfen und ein erträgliches Lager hergestellt . Der Knabe aus dem Walde hatte zu oft auf nackter Erde geschlafen , um nicht ein solches Bett eines Königs würdig zu finden . Der Schreiber reichte ihm die Hand und sprach : » Schlafe wohl , mein Kind ; träume nicht allzu unruhig ; du schläfst in der Wohnung eines Freundes . Denke nicht an das hübsche Mädchen , sondern tu mir die Liebe an und schnarch . Der Klang der Fußtritte des Glücks ist von dem Gepolter , womit das Unglück einherschreitet , oft schwer genug zu unterscheiden . Es ist immer aber hübsch von beiden , wenn sie nicht in unhörbaren Gummiüberschuhen herangeschlichen kommen . Fac , ut valeas . « Der Alte ging mit der Lampe , und der Knabe warf sich seufzend auf das harte Lager . In der Stube schritt der Schreiber auf und ab und horchte kopfschüttelnd auf das bitterliche Weinen , in welchem sich das arme zusammengepreßte Herz des Knaben , jetzt wo es dunkel und still umher war , unaufhaltsam Luft machte . » Armes Kind « , murmelte der Alte . » Weine nur , spül rein die junge Seele ! Wer weiß , wozu du bestimmt bist ? Mit harter Hand faßt das Schicksal vor allem gern seine Günstlinge ; ruhig , auf makadamisiertem Pfad - alle Viertelmeile ein Meilenzeiger - läßt es nur die wandeln , welchen das Los der goldenen Mittelmäßigkeit aus der geheimnisvollen Urne fiel . Nicht in Goldwolken hüllt das Schicksal seine Erkorenen ; in den dunkeln Mantel des Schmerzes , der Gebrechen , der Krankheit und jeglichen Elends hüllt es sie und reißt sie durch das Leben . Und neidisch ist das Schicksal ; wie manchen hohen Geist hat es für sich behalten in dem dunkeln Mantel , wie selten fällt die Hülle von der Schulter eines Auserwählten , wie selten wird ein Individuum für die übrige Menschheit denkmalreif und ein würdiger Gegenstand für Toaste , Reime und Festessen . « Es war gut , daß dem Alten über diesen Gedanken die Pfeife ausging ; während er sie von neuem in Brand setzte , lächelte er über sich selbst , rieb sich die Stirn und brummte : » Sieh , Fiebiger , hab ich dich wieder ? Alter Knabe , wirst du die Dinge außerhalb der Schreibstube nie so sehen , wie sie alle übrigen verständigen Leute erblicken ? Du setzest mich in Erstaunen , Fritze Fiebiger ! Hebräer , Griechen und Lateiner sind einig , daß es vor allem übel ist , mit der Nase ein Loch in das Firmament stoßen zu wollen ; man vergißt darüber die Löcher im realen Erdboden , liegt drin und wird ausgelacht . Hier haben wir den großen Redner und Oberbürgermeister Marcus Tullius Cicero , welcher keine Verse machen kann , aber sehr gern die des Ennius zitiert : Keiner schaut , was vor dem Fuß liegt , Himmelsräum ' ausspähen sie . Und hier hebt der semitische Weise die Hände empor und hält sich mit denselben Worten über dieselben sternguckenden Naturen auf . Wir wollen beiden kein Ärgernis weiter geben , Fiebiger , wie sehr wir dich auch beneiden mögen , Heinrich Ulex . Kurz und bündig , Fiebiger , was willst du nun mit diesem Jungen , welchen du von der Straße aufgelesen hast , anfangen ? ' s ist doch in Wahrheit ein Brief mit fremdem Siegel und fremder Aufschrift . « In diesem Augenblick erschien dem Polizeischreiber die Verantwortlichkeit , welche er sich aufgeladen hatte , nicht mehr so klein wie vorhin . Bedenklich nahm er seinen Weg durch das Gemach wieder auf ; die Geister seiner großen Register ließen ihn vollständig in Ruhe ; sie wagten sich nicht hervor aus ihren Folianten , und somit hatte der Schreiber wenigstens etwas erreicht . Fünftes Kapitel Große Gesellschaft bei dem Bankier Wienand ; Mr. Warner aus New Orleans wird dem Freifräulein Juliane von Poppen vorgestellt Der Wagen , welcher Fräulein Helene Wienand und den Doktor Pfingsten von dannen führte , hielt in einer ruhigen , breiten Straße vor einem großen , stattlichen , ganz modernen Hause , welches sich durch nichts von seinen Nachbarn , welche ebenfalls groß , stattlich und modern waren , auszeichnete . Je weniger charakteristisch ein Gegenstand ist , desto schwerer ist er zu beschreiben ; wir beschreiben deshalb das Haus des Bankiers Wienand auch nicht . Hoffentlich wird ein großer Teil der Leser selbst in ähnlichem Backstein-Mauerwerk wohnen und deshalb eine eingehende Beschreibung gähnend überschlagen . Gott segne ihn für den guten Geschmack ! Im untern Teil des Hauses befanden sich die Geschäftszimmer des Bankiers , die Räume der Dienerschaft und so weiter , im ersten Stock die Gesellschaftszimmer und das Reich Helenes . Wir haben es nur mit dem ersten Stock zu tun . Hinter dem Hause befand sich ein reinlich gepflasterter Hof mit dem Wagenschuppen , Pferdestall und so weiter . Ein zierliches eisernes Gitter trennte diesen Hof von einem kleinen Garten , mit welchem wir es im nächsten Frühling ebenfalls zu tun haben werden . Hohe Brandmauern umgaben diesen Hof und Garten von allen Seiten , so daß man glauben konnte , in letzterm vollkommen vor neugierigen Augen gesichert zu sein , was aber nicht der Fall war , wie wir ebenfalls im nächsten Frühling zu beweisen gedenken . Jetzt führen wir den Leser in den glänzend erleuchteten Salon durch ebenso glänzend erleuchtete und ausgestattete Nebenzimmer , in welchen Spieltische aufgestellt sind . Der Bankier gab eine große Soiree ; - werfen wir einen Blick auf die Gesellschaft , aber einen vorsichtigen , daß wir uns nicht kompromittieren . Mehrere Stunden waren verflossen , seit Robert Wolf von dem berichteten Unfall betroffen worden war ; die Gesellschaft , welche sich bei dem Bankier Wienand versammelte , war ziemlich vollständig gegenwärtig . Zwei Diener reichten Tee umher ; an den Spieltischen hörte man die gewöhnlichen Redensarten ; es war ein Überfluß von altern und jüngern Damen , von weißen Westen , bunten Uniformen , schwarzen Fracks vorhanden . Ehe wir uns den Einzelheiten hingeben , können wir den Totaleindruck in der Sprache der Zeit , der Börsensprache , charakterisieren . Wir finden , daß die Stimmung der Gesellschaft im allgemeinen eine feste war und daß das Geschäft der Unterhaltung sich auf der soliden Bahn ruhigen Fortschritts bewegte . Komplimente und Schmeicheleien fanden mit den bestehenden Gegenkomplimenten Nehmer und Nehmerinnen . Nach Skandal vielseitige Nachfrage ; Stadtklätschereien aber leider loco unverändert , fest - jedoch beliebt . Politik ziemlich schwankend , in Musik und Theater lebhaftes Geschäft , günstige Stimmung für den letzten Roman ; wissenschaftliche Fragen und Wahrheit still und flau . Die ältern Damen befanden sich in sehr fester Haltung , die jüngern Damen zur Notiz schwimmend und flott . Die ältern Herren unverändert - Konsumgeschäft . Die jüngern Herren in matter Haltung zur Notiz . Nach zwei Uhr sanken die Kurse der Unterhaltung ; die Notierungen aus der letzten Stunde der Gesellschaft sind uns nicht zugegangen . Wir können uns zu den Einzelheiten wenden . Mit kindlichem Schauder haben wir in unserer Jugend in Raffs Naturgeschichte gelesen , wie in den Dschungeln , den Schilfwäldern Hinterindiens , der Elefant mit dem Rhinozeros in einen Kampf auf Leben und Tod gerät , wie das letztere Untier das erstere unterläuft , ihm mit seinem Horn den Bauch aufschlitzt und zuletzt , seinen zappelnden Gegner auf der Nase tragend , mit Triumphgeheul davonrennt , zum Ergötzen der frommen geduldigen Hindus und zum Erstaunen der langen leberkranken Engländer und der semmelblonden , langgelockten Rulebritannierinnen . In dem Salon des Bankiers Wienand stand der Elefant neben dem Ofen , wärmte als ein tropisches Tier seine Posteriora und war ein wolleerzeugender Grundbesitzer vom Lande . Das Nashorn aber trug auf der Spitze seiner Nase eine grüne Brille , welche ihm ein höchst lächerliches Aussehen gab , und wurde es Herr Kommissionsrat tituliert . Sobald der Elefant das Nashorn erblickte , ließ er die Frackschöße vom linken Arm fallen , setzte die Teetasse in die Fensterbank , ließ ein dumpfes Schnauben hören und kam seinem Gegner aus dem Ofenwinkel halbwegs entgegen . Das Rhinozeros schnob gleichfalls , und es entstand ein merkwürdiger Kampf über die Preiswürdigkeit einer Wollieferung ; aber das Resultat dieses Kampfes war ein ganz anderes , als die Naturgeschichte angibt . Der Elefant besiegte das Nashorn ganz und gar ; er vernichtete es vollständig , er trampelte es moralisch zu Boden , und wäre dem armen Hornträger nicht sein Hausfreund , ein besonnener Mann und Freund seiner Gattin , zu Hülfe gekommen , wer weiß , was daraus entstanden wäre . Dieser Hausfreund trug die Uniform eines Husarenrittmeisters , er schien sich vorzüglich und mit Glück auf die Kultur eines ungeheuern Schnurrbarts gelegt zu haben und sprach mit Bewußtsein , über dies haarige Ungetüm weg , durch die Nase . Sein Vetter , im Ministerium des Kultus angestellt , befand sich ebenfalls in der Gesellschaft , kultivierte aber hinter seinem Klapphut nichts weiter als sich selber in einem ununterbrochenen Gegähne . Ein Wirklicher Geheimer Rat von wohltuender Fülle der Erscheinung unterhielt sich mit einem unwirklichen , welchen man recht gut als ein Lesezeichen hätte in ein Buch legen können . Es befanden sich überhaupt viele Juristen in dieser Gesellschaft ; denn der Bankier hatte viel mit ihnen zu tun . Vollständig beherrschten sie jedoch das Gespräch nicht , obgleich sie es gern gemocht hätten . Auch ein sehr wohlgekleideter Dichter war zugegen , wurde aber , obgleich er sich durch nichts Außergewöhnliches auszeichnete , von dem anständigen und gottlob größern männlichen Teil der Gesellschaft mit mitleidiger Verachtung vermieden - omnes hi metuunt versus , odere poetas . Dieser Dichter hatte ein anerkannt vortreffliches Trauerspiel verfaßt , aber einen von der Regierung zur Beförderung der dramatischen Kunst ausgesetzten Preis von tausend Talern deshalb nicht erhalten , weil Shakespeare , Goethe und Schiller Besseres ihrerzeit geleistet hatten . Der Mann hatte an diesem Abend das Vergnügen , über die Billigkeit des Verfahrens und die Versunkenheit der Literatur mancherlei zu hören von einem nichtssagenden Herrn , welcher gestern durch eine Spekulation in Guano das Zwanzigfache des für das Drama ausgesetzten Preises verdient hatte . Harmlos und gelassen lächelnd , trug der Poet sein Mißgeschick und diese Unterhaltung ; höflich war er bereit , die Verbreitung der künstlichen Dungmittel sowie des Vogelmistes als den schlagendsten Beweis der fortschreitenden menschlichen Intelligenz anzusehen . Christliches Bankiertum mit jüdischer Legierung und jüdisches Bankiertum mit feudaler Betitelung war in der Wienandschen Gesellschaft , wie sich das von selbst verstand , am stärksten vertreten . Drei bis vier Stockbürokraten standen ebenso weitbeinig über ihrer engen Welt wie Julius Cäsar in Shakespeares Trauerspiel über der seinigen . Sie folgten jedoch zugleich äußerst ehrfurchtsvoll den Spuren einer Exzellenz , die sich in der Soiree befand . Obgleich es nur eine außer Kurs gesetzte war , so umgab sie doch ein achtungsvoller Kreis deutscher Männer auf Schritt und Tritt und horchte den seltenen Worten , die ihr entfielen , mit dienstergebenster Entzücktheit . Und doch gibt es vielleicht im Volksbewußtsein keinen Titel , der unangenehmer berührte als das abgeschmackte Wort » Exzellenz ! « Es klebt ihm etwas Lächerliches und zugleich Unheimliches an . Ich weiß nicht , ist das Theater oder etwas anderes , » Kabale und Liebe « oder unsere vortreffliche Diplomatie schuld daran ? Selbst Wolfgang Goethes hohe Göttergestalt läuft komisch schillernd an , wenn man auf das Piedestal : Exzellenz ! schreibt . Die Jünglinge , welche in den Urwäldern Germaniens den Ur , das Elen und den Römer jagten , trugen nicht einen Frack und nicht den Hut in der Hand ; - auch meldet Tacitus nicht , daß sie ein Stück Glas in die Augen kniffen und sich so unbeschreiblich allein mit sich selber eins fühlten wie die Jünglinge im Salon des Bankiers Wienand . Wir wollen uns zu den Damen wenden , und die heilige Zahl der Charitinnen möge uns dabei zur Seite stehen . Ein hellglänzender Schein geht über das graue Konzeptpapier ; mit Naivität gepaarte holde Anmut erscheint neben matronenhafter Würde , Vorblüte und Nachblüte schmiegen sich aneinander ; Flittergold sucht echtes , treues , wahres Gold zu überfunkeln , und gelingt ihm das öfters , als man für möglich halten sollte . Alle Übergangsformationen der weiblichen Welt , vom sechzehnten bis zum sechsundsechzigsten Jahre , kommen zur Erscheinung ; der Liebhaber von Frühlingssonnenschein und Blütenstaub wie der Antiquitätenliebhaber finden gleichmäßig nach Neigung und Geschmack den Stoff zur Begeisterung . Die ewige Sehnsucht des Menschen nach dem Schönen wie die ironische Lust am Häßlichen können auf gleiche Weise befriedigt werden . Aber sollen wir uns hier auch auf Einzelheiten einlassen ? Stille ! stille ! Das Auge , die Religion und die Frauen lassen nicht mit sich spaßen ; das interessanteste Studium ist zugleich das mühsamste und gefährlichste , und weder leidenschaftliche Entzückung und raffaeleske Begeisterung noch zynisches Grinsen stehen uns dazu genügend zu Gebote . Hüten wir uns ; was wir sagen , bedecken wir mit Rosen und besprengen es mit Kölnischem Wasser ; für die Bemerkungen , welche späterhin andere Herren in diesem Kapitel machen , nehmen wir die Verantwortung nicht auf uns . Laß die Leute selbst sehen , wie sie mit den Damen zurechtkommen ! Nach dem Tee und Spiel wurde bei dem Bankier Wienand gegessen , worauf das junge Volk mit den alten Empfindungen , nach hergebrachter Weise , tanzte . Wir aber lassen die große Welt brausen und gleiten verstohlen in das Gemach Helenes , wo es am stillsten und wo die Beleuchtung gedämpfter ist ; denn die junge Bewohnerin dieses Raumes hatte sich noch immer nicht recht von ihrem Schrecken erholt , und nur die Kürze der Zeit hatte überhaupt ein Absagen der Gesellschaft verhindert . Der Bankier Wienand war ein sehr reicher Mann , welcher sein einziges Kind fast abgöttisch liebte . Keinen Wunsch konnte Helene fassen , welchem er nicht