Hüften geschlungen hatte und lächelnd in das Gesicht des jungen Mannes aufschaute , während dieser angelegentlich zu ihm sprach . Als sie ein paar Schritte auf die Wiese gemacht hatten , blieben sie stehen . Oswald deutete mit der Hand nach der Richtung , aus der sie gekommen waren und Bruno sprang in das Gehölz zurück . Der junge Mann stand , die Rückkehr seines Freundes erwartend und köpfte mit dem Stäbchen , das er in der Hand trug , zum Zeitvertreib einige Gräser , die allzulang emporgeschossen waren . Er hatte keine Ahnung davon , daß fünfzig Schritte von ihm ein Paar eben so schöner , wie scharfer Augen jeden seiner Züge musterte , jede seiner Bewegungen sorgfältig beobachtete . Wenn das der neue Hauslehrer ist , so ist er ein Beweis mehr für den alten Satz , daß es zu jeder Regel Ausnahmen giebt . Der sieht wahrlich nicht aus , als ob er zu der Familie der Bemperlein ' s gehörte . Diesen eleganten Sommeranzug haben Sie wohl mit aus der Residenz gebracht . Sehr nett , in der That , für einen Hauslehrer fast zu nett . Sie scheinen etwas eitel zu sein , mein Herr , und lange Conferenzen mit ihrem Schneider zu halten . Aber Sie sind hübsch gewachsen , das muß man Ihnen lassen , und der kleine Schnurrbart steht Ihnen ausnehmend gut . Wollen Sie nicht gefälligst einmal den Kopf in die Höhe heben ; ich wünschte Ihre Augen zu sehen . So - sauve qui peut ! Melitta trat , als Oswald jetzt zufällig die Augen aufschlug , schnell zurück , so daß sie hinter der Thür verborgen war . Sie warf einen flüchtigen Blick in einen Spiegel , der sich in der Nähe befand und glättete rasch ihr üppiges Haar . Dann näherte sie sich verstohlen wieder der Thür . Bruno kam aus den Bäumen herbeigesprungen und zeigte Oswald ein Büchelchen : Hier ist es , rief er , aber Sie bekommen es nicht . Oswald wollte den muthwilligen Knaben haschen , der ihn immer herankommen ließ , um ihm dann jedesmal durch eine blitzschnelle Wendung , oder einen Satz , dessen sich ein Uncas nicht hätte zu schämen brauchen , zu entgehen . Melitta war , durch das hübsche Schauspiel angelockt , aus ihrem Versteck getreten . Sobald Bruno ihrer ansichtig wurde , rannte er auf sie zu , und Oswald , der , über die unerwartete Erscheinung der Dame verwundert , stehen geblieben war , sah , wie der Knabe ihre Hände ergriff und mit stürmischer Zärtlichkeit an seine Lippen drückte . Da bist Du ja , mein Wilder ! sagte die Dame und streichelte die dunklen Locken des Knaben , wo hast Du denn den ganzen Nachmittag gesteckt ? Ich bin spazieren gewesen - mit Oswald , wollte sagen , mit Herrn Doctor Stein ; rief Bruno , und dann zu Oswald sich wendend , der grüßend näher getreten war , dies ist Frau von Berkow , Oswald , von der ich Ihnen nur noch heute Morgen erzählte ; dies ist Herr Stein , Tante Berkow , den ich sehr , sehr lieb habe , und den Sie auch ein wenig lieb haben sollen . Man darf seine Waare nicht zu sehr anpreisen , Bruno , sagte Oswald , sich lächelnd vor der jungen Frau verbeugend , oder der Käufer wird stutzig . Nicht , wenn der Verkäufer so gut accreditirt ist , wie dieser Wildfang bei mir , sagte Melitta , leicht erröthend . Wie lange sind Sie schon auf Grenwitz , Herr Doctor ? Seit vierzehn Tagen etwa , gnädige Frau . Sagte mir die Baronin nicht , daß Sie aus der Residenz kämen ? fragte Melitta , die neugierig war , zu erfahren , ob sich ihre Vermuthung wegen Oswald ' s Anzug bestätigte . Nicht direct , gnädige Frau ; ich lebte zuletzt in Grünwald . In Grünwald ? das interessirt mich . Da könnten Sie mir ja gleich die beste Auskunft geben . Die Sache ist nämlich die - aber ich langweile Sie gewiß mit meinen indiscreten Fragen ! Bitte , gnädige Frau ; ich würde mich glücklich schätzen , Ihnen irgendwie dienen zu können . Sehr gütig . Die Sache ist die . Ich will meinen Sohn - er ist ungefähr in Bruno ' s Alter - Oho , Tante , drei Jahre jünger ! rief Bruno , der sich jetzt in einiger Entfernung auf einer Schaukelbank wiegte . Welch ' scharfes Ohr der Junge hat , sagte Melitta , ihre Stimme senkend . Also , ich will meinen Julius nach Grünwald auf ' s Gymnasium schicken . Oder vielmehr , ich muß , denn sein Lehrer , ein Herr Bemperlein , der schon sechs Jahre bei ihm ist , hat eine Predigerstelle bekommen und wird uns in diesen Tagen verlassen . Nun weiß ich nicht - aber da kommt die Baronin - ich muß meine tausend und eine Frage über tausend und ein verschiedene Dinge , die mir so vollkommen fremd sind wie meinem guten Bemperlein , der längst verlernt hat , wie es in der Stadt aussieht , wenn er es überhaupt jemals wußte , auf eine gelegenere Zeit versparen . Hier kommt man ja doch nicht dazu . Wie wär ' s , Herr Doctor , wenn Sie mich in diesen Tagen mit Ihrem Besuche beehrten , morgen Nachmittag etwa ? Oswald verbeugte sich . Ich habe den Herrn Doctor gebeten , mir morgen seinen Besuch zu schenken , sagte Melitta , zur Baronin gewandt , die in diesem Augenblick mit Mademoiselle Marguerite wieder in ' s Zimmer trat . Es ist wegen der Grünwalder Angelegenheit . Ihr habt doch nicht morgen Nachmittag etwas Besonderes vor , denn ich möchte nicht , daß der Herr Doctor Stein mir ein allzugroßes Opfer bringt . Wir etwas vorhaben ? sagte die Baronin ; Sie kennen ja unser stilles Leben , liebe Melitta ; im Gegentheil , ich denke , eine kleine Zerstreuung der Art wird Herrn Doctor Stein , der die Einförmigkeit eines ländlichen Aufenthalts sicher schon empfunden hat , recht willkommen sein . Ich selbst wollte Sie für morgen schon zu einem Besuche zu bestimmen suchen , Herr Stein ; bei unserm Pastor , der schon empfindlich sein wird , daß Sie sich ihm noch nicht vorgestellt haben . Nun , das läßt sich ja ganz gut vereinigen , sagte Melitta ; morgen ist Sonntag , der Pastor Jäger wird entzückt sein , wenn Sie die nicht allzugroße Zahl seiner Zuhörer durch Ihre Person vermehren . Berkow ist von Faschwitz durch den Wald nur ein halbes Stündchen entfernt . Ich würde Sie gleich zu Mittag einladen , aber ich weiß , daß die Frau Pastorin Sie nicht sobald wieder fortlassen wird . Nun , was sagen Sie , Herr Doctor ? Ich kann den Damen nur meinen tiefgefühlten Dank aussprechen , daß Sie die Güte haben wollen , über meine Zeit besser zu disponiren , als ich es auf jeden Fall im Stande wäre , antwortete Oswald mit einer höflichen Verbeugung . Das heißt : der Weise schickt sich in das Unvermeidliche , sagte Melitta lachend . Und hier kommt der Baron mit Malte , und wir können zu Tische gehen , wonach ich , offen gestanden , großes Verlangen trage . Die Tafel war auf dem niedrigen Perron , der nach dem Garten zu dem Schlosse in seiner ganzen Länge angebaut war , unter einem Zeltdache gedeckt . Der Abend war herrlich . Die Sonne war im Untergehen . Rosige Lichter spielten in den Wipfeln der hohen Buchen , die den schattigen Rasenplatz umgaben . Schwalben schossen zwitschernd und zirpend durch die klare Luft . Ein Pfau kam , durch das wohlbekannte Klappern der Teller herbeigelockt , aus dem Gebüsch eilig über die Wiese geschritten , und sammelte die Brocken auf , die der alte Baron ihm über das Steingeländer des Perrons zuwarf . Die Unterhaltung war heute um Vieles lebhafter , als es wohl sonst der Fall war . Die Baronin konnte , wenn sie wollte , eine sehr angenehme Wirthin machen , und sie war , trotz ihrer zur Schau getragenen Abneigung gegen weltlichen Sinn , durchaus nicht so frei von Eitelkeit , daß es ihr gleichgültig gewesen wäre , neben Melitta übersehen zu werden . Melitta aber war in der liebenswürdigsten Laune ; sie scherzte und lachte , neckte und ließ necken , unbefangen , harmlos , wie ein Kind . Es fiel Oswald , während er sich dem Zauber von Melitta ' s reizender Erscheinung willig überließ , nicht ein , zu glauben , seine Gegenwart könne etwas zur Erhöhung ihrer Stimmung beitragen , und doch war dies in einem hohen Grade der Fall . Es giebt wenige Frauen , die vollkommen indifferent dagegen sind , welchen Eindruck sie auf ihre Umgebung hervorbringen , und Melitta gehörte durchaus nicht zu diesen wenigen Frauen , wohl aber zu jenen Naturen von leicht erreglicher Sinnlichkeit , die sich durch gefällige und schöne Formen in einer Weise bestechen lassen , die kälteren Temperamenten unbegreiflich ist . Nun war Oswald , ohne das zu sein , was man einen schönen Mann nennt , von der Mutter Natur nichts weniger als stiefmütterlich ausgestattet , und die gute Gesellschaft , in der er sich stets bewegt , hatte die natürliche Grazie seiner Manieren noch erhöht . Das Alles überraschte Melitta um so angenehmer , als sie es bei einem Manne von einer nach ihren Begriffen so untergeordneten Stellung am wenigsten erwartet hatte . Oswald erschien ihr mit jedem Augenblick bedeutender ; sie fing an , ihre brüske Einladung von vorhin doch recht unpassend zu finden , und zugleich entzückte sie der Gedanke , den liebenswürdigen jungen Mann so bald bei sich zu sehen . Es schmeichelte ihr , wenn , was über Tische mehrmals geschah , Oswald ' s Blicke den ihren begegneten , und doch senkte sie jedesmal die Wimpern vor einem Augenpaar , das bei aller Unbefangenheit so beredt und forschend blicken konnte . Nach Beendigung der Mahlzeit brachte die Baronin , da Melitta erklärte , noch ein Stündchen bleiben zu können , ein Reifspiel in Vorschlag ; Bruno sprang fort , die Reifen zu holen , die weder verlegt , noch außer Stande waren , ein Umstand , der gewiß für die musterhafte Ordnung , die in dem Schlosse Grenwitz herrschte , beredt genug spricht ; und bald hatte sich die Gesellschaft auf dem Rasen in einem weiten Kreise aufgestellt und die bunten Reifen flogen lustig durch die weiche , warme Abendluft von Einem zum Anderen . Alle , selbst der alte Baron , legten eine größere oder geringere Geschicklichkeit an den Tag , mit Ausnahme von Malte , der seinen Reif in den meisten Fällen , wo er ihm nicht unmittelbar auf den Stock geflogen kam , fallen ließ , eine Gelegenheit , die Melitta , seine Nachbarin , zum großen Aerger Bruno ' s , der die Spielregeln eingehalten wissen wollte , jedesmal benutzte , ihren Reif aus der Reihe einem der Mitspieler blitzschnell über den Kopf zu schleudern , wobei Oswald nicht umhin konnte , zu bemerken , daß Melitta ihn häufiger wie die Uebrigen auf diese Weise auszeichnete . Unterdessen war der Abend tiefer herabgesunken ; der alte Baron hatte eine schwache Spur von Thau auf dem Rasen bemerkt ; Abendthau aber war nach seiner Meinung reines Gift für Malte , der als kleines Kind eine Zeit lang viel an der Bräune gelitten hatte , und er mahnte deshalb dringend , das Spiel einzustellen . Melitta fand , daß es hohe Zeit für sie sei , aufzubrechen , und bat , ihrem Reitknecht Befehl zu geben , die Pferde zu satteln . Bruno war fortgesprungen , den Auftrag auszurichten ; die Baronin mit Mademoiselle in das Zimmer getreten ; der Baron beschäftigt , Malte , der sich durchaus erkältet haben sollte , ein dickes Shawltuch um den Hals zu wickeln ; Oswald und Melitta waren zum ersten Male seit ihrer unterbrochenen Conversation von vorhin allein geblieben . Melitta hatte von einem Rosenstrauch , der zu den Füßen der Flora wuchs , eine Rose gepflückt und betrachtete sinnend die köstliche Blume . Verzeihen Sie , mein Herr , sagte sie plötzlich , leise und rasch , aber ohne die Augen aufzuschlagen , daß ich vorhin die Unschicklichkeit beging , Sie ohne weiteres um einen Besuch zu bitten , der Ihnen am Ende beschwerlich fällt , aber - Kein Aber , gnädige Frau ; ich wiederhole im Ernst , was ich vorhin aus bloßer Höflichkeit sagte , daß ich mich glücklich schätzen würde , Ihnen irgendwie dienen zu können . Sie kommen also morgen ? Wie Sie befehlen . Nein : wie ich wünsche . - Sehen Sie nur , wie wundervoll diese Rose ist ! Lieben Sie auch die Rosen so ? Ich liebe Alles , was schön ist , sagte Oswald , nicht auf die Rose , sondern auf Melitta blickend . Sie hob die langen Wimpern und schaute dem jungen Mann tief und voll in die leuchtenden Augen . Da ! sagte sie plötzlich und hielt ihm die Rose entgegen , als ob er ihren Duft einathmen sollte ; er aber fühlte nur , wie sich die schlanken Finger der Dame leicht wie ein Hauch auf seine Lippen legten . Die Pferde sind da , Tante ! rief Bruno . Ich komme ! antwortete Melitta und eilte von Oswald fort . Die Rose lag zu seinen Füßen ; er bückte sich schnell , hob sie auf und verbarg sie an seiner Brust . Mademoiselle Marguerite brachte Melitta Federhut , Reitpeitsche und Handschuh . Ist die Baronin im Zimmer ? Ja . So will ich gehen , ihr Adieu zu sagen . Der alte Baron , Oswald und die Knaben gingen durch die Gitterthür des Parks nach dem Schloßhofe , wo ein Reitknecht zwei Pferde am Zügel führte . Oswald bewunderte die Schönheit dieser Thiere , besonders das mit dem Damensattel , ein herrliches Vollblut , Melitta ' s Lieblingspferd : Bella . Melitta trat , von der Baronin und Mademoiselle gefolgt , aus dem Portale rasch auf ihr Pferd zu . Der alte Baron hob sie in den Sattel . Adieu , adieu ! rief sie herunter . Allez ! Bella ! und so sprengte sie aus dem Schloßhof , hinein in den dämmerigen Abend . Die Anderen waren wieder in ' s Haus getreten . Oswald stand , die Augen nach dem Thor gerichtet , durch das Melitta verschwunden war , in sich versunken da . Wollen wir nicht hineingehen , Oswald ? fragte Bruno , seine Hand ergreifend ; es ist dunkel geworden . Es ist dunkel geworden , wiederholte der junge Mann und folgte träumend dem Knaben . Achtes Capitel Der Baron hatte Oswald angeboten , ihn nach der Kirche fahren zu lassen ; der junge Mann aber , der die schwerfälligen Braunen noch von dem Abend seiner Ankunft her in bösem Angedenken hielt , es abgelehnt . Bruno und Malte erwarteten heute die Knaben eines benachbarten Edelmannes zum Besuch . Bruno wäre am liebsten mit Oswald gegangen , da dieser aber selbst ihn zu bleiben bat , sagte er : Sie sind recht froh , daß Sie mich auf ein paar Stunden los sind , aber ich weiß , was ich thue . Ich gehe in den Wald und komme vor Abend nicht nach Hause . Das wirst Du nicht thun , Bruno ! Und weshalb nicht ? fragte der Knabe trotzig . Weil Du mich lieb hast . Nun denn , so will ich Ihnen zu Liebe hier bleiben , den albernen Hans von Plüggen nicht prügeln und mich überhaupt so musterhaft benehmen , daß selbst Tante zufrieden sein soll . Thue das , lieber Junge . Leb ' wohl ! Leb ' wohl , Lieber , Bester ! reif der Knabe und warf sich stürmisch an die Brust seines einzigen Freundes , und eilte von ihm fort , in den Garten , dort mit seinem wilden Herzen allein zu sein . Oswald ging aus dem Schloßhofe den Weg , von dem er wußte , daß er nach dem Pfarrhofe führte . Die Sonne schien hell aus dem blauen Himmel , an welchem weiße Wolkenballen unbeweglich standen . Es war nicht heiß , denn der Athem des nahen Meeres hauchte Kühlung durch die Sommerluft . Lerchen jubelten hoch droben » im blauen Raum verloren . « An dem Rande des nahen Waldes , von dem eine Ecke , Oswald zur Rechten , weit in das bebaute Land hineinschoß , zog ein Gabelweih seine Kreise . Auf den Feldern sah man keine Arbeiter ; die Ackergeräthe lagen müßig . In einer Koppel , an welcher der Weg vorüberführte , lagen in satter Ruhe Kühe und Kälber ; ein paar muntere Füllen kamen an den Zaun , und sahen neugierig nach dem Wanderer . Oswald hatte schon den Hof des Gutes hinter sich . Er kam auf dem mit Weiden an beiden Seiten besetzten Wege an der Stelle vorüber , wo der Streit zwischen Bruno und dem Knechte stattgefunden hatte . Unwillkürlich blieb er stehen ; die ganze Scene wurde wieder lebendig vor seinem Auge ; er sah den schönen Knaben , zürnend und drohend , wie ein jugendlicher Gott ; und den feigen zurücktaumelnden Knecht . Fast that es ihm leid , daß er seinen Liebling zum Zurückbleiben vermocht hatte . Er fühlte sich so leicht , so froh an diesem schönen Morgen , und es war ihm schon zur lieben Gewohnheit geworden , wenn seine Seele ein Fest feierte , den Knaben zu Gast zu haben . Du , wie Al Hafi , Wilder , Guter , Edler ! sprach er bei sich , was willst Du in dieser Welt von weibischen Männern ! Fürchten sie sich doch jetzt schon vor Dir , da Du ein Knabe bist , was werden sie thun , wenn Du ein Mann geworden ! Ein Mann thut uns noth , schreien die Gelehrten aller Arten . Wie wollt Ihr Männer haben , wenn Haus und Schule und Leben sich gegenseitig unterstützen , die stolze Kraft im Keim zu brechen ! Da schnitzeln sie an dem Bogen und schnitzeln immerfort , und wundern sich , wenn das feine Ding hernach zerbricht . Pygmäengeschlecht , das den Riesen , den ein glücklicher Zufall an ihren öden Strand geworfen , mit tausend und aber tausend Fäden regungslos an die platte Erde fesselt ! Oswald war in dem besten Zuge , sich in eine misanthrophische Stimmung hineinzureden , aber der helle , leuchtende Morgen duldete die Nachgedanken nicht . Ein Bild , das Bild einer schönen Frau , das gestern Abend , bevor der Schlummer seine Augen schloß , noch zuletzt vor seiner Seele gestanden hatte , das als ein lieber Schatten durch seine Träume geglitten war , und , wie der Nachklang einer köstlichen Musik , ihn schon den ganzen Morgen umschwebt hatte , trat wieder vor seine Seele . Aber vergebens suchte er es zu bannen . - Während er nur an Melitta dachte , nur an sie denken wollte , sah er die Baronin , Mademoiselle Marguerite , diese oder jene Dame seiner Bekanntschaft , aber die Amazone im grünen Reitkleide zerflatterte ihm immer wie neckischer Nebel . So flattre fort , Du schöner Spuk ! rief der junge Mann , und suchte seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben . Das Terrain war bis dahin wellenförmig gewesen , jetzt wurde es eben , wie die Fläche des Meeres in der Windstille . Eine weite Haide lag vor ihm , jenseits derselben das Kirchdorf , welches das Ziel seiner Wanderung war . Andere Gehöfte bekränzten in weiter Ferne die Fläche . Die Weiden , die den Weg begleitet hatten , wurden spärlicher und verschwanden zuletzt ganz . Hier und da hatte man auf der Haide die Rasendecke entfernt , um Torf zu gewinnen , der nun in langen schwarzen Reihen zum Trocknen aufgeschichtet da lag . In den so entstandenen tiefen Gräben blinkte das Wasser . Kibitze und anderes Sumpfgevögel flatterte hin und wider . In der weiten , öden Runde sah Oswald keinen Menschen , außer einer Frau , die ein paar hundert Schritte vor ihm auf einem Grenzsteine saß . Als er näher kam , fand er , daß es eine alte , sehr alte Frau in einem armseligen , aber äußerst reinlichen Anzuge war . Sie mußte wohl , von dem Wege ermüdet , auf dem Steine eingenickt sein ; denn sie richtete den tief gesenkten Kopf schnell in die Höhe , als Oswald in ihre Nähe kam und betrachtete verwundert den jungen Mann . Guten Morgen , Mütterchen ! sagte dieser stehen bleibend , ist das Dorf dort gerade vor uns Faschwitz ? Ja ! sagte die Frau mit für ihr Alter auffallender Lebhaftigkeit , der junge Herr will wohl auch in die Kirche ? Ja , Mütterchen ! wann fängt die Predigt an ? Die Alte warf einen Blick nach der Sonne und sagte : Ich hab ' zu lang geschlafen ; für mich ist es nun schon zu spät ; meine alten Beine tragen mich nicht mehr so schnell ; aber Sie sind ein junger Mensch , Sie kommen schon noch zur rechten Zeit . Nichts für ungut , wie ist Ihr Name , junger Herr ? Stein - Oswald Stein . Stein ? den Namen muß ich schon gehört haben . Wohl möglich , er ist nicht eben selten . Stein - hm , hm ; nichts für ungut , wo sind Sie her , Herr Stein ? Oswald , dem es Vergnügen machte , sich so harmlos ausgefragt zu sehen , und dem die Art der alten Frau wohl gefiel , setzte sich , da es ihn eben nicht drängte , in die Kirche zu kommen , der Matrone gegenüber , die ihn , die runzlichen Hände auf die Kniee gestemmt , aus ihren tief gesunkenen , immer aber noch ausdrucksvollen Augen forschend ansah , auf den Stamm einer umgefallenen Weide und sagte : Aus Grenwitz , Mütterchen . Aus Grenwitz ? Sieh einmal ! Da bin ich auch her . Mit Verlaub , Sie sind wohl zum Besuch auf dem Schlosse ? Nicht so eigentlich ; ich bin der Hauslehrer der Knaben . Das ist wohl nicht möglich ? Warum ? Nun , die Herren Candidaten sehen sonst ganz anders aus . Oswald lachte . Und Sie kommen den weiten Weg ganz allein , Mütterchen ? Ich hab ' keinen Menschen , der mit mir gehen könnte . Mein Mann ist längst todt , und meine Jungens sind todt und meine Dirnens sind todt - Alles todt . Die alte Frau strich sich die Falten ihres Rockes über den Knieen glatt , als wollte sie sagen : Alle eingescharrt , und die Erde glatt drüber gedeckt , keine Spur mehr von ihnen . Oswald jammerte das einsame , hülflose Alter der Frau . Er sagte , um doch etwas zu sagen , wovon er glaubte , daß es der einfältigen Seele tröstlich sein könnte : In jenem Leben werden Sie alle Ihre Lieben wiederfinden . In jenem Leben ? sagte die Alte und blickte zum blauen Himmel hinauf , daran glaube ich nicht . Wie ? daran glauben Sie nicht ? fragte Oswald verwundert . Die Alte schüttelte den Kopf . Sie sind noch jung , Herr - wie war Ihr Name ? Stein - ja - Sie sind noch jung , Herr Stein ; wenn Sie erst so viele Menschen haben sterben sehen , wie ich , glauben Sie auch nicht mehr daran . Wenn ein Mensch gestorben ist , dann ist er richtig todt - richtig todt . Und dann , wo sollten wohl all ' die Menschen hin bei der Auferstehung , wie sie es nennen ? In unserm Dorfe lebt kein Einziger mehr von Allen , mit denen ich jung gewesen bin . Und die Anderen , die nach mir geboren sind , sind alt geworden und auch gestorben . Und so kommen immer Neue und immer Neue . Nein , auf der ganzen weiten Welt wäre kein Platz für all ' die Menschen ! Aber vielleicht auf anderen Sternen ? warf Oswald ein . Wie sollen sie dort hinkommen ? Nein , von der Erde kommt Keiner , aber unter die Erde kommen sie Alle - Alle , und die alte Frau strich die Falten ihres Rockes wieder über den Knieen glatt . Die Körper wohl , aber die Seelen - Na , ich weiß nicht , sagte die Matrone den Kopf schüttelnd , aber das weiß ich , daß wenn einer gestorben ist , er richtig todt ist , und wir sagen : nun hat die liebe Seele Ruhe . Und etwas Besseres als Ruhe kann sich auch Keiner nicht wünschen , er mag ein Edelmann oder ein Bauersmann sein , jung oder alt . Weshalb aber gehen Sie denn noch den weiten Weg in die Kirche , wenn Sie an nichts mehr glauben ? fragte Oswald . Wer sagt das ? sagte die Matrone fast entrüstet ; ich glaube an Gott , wie jeder Christenmensch ; und rechtschaffen und fromm muß man sein , das hat mit der Auferstehung nichts zu schaffen ; und seine Pflicht muß man thun , das versteht sich von selbst . Und nun , junger Herr , machen Sie , daß Sie fortkommen , es wird sonst gar zu spät . Ich will nur wieder umkehren . Adjes ! Damit stand sie auf , ergriff einen Eichenstock , der neben ihr an dem Stein gelehnt hatte , streckte Oswald die welke , zitternde Hand hin , die dieser nicht ohne ein Gefühl der Ehrfurcht drückte , und begann den Weg , den sie gekommen war , langsam zurückzuwandern . Das ist eine merkwürdige Frau , sprach der junge Mann bei sich , während er rascher weiter schritt ; ich muß mich näher nach ihr erkundigen . Wer hätte geglaubt , daß die Sätze der Philosophen vom neuesten Schlage , Sätze , die freilich nur uralte Münzen mit etwas anderem Gepräge sind , selbst in diesen Schichten des Volkes cursiren . Nun , nun , wenn selbst die Einfältigen und Friedfertigen anfangen , sich zu besinnen , daß sie Augen zum Sehen und Ohren zum Hören haben , so ist ja wohl der letzte Tag der Dunkelmänner gekommen . Neuntes Capitel Das Dorf Faschwitz ist ein Experiment der Regierung . Das Gut , eines der größten der Gegend , war , wie fast alle in diesem Theil des Landes , ursprünglich im Besitz einer adeligen Familie gewesen , und beim Aussterben derselben als erledigtes Lehen an die Krone zurückgefallen . Diese hatte , um sich einen Stamm kleinerer Grundbesitzer oder freier Bauern zu schaffen an denen es dort fast ganz gebricht , hier und an anderen Orten förmliche Bauerncolonien gegründet , indem sie große Lehengüter parcellirte und die einzelnen Parcellen zu Spottpreisen an Liebhaber verkaufte . Der Faschwitzer Gemeinde hatte sie eine Kirche gebaut , einen Prediger in den Ort geschickt ; es war nicht die Schuld der Regierung , wenn die Faschwitzer nicht gediehen . Indessen stand zu wünschen , daß die Faschwitzer von den übrigen ihnen gewährten Vortheilen und Vorzügen einen besseren Gebrauch machten , als von der Gelegenheit , sich allsonntäglich geistige Nahrung zu verschaffen , denn Oswald fand , als er sich durch eine Seitenthür - die Hauptthür war verschlossen - Eingang verschafft hatte , daß die » andächtigen Zuhörer « aus einigen Kindern , die wohl zum Confirmandenunterricht gingen und also ex officio da waren , einigen alten Frauen , die der langen Gewohnheit bis an ' s Ende treu bleiben , und aus einigen Gutsbesitzerfamilien der Nachbarschaft , die ihren Hörigen ein gutes Beispiel geben wollten , bestand . Das Innere der Kirche bildete einen mäßig großen , wohl erhellten , nicht gewölbten Saal , in welchem Kanzel , Altar und Bänke schicklich vertheilt waren - Alles sehr neu , sehr zweckmäßig - und sehr nüchtern . Da gab es keine kleinen buntgemalten Fensterscheiben , kein Altarbild , keine pausbäckigen Engel in Bronce oder Holz , keine Votivtafeln , keine halbverwelkten Kränze , und wodurch noch sonst der Katholik seinen gemüthlichen Beziehungen zu der überirdischen Welt , zu welcher ihm die Kirche eine Vorhalle ist , einen Ausdruck zu verschaffen sucht . Das einzige Poetische in der Kirche waren die Schatten der Linden vor den Fenstern , die auf der hellen gegenüberstehenden Wand hin und her wogten , und die breiten Lichtstreifen , die schräg durch den Raum fielen und der Phantasie eine goldene Brücke bauten , aus dieser nüchternen Atmosphäre zu entrinnen in den Sommermorgen , der draußen warm und duftig auf Wiesen , Feldern und Wäldern lag . Von der Zuhörerschaft schien indessen Niemand dieses Weges zu bedürfen oder ihn praktikabel zu finden , mit Ausnahme etwa eines hübschen zehnjährigen Mädchens mit langen blonden Locken , die wohl ein lebhaftes Verlangen nach den bunten Blumen und weißen Schmetterlingen im Garten ihres Vaters , eines dicken Gutsbesitzers , der neben ihr andächtig nickte , empfinden mochte , und deswegen von der hageren Gouvernante oft zur Ruhe ermahnt werden mußte . Im Uebrigen trugen die Gesichter aller Anwesenden entschieden das Gepräge von Leuten , die ihre Gedanken zu Hause gelassen haben , und im besten Falle von Menschen , die sich mit Anstand langweilen . Und in der That , es wäre ein Wunder gewesen , wenn diese Gemeinde sich von dieser Predigt hätte erbauen lassen und von diesem Prediger . Oswald , der der Kanzel gegenüber hinter der Gutsbesitzerfamilie zu sitzen gekommen war , erkannte auf den ersten Blick , den er auf den Prediger richtete , und nach den ersten Worten , die er aus des Mannes Munde vernahm , daß hier zwischen Geistlichem und Gemeinde ungefähr so viel Sympathie bestehe , wie zwischen