hat sie nur hervorgehoben , um dadurch die Wallfahrten selbst zu verdächtigen und diese ächt katholische Lebensäußerung zu unterdrücken , weil sie mit dem öden Begriffswesen moderner Humanität nicht zusammenstimmen wollte . In dem Einerlei des mühseligen , sorgenschweren Alltaglebens braucht der Mensch aber zeitweise eine Erfrischung , eine Aufrichtung , ein Vergessen der irdischen Nöten und Arbeiten . Er will einmal einige Tage der Freiheit und der Ruhe haben und ungestört seinen teuersten und höchsten Interessen sich hingeben . Das sind unstreitig die ewigen , denn sie umschließen den ganzen Menschen mit allen seinen Verhältnissen und Pflichten gegen den Nächsten und gegen Gott . Da verläßt er denn auf einige Tage sein Haus und begibt sich nach einem jener uralten Gnadenorte , wo seit einem halben oder ganzen Jahrtausend Millionen von Menschen gebetet und Trost gefunden haben . Auf dem Hinweg sammelt er sich in seiner Seele und bedenkt all ' den Wust , der sie drückt : so viel Sünden , so viel Torheit und Verkehrtheit , so viel Leid und Gram und Kummer , so viele Wünsche , Hoffnungen , Bestrebungen , Das überlegt er alles und teilt es ein : die Sünden mit ihrem Gefolge von Reue und guten Vorsätzen für das Bußsakrament und die Bitten , die Klagen , das Flehen für das Altarssakrament ; und dann wendet er sich an die Fürsprache der großen Freunde Gottes , der seligsten Jungfrau Maria , der heiligen vierzehn Nothelfer , oder stellt sich unter den Schutz und vertraut auf die Kraft des heiligen Blutes oder der Not Gottes , oder wie sonst das Geheimnis heißen möge , dessen Verehrung der Gnadenort geweiht ist : und in dieser Stimmung bringt er dort einen Tag zu oder zwei , manchmal auch nur einige Stunden , und geht dann heim , versöhnt mit Gott , erquickt in seiner Seele , voll guter Entschlüsse , getröstet und aufgerichtet - oft für sein ganzes Leben , und macht sich dann wieder an sein mühseliges Tagewerk . O mein lieber Damian , scheint Dir das wirklich ein großer Skandal zu sein ? Ich meines Teils wünschte recht oft ihn zu machen und ihn zu erleben . « » Sie sind ein Idealist , Onkel Levin ! « rief Damian . » Sie haben immer das Ideal im Herzen und vor Augen ! Aber ich wette darauf , daß all ' jene guten Wallfahrer , die sich da drüben schieben , drängen und stoßen , sehr weit davon entfernt sind . « » Gott allein sieht in ' s Herz , lieber Damian , und so wollen wir ihm das Urteil über jene braven Leute anheimstellen , die bei ihrer Andacht auch noch das Unbehagen des Gedränges in den Kauf nehmen müssen . Übrigens hält die Kirche uns allen , für all ' unser Tun und Lassen , in der christlichen Vollkommenheit das Ideal vor , das wir immer vor Augen haben sollen . Bemühen wir uns nicht , das Geringste mit möglichster Vollkommenheit zu tun , so werden wir es bald ganz schlecht machen . « » Lieber Onkel ! « rief Damian , » warum werden Sie nie ärgerlich , da ich Sie doch manchmal mit meinen Bemerkungen recht sekkiere . « » Weil ich Dich lieb habe , mein Damian . « » Ach nein , Onkel , das glaub ' ich nicht ; sondern weil Sie Gott lieben und in ihm auch mich . « » Das versteht sich : Gott ist der Urgrund jeder wahren Liebe . « » Zuweilen denk ' ich , wären alle Priester wie Sie , Onkel Levin , so wäre die ganze Welt , auch die katholische , gut katholisch . « » Wären wir Priester dem Ideal des kreuztragenden Heilandes näher , so stände es ohne Zweifel besser mit der Welt ; darin hast Du ganz Recht , « sagte Levin demütig und freundlich . » Aber die ganze Last lasse ich mir nicht aufbürden . Um gut katholisch zu sein , muß man es auch sein wollen . Drei und dreißig Jahre hatten die Juden Christus vor Augen mit all ' seinen Wundern und göttlichen Beglaubigungen , und wie wenige schlossen sich ihm an ! Ohne den Willen kein Glaube und keine Tugend , darauf verlaß Dich . « Kunigunde reiste nach Altötting , das gewiß eine der merkwürdigsten Stätten der Erde ist - so irdisch reizlos und so unirdisch reizend . Eine halbe Stunde vom Inn entfernt , flach , baumlos , unmalerisch , liegt auf der weiten Ebene zwischen München und Passau der kleine Marktflecken Altötting , der aus ein paar Straßen und einem freien Platz besteht . An diesem Platz , der weit und unregelmäßig ist , liegen drei Kirchen und verschiedene größere und kleinere Häuser : die Pfarrkirche , die Kapuzinerkirche mit dem daranstoßenden Kloster , und Kirche und Haus der Patres Redemptoristen . Das übrige sind Privathäuser . Alles ist ohne Schönheit der Architektur , ohne Pracht , so ungemein einfach und schmucklos , daß man , wenn man an Loretto oder Einsiedeln in ihrer großartigen Majestät denkt , ganz vergebens nach der Wallfahrtskirche mit dem Heiligtum sich umsieht , während man dort nichts anderes sieht . Dann liegt mitten auf dem freien Platz eine kleine Kapelle , achteckig , mit spitzem Dach und vor dem Achteck , das man auch den Chor nennen kann , ein Langschiff ; das Ganze umgeben von einem schwerfälligen , niederen Bogengang , der Schutz gegen Regen und Sonnenschein gewährt . Welch ein seltsames kleines Gebäude ! Aber sieh ! alles Gemäuer des Bogenganges ist mit Votivtafeln bedeckt und schwere Kreuze , welche büßende Pilger getragen haben , stehen an den Pfeilern ; denn dies unscheinbare , ja dürftige Gebäude , so unansehnlich und gering wie die Grotte von Bethlehem , ist die Gnadenkapelle . Auch im Innern ist etwas von der Dunkelheit , der Stille , dem Geheimnisvollen und Feierlichen jener Grotte . Das kleine Langschiff , 36 Fuß lang und 24 breit , hat zwei Altäre und einige Kniebänke ; über der Eingangstür die Orgelbühne . In der inneren Kapelle , dem Achteck , steht über dem Altare in einem silbernen Schrein das kleine uralte Gnadenbild : Maria mit dem Jesukinde auf ihrem rechten Arme und in der Linken den Scepter , aus dem die Lilie hervorblüht . Maria , als Mutter und Königin ; die Liebe in ihrer Zärtlichkeit und in ihrer Macht , in Allem , was sie Süßes und was sie Großartiges hat . In der Dicke der Mauer sind Nischen angebracht und vor ihnen Kniebänke aufgestellt , um den engen Raum möglichst wenig zu beschränken . Über den Nischen befinden sich auf schwarzem Grunde hinter Glasscheiben kostbare Votiv- oder auch Liebesgaben , Hals- und Armbänder , Ringe , Münzen , Kreuze , köstlich gefaßte Reliquien . Fünf herrliche Lampen hängen vor dem Altare und das ewige Licht in ihnen leuchtet mild durch das Dunkel und wirft hie und da einen Glanzblick auf den reichen Schmuck . Die Herzen bayerischer Landesfürsten , unter ihnen Kaiser Karl VII. , 1745 , und König Maximilian I. , 1825 , ruhen einbalsamiert in silbernen herzförmigen Gefäßen an der Wand , welche dem Gnadenbilde gegenüber sich befindet . Trotz Purpur und Krone betteten sie sich zur letzten Ruhe unter den Schutzmantel der Mutter Gottes von Altötting . Ein leises Säuseln verhallt nie in diesem geheiligten Raume , der vom frühen Morgen bis zum späten Abend geöffnet ist . Das Flüstern des Gebetes , die leisen Seufzer , die Atemzüge der Andächtigen , das Rauschen eines Kleides , der Fall einer Kugel des Rosenkranzes , das Umschlagen der Blätter im Gebetbuch - diese Laute , welche man sonst kaum bemerkt , sind in dieser tiefen Stille hörbar , wie am Abend ein Säuseln durch den Wald geht , oder wie man in weiter Ferne die Wellen des See ' s an ' s Gestade rieseln hört . In eine wunderbar tiefe Ferne sinkt die Welt und das Leben und das Treiben der Leidenschaft und der Kampf in der eigenen Brust zurück . Wie man von einem hohen Berge ringsum den Horizont schaut so weit , so weit , daß Erd ' und Himmel in einander schwimmen , aber Städte und Dörfer nicht mehr zu sehen sind : so geht es der Seele in diesem Raum , der seit mehr als einem Jahrtausend nichts gewesen ist , als eine Stätte des Gebetes . Es gibt andere berühmte Orte , wohin auch seit langer Zeit die Menschen reisen , um Kunstwerke , oder Naturschönheiten , oder prachtvolle Paläste , Kirchen , Gärten , oder merkwürdige und interessante Sammlungen und Anstalten zu bewundern , und sie suchen sich dabei zu unterhalten , zu bilden , zu belehren , oder die Zeit zu töten und das Geld zu verschwenden . Die Bewunderung bildet eine Art von Glorie um solche Punkte und eine gewisse geistige Atmosphäre , deren Einfluß sogar stumpfe und äußerst prosaische Menschen etwas empfinden . Welch eine geistige Atmosphäre muß um einen Punkt sich gebildet haben , den nie ein Mensch in anderer Absicht betrat , als um zu beten ! seit mehr als tausend Jahren - nur um zu beten , nur um die Tiefen des Herzens vor Gott auszuschütten . Und dieser Zug des Gebetes vererbt sich von einer Generation auf die andere , zieht sich durch ein Menschenalter in das andere hinein , läßt sich nicht stören durch den Wechsel , den ein Jahrtausend in alle Verhältnisse der Menschheit bringt ; wird unterbrochen durch diese und jene Ungunst der Zeiten , und hebt jenseits derselben gerade so wieder an , wie er notgedrungen diesseits aufgehört hatte ! Seitdem der heilige Rupert im siebenten Jahrhunderte das Christentum in Bayern gründete und das Mutter Gottesbild nach Altötting brachte , sind Reiche und Völker auf- und untergegangen , sind Throne und Kronen gesunken und aufgerichtet ; aber die andächtige Wallfahrt zu der Stätte , wo die Mutter Gottes so gnädig ist , geht jetzt gerade so wie damals fort - ein Strom lebendiger Einheit in Glauben und Liebe , der aus Millionen von Herzen bricht und in der kleinen grottenhaften Kapelle sich sammelt , ewig wiederholend die Wallfahrt der Könige des Morgenlandes und der armen Hirten zum Kindlein von Bethlehem . Kunigunde hielt mit großer Sammlung und Ruhe ihre neuntägige Andacht und erbaute sich ungemein an den feierlichen Prozessionen , die am Tage Mariä Geburt sich einfanden und so viel Menschen brachten , daß der ganze Platz belebt war und jeder nur nach und nach in die Kapelle dringen konnte . Auch an den übrigen Tagen fehlte es nicht an einzelnen Wallfahrern aus den verschiedensten Ständen . Das Landvolk war am zahlreichsten vertreten ; sehr natürlich , weil es überhaupt die größte Zahl in der Bevölkerung ausmacht . Levin brachte das heilige Meßopfer in der Gnadenkapelle dar , und seine Seele wallfahrtete in den Himmel und pries Gott , der durch das Christentum Glauben und Liebe so tief in das Menschenherz versenkt hat , daß sie gleichsam als organische Lebensäußerungen daraus emporwachsen und in dieser zugleich so kindlichen und so großartigen Form ein wunderbares Zeugnis der Jahrhunderte für die Glaubenseinheit in der Kirche ablegen . Am Vorabend der Abreise sagte er zu Kunigunde : » Jetzt muß ich Ihnen eine Merkwürdigkeit zeigen , die freilich nicht unmittelbar zur Wallfahrt nach Altötting gehört , aber doch sehr lehrreich ist . « Er führte sie nach der Pfarrkirche in eine Kapelle des Kreuzganges . Auf einer kleinen Treppe stiegen sie zur Gruft unter der Kapelle herab und standen vor einem Sarge , auf den Levin deutete und sagte : » Hier ruht ein ausgezeichneter Mann , ein großer Feldherr , ein tüchtiger Diener seines Herrn , ein wahrhaft frommer Sohn der Kirche , ein tadellos reiner Mensch , ein so inbrünstiger Verehrer der Mutter Gottes , daß er sein Herz in silberner Kapsel in der Gnadenkapelle beisetzen ließ ; ein so demütiger Christ , daß er nach seinen Schlachten und Siegen vor dem Bilde des Gekreuzigten hinkniete und Gott um Verzeihung bat für den Fall , daß durch seine Schuld zu viel Blut vergossen sei . Und welch Andenken , glauben Sie , bewahrt die Geschichte ihm auf ? Als ein blutdürstiger Unmensch , mit dem man schon Kindern in der Schule Grauen erregt , wird er dargestellt , und wandelt er fluchbeladen seit zweihundert Jahren durch die sogenannte unparteiische Geschichte . Es ist der berühmte Feldherr des traurigen dreißigjährigen Krieges : Tilly . « » Aber wie kann die Entstellung eines solchen Charakters eine Feder finden ? « fragte Kunigunde . Weil manche Feder im Dienste einer Partei , statt im Dienste der Wahrheit schreibt , und weil die Parteiwut das Auge so krank macht , daß es im Spiegel seiner eigenen Verzerrtheit des Gegners Tugenden als Laster sieht . Ist ein großer Gegner ein gläubiger Christ , so können Sie sich leicht vorstellen , daß er bei den Glaubenslosen keine Gnade findet . « » Ach , lieber Onkel , wie schmerzlich ist doch dieser Haß des Unglaubens und des Abfalles gegen den heiligen Glauben und gegen alles , was wir mit unsterblicher Liebe lieben . « » Bestes Kind , das Kreuz ist ein Zeichen , dem widersprochen werden wird ; dies sagt uns die heilige Schrift . Meinen Sie , es sei nur gesagt für die ersten Tage des Christentums ? nur für jene Zeiten , als die Welt heidnisch war ? O nein ! jene ersten Tage werden dauern bis zum jüngsten Tage , denn in der Welt ist immer ein Stück Heidentum zu finden : die Selbstvergötterung - und auch in unser Herz ist sie immer bereit , sich einzuschleichen . Manche Zeiten sind ganz besonders von ihr überwuchert , Zeiten wilder Kämpfe , leidenschaftlicher Aufregung sowohl , als Zeiten voll materiellem Segen . Jene erhitzen und verwirren , diese erschlaffen die Gemüter , und solchen ist die Lehre vom Kreuze unwillkommen und der Götzendienst des Ich ' s äußerst bequem . Haben sie sich aber recht fest darin zurecht gesetzt , so kommen Stürme und Erschütterungen und all ' die kleinen Götterchen krachen zusammen und mancher , der sich selbst als seinen Götzen verloren hat , sieht sich um nach einem Gott , der unverlierbar ist . « » Bester Onkel , « sagte Kunigunde , » wenn ich künftig die scharfen , ja oft so barbarischen Urteile der Welt höre , will ich immer denken an Tillys Herz in der Gnadenkapelle zu Altötting . « - - Im nächsten Jahr war große Freude im Schloß Windeck . Der Tag Mariä Geburt war der Geburtstag eines Kindes , das Kunigunde in zärtlicher Dankbarkeit für die Gnade der Himmelskönigin Maria Regina nannte . Sie war glückselig ! all ' die Innigkeit , die Wärme , die Zartheit der Empfindung , für die sie bei ihrem Manne kein Verständnis fand , übertrug sie auf das Kind , das freilich jetzt im Morgenschlaf seines kleinen Lebens bewußtlos diese Liebe hinnahm , aber allmählig mit den erwachenden Kräften seines Herzens an das Mutterherz sich schlingen würde . Kunigunde freute sich unsäglich , daß es gerade eine Tochter war . Die behielt sie immer an ihrer Seite ; die ging auf keine Universität , auf keine Reisen , auf keine Jagden , in keinen Krieg ; die gehörte ihr , mit der richtete sie sich fürs Leben ein . Es gab keine Tugend , keinen Vorzug , kein Talent , womit sie nicht im Geiste ihre Tochter schmückte - vor allem aber mit jener fleckenlosen Reinheit , welche vor jeder Beleidigung Gottes zurückschaudert . Deshalb stellte sie das Kind unter den besonderen Schutz der seligsten Jungfrau Maria und nahm sich vor , es immer in Weiß zu kleiden , um auch äußerlich an die innere Lauterkeit zu mahnen . Zwischen Kunigunde und Walburg war jetzt ein beständiger fröhlicher Streit , wer von ihnen die glücklichste Mutter sei und die glänzendsten Hoffnungen habe . Wenn Walburg mit ihrem Knabenkleeblatt ein wenig prahlen wollte , so pflegte Kunigunde zu sagen : » Warte nur ein paar Jahre ! dann wirst Du gleichsam eine kinderlose Mutter sein . Dann sind die Bübchen in alle vier Winde verstreut , während ich mit meiner Regina äußerst behaglich hier sitze und Du zu uns kommst , um zu sehen , wie das ist , wenn man ein Kind hat . So geht ' s mit den Söhnen . « » Und dann , « sagte Walburg lachend , » kommt eines Tages statt meiner irgend ein charmanter Jüngling , wirbt um das Töchterchen und führt es nach Oft- oder Westindien ; und das Töchterchen , das bisher nie einen Tag von der Mutter getrennt war , geht urplötzlich löwenkühn mit dem fremden Mann an ' s Ende der Welt . So geht ' s mit den Töchtern ! « » Das ist eine schauerliche Vorstellung , « seufzte Kunigunde . » Nun , ich will Dir etwas sagen , « fuhr Walburg beruhigend fort , » Uriel muß Regina heiraten ; dann behalten wir beide in unserer Nähe . « » Uriel muß ein sehr ausgezeichneter Mensch werden , wenn er Regina haben will , « sagte Kunigunde höchst ernsthaft , obwohl Regina erst sechs Monat alt und Uriel im sechsten Jahre war . » Du sagst wohl mit Schillers Wallenstein : Meinen Eidam will ich mir auf Europa ' s Thronen suchen , wenn Du mit meinem Uriel nicht zufrieden bist , « sagte Walburg scherzend . » Die Ehe ist ein herber Stand , liebe Schwester ! « » Freilich ! Aber der ehelose ist noch herber , ist so einsam . « Der Ordensstand war zu jener Zeit etwas so Fremdartiges unter den höheren Ständen , weil man nur solche klösterliche Institute duldete , welche sich dem Unterrichtswesen oder der Krankenpflege widmeten , daß Kunigunde seufzte : » Und wenn sie Ursulinerin oder Salesianerin würde , müßte sie Tag für Tag Schule halten für fremde Kinder und ich verlöre sie doch ! Es wird wohl am Besten sein , wenn sie Uriel heiratet . « Auf diese frohe Zeit folgten Tage schwerer Heimsuchung . Gratian hatte sich auf der Jagd erkältet und sein Übelbefinden nicht geachtet . Als er endlich den Arzt rufen ließ , war die Krankheit schon bedenklich , wurde bald gefährlich und steigerte sich zu einem furchtbaren Nervenfieber . Walburg schickte ihre Söhne nach Windeck , um sie vor der Ansteckung zu bewahren und pflegte Gratian Tag und Nacht . Damian kam sogleich und stand ihr hilfreich zur Seite , damit sie sich nicht über ihre Kräfte anstrenge . Levin ging hin und her zwischen den beiden zagenden , betrübten Frauen und sprach ihnen himmlische Hoffnung zu , je mehr die irdische schwand . Die Stärke des Fiebers versetzte Gratian gewöhnlich in einen bewußtlosen Zustand ; aber Gott erhörte Walburg ' s und Levin ' s heißes Gebet : kurz vor seinem Ende kam Gratian zu sich und empfing die Sterbsakramente ; dann sagte er fast unhörbar zu seinem Bruder : » Nimm Dich meiner armen Buben als Vater an . « » Verlaß Dich darauf , « erwiderte Damian traurig . » Uriel heiratet Regina und für die beiden anderen sorge ich auch . « Sanft drückte Gratian des Bruders Hand , warf einen zärtlichen Blick auf Walburg , fiel in ' s Delirium zurück und verschied ruhig nach einigen Stunden . Die trostlose Walburg war gar nicht zu trennen von der geliebten Leiche . Als Damian sie endlich mit Gewalt wegführte , legte sie sich zu Bett - und stand nicht wieder auf . Binnen neun Tagen riß die Krankheit , die junge kräftige Menschen am heftigsten befällt , sie in ihr frühes Grab . Kunigunde war aufgelöst von Schmerz . Die Schwestern hatten ein Doppelleben zusammen geführt und jede die Freuden und Leiden der anderen so innig geteilt , daß Kunigundens halbes Herz in Walburg ' s Sarg sank . Bei ihrer großen Schüchternheit kam ihr auch die Erziehung der drei Knaben als eine übermäßig schwere Aufgabe vor , und doch fand sie wieder ihren süßesten Trost darin , den kleinen Verwaisten die Mutter zu ersetzen . Damian hatte die Knaben so lieb und war so ganz von der Vorstellung erfüllt , in Uriel den künftigen Majoratsherrn und seinen Schwiegersohn zu sehen , daß er sich darüber tröstete , keinen Sohn zu haben und die Kinder ganz väterlich in sein Haus nahm . Ihre Erziehung machte ihm nicht viel Sorgen ! » Gundel , sei nicht so ängstlich ! « sagte er einmal zu der Gräfin , als sie von den Gefahren sprach , denen junge Leute in der Welt ausgesetzt sind . » Die Welt erzieht den Mann . « » Aber wie ! « seufzte Kunigunde . » Nun , wie ? wie sie ihn braucht , mein Kind . Der junge Mann muß Erfahrungen machen und hat er die hinter sich , so wird er vernünftig ; der eine früher , der andere später . « » Aber er macht diese Erfahrungen gewöhnlich auf Kosten seines besseren Selbst und zahlt für Niedriges den höchsten Preis . « » Das Paradies für einen Apfel - allerdings , das kann geschehen , « sagte Damian höchst gleichmütig . » Diesen Weg hat der Schöpfer von Adams Zeiten an dem Menschen zugewiesen . « » Der Mensch hat freiwillig den Weg des Abfalls eingeschlagen , « rief Kunigunde lebhaft , » und für das Paradies , das er aufgab , hat der barmherzige Gott ihm die Anwartschaft auf den Himmel gegeben . Die Welt nun , die es ihm so leicht macht , das Paradies zu verlieren , was tut sie , um ihn an seine himmlischen Ansprüche zu erinnern ? « » Nichts , mein Kind , gar nichts ! ist auch nicht nötig ! Man hat ja Grundsätze , die freilich zuweilen etwas wackeln , aber mit der Zeit sich befestigen . Die Karriere , in die man tritt , die vortreffliche Frau , die man heiratet , tun denn auch das Ihre ; und so wimmelt die Welt von klugen , rechtschaffenen , gebildeten , tüchtigen Männern , zu denen unsere Buben ohne Zweifel gehören werden . « Kunigunde lächelte traurig und suchte Trost bei Levin . Auch er sagte : » Seien Sie nicht so zaghaft , Kind ! « aber aus anderen Gründen als Damian . » Statt vor der Zukunft der Knaben zu bangen , benutzen Sie die Gegenwart , um auf dem Wege der Tugend so fortzuschreiten , daß Sie Ihren Kindern ein liebliches , leuchtendes , unvergeßliches Vorbild der Gottesliebe und der christlichen Vollkommenheit werden . Daran scheitert manch Blendwerk der Welt . « » Aber meine Mißgriffe , mein Mangel an Einsicht , meine Schwäche , wie viel Schaden können sie stiften trotz all ' meinem guten Willen . « » Dem menschlichen Tun wohnt Gebrechlichkeit inne , und wir alle lassen es an Mißgriffen , auch bei unseren teuersten Angelegenheiten , nicht fehlen . Fassen wir aber immer wieder und wieder die Richtung auf die Ehre Gottes und das Heil der Seelen in ' s Auge , so wird Gott , für den wir das Beste zu tun suchen , ohne Zweifel viel Besseres für uns tun und den Folgen unserer Mißgriffe Schranken setzen . « Damian , der einmal solchem Gespräch beigewohnt hatte , sagte später zu Kunigunde : » Es ist recht seltsam , daß Onkel Levin immer so spricht , als ob die Vorsehung von unserem Tun und Treiben spezielle Notiz nähme . « » Lieber Damian , « antwortete Kunigunde lächelnd , » ob die Vorsehung das tut , weiß ich freilich nicht . Aber Gott tut es : darauf verlaß Dich . Warum sollte er sich die Mühe genommen haben , jedes Haar auf Deinem Haupte zu zählen , wie wir es lesen in heiliger Schrift , wenn er keine spezielle Notiz von Dir nehmen wollte ? « » Liest Du die heilige Schrift ? « fragte Damian höchst verwundert . » Ich meine gehört zu haben , sie sei verboten , weil das ganze künstlich ersonnene und zusammengesetzte Gebäude der katholischen Kirche über den Haufen fallen würde , wenn man die Lesung gestattete . « Kunigunde lachte herzlich und rief : » Das wäre ja eine ungemein tragische Begebenheit , wenn eines guten Tages die apostolische Kirche zusammenprasseln sollte vor dem Echo der heiligen Schriften , die ja in ihr abgefaßt , gesichtet und beglaubigt sind , und die nur ein Leben haben , insofern sie gehören zum lebendigen Organismus des heiligen Geistes , dessen Bau eben diese Kirche ist . Einem Denkgebäude , von menschlicher Weisheit ersonnen , könnte es hingegen wohl geschehen , daß es zusammenstürzte , wenn die mächtige Stimme des Evangeliums darin erschallte , weil seine Wahrheiten nicht Stand hielten vor der ewigen Wahrheit der Offenbarung . « » Es ist der katholischen Kirche schon oft der Untergang prophezeit worden . « » Ja wohl , zu ihrem großen Trost ! denn dies oft beweist , daß es immer falsche Propheten waren ; daß sie nur verkündeten , was sie wünschten , und daß sie wünschten , was der Antichrist immer wünscht : Christus in seinem Erlösungswerk zu vernichten . « » Gundel , Du sprichst wie ein Professor mystischer Theologie ! Hast Du Deine Freude daran , so sei sie Dir gegönnt . Aber ich bitte mir aus , daß Du sie nicht unseren Buben einpflanzest ; die brauchen vom Antichrist nichts zu wissen und nicht in den heiligen Schriften zu studieren . « Kunigunde war nach und nach erfahrener und vorsichtiger geworden . Sie ließ die Sache fallen und nahm sich um so fester vor , einen kindlichen frommen Glauben in den Knaben zu pflegen , als sie wohl wußte , daß Damian sie nicht darin unterstützen würde . Es war ein Donnerschlag für sie , als Juliane plötzlich mit überraschender Zärtlichkeit schrieb , sie wünsche den zweiten Sohn ihres geliebten Gratian zu sich zu nehmen , zu erziehen und ihm nach ihrem und ihres Mannes Tode Stamberg als Fideikommis zu übergeben . Leichenblaß saß Kunigunde da , während Damian den Brief vorlas ; ihre Hände waren vom Stickrahmen in ihren Schoß gesunken und zitterten leise , und mit unaussprechlichem Schmerz sah sie Levin an , als wolle sie seines Beistandes sich versichern . » Der arme Junge dauert mich , « sagte Damian , als der Brief zu Ende war . » So ganz allein bei der Großmama , das wird eine traurige Kindheit geben ! Dafür bekommt er denn freilich später ein prächtiges Fideikommis , das somit den gierigen Klauen der schlesischen Stambergs entrissen wird und unserer Familie bleibt . Ich bin recht froh , endlich darüber Gewißheit zu haben . Nun , Gundel , was sagst Du ? Du bist ja ganz starr vor Überraschung . « » Ich sage , lieber Damian , « erwiderte Kunigunde mit bebender Stimme , » daß ich auf Deine Zustimmung zähle und das Kind nicht hergebe . Dir hat Gratian seine Söhne anvertraut und ich habe sie von Walburg geerbt . Sie sind auch ein Fideikommis , ein viel kostbareres als alle Güter der Welt - und ich denke , wir vertauschen sie nicht gegen Stamberg - nicht alle und nicht einen . « » Kind , es handelt sich um eine Rente von mindestens fünfzigtausend Gulden . Die wirft man nicht fort wie eine Einladungskarte , welcher man nicht Folge leisten will . Die erste Jugend des kleinen Orest wird nicht sehr munter sein ; aber im späteren Leben kann er das ja leicht nachholen und ganz andere Freuden genießen , als die unbedeutenden der Kindheit . Weigern wir uns aber , nimmt die Mama unsere Weigerung übel , macht sie ein Fideikommis zu Gunsten der Stambergs , und Orest erfährt dermaleinst , daß er durch unsere verkehrte Zärtlichkeit es verloren hat , wird er uns dann keine Vorwürfe machen ? und haben wir sie nicht verdient ? « » Lieber Damian , « erwiderte Kunigunde , » es ist eine von Deinen glänzenden Eigenschaften , daß Du als ein ächter Aristokrat sehr großmütig in Bezug auf Geld und Gut bist . Das hast Du bewiesen , als Du ein ganz unbemitteltes Mädchen zur Frau nahmst , und als Du die Existenz Deines Bruders und seiner Familie nicht einige Wochen oder Monate , sondern acht Jahre hindurch eben so behaglich machtest , wie die Deine es ist , und als Du ihm auf dem Sterbebette versprachst , seinen Söhnen Vater zu sein , und bei tausend anderen Gelegenheiten . « » Das ist richtig ! aus dem Mammon mache ich meinen Götzen nicht , « sagte Damian , mit heimlichem Wohlgefallen das Lob seiner Tugenden einschlürfend , was ihm hoffentlich nur diejenigen übel nehmen werden , welche über diese Schwäche erhaben sind . » Aber , Kunigunde , es handelt sich hier nicht um mich und mein Vermögen , sondern um ein prächtiges Fideikommis für Orestes . « » Würdest Du Regina zur Mama geben , wenn sie deren Erbin sein sollte ? « » Nicht um die Welt ! « rief Damian ; » nein , mein einziges Kind geb ' ich nicht her . « » Von dem Augenblick an , da Du Deinem Bruder versprachst , seinen Söhnen Vater zu sein , hattest Du vier Kinder , « sagte Kunigunde , » und ich sehe nicht ein , wie Du mit gutem Gewissen für einen der Knaben tun magst , was Du um keinen Preis für Deine Tochter tätest . Der arme kleine Orest ist unglücklich genug , Vater und Mutter verloren zu haben ; o trenne ihn wenigstens nicht von uns und seinen Geschwistern . « Damian hatte sich inzwischen von Kunigundens Schmeichelworten erholt und sagte : » Dir ist nicht zu trauen