Umrissen sichtbar war , kehrten die beiden Baubrüder wieder heim in ihre gemeinschaftliche Wohnung . Durch Nürnbergs Gassen wogte zwar noch lange ein heiteres Leben und ein warmer Maiabend war so recht eigentlich geschaffen für die Bürgerlust , und auf den Spaziergängen an der Pegnitz wimmelte es von junger männlicher und weiblicher Welt , die sich lustig erging und begrüßte ; aber wenn auch die Baubrüder nicht mehr zum geistlichen Stande gehörten , so lebten sie doch gewissermaßen abgesondert von der profanen Welt und unter strengen , selbstgegebenen Gesetzen , auf deren Befolgung mit viel größerer Strenge gesehen ward , als zur selben Zeit bei den Mönchen und Geistlichen , die gerade damals sich viel erlauben durften , so daß von den Klosterbrüdern Dinge geschahen und ihnen nachgesehen wurden , die bei den Baubrüdern strenge Bestrafung fanden . Die Hütten hielten strenger auf Moral als die Klöster , es herrschte bei den Baubrüderschaften nicht mehr der Gegensatz von geistlich und weltlich , von Geistlichen und Laien , sondern von Geweihten und Profanen . Hierin lag das erhebende und zugleich stolze Gefühl , welches die freien Maurer gleichsam durch sich selbst stützte und schützte und sie eigensinnig über die eigene Sittenreinheit wie über die ihrer Brüder wachen ließ , um sich ihrer Würde nichts zu vergeben und treu darauf zu halten , daß ihr erhabener Bund keinen Makel an seinen Angehörigen dulde . Am folgenden Morgen waren Hieronymus und Ulrich die Ersten in der Hütte - den Pallirer ausgenommen , der das Amt hatte die Thür auf- und zuzuschließen und der Erste und der Letzte in der Hütte zu sein . Bald kamen auch die andern Gesellen und Lehrlinge , und der Pallirer sprach das Morgengebet , dann ging ein Jeder still an seine Arbeit . Der Werkmeister wies Ulrich die seine an und sagte ihm , daß nachher der Hüttenmeister und der Propst von St. Lorenz , Herr Anton Kreß , kommen würden , um ihn als Mitglied der Nürnberger Bauhütte aufzunehmen . Die Hüttenmeister waren die obersten Vorsteher einer Hütte , sie mußten für Beschäftigung der Baubrüder sorgen , waren die Vertreter der Hüttenangelegenheiten bei Kaiser und Fürsten , schlossen die Baukontrakte , wählten die Arbeiter und suchten der Kunst und ihrem Ruf zu dienen . Da die Baubrüderschaften eben nur zu Kirchenbauten sich verwenden ließen , so war es immer der Bischof , Abt oder Propst eines kirchlichen Stiftes , der sie berief , den Bauplan u.s.w. mit ihnen abzureden und zu beaufsichtigen hatte , war er verhindert , so mußte irgend ein Canonicus oder » Gottesjunker « seine Stelle vertreten . Als Herr Anton Kreß erschien , grüßte er Alle freundlich , als wären sie seinesgleichen . Das Kirchenamt von St. Lorenz war erst kürzlich zu einer Propstei erhoben worden , und Anton Kreß war der erste , der mit dieser neuen Würde bekleidet worden . Er mochte etwa fünfzig Jahre zählen . Leutseligkeit sprach aus seinen freundlichen Mienen , und wenn die wohlgepflegte Behäbigkeit seines ganzen Wesens auch nicht gerade auf sehr große Geistesgaben schließen ließ , so sah man es ihm doch an , daß er eine aufrichtige Theilnahme und Liebe für die Kunst besaß , und indem er ihr huldigte und neue monumentale Werke derselben veranlaßte , nicht nur eine Mode mitmachte , die zu seiner Zeit unter den Geschlechtern Nürnbergs sich auch Manchen für einen Kunstmäcen ausgeben ließ , der nur für die in die Augen fallende Pracht Sinn hatte und kein Verständniß für das Höhere , das über den Gesichtskreis der Alltagsmenschen hinaus lag . Als die üblichen Feierlichkeiten bei der Begrüßung des Propstes wie des neuen Gesellen vorüber waren , sagte jener zu diesem : » Ist nicht Euer Zeichen ein Kreuz mit einem Winkelmaß durchschnitten ? « Ulrich bejahte . Die Steinmetzen führten statt ihrer Namens-Chiffren , Monogramme , welche sie als ihr Zeichen in ihre Arbeit gruben . Nur in diesen wie in ihren Werken wollten sie fortleben , auf die Unsterblichkeit des einzelnen Namens verzichtend , darum sind auch nur wenig Namen von Baubrüdern und eigentlich nur die ihrer Baumeister auf die Nachwelt gekommen . Es schien nicht , als ob der Propst damit nur eine gewöhnliche Frage gethan , sondern als ob ihm die Beantwortung derselben von besonderer Wichtigkeit sei . » Ihr seid in einem Kloster des Elsaß erzogen ? « fragte er weiter . » Was ist aus Euren Eltern geworden ? « Ulrich antwortete : » Meine Eltern bestellten das Feld in der Nähe eines Benediktinerklosters und ich hütete dessen Schafe bis in mein zehntes Jahr . Da wüthete der Krieg in unserer Gegend und mein Vater mußte mitziehen . Der Feind stand uns ganz nahe , da ich auf dem Felde allein mit der Heerde war . Die Mönche waren mir immer gütig gewesen , und jetzt nahmen sie mich mit in das Kloster . Da der Feind näher rückte , die Fluren verwüstete und Feuer in unsere Hütten warf , bat ich für Zuflucht um meine Mutter , oder daß man mich zu ihr ließe ihr Schicksal zu theilen , welches es sei . Aber die Pforten des Klosters blieben verschlossen . Ich wußte wohl , daß Frauen sie nicht durchschreiten durften , aber ich war doch der Verzweiflung nahe , daß man mich getrennt von meiner Mutter hielt . Da endlich der Kampf ausgetobt und der Feind weiter gezogen war , wie immer eingeäscherte Höfe , brennende Hütten und zertretene Fluren hinter sich lassend , ließ man mich heraus , und eine Anzahl Mönche begab sich mit auf den Weg , den Verwundeten Hülfe zu bringen oder die Todten zu begraben . Es gab von beiden genug , Männer und Frauen , verstümmelt und erschlagen - aber von meiner Mutter fand ich keine Spur . Leute , die sie kannten , wollten sie gebunden auf dem Pferd eines Lanzenknechtes gesehen haben , der im raschen Trabe mit ihr davongeritten . Meine Mutter war eine schöne Frau und damals etwa dreißig Jahre alt - ich kann nicht ohne Schauder an das Geschick denken , das sie vielleicht betroffen . Nie habe ich wieder etwas von ihr gehört , alle Nachforschungen , die ich selbst nach ihr anstellte und welche von den Benediktinern , wie sie mich wenigstens versicherten , nach ihr angestellt worden , blieben erfolglos . Die frommen Klosterbrüder behielten mich bei sich im Kloster , das kleine Besitzthum meiner Eltern fiel ihm anheim und ich sollte dafür von ihnen zum geistlichen Stande erzogen werden . Ich lernte nun bei ihnen schreiben , zeichnen und lesen , und da sie mit mir zufrieden waren , wie ich bei ihren Lehren mich anstellte , unterrichteten sie mich in allen wissenschaftlichen Dingen . Dabei ging mir der Sinn auf für die Kunst , und ich konnte dem Drang nicht widerstehen , mich ihr ganz zu widmen . Einer der Mönche ward mein Fürsprecher , und so entließ man mich endlich und die Straßburger Bauhütte nahm mich als Lehrling auf , wo ich , wie Ihr aus meinen Zeugnissen seht , fünf Jahre gelernt und mein erstes Gesellenjahr gearbeitet habe . « » Und von Eurem Vater erfuhrt Ihr Nichts ? « fragte der Propst theilnehmend weiter . » Einige seiner Landsleute , die zurückkamen , sagten , er sei in der Schlacht gefallen , aber ich weiß so wenig gewiß , ob das wahr ist , wie jene letzte Nachricht über meine Mutter , « antwortete Ulrich . » Es sind vierzehn Jahre seitdem vergangen , aber ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört , noch hat der Klosterbruder , der mein Gönner und Freund geblieben , je etwas von ihnen erfahren . « » Ihr waret das einzige Kind Eurer Eltern ? « fragte Kreß , dessen Theilnahme immer mehr zu wachsen schien . » Ich hatte niemals Geschwister . « » Und Euer ländliches Besitzthum ? « » Der Abt des Benediktinerklosters verwaltet es für meinen Vater . Wenn er oder meine Mutter nicht zurückkommen , fällt es an das Kloster . « Der Propst konnte bei dieser Antwort ein leises Lächeln nicht unterdrücken , aber er schien mit seinem Examen über Ulrich ' s Familienangelegenheiten zu Ende zu sein , und sprach nun von Bauangelegenheiten mit ihm . Dieses Examen war ungewöhnlich , da es vollständig überflüssig war . Kein Jüngling ward als Baulehrling zugelassen , der nicht von ehrlicher Geburt war und nicht die besten Zeugnisse über seine Sittlichkeit und Brauchbarkeit hatte . Es verstand sich daher beides schon bei einem Baubruder von selbst , und außerdem waren dieselben fast ebenso losgerissen von allen Familienbanden wie die Geistlichen , da auch das Cölibat bei ihnen Bedingung war , daß es nie Jemanden einfiel , sich um ihre Angehörigen zu bekümmern . Anton Kreß mußte darum gerade ein besonderes Interesse für diese haben , sonst hätte er nicht diese Auskunft von Ulrich verlangt . So viel ward diesem klar , aber vergeblich bemühte er sich durch Nachsinnen zu ergründen , was den Propst zu diesen Fragen veranlassen konnte . Viertes Capitel Konrad Celtes » Unter der Veste « erhob sich ein neues Prachtgebäude , das eben erst in diesem Jahr beendet worden . Es war auch nur das Wohnhaus eines Patriziers , aber fast das schönste Nürnbergs . Ein Eckhaus , breit und tief und hochaufsteigend zugleich , die immer noch Raum zu neuen Verschönerungen ließ , wie z.B. der Tragstein an der Ecke noch mit keiner Statue geschmückt war und die einzelnen Absätze des treppenartig ausgeschnittenen Giebels auch noch ihrer Standbilder harrten . Im Innern war es mit ausgesuchter Pracht und Kunst eingerichtet und bekundete den Reichthum seines Besitzers . Dies war Herr Christoph Scheurl , der mit zu den angesehensten Geschlechtern gehörte . Erst seit wenigen Wochen hatte er dies neue Haus bezogen , nachdem seine Hochzeit mit Elisabeth Behaim stattgefunden , eine ebenbürtige Wahl , denn auch die Behaim waren ein altes rathsfähiges Geschlecht und auch im Ausland durch ihre Niederlagen in Venedig und den Handel , den sie nach Portugal trieben , wohlbekannt und in großem Ansehen . Die junge Gattin war allein . In einem prachtvollen Chörlein , das sich weit vorspringend an der Ecke des Hauses befand , saß sie am offenen Fenster und blickte träumerisch hinab auf die Straße , zuweilen auch auf eine zierliche Schrift , die auf ihrem Schooße lag . Sie war eine ziemlich große prächtige Gestalt mit schwellenden Formen und edler stolzer Haltung . Auch in ihrem schönen Antlitz schien ein Zug von Stolz der vorherrschende zu sein . Aber man sah es auf den ersten Blick : es war nicht die Hoffarth und Eitelkeit einer verwöhnten Schönheit , es war nicht der Hochmuth auf Vornehmheit und Reichthum , was diesen Zug hervorrief : es war der Stolz eines selbstbewußten Weibes , das über das gewöhnliche Geschlecht und die gewöhnlichen Verhältnisse sich selbst emporgehoben . In diesen strahlenden Augen las man von innern Kämpfen , und der lächelnde Zug um die Lippen war nicht der des Glückes und der Befriedigung , möge sie aus naiver Unerfahrenheit oder aus beglückenden Verhältnissen kommen , sondern mehr das Lächeln einer Welterfahrung , die zur Weltverachtung geworden . Sie stand etwa in der Mitte der Zwanzig und sah auch sonst nicht aus wie ein Wesen , das schon in solcher Weise mit der Welt abgeschlossen hätte - nur jenes Lächeln abgerechnet . Das Haar umwallte sie in malerisch geordneten Locken , die im Nacken goldene Nadeln emporhielten , die vordersten aber fielen auf die Brust herab . Ihr Kleid war von violetter Seide , einem Stoff , den man Zündel hieß , und nach venetianischem Schnitt , die offenen Aermel fielen bis zum Boden und ließen die weißen schöngeformten Arme ohne bedeckende Hülle ; man müßte denn als solche die zahlreichen kostbaren Spangen betrachten , von denen man nicht wußte , ob ihr Werth größer sei durch die Pracht ihrer Steine und deren Fassung , oder durch die kunstreiche Arbeit ihres Verfertigers . Aehnlich geschmückt zeigten sich auch Hals und Brust . An dem kleinen vorgestreckten Fuß gewahrte man einen zierlichen Schuh von gelbem Leder mit goldener Stickerei und einem vorn lang- und emporgestreckten Schnabel ; die weißen Hände waren mit vielen Ringen geziert . Dies war vielleicht einer der Anzüge , über dessen Wohlanständigkeit und Zulässigkeit die Väter der Stadt auf dem Rathhaus lange Sitzungen hielten und danach Kleiderordnungen erließen , welche die Länge der Kleider wie der Aermel , der Schnäbel an den Schuhen wie der Tiefe des Ausschnittes an Nacken und Busen , den Fall der Locken an den Köpfen vorschrieben , die Zahl der Ringe , Armbänder und Haarnadeln genau bestimmten u.s.w. um dem Luxus zu steuern . Aber indeß allerdings die gewöhnlichen Bürgerfrauen sich daran kehren mußten , weil sie sonst in Strafe verfielen und von der Straßenjugend verspottet wurden , lachten die übermüthigen Patrizierinnen über den Eifer der Rathsherren und waren doch gar wohl damit zufrieden , daß jener Bürgerstand , von dem sie selbst sich streng absonderten , dadurch in Schranken gehalten ward , es ihnen nicht gleich zu thun . Sie selbst aber verspotteten in ihrer Kleidung oft mit um so größerer Absichtlichkeit die Vorschriften des Rathes , und als derselbe gar einmal darauf verfiel , eine Steuer auf diese Ausschweifungen zu legen , trieben sie es erst recht arg , um zu zeigen , daß sie es bezahlen konnten . So mochte der Rath versuchen was er wollte , er scheiterte damit bei den stolzen Frauen , und wenn sie ja vielleicht am ersten Tag nach einer solchen Bekanntmachung sich aus Furcht vor dem gemeinen Haufen nicht auf die Straße wagten , so entschädigten sie sich dafür durch ihre häusliche Toilette . Elisabeth vor allen gehörte mit zu den eigensinnigen Frauen , die gerade nur aus Lust , einem Verbot zu trotzen , das übertrieben , woran sie sonst vielleicht gar nicht gedacht oder es selbst lächerlich oder unanständig , unpassend oder unschön gefunden hätten . Sie machte es gern bemerklich , daß Niemand wagen dürfe ihr Vorschriften zu machen . Als Elisabeth ' s Blicke , wie es schien , gedankenlos hinab über die Straße schweiften , fuhr sie plötzlich zusammen und bog sich von dem Fenster zurück . Der Gegenstand , der diese Bewegung veranlaßte , war ein Vorübergehender von mittelgroßer , stattlicher Gestalt . Sein Wamms war genau von der Kleidfarbe Elisabeth ' s und darüber trug er einen kleinen spanischen Mantel von schwarzer Farbe , auf dem Kopf einen kleinen runden Filzhut mit weißen Federn . Sein Haar war dunkel , und die dunklen Brauen , die in schön gewölbten Bogen sich über seinen feurigen Augen erhoben , gaben diesen einen edlen Ausdruck . Seine hohe Stirn und die kühn gebogene Nase ließen in ihm den Mann von Geist erkennen ; sein Gesicht war fein , glatt und bartlos und ließ ihn dadurch noch jünger erscheinen als er war ; er zählte dreißig Jahre . Elisabeth hatte sich ihm nicht zeigen mögen ; jetzt da sie glauben konnte , er werde nicht mehr heraufsehen , wollte sie es wagen ihm nachzuschauen - aber er war verschwunden . Wo war er hin ? in welches von diesen Häusern sollte er gegangen sein ? wär ' es möglich - in das ihrige ? Sie trat aus dem Chörlein in das Zimmer zurück - es war ihr , als höre sie Schritte die Marmortreppe hinauf - ihr ganzes Wesen schien in Aufruhr zu kommen . Sie trat vor den großen venetianischen Spiegel , der auf goldenem Gestelle ruhend ihre ganze herrliche Gestalt zurückwarf . That sie das aus Angst , um eine Miene , eine Haltung zu suchen , diesen plötzlichen Aufruhr ihres Wesens zu verbergen ; that sie es aus Koketterie , ihren Anzug zu prüfen und ihn in die ihren Reizen vortheilhaftesten Falten zu schieben ? Als die Flügelthür hastig aufgeworfen ward , stand sie stolz und ruhig vor dem Eintretenden . » Verzeiht , hohe Frau , wenn ich störe ! « sagte er . » Nicht im Mindesten , Herr Doctor Celtes , « antwortete sie mit erzwungener Fassung , » obgleich ich wenig vorbereitet war auf diesen werthen Besuch . Ich bitt ' Euch , nehmet Platz . « Sie warf sich in einen Polster von rothem Sammet , indeß er auf einem Stuhl ihr gegenüber Platz nahm . Die bunt gemalten Glasscheiben aus dem gewölbten oberen Theil der Chörleinfenster und die dichten rothseidenen Vorhänge , welche diesen Schimmer dämpften , warfen ein zauberhaftes Licht auf Elisabeth . » Ich komme , mir Euren Rath zu erbitten « - begann er und schien nach weiteren Worten zu suchen . » Wann hätte je ein Gelehrter und Dichter , wie Konrad Celtes , des Rathes eines Weibes bedurft ? « unterbrach ihn die junge Frau . » Doch , « antwortete er ; » es ist nicht das Erstemal , schöne Herrin , daß ich Euch darum bitte . Der Bischof von Worms hat mir geschrieben und mich aufgefordert zu ihm zu kommen . Ich würde dort viele gleichgesinnte Männer finden , wie überall am Rhein , und die humanistischen Studien fördern können . Seit mein edler Lehrer Rudolf Agricola in Worms gestorben , droht dort der lebendige Geist , der von ihm ausgehend die elende Scholastik von den Schulen verdrängte , zu erlahmen , wenn nicht eine Kraft von Außen ihn wieder aufrüttelt . Mein Name hat dort einen guten Klang und die Societas litteraria Rhenana , die ich zu Heidelberg gestiftet , wünscht auch meinen Besuch . Die , denen ich noch unbekannt bin , werden in mir den Schüler Agricola ' s sehen und mir gern gestatten ihre Lehrstühle zu besteigen . Nun rathet mir : soll ich diesem Rufe folgen und gehen - oder soll ich hier bleiben ? « Elisabeth hatte während seiner Rede mit ihrer goldenen Kette gespielt , und während dieser scheinbar tändelnden Bewegung ging in ihrem Herzen eine so heftige vor , daß sie alle ihre Kräfte anstrengen mußte , die äußere Ruhe zu behaupten , mit der sie jetzt sagte : » Ihr scheint auch darin Eurem edlen Lehrer Agricola zu gleichen , daß Ihr Euch durch kein Amt wollt binden lassen , weil Ihr eine unüberwindliche Abneigung habt gegen Fesseln jeder Art , sonst könntet ihr nicht überlegen und gar um Rath fragen ! ob Ihr diesem Rufe folgen sollt oder nicht . « » So schickt Ihr mich fort ? « fragte er betroffen , » und so ruhig - das hatte ich nicht erwartet ! « Sie sah ihn mit stolzen Blicken an und fuhr fort : » Ihr sagtet ja immer selbst , daß Ihr ein unstetes Leben geführt und es wohl so fortführen würdet , bis es zu Ende sei - ich glaube , der Bischof von Worms wird Euch das nicht verwehren , wenn Ihr Euch auch zu ihm begebt , so wenig , wie er es Agricola verwehrte . Hier seid Ihr ja auch nicht gebunden . « » Ja , « rief er heftig und aufspringend , » Ihr habt Recht ! es hält mich ja hier Niemand « - er griff nach seinem Hut und wollte gehen . Sie stand auch auf , riß den Hut aus seiner Hand und schleuderte ihn in eine Ecke des Gemaches . » So werdet Ihr nicht von Euerer Freundin scheiden , « sagte sie plötzlich mit dem zartesten Schmelz einer weiblichen Stimme . » Ich habe den Lorbeerkranz auf Euer hohes Dichterhaupt gesetzt , wenn auch nur auf Befehl unseres Herrn und Kaisers , und ich bitte Euch jetzt , dies Haupt ein wenig zu neigen , damit ich dies goldene Kettlein um den Hals werfe , der niemals eine Kette tragen will - und nur diese tragen soll zum Angedenken an Elisabeth Behaim . « Es war nicht Zerstreuung einer kürzlich Vermählten , es war Absicht , daß sie ihren Mädchennamen sagte , denn seit sie verheirathet war , hatte sie noch nicht wieder mit Konrad Celtes gesprochen . Vor ziemlich zwei Jahren war er nach Nürnberg gekommen , der Ruf seiner Dichtkunst und Beredtsamkeit war vor ihm hergezogen ; alle Gelehrten und Doctoren Nürnbergs kamen ihm achtungsvoll entgegen , und Anton Koberger , der damals schon eine große Druckerei besaß , in der vierundzwanzig Pressen arbeiteten , druckte seine Werke . Konrad Celtes war der Sohn eines fränkischen Bauern Pickel , zu Wipfelde nahe bei Würzburg 1459 geboren . Er sollte seinem Vater in der Landwirthschaft und im Weinbau beistehen und sie später selbst übernehmen . Allein sein Wissensdrang ließ ihm keine Ruhe . Heimlich entfloh er aus der väterlichen Besitzung auf einem Floß den Main und Rhein hinab und ging auf die Universität nach Cöln . Darauf studirte er in Heidelberg und ward Agricola ' s Lieblingsjünger . Dann besuchte er die Universitäten zu Erfurt , Leipzig und Rostock , aber nicht mehr als Lernender sondern als Lehrender , dem Humanismus und den humanistischen Studien immer mehr Eingang verschaffend . Durch seine Vorlesungen sammelte er sich so viel , daß er darauf nach Italien gehen konnte , was für die Gelehrten seines Faches damals als Nothwendigkeit erschien . Zu Bologna hörte er Philipp Beroaldus den Aelteren , zu Florenz Marsilius Ficinus , zu Rom Pomponius Lätus . Von Venedig aus ging er nach Ungarn und Polen , und von da nach Deutschland zurück , wo er in Nürnberg sich niederließ . Damals - es war im Jahr 1487 - hielt Kaiser Friedrich III. daselbst einen Reichstag und blieb fast ein ganzes Jahr daselbst auf der Veste wohnen . Der alte Kaiser , obwohl er damals nur den Reichstag berufen , um von ihm ein Heer zu erbitten , seinen eigenen Geburtsort Neustadt zu schützen , den der sieghafte Ungarnkönig Mathias bedrängte und den Friedrich fürchten mußte fallen zu sehen gleich Wien , und obwohl er aus seinen eigenen österreichischen Erblanden vertrieben , vom Geschick hätte gebeugt sein können , vertrieb er sich doch in Nürnberg die Zeit , als sei er der glückgekrönteste Herrscher . Um den Nürnbergern zu zeigen , daß er auch ein Freund der Wissenschaften und Künste sei - nur die Rechtswissenschaft haßte er und nannte deren Doctoren : Seductores ( Verführer ) - berief er deren Vertreter selbst um sich und ließ sich von den Meistersängern und Poeten ihre Werke vortragen . Bei einem öffentlichen Aufzug , der auf dem Marktplatz stattfand , bei dem er einige Nürnberger Patrizier , darunter Hans Tucher , zum Ritter schlug , um ihn damit für seine Reise in das heilige Land und die von ihm selbst verfaßte Beschreibung derselben zu ehren , nahm er auch einen grünen Lorbeerkranz , den er sich auf sammtenem Kissen hatte nachtragen lassen , und ließ Konrad Celtes vor sich führen , um ihm so vor allen Hohen des Reichs und allem Volk öffentlich die Ruhmeskrone des Dichters auf das Haupt zu setzen . Aber als Celtes schon vor ihm kniete , zögerte der Kaiser plötzlich und sandte einen seiner Ritter zu der Erhöhung , auf der Nürnbergs edle Frauen und Jungfrauen Platz genommen . Unter ihnen strahlte vor Allen Elisabeth Behaim durch Schönheit und Anmuth ihres Wesens , wie durch die Pracht ihrer Kleidung hervor - und mit stolzer Haltung folgte sie dem Ritter , der ihr die Botschaft des Kaisers brachte : daß sie als die schönste Jungfrau Nürnbergs den Dichter krönen möge . Bisher hatte sie ihn nur von fern gesehen - nun stand sie dicht vor dem Knieenden und setzte zitternd den Kranz , den sie aus der Hand des Kaisers empfing , auf das edle Lockenhaupt , das sich vor ihr neigte . Wie hätte nicht das leichterregbare Herz des Dichters erfaßt werden sollen von diesem Augenblick und ihn als den schönsten seines Lebens preisen ? Wer , dem jemals für das Ringen und Streben seines Genius eine ähnliche Anerkennung , so überraschend plötzlich und vor allem Volk zu Theil geworden , könnte jemals wieder die höhere Weihe solcher Stunden vergessen ? Und wie hätte Celtes , der schon durch seine Studien des klassischen Alterthums gleicherweise wie durch sein feuriges Dichtergemüth zu dem Cultus der Schönheit sich hingezogen fühlte , nicht immer daran denken müssen , daß er den Lorbeerkranz zwar wohl auf den Wink seines Kaisers , aber doch aus den Händen einer Königin der Schönheit empfing ? Er pries Elisabeth als solche in seinen Liedern und verherrlichte sie als seine Muse in wohlgefeilten lateinischen Versen . Das Geschlecht der Behaim , aus dem sie stammte , galt vor allen nürnbergischen nicht nur als eines der reichsten und angesehensten , sondern auch als eines der gebildetsten und gelehrtesten der Reichsstadt . Elisabeth ' s Vater besaß in Venedig ein eben so reiches Waarenlager als in Nürnberg und pflegte sich wechselnd an beiden Orten aufzuhalten ; auch die Tochter , für alles Große und Neue empfänglich , dabei keine Mühe und Gefahr scheuend , hatte einmal mit ihm einige Zeit in Venedig zugebracht , obwohl damals Frauen nur selten zu reisen pflegten und bei den schlechten und oft gefahrvollen Wegen Vieles erdulden und entbehren mußten , auch wenn sie den reichsten oder höchsten Ständen angehörten . Elisabeth ' s ältere Brüder waren mehr als gewöhnliche Kaufleute . Nicht nur daß sie sich auf das Geschäft verstanden und durch ihre kühnen Speculationen und großen Handelsverbindungen fast mit allen Völkern der Erde in Verkehr waren , und sich dadurch jene Vielseitigkeit und jenen großen Weltblick erwarben , der nur auf Reisen erlangt wird , hatten sie auch die gelehrten Schulen Italiens besucht und auch daheim den Wissenschaften obgelegen . Besonders war es Martin Behaim , der ein Schüler Johannes Regiomontanus ( eigentlich Camillus Johannes Müller ) sich mathematischen , astronomischen und andern gelehrten Forschungen widmete und sich gern damit beschäftigte , auch die Kenntnisse seiner Schwester zu erweitern . Jetzt war er freilich seit einigen Jahren entfernt , da er in Handelsgeschäften seines Vaters nach Portugal gegangen war und eben jetzt auf portugiesischen Schiffen mit Admiral Diego Can auf weitem Ocean trieb , den Seeweg nach Ostindien zu entdecken , zu dessen Auffindung Martin Behaim ' s scharfsinnige mathematische Berechnungen die gegründetste Hoffnung gaben . Der ruhmgekrönte Dichter Celtes fand bald Zutritt in diese ausgezeichnete Familie , welche die Wissenschaft so wohl zu schätzen wußte . Wie empfänglich er auch war für sinnliche Eindrücke und wie auch Elisabeth ' s Schönheit ihn zu den ersten Versen an sie begeistert hatte und den Wunsch in ihm erregt , bei ihr Zutritt zu erhalten , er würde der schönen Form bald überdrüssig geworden sein , wenn er sie leer gefunden . So aber fand er sie von einem kühnen , beinah männlichen Geist belebt , ausgestattet mit allen Kenntnissen , in denen damals keine anderen Frauen so bewandert waren als die Töchter Nürnbergs und Augsburgs , und er verherrlichte sie nun erst recht in seinem von ihr verstandenen Latein als seine Muse . Elisabeth ' s Hand fand viele Bewerber , aber sie hatte bisher noch jeden abgewiesen ; dem Einen galt sie dadurch für eine stolze Spröde , dem Anderen für eine kalte Gelehrte mit einem Mannesherzen im Busen , und Manche flüsterten von einem Fürsten oder vornehmen Ritter , mit dem sie ein heimliches Verhältniß habe und der um seines Standes willen zögere sie heimzuführen , obwohl sie sich selbst gleich mancher stolzen Patriziertochter Nürnbergs nicht zu gering achte , einem Fürsten zum Altar zu folgen . Ihr Verhältniß zu Celtes gestaltete sich bald zu dem einer süßen Freundschaft , welche an jene zarten Bande gemahnte , welche meist die französischen Minnehöfe hervorgerufen . Sie war die Herrin und er ihr Dichter . Für alle seine Bestrebungen und Arbeiten fand er in ihrem hochgebildeten Geist ein feines Verständniß und begeisternde Anregung . Wo ihr die eigenen Kenntnisse noch mangelten , da ward er ihr Lehrer , versorgte sie mit allen neuen Büchern und las ihr Alles vor , was er selbst verfaßte . Zuweilen wohl wurde die klare Ruhe dieses schönen Wechselwirkens durch stürmischere Empfindungen gestört . Zuweilen , wenn sie allein waren - was nicht gerade oft der Fall war , da Elisabeth ' s Mutter , oder eine jüngere Schwester oder auch ihre Brüder und andere Gelehrte sie oft umgaben - geschah es , daß seine Huldigungen sich nicht nur auf den Vortrag seiner Verse erstreckten , die davon voll waren , sondern daß er ihre Hände küßte und sie in seine Arme zog , oder daß sie selbst einen Kuß der Muse zum Lohn oder zur Weihe des Dichters auf seine Stirn drückte . Dies , für beide beglückende Verhältniß währte weit über ein Jahr - und es hätte vielleicht noch lange so gewährt , wenn nicht die rohe Hand anderer Menschen zerstörend eingegriffen . Es gab auch schon damals genug scheelsüchtige Leute , gemeine Zuträger und unberufene Sittenrichter , die über die stolze Patriziertochter zischelten , welche die ebenbürtigen Bewerber verschmähe , und da der Fürst sie sitzen lasse , an den herzugelaufenen Poeten , den Bauernsohn , der Nichts sei und Nichts habe , sich wegwerfe , daß nun auch Keiner aus den Geschlechtern sie mehr werde zur Ehe haben mögen . Solche Reden wurden auch Elisabeth ' s Brüdern hinterbracht ; seitdem beobachtete sie besonders der älteste Bruder Georg , und als er sie eines Tages wirklich überraschte , wie ihr Lockenhaupt an Celtes Schulter lehnte und sein Arm um ihre Taille geschlungen war , trat er zornig vor Beide hin und warf ihnen mit heftigen Worten das Unziemliche ihres Betragens vor und erklärte Celtes für einen Verführer und Eindringling , der dem Hause , das ihn freundlich aufgenommen , nur Schande bringe : das habe man aber davon , wenn man mit den fahrenden Poeten sich einlasse , die doch Lumpen blieben , wenn auch ein Kaiser , um dem Volk ein neues Schauspiel zu geben , sie mit einem Dichterkranz kröne . Elisabeth