Lichtwirkungen erzeugten , die eben auch nur den Buchenwäldern eigen sind . Nach Amerika ! Das war weit von diesen summenden Käfern , diesen um die Rosse des Postillons schwärmenden Brummfliegen , weit von diesem selbst , der die Anhöhe zu Fuß nebenher ging und mit einem aus dem Vorholz zur Linken gebrochenen Birkenzweige über das lichtbraune Glanzhaar seiner schweißgebadeten Thiere hinfächelte ! Bei so fernem Reiseziel mochte wohl gerechtfertigt sein , daß der junge Buchhalter - denn Oskar Binder ist Lucindens Begleiter - schon seit fünf Uhr Morgens , wo sie ausgefahren , so außerordentlich nachdenklich ist und immer nur eine kleine Kassette betrachtet , die er auf dem Schoose hält . An und für sich war er fast gekleidet als ging ' es zum Balle ... Als Lucinde vorm Thore , wo sie seiner Weisung zufolge ohne irgendein anderes Gepäck , als das sie selbst in der Hand tragen konnte , an zwei einsam am Wege stehenden Pappeln erscheinen sollte , seiner in einem harrenden Wagen ansichtig wurde , erkannte sie ihn kaum . Er blickte hinaus und winkte heftig , daß sie rasch auf den Tritt der Chaise und durch die von ihm gehaltene Thür einsteigen möchte . Er hatte sich von gestern , wo sie kurz und rasch erklärt hatte , es wäre sicher am besten , wenn sie sich ihm zur Reise nach Amerika anschlösse , bis heute früh seinen schönen Bart sowol um Mund wie Kinn und Wange abnehmen lassen , und hatte eine ganz curiose Physiognomie bekommen , die früher aus der Bartwaldung heraus kaum erkennbar gewesen war . Hätte sie nicht ihr Wort gegeben und wäre des » nun doch verpfuschten « Lebens in der Residenz überdrüssig gewesen , so hätte sie umkehren mögen , so wenig gefielen ihr jetzt die Nase , der Mund und die Ohren des jungen Buchhalters , denn auch diese hatten früher nicht so grell hervorgestanden , als seit heute früh , wo auch seine schönen langen , zierlich über den Hemdkragen in einem einzigen Strich herabfallenden dunkelbraunen Haare von der Schere vertilgt worden waren . Die gelben Glacéhandschuhe trug er wie immer . Für den schwarzen trug er einen grünen Reitfrack mit goldenen Knöpfen , dazu elegante carrirte Beinkleider , eine hohe Mütze von schottischem Zeuge mit einer Troddel , und einen Plaid , den er sofort , als fröstelte ihn in allen Gliedern , über seinen ganzen Körper ausbreitete , sorgfältig aber dabei der Knöpfe seiner Glacéhandschuhe achtend und diese selbst ab und zu ungeduldig niederstreifend wie beim Anprobiren ... Dafür , daß auch Lucinde sich , nach seinem ausdrücklichen Wunsche , ja Befehl , gänzlich metamorphosirt hatte , schien er im ersten Augenblick kaum ein Auge zu haben , und doch bot sie eine phantastische Erscheinung dar . Ein kleines kurzes Strohhütchen nahm sie ab , und da fielen ihr die vollen Haare , die sie sonst nur in Flechten getragen , in langen dunkeln Locken über die Schulter bis in den Nacken herab . Von gestern Abend sieben bis neun Uhr hatte sie von ihrer Schwester , die in diese Reise eingeweiht war , sich ihr Haar so ordnen lassen , hatte die Nacht geschlafen mit funfzig Papilloten um den Kopf , die von Luisen mit einer großen , über zwei Talglichtern glühend gemachten Ofenzange gebrannt worden waren . Alle Liebesbriefe , die beim Ausrangiren der so » leicht wie möglich « herzustellenden Bagage auf dem Boden der kleinen Dachstube ausgebreitet lagen , waren zu diesen Papilloten benutzt worden . Zu dem reizenden Kopfschmuck gesellte sich fast eine Balltoilette , ein luftiges , bauschiges , weißes Kleid , das schönste , das sie hatte , bestehend aus einem geblümten Musselinstoff . Die vor Eile fast athemlos klopfende Brust bedeckte eine rothe Florecharpe mit langhängenden seidenen Fransen . Dazu zwar hohe Schnürstiefel aus Seidenzeug , keine Schuhe , wohl aber helle Handschuhe und Manschetten von langen weißen Spitzen . Es hätte zu dieser Erscheinung ein mit Seide ausgeschlagener offener Landau , nicht die auf jeder Station gewechselte schmuzige Postchaise gehört . Aber sowol für diese Toilette wie für das dagegen auffallend genug abstechende Bündel , das Lucinden beim Tragen bis zum Thor fast zu schwer geworden war , hatte der junge Mann stundenlang keine Augen . Ueber seine eigene Metamorphose lächelte er mit gezwungener Leichtigkeit , und befahl dann immer nur mit einer seine Begleiterin mehr erschreckenden als ihr imponirenden Barschheit dem Postillon die größte Eile . Jetzt erst , um zehn Uhr , als Lucinde doch auch einmal aussteigen und sich etwas dehnen und recken wollte , bemerkte er , wie sie seine Weisung , sich vornehm und anders als gewöhnlich zu kleiden , bis zum » Auffallenden « misverstanden hatte ; er bat sie , lieber im Wagen zu bleiben . Sie hatte gedacht , er würde endlich sagen : Nein aber wie schön ! Wie entsprechend der gegebenen Anweisung ! Und vollends waren jetzt sogar die Locken aufgegangen und hingen ihr , wie einer Genoveva , lang über den Nacken herab , ein wildromantisches Aussehen gebend ... Aber Oskar Binder zankte sogar . Die Vögel werden nicht vor mir erschrecken ! sagte sie spitzig , als er sich dabei ängstlich umsah . Sie ließ sich nicht abhalten und stieg aus . Wie wohl that ihr ' s , endlich im Walde die beklommene Brust ausdehnen zu können ! Oskar Binder gefiel ihr heute nicht . Sie wußte nicht , wie sie so schnell und unüberlegt in diese » Gelegenheit nach Amerika « hatte einwilligen können . Sah diese Reise doch einer Erhörung seiner Huldigungen nicht unähnlich , und doch hatte sie Oskar ' n bisjetzt keine Zärtlichkeit gestattet . Wäre er ihr heute früh fünf Uhr bei den beiden Pappeln gleich um den Hals gefallen , dann hätte es mit ihrer Zukunft seine Richtigkeit gehabt , der Augenblick hätte sie überwunden , sie hätte sich liebkosen lassen und nach Gefühl erwidert ; jetzt aber war der Augenblick verfehlt , und wenn bei den beiden Stationen , die sie hinter sich hatten , jedesmal beim Weiterfahren der junge Mann einen Anflug von Zutraulichkeit bekam und ihre Hand ergreifen wollte , zog sie sie zurück . In dem zornigen Temperament , das ihrem Blute eigen schien , bei dem schwachen » Talent zur Treue « , wie sie es selbst nannte , überlegte sie schon bei den ersten ahnungsvollen Blicken in die nächste Ferne , ob denn in der That nicht Amerika auch zu weit liegen möchte ; denn nach ihrem Princip mochte sie hier in jedem Dorfe gleich halten und in jedem Schlosse gleich die Leute kennen lernen . Den Bitten des nur mit seiner Kassette beschäftigten Oskar , im Wagen zu bleiben , gab sie kein Gehör . Der Weg ging bergauf , der Postillon schritt auch zu Fuß und sie wollte sogar noch weiter links in den Buchenwald hinein . Das dort noch gehäufte Laub vom vorigen Jahre lockte sie . Das raschelte so gleichförmig zu ihren Füßen hin , und sie wollte dabei an Amerika und das große Weltmeer denken , das sie mit dem jungen Manne und seiner thörichten Liebe zu ihr zu durchschiffen hatte . Und wie gebieterisch er schon wurde ! Er rief einmal über das andere in englischer Betonung : Mary ! Mary ! Als wenn auch er ihren Namen Lucinde zu verleugnen hätte ! Sie staunte dabei , daß Oskar , wie sie bei den zurückgelegten Stationen schon bemerkt zu haben glaubte , sich mit den Posthaltern und Wagenmeistern in gebrochenem Deutsch unterhielt . Mehr aus gereiztem Spott als aus guter Laune war es , daß sie von ihrem Laubmeer , das ihr bis an die Knöchel ging , zur Landstraße hinüber antwortete : Yes , my dear ! Yes , my dear ! Die englische Conversation that Oskar ' n wohl und schien zu seiner Beruhigung zu dienen . Während der Postillon horchend mit seinem Birkenzweig die Gäule kitzelte , fing jener laut einen englischen Discurs an , der im Walde hüben und drüben nachschallte . Lucinde verstand ihn freilich nicht mehr als der Postillon ; sie sagte immer nur : Yes , my dear ! Yes , my dear ! Ihr Augenmerk war auf Eichkatzen gerichtet , deren sie nicht wenige aus dem Laube , unter dem noch manche vorjährige Buchecker lag , aufschreckte . Wie sie so hin- und herrannte und die Thierchen die Stämme hinaufschossen , mußte sie sonderbarerweise der längst vergessenen und aus der Stadt entschwundenen Frau Hauptmännin von Buschbeck gedenken . Diese stand ihr plötzlich in dem Nachtkamisol mit der großen Haube über der Nase und dem aufgebundenen Unterrock vor Augen und vergegenwärtigte ihr besonders den Moment , wenn sie auf den Mäusefang ging . Fand nämlich Frau von Buschbeck auf ihrem Boden der Kartoffeln zu viele zernagt , so hatte die seltene Frau auch das Talent , Mäuse aus freier Hand zu fangen . Lucinde war ihr oft nachgeschlichen , wie sie auf der Hühnersteige , die zum Dache führte , auf der Lauer lag , listig um sich blickte und mit raschem Griff sich eines ihrer Opfer bemächtigte . Hing dann am Morgen in der Küche immer ein halb Dutzend Mäuse an den Schwänzen aufgereiht und hätte die Jägerin gesagt , es wäre ein Vorurtheil , so reinliche und leider von den besten Dingen sich nährende Thierchen nicht zu speisen , in den ersten Wochen , wo Lucinde von Langen-Nauenheim zu ihr gekommen war , hätte sie voll staunender Bewunderung und in ihrer » damaligen Dummheit « nicht widersprochen , sondern sie auf Befehl gegessen , gesotten oder gebraten , wie die Frau Hauptmännin nur gewollt . Warum ihr aber das gerade jetzt so entgegenkam ? Hier im Walde ? In dieser Einsamkeit ? Sie sah die Alte deutlich , sie sah sie zwischen den Bäumen hinhuschen und Mäuse fangen ; sie mußte sich schütteln ; sie kannte sich noch darauf nicht , was es ist , vom Fieber durchschauert zu werden . Sie war vor Aufregung seit gestern Abend mit dem Lockenbrennen und Frühaufstehen und » nach Amerika Reisen « nicht zur Ruhe gekommen und eine Krankheit drohte . Der junge Anglo-Amerikaner merkte nicht , wie gespenstisch blaß sie sah , als sie mit hängenden Locken über das raschelnde Buchenlaub zu ihm zurückkehrte und in den Wagen stieg , der jetzt bergab und schneller fuhr . Nur wieder seine Kassette , sein gedrucktes Reisehandbuch und die Entfernung bis zur nächsten Station hatte er im Kopfe . Eine wundervolle Gegend ! sagte er dann einmal ganz gedankenlos und bemerkte kaum , wie sich Lucinde in die Ecke des Wagens drückte , seinen Plaid um sich zog , den er ihr schon nach der zweiten Station übergelegt hatte , als es sie dort schon trotz der Schwüle des geschlossenen Wagens fröstelte . Ich will schlafen ! sagte sie jetzt und zog den Plaid bis über die Stirn . Hätte der Entführer eines den wunderlichen Widerspruch von Gescheidt und in vielem noch völlig Beschränkt verbindenden Mädchens Gefühl gehabt für irgendetwas anderes als die Sorge , für seine Reise einen großen Vorsprung zu gewinnen , so hätte er bemerken müssen , wie ihr Antlitz in Wachs sich verwandelt hatte , ihre Lippen bebten , ihre Hände schlaff hingen , das Kleid sich verschob und die Schultern marmorkalt hervorsahen . Es war auch wol ein solches Fieber , wie man es nach geistigen wie leiblichen Geburten hat . Sie begriff allmählich , wie es doch mit dieser schnellen Reise zusammenhängen mochte . Oskar Binder hatte Ursache zur Eile . Lucinde war , einfach in die Sprache der täglichen Welt übersetzt , erstens von ihm entführt , und zweitens war sie es von einem Diebe . Daß sie in ihrem Zustande keine Erquickung , keine Mittagsrast begehrte , kam dem Flüchtling ganz genehm . Er eilte nur und wetterte auf allen Stationen im geläufigsten Englisch oder gebrochenen Deutsch . Gegen Mittag kaufte er kalte Küche , sie im Wagen zu verzehren . Lucinde wollte nur einen Trunk Wasser . Jetzt bemerkte er erst ihren Zustand ... Ich bin das Fahren nicht gewohnt , hauchte sie . Ihre Zunge war trocken . Wenige Tropfen Wassers löschten den Durst nur auf einen Augenblick ; und doch schauderte sie , mehr zu trinken . Sie drückte sich wieder in ihre Ecke . Da sie die Versicherung gab , daß ihr nichts fehle , beruhigte sich der Flüchtling . Es war zwei Uhr , und man hatte wol schon acht Meilen zurückgelegt . Die Gegend nahm einen neuen Charakter an . Oskar Binder fing an zu trällern ; er pfiff sich einige Arien , die er sonst wol auch mit einer schönen Tenorstimme zu singen verstand . Er bekam die unternehmende Haltung wieder , die ihm sonst geläufig war , strich sich das Gesicht an den Stellen , wo sonst sein Bart gestanden hatte , und lachte einmal über das andere laut auf . Jetzt interessirten ihn kleine Dinge am Wege , ein Dorf , ein bellender Hund , dem er nachahmte und ihn damit nur noch heftiger reizte , die Landestracht . Auch den falschen Engländer hielt er nicht mehr so consequent fest und gegen Lucinden wurde er aufmerksamer . Er setzte sich rücklings und lehnte die Halbschlummernde über den Rücksitz bequemer aus , schlug ihre Füße in seinen ausgebreiteten Plaid , strich die langen Haare von der kalten feuchten Stirn zurück , küßte die Hände , deren Handschuhe schon abgezogen waren , und kniete sogar nieder , um von dem Glück seiner Eroberung , von der Zukunft , von der baldigen Ruhe in einem guten Hotel und den Bequemlichkeiten eines ersten Kajütenplatzes auf einem deutsch-amerikanischen Dampfer zu sprechen . Lucinde hörte allem in träumerischer Abwesenheit zu . Die Küsse , die ihr Begleiter auf ihre Hände drückte , schien sie nicht zu fühlen . Ruhig ließ sie ihn auch ihre Locken streicheln . Zu lange auch verweilte er bei seinen Zärtlichkeiten nicht ; immer wieder fuhr er auf , das kleinste Geräusch konnte ihn erschrecken . Kehrte er dann von einem Blicke aus dem Wagenschlage zurück , so griff er erst nach seinem Reisehandbuche und verglich das , was er las , mit dem was er eben draußen gesehen . Seltsam genug mochte ihm sein , in seinem » Guide « vielleicht zu lesen : Nun öffnet sich das große Becken , wo einst die Römerwelt mit den Germanen zusammenstieß , Varus seine Schlachten verlor , Arminius das Schwert des Rächers über die vernichteten Legionen schwang , bis dann um achthundert Jahre später die Römer wiederkehrten , mit dem Kreuze voran , dem Schwerte Karl ' s des Großen hintennach . Hier an diesen Strömen vollzogen sie an den Sachsen die Bluttaufe ... Von den Wonnen des Geschichtskundigen , der hier zwischen diesen Bergketten und Längenthälern die ersten deutschen Klöster errichtet weiß , die damaligen ersten Pflanzstätten der Bildung , der das Auge dort nach einem sagenreichen Hügel , hier nach einer waldverlorenen Kapelle richtet und sieht , wie zwischen Katholicismus und Protestantismus das Land getheilt wellenartig dem grünen Landmeere , Westfalen genannt , und von dort den großen geschichtsmaßgebenden Strömen und Meeren zu sich windet ... davon hatte nach Bildung und Gefühl das starre Auge des jungen Verbrechers keine Ahnung . Um drei Uhr war es wieder eine Waldung , in die die Reisenden einfuhren ... Diesmal eine von Birken . Geisterhaft standen die blendendweißen schlanken Stämme , die Zweige hingen nieder wie an den Trauerweiden . Kein Herbstlaub war von den dürftig geschmückten Kronen mehr auf dem Boden sichtbar , Moos und Flechtengewächse zogen sich , von blauen Blumen unterbrochen , weithin zwischen den sonnenbeschienenen , feenhaft winkenden Stämmen . Hielt der Wagen , so flüsterte es von den Espen , die zwischen den Birken standen , wie ein Säuseln der Allnatur , und Wässerchen sickerten da und dort aus dem Moose hervor und benetzten die ihrem Laufe schon folgenden Vergißmeinnicht wie in der Idylle eines Traumes . Lucinde lag in Betäubung ... Ihr Auge war geschlossen , doch schlief sie nicht . Sie fühlte wohl , daß die immer gewecktere Laune , immer fröhlichere Stimmung ihres Begleiters angefangen hatte nur ihr allein sich zu widmen ; sie duldete es , um nur Ruhe zu haben . Sie wußte und fühlte wol etwas von der Berührung ihrer Lippen . Sie war machtlos , geistig und körperlich ohne Willen . So ging es eine Weile wie im Traume fort ... Da plötzlich springt sie auf , wie von einer Natter gestochen . Der Muth des jungen Mannes hatte mehr gewagt . Krampfhaft stößt sie ihn zurück und sieht ihn mit starren , weit aufgerissenen Augen an ... Aber auch ihm war gerade in demselben Augenblicke mehr geschehen als nur der Widerstand eines ihm zu hülflos geschienenen Opfers . Die fünf Finger jeder Hand streckte er krampfhast vor sich ihn , wie einer , der eine Scene unterbricht mit plötzlicher Anstrengung seines Gehörs , und kaum hatte diese Bewegung eine Secunde gedauert , kaum Lucinde ihr eigenes Entsetzen vor dem starren Schreck des Frevlers vergessen , als dieser nach einem Griff auf seine immer zur Hand stehende Kassette den Schlag geöffnet hatte , Halt ! donnerte , ohne Mütze aus dem Wagen sprang und für sie verschwunden war . Lucinde sank vor dem plötzlich haltenden Wagen in den Sitz zurück , erhob sich aber wieder , wickelte sich aus dem Plaid heraus und machte Miene , instinctmäßig dem Flüchtling zu folgen . Indem schlug ein Geräusch an ihr Ohr wie von Pferdehufen . Sie blickte zum Schlag hinaus , den der Postillon voll Erstaunen über das Benehmen seines Passagiers auch auf seiner Seite , der linken , geöffnet . Man sah zwei Gensdarmen mit klapperndem Seitengewehr in noch ziemlicher Entfernung daherjagen . Lucinde , wie in der Ansteckung des Augenblicks , springt hinunter , die Pferde halten aber nicht recht , scheuen und wollen auf den Fußweg . Dadurch gibt ihr der Instinct des Moments den Gedanken , nicht zur Rechten , wo Binder verschwunden war , zu entfliehen , sondern nach der linken Seite . Ein Fluch der Verwunderung von seiten des Postillons folgt ihr . Sie rennt das niedrige Gestrüpp quer hindurch . Haselgesträuche und Brombeerhecken biegt sie zurück , läuft , wie von Furien verfolgt , in der ganzen athemlosen Hast der fieberhaftesten Erregung , mit Kräften ausgerüstet , die sie im Augenblick hernimmt , sie weiß nicht woher , läuft durch Heck ' und Moos , durch weiche , versinkende Stellen , Sträuche zurückbiegend und keinem Verstecke , der sich darbietet , vertrauend . Wie von der Luft getragen , fliegt sie dahin , und erst , als sie nicht mehr kann , reicht das Entsetzen über Gefahren , die sie sicher nicht zu groß sich ausgemalt , nur noch so weit aus , auf die Zweigstämme eines rings von hohen Büschen umgebenen Baumes zu klettern , die Zweige des Umwuchses zurückzudrängen , die höhern Wipfel an sich zu ziehen , sich fest an sie anzuklammern und mit einem einzigen kühnen Sprunge auf die Astgabel des Baumes zu springen , wo sie dann leichtere Mühe hat höher zu klimmen und athem- und kraftlos , mit herabhängenden Händen und niedergebeugten Hauptes zusammenzusinken . So lugt der Luchs mit starren Augen aus grünen Zweigen und harrt des nahenden Jägers . 7. In dieser Stellung blieb Lucinde wol eine Stunde . Sie hatte oft schon auf Bäumen gesessen , aber so in Angst und Kraftlosigkeit noch nie . Mit den über einen gewaltigen Ast ausgelegten Armen hing sie mehr , als sie auf einem untern mit den Füßen stand . Der Schweiß , der ihr von der Stirn troff , mußte ihr gut thun ; sie behielt wenigstens die Besinnung , und diese lieh dem Körper Kraft . Lang hingen die Haare , das weiße Kleid war zerfetzt , ihr rother Shawl war irgendwo hängen geblieben . Ihr ganzer Sinn spitzte sich nur auf das Gehör zu . Wenn ihr Auge über etwas funkelte , war es ein Blatt , das rauschte , ein Käfer , der summte . Sie besann sich sogleich darauf , daß sie ungewiß sein konnte , ob sie mehr vor den Häschern als vor ihrem Begleiter so geflohen war . Als sie nichts hörte , keine Menschentritte , kein Geräusch von Waffen , konnte sie endlich die Miene so verziehen , daß die weißen Zähne eine Weile hervorstanden , wie immer , wenn sie spöttisch lachte ... Es war ein Lachen , das allmählich in ihrem Innern so platzgriff , daß es sich auch äußerlich geltend machte . Sie lachte , wie die Verzweiflung pflegt , wenn sie nicht mehr aus noch ein kann . Sie überlegte , was nun alles kommen konnte ! Wenn sie aus dieser Lage nichts Neues und Unerwartetes erlöste , sah sie Demüthigungen entgegen , die grauenhaft waren . Alles blieb still ... Sie traute sich die Kraft zu , niederzusteigen ... Der Gedanke : Wie , wenn sie durch die Nacht so hinwandern könnte , durch die Wälder , die Berge , über die Meere - bis Amerika ! der stand ihr so lange bei , bis sie wieder auf ebenem Boden war und dann freilich vor Erschöpfung bald zusammensank . Sie hatte seit dem gestrigen Tage keine Nahrung genommen . Nun lag sie kraftlos und griff nach den Zweigen der Sträucher über sich und beugte sie zu sich nieder , hoffend auf Erquickung . Nirgends eine Frucht . Erdbeerbüsche sah sie etwas weiter , aber die Früchte waren abgestreift . Dies bewies ihr wenigstens Menschennähe . So lag sie lange ; sie legte den Kopf über die gekreuzten Arme und schmachtete so hin ... Seit lange hatte sie solche Einsamkeit auch ihres Innern nicht gefühlt . Doch mit Thränen konnte ihre Natur sich nicht helfen . Vor acht Tagen - da hätte sie » beinahe « geweint , als sie das Haus des edeln Mannes , des Stadtamtmanns , verließ . Sie weinte auch wirklich , als die alte Köchin über ihr tröstend und doch kopfschüttelnd gesagt hatte : Jettchen , Jettchen , Sie werden noch Traurigeres in der Welt erleben , als das ist ! Sie hatte schon seit lange nicht mit der Alten gesprochen , weil sie zu stolz geworden war . Aber lange hatte die Rührung nicht gedauert . Sie wühlte schon damals nach einer Genugthuung . Da sich keine fand , da ihr überall der Weg versperrt war nach der Seite hin , wo allein ihrem Stolze genügt werden konnte , so war sie bereit gewesen , das Netz , das sie überspann , zu zerreißen und mit Oskar Binder in die weite Welt zu gehen . Wie das so war und werden konnte , hatte sie nicht viel überlegt . Nun sah sie ' s und neu genug waren die Folgen ... Jetzt blickte sie in einem Walde einsam hinein in Moos , Farrnkräuter , Sträuche mit Blüten und Beeren , die zum Herbste reiften ... Was dieser ihr wol bringen wird ! Die kleinen Käfer und Insekten um sie her konnte sie noch verfolgen , wie sie sprangen und sich kugelten und auf Halme kletterten , die am Gewichte derselben zusammenknickten ... Es regt sich doch alles , es nährt sich doch alles ! Das zu denken , auch jetzt zu denken , war längst ihre Art , und so elend ihr zu Muthe blieb , aufstehen würde sie doch , wenn nicht gleich jetzt , doch noch vor Abend ; und zurückdenken mochte sie am wenigsten ; aufrichtig beklagen , sich etwas vorwerfen , bereuen , das hatte sie nie vermocht , und wenn sie sonst gestraft worden war , Thränen kannte sie auch da nicht . Ihr Vater weinte wol dann statt ihrer und seufzte : Die Mutter ! Nach einer halbstündigen Ruhe raffte sie sich wieder in die Höhe . Sie ordnete ihr Haar , soweit es ging , erschrak zwar über den Zustand ihres Kleides , versuchte aber weiter zu kommen . Sie hielt sich an die Zweige und Stämme . Einen Weg fand sie nicht . Sie war gauz im Dickicht , und doch war ihr ' s manchmal , als läutete von irgendwoher eine Glocke . Dann war ' s blos wieder ein Summen im Grase oder im Ohre . Einige hundert Schritte brachte sie so vorwärts ; weiter trug sie ihre Kraft nicht mehr ... Es war an einem wunderschönen Platze , wo sie zusammensank . Der Wald wurde lichter , die Birken ragten wieder , Erlen , auch Weiden kamen . Sie sah sogar in der Ferne Schilf , dicht verwachsen ; nun mußte doch ein Wasser kommen . Sogar Schwalben schossen daher , die sonst im Walde nicht wohnen . Auch eine Lerche wirbelte ein Abendlied in der Luft . Aus dem Schilfe blickte manche dunkelblaue Blume ihr entgegen . Weiße Nymphäen sah sie auf kleinen Wässerchen . Das Gras um sie herum war von Vergißmeinnicht gezeichnet ... Immer müder und müder wurde ihr . Rings der große schweigende Kranz des Waldes , hier ein kleines Wassereiland , drüber der blaue Himmel mit einigen wie durchsichtigen Rosawölkchen in allerhöchster Höhe . Sie blickte noch einmal empor , dann faßte sie , wie um sich zu halten , einen Büschel blauer Glockenblumen , und lag dann so , diese in der Hand haltend , ohne Bewußtsein . Eine grüne , behend dahinschlängelnde Eidechse , die sie im Sinken unter einem feuchten , moosbewachsenen Steine aufscheuchte , sah sie wol noch , aber fürchtete sie nicht mehr . Als Lucinde erwachte , war es dunkler Abend . Ihre Ohnmacht war in Schlummer übergegangen . Sie erwachte an derselben Stelle . Obgleich sie schwer geträumt hatte und im Traume weit entrückt gewesen war in ferne Lande , so erkannte sie doch sogleich den Ort wieder trotz der Dunkelheit . Nur Gesellschaft hatte sich eingefunden . Es saß ein Mann neben ihr . Es war ein ihr völlig Fremder , und doch erfüllte er sie nicht im mindesten mit Schrecken . Seine Geberde war auch zu sprechend für die Gefahrlosigkeit seiner Nähe und seiner Absicht . Er lag auf den Knieen , faltete die Hände , die er lässig niedergleiten ließ , und betrachtete die Erwachende , wie wenn er eine überirdische Erscheinung angebetet hätte . Ihr Erwachen schien den Fremden mit großer Freude zu erfüllen . Er war hoch und stark , ein Mann eher noch in jungen als in mittlern Jahren . Sein Antlitz , soweit es der schon nächtlich gedunkelte Abend erkennen ließ , war voll , geröthet , beides fast im Uebermaß . Die Art und Farbe der Augen ließ sich vor dem Schirm einer leichten Sommermütze , die er trug , nicht erkennen . Auch seine übrige Tracht war von leichtem , hellem Sommerstoffe , bis zu Gamaschen hinunter , die er trug . Das Halstuch war mit einem Ring zusammengebunden , dessen weiße Steine wunderbar funkelten . Eine schwere goldene Kette hing über die offene Brust hinweg über ein sauber gefälteltes Hemd . Von der grünen Waldeseinsamkeit stachen die weißen Glacéhandschuhe ab , die auch dieser Fremde wie Oskar Binder trug und trotz seines Knieens und seiner wie anbetenden Geberde nicht ausgezogen hatte . Noch ehe Lucinde sich in diesen seltsamen Anblick gefunden , wurde sie von dem fremden Manne angeredet . Es war in einer fremden Sprache , die aber einige deutsche Laute untermischt hatte , und das so richtige und volltönende , wie wenn ihm jene doch nicht recht geläufig war . Die sich gleichbleibende Stellung und ehrfurchtsvolle Anrede des Fremden überraschte Lucinden jetzt so , daß sie sich erhob und einige Worte sprach : Wer sind Sie ? Wo bin ich ? In diesem Augenblicke kamen aber auch schon aus dem Walde einige Leute und brachten einen großen Tragsessel . Ein älterer , schwarzgekleideter Mann führte sie und näherte sich mit Anweisung der Stelle , wohin sie ihm mit dem Sessel folgen sollten . Da er Lucinden schon aufgestanden und jetzt wie auf der Flucht fand , rief er ihr entgegen : Mein junges Kind ! Fürchten Sie sich nicht ! Sie sehen hier nur die Sorge des Herrn Kammerherrn ! Wir waren im Begriff , Sie auf diesem Stuhl in meine Wohnung zu bringen ! Lucinde war sich ihrer eigenen Abenteuerlichkeit zu gut bewußt ; wie hätte sie von den Männern , statt Aufklärungen zu geben , welche verlangen können ! Sie müssen ermüdet sein ! Setzen Sie sich ! Diese Leute sind stark genug , Sie den Weg , der nicht zu kurz ist , in meine Wohnung zu tragen ! So sprach wiederholt der Neuhinzugekommene , ein hagerer , langer Mann , von gelassenem Wesen . Sie mußte nach Tracht und Haltung in ihm einen Dorfgeistlichen vermuthen . Der als Kammerherr Bezeichnete war aufgestanden und hielt sich immer nur in einiger Entfernung , faltete die Hände und betrachtete Lucinden wie ein Wunder , das sie in dieser Umgebung , in ihrem wilden und doch eleganten Aufzuge allerdings auch war . Ermüdet und schwach bis zum Umsinken , ließ sie sich die Dienstleistungen der Leute gefallen , duldete , daß man sie auf den Sessel hob , diesen dann kräftig erfaßte und sie so aus dem jetzt schon vom Monde beschienenen und von Leuchtkäfern und schwärmenden Phalänen belebten Schilfmoor in den dunkeln Wald zurücktrug . Die Träger sprachen nichts als was zur Verständigung des bessern Handhabens des Stuhles gehörte ; auch die beiden andern , der Kammerherr und der , den sie für einen Geistlichen hielt , folgten schweigend . Lucinde , so dahingetragen den schmalen düstern Waldweg , glaubte noch immer zu träumen , und doch war alles Wirklichkeit . Diese geisterhaften Lichter , die der Mond zwischen die hohen Stämme warf , waren zu natürliche . Aber das Gefühl , einer Gefahr entgegenzugehen , konnte hier nicht aufkommen . Die beiden Männer blieben zwar in lebhaftem