nannte - und überlieferte mir die spielzeugbehangene Linke , behielt jedoch die Knarre in der Rechten , und nun ging ' s durch die menschen- und lichtererfüllten Straßen nach Hause . Wie glänzte heute abend die alte , dunkle Sperlingsgasse ! Von den Kellern bis zum sechsten Stock , bis in die kleinste Dachstube war die Weihnachtszeit eingekehrt ; freilich nicht allenthalben auf gleich » fröhliche , selige , gnadenbringende « Weise . Welch einen Abend feierten wir nun ! Wir ließen unsere kleine Begleiterin natürlich nicht zu ihrem kaltgewordenen Stübchen hinaufsteigen . War ich nicht schon auf der Universität meines famosen Punschmachens wegen berühmt gewesen ? ( Eine Kunst , die mir mein Vater mit auf den Lebensweg gegeben hatte . ) Der Karikaturenzeichner holte einen Tannenzweig , den er auf der Straße gefunden hatte , hervor und hielt ihn ins Licht . » Das ist der wahre Weihnachtsduft « , sagte er , » und in Ermangelung eines Bessern muß man sich zu helfen wissen . « Horch ! Was trappelt auf einmal da draußen auf der Treppe ? Ein leises Kichern erschallt auf dem Vorsaal und scheint noch eine Treppe höher steigen zu wollen . » Zu mir ? « sagt Rosalie und springt verwundert nach der Tür . » Ach , da ist sie ? ! « schallt es draußen , und auch ich stecke meinen Kopf heraus . » Guten Abend , alter Herr ! Guten Abend , Rosalie ! Guten Abend , Röschen ! « erschallt ein Chor heller , lustiger Stimmen . » Wo ist Alfred , wir bringen ihm einen Weihnachtsbaum ! « » Hurra , das ist ' s , was wir eben brauchen ! « schreit der Zeichner , seine Knarre schwingend . » Schönen guten Abend , meine Damen , und fröhliche Weihnachten ! « Aus dunkeln Mänteln und Schals und Pelzkragen entwickelt sich jetzt ein halbes Dutzend kleiner Theaterfeen , die alle jubelnd und lachend meine Stube füllen und - auf einmal alle ein verschiedenes Musikinstrument hervorholen , welches sie auf dem Weihnachtsmarkt erstanden haben . Ein Heidenlärm bricht los ; das knarrt und quickt und plärrt und klappert , daß die Wände widerhallen und Rosalie , welche beschwörend von einer der kleinen Ratten zur andern läuft , zuletzt , die Ohren zuhaltend in dem fernsten Winkel sich verkriecht . Endlich logt sich der Skandal mit dem ausgehenden Atem und der ausgehenden Kraft des Karikaturenzeichners , der vor Wonne über das Pandämonium kaum noch seine Knarre schwingen kann . Welch ein Punsch war das ! Welche Gesundheiten wurden ausgebracht ! Welche Geschichten wurden erzählt ! Vom Souffleur Flüstervogel bis zum Ballettmeister Spolpato , ja bis zu Seiner Exzellenz dem Herrn Intendanten hinauf . Heute abend malte Strobel keine Karikaturen , aber sich selbst machte er oft genug zu einer . Beim Versuch , sich auf einer mit dem Halse auf der Erde stehenden Flasche sitzend zu drehen , beim Zuckerreiben , beim Versuch , den glimmenden Docht eines ausgeputzten Wachslichtes wieder anzublasen , und bei anderen Kunststücken . Alfred , der durch Unterlegung von Pufendorfs und Bayles schweinslederner Gelehrsamkeit und durch Auftürmung verschiedener dickbändiger Erziehungstheorien dazu gebracht war , neben seiner kleinen Mutter sitzend , über den Tisch blicken zu können , jubelte mit , bis ihm die Augen zufielen und er auf meinem Sofa ein- und weiterschlief bis elf Uhr , wo das Fest endete , die kleinen Gäste wieder in ihre Mäntel krochen , mich für einen » gottvollen alten Herrn « erklärten , Röschen küßten und nach einem vielstimmigen » gute Nacht « die Treppe hinabtrippelten . Darauf trug Strobel den schlafenden Alfred eine Treppe höher ( wozu ich leuchtete ) und - auch dieser Weihnachtsabend der Sperlingsgasse war vorbei . Am 1. Januar Neujahrstag ! - Ich habe einen Brief bekommen aus dem fernen Italien , ein köstliches Neujahrsgeschenk . Er spricht von der alten dunkeln Sperlingsgasse und Glück und Wiedersehen , und eine Frauenhand hat diese feinen , zierlichen Buchstaben gekritzelt . Den Namen der Schreiberin nenne ich aber noch nicht , sondern fahre in meinem Gedenkbuch fort , wozu ich diesmal eine neue Mappe hervorsuchen muß . - So war ich denn allein mit der kleinen Elise , die unbewußt ihres Waisentums und des unbehülflichen Pflegevaters auf Marthas Schoß tanzte , als ich auch von dem Begräbnisse zurückkehrte in diese vor kurzem noch so fröhliche , jetzt so öde Wohnung in Nr. sieben der Sperlingsgasse . Da stand - es steht noch da - auf dem Fenstertritt Mariens kleines Nähtischchen mit unvollendeten Arbeiten , Zwirnknäulchen , Nadeln und Bändern , wie sie es an jenem Abend , über Kopfweh klagend , verlassen hatte , um nicht wieder davor zu sitzen , nicht wieder durch die Rosen-und Resedastöcke und das Efeugitter in die dunkle Gasse hinauszusehen . Da waren noch allenthalben die Spuren ihrer zierlichen Geschäftigkeit . Franz hatte die letzten drei Monate wie ein Argus über ihre Erhaltung gewacht . - Dort auf jenem Stuhl hing ihr Hütchen , dort das Handkörbchen , welches sie bei ihren Einkäufen mit sich führte . Im zweiten Fenster stand Franzens Staffelei : das vollendete Bild Mariens - lächelnd , wie sie nur lächeln konnte - darauf lehnend . Seine farbenbedeckte Palette hing daneben , seine Skizzenmappen und Rollen lehnten und lagen allenthalben . Hinter der Tür hing sein zerdrückter Biber , den wir so oft auf unsern Spaziergängen mit Blumen und Laubgewinden umkränzten und der Marien , seines jämmerlichen , manchen-sturmdurchlebten Aussehens wegen , ein solcher Dorn im Auge war . Kein Fleckchen , kein Gerät ohne seine traurig süße Erinnerung . Zerbrochenes Kinderspielzeug auf dem Boden ... und ich allein mit dem Kinde in dieser kleinen Welt eines verlornen Glücks - Erbe von soviel Schmerz und Tränen und Verlassenheit ! Aber jetzt galt es zu handeln , nicht zu träumen , Ich mußte mich aufraffen . Ich nahm der Wärterin das kleine Lieschen aus den Armen , küßte es und versprach mir leise dabei , dem Kinde meiner Freunde ein treuer Helfer zu sein im Glück und Unglück , bei Nacht und bei Tage , und ich glaube den Schwur gehalten zu haben . Das Kind sah mich mit seinen großen blauen - denen der Mutter so ähnlichen Augen lächelnd an , griff mit beiden Händchen mir in die Haare und begann lustig zu zausen , wobei die alte Martha mit gefalteten Händen zusah . Martha war schon Mariens Wärterin im Rektorhause zu Ulfelden gewesen , war mit ihr zur Stadt gekommen und hatte sie nicht verlassen bis an ihren Tod . Da meine Wohnung drüben in Nr. elf zu beschränkt war , um die ganze kleine Welt dahin überzusiedeln , so hielt ich zuerst mit der Martha einen Rat , dessen Resultat war , daß ich meine Bücher , Herbarien , Pfeifen und unleserlichen Manuskripte nach Nr. sieben herüberholte , worauf Martha alles aufs beste einrichtete . Indem ich alle Liebe für die Eltern nun in dem Kinde konzentrierte , hoffte ich , auf den Trümmern des zusammengestürzten Glücks ein neues hervorblühen sehen zu können . Drüben blieb die Wohnung nicht lange leer ; mein dicker Freund , der Doktor Wimmer , zog ein und spielte eine geraume Zeit den Haupthelden und Faxenmacher der Sperlingsgasse . Am 5. Januar Elise ! - Sooft ich diesen Namen niederschreibe , klingt es wieder in der immer dunkler herabsinkenden Nacht meines Alters wie ein Kindermärchen , wie Lerchenjubel und Nachtigallenklage , umgaukelt es mich so duftig , so leicht , so elfenhaft ... Elise , Elise , komm zurück ! Sieh , ich bin alt und einsam ! Weißt du nicht , daß ich dich auf den Armen schaukelte , daß ich über dir wachte in langen Nächten , wie nur eine Mutter über ihrem Kinde wachen kann ? - Und aus weiter Ferne glaube ich oft eine zärtliche , wie Musik tönende Stimme zu vernehmen : Ich komme ! Ich komme ! Geduld , nur noch eine kurze Zeit ! Und ich warte und hoffe und fülle diese Blätter mit den Namen meines Kindes Elise . So tauche denn auf aus dem Dunkel , du Idyll , bringe mit dir deine Märchenwelt , dein Lächeln durch Tränen ! Komm , mein kleines Herz - aus den schweinsledernen Folianten lassen sich so hübsche Puppenstuben bauen ; schau einmal her , was für ein prächtiges Bett gibt mein Papierkorb ab für die Jungfern Anna , Laura , Josephine , und wie die kleiegefüllten Donnen sonst heißen ! Einen niedlichen , goldgelben Kanarienvogel schenke ich dir , wenn du nicht weinen willst und hübsch herzhaft den Löffel voll brauner Medizin herunterschluckst ! - Weine nicht , Liebchen , sieh , wie der Efeu aus deiner Mutter Heimatswalde Blättchen an Blättchen ansetzt und immer höher an der Fensterwand sich emporrankt . Schau , wie der Sonnenschein hindurchzittert und auf dem Fußboden tanzt und flimmert ; es ist wie im grünen Wald - Sonnenschein und blauer Himmel ! Du mußt aber auch lächeln ! Und wie der Efeu höher und höher emporsteigt , so wächst auch du , mein kleines Lieb ; schon umgeben ebenso feine lichtbraune Locken , wie die auf jenem Bilde , dein Köpfchen . Wer hat dich gelehrt , dieses Köpfchen so hinüberhängen zu lassen nach der linken Seite , wie sie es tat ? Schüttle die Locken nicht so und gucke mich nicht so schelmisch an aus deinen großen , glänzenden Augen ! Soll das ein R sein , dieses Ungetüm ? Oh , welch ein Klecks , Schriftstellerin ! Welche Dintenverschwendung von den Händen bis auf die Nasenspitze ! Wie wird die alte Martha waschen müssen ! Du sagst , du habest nun genug Buchstaben gemalt , du müssest jetzt hinunter in die Gasse ; du meinst , sogar die Fliegen hielten es nicht mehr aus in der Stube , du sähest wohl , wie sie mit den Köpfen gegen die Scheiben stießen ? ! Nun so lauf und fall nicht , Wildfang ; ich sehe ein , wir müssen dich doch wohl zu dem Herrn Roder in die Schule schicken , damit du das Stillsitzen lernst . Was ist das auf einmal für ein helles Stimmchen , welches drüben aus dem Fenster meiner alten Wohnung in Nr. elf ruft : » Onkel Wachholder , Onkel Wachholder ! Ausgehen , ausgehen ! « Quält die kleine Hexe nicht schon wieder den Doktor der Philosophie Heinrich Wimmer , der da drüben seine guten Leitartikel und schlechten Romane schreibt ? Wirklich , es ist so . Eine Baßstimme brummt herüber : » Wachholder , ' s ist ' ne absolute Unmöglichkeit , bei dem Heidenlärm , den Euer Mädchen hier mit dem Buchdruckerjungen und dem Rezensenten - ( Rezensent heißt der Hund des Doktors , ein ehrbarer schwarzer Pudel ) - treibt , weiterzuschreiben . Ich bin mitten in einer der sentimentalsten Phrasen abgeschnappt - die kleine Range ist aus Rand und Band , und dabei grinst der Himmel Fritze im Winkel und will Manuskript für die morgende Nummer . « » Schicken Sie doch das Mädchen fort , Doktor , und riegeln Sie Ihren Musentempel hinter ihr zu ! « lache ich hinüber . » Dummes Zeug « , brummt der Doktor , der eine echte zeitungsschreibende Bummelnatur ist und dem die Störung durchaus nicht mißfällt . » Dummes Zeug ; ich schreibe Fortsetzung folgt , und wir führen die Dirne in Schreiers Hunde- und Affenkomödie ; der Rezensent hat ' s auch nötig , daß seine ästhetische Bildung aufgefrischt werde , wie ein Pack verflucht sonderbar riechender Zeitungsnummern in der Ecke zur Genüge beweist . Machen Sie sich fertig , Verehrtester ! « Damit verschwindet der Doktor vom Fenster ; ich höre drüben auf der Treppe ein Getrappel kleiner Füßchen , und Liese erscheint , begleitet vom Rezensenten , in der Haustür . Mit einem Satz ist sie über die Gasse , ebenso schnell bei mir und im Handumdrehen fertig , wenn ' s sein müßte , eine Reise um die Welt anzutreten . Einige Minuten später stürzt Fritze , der Druckerjunge , aus der Tür von Nummer elf mit einem Blatt Papier , welches noch sehr naß zu sein scheint , denn er trägt es gar vorsichtig und hält es mit beiden Händen weit von sich ab . Jetzt erscheint der Doktor ebenfalls in der Gasse , den östreichischen Landsturm pfeifend , die Zigarre im Munde und mit dem Hakenstock sehr burschikose Fechterübungen gegen einen eingebildeten Gegner machend . Er brüllt herauf : » Wetter , edler Philosoph , lassen Sie die deutsche Presse nicht zu unvernünftig lange warten . « Halb gezogen von Lieschen , halb umgeworfen vom Rezensenten , der , wie es scheint , seiner höheren Bildungsschule sehr ungeduldig entgegengeht , stolpere ich die Treppe hinunter über Eimer und Besen , über Kinder und Körbe . Aus allen Türen blicken alte und junge , männliche und weibliche Köpfe , die alle der kleinen Liese Ralff freundlich zunicken . Und wirklich , sie ist auch - wie einst ihre Mutter , nur jetzt noch auf andere Weise - das bewegende Prinzip der ganzen Hausgenossenschaft . Auf der Gasse taucht der Klempner Marquart aus seiner Höhle auf und erhält von der Liese Gruß und Handschlag , nicht aber vom Rezensenten , der den Feuerarbeiter haßt und , wie es so oft in der Welt geschieht , das Werkzeug für die Ursache nimmt . Hat nicht Marquart auf hohe polizeiliche Anordnung ihm , dem ehrbaren , soliden Rezensenten , dem Muster aller Pudel , den Maulkorb mit der Steuermarke um die beschnurrbartete Schnauze geschlossen ? Wer verdenkt es dem braven Köter , wenn er wehmütigwütig vor dem Keller den husarenfederbuschartig zugeschnittenen Schwanz zwischen die Beine zieht und seitwärts schielend vorbeischleicht , » sich in die Büsche schlägt « , wie Seume und mein Freund Wimmer sagen ? Und nun durch die Gassen ! Himmel , was sollen wir der Kleinen nicht alles versprochen haben ! Da eine » reizende « Gliederpuppe mit Wachsgesicht , an jenem Laden wieder ein » wonniges « kleines Puppenservice von gemaltem Porzellan und so fort , daß der Doktor ganz wehmütig den Hut auf die Seite schiebt und sich hinter dem Ohr kratzt . » Ja , kucke nur , Onkel Wimmer , hast du nicht gesagt , du wolltest mir solch ein hübsches Kaffeegeschirr kaufen , wenn ich nicht wieder aus deinen alten , schmutzigen Schreibbüchern dem Rezensenten einen Federhut machen wolle ? « » Denken Sie , Wachholder « - sagt der Doktor zu mir - , » da hatte die Herostratin vorgestern einen ganzen Bogen Manuskript , das ganze zwanzigste Kapitel der Flodoardine zu dem eben von ihr erwähnten Zwecke vermißbraucht ! Denken Sie sich meine Verblüfftheit , als der Köter so geschmückt aus seinem Winkel mir entgegenstolziert , auf den Stuhl mir gegenüber springt und einen verachtenden Blick über den Schreibtisch und die noch übrigen Bogen wirft , als wolle er sagen : Pah , aus dem andern Schund machen wir eine ganz famose Jacke ! « » Kriege ich mein Geschirr ? « ruft der kleine Verzug zwischen uns ungeduldig . » Ja « , sagte der Doktor gravitätisch ; » mit der zweiten Auflage der Flodoardine ! « » Ach « , mault die Kleine , wehmütig über diese dunkle , ihr unverständliche Vertröstung , » ich sehe schon , du hast wieder mal kein Geld ! « Lachend marschierte ich weiter , während der Doktor ebenfalls etwas Unverständliches in den Bart brummte . Und jetzt sind wir am Eingange der buntgeschmückten Bude angekommen und einen Augenblick , darauf auch drinnen . Affen und Äffinnen , Hunde und Hündinnen machten ihre Kunststücke , und die Bretter bedeuteten auch hier eine Welt , und Affe und Äffin , Hund und Hündin betrugen sich wie Menschen . Die kleine Elise jauchzte , und Rezensent starrte verwundert seinen Stammesgenossen auf der Bühne zu . Er schien ganz perplex , und von Zeit zu Zeit stieß er einen heulenden Laut aus , den der Doktor verdolmetschte : » Berichterstatter war außer sich vor Entzücken . « Bellte der gelehrte Pudel kurz und schroff , so meinte der Doktor , das bedeute : » Berichterstatter war außer sich über die Insolenz eines so unreifen Künstlers , vor einem so kritisch gebildeten Publikum , wie das unserer Residenz , zu erscheinen . « Wedelte das rezensierende Vieh mit seinem Husarenbusch , so hieß das : » Diese junge Künstlerin verdient alle Ermunterung . Bei fortgesetztem fleißigem Studium verspricht sie etwas Großes zu leisten . « Gähnte der Köter , so sagte der Doktor : » Berichterstatter rät dem Verfasser dieses geistvollen Stücks , sein elendes Machwerk nicht für dramatische Poesie auszugehen . Mit einer Tragödie hat es nichts gemein als fünf Akte ! « Als am Schluß der Vorstellung das große und kleine Publikum sich erhob und Beifall klatschte , der Pudel aber , wie von einer großen Verpflichtung befreit , unter die Bank sprang , erklärte der Doktor , das bedeute : » Gottlob , daß die Geschichte vorbei ist . Jetzt kann man sich doch mit Gemütsruhe eine Zigarre anzünden und zu Butter und Wagener am Gänsemarkt gehen . « Und das tat der Doktor auch . Vorher aber hob er die kleine Elise noch zu sich empor und gab ihr - wie sehr sie sich auch sträubte - einen tüchtigen Schmatz . » Also bei der zweiten Auflage der Flodoardine schaffen wir uns ein neues Teeservice an « , sagte er lachend . Rezensent schien erst im Zweifel mit sich zu liegen , welcher von beiden Parteien er folgen solle . Zuletzt gewann aber der Gedanke an Wurstschelle und so weiter die Oberhand . Er trabte dem Doktor nach . Wir aber gehen nicht zu Butter und Wagener am Gänsemarkt . Wir kaufen noch Obst von der alten Hökerfrau an der Ecke und kehren glücklich - das kleine Herz voll vom Affen Kätz mit der Laterne und dem Spitz Hudiwudri , der lustigen Madame Pompadour und all den andern Wundern - zurück in unsere Sperlingsgasse und schlafen , müde vom Gehen , Lachen und Jubeln , schon beim Auskleiden ein . Dann steigt der volle , reine Mond über den Dächern auf . Der Abendwind weht frischere Lüfte über die große Stadt . Der Lärm des Tages ist vorbei ; manche bedrückte Brust atmet leichter in der dämmerigen Kühle . Mancher sehnige Mannsarm , der den Tag über den Hammer , das Beil , die Feile regierte , legt sich sanft um ein befreundetes Wesen , das ihm neuen Mut im harten Kampf gegen die Materie gibt ; manche harte Hände heben kleine , schlaftrunkene Kindchen aus den ärmlichen Bettchen , um an den kleinen Lippen Hoffnung und Mut zum neuen Schaffen zu saugen ! Und auch ich beuge mich dann über meine schlafende Pflegetochter , den leisen , ruhigen Atemzügen der kleinen Brust lauschend , während die alte Martha am Fußende des Bettes strickt . Das Lockenköpfchen des Kindes liegt auf dem rechten Ärmchen , das Gesichtchen ist in dem Kopfkissen vergraben ; ich kann die lieblichen , reinen Züge nicht sehen . - - Da sieh ! Plötzlich wendet sich das Kind um und dreht mir voll das Gesicht zu - es murmelt etwas . » Mama ! « flüstert es leise , und ein heiliges , glückseliges Lächeln gleitet über das Gesichtchen . Wer raunt der Waise das süße Wort zu ? - Die alte Martha hat die Hände gefaltet und betet leise . - » Mama , liebe , liebe Mama ! « flüstert das Kind wieder , das Ärmchen ausstreckend . Ist es ein Traum , oder kommt die erdentote Mutter zurück , über ihrem Kinde zu schweben ? Dann fällt wohl ein Mondstrahl glänzend durch das Efeugitter auf das Bild Mariens , der Kanarienvogel zwitschert auch wie im Traume auf , eine Wolke legt sich vor den Mond , der Strahl verschwindet - das Kind versenkt , sich umdrehend , das Köpfchen wieder in die Kissen . » Gute Nacht , Elise ! Felicissima notte , sagen sie in dem schönen Italien , wo du heute weilst , eine glückliche , liebende Frau : Felicissima notte , Elise ! « Am 10. Januar Seit ich jene Mappe , überschrieben » Ein Kinderleben « , hervorgenommen habe , ist in meinem bisherigen Fenster- und Gassenstudium eine Pause eingetreten . Es soll draußen sehr kalter Winter sein ; Strobel behauptet es , auch Rosalie ist nicht dagegen . Ich kann nicht sagen , daß ich viel davon wüßte . In diesen vergilbten Blättern hier vor mir ist es sonniger Frühling und blühender Sommer . Es macht mir Freude , mich darin zu verlieren , und ich erzähle deshalb weiter . Da ist so ein altes Blatt : Wir sind sehr ungnädig . Ein alter , dicker , lächelnder Herr ist dagewesen , hat uns den Puls gefühlt , noch mehr gelächelt , einigemal mit seinem spiegelblanken Stockknopf seine Nasenspitze berührt , hat Dinte und Papier gefordert und kurze Zeit auf einem länglichen Papierstreifchen gekritzelt . Martha hat diesen Zettel darauf fortgetragen , der Alte hat uns auf das Köpfchen geklopft und gesagt : » Schwitzen , schwitzen ! « » Brr ! « - Mühe genug hat ' s dem Onkel Wachholder gekostet , einen solchen kleinen , strampelnden Wildfang zur Räson und ins Bett zu bringen . ' s ist auch zuviel verlangt , die Arme so ruhig unter die Decken zu halten und nur den Kopf frei zu haben . - Himmel , was bringt Martha da für einen kleinen , braunen Kerl an ! Er gleicht fast dem Sem , dem Ham oder dem Japhet aus dem Noahkasten , trägt ein rotes Mützchen über das Gesicht gezogen und mit einem Faden umbunden und schleppt hinter sich her einen langen papiernen Zopf . Was ist ' s für ein Glück , daß wir noch nicht imstande sind , die Inschrift darauf zu lesen : Fräulein Elise Ralff . Alle 2 St. einen Eßlöffel voll . Wir sehen den Burschen aber doch mißtrauisch genug aus unserm Bettchen an , und der Onkel Wimmer , der zur Hülfe herübergekommen ist ( natürlich begleitet vom Rezensenten ) , meint gegen mich gewandt : » Geben Sie acht , Wachholder , ohne Spektakel wird ' s nicht abgehen . Das Volk hat sich erkältet oder erhitzt ; einerlei ! Schwitzen , schwitzen ! Schweiß und Blut ! Probatum est . « Martha kommt nun mit einem Löffel , einem Glas Wasser und einem Stück Zucker , während die Kleine in ihrem Bette immer unruhiger wird und Rezensent immer gespannter auf die Entwickelung der Dinge zu warten scheint . » Ich mag nicht einnehmen ! « wehklagt jetzt Liese , als ich dem Meister Sem die rote Mütze abziehe - » es schmeckt so scheußlich ! « » Aha « , lacht der Doktor Wimmer - » die oktroyierte Verfassung ! « Während ich mich mit dem Löffel voll Medizin der Kleinen , die sich immer weiter zurückzieht , nähere , suche ich vergeblich alle möglichen Gründe für das schnelle Herunterschlucken hervor . » Gib ' s dem Rezensenten , er war auch gestern mit im Regen ! « ruft Lieschen endlich weinerlich . » Ja , das ist auch wahr : kommen Sie , Onkel Wachholder ! Der Redaktionspudel soll ' s wenigstens kosten , damit die Liese sieht , daß es den Hals nicht gilt . « Und der Doktor nimmt , den Rücken der Kleinen zukehrend , den Köter zwischen die Knie , tut , als ob er ihm einen Löffel voll Mixtur eingösse , und liebkost den Pudel dabei , daß dieser freudig aufspringt und lustig bellt . » Siehst du . Jungfer , wie prächtig es ihm geschmeckt hat ! Allons , kleine Donna ! Frisch herunter ! - - - Eins , zwei , drei und ... « Herunter war ' s. Schnell das Glas Wasser und das Stück Zucker dahinterher ! » Du häßlicher Hund ! « sagt die Kleine ärgerlich , den Mund in dem Deckbett abwischend , während die alte Martha sie fester wieder zudeckt . Der Doktor geht nun zurück zu seinen Korrekturbogen , aber der Hund begleitet ihn diesmal nicht , sondern springt auf den Stuhl neben dem Bettchen seiner grollenden Gespielin und schaut gar ehrbar auf sie herab . » Ja , kucke mich nur so an und lecke deinen Schnurrbart « , sagt Lieschen . » Es schmeckte ja doch bitter ? ! Warte nur , wenn ich erst wieder aus dem Bett darf . « Da Rezensent nicht antwortet , so nehme ich für ihn das Wort : » Vielleicht freute sich das arme Tier nur , daß es nun auch bald wieder gesund werden könne , es war doch ebenso naß geworden wie du und hat gewiß auch die ganze Nacht hindurch gehustet . « » Nein « , sagte die Kleine , » er tat ' s nur , weil ich ihm meine Schürze über den Kopf gebunden hatte . Sieh nur , wie er sich freut , wie er seinen Schnurrbart leckt ! « Dagegen läßt sich nichts einwenden , das Redaktionsvieh leckt wirklich mit ungeheuerm Behagen die Schnauze , und ich ziehe es vor , die moralische Seite herauszukehren . » Das war aber auch sehr unrecht von dir , Elise ! Was hatte dir denn das arme Tier getan ? Eigentlich dürfte ich dir nun die schöne Geschichte , die ich weiß , gar nicht erzählen . « » Wir wollen uns wieder vertragen « , sagt Elise wehmütig und nickt dem Pudel zu . » Nicht wahr , du ? « Glücklicherweise legt Rezensent gravitätisch seine schwarze Pfote auf die Bettdecke , und so nehme ich den Frieden für geschlossen an . » Gut denn , wenn du hübsch artig und still liegenbleiben und weder Händchen noch Füßchen hervorstrecken willst , so werde ich dir eine wunderbare Geschichte erzählen , die noch dazu ganz und gar wahr ist . Höre : Es war einmal ein - Küchenschrank , ein sehr vortrefflicher , alter , ehrenfester Küchenschrank , und er stand und steht - draußen in unserer Küche , wo wir ihn uns morgen ansehen wollen ! - Er war fest verschlossen , welches von zwei sehr wichtigen und angesehenen Personen , die davorstanden , für das einzige Übel an ihm erklärt wurde . Martha hatte aber die Schlüssel in ihrer Tasche , und beide Personen , die ich dir sogleich näher beschreiben will , erklärten das einstimmig - sie waren sonst selten einer Meinung - für sehr unangenehm , sehr unrecht und sehr Mißtrauen und Verachtung erregend . Ich habe schon gesagt , daß beide davorsitzende Personen von großem Ansehen und Gewicht waren sowohl in der Küche wie auf dem Hofe und dem Boden . Beide machten sich oft nützlich , oft aber auch sehr unnütz . Jede hatte ein Amt zu verwalten und verwaltete es auch - das war ihre Pflicht ; jede mischte sich aber auch nur zu gern in Dinge , die sie durchaus nichts angingen , und das - war sehr unartig . Vor dem Küchenschrank zum Beispiel hatten sie in diesem Augenblick durchaus nichts zu tun , und doch waren sie da , guckten ihn an , guckten darunter , guckten an ihm herauf . Es roch aber auch gar zu lieblich daraus hervor ! Die eine dieser Personen war mit einem schönen weißen Pelz beneidet , einen kleinen Schnurrbart trug sie um das Stumpfnäschen und schritt ganz leise , leise auf vier Pfoten mit scharfen Krallen einher . Einen schönen , langen , spitzen Schwanz hatte sie auch , und sie schwang ihn in diesem Augenblick heftig hin und her , denn sie ärgerte sich eben sehr , und zwar über drei Dinge : erstens : über den verschlossenen Schrank , zweitens : über die andere Person , drittens : über sich selbst . Es war , es war ... nun , Lieschen , wer war es ? « » Die Katze , die Katze ! « » Richtig , die Katze , Miez , der Madam Pimpernell ihre Katze . ( Holla , Rezensent ! Du brauchst nicht aufzustehen ! ) Die andere Person war etwas größer als Miez , hatte einen braunen Pelz an , marschierte auch auf vier Beinen einher wie Miez , aber lange nicht so leise , und sie ärgerte sich auch über drei Dinge : das Schloß am Schranke , die Katze und sich selbst . Ihren Schwanz hätte sie ebenfalls gern hin und her geschleudert , aber sie konnte es leider nicht , denn sie besaß nur einen ganz kleinen Stummel , nicht der Rede wert . Das machte sie fast noch ergrimmter als Miez , denn die konnte doch wenigstens ihrem Zorn Luft machen . Nun , wer mochte diese zweite Person wohl sein , Liese ? « » Der Hund , Marquarts Bello ! « schrie Elise ganz entzückt . » Geraten , es war Bello , der Edle , ein weitläufiger Verwandter vom Rezensenten und sonst auch ein ganz netter Kerl , aber - wie gesagt - vor dem Schrank hatte er nichts zu suchen ! Nun ? sagte Miez , den Bello anguckend . Nun ? sagte Bello , die Miez anguckend . Miau ! klagte Miez , den Schrank anguckend . Wau ! heulte Bello , den Schrank anguckend . So weit waren sie ; sie wollten aber dabei nicht bleiben ! Packen Sie sich auf den Hof , sagte die Katze , was haben Sie hier zu gaffen ? Sie hätte ich Lust zu packen , schrie der Hund , scheren Sie sich gefälligst auf Ihren Boden und fangen Sie Mäuse . Auf kriegen Sie ihn doch nicht ! Pah ! sagte die Katze und schleuderte ihren schönen Schweif dem Hunde zu , welches soviel