man sagt , damit es ihnen das weiche Hirn nicht einschlage ; aber da drüben hinter Endringen ist ' s schon hell und die Sonne bricht bald hervor , und die Berge , der Wald , die Felder , Alles sieht aus wie ein Menschenantlitz , das sich ausgeweint hat und nun hellglänzend in Freude strahlt . Die Vögel in der Luft und von den Bäumen jubeln und die Gänse , die sich im Wetterschauer zusammengedrängt und die Schnäbel verwundert aufgestreckt hatten , wagen sich wieder auseinander , und grasen und schnattern und besprechen das vorübergegangene Ereigniß mit der jungen flaumweichen Brut , die dergleichen noch nicht erlebt hat . Gleich nachdem Amrei vom ersten Unwetter überfallen worden war , hatte sie für künftige Fälle Vorsorge getroffen . Sie trug von nun an immer einen leeren Kornsack , den sie noch vom Vater ererbt hatte , mit hinaus auf den Ganstrieb . Zwei gekreuzte Aexte mit dem Namen des Vaters waren noch deutlich auf dem Sack abgemalt , und bei Gewittern deckte sie sich mit dem Sacke zu und wickelte sich fast hinein ; da saß sie dann wie unter einem schützenden Dach und schaute hinein in den unfaßbaren wilden Kampf am Himmel . Ein kalter Schauer , der in Wehmuth überging , wollte sich gar oft ihrer bemächtigen , sie wollte weinen über ihr Schicksal , das sie so allein , verlassen von Vater und Mutter , hinaus gestellt ; aber sie gewann schon früh eine Kunst und eine Kraft , die sich schwer lernt und übt : die Thränen hinabwürgen . Das macht die Augen frisch und doppelt hell mitten in allem Trübsal und aus ihm heraus . Amrei bezwang ihre Wehmuth besonders in Erinnerung an einen Spruch der schwarzen Marann ' : wer nicht will , daß ihm die Hände frieren , muß eine Faust machen . Amrei that so , geistig und körperlich , sah trotzig in die Welt hinein und bald kam Heiterkeit über ihr Antlitz ; sie freute sich der prächtigen Blitze und ahmte leise vor sich den Donner nach . Die Gänse , die sich wieder zusammengeduckt hatten , schauten wieder seltsam drein , sie hatten ' s aber doch gut : alle Kleider , die sie brauchen , sind ihnen auf den Leib gewachsen und für das was man ihnen im Frühling ausgerupft hat , ist schon wieder anders da , und jetzt da das Wetter vorüber ist , jubelt wieder Alles in der Luft und auf den Bäumen und die Gänse machen sich ' s im warmen Sonnenschein bequem , sie setzen sich nieder und fressen sitzend das neugewürzte Gras im Umkreise . Von dem tausendfältigen Sinnen , das in Amrei lebte , erhielt nur die schwarze Marann ' bisweilen Kunde , wenn sie vom Wald kommend ihre Holzlast und ihren Sack mit gefangenen Maikäfern und Würmern bei der Hirtin abstellte . Da sagte Amrei eines Tages : » Bas ' , wisset ihr auch warum der Wind weht ? « » Nein , weißt denn du ' s ? « » Ja , ich hab ' s gemerkt . Gucket , Alles was wächst muß sich umthun . Der Vogel da fliegt , der Käfer da kriecht , der Has ' , der Hirsch , das Pferd und alle Thiere die laufen , und der Fisch schwimmt und der Frosch auch , und da steht der Baum und das Korn und das Gras und das kann nicht fort und soll doch wachsen und sich umthun , und da kommt der Wind und sagt : bleib ' du nur stehen , ich will dich schon umthun , so . Siehst du , wie ich dich drehe und wende und biege und schüttle ? Sei froh , daß ich komm ' , du müßtest sonst verhocken und es würde nichts aus dir ; es thut dir gut , wenn ich dich müd mache , du wirst es schon spüren . « Die schwarze Marann ' sagte darauf nichts weiter als ihren gewohnten Spruch : » Ich bleibe dabei , in dir steckt die Seele von einem alten Einsiedel . « Nur einmal half die Marann ' den stillen Betrachtungen der Amrei auf eine andere Spur . Die Wachtel schlug bereits im hohen Roggenfeld und neben Amrei sang fast einen ganzen Tag unaufhörlich eine Feldlerche am Boden , sie wanderte hin und her und sang immer so innig , so in ' s tiefste Herz hinein , es war wie ein Saugen der Lebenslust . Das klang noch viel schöner als die Töne der Himmelslerche , die sich aufschwingt in die Luft , und oftmals kam der Vogel ganz nahe und Amrei sagte fast laut vor sich hin : » Warum kann ich dir ' s nicht sagen , daß ich dir nichts thun will ? bleib ' nur da ! « Aber der Vogel war scheu und versteckte sich immer wieder . Und Amrei sagte schnell überlegt vor sich hin : » Es ist doch wieder gut , daß die Vögel scheu sind ; man könnte ja sonst die diebischen Sperlinge nicht vertreiben . « Als am Mittag die Marann ' kam , sagte Amrei : » Ich möcht ' nur wissen , was so ein Vogel den lieben langen Tag zu sagen hat , und er schwätzt sich gar nicht aus . « Darauf erwiderte die Marann ' : » Schau , so ein Thierlein kann nichts bei sich behalten und in sich hinein reden , im Menschen aber spricht sich auch immer etwas in ihm fort , das hört auch nie auf , aber es wird nicht laut ; da sind Gedanken , die singen , weinen und reden , aber ganz still , man hört ' s selber kaum ; so ein Vogel aber , wenn er zu singen aufgehört hat , ist fertig und frißt oder schläft . « Als die schwarze Marann ' mit ihrer Holztraget fortging , schaute ihr Amrei lächelnd nach : » Die ist jetzt ein stillsingender Vogel , « dachte sie und Niemand als die Sonne sah wie das Kind noch lange vor sich hinlächelte . Tag auf Tag lebte Amrei so dahin , stundenlang konnte sie träumerisch zusehen , wie der Schatten vom Gezweige des Holzbirnenbaums sich von dem Winde auf der Erde bewegte , daß die dunkeln Punkte wie Ameisen durcheinanderkrochen ; dann starrte sie wieder auf eine feststehende Wolkenbank , die am Himmel glänzte , oder auf jagende flüchtige Wolken , die einander fortschoben . Und wie draußen im weiten Raum , so standen und jagten , stiegen und zerflossen auch in der Seele des Kindes allerlei Wolkenbilder , unfaßlich und nur vom Augenblick Dasein und Gestalt empfangend . Wer aber weiß , wie die Wolkenbildungen draußen in der Weite und im engen Herzensraum zerfließen und sich wandeln ? Wenn der Frühling anbricht über der Erde , du kannst nicht fassen all das tausendfältige Keimen und Sprossen auf dem Grund , all das Singen und Jubeln auf den Zweigen und in den Lüften . Eine einzige Lerche fasse fest mit Aug und Ohr , sie schwingt sich auf , eine Weile siehst du sie noch wie sie die Flügel schlägt , eine Weile unterscheidest du sie noch als dunkeln Punkt , dann aber ist sie verschwunden dem Auge und auch dem Ohr . Du hörst nur noch ein Singen und weißt nicht von wannen es kommt . Und könntest du nur einer einzigen Lerche im freien Raum einen ganzen Tag lauschen , du würdest hören , daß sie am Morgen , am Mittag und am Abend ganz anders singt ; und könntest du ihr nachspüren vom ersten zaghaften Frühlingsjauchzen an , du würdest hören , wie ganz andere Töne sie im Frühling , im Sommer und im Herbst in ihren Gesang mischt . Und schon über den ersten Stoppelfeldern singt eine neue Lerchenbrut . Und wenn der Frühling anbricht in einem Menschengemüthe , wenn die ganze Welt sich aufthut , vor ihm , in ihm , du kannst die tausend Stimmen , die es umfließen , das tausendfältige Knospen auf dem Grunde und wie es immer weiter gedeiht , nicht fassen und festhalten . Du weißt nur noch , daß es singt , daß es sproßt . Und wie still lebt sich ' s dann wieder , wie eine festgewurzelte Pflanze . Da ist der Wiesenzaun beim Holzbirnenbaum , die Schlehen blühen früh auf und werden nur selten zeitig . Und welch eine schöne Blüthe hatte die Mehlbeere , wie kräftig duftete das und jetzt sind schon kleine Birnen daraus geworden und schon färben sie sich roth und auch die giftige Eimbeere beginnt schon schwarz zu werden . Es kommen jene hellen , schnittreifen Erntetage , wo der Himmel so wolkenlos blau , daß man oft den ganzen Tag den Mond wie ein feingezirkeltes Wölkchen am Himmel sieht . Draußen in der Natur und im Menschengemüth ist es wie leises Athemanhalten vor einem Ziele . Das war bald ein Leben auf dem Wege , der durch den Holderwasen führt ! Schnellrasselnd fuhren die leeren Leiterwagen dahin und darauf saßen Frauen und Kinder und lachten , auf- und niedergehoben vom Schüttern des Wagens wie vom Lachen , und dann fuhren die garbenbeladenen Wagen leise und nur manchmal krächzend heimwärts und Schnitter und Schnitterinnen gingen nebenher . Amrei hatte von der reichen Ernte fast nicht mehr als ihre Gänse , die sich manchmal in kecker Zudringlichkeit an die beladenen Wagen herandrängten und eine herunterhängende Aehre abrauften . Wenn das erste Stoppelfeld draußen im Feldgebreite sich aufthut , kommt bei aller Freude über den eingeheimsten Erntesegen doch auch ein gewisses Bangen in das Menschengemüth : die Erwartung ist Erfüllung geworden , und wo alles so wogend stand , wird es nun kahl . Die Zeit wandelt sich . Der Sommer wendet sich zur Neige . Der Brunnen auf dem Holderwasen , in dessen Abfluß sich die Gänse behaglich tummelten , hatte das beste Wasser in der Gegend und die Vorüberziehenden versäumten selten , an der breiten Röhre zu trinken , während ihr Zugvieh indeß vorauslief ; sich den Mund abwischend und den Davongeeilten nachschreiend lief man ihm dann nach . Andere tränkten vom Feld heimkehrend hier Zugvieh . Amrei erwarb sich die Gunst vieler Menschen durch einen kleinen irdenen Topf , den sie sich von der schwarzen Marann ' erbettelt hatte , und so oft nun ein Vorüberziehender sich nach dem Brunnen begab , kam Amrei herbei und sagte : » Da könnet Ihr besser trinken . « Bei Rückgabe des Topfes ruhte mancher freundliche Blick bald länger bald kürzer auf ihr und das that ihr so wohl , daß sie fast böse wurde , wenn Leute vorübergingen ohne zu trinken . Sie stand dann mit ihrem Topfe beim Brunnen , ließ voll laufen und goß aus und wenn all dieses Zeichengeben nichts half , überraschte sie die Gänse mit einem unverhofften Bade und überschüttete sie . Eines Tages kam ein Bernerwägelein mit zwei stattlichen Schimmeln daher gefahren , ein breiter oberländischer Bauer nahm den Doppelsitz fast völlig ein . Er hielt am Weg und fragte : » Mädle ! hast du nichts , daß man da trinken kann ? « » Freilich , ich hol ' schon . « Behend brachte Amrei ihr Gefäß voll Wasser herbei . » Ah ! « sagte der Oberländer , nachdem er einen guten Zug gethan und absetzte , und mit triefendem Munde fuhr er dann , halb in den Krug hinein sprechend , fort : » Es giebt doch in der ganzen Welt kein solches Wasser mehr . « Er setzte wieder an und winkte dabei Amrei , daß sie still sein solle , denn er hatte eben wieder mächtig zu trinken begonnen , und es gehört zu den besondern Unannehmlichkeiten , während des Trinkens angesprochen zu werden . Man trinkt in Hast und spürt ein Drücken davon . Das Kind schien das zu verstehen und erst nachdem der Bauer den Krug zurückgegeben , sagte es : » Ja , das Wasser ist gut und gesund , und wenn Ihr Eure Pferde tränken wollt , für die ist es besonders gut ; sie kriegen keinen Strängel . « » Meine Gäul ' sind heiß und dürfen jetzt nicht saufen . Bist du von Haldenbrunn , Mädle ? « » Freilich ! « » Und wie heißt du ? « » Amrei . « » Und wem gehörst du ? « » Niemand mehr . Mein Vater ist der Josenhans gewesen . « » Der Josenhans , der beim Rodelbauer gedient hat ? « » Ja ! « » Hab ' ihn gut gekannt . Ist hart , daß er so früh hat sterben müssen . Wart ' , Kind , ich geb ' dir was . « Er holte einen großen Lederbeutel aus der Tasche , suchte lange darin und sagte endlich : » Säh ! da nimm ! « » Ich will nichts geschenkt , ich danke , ich nehm ' nichts . « » Nimm nur , von mir kannst schon nehmen . Ist nicht der Rodelbauer dein Pfleger ? « » Ja wohl . « » Hätt ' auch was Gescheiteres thun können , als dich zur Ganshirtin zu machen . Behüt dich Gott ! « Fort rollte der Wagen und Amrei hielt eine Münze in der Hand . » Von mir kannst schon nehmen ... Wer ist denn der Mann , daß er das sagt , und warum gibt er sich nicht zu erkennen ? Ei das ist ein Groschen , da ist ein Vogel drauf . Nun , er wird nicht arm davon und ich nicht reich . « Den ganzen Tag bot Amrei keinem Vorüberziehenden mehr ihren Topf an . Sie hatte eine geheime Scheu , daß sie wieder beschenkt werden könnte . Als sie am Abend heim kam , sagte ihr die schwarze Marann ' , daß der Rodelbauer nach ihr geschickt habe , sie solle gleich zu ihm kommen . Amrei eilte zu ihm und der Rodelbauer sagte zu ihr beim Eintritt : » Was hast du dem Landfriedbauer gesagt ? « » Ich kenne keinen Landfriedbauer . « » Er ist ja heut bei dir gewesen auf dem Holderwasen und hat dir was geschenkt . « » Ich hab ' nicht gewußt wer es ist und da ist sein Geld noch . « » Das geht mich nichts an . Sag offen und ehrlich du Teufelsmädle : habe ich dir zugeredet , daß du Ganshirtin werden sollst ? Und wenn du es nicht noch heut ' am Tage aufgiebst , bin ich dein Pfleger nicht mehr . Ich lasse mir so was nicht nachsagen . « » Ich werde allen Menschen berichten , daß Ihr nicht dran Schuld seid ; aber den Dienst aufgeben , das kann ich nicht , den Sommer über wenigstens bleib ' ich dabei . Ich muß ausführen , was ich angefangen hab ' . « » Du bist ein hagebüchenes Gewächs , « schloß der Bauer und verließ die Stube ; die Bäuerin aber , die krank im Bette lag , rief : » Du hast Recht , bleib ' nur so , ich prophezeie dir ' s , daß dir ' s noch gut geht . Man wird noch in hundert Jahren von Einem , das Glück hat , im Dorfe sagen : Dem geht ' s wie des Brosi ' s Severin und wie des Josenhansen Amrei . Dir fällt dein trocken Brod noch in den Honigtopf . « Die kranke Rodelbäuerin galt für überhirnt ; und von einer wahren Gespensterfurcht gepackt , eilte Amrei davon , ohne eine Antwort zu geben . Der schwarzen Marann ' erzählte Amrei , daß ihr ein Wunder geschehen sei : der Landfriedbauer , an dessen Frau sie oft denke , habe mit ihr geredet , sich ihrer beim Rodelbauer angenommen und ihr Etwas geschenkt . Sie zeigte nun das Geldstück . Da rief die Marann ' lachend : » Ja , das hätt ' ich von selbst errathen , daß das der Landfriedbauer gewesen ist . Das ist der Aechte ! Schenkt der dem armen Kind einen falschen Groschen ! « » Warum ist er denn falsch ? « fragte Amrei und Thränen schossen ihr in die Augen . » Das ist ein abschätziger Vögeles-Groschen , der ist nur anderthalb Kreuzer werth . « » Er hat mir eben nur anderthalb Kreuzer schenken wollen , « sagte Amrei trotzig . Und hier zum Erstenmal zeigte sich ein innerer Widerspruch Amrei ' s mit der schwarzen Marann ' . Diese freute sich fast über jede Boshaftigkeit , die sie von den Menschen hörte , Amrei dagegen legte gern Alles zum Guten aus , sie war immer glücklich , und so sehr sie sich auch in der Einsamkeit in Träume verlor , sie erwartete doch in der That Nichts ; sie war überrascht von Allem was sie bekam und war stets dankbar dafür . » Er hat mir nur anderthalb Kreuzer schenken wollen , nicht mehr , und das ist genug und ich bin zufrieden . « Das sagte sie noch oft herb vor sich hin , während sie einsam ihre Suppe aß , als spräche sie noch mit der Marann ' , die gar nicht in der Stube war und unterdeß ihre Ziege molk . Noch in der Nacht nähte sich Amrei zwei Flicken zusammen und den Groschen dazwischen , hing das wie ein Amulett um den Hals und verbarg es an der Brust . Es war , als ob der geprägte Vogel auf der Münze allerlei in der Brust , darauf er ruhte , wecke ; denn voll innerer Lust sang und summte Amrei allerlei Lieder , Tagelang vom Morgen bis zum Abend , und dabei dachte sie immer wieder hinaus zu dem Landfriedbauer ; sie kannte jetzt den Bauer und die Bäuerin und hatte von Beiden ein Andenken , und es war ihr immer , als ließe man sie nur noch eine Weile da , dann kommt wieder das Bernerwägelein mit den zwei Schimmeln , drinn sitzen die Bauersleute und holen sie ab und sagen : Du bist unser Kind ; denn gewiß erzählt jetzt der Bauer daheim von dem Begegniß mit ihr . Mit seltsamen Blicken starrte sie oft in den Herbsthimmel , er war so hell , so wolkenrein ; und auf der Erde , da sind die Wiesen noch so grün und der Hanf liegt zum Dörren darüber gebreitet wie ein feines Netz , die Zeitlosen schauen dazwischen auf und die Raben fliegen darüber hin und ihr schwarzes Gefieder glitzert hell im Sonnenglanz ; kein Luftzug weht , die Kühe weiden auf den Stoppeläckern , Peitschenknallen und Singen tönt von allen Aeckern und der Holzbirnenbaum schauert still in sich zusammen und schüttelt die Blätter ab . Der Herbst ist da . So oft Amrei jetzt Abends heimkehrte , schaute sie die schwarze Marann ' fragend an , sie meinte , diese müsse ihr sagen , daß der Landfriedbauer geschickt habe , um sie abzuholen , und mit schwerem Herzen trieb sie die Gänse auf die Stoppelfelder , die so entfernt waren vom Weg und immer wieder lenkte sie nach dem Holderwasen . Aber schon standen die Hecken blätterlos , die Lerchen zwitscherten kaum mehr in schwerem niederem Fluge , und noch immer kam keine Nachricht , und Amrei hatte ein tiefes Bangen vor dem Winter , als wie vor einem Kerker . Sie tröstete sich nur mit dem Lohne , den sie jetzt erhielt , und der war allerdings reichlich . Keine ihrer Untergebenen war gefallen , ja nicht einmal eine flügellahm geworden . Die schwarze Marann ' verkaufte die Federn , die Amrei gesammelt hatte , zu gutem Preise , und wies Amrei an , sich neben dem bräuchlichen Geldlohn , das gewöhnliche Stück Kirchweihkuchen für jede einzelne Gans , die sie gehütet , in Brod verwandeln zu lassen . Und so hatten sie fast den ganzen Winter vollauf Brod , freilich oft sehr altbackenes , aber Amrei hatte , wie die schwarze Marann ' sagte , lauter gesunde Mauszähne , mit denen sie Alles knuppern konnte . 6. Die Eigenbrätlerin . Eine Frau , die ein einsam abgeschiedenes Leben führt und sich ihre Nahrung ganz allein kocht und brät , nennt man eine Eigenbrätlerin und eine solche hat in der Regel auch noch allerlei Besonderheiten . Niemand hatte mehr Recht und mehr Neigung eine Eigenbrätlerin zu sein , als die schwarze Marann ' , obgleich sie nie Etwas zu braten hatte , denn Habermus und Kartoffeln und Kartoffeln und Habermus waren ihre einzigen Speisen . Sie lebte immer abgesondert in sich hinein und verkehrte nicht gern mit den Menschen . Nur gegen den Herbst war sie stets voll hastiger Unruhe , sie plauderte um diese Zeit viel vor sich hin und redete auch die Menschen von freien Stücken an , besonders Fremde , die durch das Dorf gingen ; denn sie erkundigte sich , ob die Maurer von da und dort schon zur Winterrast heimgekehrt seien und ob sie nichts von ihrem Johannes berichtet hätten . Wenn sie die Leinwand , die sie den Sommer über gebleicht hatte , noch einmal kochte und auswusch und dabei die ganze Nacht aufblieb , murmelte sie stets vor sich hin . Man verstand nichts davon , nur der Zwischenruf war deutlich , denn da hieß es : » Das ist für dich und das ist für mich ; « sie sprach nämlich täglich zwölf Vaterunser für ihren Johannes , aber in der Waschnacht da wurden sie zu unzähligen . Und wenn der erste Schnee fiel , war sie immer besonders heiter . Jetzt giebt ' s keine Arbeit mehr draußen , jetzt kommt er gewiß heim . Sie sprach dann oft mit einer weißen Henne im Gitter und sagte ihr , daß sie sterben müsse , wenn der Johannes komme . So trieb sie ' s nun schon viele Jahre und die Leute im Dorfe ließen ab , ihr vorzuhalten , daß es närrisch sei , immer an die Heimkehr des Johannes zu denken , denn sie war doch nicht zu bekehren und sie wurde den Menschen unheimlich . In diesem Herbst wurden es nun achtzehn Jahre , seit der Johannes davon gegangen war , und jedes Jahr wurde Johann Michael Winkler als verschollen ausgeschrieben in der Zeitung bis zu seinem fünfzigsten Jahre . Er stand jetzt gerade im sechs und dreißigsten . Im Dorfe ging die Sage , Johannes sei unter die Zigeuner gegangen , und die Mutter hielt auch einmal einen jungen Zigeuner , der dem Verschollenen auffallend ähnlich sah , für denselben ; er war auch so » pfostig « ( untersetzt ) , hatte die gleiche dunkle Gesichtsfarbe und schien es nicht ungern zu haben , daß man ihn für den Johannes hielt ; aber die Mutter hatte ihn auf die Probe gestellt , sie hatte noch das Gesangbuch und den Corfirmandenspruch des Johannes und wer den nicht kennt und nicht anzugeben weiß , wer seine Pathen sind , und was mit ihm geschehen ist an dem Tage , als des Brosi ' s Severin mit der Engländerin ankam und später als der neue Rathhausbrunnen gegraben wurde , wer diese und andere Wahrzeichen nicht kennt , das ist der Falsche . Dennoch beherbergte die Marann ' immer den jungen Zigeuner so oft er in das Dorf kam und die Kinder auf der Straße schrieen ihm : Johannes ! nach . Der Johannes wurde als militärpflichtig auch als Ausreißer ausgeschrieben und obgleich die Mutter sagte , daß er » zu klein « und unter dem Maaß durchgeschlüpft wäre , wußte sie doch , daß er bei der Heimkehr einer Strafe nicht entgehe und sie meinte , er käme nur deßwegen nicht wieder . Es war nun gar seltsam , wie sie in einem Athem um das Wohl des Sohnes und um den Tod des Landesfürsten betete ; denn man hatte ihr gesagt , daß wenn der regierende Fürst stürbe , der Thronfolger beim Regierungsantritt allgemeinen Straferlaß für alles Geschehene verkünden werde . Jedes Jahr ließ sich die Marann ' vom Schullehrer das Blatt schenken , in dem Johannes ausgeschrieben war , und sie legte es zu seinem Gesangbuch ; aber dieses Jahr war es gut , daß die Marann ' nicht lesen konnte , und der Lehrer schickte ihr ein anderes Blatt statt des gewünschten . Denn ein seltsames Gemurmel ging durch das ganze Dorf . Wo Zwei bei einander standen , sprach man davon und da hieß es : » Der schwarzen Marann ' sagt man nichts . Das bringt sie um . Das macht sie närrisch . « Es war nämlich ein Bericht des Gesandten aus Paris von einer Mittheilung aus Algier angekommen , und nun ging durch alle hohen und niederen Aemter bis zum Gemeinderath die Nachricht : daß Johannes Winkler von Haldenbrunn in Algier bei einem Vorpostengefechte gefallen sei . Man sprach im Dorfe viel davon , wie wunderlich es sei , daß so viele hohe Aemter sich jetzt um den todten Johannes so viel bemühten . Aber am Schlusse des so wohlgeleiteten Berichtestroms hielt man ihn auf . In der Gemeinderaths-Sitzung wurde beschlossen , daß man der schwarzen Marann ' nichts davon sage . Es wäre Unrecht , ihr noch die paar Jahre ihres Lebens zu verbittern , indem man ihr den letzten Trost raube . Statt aber die Nachricht geheim zu halten , hatten die Gemeinderäthe nichts Eiligeres zu thun , als es daheim auszuplaudern und nun wußte das ganze Dorf davon bis auf die schwarze Marann ' allein . Ein Jeder betrachtete sie mit seltsamem Blick ; man fürchtete , sich vor ihr zu verrathen , man redete sie nicht an , man dankte kaum ihrem Gruße . Es bedurfte der ganzen eigenthümlichen Art der schwarzen Marann ' , um dadurch nicht verwirrt zu werden . Und sprach ja einmal Jemand mit ihr und ließ sich verleiten vom Tode des Johannes zu reden , so geschah es nur in jener Weise des Vermuthens und Beschwichtigens , die schon seit Jahren gäng und gäbe war , und die Marann ' glaubte jetzt eben so wenig daran als ehedem , denn von dem Todtenschein sprach ja Niemand . Es wäre wohl besser gewesen , auch Amrei hätte nichts davon gewußt ; aber es lag ein eigener verführerischer Reiz darin , dem Unberührbaren so nahe als möglich zu kommen und darum sprach Jedes mit Amrei von dem traurigen Ereigniß , warnte sie , der schwarzen Marann ' etwas davon zu sagen und wollte wissen , ob die Mutter keine Ahnungen , keine Träume habe , ob es nicht umgehe im Hause . Amrei war immer innerlich voll Zittern und Beben . Sie allein war der schwarzen Marann ' so nahe und hatte Etwas was sie vor ihr verborgen halten mußte . Auch die Leute , bei denen die schwarze Marann ' eine Stube zur Miethe hatte , hielten es nicht mehr aus in ihrer Nähe , und sie bekundeten ihr Mitleid zuerst damit , daß sie ihr die Miethe kündigten . Aber wie seltsam hängen die Dinge im Leben zusammen ! Eben durch dieses Ereigniß erfuhr Amrei Leid und Lust , denn das elterliche Haus öffnete sich ihr wieder ; die schwarze Marann ' zog in dasselbe und Amrei , die Anfangs voll Beben darin hin- und herging , und wenn sie Feuer anmachte und wenn sie Wasser holte , immer glaubte : jetzt müsse die Mutter kommen und der Vater , fand sich doch nach und nach wieder ganz heimisch in demselben . Sie spann Tag und Nacht , bis sie so viel erübrigt hatte , um vom Kohlenmathes die Kukuksuhr , die ihren Eltern gehört hatte , wieder zu kaufen . Jetzt hatte sie doch auch wieder ein Stück eigenen Hausrath . Aber der Kukuk hatte Noth gelitten in der Fremde , er hatte die Hälfte seiner Stimme verloren , die andere Hälfte blieb ihm im Halse stecken ; er rief nur noch » Kuk , « und so oft er das that , setzte Amrei in der ersten Zeit immer das andere » Kuk « fast unwillkürlich hinzu . Als Amrei darüber klagte , daß die Kukuksuhr nur noch halb tönte und überhaupt nicht mehr so schön sei wie in ihrer frühen Kindheit , da sagte die Marann ' : » Wer weiß , wenn man in späteren Jahren das wieder bekäme , was Einen in der Kindheit ganz glücklich gemacht hat , ich glaube , es hätte auch nur noch den halben Schlag wie deine Kukuksuhr . Wenn ich ' s dich nur lehren könnte , Kind ! Aber so etwas kann man nicht schenken . Es hat mich viel gekostet , bis ich ' s gelernt habe : Wünsch ' dir nichts von gestern . Viel Schweiß , viel Thränen . Und du wirst ' s auch nicht anders kriegen . Häng ' dich an Nichts , an keinen Menschen und an keine Sache , dann kannst du fliegen . « Die Reden der Marann ' waren wild und scheu zugleich und sie kamen nur heraus in der Dämmerzeit , wie das Wild im Walde . Es gelang Amrei nur schwer , sich an sie zu gewöhnen . Die schwarze Marann ' konnte das Kukukrufen nicht leiden und hing das Schlaggewicht an der Uhr ganz aus , so daß die Uhr nur noch mit dem Pendelschlag hin und herpickte , aber keine Stunde mehr laut angab . Der schwarzen Marann ' war das Sprechen der Uhr zuwider , ja sogar das Ticken störte sie und die Uhr blieb endlich ganz unaufgezogen , denn die Marann ' sagte , sie habe allzeit die Uhr im Kopf und es war in der That wunderbar wie das eintraf . Sie wußte zu jeder Minute anzugeben , wie viel es an der Zeit sei , obgleich ihr das sehr gleichgültig sein konnte ; aber es lag eine besondere Gewecktheit in der