werden soll , denn ich bin nun kein Kind mehr , und wenn ich Euch bisher oft durch meinen Unverstand betrübt habe , so hab ich mir jetzt vorgenommen , Euch hinfüro ein treuer , gehorsamer Sohn zu sein . « » Mach nicht so viel Redensarten ! « sagte der Alte . » Wenn dir ' s Ernst ist , so tu ' s , ohne davon zu reden ; aber versprich nichts , was du nicht halten kannst . Setz dich und iß . « » Ja , Vater , aber ich hab zuvor eine großmächtige Bitte « , fuhr Friedrich fort , ohne sich durch den Empfang irremachen zu lassen . » Ich möcht eine Seele vom Verderben retten , und das kann ich nicht , wenn Ihr mir nicht dazu helft . « Der Alte erhob sein Gesicht . Die Stiefmutter sah ihn mit gespannter Neugier und finsterer Miene an . Er hatte sie noch nicht gegrüßt , er hatte nur für seinen Vater Augen gehabt . » Ihr meint gewiß , Vater « , sprach er weiter , » da , wo ich herkomme , hab ich nur lauter schlechtes Zeug gelernt . Aber so ist ' s nicht , vielmehr bin ich in gute Hände geraten und hab Christentum gelernt . Ich hab gelernt , daß jeder gute Christ und redliche Mensch seinen verachteten Mitbrüdern aufhelfen müsse . Weil das aber nicht einer für alle tun kann , so mein ich , es sei genug , wenn ein Mensch oder eine Familie sich eines einzigen annimmt . « » Wo will denn das hinaus ? « fragte der Alte barsch . » Vater , ich hab Euch einen Menschen mitgebracht , der keine Heimat hat , eine vater- und mutterlose Waise , denn das ist er , und wenn auch seine Eltern noch leben . Und ich bitt Euch , so lieb Euch Euer Sohn sein mag , der Euch freilich schon Kummer und Verdruß gemacht hat - so lieb es Euch sein mag , daß der ungeratene Sohn noch was Ordentliches in der Welt werde , so hoch bitt ich Euch , Vater : laßt den Menschen , den ich mitbringe , als Euren Knecht in Eurem Hause sein . « » Wo ist er denn ? « fragte der Alte ungeduldig . » Er wartet hinterm Haus am Garten . « Die Stiefmutter gab dem Chirurgus einen Wink , und er schlich sich unbemerkt hinaus . » Wer ist er denn ? « fragte der Alte weiter . Friedrich schwieg eine Zeitlang in sichtlicher Verlegenheit ; die siegesfrohe Zuversicht , die er bei seinem Eintreten gezeigt hatte , war allmählich von ihm gewichen . » Vater « , hob er endlich an , » Ihr werdet in Eurem Herzen nicht sogleich die Stimme finden , die für ihn spricht . Man hat gegen diese Leute manches einzuwenden , und das ist auch kein Wunder , denn man behandelt sie auch danach . « » Mach ' s kurz und gut « , rief der Alte und schlug auf den Tisch . » Was ist das vor eine Manier ? Wenn ' s was Rechtes ist , so sag ' s frei heraus , und ist ' s was Dummes , so halt das Maul ! Was brauchst du mir durch die Ränkeleien da das Essen zu verderben . « Indessen war der Chirurg wieder eingetreten . » Es ist ein Zigeuner « , sagte er langsam und nachdrücklich , indem er zu dem Tisch trat . » Ein Zigeuner ? « rief die Stiefmutter und schlug ein gellendes Gelächter auf . Die beiden Müller und der Knecht , welche aufmerksam zugehört hatten , lachten aus vollem Halse mit . Auch das Gesinde am Tische stimmte in das Gelächter ein , doch nur allmählich und schüchtern , da der Sonnenwirt nicht mitlachte , sondern die Stirne in dräuende Falten gelegt hatte . Magdalene war mit einem wehmütigen Blick auf den Bruder hinausgegangen . » Ich weiß wohl , Vater , daß es eine Zumutung ist « , fuhr Friedrich unerschrocken fort . » Aber soll ' s denn der arme Teufel büßen , daß seine Eltern Zigeuner gewesen sind ? « Der Chirurgus unterbrach ihn . » Das hängt vielleicht « , sagte er mit etwas näselnder Stimme , » das hängt vielleicht mit der Prädestination zusammen , die der Herr Pfarrer predigt . « » Ich red mit meinem Vater und nicht mit Ihm ! « warf Friedrich stolz von der Seite dem Chirurgus zu . » Wie kann man denn verlangen , daß diese Leute ehrlich werden sollen , wenn man nicht endlich einen Anfang mit ihnen macht ? Und wie kann man denn anders anfangen , als mit dem christlichen Zutrauen , das man in einem christlichen Hause einem von diesen armen Leuten schenkt ? Wenn man dann in einem Haus angefangen hat , so machen ' s die andern nach , und eben darum sprech ich zu Euch , Vater , weil Ihr ein angesehener Mann seid und ein Beispiel geben könnt . « Die Stiefmutter hatte inzwischen Blick und Winke mit dem Chirurgus ausgetauscht . » Wie sieht er denn aus ? « fragte sie jetzt mit dem Tone der Neugier . » Er schielt auf einem Aug ' und sieht aus wie ein leibhaftiger Galgenvogel « , antwortete der Chirurgus . » Was will denn Er ? « fuhr Friedrich erzürnt herum . » Wenn man Ihn auf ein Erbsenfeld setzen tät , so könnt man vor den Spatzen sicher sein . « Der alte Sonnenwirt fuhr auf und versetzte seinem Sohne eine derbe Ohrfeige : » Ich will dir unartig gegen meine Gäste sein . Man muß dir die Äste abhauen , wenn du zu krattelig wirst . Halt ' s Maul jetzt und pack dich . Ich will dich heut nicht mehr vor Augen haben . Das käm mir geschlichen , einen Zigeuner ins Haus zu nehmen . Das wär eine Gesellschaft für dich . « Friedrich sah seinen Vater an . Einen Augenblick hatte seine Hand gezuckt ; dann aber wandte er sich ruhig nach der Tür . » Ich glaub , ich wollt , ich wär wieder im Zuchthaus « , sagte er , während er hinausging . Die beiden Müller zahlten ihre Zeche und standen auf . Der Sonnenwirt , der sich ebenfalls erhoben hatte , wünschte ihnen , freundlicher als zuvor , gute Nacht . » Der Bursch ist doch ziemlich mürb geworden « , sagte er zu dem älteren , » er hat nicht gegen die Ohrfeige rebelliert , und es hat den Anschein , als ob er jetzt das vierte Gebot in Ehren halten wollte . « Der Müller , geschmeichelt durch diese vertrauliche Anrede , blieb etwas zurück , während der jüngere nebst dem Knecht die Wirtsstube verließ . » Ja « , sagte er zum Sonnenwirt , » der Frieder ist nicht so unrecht , man wird ' s noch erleben . Was , die Zigeunergedanken werden ihm schon vergehen . Um den ist mir ' s gar nicht angst . Man muß ihn eben jetzt noch ein wenig kurz aufzäumen , dann wird er schon gut tun . Und das bißle Ungelegenheit , das er in seiner unverständigen Jugend gehabt hat , wird ihm unter vernünftigen und christlich denkenden Leuten ins künftige nicht aufgerechnet werden . Er ist ja guter Leute Kind . Ja , ja , Herr Sonnenwirt , der kann sich einmal seine Frau holen , wo er will . Wofern aber jemals eins so töricht sein wollt und wollt ein Haar in der Partie finden , so will ich nur so grob sein und will ' s frei heraussagen , Herr Sonnenwirt , für mein Gretle wär er mir immerhin gut genug . Jetzt habt Ihr gehört , wo Ihr anklopfen könnt , wenn Ihr keine bessere Schmiede wisset . « In dem Gesicht des Alten , das erst ganz wohlgefällig ausgesehen hatte , zog allmählich der Ausdruck unendlichen Spottes auf . Er sah den Müller mit halb zugekniffenen Augen an , so daß dieser in Verlegenheit geriet und die Hände aus den Wamstaschen , wo sie während seiner Rede gesteckt hatten , hervorholte . » So , meint Ihr ? « erwiderte er trocken und stieß dann ein hochmütiges Gelächter aus . » Nichts hab ich gemeint ! « rief der Müller wütend . » Ihr könnt meinethalben Euren Galgenstrick verknöpfeln und verbandeln , wo Ihr wollt . « Er ging und schlug die Türe hinter sich zu , daß das Haus davon erdröhnte . Indessen war Friedrich zu dem Zigeuner hinabgegangen , der , verabredetermaßen seines Bescheides harrend , an dem Gartenzaune lehnte . Er reichte ihm ein Fläschchen , ein Brot , eine Wurst und ein Stückchen Geld . Das letztere hatte er sich unterwegs von seiner Schwester geben lassen ; bei den Lebensmitteln mochte ihm in etwas uneigentlicher Form die Lehre des Waisenpfarrers vorgeschwebt haben . » Da nimm , iß und trink « , sagte er mit einer sonderbaren Hast und Heftigkeit , » und dann mach , daß du zum Teufel kommst . « Der Zigeuner griff gleichmütig zu , dann heftete er sein scheeles Auge auf den Wohltäter . » Was , und mit dem Dienste ist ' s nichts ? « sagte er . » Schweig still und mach mich nicht scheu ! Ich bin so schon wild genug . Trink deinen Kirschengeist ! Sieh , ich hab dir Wort gehalten , soviel an mir gewesen ist . « Der Zigeuner schnitt eine höhnische Fratze : » Blitz und Mord ! « rief er , » so wohlfeile Versprechen kann mir ein jeder tun und mich ein paar Stunden umführen . Ich seh schon , wie ' s steht . Das Christentum hat , scheint ' s , auf einmal ein Loch gekriegt und , nach dem einen feurigen Backen zu schließen , gar noch einen Plätz auf das Loch . « Friedrich stieß einen Schrei aus , wie nur der tollste Jähzorn ihn eingeben kann , warf sich über den Zigeuner her und ließ ihn seine Faust aus Leibeskräften fühlen . Der Zigeuner war bloß darauf bedacht , sein Fläschchen vor Schaden zu hüten , übrigens wehrte er sich nicht gegen die Schläge , die er in reichlichem Maße bekam , sondern brach statt dessen in ein schallendes Gelächter aus . Bei diesem Lachen hielt Friedrich betroffen inne . » Hund , was lachst ? « fragte er zornig . Der Zigeuner schüttelte sich . » Herzensbruder « , sagte er , » ich muß lachen , daß dich das Mitleid und der Jammer zum Prügeln treibt . So was ist mir noch nie vorgekommen . « Er leerte das Fläschchen auf einen Zug , schleuderte es mit einem » Juhu « hoch empor , und während es klirrend zu Friedrichs Füßen niederfiel , schallte das Jodeln des Zigeuners schon aus einiger Ferne herüber . Verblüfft starrte ihm Friedrich nach . 3 Es war inzwischen dunkel geworden . Friedrich wollte eben ins Haus zurückkehren , als er eine Gestalt herausschlüpfen sah , in der er seine Schwester Magdalene erkannte . Sie ging in das Gärtchen , und er hörte sie dort am Brunnen Wasser pumpen : denn es ist eine unlöbliche Gewohnheit der Leute , das Wasser , das sie morgens frisch haben könnten , abends zu holen und über Nacht stehenzulassen . Bald aber hielt sie in dieser Verrichtung inne und fing leise zu weinen an . Er wollte zu ihr treten , da kam jemand aus dem Hause nachgegangen , horchte eine Weile umher , fuhr , ohne ihn zu bemerken , ins Gärtchen hinein , und die gellende Stimme der Stiefmutter rief : » Wo bleibst du denn , lahmes Mensch ? Was dröhnsest da so lang ? « Magdalene antwortete mit stockender und gedrückter Stimme . » Was ? Ich will nicht hoffen , daß du heulst ! « fuhr die Stiefmutter sie an . Das Mädchen schwieg . » Was hast du denn ? « fragte die Alte hart und lieblos weiter . Als das Mädchen abermals keine Antwort gab , rief sie : » Das muß was Besonders sein . Der Herr suche mich nicht so schwer heim und lasse mich ' s nicht erleben , daß du dich am End gar vergangen haben wirst . « » Oh , Mutter « , rief Magdalene , die hier plötzlich ihre Stimme fand , » wie könnt Ihr mich so verschänden ! Ihr solltet Euch der Sünde fürchten , so etwas so laut vor der Nachbarschaft zu sagen , da Ihr doch wißt , wie ungerecht Euer Gerede ist . Ihr müßt ' s ja selber am besten wissen , daß ich Euch niemals aus den Augen gekommen bin . « » Nun , nun , ich will ja weiter nichts gesagt haben , als daß das Heulen und Aunxen überflüssig ist , wenn man ein gut Gewissen hat . « » Mein Gewissen ist gut « , erwiderte Magdalene unmutig . » Wenn nur auch alles andere so gut wäre . « » Ei was , es steht alles gut . Mach jetzt nur , daß du ins Bett kommst . Du mußt morgen mit hellen Augen und roten Backen aufstehen , weißt wohl , warum . « » Oh , Mutter , seid barmherzig und bringt den Vater auf andere Gedanken ! Auf meinen Knien wollt ich Euch anflehen , wenn ich wüßte , daß es bei Euchanschlüge . « » Still mit den Narreteien da ! « » Mutter , ich hab einen Abscheu vorm Heiraten . Ichwill Euch bei den höchsten drei Namen schwören , ledig zu bleiben mein Leben lang . « » Damit wär mir gedient ! « rief die Stiefmutter mithöhnischem Lachen . » Was ein recht ' s Mädle ist , dashat eine wahre Begier aufs Heiraten und kann nichtbald genug eine eigene Haushaltung überkommenwollen , um darin tätig und fleißig zu sein nacheigenem Sinn . Ein recht ' s Mädle sucht seinen Elternvom Hals zu kommen , sobald es kann , und willnicht als eine unnütze Brotesserin zu Haus auf derfaulen Haut liegen . « » Lieg ich auf der faulen Haut ? « entgegnete Magdalene vorwurfsvoll . » Werd ich nicht gepudelt vom frühen Morgen bis in die späte Nacht ? Hab ich dasbißle Essen nicht so gut verdient , wie wenn ich Eure Magd wär ? « » Nun , so sei froh , daß du jetzt bessere Tage kriegst . « » Ich will keine bessere Tage , ich bin ja zufrieden . Ich will noch härter arbeiten , will Euer Kehrbesen sein und Eure Ofengabel , will schlumpen und pumpen , nur laßt mich bleiben wie ich bin . « » Das wär ein Kunststück ! Bin ich eine Hex ? Kann ich dich halten , daß du bleibst , heut wie gestern , und morgen wie heut ? Kann ich ' s verhindern , daß du eine alte Jungfer wirst ? « » Eine alte Jungfer kann auch in Himmel kommen . « » Ja , aber durchs Nebentürle . Und jetzt hör auf mit dem Geschwätz . Es ist eine Ehr für dich , daß dich der Chirurgus nehmen will , so ein Herr ! Wart , wenn du an seinem Arm daher stratzen kannst , das wird eine Hoffärtigkeit sein ! Du verdienst ' s gar nicht , daß es so hoch hinaus soll mit dir ! « » Freilich verdien ich ' s nicht ! Er soll eine andere nehmen , meinetwegen die verwitwete Herzogin , die tät vielleicht besser für ihn passen . « » Was hast du gegen den Chirurgus ? « rief die Sonnenwirtin zornig . » Was kannst du wider ihn sagen ? « » O Mutter « , begann das Mädchen nach einer Weile mit bebender Stimme , » denkt an Eure eigene Jugend zurück - er ist so alt - und so - « » Du wüste Strunz du ! « rief die Sonnenwirtin . » So , da liegt der Has im Pfeffer ? Der Ehstand ist eine christliche Anstalt , dem Herrn zum Preis , und nicht für Üppigkeit und Fleischeslust . Wenn du so liederliche Gedanken hast , so bet , daß sie dir vergehen , oder behalt sie wenigstens bei dir und schäm dich . Wenn die Leut wüßten , daß du so fleischlich denkst , sie täten mit Fingern auf dich zeigen . « Magdalene schluchzte : » O Mutter , Mutter ! « » Ja , Mutter ! « spottete jene . » Ich weiß wohl , was Jesus Sirach einer Mutter einschärft im Sechsundzwanzigsten : Ist deine Tochter nicht schamhaftig , so halte sie hart , auf daß sie nicht ihren Mutwillen treibe , wenn sie so frei ist . Wie ein Fußgänger , der durstig ist , lechzet sie und trinket das nächste Wasser , das sie krieget , und setzet sich , wo sie einen Stock findet , und nimmt an , was ihr werden kann . « » Paßt das auf mich ? Ich will ja lieber gar keinen ? « rief Magdalene laut weinend . Ohne sich irremachen zu lassen , fuhr die Sonnenwirtin fort : » Ich bin auch jung gewesen , aber in der Furcht Gottes , und so freches Zeug ist mir nicht im Schlaf eingefallen , geschweige daß es mir über die Lippen gekommen wäre . Dein Vater , wie ich ihn genommen hab , ist auch kein heurig ' s Häsle mehr gewesen . Im Gegenteil , dein Bräutigam ist dir noch näher im Alter . Wo ist der Mensch , dem ' s in der Welt nach seinem Kopf geht ? Ein Christ muß sich in das schicken , was unser Herrgott über ihn verhängt . Jetzt heul , soviel du willst , heut mein ' thalben die ganze Nacht da unten . Aber morgen hat ' s ein Ende mit dem Heulen , oder wenn ' s dich zu sauer ankommt , so wird dir dein Vater schon ein freundliches Gesicht herausbringen helfen , du weißt , er hat Mittel und Wege . Jetzt gut Nacht , Jungfer Braut . « Die Alte schoß aus dem Gärtchen in das Haus zurück , wie ein unheimlicher Nachtvogel . Friedrich eilte , sich zu seiner Schwester zu gesellen , denn , dachte er , die kann ' s brauchen . Sie wär in der Dunkelheit leicht zu finden ; er durfte nur dem Schluchzen nachgehen , das ihren jungfräulichen Busen zu zersprengen drohte . Stillschweigend faßte er ihre Hand . Sie hatte ihn nicht kommen hören ; erschrocken und zornig riß sie die Hand weg und rief : » Wer ist da ? « » Gut Freund , Schwesterle . Hat der gelbe Drach wieder Gift gespien ? Was ist denn das für ein Bräutigam , dem du die alten Knochen wärmen sollst ? « » Ach Gott , der Chirurg ! « » Was ! der Zaunstecken ? « - Und nun folgte eine Flut von Scheltwörtern , die immer drolliger wurden , so daß das arme Mädchen zuletzt selbst darüber lachen mußte . Plötzlich aber fiel sie in das vorige Weinen und Schluchzen zurück und warf die Arme um den Hals des lustigen Trösters : » O lieber Bruder ! « rief sie - sie mochte nicht Frieder sagen wie die andern , und Friedrich klang ihr zu vornehm , zu gewagt - » lieber Bruder , ich wollt , ich wär bei unserer Mutter ! Sieh , ich bin dir die ärmste Kreatur auf der ganzen Gotteswelt ! Morgen soll der Verspruch sein , und das ist mein Tod . Ich kann ihn nicht ansehen , er ist mir zu arg zuwider ! « » Soll ich ihn zerbrechen ? « fragte er grimmig durch die Zähne . » Um Gotteswillen , fang keine Händel an ! Du würdest mich nur aus dem Regen in die Traufe bringen . « Sie schwieg eine Weile und fuhr dann verzagend fort : » Es gibt nur ein einziges Mittel , um aus dem Jammer hinauszukommen . « » Vermutlich . Was denkst du ? « » Ich spring in die Fils , und das noch heut nacht . « Friedrich lachte überlaut . » Du arm ' s Närrle ! Das müßtest du künstlich angreifen bei dem niedern Wasserstand . Nein , das ist nicht der Weg . Ich weiß einen andern - und der wär ganz sicher , sobald man sich fest darauf verlassen könnte . « » Du bist ein leidiger Tröster . « » Ja sieh , Kind , es steht ganz bei dir , und du hast ' s in der Hand , ob das Mittel zuverlässig sein soll oder nicht . Kannst du dich auf dich selbst verlassen ? « Er sprach diese letzten Worte mit besonderer Stärke , und es lag dabei etwas Geheimnisvolles in seiner Stimme , so daß seine Schwester ihn verwundert ansah . » Ich weiß nicht , wo du hinaus willst « , sagte sie . » Der Mensch kann alles , was er will « , hob er an . » Heißt das , ich hab mich nicht ganz richtig ausgedrückt . Der Mensch kann nicht alles , was er will , denn ich mag wollen , so viel ich will , so kann ich z.B. nicht Tag aus Nacht machen . « Er schwieg eine Weile , um seine Gedanken auf der ungewohnten Spur zu sammeln . » Ja , das kann ich auch nicht « , sagte Magdalene dazwischen , mit einem Tone , welcher deutlich verriet , daß ihr das eine brotlose Weisheit dünke . » Wart nur , ich bin noch nicht auf dem rechten Trumm . Ich hätt eigentlich sagen sollen : der Mensch kann alles , was er nicht will . « » Jetzt hör auf ! « rief Magdalene unwillig . » Du bist dem Narren übers Säckle kommen . Wenn du mir keinen bessern Rat weißt als solches Kauderwelsch , so muß ich ungetröstet ins Bett gehen . « » Ich schwitz wie ein Magister « , sagte er . » Ich möcht dir das Ding recht glatt eingeben und bring ' s nicht richtig heraus . Aber halt , jetzt geht ' s. So hätt ich sagen sollen : was der Mensch nicht haben will , das kann er sich vom Leib halten . « » Da , halt uns den Regen vom Leib , weil du so ein überstudierter Kopf bist « , sagte Magdalene spottend . Es fing nämlich soeben zu tröpfeln an . » Gegen den Regen sind Schirme gewachsen , oder auch zum Beispiel die Laube dort . Komm , wollen uns drin bergen , denn es macht nicht bloß naß herunter , sondern auch recht kühl , und ich bin noch lang nicht fertig . « Die beiden Geschwister gingen miteinander nach der Laube . Sie wär noch sommerlich genug überrankt , um vor dem Regen zu schützen , der jetzt in größeren Tropfen auf die Blätter niederschlug . » Den Regen kann man sich allerdings vom Leib halten , wenn man irgendwo unterzustehen vermag « , fuhr Friedrich fort . » Aber ich seh jetzt doch , daß mein Gleichnis nicht auf alles paßt . Denn , wenn mich zum Beispiel ein Blitz trifft , so kann ich ihn nicht - « » Behüt uns Gott ! « unterbrach ihn seine Schwester . » Unberufen , unberufen , unberufen ! « - Nachdem sie sich beeilt hatte , diese Zauberformel gegen böse Einflüsse und Vorbedeutungen dreimal auszusprechen , machte sie ihm lebhafte Vorwürfe wegen seiner sündlichen Rede . » Das ist nur so figürlich gesagt « , erwiderte er . » Ich hab dir bloß zeigen wollen , daß es Dinge in der Welt gibt , die man sich nicht vom Leib halten kann , wo man konträr wollen muß , man mag wollen oder nicht . Jetzt kann ich dir aber auch um so besser beweisen , daß es dafür andere Dinge gibt , die man sich vom Leib halten kann , wenn man nur recht tüchtig will . Zum Beispiel den Chirurgen - « » Gott Lob und Dank , endlich kommst du doch auf den rechten Text . Aber sag nur einmal , wie ? « » Du nimmst ihn eben nicht . « » Aber wenn der Vater sagt : du mußt ? « » Dann sagst du : ich will nicht . « » Kann ich mir dann auch die Streich vom Leib halten ? « » Ja sieh , lieb ' s Kind , das ist ' s eben , darauf hab ich von Anfang an hinaus gezielt , und jetzt ist der Text vollständig . Vogel friß oder stirb ! das ist der Text . Wenn aber das Vögele nicht fressen will , und es will eben um keinen Preis nicht , so muß es zwar sterben , aber die Sach ist doch nach seinem Schnabel gegangen . Das Leben ist der höchste Preis , den ein Vogel oder ein Mensch einsetzen kann , und mehr als das Leben kann man einem auch nicht nehmen . Wenn einer nun seinen Sinn fest darauf richtet , daß er denkt : die und die Nuß will ich nicht beißen ! so muß ihm zum allerersten das Leben wohlfeiler sein als der Schnabel . Dann wird ' s aber auch ganz gewiß nach seinem Schnabel gehen und wird oft nicht einmal das Leben kosten . So sagst du jetzt , du mögest den Dürren nicht . « » Für mein Leben nicht ! « rief das Mädchen leidenschaftlich . » Just , wie ich sagen wollte ! Du bekennst also selber , daß dir dein Leben nicht so lieb ist , als es dir lieb wär , des dürren Stecken ohne zu sein , und vorhin hast du ja gesagt , du wolltest lieber in die Fils springen . Damit pressiert ' s übrigens gerade nicht so sehr , nur muß es dein völliger Ernst sein , und zwar so , daß du dich lieber totschlagen ließest . Sieh , dein Leben wird dir doch lieber sein als eine trockene Haut oder ein heiler Rücken . Was ein heiler Rücken wert ist , das weiß ich aus Erfahrung , und ich kenn auch des Vaters schwere Hand . « » Ja , ich auch . « » Du wirst sie aber doch nicht so fürchten , wie den Tod . « » Nein , das gerade nicht . « » Nun sieh , jetzt kannst du an dir selbst die Probe machen , ob ' s ein Ernst ist oder eine bloße Redensart mit dem , was du gesagt hast . Die Menschen brauchen viel leere Redensarten . Da sagt einer : Das und das lass ' ich mir ums Leben nicht gefallen ! Und nachher , wenn ' s drauf und dran kommt , läßt er sich ' s gefallen um des Esaus Linsengericht oder auch noch um weniger , oder weil er einen Buckel voll Schläg fürchtet . Nimm dir einmal die Sach genau in Augenschein . Was kann dir der Vater tun ? Umbringen wird er dich nicht , du bist ja sein eigen Fleisch und Blut . Aber puffen wir er dich , dessen kannst du gewiß sein , und mach dir nur keinen blauen Dunst darüber . « Magdalene seufzte . » Auch sonst wird ' s dir übel gehen ; du wirst ein wahres Hundeleben haben , mehr noch als bisher . So leid mir ' s tut , dir das für gewiß zu sagen , so müßt ich ja doch ein schlechter Ratgeber sein , wenn ich ' s verschweigen wollte . « Magdalene seufzte abermals . » Ich glaub ' s gern « , fuhr er fort , » daß es dir schwer eingeht , aber dennoch mußt du ' s recht genau ins Aug fassen . Übrigens kannst du dir dabei voraus denken , wie du bei jedem scheelen Blick , bei jedem Streich , an jedem Hungertag sagen wirst : ist mir doch lieber , als wenn ich bei dem Zaunstecken sein müßte , den ich nicht mag . Und dann , wie lang wird ' s dauern ? Nur so lang , als sie meinen , daß sie dich zwingen können . Wenn deine Geduld größer ist als ihre Bosheit , so wird ihre Bosheit zunichte . Der schlanke Freiersmann macht am Ende den Kuhhirten von Ulm , oder es find ' t sich unterdessen eine andere Gelegenheit , die dem Vater in die Augen sticht , so daß er ihm selber den Laufpaß gibt . Zeit gewonnen , ist alles gewonnen . Mit dem Teil Ungemach , das du dir nicht vom Leib halten kannst , kaufst du dein junges Leben los von größerem Ungemach und behältst es unverschandiert , so daß dir der grüne Schleicher sein Lebtag nicht ins Bett kommen kann . Ich sag dir , Magdalene , was ich da gesprochen habe - es ist zwar gar nichts Neues , und viele reden desgleichen , aber sie wissen nicht , was sie sagen ; denn es ist ein Geheimnis ! Wer ' s aber recht versteht , der kann Wunder damit tun , und Wunder sind auch schon damit getan worden ! Mit drei einfältigen Wörtlein : Ich tu ' s nicht ! und ich tu ' s eben nicht ! Damit kann ein rechter Kerl - Mannskerl oder Weibskerl gilt gleich viel - einen Güterwagen sperren , und wenn sechs Dutzend Mecklenburger vorgespannt wären . Jetzt wirst du verstehen , warum ich gesagt hab : Das Mittel ist sicher , wenn man sich