Sachen sorgfältig zusammengepackt , das Kleidchen mit den rothen Schleifen ebenfalls in ein Tuch gewickelt , und war gerade fertig geworden , als der Wagen wieder kam und Schwindelmann ihr winkte , mitzufahren . Es war ein kalter dunstiger Abend ; die Gaslaternen brannten mit einem röthlichen Lichte , und den Athem der Pferde sah man deutlich wie weißen Dampf aus ihren Nüstern hervorkommen . Das Rollen der Räder auf dem Pflaster klang dumpf , und da die Calesche ringsum verschlossen war und fünf der ziemlich erhitzten Tänzerinnen in sich schloß , so liefen die Scheiben so dicht an , daß keine derselben ihre Straße erkennen konnte und es bei jedesmaligem Anhalten eine kleine Debatte gab , wo man sich eigentlich befinde . Schwindelmann schlichtete diesen Streit aber augenblicklich , indem er die betreffende junge Dame bei ihrem Namen rief . Endlich erklang der von Demoiselle Clara , worauf diese mit ihren beiden Paketen den Wagen verließ , ihren Colleginnen gute Nacht wünschte und an die Hausthüre trat . » Soll ich für Sie anläuten ? « fragte der freundliche Schwindelmann . Doch das Mädchen erwiderte eifrig : » Ich danke recht sehr ; ich habe meinen Hausschlüssel , und wünsche eine gute Nacht . « Ehe sich aber Schwindelmann hierauf entfernte , sagte er leise zu der jungen Tänzerin : » Sie werden mir schon erlauben , Fräulein Clara , daß ich morgen Früh ein Bouquet für Ihr kleines Schwesterchen bringe ; ich habe einen Freund , der Handelsgärtner ist und der es mir fast umsonst gibt . « Nachdem der Theaterdiener diese Worte angebracht , wartete er keine Genehmigung oder keinen Dank ab , sondern trat an seinen Wagen , schloß geräuschlos den Schlag , nannte dem Kutscher eine Straße und fuhr davon . Clara blieb an ihrer Hausthüre stehen , ohne den erwähnten Schlüssel herauszuziehen . Sie horchte auf den davonrollenden Wagen , und als er ihr weit genug entfernt schien , verließ sie das Haus wieder und ging die Straße hinab , bis sie in der schon völlig dunkeln Häuserreihe den noch spärlich erleuchteten Laden eines Bäckers erreichte . Hier trat sie ein , zog eine magere Börse hervor , und nachdem sie ein paar kleine Weißbrode gekauft , ging sie sehr langsam nach ihrem Hause zurück . Wir sagen sehr langsam ; ja mehrere Male blieb sie beinahe stehen , öfters aber schaute sie hinter sich , und jeden Augenblick horchte sie auf das entfernte Rollen eines Wagens oder auf schallende Fußtritte , die sich in irgend einer Nebenstraße verloren . Dann schüttelte sie den Kopf und sagte mit leiser Stimme : » Sonderbar ! Es ist heute das erste Mal , daß ich ihn nicht gesehen ; er war nicht im Theater auf seinem Platze , er stand nicht am Wagen , als wir einstiegen , und auch hier ist nichts von ihm zu sehen . « Mit diesen Worten hatte sie ihre Hausthüre wieder erreicht , suchte ihren Schlüssel hervor , drehte das Schloß auf und wollte gerade in den finstern Gang schlüpfen , als sich eilige Schritte auf der Straße näherten , die Gestalt eines Mannes sichtbar wurde und eine leise Stimme rief : » Fräulein Clara - nur einen Augenblick ! « Die Tänzerin blieb in der geöffneten Thüre stehen und erwartete ruhig die Ankunft dieses Mannes , der darauf in drei Sprüngen neben ihr in dem dunkeln Flur stand . Er holte tief Athem und konnte kaum sprechen . » Ich bin so gelaufen , « sprach er nach einer kleinen Pause , » um Sie noch einen Augenblick zu sehen ; wie froh bin ich , daß ich noch zur rechten Zeit komme . « » Sie waren nicht im Theater , « versetzte das Mädchen . » Ich hatte nicht erwartet , Sie heute Abend noch zu sehen . « » Ich konnte nicht , Fräulein Clara , es war mir unmöglich , das Theater zu besuchen . Ah ! hören Sie , wie ich gelaufen bin ; ich war in einer großen , sehr langweiligen Gesellschaft , und erst vor einer Viertelstunde gelang es mir , mich wegzuschleichen . Ich bin nur gekommen , Ihnen eine gute Nacht zu wünschen . « » Das freut mich in der That , « entgegnete das junge Mädchen und sah ihn treuherzig mit ihren großen Augen an . » Sie haben mich ganz verwöhnt , und wenn ich Sie nicht im Theater sehe oder am Wagen oder hier eine Sekunde , so fehlt mir etwas . « » Wie danke ich Ihnen für dieses Wort , und wie bin ich so froh , daß Sie mir wenigstens erlauben , Sie einen Augenblick zu sehen und zu sprechen . Ach , Fräulein Clara , wenn Sie nicht so hart und unerbittlich wären , so hätte ich schon lange einen Vorwand gefunden , mich bei Ihrem Vater einzuführen . « » Nein , nein , « erwiderte eifrig das Mädchen ; » ich will keine Vorwände und kann Sie auch bei uns nicht sehen . Ist es nicht genug , daß ich Ihnen hier an der Thüre eine freundliche gute Nacht sage ? Ich habe so Etwas in meinem ganzen Leben noch nicht gethan . Sind Sie damit nicht zufrieden ? « » Doch , doch , liebe Clara ! ich bin ja damit zufrieden . - Aber Ihre Hand werden Sie mir heute Abend nicht versagen . « » Nun meinetwegen ! « entgegnete freundlich lachend die Tänzerin . » Eine Hand will ich Ihnen reichen , aber dann müssen Sie auch still nach Hause gehen . « » Und zufrieden , « sagte ebenfalls lachend der junge Mann . Clara nahm nicht ohne einige Mühe die Pakete , den Hausschlüssel und das Brod in die eine Hand , um die andere ihrem jungen Freunde reichen zu können . Er faßte sie eifrig mit seinen beiden und drückte in aller Geschwindigkeit mehrere Küsse auf ihre niedlichen Finger , eine Überschreitung der gegebenen Erlaubniß , welche Clara dadurch bestrafte , daß sie ihre Hand hastig wegzog , flüchtig gute Nacht rief und die Thüre hinter sich zudrückte und verschloß . Der junge Mann blieb noch einen Augenblick auf der Schwelle stehen , blickte an dem Hause hinauf , ohne irgend etwas ihn Anziehendes zu sehen , als ein matt erleuchtetes Fenster droben hoch in dem Giebelfelde . Nachdem er dieses eine Weile betrachtet , und nachdem es ihm geschienen , als bewege sich ein weißer Vorhang an diesem Fenster , gerade so , als öffne Jemand die Thüre und trete in ' s Zimmer , verließ er seinen Standort und ging dann in der That höchst zufrieden seiner Wege . Clara war unterdessen die dunklen Treppen hinaufgestiegen , hatte ein wahres Labyrinth von finsteren Biegungen und schmalen Gängen hinter sich gelassen und erreichte nun den vierten Stock , wo sie nach einigem Suchen mit der Hand eine Thüre fand , die sie geräuschlos öffnete . Sie trat in ein unerleuchtetes Zimmer , doch hatte sie vor sich eine andere Thüre , durch deren breite Spalten und Risse einiges Licht in dies erste Gemach fiel , hier eine zweifelhafte Helle verbreitend , bei welcher man einen kleinen Tisch entdeckte , auf dem etwas Bettwerk lag , über welche man ein weißes Tuch gebreitet hatte . Clara ging auf den Zehen durch dieses Zimmer , öffnete die andere Thüre und trat in das Wohnzimmer der Familie , welches dem geneigten Leser näher zu beschreiben wir genöthigt sind . Es war dies ein ziemlich großes und kahles Gemach mit schiefen Seitenwänden , welche der Stellung des Daches folgten , und einem einzigen Fenster , das wir schon von unten beobachtet haben . Das Meublement bestand aus einem großen eisernen Ofen , von dem übrigens , der wenigen Wärme im Zimmer nach zu urtheilen , ein sehr bescheidener Gebrauch gemacht wurde ; neben demselben stand in einer Ecke ein Schreibtisch , das heißt , ein großer Tisch mit Büchern und Papieren aller Art bedeckt , hinter demselben befand sich ein Stuhl , auf welchem ein Kissen von rothgestreiftem Zeug lag ; in einer anderen Ecke war ein gewöhnliches Bett und ein Kinderbett . Unter dem einzigen Fenster stand ein Tisch und ein paar Stühle , daneben eine große alte Kommode , über welcher ein Spiegel hing . Sonst bestanden die Verzierungen sämmtlicher Wände aus einem Crucifix mit halb vertrocknetem Zweig über dem großen Bette , sowie aus dem Portrait einer berühmten Tänzerin , das dieselbe bei ihrer Anwesenheit einer Jeden vom Ballet zum Geschenk gemacht hatte . In dem Zimmer befanden sich zwei kleine Kinder , ein Mädchen von sechs und ein Bübchen von vier Jahren , die zusammen in dem kleinen Bette lagen - Clara ' s Stiefgeschwister , und ihr und Clara ' s Vater , ein alter Mann , der an dem Schreibtische stand und im Begriffe war , sich eine Feder zu schneiden , wobei er gerade den Kindern einige Ermahnungen zurief , da sie nicht einschlafen wollten , sondern sich unruhig hin und her warfen . Als Clara in das Zimmer trat , wurde ein Weinen , das aus der Ecke kam , wo die kleine Bettlade stand , plötzlich unterdrückt . Der alte Mann trug einen langen blauen , fadenscheinigen Rock , den er bis zum Halse zugeknöpft hatte , gelbe Sommerhosen , obgleich es Winter war , und ein paar große , dicke Hauspantoffeln . Trotzdem er auf der Nase eine Brille hatte , mußte er doch die Finger mit der Feder ganz nahe vor die Augen halten , um den Spalt abknixen zu können . » Seid nur ruhig , seid nur ruhig , « sagte er gegen das Bett gewendet ; » eure Leiden sind noch klein , theilweise eingebildet ; ihr steigt den Berg aufwärts und könnt schon einigermaßen Mühseligkeiten ertragen , da ihr dereinst Hoffnung auf eine schöne Aussicht habt . Uebrigens kann ich euch wahrhaftig nicht helfen und ihr müßt schon warten bis die Clara kommt , unser aller Hort und Stern . « Darauf erfolgte das Weinen , von dem wir oben gesprochen , und wurde unterdrückt beim Eintritt der jungen Tänzerin . » Ah ! da ist sie ja ! « sprach der alte Mann . » Grüß dich Gott , liebe Clara . Du kannst auch jetzt wieder eine Trostspenderin sein ; die beiden kleinen Geschöpfe da haben allerlei Kummer , den sie dir anvertrauen werden . « Bei diesen Worten ließ er sich auf das Kissen von gestreiftem Zeug nieder , schob das Schreibpapier zurecht , murmelte : » Seite zweiundvierzig , « und machte sich wieder an seine Arbeit . Die beiden kleinen Kinder hatten sich beim Eintritt der Schwester aufrecht in ihr Bettchen gesetzt und schauten aufmerksam und mit leuchtenden Augen allen Bewegungen derselben zu , wie sie ihr großes Tuch ablegte und ihre Pakete , und wie sie darauf das Weißbrod auf den Tisch unter dem Fenster legte . Namentlich das letzte Manöver schien ihren vollen Beifall zu erringen , denn während das kleine Mädchen blos ihren Mund spitzte , sagte der Knabe halblaut und mit lächelndem Gesicht und indem die Thränenfluth auf seinen Wangen plötzlich stockte : » Ein Brod ! ein Brod ! « Clara trat an den Tisch , wo ihr Vater emsig schrieb , und bot ihm einen guten Abend . » Bist du noch immer am Schreiben ? « sagte sie . » Es ist schon spät , Vater ; du solltest deine Augen schonen . « » Ei , mein liebes Kind , « entgegnete heiter der alte Mann , » vor Thorschluß oder vor dem Läuten der Abendglocke legt man nicht die Hände in den Schooß , es kommt ja nächstens doch eine lange , lange Zeit , wo ich meine Augen schonen kann und muß , deßhalb will ich sie jetzt noch ein Bischen gebrauchen . - Aber siehst du , Clara , « fuhr er sich emporrichtend fort , indem er sie fest anschaute , » in diesem Moment mache ich von meinen Augen den mir liebsten Gebrauch . « » Und welchen ? « fragte lachend die Tänzerin . » Dich anzusehen , mein Kind ; das ist Trost und Licht in meinen Tagen . Heute Abend sieht dein Kopf aus wie der einer Fürstin , und wenn ich mein Bischen Phantasie zusammennehme , so könnte ich mir eine Zeit vorstellen , wo du ein wirkliches Diadem trägst und diese falschen Brillanten in deinem Haar echt und von großem Werthe sind . « » Wenn ich je dergleichen wünschte , « versetzte Clara , während sie eine der weißen mageren Hände ihres Vaters nahm und sie küßte , » so thäte ich es nur um deinetwillen . Welch ' schönes Leben würden wir führen ! - Aber warum haben die Kinder vorhin geweint ? Haben sie dich geärgert , muß ich sie zanken ? « » O nein ! o nein ! « erwiderte der alte Mann , » sie haben den Abend über recht artig gespielt ; ich habe mich selbst an ihren Kindereien ergötzt , « setzte er mit einem fast unmerklichen Seufzer hinzu , und lehnte sich in den Stuhl zurück ; » es ist eigenthümlich , sie haben sich große Gastmahle zubereitet und von herrlichem Essen und Trinken gesprochen . « » Während ihr zu Nacht gespeist ? « » Das könnte ich eigentlich nicht sagen , « antwortete der Vater . » Richtig , jetzt fällt mir etwas ein , was ich fast ganz vergessen hätte . « » Doch nicht , das Geld von dem Buchhändler holen zu lassen ? « fragte ängstlich das Mädchen . » O nein ! den Versuch habe ich wohl gemacht , « entgegnete schmerzlich lächelnd der alte Mann ; » aber der Herr Blasser sei nicht zu Hause , sagte man mir . « » Und darauf bekamt ihr kein Geld ? « » Natürlicher Weise , « antwortete gutmüthig der Vater . » Wenn man nicht zu Hause ist , kann man auch nicht bezahlen . « » Und euer Nachtessen ? - Ich hatte das so gut angeordnet . « » Ja , das hattest du , liebes Kind ; aber der Mensch denkt , Gott lenkt , und wo nichts ist , hat der Kaiser sein Recht verloren . Uebrigens hatte ich mich an den Phantasien der Kinder gelabt , und während wir gemeinschaftlich ein schwarzes , sehr gutes Brod aßen , träumten wir von Torten und Pasteten und allerlei köstlichen Leckerbissen . « » Halb und halb habe ich mir das gedacht , « sagte Clara , indem sie zu lächeln versuchte , » und wenigstens einiges Weißbrod mit nach Hause gebracht ; ich will geschwind zur Nachbarin gehen , ich sah noch Licht , als ich die Treppen herauf kam , und will mir etwas Milch von ihr geben lassen , dann mache ich euch in aller Geschwindigkeit eine kostbare Suppe . « Diese letzten Worte sprach sie mehr gegen das kleine Bettchen gewendet , worauf die Kinder sie mit strahlenden Blicken ansahen und mit dem Kopfe nickten ; der kleine Bub stand sogar auf , als Clara eilig das Zimmer verließ , und versuchte es , ihr nachzuschauen , was einen äußerst komischen Anblick gab , da seine Kehrseite nicht gehörig bekleidet war . Der alte Mann hatte sein Buch aufgeschlagen , die Feder eingedunkt und fing wieder an emsig zu schreiben . Clara ging mit einigem Widerstreben zu der Nachbarin , von der sie vorhin gesprochen . Es war dies eine Wittwe mit zwei Töchtern , von , wenigstens äußerlich , sehr frommem und gottesfürchtigem Lebenswandel ; so versäumte sie für ihre Person fast keinen Gottesdienst , und wenn ein Buh- und Bettag angesetzt war , so schlich sie zerknirscht über die Straßen und man hätte darauf schwören sollen , sie , obgleich frei von eigenen Lastern und groben Fehlern , habe sich aus Barmherzigkeit eine tüchtige Sündenlast ihrer Mitmenschen aufgeladen und helfe so aus christlicher Liebe die allgemeine Verderbniß geduldig mittragen . Was ihre Töchter anbelangte , so gingen diese nur in die Garnisonskirche und nur Vormittags von Zehn bis halb Zwölf , zur gleichen Zeit , wo auch fromme Soldaten , von gläubigen Lieutenants geführt , auf hohen und höchsten Befehl zum wohlgefälligen Wandel angehalten wurden . Die Wittwe mit ihrer Familie gehörte in die Klasse der » verschämten Hausarmen , « und wurde von Glaubensgenossen so reichlich unterstützt , daß sie alle ihre Zeit der Beschaulichkeit zuwenden konnte und nicht viel zu arbeiten brauchte . Sechstes Kapitel . Die Familie Wundel . Als Clara auf höfliches Anklopfen in das Zimmer trat , das , obgleich ebenfalls im vierten Stock , doch recht wohnlich und angenehm eingerichtet war , drang ihr der angenehme Duft eines guten Nachtessens entgegen , der von gerösteten Kartoffeln und Bratwürsten herzurühren schien , ein kräftiger Geruch , welcher der müden Tänzerin einen einzigen und stillen Seufzer abpreßte . Die Wittwe hatte sich eben zu Tische begeben und saß in einem guten Stuhle ; die eine , ihrer Töchter hatte ebenfalls Platz genommen , die andere befand sich noch vor dem Spiegel , um ihre Frisur wieder in Ordnung zu bringen , die durch Abnahme des Hutes einigermaßen Schaden gelitten . Das Zimmer war von einer lieblichen Wärme erfüllt , denn in dem Ofen krachte und prasselte ein gutes Holz . » Ei , Fräulein Clara , « sagte die Wittwe , indem sie die ergriffene Gabel wieder niederlegte , » was verschafft uns noch so spät das Vergnügen ? « » Ich wollte Sie nur freundlichst bitten , Madame Wundel , « entgegnete das Mädchen , » mir mit ein wenig Milch auszuhelfen ; die unsere ist alle geworden und ich bin so spät aus dem Theater gekommen , daß der Laden im Nachbarhaus bereits geschlossen war . « » So , so , Milch wollen Sie haben ? - Du lieber Gott ! wenn wir nur selbst noch etwas haben . Ich fürchte fast , wir haben heute wieder alle zum Kaffee gebraucht . - Weißt du nicht , Emilie , « wandte sie sich an ihre Tochter , die am Tische saß , » ist noch etwas da ? « Hiebei hätte aber ein mehr argwöhnischer Beobachter als die junge Tänzerin deutlich bemerken können , wie Madame Wundel leicht mit ihren Augen zwinkerte . Emilie , als gelehrige Tochter , verstand übrigens dies Zeichen vollkommen , denn während sie die Schüssel mit den Bratwürsten an sich zog , sprach sie mit dem ruhigsten Tone von der Welt : » Es thut uns wahrhaftig leid , Fräulein Clara , aber wir haben nicht einen Tropfen Milch mehr im Hause . « » Richtig , ich besinne mich , « bekräftigte die Wittwe und ergriff ihre Gabel wieder , » es ist kein Tropfen mehr da . « » Und ihr irrt euch alle Beide , « versetzte ruhig die andere Tochter , die vor dem Spiegel stand und sich nun herumdrehte , » man hat heute Abend zwei Töpfe gebracht , und wir können der Clara schon bis morgen einen davon geben . « Madame Wundel preßte krampfhaft ihre Hand , in der sie die Gabel hielt , zusammen und sandte ihrer jüngern Tochter einen nichts weniger als liebevollen Blick zu . » Wie die es so genau weiß ! « sagte sie alsdann . » So sieh ' du nach , Emilie . Wenn Milch da ist , so steht sie mit Vergnügen zu Diensten . « Emilie stieß die Schüssel etwas ärgerlich zurück , und sprang auf , um in die Nebenkammer zu gehen . Die arme Tänzerin stand wie auf Kohlen , denn trotz ihres arglosen Gemüthes fing sie doch an , die fatalen Hin- und Herreden sowie die finstere Miene der Madame Wundel zu begreifen . Die jüngere Tochter hatte sich unterdessen an den Tisch gesetzt und schien durchaus nicht von dem Blick der Mutter eingeschüchtert zu sein . - » Ich habe Ihnen auch noch meine Complimente zu machen , « sagte sie ruhig zu Clara . » Sie haben heute Abend vortrefflich getanzt und sehr schön ausgesehen . « Auf diese unvorsichtigen Worte stieß die würdige , aber vorsichtige Mutter ihre aufrichtige Tochter unter dem Tische so derb mit dem Fuße , daß sie zusammenzuckte . » Sie waren also im Theater , « fragte die Tänzerin , welche diesen Ausspruch mütterlichen Gefühls nicht bemerkt hatte . » Ja , ich glaube , es ist ein schönes Ballet ; wir können das freilich nie genau sagen , weil wir mitwirken , aber es wurde viel applaudirt . - Gehen Sie öfters in ' s Theater ? « » Sie geht zuweilen hin , natürlich höchst selten , « erwiderte Madame Wundel mit einem Ausdruck sittlicher Entrüstung auf dem Gesichte . » Was wollen Sie ? Jugend hat nicht Tugend . Ich und meine ältere Tochter betreten nie das Theatergebäude - niemals ; der Herr soll mich bewahren ! « » Es ist aber doch ein angenehmes Vergnügen , « sagte Clara , um etwas zu erwidern , mit einem unruhigen Blick auf das Nebenzimmer , denn sie hörte dort ein starkes und verdächtiges Plätschern . Madame Wundel lehnte sich in ihren Stuhl zurück und zuckte die Achseln , während sie gen Himmel blickte . » Es wohnt in der Nachbarschaft eine christliche Familie , « versetzte sie , » die zuweilen Billete geschenkt erhält , und da bietet man hie und da meiner Tochter eines an . Sie können denken , daß es mir Kummer verursacht , aber was will ich machen ? Es ist traurig , aber wahr , daß trotz der größten Ermahnungen bei manchen Menschen die Gnade nicht zum Durchbruch kommen will . « In diesem Augenblicke trat Emilie Wundel mit dem ersehnten Topfe aus dem Nebenzimmer , Clara empfing ihn dankend , versprach auf morgen Früh die Wiedererstattung und verließ das Zimmer . Wir können dem geneigten Leser nicht verschweigen , daß das Abendbrod dieser verschämten Hausarmen , bestehend aus gerösteten Kartoffeln und Bratwurst , wozu noch etwas Bier getrunken wurde , nicht ohne einige Streitigkeiten vorüberging . Von der älteren wurde die jüngere Tochter mit einer wahren Verachtung behandelt und Madame Wundel meinte , ihre Letztgeborene sei und bleibe nun einmal eine kolossale Gans , und es hätte sie wahrhaftig gar nicht gewundert , wenn sie vorhin noch hinzugesetzt hätte , das Theaterbillet sei nicht geschenkt , sondern gekauft worden , - was denn auch leider der Wahrheit sehr nahe gekommen wäre . Unterdessen hatte im gegenüberliegenden Zimmer der alte Mann fleißig darauf los geschrieben und der kleine Knabe stand hartnäckig an seinem Bettchen aufrecht , obgleich ihn sein entblößtes Hintertheil in dem kühlen Zimmer einigermaßen fror . Es war aber auch kein Wunder , daß der kleine Mann seine Nase beharrlich nach der Gegend hindrehte , wo die Schwester verschwunden war . Es kam nämlich aus dem Zimmer der Wittwe Wundel jener angenehme Geruch , von dem wir vorhin gesprochen , und der , so schwach er herüberdrang , doch von dem Bübchen gleich entdeckt wurde . Kleine arme und hungrige Kinder haben eine gar feine Nase . » Du , « sagte der Knabe zu seiner Schwester , » Clara bringt uns was Gutes zum Essen . « » Sie wird nichts mitbringen , « entgegnete das verständigere Mädchen . » Aber ich rieche was , und was Gebratenes . Bekomm ' ich nichts davon ? « » Nein , davon kriegst du nichts ; das ist für andere Leute , die es gekauft und gekocht haben . « » Ihr seid recht dumm , « antwortete das Bübchen ; » warum kauft ihr nicht auch etwas und kocht es uns ? Tann könnten wir es essen ; denn wenn ihr etwas kauft und uns bratet , so gehört es uns und nicht anderen Leuten . « Der alte Mann , der ebenfalls durch den Geruch aufmerksam geworden war , erhob seinen Kopf und sagte lächelnd : » Das Kind spricht sehr logisch ; seine Folgerungen sind ganz richtig ; nur ruht seine Thesis auf schwachen Füßen . « » Komm herab in ' s Bett , « sprach das Mädchen , als drüben abermals die Thüre aufging ; » du wirst dich erkälten , und wenn dich Clara so bloß dastehen sieht , so zankt sie mit mir . « Jetzt kam die Tänzerin mit ihrem Milchtopf zurück . Die beiden Kinder schauten vergnügt empor , das Bübchen klatschte in seine kleinen Hände und rief : » Siehst du , jetzt kommt das Gebratene . « » Nein , nein , es ist nichts Gebratenes , « entgegnete lachend die ältere Schwester , » aber was viel Besseres . Jetzt mache ich eine Milchsuppe mit Brocken darin , und ihr sollt sehen , wie das schmeckt ! « » O laß mich zusehen , wie du es machst ! « sagte das Bübchen . » Bitte , Clara , laß mich zusehen ! « » Aber es wird dich frieren im Zimmer . « » O , es thut nichts , wenn es mich friert ; ich friere gern , wenn ich nur zusehen darf . « » Aber dann bekommst du einen Husten , « erwiderte Clara , während sie den Topf mit Milch in die verglimmenden Kohlen stellte , » und wirst krank werden . « » Das thut nichts , « entgegnete entschlossen der Knabe , » wenn ich zusehen darf , bekomme ich gern einen Husten und werde auch gerne krank . « » Nun meinetwegen , « versetzte die gutmüthige Schwester , » dann könnt ihr helfen das Brod einschneiden . Aber vorher muß ich dir ein Röckchen anziehen und Strümpfe . « Und darauf nahm sie den kleinen Bruder aus dem Bette , legte ein Kissen auf die Kommode und setzte ihn darauf . Das größere Mädchen zog sich allein an . Wie war das Bübchen so froh , als es die Hoffnung hatte , zusehen zu dürfen , wie die Milchsuppe eingebrockt wurde . Er schlang seine beiden Aermchen der Schwester um den Hals , drückte sein rundes Gesicht fest auf ihre schwellenden Lippen und sagte : » Du bist die allerbeste Clara , und ich habe dich lieb - so viel und so groß wie - wie - ein ganz großes Haus . « - Nachdem der Knabe hinreichend bekleidet war , um die kühle Temperatur in dem Zimmer aushalten zu können , zu welchem Zwecke ihm die Schwester noch ein großes wollenes Tuch um seine Füße schlang , wurde er auf den Tisch gesetzt , an welchem die jüngere Schwester bereits auf einem Stuhle stand , nachdem sie eine große irdene Suppenschüssel herbeigeschleppt . Die junge Tänzerin nahm die Milch von den Kohlen , und als sie solche in die Schüssel goß , bemerkte sie an der bläulichen Farbe derselben , daß es nicht räthlich sei , um eine größere Menge zu erzielen , noch etwas Wasser zuzusetzen ; dies Geschäft hatte Mamsell Wundel im Nebenzimmer bereits gehörig selbst versehen . » Mir scheint , « sagte der alte Mann an seinem Schreibtisch , indem er seine Feder einen Augenblick anhielt und durch die Brille nach dem Tische schaute , » wir bekommen noch ein Nachtessen . Ei , ei ! das ist , obgleich Verschwendung , doch sehr wohlthätig . Auch trifft das prächtig mit meiner Arbeit hier zusammen ; ich übersetze auch gerade ein Souper in Onkel Tom ' s Hütte , und es ist sonderbar , wenn ich von Essen und Trinken schreibe , da bekomme ich einen stärkeren Appetit . « » Mir geht ' s auch so , Papa , « antwortete Clara , wobei sie lachend herum schaute . » Wenn ich zum Beispiele in einem Lustspiele bin und sie fangen auf der Bühne an zu essen und zu trinken , da könnte Einem das Wasser im Munde zusammenlaufen ; und es geht nicht allein mir so : Alle , die um mich herum sitzen , haben begehrliche Augen und machen spitze Mäuler , - wie du , du kleiner Fresser . « Damit patschte sie dem Bübchen mit dem Löffel um den Mund , was dieser aber gar nicht übel zu nehmen schien , sondern die herabrinnenden Tropfen begierig ableckte . Der Vater hatte seine Feder niedergelegt , die Brille abgelegt und wischte sich die trübe werdenden Augen . » Dieses Innere von Onkel Tom ' s Hütte , « sagte er nach einer Pause , » ist als recht komfortable geschildert und kommt Einem gar nicht so unrecht vor ; es ist ein anständiges , festes Gebäude mit einem kleinen Garten davor ; auf dem Herde lodert ein Feuer und verbreitet in dem Zimmer eine behagliche Wärme . « - Er sprach das mit leiser Stimme und mehr zu sich selber . Clara schien auch nicht darauf zu achten , denn sie wandte sich in diesem Augenblick zu ihrer kleinen Schwester und sagte zu ihr : » Aber warum hast du es hier in dem Zimmer so kalt werden lassen ? So kann der arme Papa ja nicht schreiben ; seine Finger müssen ihm ganz starr werden . « » Schon die Idee eines Kamins hat etwas höchst Behagliches , « fuhr der alte Mann fort , indem er sich die Hände rieb ; » man sieht in die spielenden Flammen , man stellt sich behaglich davor hin und dreht die mächtigen Holzblöcke mit der Zange herum . « » Ich hätte gern Holz nachgelegt , « entgegnete das kleine Mädchen , » aber Papa hat selbst zugesehen und meinte , wir müssen noch acht Tage lang mit auskommen , ehe du neues kaufen könntest , und wenn man da zuviel brauche , werde es nicht langen . « » Ich begreife nur nicht , « sprach Clara ,