, von denen Pauken und Trompeten herniedertönten ; alte dicke Weiber verbeugten sich vor dünnen schwarzen Mönchen , welche zahlreich umhergingen ; unter offenen Hausfluren saßen wohlgenährte Spießbürger hinter gebratenen Gänsen und mächtigen Krügen und genossen den lauen Frühlingsabend ; glänzende Wagen mit Mohren und Jägern fuhren vorbei und wurden aufgehalten durch einen ungeheuern Knäuel von Soldaten und Handwerksburschen , welche sich die Köpfe zerbleueten . Es war ein unendliches Gesumme überall und ein seltsamer Übergang der katholischen Festandacht und der kirchlichen Glockentöne in die laute Lustbarkeit des zweiten Osterabends . Heinrich hatte sich aus dem Lärm verloren in eine lange und weite Straße , welche ganz von mächtigen neuen Gebäuden besetzt war . Steinerne Bildsäulen standen vor ernsten byzantinischen Fronten , die still und hoch in den dunkelnden Himmel hinaufstiegen , bald dunkelrot gefärbt , bald blendend weiß , alles wie erst heute und zur Mustersammlung für lernbegierige Schüler aufgestellt . Da und dort verschmelzten sich die alten Zierarten und Formen zu neuen Erfindungen , die verschiedensten Gliederungen und Verhältnisse stritten sich und verschwammen ineinander und lösten sich wieder auf zu neuen Versuchen ; es schien , als ob die tausendjährige Steinwelt , auf ein mächtiges Zauberwort in Fluß geraten , nach einer neuen Form gerungen hätte und über dem Ringen in einer seltsamen Mischung wieder erstarrt wäre . Wie zum Spotte ragte tief im Hintergrunde eine kolossale alte Kirche im Jesuitenstile über alle diese Schöpfungen empor , und die tollen Schnörkel und Schlangenlinien derselben schienen in dem schwachen Mondlichte auf und nieder zu tanzen . Das Getöse der inneren Stadt summte nur von ferne in die einsame , stille Straße herein , man hörte fast keines Menschen Tritt gehen , nur ein hoher , magerer Mann kam mit langen Schritten und wunderlichen Bewegungen durch das ersterbende Zwielicht daher und trat , als Heinrich ihn zerstreut ansah , plötzlich auf denselben zu und schlug ihm die Mütze vom Kopfe , daß sie auf den Boden fiel . Es lag aber etwas Schwärmerisches und gutmütig Edles in den Augen dieses Mannes , so daß Heinrich verlegen dastand , sich hinter den Ohren kratzte und nicht wußte , was nun wieder zu tun sei . Der Fremde rief ihm aber mit lauter Stimme zu » Warum gaffen Sie mich an und grüßen nicht ? Was ist das für eine Ungezogenheit ? « Heinrich sagte » Ich kenne Sie ja gar nicht , Herr ! « - » So ? Wissen Sie , ich bin der König ! Artig sein , Respekt haben , junger Mann ! « und ohne eine fernere Rede abzuwarten , schritt er rasch von dannen . Heinrich hob seine Mütze vom Boden , schlug den Staub ab und suchte eiligst seine Herberge auf . Viertes Kapitel Am andern Tage hantierte Heinrich Lee bereits in einem ge mieteten Zimmer umher und war bemüht , seine Siebensachen in den verschiedenen Hausgeräten unterzubringen . Sein gewaltiger altväterlicher Holzkoffer stand mitten auf dem Boden und schien sich nicht erschöpfen zu wollen ; denn außer dem reichlichen Vielerlei , womit ihn die Mutter für des Leibes Bedürfnis versorgt hatte , führte er auch einen ziemlichen Vorrat an sonstigen Dingen mit , von denen er sich nicht hatte trennen können , obschon ein guter Teil keinen andern Wert hatte , als daß Heinrich bisher die Sachen täglich vor Augen und in Händen sah . Er kannte den Zustand noch nicht , wo man jedes entbehrliche Buch , jedes Kästchen oder Schächtelchen aus alter Zeit , Briefschaften , sogar musikalische Instrumente , die einem fast an die Hand gewachsen sind , über Bord wirft und , starr und ängstlich seine Zukunft suchend , welche immer zurückzuweichen scheint , während sie fortwährend um uns herumschleicht und hinter unserm Rücken unbemerkt zur Vergangenheit wird , mit dem zusammengepreßten Gepäcke eines Kuriers jahrelang dahinlebt , in Wohnungen , die ebenso knapp eingerichtet sind , ein Bett , ein Tisch , ein Sofa , vier Stühle , und das alles in der jämmerlichen Eleganz , wie sie der Laden eines Trödlers oder Möbelverleihers darbietet und der Geschmack einer hungrigen Witwe zusammenstellt . Da ist keine trauliche Uhr an der Wand , ja kein überzähliges Tischchen am Fenster , kein Blumenstock vor demselben ; statt daß klare weiße Vorhänge schlicht darüberhangen , schlingt sich tollgewordener roter und gelber Kattun um einen trübselig vergoldeten Spieß , welcher schon zwölfmal verkauft und wieder gekauft wurde . Und trotz dieser Armseligkeit hat die einzige Kommode im Nu das Mitgebrachte des fahrenden Bewohners verschlungen , wie ein Haifisch eine Katze , und läßt nichts zu sehen übrig als hier einen Bogen Briefpapier , dort eine Haarbürste . Es ist ein unerquickliches Leben in dieser baumwollenen Pracht der Mietzimmer , immer den Reisekoffer neben dem Ofen ! Die Wohnung jedoch , welche Heinrich gefunden hatte , entsprach mehr seinen mitgebrachten mannigfaltigen Habseligkeiten . Sie war einfach , aber bequem und hatte in ihrer Einrichtung das Ansehen einer seit lange so bestandenen ordentlichen Wohnstube . Die Fenster gingen auf einen stillen Hof , die Sessel an denselben standen noch auf besonderen Erhöhungen , und noch ein anderer behaglicher Sitz zum träumerischen Ausruhen versprach die endlich geleerte Arche Noä Heinrichs zu werden , welche er zwischen den Ofen und das Bett hineinschob . Er saß auch schon auf dem soliden Deckel , ausruhend und nachdenklich wie einer , der für den Augenblick nicht weiß , was eigentlich zunächst nun zu beginnen ist . Ohne Empfehlungen und Bekanntschaften in dieser Stadt angekommen , mußte er sich ganz allein zu helfen und nach eigenem Überblick und Urteil seine Tätigkeit zu ordnen suchen . In der Hand hielt er ein eingebundenes Manuskript und blätterte darin umher , als ob er eine Richtschnur oder wenigstens die Anknüpfungspunkte für eine solche herausfinden wollte . Es war die Geschichte seiner bisherigen Jugend , welche er in jugendlicher Subjektivität und Schreibseligkeit während der letzten Zeit vor seiner Abreise niedergeschrieben hatte , um sich eine Art Abschluß und Übersicht zu bilden . Bis seine neuen Verhältnisse eine bestimmte Gestalt angenommen haben , wollen wir das mäßige Büchlein durchlesen , um ihn selbst wie sein ferneres Geschick desto klarer beurteilen zu können . Schon daß er dasselbe geschrieben , ist so bezeichnend , daß auch der Inhalt denjenigen weiter anregen muß , der überhaupt an unserm Helden teilnehmen mag . Eine Jugendgeschichte Mein Vater war ein Bauernsohn aus einem uralten Dorfe , welches seinen Namen von einer seit vielen Jahrhunderten verschollenen Familie hat . Niemand weiß mehr , wo einst das Schloß gestanden , von dem man in den Chroniken noch schwache Spuren findet ; ebensowenig weiß man , wann der letzte » Edle « dieses Namens gestorben ist ; aber das Dorf steht noch da , seelenreich und belebter als je , während das halbe Dutzend Familiennamen unverändert geblieben ist und für die zahlreichen , weitläufigen Geschlechter fort und fort ausreichen muß . Der kleine Gottesacker , welcher sich rings an die trotz ihres Alters immer schneeweiß geputzte Kirche schmiegt und niemals erweitert worden ist , besteht in seiner Erde buchstäblich aus den aufgelösten Gebeinen der vorübergegangenen Geschlechter ; es ist unmöglich , daß bis zur Tiefe von zehn Fuß ein Körnlein sei , welches nicht seine Wanderung durch den menschlichen Organismus gemacht und einst die übrige Erde mit umgraben geholfen hat . Doch ich übertreibe und vergesse die vier Tannenbretter , welche jedesmal mit in die Erde kommen und den ebenso alten Riesengeschlechtern auf den grünen Bergen rings entstammen ; ich vergesse ferner die derbe ehrliche Leinwand der Grabhemden , welche auf diesen Fluren wachs , gesponnen und gebleicht wurde und also so gut zur Familie gehört wie jene Tannenbretter und nicht hindert , daß die Erde unseres Kirchhofes so schön kühl und schwarz sei als irgend eine . Es wächst auch das grünste Gras darauf , und die Rosen nebst dem Jasmin wuchern in göttlicher Unordnung und Überfülle , so daß nicht einzelne Stäudlein auf ein frisches Grab gesetzt , sondern das Grab muß in den Blumenwald hineingehauen werden , und nur der Totengräber kennt genau die Grenze in diesem Wirrsal , wo das frisch umzugrabende Gebiet anfängt . Das Dorf zählt etwa zweitausend Bewohner , von welchen je etwa dreihundert den gleichen Namen führen ; aber höchstens zwanzig bis dreißig von diesen pflegen sich Vetter zu nennen , weil die Familienerinnerungen selten bis zum Urgroßvater hinaufsteigen . Aus der unergründlichen Tiefe der Zeiten an das Tageslicht gestiegen , sonnen sich diese Menschen darin , so gut es gehen will , rühren sich und wehren sich ihrer Haut , um wohl oder wehe wieder in der Dunkelheit zu verschwinden , wenn ihre Zeit gekommen ist . Wenn sie ihre Nasen in die Hand nehmen , so sind sie sattsam überzeugt , daß sie eine ununterbrochene Reihe von zweiunddreißig Ahnen besitzen müssen , und anstatt dem natürlichen Zusammenhange derselben nachzuspüren , sind sie vielmehr bemüht , die Kette ihrerseits nicht ausgehen zu lassen . So kommt es , daß sie alle möglichen Sagen und wunderlichen Geschichten ihrer Gegend mit der größten Genauigkeit erzählen können , ohne zu wissen , wie es zugegangen ist , daß der Großvater die Großmutter nahm . Alle Tugenden glaubt jeder selbst zu besitzen , wenigstens diejenigen , welche nach seiner Lebensweise für ihn wirkliche Tugenden sind , und was die Missetaten betrifft , so hat der Bauer so gut Ursache wie der Vornehme , die seiner Väter in Vergessenheit begraben zu wünschen ; denn er ist zuweilen eine so wüste und wilde Bestie wie manches andere Menschenkind . Ein großes rundes Gebiet von Feld und Wald bildet ein reiches unverwüstliches Vermögen der Bewohner ; doch ist es eigentlich nicht ganz rund , indem mancher mächtige Acker , manche Zelle Laub- und Nadelholz jenseits der Hügel hinunter kühn und naseweis in das Gebiet anderer Gemeinden eingreift , während jene sich gelegentlich durch die glückliche und listige Erwerbung eines diesseitigen Grenzstückes rächen und daher das Ganze einen so zerfetzten Rand hat wie ein Bettlermantel . Dieser Reichtum blieb sich von jeher so ziemlich gleich ; wenn auch hie und da eine Braut einen Teil verschleppt , so unternehmen die jungen Bursche dafür häufige Raubzüge bis auf acht Stunden weit und sorgen für hinlänglichen Ersatz sowie dafür , daß die Gemütsanlagen und körperlichen Physiognomien der Gemeinde die gehörige Mannigfaltigkeit bewahren , und sie entwickeln hierin eine tiefere und gelehrtere Einsicht für ein frisches Fortgedeihen als manche reiche Patrizier- oder Handelsstadt und als die europäischen Fürstengeschlechter . Die Einteilung dieses Besitzes aber verändert sich von Jahr zu Jahr teilweise und mit jedem halben Jahrhundert ganz bis zur Unkenntlichkeit . Die Kinder der gestrigen Bettler sind heute die Reichen im Dorfe , und die Nachkommen dieser treiben sich morgen mühsam in der Mittelklasse umher , um entweder ganz zu verarmen oder sich wieder aufzuschwingen . Mein Vater starb so früh , daß ich ihn nicht mehr von seinem Vater konnte erzählen hören , ich weiß daher so gut wie nichts von diesem Manne ; nur so viel ist gewiß , daß damals die Reihe einer ehrbaren Unvermöglichkeit an seiner engeren Familie war . Da ich nicht annehmen mag , daß der ganz unbekannte Urgroßvater ein liederlicher Kauz gewesen sei , so halte ich es für wahrscheinlich , daß sein Vermögen durch eine sehr zahlreiche Nachkommenschaft zersplittert wurde ; wirklich habe ich auch eine Menge entfernter Vettern , welche ich kaum noch zu unterscheiden weiß , die , wie die Ameisen krabbelnd , bereits wieder im Schwunge sind , ein gutes Teil der viel zerhackten und durchfurchten Grundstücke an sich zu bringen . Ia , einige Alte unter denselben sind in der Zeit schon wieder reich gewesen und ihre Kinder wieder arm geworden . Dazumal war es nicht ganz mehr jene erbärmliche Schweiz , wie sie Goethe im Wertherschen Nachlasse geschildert hat , und wenn auch die junge Saat der französischen Ideen durch einen ungeheuern Schneefall östreichischer , russischer und selbst französischer Quartierbilletts bedeckt worden war , so gestattete doch die kluge Mediationsverfassung einen gelinden Nachsommer und verhinderte meinen Vater nicht , die Kühe , die er weidete , eines Morgens stehenzulassen und , einem höhern Triebe folgend , nach der Stadt zu gehen , um ein gutes Handwerk zu erlernen . Von da an verscholl er so ziemlich für seine Mitbürger ; denn nach langen und harten , aber meisterlich bestandenen Lehrjahren führte ihn sein Trieb , einen immer kühnern Schwung nehmend , in die Ferne , und er durchschweifte als ein geschickter Steinmetz entlegene Reiche . Indessen aber hatte der sanftknisternde Papierblumenfrühling , welcher nach der Schlacht bei Waterloo aufging , wie überallhin , so auch in die geheimsten Winkel der Schweiz sein bläuliches Kerzenlicht verbreitet , und der große Dichter hätte sich jetzt eher wieder zurechtfinden können , wenn nicht unterdessen auch sein wackerer Lavater gestorben und mit demselben das letzte Restchen Phantasie aus dem städtischen Zopftume der Schweizer entflohen wäre . Auch in meines Vaters Geburtsdorf , dessen Bewohner in den neunziger Jahren ebenfalls entdeckt hatten , daß sie seit undenklichen Zeiten mitten in einer Republik lebten , war die ehrwürdige und zugleich muntere Dame Restauration mit allen ihren Schachteln und Kartons feierlich eingezogen und richtete sich in dem Neste so gut ein , als sie konnte . Schattige Wälder , Höhen und Täler mit den angenehmsten Freudenplätzen , ein fischreicher , klarer Fluß und die Wiederholung aller dieser guten Dinge in einer weiten , belebten Nachbarschaft , welche sogar noch mit einigen bewohnten Schlössern gespickt war , zogen den einwohnenden Herrschaften jahraus und - ein eine Menge jagender , fischender , tanzender , singender , essender und trinkender Gäste aus der Stadt zu . Man bewegte sich um so leichter , als man den Reifrock und die Perücke weislich da liegenließ , wohin sie die Revolution geworfen hatte , und das griechische Kostüm der Kaiserzeit , wenn auch in diesen Gegenden etwas nachträglich , angetan hatte . Die Bauern sahen mit Verwunderung die weißumflorten Göttergestalten ihrer vornehmen Mitbürgerinnen , ihre sonderbaren Hüte und noch merkwürdigeren Taillen , welche dicht unter den Armen gegürtet waren . Die Herrlichkeit des aristokratischen Regimentes entfaltete sich am höchsten im Pfarrhause . Die reformierten Landgeistlichen der Schweiz waren keine armen , demütigen Schlucker wie ihre Amtsbrüder im protestantischen Norden . Da alle Pfründen im Lande ausschließlich den Bürgern der herrschenden Städte offenstanden , so bildeten sie zu den weltlichen Ehrenstellen eine Ergänzung im Systeme der Herrschaft , und die Pfarrer , deren Brüder das Schwert und die Waage handhabten , nahmen teil an der Glorie , wirkten und regierten auf ihre Weise im Sinne des Ganzen kräftig mit oder überließen sich einem sorgenfreien , vergnüglichen Dasein , gleich den vornehmen Geistlichen der katholischen Kirche . Sehr oft waren sie von Haus aus reich , und die ländlichen Pfarrhäuser glichen eher den Landsitzen großer Herren ; auch gab es eine Menge adeliger Seelenhirten , welche die Bauern Junker Pfarrer nennen mußten . Ein solcher war nun zwar der Pfarrer meines Heimatdorfes nicht , auch nichts weniger als ein reicher Mann ; doch sonst einer sehr alten Bürgerfamilie angehörend , vereinigte er in seiner Person und in seinem Hauswesen allen Stolz , Kastengeist und Lustbarkeit eines warmgesessenen Städtetumes . Er tat sich etwas darauf zu gut , ein Aristokrat zu heißen , und vermischte seine geistliche Würde ungezwungen mit einem derben , militärischjunkerhaften Anstriche ; denn man wußte dazumal noch nichts , weder von dem Namen noch von dem Wesen des modernen , weinerlichen und heuchlerischen Konservatismus . Es ging in seinem Hause geräuschvoll und lustig her , die Pfarrkinder steuerten reichlich , was Feld und Stall abwarf , die Gäste holten sich selbst aus dem Forste Hasen , Schnepfen und Rebhühner , und da Treibjagden doch nicht landesüblich waren , so wurden die Bauern dafür zu großen Fischzügen freundschaftlich angehalten , welches jedesmal ein Fest gab , und so war das Pfarrhaus nie ohne Freude und Lärm . Man durchzog das Land ringsumher , stattete Besuche ab in Masse und empfing solche , schlug Zelte auf und tanzte darunter oder spannte sie über die lauteren Bäche , und die Griechinnen badeten darunter ; man überfiel in hellen Haufen eine einsame kühle Mühle oder fuhr in vollgepfropften Nachen auf Seen und Flüssen , der Pfarrer immer voran mit einer Entenflinte über dem Rücken oder ein mächtiges spanisches Rohr in der Hand . Geistige Bedürfnisse waren in diesen Kreisen nicht viele vorhanden ; die weltliche Bibliothek des Pfarrers bestand , wie ich sie noch gesehen habe , aus einigen altfranzösischen Schäferromanen , Geßners Idyllen , Gellerts Lustspielen und einem stark zerlesenen Exemplar des Münchhausen . Zwei oder drei einzelne Bände von Wieland schienen aus der Stadt geliehen und nicht mehr zurückgeschickt worden zu sein . Man sang Höltys Lieder , und nur die lugend führte etwa einen Matthisson mit sich . Der Pfarrer selbst , wenn einmal von dergleichen Dingen die Rede war , pflegte seit dreißig Jahren regelmäßig zu fragen » Haben Sie Klopstocks Messias gelesen ? « und wenn das , wie natürlich , bejaht wurde , schwieg er vorsichtig . Ein steinalter Herr , welcher sich in seiner Jugend einige Zeit in Berlin umhergetrieben hatte und in der Gesellschaft des Pfarrhauses allerlei schlechte Späße über den ehrwürdigen Beruf des Hausherrn zum besten gab , sprach viel von Voltaire und mischte ein pikantes Grauen in den unbefangenen Frohsinn der Damen . Im übrigen gehörten die Gäste nicht zu jenen feinsten Kreisen , welche die Kultur der herrschenden Interessen durch erhöhte Geistestätigkeit pflegen und durch eine edle Bildung zu befestigen suchen , sondern zu der gemütlichen Klasse , welche sich darauf beschränkt , die Früchte jener Bemühungen zu genießen und sich ohne weiteres Kopfzerbrechen lustig zu machen , solange es Kirchweih ist . Aber diese ganze Herrlichkeit barg bereits den Keim ihres Zerfalles in sich selbst . Der Pfarrer hatte einen Sohn und eine Tochter , welche beide in ihren Neigungen von denjenigen ihrer Umgebung abwichen . Während der Sohn , ebenfalls ein Geistlicher und dazu bestimmt , seinem Vater im Amte zu folgen , vielfache Verbindungen mit jungen Bauern anknüpfte , mit ihnen ganze Tage auf dem Felde lag oder auf Viehmärkte fuhr und mit Kennerblick die jungen Kühe betastete , hing die Tochter , sooft sie mir immer konnte , die griechischen Gewänder an den Nagel und zog sich in Küche und Garten zurück , dafür sorgend , daß die unruhige Gesellschaft etwas Ordentliches zu beißen fand , wenn sie von ihren Fahrten zurückkehrte . Auch war diese Küche nicht der schwächste Anziehungspunkt für die genäschigen Städtebewohner , und der große gutbebaute Garten zeugte für einen ausdauernden Fleiß und treffliche Ordnungsliebe . Der Sohn endigte sein Treiben damit , daß er eine begüterte rüstige Bauerntochter heiratete , in ihr Haus zog und alle sechs Werktage hindurch ihre Äcker und ihr Vieh bestellte . In Anwartschaft seines höheren Amtes übte er sich , als Säemann den göttlichen Samen in wohlberechneten Würfen auszustreuen und das Böse in Gestalt von wirklichem Unkraut auszujäten . Der Schrecken und der Zorn hierüber waren groß im Pfarrhause , zumal wenn man bedachte , daß die junge Bäuerin einst als Hausfrau dort einziehen und herrschen sollte , sie , welche weder mit der gehörigen Anmut im Grase zu liegen noch einen Hasen standesgemäß zu braten und aufzutragen wußte . Deshalb war es der allgemeine Wunsch , daß die Tochter , welche allmählich schon über ihre erste Jugend hinausgeblüht hatte , entweder einen standesgetreuen jungen Geistlichen ins Haus locken oder sonst noch lange die zusammenhaltende Kraft desselben bleiben möchte . Aber auch diese Hoffnungen schlugen fehl . Denn eines Tages geschah es , daß das ganze Dorf in große Bewegung gesetzt wurde durch die Ankunft eines schönen , schlanken Mannes , der einen feinen grünen Frack trug nach dem neusten Schnitte , enganliegende weiße Beinkleider und glänzende Suwarowstiefeln mit gelben Stulpen . Wenn es regnerisch aussah , so führte er einen rotseidenen Schirm mit sich , und eine große goldene Uhr von feiner Arbeit gab ihm in den Augen der Bauern einen ungemein vornehmen Anstrich . Dieser Mann bewegte sich mit einem edlen Anstande in den Gassen des Dorfes umher und trat freundlich und leutselig in die niederen Türen , verschiedene alte Mütterchen und Gevattern aufsuchend , und war niemand anders als der weitgereiste Steinmetzgeselle Lee , welcher seine lange Wanderschaft ruhmvoll beendigt hatte . Man kann wohl sagen ruhmvoll , wenn man bedenkt , daß er vor zwölf Jahren , als ein vierzehnjähriger Knabe , arm und bloß das Dorf verlassen hatte , hierauf bei seinem Meister die Lehrzeit durch lange Arbeit abverdienen mußte , mit einem dürftigen Felleisen und wenig Geld in die Fremde zog und nun solchergestalt als ein förmlicher Herr , wie ihn die Landleute nannten , zurückkehrte . Denn unter dem niedern Dache seiner Verwandten standen zwei mächtige Kisten , von denen die eine ganz mit Kleidern und feiner Wäsche , die andere mit Modellen , Zeichnungen und Büchern angefüllt war . Es war etwas Schwungvolles in dem ganzen Wesen des etwa sechsundzwanzig Jahre alten Mannes , seine Augen glühten wie von einem anhaltenden Glanze innerer Wärme und Begeisterung , er sprach immer hochdeutsch und suchte das Unbedeutendste von seiner schönsten und besten Seite zu fassen . Fr hatte ganz Deutschland vom Süden bis zum Norden durchreist und in allen großen Städten gearbeitet ; die Zeit der Befreiungskriege in ihrem ganzen Umfange fiel mit seinen Wanderjahren zusammen , und er hatte die Bildung und den Ton jener Tage in sich aufgenommen , insofern sie ihm verständlich und zugänglich waren ; vorzüglich teilte er das offene und treuherzige Hoffen der gebildeten Mittelklassen auf eine bessere , schönere Zeit der Wirklichkeit , ohne von den geistigen Überfeinerungen und Wunderseligkeiten etwas zu wissen , welche in manchen romantischen Elementen dazumal als deutsches Wesen durch die höhere Gesellschaft wucherten . Es waren nur wenige gleichgesinnte Arbeitsgenossen , welche die ersten , seltenen und verborgenen Keime bildeten zu der Selbstveredlung und Aufklärung , so den wandernden Handwerkerstand zwanzig Jahre später durchdrang , und welche einen Stolz darauf setzten , die besten und gesuchtesten Arbeiter zu sein , und dadurch , verbunden mit erhöhtem Fleiße und Mäßigkeit , die Mittel erlangten , auch ihren Geist zu bilden und äußerlich wie innerlich schon in ihren Wanderjahren als achtungswerte , tüchtige Männer dazustehen . Überdies war dem Steinhauer in den großen Werken altdeutscher Baukunst ein Licht aufgegangen , welches seinen Pfad noch mehr erleuchtete , indem es ihn mit heiteren Künstlerahnungen erfüllte und den dunklen Trieb jetzt erst zu rechtfertigen schien , welcher ihn von der grünen Weide hinweg dem gestaltenden Leben der Städte zugeführt hatte . Er lernte zeichnen mit eisernem Fleiße , brachte ganze Nächte und Feiertage damit zu , Werke und Muster aller Art durchzupausen , und nachdem er den Meißel zu den kunstreichsten Gebilden und Verzierungen führen gelernt und ein vollkommener Handarbeiter geworden war , ruhte er nicht , sondern studierte den Steinschnitt und sogar solche Wissenschaften , welche andern Zweigen des Bauwesens angehören . Er suchte überall an großen öffentlichen Bauten unterzukommen , wo es viel zu sehen und zu lernen gab , und brachte es durch seine Aufmerksamkeit bald dahin , daß ihn die Baumeister ebensoviel auf ihren Arbeitszimmern am Zeichnen- oder Schreibtische verwendeten als auf dem Bauplatze . Daß er dort nicht feierte , sondern manche Mittagsstunde damit zubrachte , alles mögliche durchzuzeichnen und alle Berechnungen zu kopieren , welche er erhaschen konnte , versteht sich von selbst . So wurde er zwar kein akademischer Künstler mit einer allseitigen Durchbildung , aber doch ein Mann , welcher wohl den kühnen Vorsatz fassen durfte , in der Hauptstadt seiner Heimat ein wackerer städtischer Bau- und Maurermeister zu werden . Mit dieser ausgesprochenen Absicht trat er nun auch im Dorfe auf zur großen Bewunderung seiner Sippschaft , und das Erstaunen wurde noch größer , als er , mit einem feinen Manschettenhemd bekleidet und sein reinstes Hochdeutsch sprechend , sich mitten unter die französisch-griechischen Gestalten des Pfarrhauses mischte und um die Pfarrerstochter warb . Der ländlich gesinnte Bruder mochte hiezu eine Vermittlung , wenigstens ein aufmunterndes Beispiel darbieten ; die Jungfrau schenkte dem blühenden Freier bald ihr Herz , und die Verwirrung , welche dadurch zu entstehen drohte , löste sich schnell , als die Eltern der Braut kurz hintereinander starben . Also hielten sie eine stille Hochzeit und zogen in die Stadt , sich weiter nicht nach der glanzvollen Vergangenheit des Pfarrhauses umsehend , in welches alsobald der junge Pfarrer mit ganzen Wagen voll Sensen , Sicheln , Dreschflegeln , Rechen , Heugabeln , mit gewaltigen Himmelbetten , Spinnrädern und Flachshecheln und mit seiner kecken , frischen Frau einzog , welche mit ihrem geräucherten Speck und mit ihren derben Mehlklößen schnell sämtliche Musselingewänder , Fächer und Sonnenschirmchen aus Haus und Garten vertrieben hatte . Nur eine Wand voll vortrefflicher Jagdgewehre , die auch der Nachfolger zu führen wußte , lockte im Herbst einzelne Jäger auf das Dorf und unterschied das Pfarrhaus einigermaßen von einem Bauernhause . In der Stadt fing der junge Baumeister damit an , daß er einen oder zwei Arbeiter anstellte und , selbst arbeitend vom Morgen bis zum Abend , ganz kleine Aufträge aller Art annahm und darin so viel Geschick und Zuverlässigkeit zeigte , daß noch vor Ablauf eines Jahres sein Geschäft sich erweiterte und sein Kredit sich begründete . Er war so erfinderisch und einsichtsvoll , gewandt und schnell beraten , daß bald viele Bürger seinen Rat und seine Arbeit suchten , wenn sie im Zweifel waren , wie sie etwas verändern oder neu bauen lassen sollten . Dabei war er immer bestrebt , das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden , und war froh , wenn ihn seine Kunden nur gewähren ließen , so daß sie manche Zierde , manches Fenster und Gesims von reineren Verhältnissen erhielten , ohne daß sie deswegen den Geschmack ihres Baumeisters teurer bezahlen mußten . Seine junge Frau indessen führte mit wahrem Fanatismus das Hauswesen , welches durch verschiedene Arbeiter und Dienstboten schnell erweitert wurde . Sie beherrschte mit Kraft und Meisterschaft das Füllen und Leeren einer Anzahl großer Speisekörbe und war der Schrecken der Marktweiber und die Verzweiflung der Schlächter , welche alle Gewalt ihrer alten Rechte aufbieten mußten , einen Knochensplitter mit auf die Waage zu bringen , wenn das Fleisch für die Frau Lee gewogen wurde . Obgleich Meister Lee fast keine persönlichen Bedürfnisse hatte und unter seinen zahlreichen Grundsätzen derjenige der Sparsamkeit in der ersten Reihe stand , so war er doch so gemeinnützig und großherzig , daß das Geld für ihn nur Wert hatte , wenn etwas damit ausgerichtet oder geholfen wurde , sei es durch ihn oder durch andere ; daher verdankte er es nur seiner Frau , welche keinen Pfennig unnütz ausgab und den größten Ruhm darein setzte , jedermann weder um ein Haar zuwenig noch zuviel zukommen zu lassen , daß er nach Verfluß von zwei oder drei Jahren schon solche Ersparnisse vorfand , welche seinem unternehmenden Geiste nebst dem Kredite , den er bereits genoß , eine reichlichere Nahrung darboten . Er kaufte alte Häuser an für eigene Rechnung , riß sie nieder und baute an der Stelle stattliche Bürgerhäuser , in welchen er eine Menge Einrichtungen fremder oder eigener Erfindung anbrachte . Diese verkaufte er mehr oder weniger vorteilhaft , sogleich zu neuen Unternehmungen schreitend , und alle seine Gebäude trugen das Gepräge eines beständigen Strebens noch Formen- und Gedankenreichtum . Wenn ein gelehrter Architekt auch oft nicht wußte , wohin er alle angebrachten Ideen zählen sollte und vieles der Unklarheit oder Unharmonie zeihen mußte , so gestand er doch immer , daß es Gedanken seien , und belobte , wenn er unbefangen war , den schönen Eifer dieses Mannes mitten in der geistesarmen und nüchternen Zeit des Bauwesens , wie sie wenigstens in den abgelegenen Provinzen des Kunstgebietes bestand . Dies tätige Leben versetzte den unermüdlichen Mann in den Mittelpunkt eines weiten Kreises von Bürgern , welche alle zu ihm in Wechselwirkung traten , und unter diesen bildete sich ein engerer Ausschuß gleichgesinnter und empfänglicher Männer , denen er sein rastloses Suchen nach dem Guten und Schönen mitteilte . Es war nun um die Mitte der zwanziger Jahre , wo in der Schweiz eine große Anzahl hochgebildeter Männer aus dem innersten Schoße der herrschenden Klassen selbst , die abgeklärten Ideen der großen Revolution wiederaufnehmend , einen frucht- und dankbaren Boden für die Julitage vorbereiteten und die edlen Güter der Bildung und Menschenwürde sorgsam pflegten . Zu diesen bildete Lee mit seinen Genossen , an seinem Orte , eine tüchtige Fortsetzung im arbeitenden Mittelstande , um so bedeutender , als viele Mitglieder in der Tiefe des Volkes auf den Landschaften umher ihre Wurzeln hatten . Während jene Vornehmen und Gelehrten die künftige Form des Staates , philosophische und Rechtswahrheiten besprachen und im allgemeinen die Fragen schönerer Menschlichkeit zu ihrem Gebiete machten , wirkten die rührigen Handwerker mehr unter sich und nach unten hin , indem sie einstweilen ganz praktisch so gut als möglich sich einzurichten suchten . Eine Menge Vereine , öfter die ersten in ihrer Art , wurden gestiftet , welche meistens irgendeine Versicherung zum Wohle der Mitglieder und ihrer Angehörigen zum Zwecke hatten . Schulen wurden gesellschaftsweise gegründet , um den Kindern des gemeinen Mannes eine bessere Erziehung zu sichern , da die damaligen , sehr gut eingerichteten Stadtschulen nur den wohlhabenden Altbürgerkindern zugänglich und die Volksschulen in einem elenden Zustande waren ; kurz , eine Menge Unternehmungen dieser Art , zu jener Zeit noch neu und verdienstlich , gab den braven Leuten zu schaffen und Gelegenheit , sich daran emporzubilden . Denn in zahlreichen Zusammenkünften mußten Statuten und Verfassungen aller Art entworfen , beraten ! durchgesehen und angenommen , Vorsteher gewählt und nach außen wie nach innen Rechte und Formen erklärt und gewahrt werden . Zu diesen verschiedenen Elementen kam und berührte sie gemeinschaftlich der griechische Freiheitskampf , welcher auch hier , wie überall , zum ersten Mal in der allgemeinen Ermattung die Geister wieder erweckte