Sie werden uns das nicht anthun . Ich führe Sie in die Schlafstube , ein halb Stündchen Ruhe , ich kenne ja Ihre Seelenstärke , und Sie haben sich erholt , wenn Sie uns gut sind . « » Beste Geheimräthin , « erwiderte die Lupinus , » ich erkenne Ihre himmlische Güte , aber glauben Sie mir , die Luft erdrückt mich . « » Im Speisesaal ist sie ganz anders . Es ist gedeckt . Wir warten nur auf den interessanten Fremden , den Legationsrath v. Wandel , Sie haben doch schon von ihm gehört , er ist sehr begütert in Thüringen . Mein Mann sagt , ein Mann von eminenten Gaben . Ich hatte es mir so hübsch vorgestellt , er sollte Sie zu Tisch führen . Wo konnte ich ihm eine geistreichere Nachbarin verschaffen . Er ist nur zu einer Audienz bei Prinz Louis Ferdinand ganz plötzlich beschieden , aber er muß den Augenblick hier sein . « » Ich einen Mann von Geist unterhalten ! Sie spotten meiner . Ach aber es ist nicht das . - Mein armer Mann - er sitzt noch bei der Studirlampe - ich sehe ihn wieder , verzeihen Sie , theuerste Freundin , es presst mich , es sprengt mir die Brust - ja , mir ist , als wenn jetzt ein großes Unglück zu Hause geschähe . Nicht mir , meines guten Mannes wegen verzeihen Sie die Störung . « » Es ist recht schade , daß die Frau Geheimräthin an Visionen leidet , « bemerkte die Hofräthin am Spieltisch , der man die Zufriedenheit ansah , daß die Baronin die Karten übernommen hatte . » Es ist doch mit dem Nervensystem etwas Singuläres . Und es stört mancherlei . « » C ' est le temps ! « bemerkte Bovillard , der inzwischen hinzugetreten . » Un peu mystique , un peu clair-obscur , un peu clairvoyance et un peu de vérité , voilà tout . Es ist wie mit dem Schnupfen . Man glaubt ihn los zu sein , da kommt er wieder . « » Herr Jemine , « rief die Baronin , als sie ausspielen sollte . » Ich kann ja nicht , ich habe meinem Manne seine Karten gesehen . « Das sah Jeder ein . Die Hofräthin öffnete vor Schreck den Mund , fast wie vorhin die junonische Frau . Die Partie war wirklich zerstört . Da übernahm der wirkliche Geheimrath die Karten . Er blieb der Gott des Abends . Man sprach noch nach Wochen in den Kreisen von der Liebenswürdigkeit dieses Staatsmannes . - Er ist später gestürzt ; die Hofräthin hielt fest am Glauben . Sie versicherte noch nach langen Jahren , es sei nur die schwärzeste Kabale , die einen solchen Mann stürzen können . Unten im Hausflur wartete Johann . Er zitterte noch immer . Indem er der Geheimräthin die Enveloppe umgab , ging die Hausthür auf , ein verspäteter Gast trat ein . Als er den Mantel abwarf und seinem Diener Anweisungen wegen des Abholens gab , erkannte sie in ihm den Fremden , dem sie vorhin auf der Hintertreppe begegnet war . Die Blässe seines Gesichts war durch die schwarze , seine Hoftracht nicht gemindert . Ein Mann in mittleren Jahren und stattlicher Figur , stieg er leicht mit den Bewegungen vornehmer Sicherheit die Treppe hinauf . Ein Ordensband und Kreuz schien unter der Halsbinde versteckt . Ein Band am Knopfloch deutete auf ein anderes Ehrenzeichen . Der Fremde hatte die Geheimräthin , die im Schatten der aufgehenden Thür stand , nicht gesehen . Einen Augenblick schien sie im Zweifel , ob sie nicht umkehren solle . Sie fühlte sich wieder wohl . Die frische Luft im Flur hatte wahrscheinlich gut gewirkt . Aber - es schickte sich nicht . Sie saß im Wagen . Die Thür schlug zu . Sie lehnte sich in die Ecke und - weinte . Weil es sich nicht schickte ! - Darum ? - » Und das heißt leben , « fuhr sie auf , » unter diesen langweiligen , nüchternen , abgeschmackten Puppen wandeln , sich kleiden , sprechen , die Gefühle und Gedanken zusammenhalten , damit ja nichts entschlüpft , was sich nicht schickt . Und darum leben wir ! « Der Herr Geheimrath sind noch auf , hörte sie , im Hause angelangt , aber Sie haben befohlen , es soll Sie Niemand stören , Sie sind in einer wichtigen Untersuchung . Zum ersten Mal , seit wie langer Zeit ! fühlte die Geheimräthin ein Verlangen , ihren Mann zu sehen . Er war doch etwas anders , als die Larven in der Gesellschaft . Er liebte die Menschen in seinen Büchern ; im Vergleich mit Jenen war er ein freier Mann , denn von dem Gesetz des Sichschickens , was diese tyrannisirte , hatte er sich losgemacht . Hatte er doch auch , als sie vor langen Jahren nach Italien reisten , geschwärmt , wie er es konnte , wenn nicht für Kunst und Natur , doch in dem reichen Trümmerlande für die Wege , welche Horaz geschildert , für die Ruinen , welche die Sage nach ihm nennt . Das waren nun längst vergangene Dinge . Die Geheimräthin schwärmte nicht mehr für Italien . Sie wäre einmal gern nach London oder Paris gereist ; jetzt auch vielleicht nicht mehr . Berlin war ihr unausstehlich , aber sie wusste nicht , wohin sich wünschen . Sie wollte ihren Mann sehen , irgend etwas mit ihm sprechen , was sie nicht an die Gesellschaft erinnerte . Vielleicht traf sie doch auf einen Ton , wo ihre Seelen zusammenklangen . Er sah nicht auf , als sie eintrat . Er hörte auch nicht die leis geöffnete Thüre , nicht das Rauschen ihres Kleides . Den Lichtschirm vor den Augen , die Feder im Munde , saß er zwischen zwei Folianten , in denen seine Finger als Zeichen lagen , um die Varianten in jedem Augenblick aufschlagen zu kennen , und seine Augen flogen von der einen zur andern Stelle . Sie trat näher ; auch da keine Regung . Mit unterschränkten Armen betrachtete sie ihn . - Ist das ein Mensch oder eine Pagode ? - Sie schritt langsam im Kreis um ihn , ohne sich zu sehr Mühe zu geben leis aufzutreten ; aber die mit Heu dicht unterstopfte Decke verrieth sie nicht . In einem Moment war es ihr , als ob sie auflachen müsse ; im nächsten , als müssten die Thränen ihr aus den Augen stürzen . Sollte sie ihn anreden ? Das hieße einen Nachtwandler aus seinem Traum aufrufen . Erst als sie sich wandte , um hinauszugehen , wehte er mit der Hand . Es war als ob instinktartig eine Ahnung ihn überkommen , daß ein Wesen in der Nähe sei , das ihn stören könnte . Leise hatte sie die Thür wieder zugedrückt . Durch das Flurfenster schien der Mond auf die Rumpelkammer , durch die der Weg nach ihrem Schlafzimmer führte . Die wunderlichen Ecken und Spitzen der alten Möbeln starrten sie im Mondenlicht eigenthümlich an . Es überfuhr sie ein Schauer , sie lachte , um sich Luft zu machen , hell auf . Aus den Winkelu schien es ihr zu antworten . Die Jungfer hatte die Nachtlampe in ihrer Schlafstube hingestellt . Der Geheimräthin war es zu dunkel . Sie musste die Kerzen auf dem Armleuchter anzünden . Sie war beim Entkleiden ungehalten , sie behauptete , die Jungfer verfahre mit Absicht ungeschickt . Sogar entfuhr der sanften Frau der Vorwurf : sie steche sie aus Bosheit . Die Jungfer weinte . Die Geheimräthin hielt ihr eine ernste Vorhaltung , ob das ein Grund sei , um Thränen zu vergießen ? Sie erinnerte sie an die vielen leidenden Kreaturen , denen der Schöpfer nicht einmal eine Stimme gegeben , um zu klagen . Wenn Jeder klagen wollte , was ihn drückte , ob es in der Welt vor Gewimmer und Thränen auszuhalten sei ! Die Geheimräthin fragte sie mit Würde , ob sie glaube , daß die armen Mädchen mehr litten als die vornehmen Damen , die ihre Schmerzen verhalten müssten ? Sie ermahnte sie zur Duldung , zum Gehorsam , zur Tugend , und entließ sie . Die moralische Vorhaltung schien auf die Predigerin selbst keine Rückwirkung geübt zu haben . Sie saß entkleidet an ihrem Bett , das Gesicht im Ellenbogen gestützt , und starrte in die Lichtschnuppen der Kerze . Da fiel ihr Auge , den Lichtstrahlen folgend , auf ein Spinnengewebe am Winkel der Zimmerdecke . Es war Freitag . Das Reinigungsgeschäft sollte erst am Sonnabend erfolgen . Die dicke Spinne , die sie heut nicht zum ersten Male bemerkt , lag schlafend in der Mitte des Raubnetzes , das sie ausgespannt , gesättigt und erschlafft , schien es , von dem Mordgeschäft , worauf die todten Fliegen im Netz deuteten . Die Geheimräthin stand auf und nahm den Armleuchter . Ihre Augen waren scharf , ihr Arm aber reichte nicht bis an die Decke . Ein Kitzel , die Nemesis zu spielen , überkam sie . Die Bäume im Hofe , vom Winde bewegt , schlugen gegen das Fenster . Das war doch keine warnende Stimme ! Es war ja kein Unrecht , ein solches mörderisches Ungeziefer zu vertilgen , das selbst seine Netze ausspannt zur Vertilgung seiner Mitgeschöpfe . Sie holte einen Stuhl . Auch der war zu niedrig . Sie schleppte mit Anstrengung einen Tisch heran . Warum that sie es mit angehaltenem Athem , warum bemühte sie sich , ja kein Geräusch zu machen ? Warum schlich sie auf den Zehen , da sie schon in bloßen Füßen ging ? Warum pochte ihr Herz , als sie auf den Stuhl und vom Stuhl auf den Tisch stieg ? Die Spinne regte sich nicht . Nur das Gewebe schaukelte etwas , wie eine Hängematte vom Hauch des Lichtes angeregt . Draußen rauschten wieder die Aeste . Hätten sie die Spinne geweckt , vielleicht hätte die Geheimräthin sie geschont . Was schonen ! Morgen vollbrachte es der Besen der Magd . Wer ihr ins Gesicht gesehen , wie die Augen glänzten , die Lippen sich krampfhaft verzogen ! Jetzt war ' s geschehen . Ein Knistern . Die Spinne , zusammenglühend , schien sich einmal zu krümmen , dann flackerte das Netz in leichten Flammen auf und der verkohlende Körper schwebte nieder . Die Geheimräthin schloß , krampfhaft zurückfahrend , die Augen , als sie einen heftigen Schmerz empfand . Die schief gehaltene Kerze hatte einen heißen Wachstropfen auf ihren bloßen Fuß gespritzt . Die Aeste rauschten zum dritten Mal . Es war der Grabesgesang . » Die hat ausgelitten ! Sie empfindet keinen Schmerz mehr ! Und wie leicht und schnell ! « sagte die Geheimräthin . Ihr Fuß musste ja noch morgen bei der zarten Komplexion ihres Körpers empfindlich schmerzen . Jetzt aber schmerzte er sie nicht . Sie empfand ein Wohlbehagen , das der Empfindung eines Rausches verwandt war . Sie hatte eine Kreatur , die doch zum Tod verdammt war , rascher aus der Welt geschafft , als es morgen der stumpfe Besen der gefühllosen Magd gethan hätte . Und im Schlaf ! Sie hatte ihr einen seligen Tod bereitet . Sie suchte noch mehr Spinnen ; aber im Zimmer war keine mehr zu entdecken . Dagegen hingen an den Wänden unzählige Fliegen , die der regnerische Tag hineingetrieben . Noch vorsichtiger schlich sie auf den Zehen heran , und es glückte ihr , die erste , zweite , auch eine dritte durch das schnell angehaltene Licht zu tödten . Morgen würden sie langsam , unter furchtbaren Qualen am Fliegenstock verenden ; jetzt im Lichtschein , im Taumel , waren sie einen Augenblick erwacht und verglüht . So musste auch Semele in einem Moment glückselig und todt sein , angeleuchtet von Zeus ' Lichtglanz und verbrannt von der Wonne - dachte die Geheimräthin . Aber nicht alle Fliegen wollten diesen seligen Tod sterben . Als sie der einen die Flügel angesengt , und das Insect summend aufflog , löste sich allmälig der Schwarm von den Wänden . Sie summten um das Licht , um ihren Kopf , und die Geheimräthin stand wieder athemlos in der Mitte des Zimmers , mit dem freien Arm die aufgestörten Thiere abwehrend . In dem Augenblick war ihr nicht wohl zu Muthe . Die Thiere wurden so groß und schwarz und mit feurigen Augen ; sie kamen ihr wie die Erynnien vor . In dem Augenblick wünschte sie , sie hätte nicht angefangen . Sie wollte das Licht auslöschen , sich ins Bett vergraben und die Decke über den Kopf ziehen , aber sie fürchtete sich ohne Licht . Da hörte sie die Stimme ihres Mannes , der draußen die Thüre öffnete : » Johann , ich will zu Bett gehen . « Aber Johann hörte nicht , auch nicht auf den wiederholten , verstärkten Ruf . Johann hatte sich auf ihr Geheiß zu Bett gelegt , um zu schwitzen . Es war ihr lieb , daß Johann nicht hörte ; er schlief also wahrscheinlich . » Dem thut es mehr Noth , « dachte sie , » und Lupinus kann sich selbst helfen . « Der Geheimrath schlug brummend die Thür zu , und musste sich wohl selbst geholfen haben . Sie hörte nichts mehr . Auch die Fliegen hatten sich wieder zur Ruhe begeben . Aber nach einer Weile schellte sie nach der Jungfer . Sie schellte immer stärker und die Jungfer musste aus dem Bette . Als sie ins Zimmer kam , war die Geheimräthin eigentlich in Verlegenheit . Sie wusste nicht , warum sie nach ihr verlangt . » Befehlen Frau Geheimräthin vielleicht Cremor Tartari ? Oder soll ich Kamillenthee kochen ? « » Nein , mir ist ganz wohl , « sagte die Geheimräthin . Aber im nächsten Augenblick sagte sie , morgen früh solle zum Hofrath Heym geschickt werden : » Und ganz früh . Hört Sie , Lisette . Damit Sie ihn noch zu Hause treffen . Und ich ließe ihn dringend ersuchen , mich zu besuchen , ehe er zur Prinzeß Ferdinand fährt . Die hält ihn immer so lange auf . Ja , hört Sie , es soll ihm recht dringend gemacht werden , denn ich fühle , ich werde sehr krank werden . Und er kann auch für den Johann gleich ein Recept verschreiben , die Sache muß doch endlich zu Ende kommen . « Wenn ängstliche Träume ein Zeichen der Ungesundheit sind , musste die Geheimräthin sehr krank sein . Es waren nicht mehr Fliegen und Spinnen , sondern lauter Marionetten , die ihr keine Ruhe ließen . Da kam der fieberkranke , blasse Johann und sprang mit zusammengehaltenen Beinen und fragte sie , ob es nun nicht bald mit ihm zu Ende ginge ? Dann füllte sich die Schlafstube mit der ganzen Gesellschaft vom vorigen Abend , lauter Gliederpuppen , die an Drähten vom Schornstein aus geführt wurden . Sie tanzte und das Holz klappte unangenehm . Wenn sie am Bette vorbeikamen , gähnten sie und fragten : ob es nicht bald Schlafenszeit wäre ? Gern hätte die Geheimräthin gesehen , wer den Draht führte , aber sie konnte , wie sie auch sich anstrengte , den Kopf nicht in den Schornstein zwängen , und wenn es ihr einmal gelang , schoß eine neue Figur herunter und schreckte sie zurück . Dazu klappte ihr Mann als Pantaleone immerfort durch die Stube , und hauchte sich in die Hände und sagte , ihn fröre , und wer ihn nur heiß machen könne ! Da rief eine Stimme aus dem Schornstein , deren sie sich nicht entsann , aber gehört hatte sie dieselbe schon ein Mal : Wenn ' s weiter nichts ist , man braucht ja nur alle die Puppen zu verbrennen , das giebt ein gutes Kaminfeuer . Und dann war es ihr , als ob alles um sie her verbrenne . Sie gerieth in Angst , daß sie mit verbrennen könne und hüllte sich in ihr Bette , bis eine wohlthätige Transpiration ihrer Natur zu Hülfe kam , und sie in einen tiefen , ruhigen Schlaf einhüllte , der so lange andauerte , daß sie erst aufwachte , als das freundliche Gesicht des Hofrath Heym mit den durchdringenden blauen Augen sie anschaute und er mit seiner etwas kreischenden Stimme ihr den Morgengruß bot : » Na , da leben Sie ja noch , Frau Geheimräthin ; hab ' ich doch wirklich nicht anders geglaubt , wie das Mädchen reinstürzte , als Sie wären schon maustodt . « Siebentes Kapitel . Der Staatsmann . Wir führen unsere Leser in die Wohnung und die Geschäftszimmer des vornehmen Mannes , dessen flüchtige Bekanntschaft wir in der Gesellschaft gemacht . In seinem Hause , unter seinen Untergebenen , war der wirkliche Geheimrath ein anderer Mann . Man könnte sagen , er sei um einige Zoll gewachsen ; der von den vielen huldreichen Verbeugungen gekrümmte Rücken war hier gerade geworden . Er war aber um deswillen kein großer und auch kein gerader Mann . Im Vorzimmer warteten Expectanten . Die trüben Mienen verriethen , daß nicht Jeder Hoffnung hatte , vorgelassen zu werder . Sie wandten sich an die durchpassirenden Beamten . Wie viele große Männer hätte ein Neuling da zu entdecken geglaubt , wenn sie freundlich zuhörten , sich an der Binde zupften oder die Schultern zuckten . Und doch waren es nur Schreiber und Boten . Ob einer von ihnen sich in den Winkel ziehen und zu einer vertraulicheren Verständigung hinreißen ließ , will ich nicht verrathen haben . Das Zimmer , wo der Geheimrath empfing , war geräumig , halb mit Aktentischen und Repositorien , halb mit den Bequemlichkeiten und dem Luxus eines reichen Lebens ausgestattet . Auf den Fauteuils und kleinen Tischen lagen zerstreut in elegantem Einband die neusten Werke der französischen Literatur . Am Ende des Aktentisches saß ein jüngerer Rath , in den eingegangenen Schriftstücken blätternd und sie zum Vortrag ordnend . Im entfernteren Winkel stand der Geheimrath und hatte einer Dame Audienz ertheilt , die sich sehr bescheiden in der Ecke zwischen Fenster und Hinterthür hielt . Es war eine Tapetenthür , durch welche sie auch vermuthlich der Kammerdiener eingelassen , denn nach Beendigung der Audienz schlich sie durch diese Thür hinaus . Ihre vielen Ringe , eine Garderobe , aus den kostbarsten und auffällig modernen Stücken , und der prachtvolle Shawl darum schienen ihr eher ein Anrecht aus einen Platz auf dem Sopha zu geben , wenn nicht die Haltung der sehr wohlbeleibten Frau verrathen hätte , daß die Hülle nicht recht zum Körper , oder der Körper zur Hülle sich schickte . Einem Psychologen hätte vielleicht schon ein Blick auf ihre groben Füße angezeigt , daß die feine Kleidung ihr nicht angeboren war . Wer ihr aber ins Gesicht sah , wo trotz aller Sanftmuth und Glätte die ursprüngliche Gemeinheit sich nicht verbergen konnte , begriff , warum der Geheimrath in einer Art ihr Audienz gab , wie es in der Regel auch ein noch vornehmerer Mann keiner Dame gegenüber übers Herz bringen würde . Er stand , die Hände in den Seitentaschen , halb seitswärts , halb ihr den Rücken kehrend , wodurch sie freilich Gelegenheit gewann , ihr Anliegen auf dem nächsten Wege ihm ins Ohr zu flüstern . Sie sprach leise . Er hatte mehrmals den Kopf geschüttelt . Dann sprach er , gleichfalls mit gedämpfter Stimme : » Gedulden Sie sich also bis Lombard kommt ; er kann die Sache allein arrangiren . Und bis dahin hüten Sie sich , daß keine Klage einläuft . Keinen Skandal ! In dem Fall wollen wir die Sache schon hinhalten . « Die Supplikantin verbeugte sich tief . Er klopfte ihr freundlich auf die Schultern . Sie wollte ihm die Hand küssen . Das litt er nicht . Der junge Rath las von einem Zettel den Namen der nächst zur Audienz aufgeschriebenen Person . Der Geheimrath machte eine Bewegung mit der Hand und warf sich , die Beine übereinander , aufs Sopha , ein Zeichen , daß er sich erholen wolle ; vielleicht glaubte der Vortragende darin eines für sich zu erkennen , daß Bovillard sich über die vorige Audienz auszulassen Lust hatte . » Was wollte denn die Schubitz ? « fragte er , zwischen den Papieren kramend . » Eine Eingabe von ihr ist nicht da . « » Man will sie in der Behrenstraße nicht länger dulden . Sie soll ihr Haus verlegen - in eine minder anständige Straße , « setzte der Geheimrath mit sarkastischer Miene hinzu . » Wer will denn das , wenn ich fragen darf ? « » Erinnern Sie sich , was le grand Frédéric dem alten Spalding antwortete ? Der beklagte sich auch über eine Nachbarschaft , die ihn in seinen Meditationen störte , und Friedrich schrieb nur auf den Rand des Memorials : Mon cher Spalding , ni vous ni moi .... pourquoi donc gêner d ' autres .... Unter Friedrich hätte die Behrenstraße petitioniren können , bis sie aschgrau ward . « » Auch unter - « der Rath verschluckte es , denn der Geheimrath unterbrach ihn . » Das muß man Wöllnern lassen . Er wusste christlich ein Auge zuzudrücken , wenn - es die Schwäche seines Nächsten galt . « Er betonte die letzten Worte . Der junge Rath hatte vorhin die Aufforderung zum Lächeln übersehen . Er lächelte jetzt . » Aber wer kann es sein ? « » Wer ! Wer ? Mon cher ! Haugwitz vielleicht , oder Lucchesini , Schulenburg , oder Beyme , der Cato Censorinus . Vielleicht ist auch Prinz Louis Ferdinands sittliches Gefühl beleidigt . « Der Geheimrath gefiel sich so , daß er aufstand und mehrmals durch die Stube schritt : » Ja , ja , es hat sich so manches in Preußen geändert . « » Und wird noch manches anders werden , « setzte der Rath hinzu . » Gewiß , wenn man uns in Ruhe lässt , wenn man verständig denkt und handelt ; wenn man auf die Kläffer nicht hört , wenn , wenn - was liegt noch vor , lieber Rath ? « » Herr Geheimrath ließen gestern fallen , daß Ihnen eine Notiz im Hamburger Unpartheiischen , bezüglich auf Lombards Depesche , nicht unangenehm wäre . Wir wurden unterbrochen . Meine Feder und mein Wille stehen zu ihrer Disposition . « Bovillard setzte sich halb auf den Tisch , indem er vertraulich den Arm auf die Schulter des Rathes legte ; die Runzeln seines Gesichtes verzogen sich in ein wohlgefälliges Lächeln : » Mich hat seit lange kein Brief so erquickt ! « » Lombard muß Wichtiges berichtet haben , « bemerkte der Beamte . » Nach den Aeußerungen des Herrn Geheimraths gestern zu mehreren Geschäftsmännern herrscht unter den Kaufleuten eine sehr frohe Stimmung . « » Dürfte ich Ihnen den Brief zeigen ! Bonaparte hat ihn empfangen nicht wie einen Abgesandten , sondern wie einen alten lieben Bekannten , den er endlich von Angesicht zu Angesicht sieht . Er saß auf dem Sopha und las . Was denken Sie ? Den Ossian . Nachdem er Lombard die Hand gereicht , recitirte er ihm eine Stelle voll der tiefsten Empfindung für Menschenwohl . Er fragte ihn , ob er Ossians Gefühle theile ? Lombard war nicht ganz vertraut , da las er ihm selbst die Scene vor , wo Malvine im Mondenschein über das Schlachtfeld eilt , und süße Betrachtungen ausgießt darüber , daß Mord und Schlachten die Geschicke der Menschheit reguliren . Bonaparte schlug das Buch zu und wandte sich schnell ab , um seine eigene Bewegung zu verbergen . Und diesen Mann gefallen sich unsere Fanatiker einen Blutmenschen zu nennen ! Wer gebietet der Parteienwuth ! Das warf auch Bonaparte im Gespräch hin . Sire , erwiderte Lombard , Europa kennt den Sieger des 18ten Brumaire . Der Kaiser schüttelte mit gesenktem Blick den Kopf : Ach , das war für die Straßen von Paris , für Frankreich vielleicht , aber der Genius muß noch geboren werden , der Europa wieder in seine Fugen richtet . Lombard citirte eine Stelle aus einer Schrift des jungen Ancillon . Napoleon schien sie zu kennen , aber mit einem schlauen Augenaufschlag fiel er ein : Mich dünkt , der Sinn ist weit schlagender in den Worten ausgedrückt , - Und was citirte er ? Eine Stelle aus einem von Lombards Traité ' s « » Sollte Bonaparte Lombards Schriften gelesen haben ? « rief der junge Rath mit einem ungläubigen Lächeln . » Dieselbe Frage stellte Lombard , natürlich nur mit andern Worten , und sein Gesicht mag auch dabei geglänzt haben , denn , wir wollen es nicht leugnen , er ist etwas eitel . Eitel sind wir Alle , lieber Fuchsius . Napoleon sah ihn mit seinen schönen klugen Augen vielsagend an , und griff dann nach einem Buche , das neben ihm auf dem Tische lag . Es war Pariser Druck und Band , Sie werden es sehen . Kaum , daß er darin geblättert , schlug er eine Seite auf und reichte sie dem Gesandten . Es war Lombards Dictum . Unverdiente Ehre , wenn mich ein französischer Schrifsteller citirt hat . - Sie sind es ja selbst , lächelte Napoleon und wies ihn auf den Titel . Kurzum , es waren Lombards Traité ' s , in einer Pariser Ausgabe , prachtvoll gedruckt . Und mit einem Wort , es kam heraus : Der Kaiser hat Lombards Abhandlungen , weil sie ihm so sehr zusagen , in einer Prachtausgabe für sich und seine vertrauten Freunde drucken lassen . Napoleon Bonaparte , sage ich Ihnen , der Genius des Jahrhunderts , kann sich von Lombards Schriften nicht trennen , er führt sie mit sich in seinem Feld-Necessaire , er blättert täglich , er findet Zerstreuung , Erholung , Erquickung darin , wenn die Sorgen ihn drücken . Mit französischer Artigkeit bat er ihn um Entschuldigung wegen des Nachdrucks , den er in seinem Reiche streng bestrafen würde , denn jeder Arbeiter müsse die Früchte seiner Arbeit genießen können . Aber die deutsche Typographie sei noch so weit zurück , es thue seinen Augen wehe , einen schönen Gedanken grob auf deutschem Papier zu sehen . Ach , fügte er hinzu , was könnte aus Deutschland , ich meine aus Ihrem Preußen werden , wenn ein Genius die Industrie belebte ! Lombard erwiderte in galanter Weise die Artigkeit : er fühle sich in seinem Interesse durch den Nachdruck so lädirt , daß er auf eine große Entschädigung Anspruch mache . Er fordere nicht weniger als das Exemplar , welches durch des Kaisers Hand geweiht sei . Ich gebe es ungern , es ist mir lieb geworden , sagte der Kaiser , aber Sie sind im Recht , und nun ist es nicht mehr meines . Er hatte rasch seinen Namen mit einer verbindlichen Zeile hinein geschrieben . « Der Geheimrath war nach dem verschlossenen Schrank geeilt , von wo er einen in saubere Hüllen verschlossenen Band holte , und auf dem Tische enthüllte : » Lombard hat ihn voraus geschickt . Doch das ist nur für uns . Um Himmels Willen davon keine Mittheilungen . - Da ist sein Name . Schöne , feste Züge , der Charakter des Genius . Ex ungue leonem . - Hier ist auch mein Bericht , den Lombard die Güte hatte in seinem Traité aufzunehmen , mit abgedruckt . « Der Geheimrath umhüllte das Buch wieder mit einer Geschickslichkeit , die einem Buchbinder Ehre gemacht , und stellte es auf einen Ort zurück : » Was sagen Sie nun . Ist der Mann , wie seine enragirten Feinde ihn uns darstellen wollen ? « » Das sind allerdings überraschende Kombinationen . « » Sie haben an eine Atrappe gedacht . Sehen Sie , wie Sie sich durch Ihr Vorurtheil täuschen ließen . Ueberhaupt , da war nichts Affektirtes in Bonaparte ' s Benehmen , nichts von der Herablassung eines Emporkömmlings . Er verhandelte mit unserm Freunde wie der Gleiche mit dem Gleichen . Lombard wollte diplomatisch Schritt um Schritt mit seinen Missionen herausrücken . Napoleon unterbrach ihn rasch : Ich bin Frankreich , die Welt fängt an es zu erkennen , und Sie sind Preußen , die Welt erkennt es noch nicht , aber ich . Ueberlassen wir doch das Anderen , sich untereinander zu täuschen , setzte er mit dem durchdringend freundlichen Blicke hinzu . - Das bleibt natürlich unter uns , und Lombard that natürlich das Seinige , dagegen zu protestiren und auf seine untergeordnete Stellung zu weisen . - Wie Sie wollen , sagte Napoleon lächelnd , ich nehme die Menschen wie sie sind , respektire aber auch den Schein , den sie hervorzukehren für nöthig halten . - Und nun floß das Gespräch anmuthig hin , wie zwischen Zweien , die , wie Schiller sagt , auf der Menschheit Höhen stehen , und parteilos und affektlos das Getriebe tief unter sich betrachten . « » Und bei dem Gespräche blieb es ? « » Lombard kann nicht genug sein Entzücken über den reichen Geist ausdrücken . Er schüttete seine Anschauungen über die Weltverhältnisse wie eine Fee aus ihrem Füllhorn . Unser Freund sagt , er hat in dieser einen Stunde viel gelernt . « » Dazu ward er indeß nicht hingeschickt . - Und noch gar keine positiven Resultate ? « » Wir können ganz beruhigt sein . Bonaparte hegt eine Achtung vor Preußen , die mich wirklich überrascht hat . Wenn er von Friedrich spricht - nun das versteht sich von einem Genius , wie seiner von selbst . Er malte seine Schlachten ; als er die von Hochkirch schilderte , gerieth er in eine wahre Begeisterung : Die gewonnenen Schlachten wolle er dem großen Todten lassen , rief er aus , aber er