selbst besitzen . Eine Landpartie Sonntags ist dem Handwerksmann eine so große Freude , wie dir vielleicht eine Einladung beim Prinzen Ottokar sein würde . Doch lassen wir jetzt unsere socialen Betrachtungen und besprechen wir ernstere Dinge . Weißt du , bester Bruder - Nichts weiter ! unterbrach ihn Siegbert , ehe du nicht die Hauptsache berichtet hast : wie geht ' s der Mutter ? Sie ist wohl , sagte Dankmar und schenkte die Gläser voll . Wohlan ! Das geht voran ! Die Mutter lebe hoch ! Die Brüder stießen an . Die großen braunen Methgläser wollten nicht recht klingen . Der Wirth zum Pelikan schien keinen Wein zu führen . Doch war das Bier schmackhaft und ließ sich trinken . Und nun , Bruder , fuhr Dankmar fort , höre mir zu ! Es ist eine feierliche Stunde ! Ich bin begierig , welche Narrheit du auf dem Tapet hast , ergänzte Siegbert , während Dankmar sich räusperte und also begann : Siegbert Wildungen , älterer Bruder des sehr ehrenwerthen Dankmar Wildungen , malendes Vorbild eines malerischen Referendars ! Es kann dir nicht unbekannt sein , daß sich die Geschichte unsers Hauses in die ältesten Sagen der Vorzeit verliert . Ich will nicht untersuchen , ob sich schon unter den Rittern der Tafelrunde ein Wildungen durch seinen Durst - ich meine nach Abenteuern -auszeichnete ; soviel ist gewiß , daß am Hofe Karl ' s des Großen ... Theuerster Bruder , fiel Siegbert ein , sparen wir unsere Genealogie für lange Winterabende . Der Apfelbaum und die Johannisbeerhecken lachen uns aus , daß wir bei ihrem Duft in solchem alten Moder stöbern . Johannisbeerhecken ? fragte Dankmar und nahm dabei eine wichtige Miene an . Johannisbeerhecken ? Oder Stachelbeeren ! Was scheidet uns da von den freundlichen Gärten der Nachbarschaft ? Der Bach und die Hecken - ? Johannisbeerhecken ! In der That ! wiederholte Dankmar hinüberblickend . Seit ich in Angerode meine Entdeckungen gemacht habe , stutz ' ich bei Allem , was an Johannes , gleichviel ob den Täufer oder den Apostel , erinnert . Bist du Freimaurer geworden ? fragte Siegbert staunend . Gewissermaßen , ja ! sagte Dankmar . Ich war so frei , in Angerode zu mauern , Wände zu durchbrechen und Johannisbeeren , ... sieh , sieh , in welchem Zusammenhange könnten wol diese Beeren mit einem der beiden Johannes stehen ? Warum nennt man überhaupt diese Beeren Johannesbeeren ? Ohne Zweifel hat sie der Täufer Johannes in der Wüste gegessen , erklärte Siegbert . Oder ... weil sie um Johannis reif sind - fiel Dankmar ein . Schade , daß meine Auslegung prosaischer ist ! Ich glaube , du bist närrisch , erwiderte Siegbert , ein wenig ärgerlich über den Humor des Bruders , der heute nicht ganz in seine Stimmung passen wollte . Genug , lieber Bruder , Johannisbeeren oder Stachelbeeren , fuhr Dankmar fort , soviel ist richtig , daß du selbst sehr eitel auf den alten Ursprung unserer Familie bist ; denn auf deinem Molay hast du einen deutschen Tempelritter angebracht , der mit dem französischen Heermeister des Ordens stirbt , in deinen Flammen , die wunderschön gemalt , aber in dieser Weise historisch nicht motivirt sind . Das that ich aus gutem Bedacht , antwortete Siegbert ; denn ein Hugo von Wildungen war der Ahn unsers früher adeligen Hauses , und wenn nicht Templer , doch Johanniterherr der deutschen Zunge in einem ehemaligen thüringischen Tempelhause . Und Gott segne diesen Hugo von Wildungen ! fiel Dankmar mit Lebhaftigkeit ein . Er hat dir den anachronistischen Frevel , ihn zweihundert Jahre vor seinem in Rom erfolgten Tode schon in Paris verbrennen zu lassen , aus Anerkennung deiner dabei gehegten guten verwandtschaftlichen Absicht gnädiglich verziehen . Denn wenn ich in Halle und Berlin mein Öl nur einigermaßen nicht ganz verloren habe - oleum perdere , lieber Bruder , eine schöne lateinische Redensart für : seine Collegiengelder zum Fenster hinauswerfen - , so werden wir mit Hülfe dieses von dir verbrannten Hugo von Wildungen vielleicht Besitzer einer kleinen , runden , gemüthlichen Million . Siegbert konnte über diese Bemerkung nicht lachen ; denn Dankmar sprach sie mit einem solchen Ernste , das Blut schoß ihm dabei so in die Wangen , der Eifer trieb ihn so convulsivisch vom Tisch empor , daß er im ersten Augenblicke glaubte , sein sonst so nüchterner , nur im Praktischen lebender Dankmar wäre von einer fixen Idee befallen . Du staunst ? fuhr Dankmar fort . Aber ohne einen triftigen Grund habe ich keine so wahnsinnige Eile gehabt , dich zu sprechen . Ohne einen solchen Sporn hätt ' ich keine Sporen angeschnallt und mich auf einen jetzt vielleicht mit dreißig oder funfzig Thalern Verlust gemietheten Lasally ' schen Fuchs gesetzt . Da mußte etwas vorgefallen sein , Herz , was sich der Mühe verlohnte , den Hals zu brechen ; denn ich hatte die Absicht , dich aufzusuchen , wo du nur zu finden wärst , und nur dieser rothhaarige Proletarier , diese Kathrine Peters und die Johannisbeeren des Pelikans haben mich verhindert , dir Das sogleich mit der gehörigen Feierlichkeit anzukündigen , was mir seit fünf Tagen wie glühendes Feuer im Munde flammt . Siegbert , erstaunend über die Aufregung des Bruders , konnte nichts als , alle Gegenrede vermeidend , ihn bitten , deutlicher zu werden und in Ruhe zu erzählen , was er ihm anzuvertrauen hätte . Wohlan ! Du bist von Thaldüren und dem angeroder Lyceum zur Akademie gegangen , fuhr Dankmar , sich wieder setzend , fort , ich zur Universität : wir haben in Angerode , aber nicht im Pfarrhause gewohnt , wo der Vater uns allzu früh starb . Seine frommen Collegen gönnten ihm nicht , da zu wohnen , wo er sterben sollte : denn es war bekannt , daß er sich gern des alten Ursprungs unserer Familie rühmte und von der Pfarrwohnung in Angerode , dem ehemaligen Profeßhause der thüringischen Tempelherren , im Scherz wie von einem Stammsitz seiner Familie sprach . Bei dem kurzen Besuche , den du gerade beim Tode des Vaters in Angerode machtest , wirst du dich des alten verfallenen Nebengebäudes an dem Tempelhause erinnern - Das ganze Gebäude , ergänzte Siegbert , regte mich immer auf ' s lebendigste an . Das Tempelhaus zu Angerode ist einer der schönsten Reste des Mittelalters . Die herrliche Façade mit den symmetrisch geordneten Doppelfenstern , deren zwei immer ein Spitzbogen vereinigt , die beiden Giebel , ganz erinnernd an das alte , restaurirte Haus des Martin Behaim in Nürnberg , und selbst der Anbau , den man nicht zur Pfarrwohnung geschlagen hatte , obgleich verfallen und in gedrücktern Formen gehalten , doch gar lauschig und traulich . Dieser Anbau gehörte so unzweifelhaft zu dem Ensemble dieser ehrwürdigen alten Niederlassung , daß ich mich freute , zu hören , wie nun auch diese Räume bestimmt sind , mit der Wohnung des künftigen Oberpfarrers und dem Schulhause verbunden zu werden . Und gerade in dem Augenblicke , ergänzte Dankmar , wo diese Übergabe erfolgte , kam ich nach Angerode . Man wollte der Mutter erst ihren einjährigen Witwensitz im Hause streitig machen , es wurde mir leicht , ihr Recht bei der Stadt durchzuführen . Schwieriger war es , ihr auch die Nutznießung des Anbaus zu sichern . Sie selbst verzichtete darauf . Du weißt , wie wenig sie bedarf . Aber ich wollte vom Rechte nichts vergeben sehen und bestand darauf , daß ihr auch diese jetzt freien Räume zur Verfügung gestellt wurden . Es war das Archiv und die Bibliothek des ehemaligen Tempelhauses , spätern Johanniterhofes . Das war ein Hetzen mit den Gerbern und Seifensiedern der Stadt ! Die Einen wollten in dem alten Gemäuer ihre Felle aufbewahren , die Andern ihre Lichtdochte . Auch die Regierung kam und reclamirte den Ort zum Besten der wollenen Socken und leinenen Kostbeutel des Militairs . Aber ich trat als Advocat auf . Ich sagte ihnen : Diese Stadt Angerode hatte einst die Ehre , der Sitz eines reichen und mächtigen geistlichen Ritterhofes zu sein . Der Orden hat die Wohlfahrt der Stadt begründet . Als er in Folge der Reformation sich auflöste , wurde bestimmt , daß seine sämmtlichen Besitzthümer in Angerode an die Pfarrei der St.-Johanniskirche übergingen . Mit dem Tempelhause selbst geschah Dies . Eure Pfarrer konnten in den kalten großen Räumen mit den steinernen Fußböden , die nur für Ritter bestimmt waren , alle eines frühen Todes an Gicht und Rheumatismus sterben , aber den Anbau nahmt ihr zu diesem und jenem profanen Zwecke . Aus dem alten Archiv und der Bibliothek machtet Ihr das Unwürdigste ! Gott sei Dank ! Jetzt ist der Fleisch- und Mehloctroi daraus vertrieben , denn Ihr Angeroder habt dem Staat den Mehl- und Schlachtzins durch directe Steuern abgekauft . Nun falle dieser Raum an Die , denen er gehört , an Eure Seelsorger oder deren Witwen ! So sprach ich und ich hätt ' es doch ohne Proceß nicht durchgebracht , wenn sich nicht politische Freunde gefunden hätten , die die Sache ordentlich nach einem Princip auffaßten . Wie Das möglich war , weiß ich noch bis zur Stunde nicht ; aber die Anbaufrage wurde Tendenzfrage , man machte einen Antrag bei den Stadtverordneten , und weil man Aufregung bei dem jüngern Theile der Bevölkerung und der mir rasch zugethanen arbeitenden Classe fürchtete , so hatten wir die Majorität , und die neuen Gelasse fielen nicht an die reichen Gerber und Seifensieder , nicht an die Regierung , sondern an die Geistlichkeit und deren Angehörige . Eine seltene Ausnahme in diesen Tagen , bemerkte Siegbert , wo dieser Stand eher herauszugeben als zu gewinnen gewohnt ist . Der Stand that da nichts , fuhr Dankmar fort , das Recht und meine Popularität entschied . Den alten angeroder Lyceisten kannten Alle , feierten Alle . Das Gefühl , mit dem die große eisenbeschlagene Eichenthür , die von unserm Schlafzimmer in den Anbau führt , von mir feierlich geöffnet wurde , entlockte der Mutter einen unwillkürlichen Seufzer , denn gerade da hatte das Sterbebett des Vaters gestanden . Da war er in deinen Armen gestorben , Siegbert , du kennst die Stelle . Die Thür krachte in ihren Angeln . Seit drei Jahrhunderten war sie nicht geöffnet worden . Der alte verrostete Schlüssel lag so lange auf dem Rathhause ! Ein Schlosser hatte einen ganzen Tag daran zu putzen , ihn nur einigermaßen wieder brauchbar zu machen . Der Gewinn an Räumlichkeiten war nicht gering , aber da sie im verwildertsten Zustande sich fanden , konnte man sie jetzt schon zur Wohnung unmöglich herüberziehen . Da lagen die Acten der Mahl- und Schlachtsteuerschreiberei in Haufen aufgethürmt . Eine Auction erst entfernte sie . Von der Verbindungsthür stieg man einige Stufen hernieder und befand sich dann auf einem Gange , der mit Bildern alter Heiligen geschmückt war . Ob Boisserée daraus etwas herausfinden würde , was abgewaschen und mit Lack frisch überzogen an einen König von Baiern als altdeutsche Schule sich verkaufen ließe , weiß ich nicht . Dünnbeinig genug sahen die Kriegsknechte und die heiligen drei Könige vom Morgenlande aus , die man da auf Holz geklext hatte - Still ! Still , Dankmar ! Deine Frivolität wird bestraft , unterbrach Siegbert den Bruder , Kathrine hemmt deinen Redefluß und zwingt dir eine unwillkürliche Pause auf . Dankmar sah sich um . Kathrine brachte den Salat und ihr schnittlauchduftendes Backwerk . Selbstzufrieden trug sie das gelbe Erzeugniß ihrer Kunst . Die süßesten Kindheitserinnerungen gingen den Brüdern auf . Siegbert hätte sie gern gleich ausgesprochen , aber Kathrine fiel ihm ins Wort und sagte plötzlich mit trauriger Stimme : Eigentlich sollt ' ich gar nicht vergnügt sein , Sie so bedienen zu können . Lieber Gott , es vergeht doch kein Tag , wo nicht was Schlimmes kommt ! Auf eine Freude immer zehn mal ein Unglück . Was ist denn , Kathrine ? fragten die Brüder theilnehmend , schnitten aber schon tapfer ihr Gebäck in gleiche Theile . Da fährt ja eben , sagte sie klagend , der Fuhrmann von Quedlinburg vorüber - er spannt im Engel aus - und erzählt mir ein Unglück mit meinem Peters . Das wäre ! sprang Dankmar auf und seine Züge verfärbten sich . Nein , nein , sagte Kathrine beruhigend , es ist weiter nichts , als die Achse hat er gebrochen - Die Achse ? Und seine Ladung - Mein Schrein ? rief Dankmar . Ist Alles , wie es sein soll ; beruhigte ihn Kathrine ; aber so niedergeschlagen , sagt der Fuhrmann , ist mein Mann , so rabiat hätt ' er ihn angetroffen , als wenn er seine ganze Fracht verloren hätte . Das wäre mir schön ! bemerkte Dankmar , sich nur mit Mühe sammelnd und auf dem Rasen hin und hergehend . In Hohenberg ist ' s ihm passirt ! berichtete Kathrine weiter . Wie ? Das wird er wol erzählen . Er muß in einer Stunde eintreffen , so lange hat ' s gedauert , bis das Rad wieder hergestellt war . Aber woher kommt ' s ? Von den schlechten Wegen . Seit die Eisenbahnen sind , geschieht nichts mehr für die Landstraßen , und doch muß man ' s segnen , daß es noch Gegenden gibt , wo der Gottseibeiuns selbst nicht mit Feuer und Dampf über die Wiese fährt . Schlimme Zeit ! Aber jetzt lassen Sie ' s sich ' s schmecken und sowie er sich auf der Chaussee blicken läßt , meld ' ich ' s an . Freude ist nicht viel an der Fahrt , wenn ein Fuhrmann auf eigene Rechnung fährt und ihm ' s Rad bricht . Damit ging sie . Aber Dankmar hatte eine unbeschreibliche Unruhe . Das Essen mundete ihm nicht . Ich hätte den Schrein nicht von mir geben sollen ! rief er einmal über das andere und rannte dabei auf und ab . Aber beruhige dich doch nur mit deinem Schrein , sagte Siegbert . Ist denn das die Bundeslade selbst ? Du hörst ja , daß sie da ist - Ehe ich sie nicht sehe , mit Händen greife , habe ich keine Ruhe mehr - Siegbert mußte lachen und meinte : In meinem Leben hab ' ich nicht gesehen , Dankmar , daß dich etwas so ernst stimmen kann wie dieser Schrein . Was hat es denn mit diesem Heiligthume ? Man möchte glauben , es enthielte das goldne Vließ und käme direct aus Kolchis . Siegbert , sagte Dankmar , seit einer merkwürdigen Nacht , die ich in dem Anbau des Tempelhauses zubrachte , ist mir nichts mehr so wichtig wie dieser Schrank ... Den du hoffentlich aus dem Eigenthum der Stadt Angerode nicht mitgenommen hast ... ? Allerdings hab ' ich Das . Dieser Schrank enthält Schriften , die sich lediglich nur auf uns und unsere Familie beziehen - Fingirte Memoiren des Johannesritters Hugo von Wildungen , sagte Siegbert lachend , deine ersten schriftstellerischen Versuche im Geschmack der Bernsteinhexe oder der schlesischen Sybille , die man so lange für echt bewunderte , bis sich entdeckte , daß irgend ein ruhmsüchtiger pommerscher Landpastor oder ein gelangweilter schlesischer Stadtschreiber diese Märchen erfunden hat ! Spotte nicht ! sagte Dankmar , in drei Jahren werden wir anders sprechen . Sich setzend und ohne viel Appetit seinem Abendimbiß mäßig zusprechend , fuhr er nun in seinen Mittheilungen fort und erzählte dem erstaunenden Bruder die Entdeckung von Thatsachen , die in das Leben dieser beiden jungen Männer merkwürdig genug eingreifen und auch uns im Laufe dieser Erzählung mannichfach beschäftigen sollen , wenn wir auch gestehen , daß die Brüder selbst ohne Dankmar ' s Traum von einer Million beneidenswerth waren . Sie hatten Geist , Herz , Talent , jede Anwartschaft auf eine glückliche Zukunft . Ihren reichsten Schatz aber kannten sie nicht einmal . Es war dies die goldene poetische Jugend , die Jugend mit dem Zauberstabe , der Quellen aus Felsen schlägt , luftige Paläste in den Wolken bewohnbar macht und jeden schon am Gemüthe prickelnden Schmerz , jede kleine schon am Herzen nagende Täuschung mit dem Troste heilt : Du bist jung ! Noch gehört dir das ganze Leben , noch gehört dir die ganze Welt ! Viertes Capitel Der Schrein im Tempelhause Eines Abends , erzählte Dankmar , lockte mich der Ton der Orgel in der Johanniskirche , deren Sacristei mit dem Tempelhause durch jenen Anbau verbunden war , in den größern Saal , in welchem einst die jetzt verschwundene Bibliothek des Ordens stand , und die kleinern Nebengemächer , wo sich sein Archiv befunden haben soll . Es war eine gewisse Ordnung in das Häuschen gekommen . Die alten geistlosen Schreibereien über Rinder und Mehl waren entfernt , das Erdgeschoß war vom Schmuz , das obere Stockwerk vom Staube gereinigt . Unten sollte eine Waschküche angelegt werden , ein Trockenplatz für den Winter , oben der kleine Saal , einfach gewölbt , und die Nebenzimmer trocken und warm , standen unserer Benutzung anheimgegeben als Wohnzimmer . Es wäre in ihnen traulicher zu hausen gewesen als in den hohen Zimmern des großen Prunkgebäudes nebenan . Die Orgeltöne in der Johanniskirche kamen von einem jungen Schullehrer , der sich zum nächsten Sonntagsgottesdienste übte . Es war mir eine eigene Empfindung , wenn ich zurückdachte an die frühere Bestimmung dieses ganzen alten Tempelhofes . Man hat noch viel zu wenig über den Zweck , die Bedeutung und die Schicksale dieser alten Ritterorden nachgedacht . Ihr Ursprung ist märchenhaft und dunkel , ihr Ende sicherlich nicht so , wie es erzählt wird und gleichsam zu Protokoll gegeben ist . Wer kennt die geheimen Fäden , die aus den Bauten der Indier herüberreichen in den Tempel Salomon ' s und das Grab des Erlösers , das die Tempelritter hüteten ? Wer weist nach , welche noch geheimern Fäden sich von ihnen bis in die neuere Gesellschaft ziehen , während wir jetzt schon wissen , daß vielleicht die Freimaurer , trotz alles Leugnens der Forscher , das Geheimniß der Tempelweihe in sich aufnahmen ! Diese geistlichen Ritterorden standen zwischen den Weltlichen und zwischen den Geistlichen in der Mitte , vom Papste und den Königen zugleich geehrt und zugleich verfolgt und immer ehrwürdig durch sich selbst , durch ihre Entsagung , durch ihre Tapferkeit . Sie retteten die Weltlichkeit vor allzu gedankenloser und unheiliger geistiger Richtung , sie retteten den geistlichen Stand vor allzu mönchischer Verdummung und thatenloser Beschaulichkeit . Das Schwert war ihre Inful , der Mantel mit dem Kreuze ihr Pallium . Laß mich ' s dir sagen , Bruder , heute zum ersten male in Worten , die meiner stillen Bewunderung ein lautes Zeugniß geben , daß dein herrliches Bild , der Feuertod Jakob ' s von Molay , auch mich tiefinnig ergriffen hat . Ich habe dir bisher nur in lauer Weise , scherzend fast , darüber gesprochen , weil du weißt , wie ich dich verehre , und wie Alles , was von deiner Künstlerhand kommt , mir schon von selbst sich anpreist . Aber ich sehe ein , daß Diejenigen wenig verstehen , mit schaffenden Genien umzugehen , die nicht Alles und Jedes , was diesen entstammt , immer wieder neu begrüßen , neu anerkennen . Nichts kann im Künstler eine bloße Fortsetzung seiner einmal aufgezogenen Thätigkeit sein . Jeder Gedanke , den er verkörpert , entspringt aus einer neuen Offenbarung seines Geistes , die heute durch die Luft , morgen durch Feuer und Wasser zu ihm spricht . Vergib mir , daß ich dir erst heute so theilnehmend und hingegeben von deinem Werke rede ! Dankmar ! sagte Siegbert tief gerührt und ergriffen . Eine Thräne stand ihm im Auge , er faßte zitternd des Bruders Hand , die dieser an sich zog und ans Herz drückte . Dankmar ! Du bist gut ! war Alles , was Siegbert sagen konnte . Ja , fuhr Dankmar begeistert fort , die Prophezeiung , die man dir und dem so früh sich verrathenden Genius des Knaben stellte , erfüllt sich doch wunderbar . Erlebte Das der Vater , der so früh auf unsere Gaben lauschte , und in mir nur den kalten Verstand des Advocaten , in dir die Wärme und das Talent des Künstlers entdeckte ! Hat er uns nicht gepflegt wie zarte Pflanzen , geschützt vor rauhem Sturme der Sorge ; hat er nicht selbst gedarbt , um uns den Weg des Glücks zu bahnen ? Auch Dankmar ' s Augen zitterten . Auch ihm feuchteten sie sich . Seine Nerven schienen erregter als sonst . Es mußte mit dieser starken , metallenen Natur wirklich eine gewaltige Erschütterung vorgefallen sein , daß sie einmal so ihre gewöhnliche Weise von sich warf . Doch war es nur ein Augenblick . Während Siegbert seinen Gefühlen der Erinnerung an einen sorgsamen , liebenden , zu früh dahingegangenen Vater freien Raum ließ , fuhr Dankmar , schon wieder gesammelt , fort : Alles Das bewegte mich in dem Bibliothekzimmer der Tempelherren beim Klange der Orgel aus der St.-Johanniskirche. An die kahlen Wände zauberte ich mir dein Bild . In dem dunkeln , von den Flammen rembrandtisch erhellten Vorgrunde , das Antlitz König Philipp ' s des Schönen , der am Vorsprung eines Fensters es wagte , dem Tode der Opfer seiner Habgier beizuwohnen , neben ihm der Legat des Papstes , der seinem noch zögernden und vielleicht nicht ganz erstickten Ehrgefühl den Muth zuzusprechen scheint , diese Hinrichtung deshalb zu wagen , weil die Tempelherren falsche Götzen anbeteten und gotteslästerliche Ceremonien übten ! Auf hundert Schritte von diesen beiden Köpfen , neben denen sich im Vorgrunde eine Reihe anderer mit dem gemischtesten Ausdrucke und in wunderherrlicher Flammenbeleuchtung hinzieht , der edle Ordensmeister auf dem Holzstoße , hinter und neben ihm einige andere dem Tode geweihte Ritter , alle von den Flammen umzüngelt und glücklicherweise im Rauche schon erstickend , ehe sie noch das grausame Feuer erreicht . Die weißen Ordensmäntel mit den eingestickten Kreuzen wehen schon angesengt und halb verbrannt im Winde . Hier und da sieht man unter ihnen noch einen geschuppten Waffenrock und auf der Brust das Wappen der Ritter , wozu du bei einem , der dem Vater ähnlich sieht , unser altes Wappen nahmst und dir darunter Hugo von Wildungen dachtest . Über dem Ganzen aber im Wiederschein des Qualms und der Flammen gegen den reinen Äther schwebt eine wie zufällig aufflatternde Taube , die so majestätisch in dem feurigen Lichte schwebt , daß sie Jeder für das Symbol des siegreich aufsteigenden heiligen Geistes erkennen wird . Ich entlehnte , fiel Siegbert lächelnd über des Bruders Beschreibung seines Bildes ein , ich entlehnte diesen Gedanken der Sage vom Feuertode des Johann Huß . Gleichviel , fuhr Dankmar fort ; auch von diesem Aschenhaufen des Jahres 1314 stieg die Taube der Unschuld , das Symbol der Liebe empor , wenn auch vielleicht noch nicht das der Gedankenfreiheit , in dem ich mir lieber einen Adler mit trotzig ausgebreiteten Schwingen denken möchte . Der in Frankreich , Italien und England aus Habsucht verfolgte Orden erhielt sich längere Zeit in Deutschland , wo ihn , wie manchen andern bessern Gedanken , gerade die Zerrissenheit des Staats zu retten schien . Ein Fürst gönnte des Ordens Besitzthümer dem Andern nicht und so wäre er vielleicht von allen verschont geblieben , wenn ihn eine Bulle des Papstes nicht gezwungen hätte , ein Nebenzweig des Johanniterordens zu werden . Auch im Harze hatte der Orden Tempelhöfe , und sandte von ihnen Ritter aus , die für das Grab des Erlösers in Syrien kämpften . Als die Tempelherren Johanniter wurden , kämpften sie auf Rhodus und Malta . Andere standen im Dienste der Republiken Venedig und Genua , immer um gegen die Ungläubigen und für die Wiedereroberung des heiligen Grabes zu fechten . Sie gewannen dabei kostbare Schätze , die jedoch nicht ihnen , sondern dem Orden gehörten . So hatte Hugo von Wildungen dem in einen Johanniterhof verwandelten Tempelhause von Angerode die uneigennützigsten Dienste geleistet , als die Reformation sich im Harz ausbreitete , die Klöster entvölkerte und auch die Ritterorden auflösend ergriff . Noch wurde im Schooße des erschütterten Ordens die Partei , die am Papste festhielt , von dem katholischen Fanatiker Heinrich von Braunschweig geschützt . Noch fielen die Anhänger der Reformation am Fuße des Harzes auf dem Blutgerüst oder schmachteten in Heinrich ' s und Georg ' s von Sachsen tiefsten Kerkern . Aber der Geist der Zeit unterstützte alles Das nicht mehr , was nur noch durch die Schärfe des Schwertes behauptet werden konnte . Auch der Johanniterhof von Angerode rüstete sich zum protestantischen Glauben überzugehen , und wandte bereits den Ertrag seiner Reichthümer dem zum Orden gehörenden Adel als in seiner Familie erbliche Besitzthümer zu . Dagegen trat jedoch Hugo von Wildungen auf , er , der Einzige , der katholisch blieb , er , der es noch da zu bleiben wagte , als auf Heinrich und Georg Regenten folgten , die der Reformation huldigten . Nach der Schlacht von Mühlberg , als die deutschen Fürsten in Halle vor Karl dem Fünften knieeten und er ihnen zur Beruhigung zurief : » Nicht Kopf abe ! « bestätigte der Kaiser feierlich den St.-Johannesritter Hugo von Wildungen als Comthur und alleinigen Vertreter der Rechte des katholisch gebliebenen Johanniterhofes von Angerode . Mit dem Heere des Kaisers aber zog auch seine Macht ab . Die abtrünnigen Ritter ließen sich von einem Papier aus ihrem Raube nicht verdrängen und Hugo von Wildungen mußte weichen . Um ihm aber , den Alle achteten , einen Beweis der Verehrung zu geben , um ferner das Beispiel zu beschönigen , das sie selbst von eigenmächtiger Habsucht durch Aneignung der Güter des alten Tempelhofes gaben , setzten die übergetretenen Ritter ihrem katholischen Meister , der erst nach Baiern , dann nach Rom und Malta auswanderte , die letzten Häuser und Liegenschaften des Ordens aus , die sie noch in großen Städten , unter Anderm auch in der jetzigen Landeshauptstadt , besaßen . Die förmlich darüber aufgesetzte Urkunde schickte jedoch Hugo aus Venedig zurück , weil er erklärte , es einem Fluche gleichachten zu müssen , vom Gute des Ordens für sich zu stehlen , wie es die andern ketzerischen Ritter gethan hätten . Bis soweit reichte , wie du ja selber weißt , die Tradition unserer Familie ..... Siegbert bestätigte Dies und sagte : Wie oft mögen unsere später auch zum Protestantismus übergegangenen , verarmten und durch sich selbst entadelten Ahnen beklagt haben , daß ihrer Familie ein so starrköpfiger Charakter angehörte , der diese wichtige Urkunde zurückschicken konnte ! Und wenn sie sich auch fände , sie würde uns jetzt nichts mehr helfen . Diese schwerlich , sagte Dankmar . Die Erben des vierblätterigen Kreuzes würden immer sagen ... Des vierblätterigen Kreuzes ? fiel Siegbert befremdet ein . Das Kreuz in seinen vier Enden , sagte Dankmar zum staunenden Bruder , mit dem dreiblätterigen Kleeblatt blieb das katholische Symbol . Die protestantischen Johanniter jener Gegend jedoch - abweichend vom gewöhnlichen Johanniterkreuze - behielten das Kreuz , setzten aber in seine Enden statt drei vier Rundungen , die das vierblätterige Kleeblatt bezeichneten . Dieser Zwiespalt währte bis zum Dreißigjährigen Krieg , wo die Ordensbekenner ausstarben und die noch vorhandenen , nicht vertheilten Güter des Ordens den aufgesparten und seinen Angehörigen vorbehaltenen Antheil Hugo ' s von Wildungen Dem ließen , der die Macht hatte , sie zu nehmen . Merkwürdig , daß die Häuser und Besitzungen , die die Urkunde von 1556 an Hugo von Wildungen abtrat , bis 1636 in seinem Namen und zu seinen Gunsten verwaltet wurden . Schon damals erhob sich ein Proceß , der in Wien geführt wurde . Der Papst hatte eine Bulle ausgestellt , der zufolge alle geistlichen Ritterhöfe protestantischer Lande ausnahmsweise nun wirklich Eigenthum , aber nur derjenigen Ritter werden sollten , die dem katholischen Glauben treugeblieben wären . Man hatte in Rom gehofft , auf diese Art durch das Privatrecht und dessen locale Gel-tendmachung sich einen festen Fuß in den ketzerischen Landen zu erhalten . Darauf hin hatte Hugo von Wildungen später nicht nur seinen ihm an der großen Theilung freiwillig zugestandenen Antheil , sondern den ganzen Vollbesitz des Ritterhofes Angerode erb- und eigenthümlich für sich und seine Angehörigen verlangt . Der wahre Grund war der Rückhaltsgedanke , das Eigenthum bei dem Orden nur solange aufzuheben , bis ihm Gelegenheit geboten würde , sich in Zukunft wieder zu sammeln . Lieber hob man in Rom einstweilen ein kanonisches Gelübde auf , als daß man dem Protestantismus so reiche Mittel , sich zu kräftigen , freiwillig überlassen hätte . Wie viel Feindschaft auch zwischen der Priesterschaft und den geistlichen Ritterorden waltete , in den äußersten Fragen trat die Eine schützend für die Andern ein . Wie oft dacht ' ich nun : Wenn jetzt eine Cession , eine Abtretung der Eigentumsrechte an seine Familie von der Hand des Ritters Hugo existirte , wenn man ein Testament finden könnte , das auswiese , der fanatische Ritter hätte nicht der Kirche , sondern den Seinigen überlassen , was er , wenn auch nur für seinen Theil , vom Vermögen des Tempelhofes beanspruchen durfte ! Wären solche Urkunden da , so ließe sich darauf hin ein juristischer Feldzug eröffnen , der ... Dankmar ! unterbrach Siegbert den Bruder . Welche Träume ! Welche Phantasieen ! Soviel lernt ' ich schon von dir , daß es in dem Rechtsleben Verjährungsfristen gibt , wo keine Klage über eine stehengebliebene Schuld mehr angenommen wird . Wie aber , lieber Bruder , sagte Dankmar sicher und bedeutsam lächelnd , wenn in dieser Angelegenheit , wie im Wallenstein ' schen und andern noch schwebenden uralten Processen , merkwürdigerweise deshalb nichts verjährt ist , weil sie alle funfzig Jahre wieder aufgenommen wurde und sich in ewigen Protesten die Communen mit den Regierungen über jene Hinterlassenschaft gestritten haben ? Wie , wenn sogar unser Staat , unser