Logen mit einer wahren Perlenschnur von Medusenköpfen gesäumt ist . Die eigentlichen Flamländerinnen haben Gliedmaßen , wie sie sich nie ein weibliches Wesen erlauben sollte . Die Walloninnen , schwarzäugig und lebendig zwar wie Französinnen , verlieren sehr durch ihren mangelhaften Teint . Fragt man in Lüttich nach schönen Frauen , so heißt es : » Oh , gehen Sie nur par exemple nach Brügge , dort finden Sie noch viel spanisches Blut . « Erkundigt man sich in Brügge nach hübschen Damen , so heißt es : » Oh , gehen Sie nur nach Lüttich , dort herrscht die französische Rasse vor . « Leider fand ich weder Spanier noch Franzosen in Belgien - nur Belgier ; rien que cela . Jedenfalls sind die Belgier schöner als die Belgierinnen . In Holland ist dies gerade umgekehrt , wenigstens in dem eigentlichen Holland , dem klassischen Lande des Kaffee- und Zuckerschachers . Die Männer sind dort entweder infolge eines wüsten Lebens der Hafenstädte zu wahren Skeletten , zu windhundartigen Figuren abgemagert oder im reifern Alter zu so enormen Wänsten aufgeschwemmt , daß man erst einige Zeit suchen muß , ehe man in jenen Fleischkolossen ein menschliches Wesen findet . Die holländischen Frauen sind dagegen fast durchgängig hübsch ; sie haben blondes Haar , himmelblaue Augen , eine sehr weiße Haut ; nur leider durch den Gebrauch der unterirdischen Kohlenpfannen und Feuerstübchen bisweilen entsetzlich - große Füße . Aber eine Holländerin kann sehr schön und liebenswürdig sein , und wenn sie mit ihren roten Lippen jene fürchterliche Sprache lispelt , welche in dem Munde der Männer wie das Grunzen und Brummen einer Walkemühle klingt , da bleibt man verwundert stehn und sieht aufs neue , daß von schönen Lippen : alles schön klingt , sogar Holländisch . Es verstand sich von selbst , daß Herr von Schnapphahnski auf dem Ball der Brüsseler Oper im vollen Glanze seiner Ritterlichkeit umherspazierte und nicht wenig damit beschäftigt war , jede einigermaßen erbauliche Maske Zoll für Zoll zu studieren . Tanzende zu beschauen , ist ein Kunst- und Naturgenuß zu gleicher Zeit . Der Tanz enthüllt nicht nur manchen Körperteil , den wir bei der Prüderie unsres Jahrhunderts selten en masse zu bewundern Gelegenheit haben , nein , die melodisch dahinflutende Bewegung der Gestalten zeigt uns , daß diese und jene Glieder auch noch einer ganz andern als der gewöhnlichen Tätigkeit fähig sind , und unwillkürlich söhnen wir uns mit unsern alltäglichen Erinnerungen aus , wenn wir die Menschen wieder einmal so kindlich-sonntäglich vor unsrer Nase herumspringen sehen . Die Kunst- und Naturstudien auf einem Brüsseler Balle haben freilich ihre Grenzen , und unser Ritter würde mit seinen Forschungen bald zu Ende gewesen sein , wenn nicht eine ungemein lebendige und graziöse Maske seine Aufmerksamkeit stets von neuem in Anspruch genommen hätte . Bald einen entzückend kleinen Fuß , bald eine zierliche Hand und bald einen Nacken zeigend , der durch seine herrlichen Formen alle übrigen Gestalten des Balles hinter sich ließ , wußte die Geheimnisvolle unsern Ritter stundenlang zu fesseln . Vergebens suchte er aus der Verschleierten irgendein bekanntes Wesen herauszufinden : sie widerstand seinen genauesten Beobachtungen durch so rätselhafte Gebärden und seinen kühnsten Fragen durch so zweideutige Antworten , daß er zuletzt davon überzeugt war , von einer durchaus Fremden intrigiert zu werden . Der Reiz eines derartigen Spieles wird durch den Widerstand , den man findet , nur erhöht . Ein zahmes Roß zu reiten , ist keine Kunst ; ein wildes zu bändigen : die höchste Lust . Der Schwache wünscht Nachgiebigkeit und Kapitulation ; der Kühne : Widerstand und Sieg . Der Schwache genießt nur einmal ; der Kühne tausendmal , denn jede Stufe des Widerstandes wird durch ihr Überwundensein eine Stufe der Glückseligkeit , die nur der letzte Sieg an Wonne überbietet . Suche Widerstand , und du wirst ein Mann sein ; lerne Weiber besiegen , und du wirst die Welt erobern ! Herr von Schnapphahnski war zufällig nicht in der Stimmung , seinen Liebesfeldzug auch nur durch eine Nacht hin auszudehnen . Sei es , daß er alle Hoffnung aufgeben zu müssen glaubte oder daß er an ähnlichen Orten rascheren Erfolg gewohnt war - genug , es ennuyierte ihn mit der Zeit , sich so den ganzen Abend für nichts und wieder nichts an der Nase herumführen zu lassen ; und als die verhängnisvolle Maske wiederum mit sehr spöttischem Gruße an ihm vorüberhuschte , da vergaß unser Held plötzlich , daß er nicht in der Wasserpolackei und auf dem Ball einer zwar belgischen , aber nichtsdestoweniger zivilisierten Stadt sei , und - es ist kaum zu glauben - ja , unser Ritter griff der Vorübereilenden mitten in die Maske - - Die so brutal Angegriffene stutzt , stößt einen Schrei aus , und vierzig bis fünfzig andre Masken stellen sich rings um den Ritter und die Dame . Der Schleier der Schönen ist indes gefallen , und der Ritter erkennt zu seinem nicht geringen Schrecken die Gattin des belgischen Künstlers . Der unglückliche Ehemann , » déguisé en quelqu ' un , qui s ' embête à mort « , ist ebenfalls herbeigesprungen . Er beobachtete den fremden Ritter und die eigne Gattin den ganzen Abend hindurch ; seit einigen Stunden schon fühlte er seine Hörner wachsen , und mit der freudigen Wut eines erretteten Familienvaters stürzt er sich auf unsern Ritter . Eine Szene entspinnt sich , wie man sie in Brüssel vielleicht noch nicht erlebt hatte . Herr von Schnapphahnski begreift gar nicht , wie ihn die Brüsseler Bourgeois so langweilen können . Er nennt seinen Namen , seine Titel - - » Je m ' en f ... « , brüllt der entrüstete Ehemann wie ein Hirsch in der Brunstzeit , und : » Oui Monsieur ! Oui Monsieur ! « schreit der Chor wie im ersten Akt des » Barbiers von Sevilla « . Schnapphahnski gibt seine Karte - - » J ' aurai ta carte dans ma poche et toi la mienne sur la figure - « Oui Monsieur ! Oui Monsieur ! - und immer toller wird der Skandal , bis sich zuletzt hundert zierliche Hände erheben , um unsern Ritter zu zerreißen , die Faust des Ehemanns an ihrer Spitze - ach , und nur durch die schleunigste Flucht rettete sich unser Held von der unangenehmsten Pointe , die ein Abenteuer haben kann . VII Herzog C. In Brüssel verfolgte unsern Helden ein eigenes Mißgeschick . Kaum den Händen eines erbosten bürgerlichen Ehemannes entronnen , fiel er in die Riesenfäuste eines noch weit erbitterteren Aristokraten . Der Ritter war an seinem Malheur selbst schuld , denn durch seinen Hochmut , durch seine Arroganz , kurz , durch seinen Schnapphahnskismus brachte er jedermann gegen sich auf . Ganz besonders haßte ihn damals ein Franzose , ein gewisser Herzog von C ... , und mehr als einmal ließ er die bedeutungsvollen Worte fallen : » Nun , wenn mir der Mensch einmal in die Hände gerät - - « , der Herzog begleitete diese Phrase stets mit dem verständlichsten Gestus . Herzog C. , dem unser Ritter zu mißfallen das Unglück hatte , war ein sehr liebenswürdiger und durchaus anständiger Mann , beiläufig bemerkt in Besitz einer Taille von weit über 6 Fuß ; ungefähr die Hälfte im Durchmesser - - Die Abneigung des Herzogs war unserm Ritter keineswegs entgangen ; mochte er aber glauben , daß die großen Hunde die kleinen niemals beißen oder daß sie gar feige sind : genug , er suchte den herzoglichen Riesen durch Arroganz einzuschüchtern und verdoppelte sie daher stets in seiner Gegenwart . Eines Tages treffen sie in einer Gesellschaft zusammen . Sie sprechen von Kriegen , Kampagnen , Schlachten und zuletzt von Duellen . » Wieviel Duelle haben Sie schon gehabt , Ritter ? « fragte der Herzog gleichgültig . - - » Die Masse - ! « erwiderte Schnapphahnski - » Aber ich müßte mich eigentlich nie schlagen , denn wer so sicher ist , seinen Gegner stets zu töten , wie ich es bin , der begeht fast einen Mord . Nichtsdestoweniger macht es mir aber Vergnügen , mich zu schlagen - « - » Bah ! « sagt der Herzog , » wieso ? « - » Sehn Sie « , versetzt der Ritter , » wenn ich mich rächen will , so fordre ich meinen Gegner auf Säbel , et il est un homme mort . Will ich ihn dagegen nur strafen , so fordre ich ihn auf Pistolen , car je suis sûr de loger ma balle où je veux - « - » Bah ! « erwidert nochmals der Herzog und empfiehlt sich ganz untertänigst . Kurze Zeit nach dieser Unterredung kam eine sehr berühmte Pianistin , Madame P. , nach Brüssel , und tous les beaux der Hauptstadt wetteiferten um die Gunst der schönen Virtuosin . Ein gewisser Gesandter , Graf ... , der damals noch nicht verheiratet war , stellte sich in die ersten Reihen . Eines Tages wurden die Salons der Gesandtschaft prächtig mit Blumen verziert , glänzend illuminiert - ein lukullisches Mahl angerichtet . Wer sollte dazu erscheinen ? Eine Hoheit , eine Majestät ? Nein - - die schöne Konzertgeberin . Alle Dandys , Lions , Tigres - kurz , die ganze fashionable Menagerie der Hauptstadt wurde zu diesem Feste eingeladen . Unter ihnen befand sich auch unser Ritter , der Herzog und ein gewisser Oberst C. , ein alter Haudegen , der , unter Soldaten erzogen und auf Schlachtfeldern ergraut , sich bei weitem behaglicher in einem Corps de Garde als in einem Salon fühlte . Nach Tische , als der Champagner bereits das Blut im Kreise trieb und der Kaffee der Vernunft den letzten Stoß geben sollte , entfernten sich die Damen . Die Herrengesellschaft begab sich in einen Rauchsalon . - Der Herzog , den diese Gesellschaft ziemlich langweilen mochte , setzte sich ans Klavier und präludierte darauf . Schnapphahnskis unglücklicher Stern brachte ihn ganz in seine Nähe . Unglücklicher Schnapphahnski ! - Der Hafer stach ihn mehr als gewöhnlich , und keine fünf Minuten verstrichen , da machte er auch schon über das Spiel des Herzogs einige ebenso kecke als boshafte Bemerkungen , indem er namentlich hervorhob , wie es fast unbegreiflich sei , daß man mit einer so großen Hand spielen könne , ohne zu fürchten , alle Tasten gleich zu zertrümmern . Der Pianist L. , der voraussah , daß die Geschichte eine üble Wendung nehmen könne , beeilte sich , unserm Ritter zu erwidern , daß man mit einer großen Hand recht gut spiele , daß er viele Virtuosen kenne usw. - - aber Schnapphahnski wollte nicht ruhen . Den schöngelockten Kopf kokettierend auf die Schulter legend , die Zigarre nachlässig an die Lippen führend und mit der höchsten Nonchalance über dem Klavier hängend , fuhr er fort , seiner Laune den Zügel schießen zu lassen , indem er sich durch jeden freundlichen Einwurf der umherstehenden Gäste nur zu neuen , beißendern Bemerkungen hinreißen ließ . Der Herzog , der sich bis zum letzten Augenblick sehr ruhig benahm , spürte doch mit der Zeit Lust , dem Gespräche ein Ende zu machen . Mehrere leise Andeutungen waren schon in dem Humor des Ritters verlorengegangen : er sah sich daher genötigt , etwas verständlicher zu werden , und als unser Held wiederum eine Phrase hinwarf , die durch ihre liebenswürdige Unverschämtheit alles Frühere hinter sich ließ , hob er den Kopf etwas feierlicher empor und versetzte mit sehr bestimmtem Tone : » Wissen Sie , Ritter , ich kann auch einen gewissen Walzer spielen , dem niemand widersteht . Ja , wenn ich den spiele , so muß man tanzen , wie ich es befehle ! « Herr von Schnapphahnski hatte die Bonhomie , auch dieses nicht zu verstehen . Der Herzog verstummte . Der Ritter setzte seine Bemerkungen fort , und auf den Gesichtern der Zunächstweilenden konnte man deutlich lesen , daß sie sich in einer ziemlich peinlichen Stimmung befanden . Wer weiß , wie lange indes die Katastrophe des Abends noch hinausgeschoben worden wäre , wenn der arme alte Oberst , dessen Anwesenheit wir früher schon erwähnten , nicht plötzlich zum Losplatzen des Sturmes auf eine ebenso unvorhergesehene als höchst komische Weise Veranlassung gegeben hätte . Wir müssen bekennen , wir sind in einiger Verlegenheit : wir werden die Geschichte schwerlich so erbaulich erzählen können , wie sie in der Wirklichkeit geschehen sein mag . Die Verlegenheit der Menschen verrät sich auf verschiedene Weise . Der eine errötet , der andre schlägt die Augen nieder , der dritte hustet , der vierte nimmt eine Prise . Unsere Verlegenheit verrät sich dadurch , daß wir plötzlich den Faden der Erzählung verlieren ... Ein Westfale reiste nach England . Er war sehr unglücklich wie alle Westfalen auf Reisen . In Köln verlor er seinen Regenschirm , in Ostende wurde ihm der Mantel gestohlen , in Dover fiel er beim Ausschiffen ins Meer , auf der Douane konfiszierte man ihm den zigarrengefüllten Koffer , der Droschkenkutscher prellte ihn entsetzlich , und höchst kalt und unkomfortabel langte unser Westfale in Norfolk Street , Strand , London an . Norfolk Street ist eine totenstille Nebenstraße . Nachdem er um das schlechteste Zimmer gebeten hatte - für das er natürlich geradesoviel bezahlen mußte wie für das allerbeste - , und nachdem er , mehr aus ökonomischen als aus Gesundheitsrücksichten , von dem aufgetragenen Beef und Mutton weniger als ein Kanarienvogel gegessen hatte - um natürlich geradesoviel dafür zu zahlen , wie für ein Mittagsmahl des Riesen Goliath- , legte sich unser Westfale in sein teures , aber schlechtes Bett , faltete die Hände , betete zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden und schlief schnarchend dabei ein , wie mancher Gerechte vor ihm . Als er am nächsten Tage erwachte und nach seiner Uhr griff , überzeugte er sich davon , daß die Uhr mit dem Regenschirm , dem Mantel , dem Koffer usw. bereits den Weg alles Irdischen gegangen sei , und schüchtern schlich unser Freund daher an den Rand der Treppe und fragte mit zitternder Stimme : » Könnten Sie mir nicht sagen , Herr Kellner , was die Glocke gefälligst geschlagen hat ? « - » Three o ' clock ! « rief der Kellner in barschem Tone . Es war 3 Uhr nachmittags . Bei dem abscheulichen Nebel , der verfinsternd über der Stadt lag , meinte der gute Westfale aber nicht anders , als daß es 3 Uhr morgens sei , und es verstand sich von selbst , daß er als rücksichtsvoller Fremder zurück ins Zimmer kroch , um , nach einigen Unterbrechungen und schweren Träumen , abermals bis zu einem nächsten Tage im Bette zu liegen , wo er , da der Nebel noch immer fortdauerte , gewiß bis zu einem dritten Tage geweilt hätte , wenn er nicht durch den Hunger so sehr gepeinigt worden wäre , daß er sich schließlich ein Herz faßte und hinunter in die Gaststube stolperte . Hier angekommen , betrachtete man den foreign Gentleman mit so sonderbaren Augen , daß er , an seinen Mantel , an den Regenschirm , an den Koffer und an die Uhr gedenkend , plötzlich auf die gerechtesten Befürchtungen für seinen Frack und die Hosen empfand . Er faßte daher den heroischen Entschluß , lieber das heiß ersehnte Frühstück im Stich zu lassen , gleich zu bezahlen und dann rasch das Haus zu verlassen . Dieser Gedanke schien dem Zweifelnden endlich der beste . Nicht ohne Bangen näherte er sich daher einem andern Fremden , den er für den Wirt hielt , und fragte mit möglichster Fassung , indem er das Gold schon in den Händen hielt : » How much ? « » Goddam ! « erwiderte dieser und streifte die Ärmel empor und würde gewiß auf unsern Westfalen losgeboxt haben , wenn sich der Landlord nicht noch zur rechten Zeit ins Mittel gelegt und dem erschrockenen Westfalen die Nota überreicht hätte . Die Rechnung war short and sweet , kurz und süß , wie folgt : 1 Supper £ - 3 S. 6 d 2 Board and Lodging £ - 9 S. 10 d Waiter £ - 2 S. - d Boots and Chambermaid £ - 3 S. - d £ - 18 S. 4 d Der Westfale hatte den Verlust des Regenschirms , der Uhr , des Mantels und Koffers verschmerzen können . » Gestohlen und verloren werden kann alles - « , sagte er sich . Daß man ihm aber für ein Abendessen und für einen Schlaf 18 Schillinge und 4 Pence , mit anderen Worten : 6 Taler , 3 Silbergroschen und 6 Pfennige Preußisch Kurant anrechnete , nein , das war zu stark , das beleidigte die Seele eines Biedermannes zu tief , und mit einiger Entrüstung bemerkte er daher : » Aber nein , Herr Wirt , sagen Sie mal , das ist denn doch gefälligst ein bißchen zuviel - « » Very moderate , Sir ! « » Aber nein , ich habe ja nur eine Nacht geschlafen . « » Two nights , if you please , Sir . « » Aber nein , ich habe ja gar nichts mehr gegessen . « » All included , Sir . « » Aber nein , das kann ich unmöglich bezahlen - - « Aber der Wirt hatte das einzige und letzte Goldstück seines Gastes schon in der Hand , und ärgerlich den Überschuß von 1 Schilling und 8 Pence auf den Tisch werfend , überließ er den Westfalen seinem Nachdenken , der noch immer nicht begreifen konnte , wie man für 6 Taler , 3 Groschen und 6 Pfennig : in einer Nacht zwei Nächte schlafen könne - und endlich trübselig davonschritt . Von Norfolk Street bis zu St. Paul sind es nach Londoner Maß nur wenige Schritte , d.h. , es ist noch ziemlich weit . Unser Westfale stand daher erst nach geraumer Zeit vor der gewaltigen Kirche , und da er sein Morgengebet noch nicht gestammelt hatte , so schritt er mit brünstiger Seele die große Treppe hinauf und trat durch die offene Tür unter Meister Wrens herrliche Wölbung . » Four pence , if you please , Sir ! « sagte da jemand , indem er unserm Freund auf die Schulter klopfte . Der Westfale blickte erschrocken zurück : » Aber nein , dies ist ja eine Kirche - « » Four pence to be paid , Sir ! « » Aber nein , ich habe noch nie in Münster Entrée in der Kirche bezahlt . « » Four pence ! « wiederholte der Küster zum dritten Male , und so gewiß , wie der Wirt in Norfolk Street zwei Nächte auf die Note gesetzt hatte , so gewiß mußte der Westfale schließlich 4 Pence Entrée bezahlen . Mit seinem letzten Schilling und mit einem so heißen Gebete , wie es je ein Gläubiger gesprochen hat , kniete da der Westfale auf den Marmorboden nieder . Wer weiß , wie lange er sich mit Gott unterhalten haben würde , wenn nicht plötzlich der Küster mit einem Bund Schlüssel in der Hand und mit einem Schweif von vielen Herren und Damen quer durch die Kirche gerannt wäre . Der Betende sah aufmerksam empor . Was soll das bedeuten ? Schließt man die Kirche zu ? Mit dem Schrei des Entsetzens sprang er empor , und der Gesellschaft nachlaufend , war er bald der nächste hinter dem Küster . Richtig ! Die Riegel knarrten , die erste Tür fiel rasselnd ins Schloß . » One shilling , if you please , Sir ! « Der Westfale war abermals wie vom Donner gerührt . » Aber nein , bezahlt man hier auch beim Hinausgehn ? « » One shilling to be paid , Sir ! « » Aber nein , ich habe noch nie in Münster bezahlt , wenn ich aus der Kirche ging . « » One shilling ! « Der Küster sprach dies mit so viel anglikanischer Würde und mit so unendlich kategorischem Episkopalernst , daß der arme Westfale vor Schrecken in den Boden zu sinken meinte und unwillkürlich in die Tasche der grünplüschenen Weste griff und ach , seinen letzten Schilling herausholte . Es mußte wohl so sein , denn alle übrigen bezahlten ebenfalls . Nachdem die Sache berichtigt war , schritt der Küster vorwärts . Der Westfale folgte ihm auf dem Fuße , seine Knie zitterten , er schnappte nach Luft , und in der Angst und Verwirrung achtete er gar nicht darauf , daß man , statt die Treppe hinunter nach der Straße zu gehen , die Treppe hinauf nach dem Turm schritt . Erst in der Mitte der ersten Windung bleibt er entsetzt stehen . Ein neuer Betrug ! Er will zurück , er macht kehrt - aber ach , wenigstens zwanzig Menschen sind schon hinter ihm ; keiner kann an dem andern vorüber , zu schmal ist der Gang , und » Follow me ! « ruft der Küster vor ihm , und » Go on ! « schreit die Menge hinter ihm , und weiter muß der Unglückselige , von einem Tritt zum andern , immer vorwärts , immer hinauf , unter Ächzen und Stöhnen , bis er endlich schweißtriefend oben in der Kuppel der Kirche anlangt . Herren und Damen sind indes nachgerückt ; immer voller wird der Raum , der eine drängt den andern , und unser Westfale sieht sich genötigt , eine kleine Erhöhung zu besteigen , von der man zu der höchsten Öffnung der Kuppel hinaufreichen kann . Sowie die Gesellschaft das Innere der Kuppel betrat , hatte sie alle Fenster und Luken in Beschlag genommen . Die Öffnung , welcher unser Freund zunächst stand , war bald allein noch unbesetzt , und man winkte ihm hinauszusehen und dann für andre Platz zu machen . Unwillkürlich faßte er daher rechts und links an die Seiten der Öffnung , und vom Boden emporspringend , hob er sich mit dem Oberkörper über das Dach hinaus , auf die Hände gestützt , die Beine noch immer baumeln lassend . Welch ein Anblick ! Aus dem stillen Westfalen plötzlich auf die Spitze der St.-Pauls-Kirche ! Ein kalter Schauder durchfuhr unsres Freundes Rücken : vor ihm ausgebreitet lag die Riesin London im heitersten Sonnenglanze . Des dichten Nebels wegen hatte der Westfale nur das bemerkt , was auf sechs Schritt zu bemerken war . Während er unten auf den Marmorstufen der Kirche betete , hatte aber der Wind den Nebel zerstreut , und alle Gegenstände der unermeßlichen Stadt traten jetzt aus dem Dunkel hervor und leuchteten in grandiosen Umrissen am entwölkten Horizonte . Dort die Yorksäule , die Nelsonsäule , die Türme der Westminsterabtei , St. James , die Bäume von Hyde Park und Palast an Palast bis hinaus in die weiteste Ferne . Nach der andern Seite die City mit ihren tausend und aber tausend verschlungenen und verworrenen Gassen und Gängen , mit den hochgegiebelten Häusern , vollgepfropft mit allen Schätzen des Erdballs , halb noch in bläulichen Rauch gehüllt , der sich in düstern Massen hinauswälzt bis in die entlegensten Felder . Und die Themse dann . Auf bläulicher Flut die schneeweißen Segel und Mast an Mast , so weit das Auge reichte , vom Tower bis hinab zur wogenden See . Dazu das Rasseln der Wagen , das Lärmen der Fußgänger , das Geräusch der Werkstätten und hunderterlei Stöhnen , Schreien , Murren , Brummen und Poltern , das in tollem Gemisch zu der Kuppel der Kirche emporklang - es schwindelte den armen Westfalen , krampfhaft faßte er den Rahmen der Luke , er dachte nicht mehr an den verlorenen Schirm , an den gestohlenen Mantel , an die verschwundene Uhr , an den konfiszierten Koffer , an die Rechnung des Wirts , an das Entrée der Kirche und an den letzten Schilling - nein , er dachte an nichts mehr , er sah nur , mit aufgerissenen Augen , mit offenem Munde , mit Nase und Ohren , er staunte , er glotzte , und wie seine Kraft durch die schwebende Haltung immer mehr schwand und wie er zuletzt nicht mehr wußte , ob er sich nach hinten zurückfallen lassen sollte , um irgendeiner Dame auf den Kopf zu stürzen , oder ob er nach vorn springen sollte , um selbst den Hals zu brechen , und wie es ihm plötzlich gelb und grün vor den Augen wurde und wie der kalte Schweiß auf seine Stirn trat und ein Zittern durch alle Glieder fuhr : oh , da preßte ihm die Mutter Natur plötzlich einen jener heimischen Laute aus , der wie ein Pistolenschuß in der Kuppel der Kirche widerklang , und einer Leiche ähnlich sank der Unglückliche hinab , zwischen die nach allen Seiten auseinanderstiebenden Genossen , deren er sicher im Niedersinken mehrere zerschmettert hätte , wäre der Laut nicht so herrlich à propos gekommen , so voll , so donnernd - doch kehren wir zurück zu Schnapphahnski . Der alte Oberst C. war in demselben Falle wie unser Westfale . Das herrliche Diner , der Wein , die Lichter , Hitze , Musik , alles das hatte ihn schon in eine Schwulität versetzt , wie sie ihm in der mörderischsten Schlacht nicht vorgekommen war . Als er nun aber gar noch in das Rauchzimmer geriet , um die Konversation des Ritters und des Herzogs anzuhören , eine Konversation , die jeden Augenblick pikanter und beißender wurde ; als er die Verlegenheit der übrigen Gesellschaft bemerkte , eine Verlegenheit , die er selbst nicht recht begriff , und als es ihm immer mehr einleuchtete , daß er sich eigentlich gar nicht an seinem Platze befinde - nun , da wurde ihm geradeso zumute wie dem Westfalen auf dem Gipfel der Paulskirche ; es schwindelte ihm , es wurde ihm rosenrot vor den alten Augen ; wie der Westfale meinte er die Themse zu sehen und den Tower und die Westminsterabtei , der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn , und ach , was der Westfale hoch oben über ganz London riskiert hatte , das riskierte der alte Oberst in dem Salon der höchsten Brüsseler Gesellschaft : Brrrrr-um ! und alles fuhr erschrocken zusammen . Es war geschehn . Aber man hatte zuviel bon sens , um den armen Alten für seinen Verstoß büßen zu lassen , und schon machte man Miene , das Unglück des ehrwürdigen Mannes mit lächelndem Stillschweigen zu übergehen , als Herr von Schnapphahnski plötzlich so unvorsichtig war , dem Beispiele des alten Oberst mit einem ähnlichen Laute im raschesten Tempo zu folgen - - Die Katastrophe des Abends war gekommen . Der Herzog endete sein Klavierspiel mit der schrecklichsten Dissonanz , und rasch emporfahrend , wandte er sich zu dem Oberst und dem Ritter . » Ihnen , Herr Oberst , verzeiht man manches , denn man muß es Ihnen verzeihen ; Sie , Ritter , sind einer der erbärmlichsten Burschen , welche die Welt je getragen hat ! « - Eine Totenstille entsteht . Der Ritter , so direkt interpelliert , setzt den Hut auf den Kopf , um sich recht das Ansehen eines Marquis léger zu geben , tritt dem Herzog gerade unter die Nase und fragt : » Ist das Ernst oder Spaß ? « » Ich bin nicht gewohnt , daß man mit dem Hut auf dem Kopfe zu mir spricht ! « erwidert der Herzog , und seine Hand berührt die Wange des Ritters zu gleicher Zeit in so unsanfter Weise , daß der Hut des Getroffenen hoch in die Luft fliegt . Doch damit nicht zufrieden , ergreift er den taumelnden Ritter auch noch beim Kragen , hebt ihn mit eiserner Faust empor , rüttelt und schüttelt ihn , daß ihm Hören und Sehen vergeht , spricht : » Nun beginnt der Walzer ! « , öffnet dann die Tür , trägt den Unglücklichen wie eine Katze hinaus und schleudert ihn die Treppe hinab , um dann ruhig , als wenn nichts geschehen sei , ins Zimmer zurückzukehren , wo die Gäste stumm und bestürzt einander anschauen . Wir müssen gestehen , unser Herz beschleicht ein inniges Bedauern , indem wir dieses niederschreiben . Unser Schmerz ist gerechtfertigt , denn mit seinem Helden soll der Autor fühlen und empfinden . Fast wörtlich haben wir den Hauptinhalt dieses Kapitels aus den uns vorliegenden Manuskripten wiedergegeben . Geben wir jetzt nur noch einfach den Schluß . Kaum in den Salon zurückgekehrt - heißt es in unsern Notizen weiter - , erblickt der Herzog den Hut des Ritters . Er hebt ihn vom Boden auf , und indem er avec toute la courtoisie possible hinzusetzt : » Aber mein Gott , der Ritter kann ja nicht ohne Hut nach Hause gehn « - wirft er ihn auf die Treppe seinem Eigentümer nach . Sie glauben vielleicht , daß nach solch einer Katastrophe der Herzog am andern Tage nicht mehr zu den Lebenden zu zählen war - - Sie irren sich . Er lebt noch bis auf den heutigen Tag . Aber pro forma kam der Sekundant des Ritters , um die Bedingungen des Zweikampfes zu ordnen . » Mein Gott « , sagt der Herzog gleichgültig , » der Ritter sagte mir vor wenigen Tagen , daß er den Degen wählt , wenn er jemanden mit dem Tode bestrafen will . - Nun , ich glaube , daß er alle Ursache hat , mich zu bestrafen . « - - Bedenken Sie nur , daß des Herzogs Arm übermenschlich lang war und daß acht Menschen denselben nicht biegen konnten - - armer Schnapphahnski ! Aber es sagt bei uns ein altes Sprichwort : Wer hängen soll , der wird nicht ertrinken . Wer weiß , welches Los unserm Ritter reserviert ist ! Vor allen Dingen erschien am selben Tage auch noch der Gesandte , Graf ... , beim Herzog C. » O mon dieu , que faire ?