lustige Zeit , da hatte man noch Zeit hie und da zu einem lustigen Lumpenstücklein und meinte nicht , es müsse alles in einem Tage erhastet und erjagt sein . « Er erinnere sich noch an die Zeit , in welcher man mit der Sichel das Korn geschnitten ; langsam sei es gegangen , aber lustig . Schnitter und Schnitterinnen seien aus dem Berglande gekommen scharenweise wie Rinderstaren im Herbst . Ganze Haufen hätte ein einziger Bauer angestellt und doch so drei bis fünf Wochen zu ernten gehabt . Da sei man nicht so müde geworden wie jetzt , wo man am Abend kein Glied mehr rühren möge . Er wisse , daß man oft nach dem Feierabend noch bis gegen Mitternacht getanzt hätte im Grase oder in der Tenne . Unter der Schar sei immer einer gewesen , der ein Tänzlein hätte pfeifen können auf dem Blatte oder sonst , und nicht selten hätten die Schnitter neben der Sense eine Geige mitgebracht oder eine Zither . » Jetzt ists mit Pfeifen und Tanzen aus und es kommt noch die Zeit , wo man in einem Tage alles macht . Ja ja , die Leute werden alle Tage gescheuter und abgerichteter auf ihren Nutzen . Wann habt ihr angefangen , und seid schon fertig ? « frug Joggeli mit einem andächtigen Seufzer . Auf erhaltene Antwort sagte er : » Das ist nie erhört worden , und wenn man das früher jemanden gesagt hätte , er hätte gesagt , es fehle einem im Kopfe . Aber Uli ist auch ein Ungeheuer zum Arbeiten , es geht ihm von der Hand , ich habe noch niemand so gesehen . Wenn ihr es von ihm lernet , so kömmt es euch in alle Wege kommod . « Nun schlug er Ulis Ruhm auf dieser Saite in allen möglichen Variationen an , bis ihm die Base , welcher es katzangst dabei ward , rief , sie möchte ihn was fragen . Ob es nicht Zeit wäre heimzugehen , meinte sie , es sei über Mitternacht ? Als Joggeli nicht Lust bezeigte ( wahrscheinlich hatte er wieder was Neues , Interessantes im Kopfe ) , warf sie so hin : Man könne nie wissen , aber es gebe schlechte Leute in der Welt und zwar immer mehr ; wenn die merkten , daß der Stock leer und alles hier sei , so könne sie die Lust ankommen , nachzusehen , ob sie drinnen nicht was fänden , welches ihnen anständig sei . Jä wohl , das wirkte und machte Joggeli Beine . Wenn sie es erzwungen haben wolle , so sei es ihm am Ende gleich . Ob , gleich nun Uli und Vreneli einredeten und von seiner Flasche mit Wein sprachen , welche noch nicht halb leer sei usw. , so hatte er doch kein Bleiben mehr ; die Alte hatte ihm den schwachen Punkt berührt , sie kannte den so gut wie ein Husar den Fleck an seinem Pferde , wo man es nicht anrühren darf , wenn es nicht hinten und vornen ausschlagen soll . Nachdem Beide abgegangen , ward es einförmiger am Mahle , wenn auch lärmender mehrere Stunden lang . Zuweilen legte einer den Kopf auf die Arme und schlief ; wachte er wieder auf , so trank er erst ein Glas Wein , dann begann er zu essen , als komme er neu zum Tisch . Andere gingen hinaus ; was sie trieben , wissen wir nicht , aber kamen sie wieder , so aßen und tranken sie ebenfalls so , als hätten sie noch sehr wenig gehabt . Wenige blieben sitzen , als wären sie da fürs ganze Leben angenagelt ; es waren die Veteranen , welche an fünfzig Sichelten sich die kaltblütige Ruhe erworben hatten , welche imstande ist , vierundzwanzig Stunden lang , wenn es sein muß , zu essen und zu trinken , ohne je zu viel zu kriegen . Aber furchtbar langweilig wurden sie und schienen nur dar , auf zu horchen , ob sich die verschluckte Masse nicht setzte , so daß sie einen Bissen hinunterschieben und einen Schluck nachtrinken könnten . Dazu kam nun allgemach der Tag herauf , und nicht leicht was Grausigeres gibt es , als wenn der Tag durch die Fenster kömmt , hinter welchen herabgebrannte Lichter glimmen , Tabaksqualm schwer über grauen , blassen Menschen mit gläsernen Augen liegt , über Menschen , welche essen , trinken , rauchen , reden , singen , aber alles in unsäglicher Schwerfälligkeit und Langsamkeit wie im Traume , zu nichts mehr tauglich sind , nicht einmal zum Aufstehen und zu Bette zu gehen . Ja das ist wüst , aber nicht bloß so einfach wüst , sondern gleichzeitig eine Geduldprobe ; für den Wirt , und besonders wenn er bloß Pächter ist , kann kaum eine ärgere erdacht werden . Er muß also aushalten , vielleicht geht auch seine Frau ins Bett , da sie zur Zeit wieder auf dem Platz sein muß , um das Mittagsmahl zu bereiten , während der Mann schlafen kann , bis es auf dem Tische steht . Er ist müde von der Arbeit , schläfrig von kurzem Schlafe in vergangener Zeit , hat Wein getrunken , eine Nacht ganz durchwacht und sitzt da und sieht den Tag kommen , sehnt sich nach dem Bette , dorthin zieht es ihn mit Himmelsgewalt , aber da herum sitzen noch die Angenagelten und nageln auch ihn fest . So wie der Tag kam , kam es Einen nach dem Andern an wie die Eulen : er suchte die Finsternis , nachdem er noch in sich geschafft hatte , was die Haut ertragen mochte ; aber die alten verpichten Häute bleiben und der Wirt muß auch bleiben . Es sieht der Gastgeber , daß sie sich offenbar Gewalt antun , dazubleiben , zu essen , zu trinken , daß sie es ihm offenbar zum Trotz tun , nicht bloß um ihm so wenig als möglich übrig zu lassen , so viel als möglich abzuessen , sondern um ihn zu peinigen mit dem Dableiben , ihn zu versuchen , daß er ungeduldig wird , endlich in die Worte ausbricht : » Es dünket mich , ihr solltet einmal genug haben und euch ins Bett packen , das würde euch wohl anstehen , und schöner als dort seid ihr nirgends . « Dann hätten sie , was sie wollten , würden einige spitzige Worte sagen , gehen , aber dann während ihrer ganzen übrigen Lebenszeit an jeder Sichelten und sonst noch bei jedem Anlasse es rühmen , wie sie es einmal dem Meister gemacht , was er gesagt und was sie gesagt . Das Aushalten in Ruhe und Würde hat etwas Ähnliches mit dem gelassenen Aushalten eines indianischen Häuptlings , welcher von einem feindlichen Stamme langsam dem Tode entgegengemartert wird , um schließlich skalpiert zu werden . Was dabei das Unerträglichste , ist , daß solche Peiniger sehr oft nicht etwa die schlechtesten Arbeiter sind oder die feind , seligsten , sondern die fleißigsten , mit denen man das Jahr durch im besten Verhältnisse gestanden hat , von denen man freundschaftliche Rücksichten erwarten sollte , ein Eingehen in des Meisters Pein . Aber es ist , als ob sie einmal des Jahres genießen wollten , Herren zu sein , den Meister zum Knecht zu haben , ihn ihre Laune empfinden zu lassen so recht bis auf den Grund . Ein ganz ähnliches Gefühl herrscht da vor , welches bei den Römern das merkwürdige Fest erzeugte , wo die Herren ihre Sklaven bedienten , als seien diese zu Herren , sie zu Sklaven geworden . Darin lag Sinn und Witz und beide tief ; die Herren sollten ein ganzes Jahr lang nicht vergessen , daß ein Sklave fühlt und wie er fühlt , die Sklaven sollten im Glücke dieses Tages ihr Elend vergessen , nicht vergessen , daß sie Menschen seien und den Göttern angehörten so gut als ihre Herren . Nun , so an einer Sichelten erfahrt auch der Berner Bauer , was es heißt , von Launen abhängen , aus der Haut fahren mögen und es nicht dürfen . Uli mußte aushalten bis morgens halb sechs . Da erst sagte der Letzte : Wenn niemand mehr bleiben wolle , so werde er auch gehen müssen , sonst müsse er aber der Unverschämteste heißen und wäre ihm doch noch wohl da . Es dünke ihn , er sei erst abgesessen . Indessen ging er und zwar so , daß man wohl sah , er müsse eine geraume Zeit abgesessen gewesen sein , denn er fand die Türe kaum , und als er sie endlich hatte , sah er die Türklinke nicht , obgleich die Sonne daran schien . Uli hatte die Geduldprobe männlich bestanden , aber nicht aus selbsteigener Kraft . Der liebe Gott hatte zur Geduld den Schlaf gesandt ; dieser , wenn in Uli der Zorn aufbrennen wollte , drückte ihm rasch die Augen zu , lähmte die Zunge , gaukelte ihm ein klein Traumbild vor , dann wich er wieder . Uli fuhr auf , aber erfrischt , als hätte er ein kühlend Bad genommen . Die Nerven hatten sich abgespannt , das Sieden des Blutes sich gelegt , eine halbe Stunde konnte er sich wieder halten , dann brannte es wieder in ihm , dann kam der Schlaf wieder , kühlte ihn rasch ab ; so gings , bis er endlich vom letzten wüsten Gaste erlöset war . Viertes Kapitel Wie zwei Säemänner an zwei Äckern stehn und wie verschiedenen Samen sie aussäen Den folgenden Tag wollen wir nicht beschreiben , denn dieser ist schauerlich langweilig . Allen ists , wenn er nur vorüber wäre , verschiedene Mittel werden angewendet , ihn vorbeizubugsieren . Schlafen , Essen , Trinken und wieder Schlafen , das sind die Hauptfaktoren , welche angewendet werden . An einigen Orten kommen noch Tanzen und Mädchen dazu . Jedenfalls sind diese beiden Bugsiermittel nur auf die Jugend berechnet , und da , wo das Erntefest meist in die Häuser ein , gegrenzt ist , ziehen beide auch nicht sonderlich , sondern bloß da , wo das Wirtshausleben in vielen Beziehungen das häusliche überragt . In der Glunggen ging es nicht kurzweiliger . Als der Letzte das Schlachtfeld verlassen hatte , konnte Uli nicht einmal ins Bett , er mußte sich seines Viehs erbarmen . Als es Mittag war , hatte man große Mühe , die Schläfer aus Löchern und Winkeln zusammenzutrommeln und zu-schleppen . Als sie mal saßen , saßen sie wieder , doch nun diesmal nicht so lange , besonders da es ein schöner Tag war . Als Uli nach aufgehobener Tafel vor das Haus trat , um seine Sonntagspfeife zu rauchen , rief ihn Joggeli . » Willst hineinkommen und eine Flasche trinken mit mir , « sagte er , » oder bist genug gesessen ? Wenn selb ist , so komm mit mir nach Gramslige , hätte dort was zu verrichten , kriegen morgen den Schuhmacher und haben noch keine Nägel . « Uli war das anständig ; er kannte diese ehrbaren Vorwände der Männer , wenn sie zu einer guten Flasche kommen wollen , bei einer solchen und allfälliger Gesellschaft verdämmert man am besten die langen Stunden . Zu Gramslige , setzte Joggeli hinzu , bekomme er das Tausend Nägel drei Kreuzer wohlfeiler als hier , und dabei seien sie auch noch recht gut . Kreuzer seien freilich nur Kreuzer , aber wenn man viele derselben beisammen habe , gebe es auch einen Haufen , und wer zu ihnen nicht Sorge tragen könne , komme auch nicht zu den Talern . » Dir braucht das freilich keinen Kummer zu machen , du hast einen Anfang wie selten einer . Du kannst es dir und Andern gönnen , und allweg nehmen es die Leute je besser desto lieber , wie sie aber auch recht haben . Du hast gestern es laufen lassen , es hätte es mancher Bauer nicht vermögen , und mit den Heischleuten ist es gegangen , es hat mir selbst anfangen wollen zu grausen , wenn es mich schon nichts anging . Das Vreni wird wohl wissen , was es erleiden mag , und wenn es es nicht weiß , so ist es doch schwer anders zu brichten ; was das einmal im Kopfe hat , das bringt man ihm mit einem Dutzend Purganzen nicht mehr raus . Das hat ein Köpflein , wohl , es weiß es niemand , als wer es erfahren hat ! Nun , jetzt macht es sich ; im Sommer ist es eine gute Zeit , besonders bei solchem Wetter , da geht nur ein , Ausgaben hat man keine . Die kommen erst im Winter : Zinsen , Steuern , Dienstenlöhne ; dann ists freilich kommode , wenn man nicht leere Hände hat . Die Dienstlöhne werden dir zu Weihnacht eine tüchtige Lücke machen , von wegen du hast kostbare Knechte , mancher Bauer vermöchte sie nicht so teuer . Man meint sonst , wenn der Meister immer mit und dabei sei , könne er es mit wohlfeilen Knechten auch machen . « So sprach Joggeli im Verlauf der Zeit , entwickelte eine große Unterhaltungsgabe , legte Weisheit und Gutmeinen an den Tag fuderweise , zahlte nicht bloß eine , sondern zwei Flaschen Wein , wahrscheinlich aus den auf den Schuhnägeln ersparten drei Kreuzern , und ein Herz und eine Seele , wie Vater und Sohn , wanderten sie zusammen heim . Schon ging die Sonne nieder , aber nicht in den klaren Hintergrund der Berge , sondern hinter eine schwarze Wolkenwand , welche sich über den Kamm der Berge gelagert hatte . » Es ist gut , sind wir fertig , « sagte Uli , » das Wetter ändert , hinter Wolken geht die Sonne nieder . « » Ja , « sagte Joggeli , » Pressieren ist gut , und bei den Löhnen , welche man jetzt den Dienstboten gibt , kann man wohl pressieren , es mags ertragen . Und wie man sie jetzt speisen muß , potz Sacker , es hat keine Art mehr , und sind doch niemals zufrieden , und ehedem hätte ein Bauer gemeint , er lebe wie ein Herr , wenn er es gehabt hätte , wie jetzt der schlechteste Knecht leben will . Ich mag mich noch erinnern , daß man Kaffee selten sah auf einem Tische und Brot selten . Man hatte Rüben , Kraut , Obst , grünes , solange es dauerte , dann gedörrtes , Hafermus , Haferbrei und Milch ; das aß man , und dabei war man wohl und mochte arbeiten wohl so gut als jetzt . Fleisch hatte man an den meisten Orten bloß den dritten Sonntag . Schon beim Frühstück stellte man es auf , ließ es den ganzen Tag auf dem Tische , daß jeder gehen und nehmen konnte , so oft es ihm beliebte . Aber zu Tode aß sich Keiner , grünes Fleisch war es selten , sondern dürres , gut gesalzen , oft drei Jahre alt , und mit Einlegen ins Wasser gab man sich nicht große Mühe . Brav Durst gab das , der Bauer ging in den Keller und löschte ihn mit Milch , das Gesinde hing den ganzen Tag an der Brunnenröhre , daß man hätte glauben sollen , es müßte jeder zur Feuerspritze geraten , und dabei waren alle wohl zufrieden , man wußte nichts anders . Dann erst vom Bettlervolk wußte man wenig oder nichts . Es waren kaum halb so viel Leute und zu essen für alle da . Zur selben Zeit meinte es unser Herrgott noch gut mit den Menschen und nahm zuweilen den Zehnten mit Pestilenz oder Krieg . Aber jetzt muß ihm das erleidet sein , er läßt alles aufwachsen ; es dünket einen , das schwächste Kind könne nicht mehr sterben , es müsse leben , und so kommt es dann , daß man sich die Haut abreibt und zuletzt noch einander fressen muß , wie die Ratten es machen sollen . Und wie muß man den Menschen noch dazu aufwarten ! Brot darf auf dem Tische nie fehlen , Kaffee wollen sie wenigstens zweimal im Tage , Kraut sehen sie kaum mehr an , und wenn man ihnen mehr als dreimal des Jahres mit Rüben kömmt , so schreien sie zu Gott , sie seien ganz erkältet und wenn er sie nicht von den Rüben erlöse , müßten sie zu lebendigen Eiszapfen werden . Alle Sonntage muß Fleisch sein per se und grünes noch , welches man kaufen muß , wovon einer , wenn er noch drei gute Zähne im Maul hat , in einer halben Stunde ein ganzes Pfund frißt , wenn er es kriegt nämlich . Ja jetzt wollen sie morgens um neun Uhr noch was , wollen um drei Uhr wieder was , wollen nichts mehr als liegen und fressen und sind doch nie zufrieden , wie man es auch machen mag , man wird den Löffel ganz aus der Hand geben sollen . Wenn mein Vater selig wüßte , wie es ginge jetzt , er kehrte sich noch im Grabe um , und wer weiß , ob er nicht aufstände und versuchte , Ordnung wieder zu schaffen , von wegen das war ein Mann , der nicht meinte , er müsse alles annehmen , wie es kommt , und über sich ergehen lassen , was jedem Maulaffen gefalle . Der wollte zu allem , was ihn anging , ein Wörtlein sagen , ließ sich die Ordnung nicht machen , sondern machte sie selbst , und nicht bloß so eine auf dem Papier , sondern eine , nach der er ging , und eine , die er hielt . Ja , ich bin froh , daß ich daraus bin , es wird je länger je böser , und wer erst anfangen muß , kann mich dauern , begehre nicht an seinem Platze zu sein , wüßte nicht , wie machen . « Joggeli war zu einem Einheizer geboren , namentlich würde er auf einem amerikanischen Dampfboote , wo man bekanntlich liebt , die Kessel zu heizen , bis sie springen , die vortrefflichsten Dienste geleistet haben . So heizte er allenthalben ein , wo er an einen Menschen kam , und wie es schien , um so heißer , je älter er ward . So heizte er auch Uli ein , daß derselbe zu dampfen begann , doch sprang der Kessel , der Kopf , ihm nicht , denn nun begann ein Anderer das Heizen und zwar bei Joggeli . Der liebe Gott rollte mit seiner Hand den mächtigen Donnerwagen durch des Himmels unendliche Räume gewaltig und hehr . Es war , um sich menschlich auszudrücken , als ob der Herr über seinen Fluren dahinfahre , zu schauen , was seine Kinder machen , ob heilige Sabbatsruhe sei auf Erden oder ein wüst heidnisch Getümmel , oder ob irgendwo ein töricht Menschenkind sich beigehen lasse , sein Korn , welches des Herren Hand ihm wachsen ließ , vor des Herrn Wettern zu bergen , als ob man irgendwo hinfliehen könne vor des Herrn Macht . Nun begann Joggelis Herz zu beben , und seine Stirne rauchte , denn er fürchtete das Donnern sehr ; er fürchtete es mehr als den Herrn selbst , denn erst wenn es donnerte gedachte er an seine Ohnmacht und seine Sünden , an des Herrn Wort und Macht . Er war ein Kind geblieben sein Leben lang , aber der Art eines , welche hinter dem Rücken der Eltern alles sich erlauben , nie ihrer gedenken , sobald dieselben außerhalb dem Bereich ihrer Sinne sind , aber in die Knie fallen zitternd und bebend , wenn unerwartet sie derselben Stimme hören , und bitten und betteln um Schonung und Milde oder in Ecken sich zu bergen und zu sichern suchen , Adam und Eva gleich , als sie des Herrn Stimme hörten . Als ernst und feierlich des Herrn Stimme aus den Wolken brach , da strebte Joggeli mit schwachen Beinen vorwärts und sagte : Er helfe pressieren . Aber die Wolken riefen dem Sturme , und schneller reiten auf des Sturmes Flügeln die Wolken , als so ein Joggeli mit schwachen Beinen höpperlet . Das komme streng daher , sagte er , wenn sie nur irgendwo schirmen könnten ; Bäume wären wohl , aber bei solchem Wetter hülfen sie wenig und seien sehr gefährlich . Wilder , gewaltiger schmetterte der Donner , blendend fuhren die Blitze , rot glühte die Straße , und doch wars noch heller Tag , groß und schwer fielen Tropfen nieder und tief beugten die Bäume sich . Es war , als ob sie die Nähe des Herrn fühlten . Er würde was geben , wenn er zu Hause wäre , sagte Joggeli , es blende ihn gar in den Augen , das möge er nicht ertragen . Der Mensch sei doch dumm , zu laufen , wenn er zu Hause auch sein könnte . Wegen drei Kreuzern bringe ihn niemand mehr fort . Kreuzer hin , Kreuzer her , am Ende sei ihm das Leben lieber , und was man an den Kleidern verderbe , wenn man so naß werde , an einen Regenschirm hätte er gar nicht gedacht . » Ein schöner Regen schadet allweg nichts , « sagte Uli , » wenn es nur nicht hagelt , mein Korn habe ich Gottlob unter Dach . « Gewaltig prasselte der Regen nieder , jeder Regenstrahl einen Finger dick . » Naß , naß wird man , und du mein Gott , wie das donnert , so habe ich es lange nicht gehört ! Ja , du hättest deines unter Dach , aber denk an Andere ! Gewiß war noch Mancher dumm genug und machte heute nicht Garben , weil es Sonntag ist . Es gibt Leute , welche nie weise werden ; was wird das doch unserm Herrgott machen , ob einer Garben macht oder nicht am Sonntag ? Die Leute sind doch noch so « - und ein glühender Blitz zuckte vorüber , geblendet schlossen sich ihre Augen , und ein Donner krachte nach , als ob der Himmel geborsten wäre wie eine gläserne Decke und in Millionen Scherben zur Erde rieselte . » Das walte Gott , « sagte Joggeli , » wir kommen nicht lebendig heim ; wenn ich nur den Brief bei mir hätte , welchen einst die Mutter Gottes zur Erde fallen ließ . Ich kaufte ihn einem Luzerner ab für zwei Gulden . Wer den bei sich trägt , dem tun die Elemente nichts und der Blitz nichts und das Wasser nichts , aber ich dachte heute nicht dar , an , daß es gut sein könnte . « Fortan ward Joggeli stille , wahrscheinlich sagte er den Brief her , den er vom vielen Lesen auswendig wußte , und glaubte , er werde im Munde so gut sichern und schirmen als in der Tasche . Er tat es wirklich auch , sie kamen lebendig heim , aber so naß , wie sie ihr Lebtag wohl nie gewesen . Uli meinte , wenigstens einen halben Fuß tief durch die Haut in den Leib hinein habe es ihm geregnet . Er wird wohl übertrieben haben , denn wenn dies auch bei Joggeli der Fall gewesen wäre , so hätte es in der Mitte zusammengeregnet und sicher eine Wassernot abgesetzt , und wir haben nichts davon vernommen . Hingegen schlotterte Joggeli bedenklich , brachte vor Zittern die nassen Kleider kaum vom Leibe , kroch so schnell als möglich zu Bett , zog den Umhang fest zu , damit er das Leuchten der Blitze nicht sehe , und hütete vier Tage das Bett , dieweil er Fieber zu haben glaubte . Noch viel länger aber als vier Tage brummte er , wie das ein sauber Eingericht sei in der Welt , daß wer sparen und hausen wolle , von unserm Herrgott beregnet werde , daß er fast ums Leben komme . Sein Lebtag versetze er wegen Schuhnägeln und drei Kreuzern keinen Schritt mehr . Daß ihm noch ganz was anderes im Kopf gestochen als Schuhnägel und drei Kreuzer , als er den Uli nach Gramslige gelocket , daß er dem Uli Kopfnägel einklopfen wollte und daß unser Herrgott mehr als recht gehabt hätte , wenn er ihn nicht bloß beregnet , sondern auch behagelt hätte , das dachte Joggeli nicht von ferne . Er war nicht bloß von denen einer , die nimmerdar zur Wahrheit kommen können , sondern von den Unglücklichen einer , welche Menschen , Gott und sich selbsten immerfort belügen und es nicht einmal merken . Es gibt Worte , sie gehen in den Kopf wie Splitter ins Fleisch : man merket es nicht . Erst nach einer Weile fangen sie an zu schmerzen und zu eitern , und oft hat man seine liebe Not , ehe man sie wieder rauskriegt . Im August ist die Zeit , wo man die Dienstboten und namentlich die Knechte frägt , ob sie bleiben wollen oder nicht , oder wo man , wenn man sie nicht mehr will , andere sucht und dingt . Der Wechsel findet erst auf Weihnacht statt oder eigentlich nach dem Neujahr . Die zwischen beiden Tagen liegende Zeit gibt man meist frei , besonders den Mägden zum Zurechtmachen ihrer Kleider , und weil sie doch das ganze Jahr gearbeitet , will man sie nicht um das Neujahren , das heißt eine ähnliche Mahlzeit wie die Sichelten , bringen . Rechte Meister und rechte Dienstboten versehen sich in dieser Zeit , machen , daß sie wissen , woran sie sind . Was leichtere Ware ist , läuft noch lange herum um Meister aus oder läßt auf den Zufall es ankommen oder verspricht einer Dienstbotenmäklerin einige Batzen , wenn sie ihm einen Platz zuhanden habe . Spekulative oder kaltblütige Meister warten auch oft bis zuletzt . Sie sagen , es gebe Leute genug , warte man bis zu Weihnachten , so kriege man die , welche noch keine Plätze hätten ganz wohlfeil , wie man ja auch auf Viehmärkten zumeist das Vieh zuletzt am wohlfeilsten kriege , weil es den Leuten zuwider sei , dasselbe unverkauft wieder nach Hause zu treiben . Die Leute kalkulieren verschieden , und fast jeder Mensch hat nicht sowohl eine andere Rechnungsweise , sondern er wertet die verschiedenen Faktoren anders und auf seine Weise . Und das ist eben eine Kunst , welche Wenige verstehen , jedem Faktor den wahren und echten Wert beizulegen , und dies allein schützt doch vor dem fatalen Verrechnen . Es war August und Uli sagte nichts von Dingen oder Wechseln , es ward Vreneli ganz angst dabei , und doch fing es nicht gerne davon an . Es gibt in jeder Ehe Punkte , von welchen das Eine oder das Andere nicht gerne anfängt , Punkte , wo man fürchtet , man möchte verschiedener Meinung sein , Punkte , wo dem Einen oder dem Andern sein Gewissen sagt , es sei auf dem Holzweg , während es diesen Holzweg dem Andern zulieb nicht verlassen mag , Punkte , wo das Eine oder das Andere den Schein vermeiden möchte , als wolle es meistern und regieren . So zum Beispiel regieren alle Weiber für ihr Leben gerne , aber die sind selten , welche es eingestehen und den Namen , daß sie regieren , haben wollen . Vreneli fürchtete eben diesen Schein auch . Es kam ihm oft dazu , einen Entscheid geben zu müssen in aller Liebe oder für dieses oder jenes reden zu müssen , da Ulis Kopf für die Meisterschaft und das Rechnen und Sorgen ums Auskommen fast nicht groß genug war und er alle Tage klagte , er glaube , es komme nicht gut mit ihm , er werde gar vergeßlich . Der gute Uli dachte nicht daran , daß jeder Kopf sein Maß hat , daß man Weniges leicht fassen und behalten kann , aber von gar zu Vielem einem eine Menge entfallen muß , ohne daß deswegen das Gedächnis schwächte . Zu viel ist zu viel . Äpfel kann man in einem guten Korbe behalten , aber häuft man sie zu sehr auf , so rollen sie herab , und will man es zwingen , so kann man seine ganze Lebenszeit mit Auflesen und Drauftun und wieder Auflesen zubringen . Das wäre was für Pädagogen , wenn die noch was lernen könnten , aber eben sie haben mit dem Auflesen mehr als genug zu tun . Vreneli wollte nicht gerne der Treiber Jehu sein , auch nicht gerne etwas zur Sprache bringen , wo es eine geheime Ahnung hatte , Uli möchte an etwas denken , was ihm nicht anständig sei . Doch einmal war Vreneli mit seiner bessern Magd alleine zu Hause , sie hatten Flachs und Hanf gekehrt und fochten jetzt in den Bohnen . Es ist nun nicht bald ein vertrauter Plätzlein und geschickter zu vertraulichen Mitteilungen als ein Bohnenplätz . » Los Vreneli , « sagte die Magd , » du sagst nichts ich muß dich doch fragen : kann ich bleiben oder muß ich weitersehen ? « » Ich weiß nichts anders , « sagte Vreneli , » es wäre mir zuwider , wenn du gehen wolltest ; ich muß noch mit Uli reden , aber es wird ihm auch das Rechte sein , wenn du bleibst , er weiß am besten , was man beim Ändern gewinnt und was das fördert , wenn man an einander gewöhnt ist und weiß , wie man es gerne hat . « Am Abend , als sie im Allerheiligsten des Hauses waren , sagte Vreneli : » Mädi hat mich gefragt , ob es bleiben könne oder weitersehen müsse ? Ich habe ihm gesagt , ich wüßte nichts anders , wolle aber erst mit dir reden , ehe ich bestimmten Bescheid gebe . « » Ja , « sagte der