die keimende Liebe Salvadors zu Lydia nicht unlieb war . Wir werden sie später kennen lernen . Salvador eilte leichten Herzens auf seinen Posten . VII Wir müssen jetzt kurz dem Leser davon Rechenschaft geben , wie es zuging , daß Pater Angelikus noch einen so späten Besuch bei Ines machte . Er - nämlich der Leser - wird sich erinnern , daß der ehrwürdige Herr , nachdem er sich vom Fürsten getrennt hatte , über die Ferdinandsbrücke schritt , um sich nach Hause zu begeben . Als er jedoch an dem jenseitigen Ufer angelangt war , fiel ihm ein , daß er von Alicen keinen Abschied genommen , indem er , sobald der Fürst sie verlassen hatte , die geheime Treppe hinab , über den Hof geeilt und durch die Seitenstraße in die Wollzeile einbog , gerade in dem Augenblicke , wo der Fürst das Haus verlassen wollte . Es fiel ihm , wie gesagt , ein , daß er von Alicen keinen Abschied genommen . Das war unartig , es war wahr : es war undankbar , und vor allen Dingen : es war unklug . - Was mußte Alice daraus schließen ? sie , vor deren Klugheit er einen gewissen Respekt hatte - - und das wollte bei Angelikus viel sagen . - Würde sie nicht auf die Vermuthung kommen , daß er mehr ahne , als ihr lieb sei ? Daß er vielleicht mit dem Fürsten gesprochen und von diesem durch unschuldig scheinende Fragen mehr erfahren , als ihr zweckdienlich scheinen mochte ? Und würde diese Vermuthung ihm nicht ihr Mißtrauen , ihren Haß zugezogen haben ? - Der Pater war empfindlich gegen diesen Haß , er fürchtete die Feindschaft dieser Frau nicht nur deshalb , weil er ihrer nothwendig bedurfte , sondern auch darum , weil sie ihm , das heißt : seinen Plänen gefährlich werden , ja sie vollständig vernichten konnte . Er wandte also seinen Schritt dahin , woher er gekommen , zu Alicens Wohnung . Unterwegs durchleuchtete ein neuer Gedanke sein grübelndes Gehirn . Er wollte Alicen einen ihm mit Leib und Seele ergebenen und verschwiegenen - Begleiter mitgeben : Salvador . Es paßte sich vortrefflich , daß Lydia den Schwarzkopf schon kannte und , wie es schien , Vertrauen zu ihm gefaßt hatte . Er würde also von dieser Seite keinen Einwand zu bekämpfen , ja vielleicht Beistand bei seinem Antrage zu erwarten haben . Zugleich entfernte er dadurch den leidenschaftlichen Jungen aus der Nähe des Fürsten , da ihm - aus Gründen , die später deutlicher sich darlegen werden - Alles daran gelegen war , daß der Fürst für ' s Erste unangetastet blieb . Während er diese Reflexionen machte , war er bei Alicen angelangt , deren forschenden Blick er glücklich zu ertragen wußte . In Bezug auf seine Bitten wegen des Knaben kam ihm Alice auf halbem Wege entgegen . Sie ahnte die Schlinge nicht , die ihr damit gelegt wurde . Nachdem noch das Nähere und Weitere verabredet war , und Angelikus versprochen hatte , Salvador des Morgens früh , eine Stunde vor ihrer Abreise , bei ihr einzuführen , empfahl er sich und eilte , froh darüber , die doppelte Verlegenheit so schnell und leicht überwunden zu haben , zu Ines . Wir kehren nunmehr zu unserm jungen Nachtwandler zurück . Mit schnellen Schritten eilte er dem Stephansplatze zu . Hier wurde sein Gang langsamer , bis er endlich das bezeichnete Haus erreicht hatte . Es war ganz dunkel , nur das äußerste Eckfenster des zweiten Stocks war erhellt . Des Knaben Phantasie brachte ihn sofort zu der Ueberzeugung , daß dies ihr Fenster sei : und wirklich hatte er diesmal recht . Die beiden Frauen mochten mit Einpacken beschäftigt sein , denn Salvador sah häufig bald einen bald zwei Schatten auf den weißen Rouleaux , welche zum Schutz gegen neugierige Blicke der gegenüberliegenden Etagen niedergelassen waren , hin und her gleiten . Salvador setzte sich auf einen Prellstein an der Ecke eines gegenüberstehenden Hauses , und sah unverwandten Blickes zu dem Fenster empor . Mitternacht war längst vorüber ; dumpf hallte die Glocke des Stephansthurms die erste Stunde des Morgens durch die schweigende Nacht . - Salvador hatte seinen Blicken noch keine andere Richtung gegeben . - Wieder war eine Stunde vorüber . Es schlug zwei : der Knabe rührte sich nicht . » Merke genau « - hatte der Pater gesagt - » zwei Uhr und zwanzig Minuten . « Salvador hatte es vergessen . Aber als die Wellen des letzten Schlages in die reine Luft verflossen waren , wollte es ihm bedünken , als ginge eine Veränderung in dem Zimmer vor . Es wurde plötzlich lichter als zuvor , dann trat die frühere matte Helligkeit wieder ein , aber bald darauf erhellten sich zwei an der andern Seite des Gebäudes gelegene Fenster in derselben Etage . - Da kam Salvador zum Bewußtsein ; er raffte sich empor und besann sich darauf , daß es zwei Uhr geschlagen . Zugleich fielen ihm die Worte des Paters ein : Zwei Uhr und zwanzig Minuten . Er zog seine blaue Jacke , die er über die Livree gezogen , fester um sich , drückte seinen Strohhut tiefer ins Gesicht und begann jetzt , langsam die Straße auf und niederzuschreiten , indem er rings spähende Blicke umherwarf , die jedoch zuweilen auch das Eckfenster trafen . Sein Herz klopfte , als sollte er ein Verbrechen begehen , stärker und stärker , je näher es dem festgesetzten Zeitpunkt kam . Endlich sah er eine tief in den Mantel gehüllte männliche Gestalt vom Stephansplatz her die Wollzeile heraufschreiten . Er erkannte sogleich den Fürsten , und ging ihm schlendernden Ganges , und als bemerke er ihn gar nicht , entgegen . Der Fürst eilte an ihm vorüber , ohne ihn zu beobachten . Jetzt mußte er an der Hauptthüre sein ; Salvador wandte sich um : die Thüre öffnete sich - der Fürst war verschwunden . Salvador nahm wieder seinen Platz auf dem Eckstein ein : das Fenster Lydias war dunkel ; - dagegen strahlten die andern beiden , später erhellten Fenster einen durch keine Rouleaux gebrochenen Glanz ihm entgegen . - Jetzt trat eine männliche Gestalt an das Fenster . Da fuhr es ihm wie ein Dolchstich durch die Seele und er fühlte zum ersten Male den schmerzhaften Stachel der Eifersucht in seinem Herzen , das in diesem Augenblicke seine Unbefangenheit für immer verloren . - Fürst Lichninsky - flüsterte halb träumerisch der arme Knabe , indem er drohend die Hand gegen den Himmel erhob : - Fürst Lichninsky , Sie stehen mir im Wege . - Folgen wir nun dem Fürsten zu Alicen . Rasch stieg er die Treppen hinan und war wenige Sekunden darauf bei Alicen . Der Fürst stellte den Hut aufs Fenstergesims und warf mit jener graziösen Nachlässigkeit , die nur bei wirklich aristokratischen Naturen nicht affectirt erscheint , seine Handschuhe hinein . - Ich habe Sie also verstanden - sagte er mit gleichgültigem Tone - Sie erwarteten mich . - Freilich , ich erwartete Sie und nun will ich Ihnen vor allen Dingen Aufklärung darüber geben , was heute oder vielmehr gestern Abend Sie zu jenem absonderlichen Mißverständnisse verleitete , als würden wir belauscht . Der Fürst erwiederte nichts . Er rückte einen Stuhl an den Tisch , hinter welchem Alice auf dem Sopha saß und blätterte in einem Reisealbum , das sie auf allen ihren Streifzügen mit sich führte und mit ihren Erinnerungen bereicherte . - Sie scheinen nicht begierig darauf - fuhr Alice mit gereiztem Tone fort , froh darüber , einen Grund zum Streit gefunden zu haben , der sie vielleicht der Nothwendigkeit einer solchen » Aufklärung « - überheben könnte . - Schweigen wir also davon , wenn Sie es so wünschen . - Ich wünsche es nicht - sagte lakonisch der Fürst . Alice glaubte sich durchschaut und erröthete unwillkührlich . Sie mußte zu einer andern Taktik ihre Zuflucht nehmen , das fühlte sie wohl . - Sie setzte der Einsylbigkeit des Mißtrauens die Einsylbigkeit des Stolzes entgegen . - Was wünschen Sie also , Durchlaucht ? - fragte sie fast hochmüthig . Der Fürst blickte empor : - Sie haben gewünscht , gnädige Frau - erwiederte er mit derselben hochmüthigen Kälte - daß ich um diese Zeit hier mich einfinden solle , wenn ich Sie richtig verstanden . Nun denn , ich bin hier , auf Ihren Wunsch nämlich . Es könnte demnach auffallend scheinen , daß jetzt , wo ich Ihrem Wunsche gehorsam , mich eingestellt , Sie mich fragen , was ich wünsche . - Der Fürst erhob sich . - Das Umgekehrte wäre naturgemäßer , sollte ich meinen . Indessen war ich zu bescheiden , um eine solche , gegen alle gute Lebensart sündigende , Frage an Sie zu richten . Ich wartete ab : voilà tout . - Der Fürst warf seinen Mantel über die Schultern . Alice erbleichte , als sie sah , daß der Fürst entweder wirklich beleidigt war oder den Beleidigten spielte . In beiden Fällen war er gegen sie im Vortheil ; aber ihr Benehmen mußte für jeden der beiden Fälle ein durchaus verschiedenes sein . Schnell wie sie die Nothwendigkeit dieser Unterscheidung erkannte , beantwortete sie sich auch die Frage , ob die kalte Gereiztheit des Fürsten nur eine Maske war , vermittelst deren er über sie zu triumphiren versuchen wollte , oder ob er diesmal wirklich beleidigt war . Im ersten Falle konnte sie es wagen , Trotz dem Trotzigen zu bieten , denn sie war sich ihrer größeren Consequenz bewußt ; im andern Falle war ihre Lage schwieriger ; und - sie konnte es sich nicht abläugnen , daß sie sich in dieser schwierigen Lage wirklich befand . - Der Fürst ergriff seinen Hut und steckte die Handschuhe in die Rocktasche . - Vielleicht wird der Leser lachen , wenn wir ihm mittheilen , daß in diesem einzigen Umstande , daß der Fürst die Handschuhe in die Tasche steckte , Alice die Ueberzeugung gewann , der Fürst sei ernstlich erzürnt auf sie . Er hätte sie sicher - so reflektirte sie - mit hastiger Langsamkeit angezogen , um für sich Zeit zu gewinnen und ihr zu lassen . Ihr Operationsplan war gefaßt . Sie schwieg und lehnte sich , die Hand über die Augen haltend - als blendete sie das Licht , - in das Sopha zurück . Ihr ganzes Wesen nahm den lebendigen Ausdruck einer aus Mißkennung stammenden Resignation an . - Der Fürst war zum Abschiednehmen fertig . Er stand vor ihr , erwartend , daß sie sich emporrichten würde . Aber sie reichte ihm - ohne ihre Stellung zu verändern - die linke Hand und sagte mit leiser Stimme , als fürchte sie durch lauteres Sprechen ihre Bewegung zu verrathen : - Leben Sie wohl , Felix ! - Es lag ein solcher Zauber in diesem Ton , daß des Fürsten Zorn schon halb gebrochen war . Er hielt ihre kleine zierliche Hand noch in der seinigen , schwankend , was er sagen , was er thun solle . Jetzt überflog sein Auge die vor ihm liegende reizende Gestalt , welche durch ein schneeweißes , leichtes Negligee noch mehr gehoben , einen verführerischen Anblick darbot . - Alice - sagte sanft der Fürst , indem er ihre Hand nach einem leisen Drucke fahren ließ . Alice ließ ihre Rechte von der Stirn gleiten . Zwei große Thränen glänzten in ihren Augen . Sie blickte ihn durch dieselben mit unaussprechlicher Traurigkeit an . Jetzt war es um des Fürsten Kälte geschehen . Er warf Hut und Mantel weit von sich und kniete vor Alicen nieder , ihren schlanken Körper umfassend und an seine Brust drückend . Sie beugte sich über ihn und drückte einen Kuß in sein schwarzes reiches Haar . - Du hast mir wehe gethan , Felix - sagte sie mit demselben sanften Tone der Resignation . - Verzeihung Alice - - Höre mich jetzt , ich will Dir erklären - - So willst Du mir nicht verzeihen ? - bat der Fürst . - Ich glaube Dir , ich vertraue auf Dich und bitte Dich zum Zeichen , daß Du mir verziehen , mich nicht demüthigen willst durch die Erinnerung an meine gestrige Tollheit , von jeder Erklärung abzustehen . - Versprich mir das , Alice ! Die Strafe wäre zu hart , wolltest Du darauf bestehen ; denn es wäre eine Mahnung daran , daß ich Dir mißtraute . Noch einmal : Verzeihung Alice ! - Alice hatte vollständig gesiegt . Sie hatte gezittert bei dem Gedanken an die Nothwendigkeit einer Aufklärung . Jetzt wurde es von ihr als eine Gnade erbeten , darüber zu schweigen . Konnte ein Sieg vollständiger sein ? Aber Alice verstand nicht nur zu siegen , sie verstand auch ihren Sieg mit Vorsicht zu benutzen . - Sie entzog sich nicht den Liebkosungen Lichninsky ' s , sie gab ihnen aber auch nicht nach . Sie wollte seine Leidenschaft in diesem Augenblicke weder bis zur Glut anfachen , noch bis zur Kälte dämpfen . - Denn in beiden Fällen würde sie nicht erreicht haben , was sie wollte : einen Blick in die letzte Perspektive seiner Pläne zu werfen . - Schweigen wir also davon , wenn Sie es so wollen - sagte sie mit schalkhaftem Lächeln , welche die Ironie milderte , die in der Wiederholung dieser am Anfange des Gesprächs von ihr gebrauchten Worte lag . - Und nun erheben Sie sich aus dieser für Sie demüthigenden Stellung und setzen Sie sich an meine Seite . - Sie sind grausam , doppelt grausam in diesem Augenblick . Ich nehme es aber als gerechte Strafe hin , und gehorche . - Er sprang auf , und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab . - Alice beobachtete ihn . - - Sie sind heute sonderbar aufgeregt , Felix . Ist es erlaubt , nach dem Grunde zu fragen ? - Glauben Sie an Ahnungen , Alice ? - fragte der Fürst , indem er vor ihr stehen blieb . - An Ahnungen ? - Je nachdem - wenn ich gerade in der Stimmung bin . - Indessen , Sie wissen , daß ich Atheistin bin . Wer keinen Glauben hat , sollte ich denken , ist noch weniger dem Aberglauben zugänglich . - Das ist kein Grund . Die radikalsten Freidenker sind wie die sentimentalsten Pietisten am abergläubischsten . Les extrêmes se touchent . - Mag sein ; ich will mit Ihnen nicht philosophiren . Wie kommen Sie jedoch darauf ? - Weil ich seit gestern Abend das Gefühl nicht los werden kann , als - aber Sie müssen nicht lachen ! - als weile irgend eine feindliche Macht , ein Unbekannter , ein je ne sais quoi in meiner Nähe , das - nun ja , das mir den Garaus zu machen bestimmt ist . Alice lachte laut auf . - Sie haben ein böses Gewissen , Freund , schämen Sie sich . - Ein böses Gewissen ? - Der Fürst schüttelte den Kopf . - Sehen Sie , das ist ' s eben , was mich zur Verzweiflung bringt , daß ich diesem Gefühl keinen Stoff , keinen Anhalt geben kann . Es ist eine Albernheit , eine Verrücktheit - ich gebe es zu : aber das ändert die Sache nicht . - Schade , daß ich heute abreisen muß , ich könnte Sie sonst Morgen Abend zu einer berühmten Sybille führen , die Ihnen aus den Karten Ihr Schicksal wahrsagen würde . - Scherzen Sie nicht . Ich sage Ihnen , daß ich seit gestern Abend den Damokles für keinen Feigling halte , wie ich sonst gethan . - Vielleicht hat sich irgend Eine Ihrer verlassenen Geliebten auf den Weg gemacht , um den Verräther zu strafen , eine wüthende Römerin , oder - was wahrscheinlicher ist - eine rasende Spanierin . - Alice hatte in ihrer gewöhnlichen scherzhaften Weise gesprochen , ohne daran zu denken , daß ihre Worte mehr als eine Neckerei enthalten könnten . Wie erstaunte sie , als sie den Fürsten plötzlich bis an den Rand der Lippen erbleichen sah . Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare , schüttelte sich , wie Jemand , der einen schweren Traum gehabt und brach sodann in ein Gelächter aus . - Dies Lachen aber klang unheimlich und mißtönend . - Zum Teufel mit der Gespensterfurcht ! - Im Arm der Liebe werden die Phantome weichen , wie die Nebel vor dem Sonnenstrahl . Wieder warf er sich vor Alicen nieder . Sein Auge brannte fieberhaft und seine Wangen glühten in dunklem Purpur . Mit Heftigkeit riß er das schöne Weib an sich , das in diesem Augenblicke ihr Herz etwas rascher schlagen fühlte . - Ruhig , Felix - ein leises Zittern beschlich ihre Stimme - wir haben noch Vieles und Wichtiges mit einander zu sprechen . Hören Sie , schon ist ' s 3 Uhr ; noch drei Stunden und ich habe Wien verlassen , um es vielleicht auf lange Zeit nicht wieder zu sehen . - - - - Felix , ich bitte Dich - - Vielleicht wäre Alicens Widerstand geringer gewesen , wenn sie nicht gefürchtet hätte , daß der Fürst in seiner Leidenschaftlichkeit alles Andere , um das es ihr bei diesem Rendezvous gerade zu thun gewesen , vergessen würde . Aber die Grenze war bereits überschritten , wo sie ihn zur Besinnung zurückzuführen noch vermocht hätte . Er war in einer , durch mannigfache Eindrücke , denen sein phantastisches Gemüth so zugänglich war , verstärkten Aufregung , deren Wellen sie durch nichts mehr als durch die schnellste Flucht in ihre Ufer zurückdämmen konnte . - Sie riß sich daher aus seinen Armen los , und eilte in das Nebenzimmer . Der Fürst gehörte zu jenen Naturen , die einmal im Innern von einer Idee erfaßt , im nächsten Augenblicke alle Mittel anwenden , sie zu erreichen , und die bei ihrem gewaltsamen Anstreben keine Schranke achten und keine Autorität respektiren . Ist der Widerstand größer als ihre Kraft , so erschlaffen sie freilich eben so schnell und beruhigen sich bei dem Gedanken der Unmöglichkeit um so leichter , als in den meisten Fällen ihr wandelbares Herz schon wieder durch ein neues Objekt in Anspruch genommen wurde . Der Fürst sprang empor wie ein verwundeter Tiger . Sein Auge rollte , seine Lippen schäumten , seine Brust hob und senkte sich krampfhaft . So stand er vor der verschlossenen Thür . - Einen Augenblick war sein Blick auf die Scheidewand zwischen ihm und seinen Wünschen gerichtet , dann stürzte er mit einem verzweifelten Satz darauf los : die Thüre krachte in ihren Fugen und flog mit einem ungeheuren Knall auf . Alice stand bleich und zitternd mitten in ihrem Schlafzimmer . Endlich brach sie in ein lautes Gelächter aus . - Nun wahrhaftig - ich habe geglaubt , dergleichen Ritterthaten seien nur in Italien oder Spanien an der Tagesordnung . Ich weiß Ihnen Dank für diesen Liebesbrief in Frakturschrift , Felix , und werde mich erkenntlich beweisen . Nehmen Sie Platz . Das Schlafzimmer Alicens bot einen Anblick von raffinirter Verschmelzung von orientalischem Luxus und aristokratischer Einfachheit dar . Die herrschende Farbe desselben war ein mattes Blau , welches in bald hellerer , bald tieferer Schattirung die schweren seidenen Gardinen , die Teppiche , die Tapeten und den wollüstigreichen Divan bedeckte . Die eigentliche Bedeutung dieses Blaues aber war in einer kleinen dunkelrothen Ampel enthalten , welche von der Decke herabhängend , aus ihren tausend scharf geschliffenen Façaden einen Purpurglanz ausstrahlte , der sich auf ' s Innigste mit dem Blau des Zimmers vermählend , das Letztere in eine Teinte hüllte , deren mannichfaltiges zauberhaftes Farbenspiel ein Abglanz der Empfindungen darzustellen schien , welche in dem Busen der schönen Bewohnerin dieses Zimmers auf und ab wogten . Der Fürst stand noch immer lautlos vor Alicen . Endlich sagte er mit düsterm Blicke , einer Stimme , die vor Bewegung zitterte : - Sie spielen mit mir Alice . - Sagen Sie mir den Grund , so will ich zufrieden sein . - - Sie antworten nicht ? - Weil ich Sie nicht verstehe . Der Fürst lächelte ironisch . - Wir scheinen heute dasselbe Unglück zu haben . Schade , daß die Zeit zu kurz ist , um ein gründliches Verständniß herbeizuführen . So hören Sie denn , was meine Meinung darüber ist . Wenn ich von Ihnen gehe , ohne daß die heutigen Räthsel zwischen uns gelöset sind , so hüten Sie sich - ich rede als Freund zu Ihnen - mir künftighin noch andere aufzugeben . Ich könnte das Unglück haben , für Sie ein Oedipus zu werden . - Halten Sie mich in der That für ein Ungeheuer ? - lächelte Alice mit schelmischer Koketterie . Seien Sie kein Thor , Felix , und lassen Sie Ihre düsteren Sentimentalitäten bei Seite . Was ich von Ihnen fordere , ist vor allen Dingen Mäßigung , im Uebrigen werden wir uns , hoffe ich , verständigen , wenn Sie - woran ich nicht zweifle - von der Wahrheit des Satzes durchdrungen sind , daß halbes Vertrauen bedenklicher ist , als vollständiges Mißtrauen . - Und nun setzen Sie sich und reden wir vernünftig . Alice faßte den kaum Widerstrebenden bei der Hand und zog ihn auf den Divan nieder . - Gut - sagte der Fürst - ich will Ihnen Alles sagen , doch vorher eine Frage : Wer hat Ihnen den Brief an die Herzogin von Nagus gegeben und was ist sein Inhalt ? Alice besann sich eine kurze Zeit . - Der Brief ist von Angelikus . Seinen Inhalt kenne ich nicht . - Ich dachte es mir - murmelte der Fürst . - Nur zu , ihr Heuchler und Schleicher . Eure Schlingen sind fein angelegt . Nehmt euch in Acht , daß nicht zuletzt euer eigener Hals darin stecken bleibt . - Es bedarf von meiner Seite nicht der Aufforderung an Sie , von dieser Mittheilung keinen Gebrauch zu machen . - Seien Sie ruhig . Es liegt in meinem eigenen Interesse , daß Sie mich getäuscht glauben . - Nehmen wir nun unser heutiges Gespräch wieder auf . Hier habe ich Ihnen sämmtliche Adressen , welche Sie brauchen , aufgeschrieben . Er reichte Alicen einen Zettel . - Nehmen Sie auch für alle Verbindungen , die ich in Berlin besitze , diese Erkennungskarte , die Ihnen alle Thüren öffnen wird . Alice lächelte . - Sie rechnen sich also auch zu den Kindern des Achtzehnten ? Das habe ich nicht gewußt . Der Fürst sprang , wie von einem Zauberschlage getroffen , empor . Langsam setzte er sich wieder nieder . - Sie gehören zu den Eingeweihten ; desto besser . So bedarf es der Einführung nicht , und wir können deutlicher mit einander sprechen . - Des Fürsten Stimme wurde plötzlich ernst , eine tiefe , innere Bewegung schien ihn zu durchströmen , als er fortfuhr : Alice , theures Weib , wenn je ein Augenblick günstig war , um Vertrauen gegen Vertrauen auszutauschen , so ist es dieser . Ich sage Ihnen offen , daß ich über das , was die Achtzehner wollen , hinaussehe . Was jene wollen , ist für mich nur der Anfang des Anfangs . Es wird an uns liegen , ob wir das Ende erreichen . Gehen Sie denn hin und seien Sie aufmerksam . Nehmen Sie an den Versammlungen Theil , aber compromittiren Sie sich nicht durch irgend welche Demonstration . Es wird Ihnen ein Leichtes sein , die Führer zu vertraulichen Mittheilungen zu veranlassen . Behalten Sie getreulich Namen und Sachen , aber schreiben Sie nichts auf . - Alice , wollen Sie mit mir kämpfen , mit mir die Früchte des Sieges genießen ? Der Fürst schlang seinen Arm um den schönen Leib Alicens , die ihren Kopf an seine Schulter gelehnt hatte . Ihre Lippen fanden sich . Alice wußte jetzt genug , um länger zu widerstreben . In dem Rausche der Leidenschaft , in den sie den schönen Mann versetzte , legte sich seine Seele völlig klar ihren Augen dar und war noch eine Falte übrig gewesen , so hatte sich diese unter der liebkosenden Hand der schönen verführerischen Frau schiegsam geglättet . Es schlug 5 Uhr , als sich Alice aus den Armen des Fürsten emporraffte . - Lebe wohl , Geliebte - in Berlin sehn wir uns wieder . Zweites Buch I Es war ein unfreundlicher Märzabend . Auf den Straßen Berlins lag ein dichter Nebel , den zu durchdringen die zahlreichen Gasflammen sich vergebens anstrengten . Mit raschen Schritten und tief in Mäntel gehüllt oder unter schützenden Regenschirmen sich bergend eilten die geschäftigen Bewohner der preußischen Residenz auf dem feuchtglänzenden Trottoir an einander vorüber . Auf dem Thurme der Nikolaikirche in der Poststraße schlug es 8 Uhr . Zahlreich strömten aus den Tabaksfabriken der Königsstadt die Arbeiter und Arbeiterinnen , um sich nach ihren Familien in den Vorstädten zu begeben . Nicht wie die Schnitter und Schnitterinnen auf dem Lande unter fröhlichem Scherz und munterem Gelächter , wenn sie dem mit Garben hochbeladenen Wagen folgend am Abend nach vollbrachtem Tagewerk ins Dorf ziehen : - lautlos und finster schlichen sie dahin , und nur eine Hoffnung beflügelte ihre Schritte , im Schlaf das Bewußtsein ihres qualvollen Daseins los zu werden . - Und wohl ihnen , wenn dies Bewußtsein in ihnen noch lebendig war , aber bei den meisten war statt dessen eine stumpfe Indifferenz vorhanden , die sie gegen Trost und Hoffnung , wie gegen den Schmerz und die Entbehrung gleicherweise unempfindlich machte . Unter den jungen Mädchen , welche aus dem hellerleuchteten Laden des Fabrikanten P .. in der Königsstraße heraustraten , wäre dem aufmerksamen Beobachter vielleicht nur eins aufgefallen , in dessen Gesicht sich noch das Gefühl der Herabwürdigung abspiegelte ; und doch war gerade dieses eine der ältesten Cigarrenwicklerinnen der Fabrik . Sie hieß Anna und war 16 Jahre alt . Um sich besser gegen den allmälig zum Regen gewordenen Nebel zu schützen , hatte sie ein dunkelbraunes , grobwollenes Tuch um den Kopf und Hals geschlungen , so daß man nur ihre dunkelblauen Augen , aus denen eine in diesem Alter selten verständige Resignation sprach , so wie ihre feingeschnittene Nase erkennen konnte , so richtete sie , abgesondert vom großen Haufen , einsam ihren Weg nach einer der düstern nordöstlich gelegenen Vorstädte . Es war heute Zahltag gewesen : sie brachte den Lohn für die Arbeit einer ganzen Woche mit nach Hause . Sie rechnete nach , wie viel jede Stunde , die sie in der Fabrik angestrengt gearbeitet , ihr eingetragen habe und brachte endlich heraus , daß es im Durchschnitt fünf Pfennige ausmache . Fünf Pfennige für eine ganze lange Stunde - das war freilich wenig , um eine ganze Familie damit zu ernähren . Denn Anna mußte außer ihren Eltern noch fünf Geschwister , vor denen das jüngste noch an der Mutter Brust war , unterstützen . Zwar hatte sie noch einen ältern Bruder - Rudolph , oder wie er gewöhnlich genannt wurde : Ralph - ein fleißiger und geschickter Maschinenbauer . Aber der war seit einiger Zeit ein ganz anderer Mensch geworden : früher heiter und lebensfroh , jetzt düster und in sich gekehrt . Ihr Vater , der alte Naumann , war ein geschickter Tischler , da er jedoch schon lange keine Arbeit mehr erhielt und die Noth groß war , so hatte er sein Arbeitszeug verkaufen müssen und flocht jetzt Körbe . Aber das brachte auch wenig oder nichts ein . Der Winter war sehr hart gewesen , sie hatten die Miethe nicht bezahlt und es war vorauszusehen , daß der Wirth des Familienhauses - sie wohnten in einem Familienhause im Voigtlande - ihnen im Kurzen , wie man zu sagen pflegt , den Stuhl vor die Thüre setzen würde . Bei der Klasse von Menschen , zu denen die Naumannsche Familie gehörte , ist es etwas sich ganz von selbst Verstehendes , daß die Kinder , sobald sie die Jahre erreicht haben , wo die Sprößlinge » anständiger Leute « anfangen , das Gymnasium oder die höhere Töchterschule zu besuchen , ihre Schuld an die Familie durch Arbeit abtragen . Darin liegt nicht etwa ein sentimentaler Anstrich von Edelmuth , oder Aufopferungsfähigkeit , oder Elternliebe - im Allerentferntesten nicht ; sondern die Kinder sind in dieser Sphäre der Gesellschaft ein Kapital , dessen Herstellung bis zu dem Punkte , wo es seine Zinsen trägt , » gekostet « hat und nun von diesem Punkte an nicht nur durch sich selbst existiren , sondern auch einen Ueberschuß zur Amortisation der Beschaffungskosten abwerfen muß . - Es war deshalb der guten Anna auch nie in den Sinn gekommen , aus ihrer arbeitsamen und entsagungsreichen Lebensart das erhebende Bewußtsein einer sie ehrenden Handlungsweise zu schöpfen , ein Bewußtsein , das sie vielleicht gestärkt und ermuthigt hätte : Diese Reflexion lag ihr durchaus fern , sie sah darin nichts weiter als ihre » Bestimmung « , der sie nicht entgehen könne . Zwar stieg wohl zuweilen , wenn sie ihre kleinen , aber von der beißenden Lauge , worin sie die Tabaksblätter wusch , zerfressenen , harten Hände betrachtete , in ihr die Frage auf : warum denn gerade sie und so viele andere ihrer Mitarbeiterinnen zu dieser beschwerlichen und wenig lohnenden Arbeit » bestimmt « seien , während es so viele junge Mädchen giebt , die ihren Tag damit hinbringen , sich zu putzen und ins Theater zu fahren - aber solche Vergleichungen kamen erstens sehr selten und gingen auch , da sie sich keine Antwort darauf zu geben wußte , spurlos vorüber . Als sie heute ihre Rechnung überschlug , wurde wieder jene Frage in ihr wach und eine Bitterkeit , wie sie sie bis jetzt noch nicht gefühlt