vorher noch einen Blick in den Spiegel warf , um sich von der Ordnung ihrer Toilette zu überzeugen . In der That hatte sie zu einer so ängstlichen Flucht keine Veranlassung , denn das sehr reizende Morgenhäubchen , welche das kindlichreine Oval ihres Gesichts umschloß , war eben so untadelhaft , wie das lange faltige , blendend weiße Morgenkleid , das bis hoch über die Schulter hinaufreichte . - Nachdem sie noch die Vorsicht angewendet , das letztere unter dem Halse mit Hülfe einer Nadel zu einem festeren Anschluß zu zwingen , wobei sie abermals erröthend die Augen niederschlagen mußte , weil ihr einfiel , wie gering der Zeitraum war , welcher zwischen dem Erscheinen des vorhererwähnten Paares und dem Fall der Thräne , die sie aus ihrer Träumerei erweckt hatte , lag - trat sie abermals an das Fenster , um endlich einmal ihr Geschäft zu vollenden . Diesmal wurde sie von Niemandem beunruhigt . Nachdem die Laden befestigt waren , begann sie die in die Stube gestellten Töpfe wieder an ihren früheren Platz zu stellen , als sie zwischen den beiden mittelsten Töpfen der unteren Reihe ein zusammengewickeltes Blatt Papier bemerkte . Sie zog es neugierig hervor , und öffnete es . Da erblickte sie auf der Einlage ihre eigene Schrift . Als sie das Blatt entfaltete , erkannte sie ein Billet , das sie vor einigen Tagen an ihren Verlobten geschrieben . Um so neugieriger ergriff sie nun das andere Blättchen , in dem jenes eingeschlagen war , und las unter wachsendem Erstaunen folgende mit Bleifeder geschriebenen Worte : Unsere Freuden sind wie Stäubchen , die von den Rädern des Lebenswagens fliegen , um sich einen Augenblick in der Sonne zu spiegeln . Eine ihr selbst unerklärliche Angst ergriff Lydia bei diesen Worten ; es war ihr , als sei ein großes Unglück geschehen , und doch hatte sie keine Vorstellung davon , was es eigentlich sei , das sie so in Furcht setzte . Es lag in den Worten des Zettels - das fühlte sie wohl - etwas Düsteres , Unheil Andeutendes , das sie zur Resignation und Fassung aufforderte . Zuweilen schien ihr eine Art melancholischen Trostes darin zu liegen , für einen großen unbekannten Verlust , der ihr drohte , oder der sie gar schon betroffen hatte . - Eine unnennbare Unruhe ergriff sie . Sollte sie die mit Bleistift geschriebenen Worte mit dem Inhalt des Billets in Verbindung setzen , das sie an ihren Verlobten geschrieben ? Oder hatte den Letzteren ein Unfall getroffen ? Der Gedanke trieb alles Blut nach ihrem Herzen . Wieder und wieder las sie die räthselhaften Worte , ohne den tieferen Sinn , den sie darin vermuthete , zu begreifen . Sie eilte in das Nebenzimmer , um zu sehen , ob ihre Mutter , zu der sie ein unbedingtes , schrankenloses Vertrauen hatte , schon wach geworden . Diese wollte sie um Rath fragen . » Liebes Kind « - sagte die würdige und liebenswürdige Frau , nachdem sie mit Aufmerksamkeit beide Zettel durchlesen - » Du beunruhigst Dich , wie es mir scheint , mit Unrecht . Was sollte Berger widerfahren sein ? Vielleicht haben die Worte , die Dir solche Angst machen , schon auf dem Zettel gestanden , ehe ihn der unbekannte Finder des Billets zum Umschlag für das Letztere gebraucht . Auch muß es wohl ein Bekannter sein , denn wer anders , als ein solcher , kennt Deinen Vornamen und Deine Wohnung ? - Vielleicht ist es auch ein Scherz von irgend Jemand . Alles dies scheint mir der Wahrheit näher zu liegen , als Deine gänzlich unbegründete Ahnung von irgend einem Unglück . Beruhige Dich deshalb . - Heute Nachmittag wirst Du ja ohnehin Berger sehen , denn er versprach uns ja zu einem Spaziergang abzuholen . Theile ihm dann offen die Thatsache , aber auch nur diese , mit . Er wird Dir gewiß genügende Erklärung darüber geben können . « Die Ruhe , mit der die Mutter sprach , wirkte auf Lydia wohlthätig ein . Sie wurde ebenfalls ruhiger und begriff zuletzt nicht , wie sie sich einer so kindischen Furcht habe hingeben können . Bald war von der ganzen Unruhe weiter kein Gefühl in ihr zurückgeblieben , als das der Erwartung und Neugierde , wie sich bei Bergers Erscheinen die Sache aufklären würde . Sie eilte leichten Schrittes in den Garten hinter dem Hause hinab , um die Blumen zu tränken , ehe die Sonne zu hoch gestiegen . Mit einem halb wehmüthigen , halb freudigen Blicke sah ihre Mutter ihr nach . Sie war keineswegs so ruhig und unbesorgt , als sie es Lydien gegenüber geschienen hatte . Denn seit einigen Tagen war sie durch verschiedene Aeußerungen einiger Badegäste , die das Verhältniß Lydiens zu Berger nicht kannten , oder nicht zu kennen sich den Anschein gaben , aufmerksam auf das Betragen des Letzteren geworden . Es hatte ihr geschienen , als würde sein Name nicht selten in Verbindung mit dem einer vor einigen Tagen angekommenen Dame genannt , die durch ihre eigenthümliche Stellung in der Welt , da sie nur in Begleitung einer jungen Dienerin zu reisen schien , so wie durch die Freiheit und Selbstständigkeit ihres Benehmens allgemeines Aufsehen erregte . Sie hatte bisher ihre Vermuthungen und Befürchtungen vor Lydia verborgen , weil sie zuvor klar sehen wollte , ehe sie das harmlose Kind beunruhigen wollte . Es war zwar möglich , daß Berger auf seiner Reise nach Italien , die er seiner künstlerischen Ausbildung wegen unternommen , Frau von Rosen irgendwo kennen gelernt und nur die Bekanntschaft , die vielleicht ganz oberflächlicher Natur war , wieder aufgenommen hatte . Aber diese Vermuthungen lösten die Bedenken , welche der Mutter Lydiens aufgestiegen waren , nicht ; vielmehr gewannen die letzteren durch den Umstand , daß Berger bisher noch mit keiner Sylbe seiner neuen Bekanntschaft erwähnt hatte , in ihr ein so großes Gewicht , daß sie zuletzt sogar auf den Verdacht fiel , das Zusammentreffen Bergers mit Frau von Rosen im hiesigen Bade sei nicht ganz einem glücklichen oder unglücklichen Zufalle zuzuschreiben . Unter diesen Umständen mußte auch der Vorfall , welcher ihrer Tochter einen so großen Schreck verursacht hatte , für sie eine ganz andere und wichtigere Bedeutung gewinnen , als sie Lydia gegenüber ihm beizulegen geschienen hatte . Schon mehrmals hatte sie den Vorsatz gefaßt , mit Berger offen über sein Betragen zu sprechen . Doch da sie bisher in dem Benehmen gegen Lydia im Grunde nichts auszusetzen gehabt hatte , vielmehr über seine achtungsvolle Zurückhaltung nur erfreut sein konnte , so war sie immer wieder von demselben zurückgekommen , da sie wohl wußte , wie nachtheilig ein solches Gespräch auf die Unbefangenheit und Klarheit des Verhältnisses wirken mußte , im Fall ihre Verdachtsgründe sich als nichtig ergeben sollten . Dieser letzte Vorfall aber gab eine genügende und sich durch sich selbst rechtfertigende Veranlassung , um an Berger eine Frage zur Erklärung desselben zu richten . So faßte sie denn in demselben Augenblicke , als sie nach Lesung der mit Bleifeder geschriebenen Worte Lydia zu beruhigen versuchte , den Entschluß , noch heute über alle ihre Bedenken und Zweifel in ' s Klare zu kommen ; ein Entschluß , der , je länger sie darüber nachdachte , um so größere Festigkeit erlangte , als sie in jenen räthselhaften Worten , die an Lydia gerichtet zu sein schienen , nur eine Art Bestätigung ihrer Befürchtungen erblicken zu müssen glaubte . Indessen hatte Lydia ihre Beschäftigung im Garten beendet , und war im Begriff , ihren Vogel , dessen Bauer sie bereits zwischen den Blumentöpfen des nach dem Garten hinaussehenden Fensters aufgestellt hatte , mit Nahrung zu versehen , als ihre Mutter sie rief . » Ich glaube , es wird jetzt Zeit sein , daß wir uns ankleiden , liebes Kind . Die Stunde , da ich zur Quelle muß , naht heran , und im Fall Du nicht vorziehest , zurückzubleiben - « » Ach nein , laß mich mit Dir gehen , liebe Mutter . Du wirst so leicht müde , wenn Du keinen Begleiter hast , auf den Du Dich stützen kannst . Ich mag auch heute nicht allein zu Hause bleiben , mir ist so bange , ich weiß selber nicht warum . « » Furchtsames Kind , Du « - lächelte die Mutter , der im Grunde nicht minder bange zu Muthe war . Nach einer halben Stunde war die Toilette der Damen beendet . Arm in Arm traten sie aus dem Hause und begaben sich langsam nach der ziemlich entfernten Quelle . Da diese an dem entgegengesetzten Ende des Dorfs höher hinauf am Abhange des Berges gelegen war , so hätten sie das Dorf seiner ganzen Länge nach durchmessen müssen . Indeß führte hinter der rechts gelegenen Häuserreihe , am Ufer des Bachs , der nach seinem Austritt aus dem Park an dem Dorfe sich hinschlängelte , ein schmaler , nur höchstens für zwei Personen betretbarer Fußsteig , den die beiden Damen sonst wegen seiner Feuchtigkeit des Morgens zu vermeiden pflegten . Heute jedoch schien die Sonne so warm und erquicklich , daß sie unwillkührlich , statt die Straße hinabzugehen , um die Ecke des Hauses bogen , um den erwähnten Fußsteig zu gewinnen , auf dem sie in weit kürzerer Zeit die Quelle erreichen konnten . Still wanderten sie neben einander her , jede mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt . Durch instinktartige Furcht davon abgehalten , vermieden sie es , über das heutige Ereigniß zu sprechen , obwohl sie Beide ahnen mochten , daß dies gerade der gemeinschaftliche Gegenstand ihres Nachdenkens und die Ursache ihres Schweigens war . Als sie über die Hälfte des Wegs zurückgelegt , hörten sie plötzlich in weiter Ferne einen Schuß fallen , der vom Gebirge herabzutönen schien . Ein schnelles , aber rasch unterdrücktes Zittern des Arms ihrer Mutter , der sich auf den ihrigen stützte , bewies Lydia , daß ihre Mutter durch den Schuß erschreckt worden war . Sie erblaßte . » Mein Gott , liebe Mutter - « » Still , mein Kind . Es war eine bloße Schwäche . « Ein zweiter Schuß fiel , aus derselben Richtung herüberschallend . Die innere Aufregung Lydiens nahm zu . Ihre Mutter hatte die Fassung völlig wieder erlangt , aber nicht ohne eine gewaltsame innere Anstrengung , die dem milden Ernst , welcher gewöhnlich auf ihren regelmäßigen und feinen Zügen lag , einen Charakter von Erhabenheit und Seelengröße verlieh . Nach einer längern Pause fiel ein dritter und unmittelbar darauf ein vierter Schuß . - Die Schritte der beiden Damen wurden schneller , als wollten sie dem unheimlichen Eindruck , den das Schießen auf sie hervorbrachte , entfliehen . Erhitzt und fast athemlos , ob mehr vor innerer Bewegung oder von der körperlichen Aufregung war schwer zu entscheiden , langten sie im Brunnenhäuschen an , um das sich bereits eine große Zahl von Trinkenden versammelt hatte . Das Geräusch und die gleichgültigen , zuweilen vom munteren Gelächter unterbrochenen Gespräche wirkten beruhigend auf ihre aufgeregten Gemüther . Lydia wurde von einigen jungen Mädchen , die ihr in der Residenz , wo sie mit ihrer Mutter die letzten beiden Winter nach dem Tode ihres Vaters , des Forstraths von Dornthal , zugebracht hatte , bekannt waren , umringt und vergaß bald unter Scherzen und Lachen ihre eben gehabte Angst . An die Forsträthin von Dornthal schloß sich ebenfalls ein Bekannter an , ein Freund ihres verstorbenen Mannes , der Hofrath Rupf , dessen geschäftiges , prunksilberartiges Wesen , gepaart mit einer grenzenlosen Bonhommie und unerschöpflichen Laune , ihn zum allgemeinen Liebling der Badegäste und besonders des weiblichen Theils derselben gemacht hatte , weil er sich nichts mehr angelegen sein ließ , als für das allgemeine Vergnügen und gemüthliche Zusammenleben der Badegesellschaft zu sorgen . Wenn man den langen , aber beweglichen Mann durch die bunten Reihen der jungen Mädchen hüpfen sah , um sich nach dem Befinden der Einen zu erkundigen , oder den Rath der Andern in Betreff der Arrangirung einer Partie einzuholen , so mußte die warme Sympathie auffallen , die ein so ernster und ruhiger Charakter , wie ihn Frau von Dornthal besaß , gegen den maitre de plaisir an den Tag legte . Auf der andern Seite war aber auch das Benehmen Rupf ' s gegen die Mutter Lydiens ein ganz verschiedenes von dem , was er gegen jede Andere annahm . So übertrieben höflich , fast an ' s Geckenhafte streifend , seine Courtoisie gegen die jungen Mädchen war , die ihre muthwilligsten Launen an ihm ausließen , so zurückhaltend innig und freundlich warm zeigte er sich gegen die Forsträthin . Diese wußte sein treues , biederes Herz , seine rührende Anhänglichkeit an ihren verstorbenen Gemahl , und Aufopferung seiner Interessen für sie selbst und ihre Angelegenheiten wohl zu schätzen . Sie verehrte ihn als ihren besten , wahrhaft ergebenen Freund und hatte ein unbeschränktes Vertrauen zu ihm . Mit Herzlichkeit erwiederte sie daher auch jetzt den Händedruck des Hofraths , der sich mit theilnehmender Besorgniß nach ihrem Befinden erkundigte . » Kommen Sie , lieber Freund « - sagte sie , ihren Arm in den seinigen legend . » Ich möchte Sie um Ihren Rath in einer Angelegenheit bitten , die mir große Sorge macht . « » Sprechen Sie , theuerste Räthin , sprechen Sie - mein Rath , meine Hülfe , das wissen Sie ja , kann Ihnen niemals entgehen , wenn ich sie zu geben im Stande bin . « Sie schlugen einen weniger betretenen Seitenweg ein . Die Forsträthin theilte ihm unverholen ihre ganze Besorgniß in Betreff Bergers mit , indem sie ihn zugleich bat , ihr Alles , was er aus glaubwürdiger Quelle , oder aus eigener Wahrnehmung über die Bekanntschaft zwischen Lydiens Verlobten mit Frau von Rosen wüßte , mitzutheilen . Eine halbe Stunde mochten sie im eifrigsten Gespräch begriffen gewesen sein , das nur durch einen öfter wiederholten Gang zum Brunnen unterbrochen wurde , als sie plötzlich durch ein lautes Geschrei aufmerksam gemacht wurden , das mitten aus dem Kreise der noch kurz zuvor heiter lachenden Mädchen hervorzuschallen schien . Voll trüber Ahnung und schon durch das Gespräch aufgeregt , eilte die Forsträthin nach der Stelle des Tumults . Die Mädchen waren um eine ihrer Gefährtinnen beschäftigt , die eben in Ohnmacht gefallen war . Es war Lydia . Ihr schöner Kopf ruhte bewegungslos in dem Schooße einer ihrer Freundinnen , die sich auf die Kniee niedergeworfen hatte . Ihr linker Arm war , wie vor innerm Schmerz , auf die Brust gepreßt und in der rechten Hand hielt sie krampfhaft ein zusammen geknittertes Stück Papier . Eine allgemeine Verwirrung herrschte in der Gesellschaft . Die Mutter Lydiens warf sich mit einem lauten Schrei auf ihre Tochter und wäre selbst bewußtlos hingesunken , wenn nicht die große Energie ihres Geistes sie aufrecht erhalten hätte . Der Hofrath eilte , ohne sich lange nach der Ursache dieses unglücklichen Zufalls zu erkundigen , sogleich fort , um einen Wagen zu holen , in dem Lydia nach Hause gebracht werden konnte . In den ersten Minuten war die Forsträthin nicht im Stande , weder eine Frage zu thun , noch ihrer Tochter eine wirksame Hülfe zu leisten . Glücklicherweise war der Badearzt in der Nähe . Seinen Bemühungen gelang es bald , Lydia zur Bewegung und zum Leben zurückzurufen . Aber sie verstand Nichts von dem , was um sie her vorging . Ihr Bewußtsein war mit einem dichten Schleier verdeckt , der wohl das Licht durchdringen , aber nicht die Form und das Wesen der Gegenstände erkennen läßt . Matt und willenlos ließ sie sich in den indeß herbeigekommenen Wagen heben , in den außer ihrer Mutter auch der Hofrath mit einstieg . Rasch fuhren sie in ' s Dorf hinab nach dem Häuschen unter den Kastanienbäumen . » Haben Sie Etwas über die Ursache von Lydiens Unwohlsein erfahren können ? « - fragte der Hofrath , der zu derartigen Erkundigungen keine Zeit gehabt . » Es wurde nur von einem kleinen Knaben gesprochen , der auf Lydia zugegangen sei , als kenne er sie schon lange , und ihr einen Brief überreicht habe . Sie habe ihn sogleich mit sichtlicher Bewegung erbrochen und , nachdem sie einen Blick hineingeworfen , sei sie sofort bewußtlos niedergesunken . « » Vielleicht ist dieß der unselige Brief « - äußerte der Hofrath , auf das zerknitterte Papier in der rechten Hand Lydiens deutend . Rasch griff die Forsträthin danach , nachdem der Hofrath mit Mühe die zusammengepreßte Hand geöffnet und den Zettel herausgenommen hatte . » Gott sei Dank ! « - athmete die geängstigte Mutter tief auf . Ein Thränenstrom , der ihrer bisher zurückgehaltenen Angst Luft machte , stürzte aus ihren Augen . » Lesen Sie « - setzte sie hinzu , dem Hofrath das Papier hinreichend , indem sie sich ermattet in die Wagenecke zurücklehnte . Viertes Kapitel Als Alice von Rosen nach dem früher geschilderten Gespräch mit dem Baron in jener Nacht in ihre Wohnung zurückgekehrt war , warf sie hastig die Männerkleidung von sich und rief ihrem Mädchen . » War Jemand hier , Marie ? « - » Nein , gnädige Frau « - antwortete das junge Mädchen , indem sie ihrer Herrin das Nachtkleid überwarf . » Desto besser « - sagte Alice zu sich selbst . - » Bringe mir ein Glas recht kühles Wasser und eine Cigarre , dann kannst Du zu Bett gehen . « Als sie allein war , ging sie mit schnellen , aber ungleichen Schritten im Zimmer auf und nieder . Die düster brennende Lampe warf ein unsicheres Licht auf die Wand , an der der Schatten Alicens wie ein Nachtgespenst hin und niederfuhr . » Sollte ich mich diesmal getäuscht haben « - sprach sie vor sich hin . - » Sollte dieser Mann mir wirklich widerstehen können ? Es darf nicht sein ! - O , verschmäht , verschmäht von ihm ! Jetzt fühl ' ich , was es heißt , den Strom der Sehnsucht zur Umkehr nach der Quelle zu zwingen . - Er war kalt , kalt wie Eis . Er kann kein Herz haben , dieser Mann - Herz ? « - Sie lächelte bitter . » Hab ' ich denn ein Herz ? - Aber Du täuschest Dich , Richard , wenn Du meinst , daß ich den Kampf schon aufgegeben . « - Sie richtete sich stolz auf bei diesen Worten . Ihre Augen blitzten und eine flammende Röthe bedeckte ihr Gesicht . - Nach einer Pause , in der sie einigemal durch das Zimmer geschritten war , blieb sie plötzlich stehen , als hätte ein Geräusch ihre Aufmerksamkeit erregt . » Es ist Berger « - sagte sie langsam , indem eine Falte des Unmuths auf ihre Stirn sich lagerte . » Du wählst eine unpassende Zeit , lieber Freund . « Sie warf sich , wie in dumpfer Resignation , auf das Sopha und bedeckte die Stirn mit der Hand . Berger öffnete leise die Thür . Er sah blaß und niedergeschlagen aus . Erstaunt blieb er einen Augenblick auf der Schwelle stehen , als Alice ihm nicht entgegen kam . » Bist Du krank , theure Alice ? « - fragte er besorgt , indem er näher trat . » Dein Gesicht ist erhitzt , Dein Puls fliegt . Was fehlt Dir ? sprich . O , sprich doch ! « bat er ängstlich , indem er auf das zu ihren Füßen stehende Tabouret niederkniete und ihre Hand von der heißen Stirn halb mit Gewalt niederzog und sie mit Küssen bedeckte . » Es ist nichts , Arthur ; beruhige Dich . Ein wenig Kopfschmerz - die Aufregung vom Morgen . « Sie machte eine Anstrengung , um die verlorene Besonnenheit wieder zu erlangen . - » Weißt Du , was ich in Deiner Abwesenheit gethan ? « fragte sie plötzlich mit heiterem Ton . » Ich habe Cornelien gefordert . « Sie fing an zu lachen . » Du hast sie wirklich gefordert ? Und darüber lachst Du ? « » Warum soll ich nicht darüber lachen ? Ich freue mich schon im Voraus auf einen Gang mit ihr . Uebrigens führt sie eine gute Klinge und ist fürchterlich erbittert auf mich . Ach , wenn wir nur erst auf der Mensur ständen « - fügte Alice mit der gewöhnlichen melancholischen Weichheit im Ton hinzu , den ihre Stimme gerade dann am meisten annahm , wenn der Inhalt ihrer Worte ganz entgegengesetzter Natur war . » Du bist ein Heldenweib , Alice ! « - sagte Berger , mit einer Art von schwärmerischer Andacht zu ihr aufblickend . » So groß , so herrlich , wie nie ein Weib auf Erden war . Wie bin ich stolz auf Deine Liebe . Nicht wahr , Du liebst mich , Alice ? O , sage es mir , daß Du mich liebst , denn ohne Deine Liebe bin ich nichts mehr . An sie glaube ich , denn sie ist meine Seligkeit , meine Ewigkeit , meine Religion . - Alice , ich liebe Dich unaussprechlich ! « Er verbarg seinen Kopf in ihrem Schooße . Alice sah mit einer Mischung von Freude und Mitleid auf ihn herab , wie man auf ein gutes Kind herabsieht . Unmerklich schweiften ihre Gedanken zu Landsfeld ; sie verglich seine Kälte und Zurückhaltung mit der tiefen Wärme und Hingebung Bergers . Wunderbar . Ein Gefühl von Haß und Verachtung durchzuckte ihre Seele , aber dieser Haß traf nicht den , der sie gekränkt , sondern den hingebenden , in Liebe für sie aufgehenden Schwärmer , der zu ihren Füßen lag . Als Berger wieder aufsah , fuhr er erschreckt empor über den Ausdruck von unheimlicher Kälte in ihren Zügen . Er erblaßte . » Laß mich « - sagte sie halb abgewandt und sich aufrichtend . » Ich bin erschöpft . - In einigen Stunden gehen wir auf die Berge . Du wirst mich abholen , Arthur , nicht wahr ? « Sie zwang ihre Stimme zu einem freundlichen Accente . » Um fünf Uhr werde ich bereit sein . Und jetzt ist schon die zweite Stunde nach Mitternacht vorüber . Laß uns scheiden , Arthur , wir bedürfen Beide noch der Ruhe . « » Wir bedürfen Beide noch der Ruhe « - wiederholte er mit tonloser Stimme . » Du hast Recht , Alice . Ruhe ! O , wer zur Ruhe käme ! - Wohl « - sagte er dann mit stiller Resignation . » In drei Stunden werde ich bei Dir sein . Lebe wohl . « Er sprang auf und wollte forteilen . » Arthur ! « - rief Alice , die über seinen tiefen Schmerz bekümmert war . Sie breitete die Arme nach ihm aus . Weinend stürzte er hinein . Sie drückte einen heißen Kuß auf seinen Mund . Da brach seine ganze bisher verhaltene Ruhe in lichte Flammen aus . Mit starkem Arm umfaßte er sie . Sein Athem glühte , sein Blut stürmte durch die Adern . Immer fester umschlangen sie seine Arme , immer glühender brannten seine Küsse auf ihren Wangen , auf ihrem Halse , auf ihrem Busen . » Arthur ! « - zürnte sie , heftig gegen seine Leidenschaftlichkeit ankämpfend . » Bist Du so wenig Mann , so wenig Herr Deiner Gefühle , daß Du Dich nicht beherrschen kannst , wenn ich Dich um Schonung bitte . - Arthur , ich bitte Dich , laß ab - laß ab - zwinge mich nicht , Dich zu verachten . « Sie sprang auf und winkte ihm , wie zum Abschiede . - Er stürzte hinaus . Fünftes Kapitel Als der Baron nebst seiner Begleiterin die Spitze des Berges erreicht hatte , trafen sie das andere Paar , das , um nicht Lydiens Wohnung passiren zu müssen , von der entgegengesetzten Seite heraufgestiegen war , schon wartend . » Entschuldigen Sie unser längeres Verweilen « - sagte Landsfeld , nachdem er mit seinem Gegner eine stumme Begrüßung gewechselt . » Wir vermutheten nicht , daß Sie uns zuvorkommen würden . - Darf ich Sie bitten , mir zu folgen « - fuhr er fort . - » Wir müssen noch einige hundert Schritte weiter in den Wald hinein , wenn wir ungestört sein wollen . « Schweigend folgten ihm die Andern . Der Thau lag voll und glänzend auf dem buschigen Haidekraut , das sie durchwaten mußten , und drang durch die Schuhe und Strümpfe der beiden Damen . Landsfeld schien es nicht zu bemerken . Mit langen Schritten vorausgehend drang er immer tiefer in den Wald ein , bis sie endlich einen hellen , länglichschmalen Platz erreicht hatten , der den allgemeinen Beifall der Theilnehmer an diesem sonderbaren Spaziergange zu haben schien , da er völlig trocken und eben war . » Wir sind zur Stelle « - sagte Landsfeld . Er nahm dem nachfolgenden Diener die Waffen ab und legte sie vorsichtig auf einen umgestürzten Baumstamm , der den Platz der Länge nach durchschneidend , ihn in zwei fast gleich große Hälften theilte . » Du kannst jetzt gehen , Carl « - wandte er sich an diesen , indem er mit ihm einige Schritte bei Seite trat . » Hier ist ein Brief , den Du sogleich an seine Adresse abzugeben hast ; aber mit Vorsicht , daß es nicht zu sehr auffällt . « » Und soll ich nicht wieder herkommen , Herr Baron ? « - fragte der treue Mensch , seinen Herrn mit ängstlichen Blicken ansehend . » Wenn ich in einer halben Stunde nicht zu Hause bin , dann bittest Du den Brunnenarzt sich hierher zu bemühen und bestellst zugleich einen Wagen . Adieu , Carl , und daß Du nichts auf Deinen Kopf hin thust . « » Da ein doppelter Kampf stattfinden wird « - wandte sich Landsfeld an die Andern , » so bleibt uns noch zu bestimmen übrig , welche Partei den Anfang machen soll , die männliche oder die weibliche . « - » Wir wollen loosen « - bemerkte Cornelia . Diesem Vorschlag wurde allgemein beigestimmt . Landsfeld nahm zwei Grashalme von verschiedener Länge als Symbol der verschiedenen Waffenart und bat Alice zu ziehen . Sie that es mit fester Hand . Sie hatte den längern Halm gezogen . Der Baron nahm die Rappiere , trocknete sie ab und überreichte sie den modernen Amazonen . Sie warfen ihre Mäntel ab ; Cornelia erschien in der feinsten Toilette , Alice , wie sie vorausgesagt , in der phantastischen Männerkleidung , in der sie die vergangne Nacht den Baron besucht hatte . Sie stellten sich einander gegenüber . Berger , der bisher stumm und scheinbar theilnahmlos dagestanden , trat seiner Geliebten zur Seite . » Ich werde das Zeichen geben « - sagte der Baron . » Wenn ich das Tuch schwinge , macht Fräulein von Hohenhausen den ersten Ausfall . - Auf die Mensur , meine Damen « - rief er kommandirend . Die beiden Gegnerinnen kreuzten die Rappiere . » Los « - rief der Baron das Schnupftuch schwingend . In demselben Augenblicke flog die Spitze von Alicens Rappier in die Höhe . Die Klinge ihrer Gegnerin streifte die linke Seite ihres goldenen Gürtels . » Deine Absicht war solid und gut , theure Freundin « - rief Alice , die blitzschnell ihre Waffe wieder gesenkt hatte . Die Lust des Kampfes brannte jetzt in ihren Augen , auf ihren Wangen . Corneliens Gesicht zeigte seine gewöhnliche Kälte . Nur in den halbgeschlossenen Augen , aus denen zuweilen eine unheimliche Glut hervorblitzte , und in dem fest zugekniffenen Munde lag eine starre Entschlossenheit . Mit großer Geschicklichkeit schlug sie einen auf ihre Brust gerichteten Stoß Alicens ab , wobei die Spitze ihres Rappiers sich in den Falten des Aermels ihrer Gegnerin verwickelte . Ehe sie das unvorhergesehene Hinderniß überwinden konnte , sah sie Alicens Rappier abermals nach ihrer Brust gerichtet . Da riß sie , ihre ganze Kraft anwendend , ihre Waffe an sich , mit einer Wendung , wodurch die verhängnißvolle Spitze von ihrer Brust abgeschlagen werden sollte . Wie durch einen Zauberschlag fuhren die beiden Gegnerinnen jetzt auseinander . In der That mußte der jetzt sich darbietende Anblick von der eigenthümlichsten Art sein , da er auf die beiden Zuschauer in doppelter Rücksicht ganz entgegengesetzte Wirkungen hervorbrachte . Der besonnene und seiner selbst so mächtige Landsfeld erbleichte sichtlich , während Berger in ein Gelächter ausbrach , das in diesem Augenblick ganz ungerechtfertigt schien . Durch die gewaltsame Art , mit der Cornelia ihr Rappier aus dem Aermel ihrer Gegnerin herausgerissen , hatte sie denselben von der Schulter an bis zum Knöchel aufgeschlitzt ; zugleich aber bemerkte Landsfeld , daß der weiße Arm , welcher jetzt völlig entblößt war , einen langen blutigen Streifen zeigte . Berger , der , auf der andern Seite stehend , die Verwundung Alicens nicht bemerken konnte , hatte sein Auge auf Cornelien geheftet . In dem Augenblicke , als es ihr gelungen war , die Spitze ihres Rappiers frei zu machen , war die Waffe ihrer Gegnerin bereits einige Zoll tief in ihre rechte Brust gedrungen . Als sie daher durch die erwähnte Wendung die Klinge Alicens fortschlug , trennte ein langer Schnitt , der sich von rechts nach links über die ganze Brust der Unglücklichen erstreckte , ihr Kleid auf , aus dem nun zwar kein Strom warmen Blutes - - aber eine Menge Watte hervorquoll . Ein Schrei , als hätte sie Alicens Klinge im Herzen gefühlt , entfuhr ihrem Munde , indem sie zwei Schritte zurücksprang . Mit erneuter Wuth wollte sie jetzt von Neuem auf ihre Gegnerin sich werfen , als Landsfeld mit eigener Lebensgefahr zwischen die Kämpferinnen sprang . » Genug , « - rief er mit gebieterischer Stimme . » Jetzt kommt die Reihe an uns .