welche in der allgemeinen Erschlaffung und Zerrüttung sonst rathlos untergehen würden ! Solche Erlösung haben Sie mir gebracht ; solche Erlösung werden Sie noch Vielen bringen ! « » O Egoismus der Männer ! Auch die besten denken nur an sich selbst ! « entgegnete die Oburn scherzend . Der Abend war drückend schwül geworden ; ein schweres Gewitter war am Horizont heraufgezogen , einzelne Blitze zuckten durch grauschwarze Wolken , denen kein kühlendes Naß enttropfte . Es ging ein stummer , drückender Schmerz durch die Natur , und das Auge des Himmels schien fast krampfhaft seine Thränen zurückzuhalten . Die Blitze fuhren hin und her , angstvoll , wie prophetische Boten eines nahen Unheils , und unheimlich dumpfe Ahnungen bemächtigten sich der Gemüther der Menschen . Schweigend ritt Madame Oburn mit ihrem Begleiter wieder dem imposanten Carlsbad zu . Sie war sehr ernst geworden . Ihre Brust hob sich unter tiefen Seufzern , und ihr Auge folgte den kreuzenden Blitzen in stiller Melancholie . Stein sah nichts außer ihr . Fast verzückt , mit der Inbrunst des Sünders , der die verklärte Himmelsköniginn um Gnade fleht , hingen seine Blicke an ihrem Antlitz , an der jugendlich idealen Gestalt , und nahmen dies Bild in sich auf , unvergeßlich , unverlöschbar ! Er suchte ihre Gedanken zu enträthseln und erkannte wohl an dem schmerzlichen Ausdruck ihrer Züge , daß sie nicht von Liebe träumte ; denn die Liebe mußte diese Züge ja wunderbar lichten und erhellen , wie die Frühlingssonne die Erde nach starrem Winter ! Mit einer ihr nur eigenen , holden Biegung des Halses sah die Oburn jetzt zu ihrem Begleiter herüber : » Ich bin maßlos langweilig , lieber Stein , vergeben Sie mir ! Ich gab meinen Gedanken Audienz ! Wie wechselvoll ist doch das Innere des Menschen ! Früher erfaßte mich stets eine große Bangigkeit während des Gewitters ! Um den Blitz nicht zu sehen , verbarg ich als Kind mein Köpfchen in den Schooß der Mutter , als wäre ich hier gegen jede Gefahr gefeit . Heute weitet sich meine Brust bei dem Rollen des Donners , mein Auge labt sich an den feurigen Strahlen , die so keck , wie junge , lebensfrische Gesellen , den Wolkenvorhang zerreißen , als wollten sie der Natur in ' s Herz sehen . Ja , ich kann es mir schön denken , zu verglühen , von diesen Strahlen getroffen ! O , die Welt mit ihren Freuden ist mir oft zu verächtlich ! « Auf diese Worte aus dem Munde einer ein und zwanzigjährigen , schönen , gefeierten Frau wußte der junge Mann nichts zu erwiedern , und stumm langten Beide in dem Wiesenthale an . » Mögen die guten Geister der Liebe Sie in dieser Nacht umschweben ! « rief der Baron bedeutungsvoll zum Abschiedsgruß . Kaum war Madame Oburn unter ihr schützendes Dach getreten , als sich das Gewitter gewaltig entlud . Frau Meier , als gute Katholikinn , lag vor ihrem Crucifix , das auf einer Art Betpult im Schlafzimmer stand , auf den Knieen . Sie betete ihr Ave Maria , flehte die Mutter Gottes um Schutz an , zankte dann wieder mit ihrer Therese , und wechselte so mit himmlischen und irdischen Gedanken . Sobald die Heftigkeit des Donners etwas nachgelassen , öffnete sie die Hausthüre und sah sich rings mit spähenden Blicken um . Endlich gab ein heftiger , großtropfiger Regenguß dem krampfhaft zusammengezogenen Gewölk , das in schwüler Spannung am Himmel lagerte , und den durch Angst zusammengepreßten Menschenherzen die ersehnte Erleichterung . Frau Meier wünschte der Madame Oburn , wie sie es gewöhnlich zu thun pflegte , eine sanfte Nacht , versicherte » Dero Gnaden , « das Gewitter sei vorüber ; sie brauche sich nicht zu ängstigen , und solle es ja wiederkehren , so schlafe sie dicht neben Madame und sei zu jedem Dienst bereit . Hierauf öffnete sie noch einmal die Pforte , um den Himmel zu observiren , und ließ dabei leise eine hohe , dicht in den Mantel gehüllte Gestalt hereinschlüpfen . Dann verrichtete sie ihr übliches Nachtgebet und entschlief mit dem stolzen Bewußtsein , einen wichtigen Tag verlebt zu haben . Madame Oburn hingegen ging unruhig im Zimmer auf und ab . Endlich öffnete sie die Fenster wieder und sah in die schöne , nun stille Nacht hinaus . Die Luft war prächtig frisch und kühl geworden . Die Oburn konnte dem Verlangen nicht widerstehen , noch im Freien umherzuwandeln . Rasch warf sie über das leichte Nachtkleid eine Mantille , steckte die zarten Füßchen in feste Schuhe , und huschte gedankenleise zum Saal hinaus . Es war gerade die reichste , üppigste Blüthenzeit des Jahres ; tausend erschlossene Blüthen strömten süß betäubenden Duft aus , der wie ein magisches Netz die Sinne gefangen hielt . Von Rose zu Rose ging die junge Frau , trank mit durstigen Lippen aus jedem Kelch die frischen Regentropfen , und nachdem sie so erquickende Frische eingesogen , brach sie noch tyrannisch die beraubten Blüthen und warf sie zerpflückt den Wellen der Eger zu . Einzelne helle Sterne lauschten dem kindischen Spiel und blickten doch so heilig ernst dazu , als begriffen sie des Spieles tiefe Bedeutung . » Ich bin mild gegen euch , ihr schönen , schönen Blumen ; ich vernichte euch in eurer Schönheit ; ich erspare euch den Schmerz nach und nach verwelken zu müssen ! Ich bin gerechter als die Natur , die auch uns nur so kurze Zeit das Recht auf Glück und Liebe ertheilt , und uns dann , wenn die Tage der Jugend vorüber , zu den Qualen langer Entsagung verdammt ! « So wühlte die junge , schöne Frau gedankenvoll in den unheimlichen Tiefen des Lebens . Am Ufer des Flusses stehend , sah sie starr in das Wasser hinein , so lange , bis es ihr unheimlich wohl ward und die Fluth sie lockend herab zu ziehen drohte ! Da eilte sie rasch fort , als wollte sie der Gefahr entfliehen , und es war ihr , als ob sie hinter sich leise Fußtritte hörte . Geängstigt beflügelte sie ihren Schritt , dem Schlafgemach zu . 8 Mitternacht war vorüber . - Madame Oburns Gemach war ganz von frischem , würzigem Dufte durchdrungen , den es , aus tausend Blumenkelchen , nach dem Gewitterregen eingeschlürft hatte durch die offenen Fenster . Es wurde erhellt durch eine weiße Alabaster-Ampel , die zwischen den faltigen , durchsichtigen Vorhängen des Himmelbettes hing , das auf bronzenen Füßen ruh ' te . Das trauliche Helldüster , die üppigen , bunten Fußteppiche , eine kleine Orangerie , die auf zierlichen Blumentischen am Fenster stand , und nur einzelne , große Silberflecken des anschwellenden Mondlichtes auf den Fußboden durchfallen ließ : alles das gab dem Zimmer einen so malerischen Anstrich , daß die hohe dunkle Gestalt , welche so eben die Thüre öffnete , und dann fest hinter sich verschloß , eine Zeitlang wie festgebannt dastand , und hochaufathmend die Blicke umherschweifen ließ . Es war der Prinz C * * , in ein feines , etwas phantastisches Negligée gekleidet . Leichte mit Gold gestickte Stiefel von weißem Sammet machten sein Auftreten fast unhörbar . Weite , orientalische Beinkleider von rosenrother Seide , und ein faltiger kurzer Rock von dem selben Stoff bildeten die übrige Bekleidung . Ein weißer , schöner Männerhals , von dichtem schwarzem Bart beschattet , stieg aus dem zurückgeschlagenen Battist-Hemdkragen hervor , und machte der Weiße einer schöngeformten Hand , an der es von werthvollen Steinen blitzte , den Preis streitig . Eine fieberhafte Glut hatte sich auf seinen Schläfen gelagert , und mit jedem Schritte , den er vorwärts that , fing sein Herz lauter an zu schlagen . Von einem tiefen gesunden Schlaf leise geröthet , lag die junge Frau auf ihrem Bette , dessen leichte , roth seidene Decke sich gesträubt zu haben schien , die vollen , reizenden Formen ganz zu verhüllen . Sie lag dem Zimmer zugewandt , die Hände auf dem Busen gefaltet . Ein süßer Traum schien im Vorüberschweben sich in dem seligen Lächeln ihres Mundes gefangen zu haben . In dem ganzen , zauberhaft wirkenden Bilde lag nichts Ueppiges , nichts Kokettes . Keine herabwallenden Locken , keine entblößte Schulter . Aber das Nachthäubchen , welches die aufgewickelten Haare barg , umschloß mit seinem Rahmen von feinen , Brüsseler Kanten ein so liebliches Madonnenantlitz , zwei übereinandergeschlagene Füßchen sahen am Ende des Bettes so unschuldig aus den weißen Leinen hervor , daß dies ganze reizende Bild mehr zur Andacht einlud , als zu wilder Begierde . Dem Prinzen aber , dem jede höhere Regung fern lag , weil er nur eine Liebe kannte , die dem Schimmer des Goldes feil war oder der Eitelkeit zum Opfer fiel - zog es mit stets wachsender Gewalt zu dem Bette der schönen Frau . Zitternd vor Aufregung , gepreßt und heißathmend war er nur noch einen Schritt von der Schläferinn entfernt . Leise ließ er sich auf ein Knie nieder , hob , noch unschlüssig über seinen Angriff , die Decke in die Höhe , und küßte den rosigen Fuß der Madame Oburn . Das aufwallende Blut röthete seine Augen . Einen Augenblick verweilte er , halb betäubt von so vollendeter Schönheit ; dann plötzlich , mit den Zähnen knirschend , stürzte er mit den Worten : » Weib , Du mußt mir gehören ! « über sie , schloß ihren Mund fest durch den seinigen , so daß sie nur einen schwachen Laut von sich zu geben vermochte , zerriß mit gewaltiger Kraft ihr Nachtgewand , und schleuderte es mit der Decke weit in das Zimmer hinein . Madame Oburn hatte ihn erkannt ; doch trotz der gewaltigsten Anstrengungen war es ihr unmöglich , sich loszuwinden ; sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe , als der Prinz , der ihre allmählige Abspannung für ein Zeichen der Nachgiebigkeit hielt , das Haupt emporhob , um etwas zu sprechen . Diesen Augenblick benutzend , stieß die Oburn einen Schrei aus , der seine Wirkung nicht verfehlte . Man hörte eine Fensterscheibe klirren , sah eine kräftige Männerfaust durch die Oeffnung hindurch , nach dem Fensterriegel langen , während der Prinz , durch den Lärm aus seinem Taumel geweckt , aufsprang , und regungslos dastand ; die Oburn aber alles , was sie von Leinenzeug und Gardinen zusammenraffen konnte , um sich zog , damit zur Thüre hinstürzte , wo die Klingel für ihre Dienerschaft hing , heftig schellte , und dann ohnmächtig niedersank . In diesem Augenblick sprang Herr von Stein - denn er war es , der die ganze Nacht hindurch unter dem Fenster der von ihm so hochgeehrten Frau zugebracht - in das Zimmer , und stand , bleich vor Wuth , mit funkelnden Augen , vor dem Prinzen , der nicht mehr wußte , was um ihn vorging . Die Worte des Barons , voll heftigster Beleidigung , brachten ihn endlich wieder zur Besinnung . Er , der mit dem Bewußtsein eines ertappten Schulknaben , dem Baron gegenüberstand , schien plötzlich einen raschen Entschluß zu fassen , und sprach in spöttischem Ton : » Es thut mir leid , lieber Baron , Ihnen hier zuvorgekommen zu sein , « und ging auf die Thüre zu , vor welcher man schon die Tritte der nahenden Dienerschaft hörte . Seine Absicht war augenscheinlich , wenigstens den guten Ruf der Oburn zu vernichten . Die Dienerschaft kannte ihn nicht - und wäre auch seine Anwesenheit im Zimmer dieser Dame bekannt geworden , so hätte doch Niemand vorausgesetzt , daß der schöne geistreiche Mann hier Widerstand gefunden . Im schlimmsten Fall ließ sich die Geschichte mit einem geringen Aufwand von Escamotage drehen , indem man das Gerücht verbreitete , daß der Prinz die Madame Oburn vor den Zudringlichkeiten des Herrn von Stein gerettet . Natürlich wäre es hier wiederum allen einleuchtend gewesen , daß der Prinz nicht unbelohnt einen solchen Ritterdienst geleistet . Stein , ein Mann von vieler Geistesgegenwart und raschem Ueberblick , hatte in einem Moment alle diese Möglichkeiten erfaßt und überdacht . Schnell sprang er nach der Wand zu , wo ein Paar Pistolen des Herrn Oburn hingen ; ein Blick überzeugte ihn , daß sie geladen seien , und so bewaffnet trat er zwischen den Prinzen und die Thüre , an welcher schon die Kammerjungfer , von Zeit zu Zeit , um Hülfe rufend , mit aller Anstrengung rüttelte . Oben im Hause war alles lebendig geworden . » Noch einen Schritt weiter , « flüsterte Stein , » und bei Gott , ich schieße Ihnen diese Kugel vor den Kopf ! durch das Fenster ist unser Weg . « Der Prinz wollte vorwärts ; Stein legte an . Der starre , durchbohrende Blick , der festzusammengepreßte Mund dieses Mannes zeugten dafür , daß er es bei einer bloßen Drohung nicht lassen würde . Der Prinz , dem die nahe Mündung einer Pistole ein unerwarteter Anblick schien , ward kreideweiß , wandte sich rasch um , und schwang sich über das Fenstergesimse des hohen Parterres hinab in den Garten , wo er im Dunkel verschwand . Stein folgte ihm sogleich , nachdem er noch einen Blick unaussprechlicher Trauer auf die ohnmächtig daliegende Frau geworfen , und einen Rubinschmuck , der sich auf den Toilettentisch befand , zu sich gesteckt . Die fast gleichzeitig durch die aus ihren Angeln gehobene Thüre eindringenden Diener sahen ihn noch am Fenster verschwinden , und fanden auf dem Boden das leere Schmuck-Etui ! Der Ruf : » Diebe , Diebe ! « tönte durch das ganze Wiesenthal ; Laternen zeigten sich in der Ferne ; alles war in Aufruhr und Bewegung ; bis zum lichten Tage dauerten die Nachforschungen ; doch weder von den Dieben , noch von dem Schmucke war irgend eine Spur aufzufinden . 9 Aus einem kurzen und unruhigen Schlummer wurde Madame Oburn nach jener Nacht durch die Ankunft ihres Gatten geweckt . Lärmend und pfeifend , wie es seine gewöhnliche Art war , polterte er in ' s Zimmer und rief : » Gott verdamme mich ! Da finde ich Dich noch Mittags in den Federn ! Habe ich Dich nicht nach Carlsbad geschickt , damit Du mit den Hühnern aufstehn lernst , Brunnen trinkst und tüchtig spazieren läufst ? Na , Kleine , mach ' nur nicht ein gar zu betrübtes , weinerliches Gesicht ! Es ist ja nicht böse gemeint ; aber mach ' nur rasch , laß ' Dich ankleiden und komme zum Frühstück in den Garten ; denn ich trinke gern ein Gläschen Wein mit Dir ! Donnerwetter , « unterbrach er sich plötzlich selbst ; » was ist denn das ? Da liegen ja meine Pistolen auf der Erde ; die Fensterscheiben sind eingeschlagen ; Du siehst bleich und angegriffen aus ; was ist hier geschehen ? Verschweige mir nichts ! Denn ich bin strenge und wüthend , wenn Du mich hintergehst ! « Am ganzen Körper zitternd und sichtbar mit sich selbst kämpfend , schlug die Frau das Auge scheu zu Boden . Sie war immer wahr gewesen . Ohne daß sie ihren Mann liebte , hielt sie die Ehe doch für so heilig , daß sie aus ihren Erlebnissen ihm nie ein Geheimniß machte . So wollte sie auch jetzt treu die Vorfälle der letzten Nacht schildern ; doch als sie erschreckt von dem zornigen Blick ihres Gatten , sich umwandte , sah sie das leere Schmuck-Etui . Wie ein Blitz durchzuckte sie der Gedanke , daß Stein , um ihre Ehre zu retten , mindestens allen Klatschereien , die das Abenteuer nach sich ziehen könnte , vorzubeugen , ihren Schmuck zu sich gesteckt . Sobald ihr diese Absicht klar geworden , stand auch ihr Entschluß fest . Die Farbe vom zartesten Weiß bis zur Purpurglut wechselnd , erwiederte sie erschöpft und zitternd : » In vergangener Nacht müssen hier Diebe eingebrochen sein und meinen Rubinschmuck entwandt haben . Als ich durch das Klirren der Fensterscheiben aus meinem festen Schlaf geweckt wurde , sah ich zwei männliche Gestalten durch das offne Fenster dringen . Trotz meines großen Schrecks hatte ich noch die Besonnenheit , rasch aufzuspringen und meine Leute durch das heftige Ziehen der Klingel zu wecken . Dann schwand mir das Bewußtsein , und ich sank ohnmächtig zu Boden . Was weiter geschehen , weiß ich nicht . Als ich nach langer Zeit wieder zu mir kam , fand ich mich im Bett , und neben mir die gute Lisette , die mir unter dem heftigsten Weinen meinen Verlust mittheilte . « Eine Flut von Thränen verhinderte sie , weiter zu reden . Herr Oburn , der diese Thränen dem verlornen Schmuck zuschrieb , dem überhaupt nichts in der Welt verhaßter war , als das Weinen , sprach liebkosend : » Nun , gräme Dich nicht zu sehr um das bischen Gold , mein Herzchen ! Ich kaufe Dir wieder einen andern Schmuck ; aber nun sei auch heiter ; zeige mir ein freundliches Gesicht ; das ist mir lieber , als alle Deine Preciosen . « Durch diese unerwartete Milde ihres Gatten weich gestimmt , lehnte sie ihr Haupt an seine breite Brust , und flüsterte : » Du hättest mich nicht so lange allein hier lassen sollen , lieber Oburn ! Ich sehnte mich fort von hier ; nun laß ' uns aber auch schnell abreisen - heute noch ; oder lieber gleich in dieser Stunde . « Herr Oburn , geschmeichelt , durch diese Sehnsucht seiner Frau , nach Hause zurückzukehren , strahlte vor Glückseligkeit , nahm sie jubelnd in seine Arme , tanzte mit ihr im Zimmer umher , und erdrückte sie fast vor lauter Zärtlichkeit . All ' die vielen unangenehmen Vorbereitungen , die eine Abreise immer mit sich bringt , waren beseitigt , Rechnungen und Trinkgelder bezahlt , die Reisekoffer gepackt . Madame Oburn ging noch einmal in den Garten , nahm wehmüthig von jeder Lieblingsstelle Abschied , pflückte hier und da eine Blüthe und band sie zum Strauß , den sie vor den wallenden Busen befestigte . Als sie eben den Reisewagen besteigen wollte , kam ihr Brunnenarzt , um für das reichlich übersandte Honorar seinen pflichtschuldigen Dank abzustatten . Die unermüdliche Zunge dieses jungen Aeskulaps erging sich noch nebenbei in mancherlei Mittheilungen aus der Badewelt . Er schloß die Carlsbader Tageschronik mit einer interessanten , aber traurigen Neuigkeit . » Wissen Sie schon , daß heute Morgen im Schloßgarten zu Schlackenwerth ein Duell zwischen dem Prinzen C * * und dem Baron Stein stattgefunden hat , und daß der Letztere dabei gefallen ist ? Man beklagt allgemein den liebenswürdigen , jungen Mann , und die Neugier müht sich ab , die verborgene Veranlassung zu diesem unglücklichen Duell zu entdecken . Prinz C * * soll , wie mir eben sein Leibarzt erzählt , durch diesen Fall tief erschüttert sein , und ist , wie Sie , meine Gnädige , eben im Begriff , Carlsbad zu verlassen . « Madame Oburn preßte , ohne ein Wort zu entgegnen , krampfhaft ihre beiden Hände auf das Herz . Ihrem Gatten sowohl , wie dem Arzt , entging es , welch ' unheilbaren Riß diese Worte in ihr Leben gemacht . Fast gefühllos , ließ sie sich in den Wagen heben , und lehnte das Haupt in die weichen Kissen . Bei der ersten Barrière traf ihr Wagen mit dem Reisezug des Prinzen zusammen - dann fuhr sie gen Osten , er nach Westen ! 10 Das traurige Schicksal des Baron Stein hatte in Carlsbad überall die regste Theilnahme erweckt . Wenn auch die Bedeutung seines Wesens der Menge entging ; wenn ihn auch viele für einen Schwärmer , für einen Sonderling hielten , für einen Melancholiker , der mitten in dem Leben und Treiben der großen Welt für seine Gedanken sich ein eigenes Reich erschuf , so wurde er doch in allen Salons gern gesehen ; denn er galt für eine interessante Erscheinung , und hatte die feinen Manieren und den edeln Anstand eines Gentleman . Baron Stein war von seiner Familie für die diplomatische Carriere bestimmt worden ; doch sein Herz blieb der kalten Taktik dieses Feder-Despotismus fremd , und hing mit treuer Begeisterung an den burschenschaftlichen Idealen seiner Jugend . So war sein Inneres in einen unlösbaren Zwiespalt zwischen Neigung und Beruf , zwischen den Ansprüchen des Herzens und den Forderungen der Welt hineingerathen . Dieser innere Kampf , der ihn nach außen hin kalt und abgeschlossen machte und auch jedes versöhnende Element fernhielt , mit dem vielleicht ein edles , weibliches Herz in treuem , innigem Verständniß , sein Leben beglückt hätte , spricht sich , in seiner ganzen Bedeutung , in dem Tagebuch des Barons aus . Einzelne Blätter daraus wollen wir unsern Lesern nicht vorenthalten , da gewiß die kurze Episode aus dem Leben des Barons , die wir mitgetheilt , bei ihnen das Interesse für sein inneres Leben erweckt . Tagebuch-Blätter . Die Feuer der Wartburg sind ausgebrannt , und die officielle Geschichte trägt eine jugendliche Verirrung in ihre Bücher ein , während die Inquisition mit ihren Ketten und Torturen , wiederum durch die deutschen Lande rasselt . Eine jugendliche Verirrung ! Doch diese Jugend kam ja nicht von den Schulbänken her , träumte ja nicht von der Republik eines Cato und Brutus , mit der Inbrunst eines schwärmerischen Lateiners , der die todten Lettern seiner Klassiker zum Leben erwecken will in der Gegenwart . Diese Jugend hatte mitgestritten in den Schlachten von Leipzig und Belle-Alliance , nährte sich mit dem Marke großer Thaten , hörte die Würfel eines bedeutsamen Weltgeschicks auf den blutigen Schlachtfeldern fallen , sah dem Tod in das Auge , und lernte die Geschichte , indem sie dieselbe schaffen half ! Das eiserne Kreuz schmückte ihre Brust ! So hatten sie das Vaterland erlös ' t aus langer Knechtschaft , auf daß es , von innen heraus , nach eigenem Gesetz , sich emporringe zur Freiheit , und sie nicht empfange als die Gabe eines fremden Volkes , als die Nachlese einer fremden Revolution ! Wohlan , ihr diplomatischen Kläger , ihr habt Recht ! Ihr macht diese Begeisterung , die eure Schlachten schlug , die an die Freiheit glaubte , sie nach außen errang , sie nach innen erringen wollte - ihr macht sie zu einer jugendlichen Verirrung . Fast wird es mir schwer , zu glauben an den Fortschritt der Menschheit , an eine innere , heilige Nothwendigkeit , an des Geistes siegreiche Macht , der in immer neuen Formen zu immer höhern Entwickelungen reift ? Aber ich muß daran glauben - soll mir die Geschichte nicht zu einem großen Leichenfeld werden , auf dem eine maßlose Willkühr triumphirt ; auf dem des Lebens Gestalten zu gespenstischen Schatten werden . Und doch - Griechenland und wir , das Volk der göttlichen Schönheit und Jugend und Freiheit - und wir ! der Areopag - und der Bundestag ! Oder die Zeiten des vorigen Jahrhunderts , das römische Reich , mit seinen Reichstagen , seiner Reichsarmee , seinem Reichskammergericht , seinen lächerlichen Reichsmittelbarkeiten , mit den Fürsten , die das Mark und Herzblut vergeudeten , mit ihren Maitressen und Juristen und Pfaffen , mit ihren Kriegen um ein Titelchen des Rechts oder der Etikette , um einen Fetzen Landes ; mit ihren Ministern und Juden , die sich in die Beute theilten ! O , auch der Glaube an den Fortschritt der Menschheit muß stark sein in der innersten Seele , so stark , daß er Berge versetzen kann ! Denn die Geschichte selbst scheint an ihm zu verzweifeln ; ihre Blätter stehen voll kühner Skepsis ; und die Gegenwart bietet keinen Trost und keinen Halt . Ein blasirtes Geschlecht hält es für Thorheit , an Ideen zu glauben und nach ihrer Verwirklichung zu ringen . Die feine Welt verachtet die Ideologen , die Schwärmer , deren Compaß nicht von dem Wind der faden Mode umgetrieben wird ; die in dem flüchtigen Genuß des Augenblicks nicht aufzugehn vermögen ! Da schlürfen sie , die Diplomaten , die Aristokraten , die ganze Seligkeit eines komfortablen Lebens , spielen , wie Mückenschwärme in der Abendsonne , während es in den Völkern rollt und grollt , wie Donner ferner Revolutionen , und ihre Blitze aufzucken am Horizont der Geschichte ! Ein gewandter Styl , eine glückliche Wendung , ein Federstrich , eine Laune hat über das Schicksal ganzer Nationen entschieden , deren blutige Heldenthaten nichts waren , als Tagelöhnerdienst im Sold der Diplomatie , welche Siege und Niederlagen , das credit und debet der Geschichte , in ihre offiziellen Contobücher eintrug ! Doch die Zeit wird und muß anders werden ; es sind nicht blos Gespenster , die in meinem Kopf herumpoltern ; es ist ein Geist , der draußen in den Völkern groß wird , eine neue Geschichte nervig und markig , die nicht mehr in den Salons der bevorzugten Stände die diplomatischen Polonaisen aufführt , um deren Gunst man nicht freit mit Glacé-Handschuhen und eleganten Phrasen ; nein , eine ungezogene , demokratische Geschichte mit der wilden Musik der Ça ira ' s , dem stürmischen Aufjauchzen einer lang unterdrückten Volkskraft . Die Kirche und Pfaffen der Restauration haben das Volk lange genug mit ihren Hungersuppen gespeist ! Panis et circenses - Brodt will das Volk ; die blutigen Spiele giebt es aus eigenen Mitteln dazu ! Das nennen sie : leben ! Aus einem Boudoir in das andere , aus einem Salon in den andern , tanzend über das Parquet mit gefirnißten Stiefeln , oder den Estricht fegend mit den Schleppen ihrer Kleider ! Eine Minute jagt athemlos der andern nach ; und so hetzen sie sich selbst durch das Leben ! Und mit wilder Gier häufen sie Amüsement auf Amüsement , nur die Stunden auszufüllen , und dennoch fühlen sie immer wieder , trostlos und geängstigt , die ewige , fürchterliche Leere . Und was ist aus den Frauen geworden ? Wir Burschenschafter glaubten an das Ideal der Jungfräulichkeit . Es war eine Reminiscens aus Tacitus oder aus dem katholischen Glauben des Mittelalters . Doch die Zeit der alten , germanischen Frauen ist vorübergegangen , wie die Zeit der Madonnen . Jede Zeit hat ihr eigenes Recht . Nicht in der Entsagung , sondern in der liebenden Hingabe finden wir die edle Weiblichkeit . Eine reflektirende Zeit , die in den Gedanken , in das Bewußtsein die Göttlichkeit setzt , kann keinen Respekt mehr haben vor paradiesischer Unschuld und Bewußtlosigkeit , die nur einem naiven Zeitalter eigen ist . Darum wäre es thöricht , von den Frauen solche utopische Gedankenarmuth zu fordern , oder wohl gar das weibliche Ideal in diesen schuldlosen Zustand zu setzen , der bei unseren Verhältnissen nur gemacht sein kann , eine affectirte Prüderie . Eine andere Schranke aber muß die Weiblichkeit wahren ; und wenn sie die Scylla der Prüderie vermeidet , nicht in die Charybdis der Prostitution gerathen . Prostitution aber ist die Hingabe der Liebe , in oder außer der Ehe , ist das Wegwerfen der eigenen Persönlichkeit ! Diese hoch zu halten , diese nur gegen den Preis der Liebe hinzugeben , dies schöne Maß zu bewahren - das ist in unserer Zeit des Weibes einzige Unschuld und Sittlichkeit . Nichts geht doch über eine harmonische Erscheinung ; der Triumph , den die Natur in ihren Schöpfungen feiert ! Wenn der Körper zum lebendigen Ausdruck der Seele geworden , jede seiner Bewegungen ihre Grazie athmet , und das Ebenmaß seiner Formen ein Abbild ist ihrer innern , maßvollen Schönheit : dann ist schon der Anblick eines solchen Wesens Göttergenuß , ein trunkenes Schwelgen in den ewigen Rhythmen der Welt ! Ich habe ein solches Weib gesehn , und ich bin andächtig geworden ! O es giebt einen schönen Katholicismus des Herzens , der mich zum Proselyten machen könnte ! Eine solche gnadenreiche Madonna in ihrer Glorie , eine fleischgewordene Offenbarung der ewigen Schönheit kann Wunder thun an mir ! Und sie befreit den Geist und knechtet ihn nicht ; denn Schönheit ist Freiheit . Leidenschaftlich , rücksichtslos folgt er ihrem Schritt , hängt sich an ihre Fersen ! Denn die Herren der Welt machen ihre Rechte geltend , und fordern die Schönheit als ihr Regal ! Mit dem unwiderstehlichen Zauber ihrer Macht , der die fluchwürdig erniedrigte Sclavenwelt mit den Schauern der Unterthänigkeit schüttelt , sprengen sie alle Riegel , die man vorsichtig dem Gewissen des Volkes vorschiebt , und sanktioniren das Verbrechen , indem sie es selber begehn ! Es liegt etwas Großes in der ungebundenen Schrankenlosigkeit eines nur sich selbst gehorchenden Lebens ! Doch wenn diese Größe ein Recht der Menschheit ist , so darf sie nicht ein Vorrecht Einzelner sein . So kann sie nur zerrütten , zerstören ; und ich werde ankämpfen gegen dies Monopol des Verbrechens bis zum letzten Athemzug ! Ein schöner Nachmittag ! Dies Weib ist Poesie ; ihr ganzes Wesen ein Gedicht ! Mir war ' s , als umschwebten sie all ' die herrlichen Geister der Vergangenheit , von den lieblichen Idyllen Griechenlands , über denen ein ewig heiterer Himmel ruht , wie das klare Auge eines Gottes , bis zu Petrarkas träumender Romantik , die an Vaucklüsens rauschendem Quell der Liebe unsterbliche Lieder singt ! Und dann wetterleuchtet ' s wieder auf in ihr von modernen Gedankenblitzen , aus dem Schoß einer zerrissenen , gährenden Zeit geboren , prophetisch die dunklen Tiefen der Zukunft erleuchtend ! Der Besitz eines solchen Weibes wäre der Schlüssel zu allen Mysterien des Lebens , zu allen Offenbarungen der Poesie . Ich habe nie geliebt ! Auch das ist nicht Liebe ! Liebe ist unruhig und voller Wünsche ; stets unzufrieden mit dem Nächsten , stets hinauslangend in die Ferne ! Von einer Stufe der Seligkeit strebt sie nach der höhern hinan ; und ihre Himmelsleiter ist unendlich ! Ich bin ruhig und zufrieden , glücklich , wenn ich vor roher Hand ein