Auge auf Elisabeth . Diese hatte eine solche Autorität bei sämmtlichen Pensionärinnen , daß ihr wenigstens in ' s Gesicht keine ein Wort zu erwidern wagte . - Einige griffen wieder zu den Reifen , als seien sie durch Nichts unterbrochen worden . Andere rümpften die Nasen , und tauschten halblaut spitzige Bemerkungen über die neue Freundschaft - nur Aurelie , die immer muthwillig , und in ungezähmter heitrer Laune war , sagte : » Ach , ich bitte Euch , welche sentimentale Scene ! Ich glaubte eine solche heute wenigstens an einem ganz andern Ort , als hier , zu erleben , und niemals hätte ich mir träumen lassen , daß Du , Elisabeth , über eine Kinderei unsern wichtigen Ausgang ganz vergessen könntest ! Ich warte schon lange auf Dich , und wir müssen sehr eilen , wenn Du nicht Dein ganzes Vorhaben aufgegeben hast . - « » Ja , wir haben Eile , « sagte Elisabeth , » aber auch Du , Aurelie , konntest ? - « » O , ich war nicht im Geringsten besser , als die Andern . - Wenn ich aber eine zu erwartende Strafpredigt von Dir ohne Unterbrechung anhören soll , so muß ich mir dabei ein Liedchen singen . « Und indem sie dies gesagt hatte , fieng Aurelie an eine Tyrolienne zu jodeln . Elisabeth antwortete nicht , nahm Aureliens Arm , und so gingen sie , von dem längst harrenden Diener gefolgt , schweigend durch die Straßen . Im Hause von Obrist Treffurth , als sie den Diener fortgeschickt hatten , sagte Elisabeth ; » Es ist zu spät geworden , als daß wir Beide zu der Blumenmacherin gehen könnten , geh ' Du nur immer herauf zu Deinen Verwandten , hier durch den Garten ist es nicht weit , und ich komme bald zurück . « Aurelie sah sie erstaunt an : » Du willst uns Alle hofmeistern , und dies soll die Strafe sein , die Du für mich ausgesonnen hast , « sagte sie erbittert , » aber Du bist in meiner Hand , sobald ich Alles sage . - - « » Du bist muthwillig , aber Du bist nicht hinterlistig - - Du wirst mich also nicht verrathen - und wenn Du es thun könntest , so scheue ich auch das Unangenehme nicht , was mich allein trifft . « Elisabeth schlüpfte schnell durch den Garten , und hatte dann nur wenig Schritte zu gehen , so stand sie in der Klosterstraße vor dem Hause Nr. 18. Mit klopfendem Herzen trat sie hinein und eilte schnell die breiten , hohen Treppen hinauf . Sie hatte sich außer Athem gelaufen , und mußte ein Wenig ausruhen , als sie in der 2. Etage anlangte . An der Thüre links , die nach dem Hintertheile des Hauses zu führen schien , stand der Name : Doctor Thalheim . Unwillkührlich lief Elisabeth nach der entgegengesetzten Thüre , und zog hastig an der Klingel : Wenn er jetzt käme ! dachte sie ängstlich . An dieser Thüre war ein großes , rothes Schild befestigt , worauf mit goldnen , stattlichen Buchstaben zu lesen war : » Blumenfabrik von Henriette Krauß . « Ein Dienstmädchen kam heraus , bat Elisabeth , einzutreten , indem sie ihr auch eine zweite Thüre öffnete . Es war ein großes , helles Zimmer , ringsum mit Glasschränken , in welchen die von Sammt und Seide und andern kostbaren Stoffen künstlich geschaffenen Blumen in den mannigfaltigsten Gestalten und Farben prangten . Aus einer Nebenstube schallte helles Gelächter vieler weiblicher Stimmen . Es war das Arbeitslocal - aus ihm trat jetzt die Leiterin dieses Geschäftes , Henriette Krauß , ein Mädchen von ungefähr dreißig Jahren , eine verblühte Schönheit , welche derselben durch etwas auffälligen , dabei nachlässigen Putz nachzuhelfen suchte . Ein Kind von etwa drei Jahren , mit einem braunen Lockenköpfchen und wunderbar großen , tiefblauen Augen drängte sich ihr nach . » Womit kann ich dem Fräulein dienen ? « fragte Henriette mit verbindlichem Knix , und Elisabeth verlangte ein Hutbouquet . Während sich nun das Gespräch um die Wahl dieser Blumen drehte und Elisabeth , dabei verlegen nachsinnend , wie sie wohl das Gespräch auf Thalheim bringen könnte , eine Anzahl blauer Blumen in der Hand hielt , sagte das Kind , sie groß ansehend : » Blau gefällt dem Papa am Besten - nicht wahr blau ? Und ich gehe auch blau , « fügte es , auf sein blaues Kleidchen deutend , hinzu . » Geh hinein , Annchen , « sagte die Verkäuferin , » Du sollst nicht immer mit heraus kommen , wenn Damen da sind . « » Ich habe aber die schönen Damen lieb , « versetzte die Kleine . Elisabeth neigte sich zu ihr : » Mich auch ? « fragte sie . » Kennst Du mich denn ? « » Nein , « antwortete Annchen kleinlaut , und fing an mit der goldnen Kette zu spielen , welche an Elisabeths Halse herabhing . Diese fragte : » Wie heißt Du denn weiter , Anna ? « » Es ist das einzige Kind vom Doctor Thalheim , der mit mir in einer Etage wohnt , « antwortete Henriette für das Kind . - » Die arme Mutter ist so krank , überhaupt immer so häßlich gegen das liebe Kind , daß ich es seit mehreren Wochen ganz mit zu mir herüber genommen habe . « Da war nun auf einmal Elisabeth der Erreichung ihres Zweckes so nahe ! » Ist die Doctor Thalheim ohne Aussicht auf Rettung krank ? « fragte sie . » Es wäre ihr wohl eine baldige Erlösung zu wünschen , freilich mehr noch für Mann und Kind , denn sie ist die grilligste Kranke , die mir vorgekommen , und dadurch ist die Noth auf ' s Höchste bei ihnen gestiegen - man sieht es dem Doctor an , wie viel er leidet , obwohl er es Allen zu verbergen strebt - er ist der edelste Mann , den ich kenne . « Während die Blumenfabrikantin so sprach , spielte das Kind noch immer mit Elisabeths Fingern unter dem seidnen Handschuh , und diese sagte jetzt zu jener leise : » Ich mögte Etwas mit Ihnen allein reden , vor Allem darf es das Kind nicht hören . « Letzteres war bald entfernt , und Elisabeth nahm Henriettens Hand und sagte : » Darf ich auf Ihre Verschwiegenheit rechnen ? Ich bin beauftragt , diese Kleinigkeit an Doctor Thalheim gelangen zu lassen - aber ich wußte nicht , wie ich es anfangen sollte , um ihn nicht zu beleidigen , und zugleich auch zu dessen Annahme zu vermögen . Sagen Sie ihm , daß es aus der Hand des Reichthums kommt , die sich am Fröhlichsten öffnet , wo sie es für Nothleidende kann , daß man es für seine Gattin bestimmt , daß es die Dankbarkeit sendet - sagen Sie ihm Alles , wodurch Sie ihn bewegen können , es nicht zurückzuweisen , aber verschweigen Sie ihm , daß man mich als erste Mittelsperson gewählt hat - wenn Sie mich kennen sollten - verschweigen Sie überhaupt , daß es ein Mädchen Ihnen übergeben hat - wenn Sie es nicht verschweigen , « fuhr sie mit ängstlicher Stimme fort , » könnte es leicht traurige Folgen für die Personen haben , welche Thalheims beste Freunde sind - « mit diesen Worten gab sie an Henriette ein Couvert , welches eine Banknote von 50 Thalern enthielt , und empfing dafür das feierlichste Versprechen , sowohl der pünktlichsten Abgabe , als des strengsten Schweigens . Als Elisabeth an der Vorhausthüre , welche ihr Henriette öffnete , eben den letzten Knix empfing , öffnete sich auch die entgegengesetzte Thüre . Eine Scene anderer Art hatte unterdeß in dem Zimmer Statt gehabt , zu welchem diese Thüre führte . Es war eben vier Uhr vorüber , als Graf Jaromir von Szariny an Thalheims Thüre schellte . Er öffnete selbst . Sie standen sich gegenüber . Sie standen sich gegenüber , Jaromir , dem die Braut , Thalheim , dem die Gattin untreu geworden - und Braut und Gattin waren eine Person . » Man hat mich hierher beschieden - « sagte Jaromir . » Es war Amaliens Wille , « antwortete Thalheim . » Sind Sie Amaliens Gatte , und kamen die Zeilen , die ich diesen Morgen erhielt , von Ihrer Hand ? - Nur dann habe ich das Recht , hier zu erscheinen . « » Ich bin Thalheim - Sie werden unser Zusammentreffen hier seltsam finden , aber der Wille einer Sterbenden war mir heilig . Sie wartet jetzt auf uns mit Ungeduld , und deßhalb muß unsere Unterredung hier kurz sein . Es wird später Zeit sein zu einer nähern Erklärung . Amalie meint , nicht eher sterben zu können , bis sie Ihre Vergebung für ergangenes Unrecht und Weh erlangt hat . - Sie werden sie ihr nicht verweigern . Sie haben sich hier wiedergesehen - « » Wiedergesehen ? « fragte Jaromir , Thalheim unterbrechend , » ich habe gar nicht gewußt , daß sie hier ist . - « Thalheim sagte , mit einem langen Blick auf den Grafen : » Sie hat Ihnen eine Rose mit einem Zettel zugeworfen , als Sie unter ihren Fenstern weilten - « » Unter ihren Fenstern - die Rose kam von Amalien ? « rief Jaromir , immer verwunderter und bestürzter . » Wahrhaftig , der Zufall treibt ein närrisch Spiel mit mir ! « und ein bittres und schmerzliches Lächeln zuckte dabei um seinen Mund . Thalheim starrte ihn verwundert an - auch um seinen Mund zuckte ein bittres Lachen - er verstand jetzt Alles : der Graf hatte Amalien längst vergessen , und nicht um ihret Willen sah er leidend aus , nicht um ihret Willen war er in diese Stadt gekommen - aus andern zarten Händen hatte er gehofft , Rosen und geschriebene Worte zu empfangen , als aus ihren - es war der Selbstbetrug der Liebe , welcher Amaliens Herz und Sinne gefangen genommen . So sagte er jetzt sehr ernst , beinah feierlich zu Jaromir : » Herr Graf , Amalie glaubt sich von Ihnen noch geliebt - schonen Sie die Sterbende , ohne sie zu täuschen - vergeben Sie ihr als ein milder , mitleidiger Richter . « Er trat jetzt aus dem Vorsaal , in dem beide leise diese Unterredung geführt , in das Zimmer , in welchem Amalie angekleidet auf dem Bette lag , und sagte zu ihr mild : » Bist Du stark genug , Szariny zu empfangen ? Er wartet draußen . « » Ich hörte seine Stimme längst , warum läßt Du ihn warten ? « rief sie ungeduldig . Szariny trat ein . Welch ein Wiedersehen ! Er ein glücklicher , lebensfroher und lebensfrischer Jüngling , Sie ein glückliches , blühendes Mädchen - beide glücklich allein durch die zärtliche Liebe , in welcher sie für einander schwärmten und glühten - so hatten sie einst einander verlassen mit den heiligsten Liebesschwüren . Vier Jahre waren seitdem vergangen . Jetzt sahen sie sich wieder . Sie hatte ihn wieder erkannt , denn sie liebte ihn noch , und das liebende Frauenherz findet aus Tausenden den wieder heraus , dem es in ' Liebe schlägt - und trotz der Macht der Jahre , jedes äußeren Einflusses den Gemüthsbewegungen und Leidenschaften , äußere und innere Leiden , ja selbst Lebensverhältnisse und Tracht auf eine Menschengestalt und ein Antlitz ausüben . So hatte sie ihn erkannt . Aber hätte man ihm nicht gesagt , diese bleiche Kranke sei Amalie - er hätte es nimmer geglaubt . Vielleicht hatten die innern , steten Kämpfe Amaliens - dieses stete Ringen in einem zuckenden Herzen , das es sich selbst nicht einmal wissen lassen will , wie es stündlich kämpft - dieses Ringen , das vielleicht nur die Frau mit seinen ganzen gräßlichen Qualen ganz verstehen kann , welche selbst an einen Mann gefesselt ist , den sie hochachten muß , aber für den ihr Herz sich vergebens bemüht , Liebe zu empfinden - vielleicht hatte dieses Ringen Amalien schon vor ihrer Krankheit verändert . Es hatte ihr inneres Leben verbittert - und dieses Verbittertsein prägte sich deutlich auf ihrem Gesicht aus , ihr Charakter war heftig und herrisch geworden , und dadurch , daß sie für Alles , was sie im Stillen litt , Niemand und nichts Anders verklagen konnte , als sich selbst , so nagte das Bewußtsein , nur selbst verschuldetes Weh zu tragen , und zwar durch Leichtsinn und Unrecht verschuldetes , nur um so zehrender an ihrem Innern . - Und weder dies Bewußtsein , noch die Reue , die sie verbergen mußte , war geeignet , sie ergeben und friedlich zu machen - sondern sie ward dadurch nur immer heftiger - und so war auch aus ihrem Antlitz längst jede Spur von Milde und Friede gewichen - ein unheimliches Etwas , das immer Unzufriedenheit und Unbehagen ausdrückte , war an dessen Stelle getreten . Anderen Frauen verleiht die Mutterwürde und das Mutterglück einen neuen , oft einen heiligen Zauber , auch dem Aeußeren , besonders dem Ausdruck der Züge - bei Amalien war das nicht so . Sie liebte ihr Kind nicht , denn es war das Kind eines ungeliebten Gatten , und da sie allein sich seiner mühsamen Pflege hatte unterziehen müssen , oft kämpfen mit täglichen Entbehrungen , und manches Opfer bringen mußte , so erschien es ihr oft eher eine Last als ein Glück - Mutter zu sein . Sie fühlte sich einmal nicht glücklich , und so ward Alles , was in andern Fällen geeignet ist , das Glück zu erhöhen , für die einmal Unzufriedene eine neue Quelle zur neuen Unzufriedenheit . Durch all ' dieses hatte ihr Gesicht schon längst jeden Ausdruck von Milde und Lieblichkeit verloren . Nun hatte die Krankheit ihre Wangen bleich und hohl gemacht , ihre Augen waren matt geworden , und hatten ihren früher schönen Glanz verloren ; ihren bleichen Lippen konnte man es nicht ansehen , wie glühend sie einst geküßt hatten , und so glich ihre ganze Erscheinung einer verwelkten Blume . Jaromir stand erschüttert vor ihr . Es war eine lange , peinliche Pause . Jaromir , als er so das Weib seiner heiligen , ersten Liebe vor sich sah , hielt den Anblick kaum aus . Er drückte die eine Hand vor die Augen , und ihm war , als sehe er so seine eigene Jugend selbst vor sich , verwelkt und vergiftet , und langsam dahinsterbend - diesem Weibe hatte er seine Jugend gegeben , und wie ein Gespenst , das keine Ruhe finden kann , stand sie jetzt vor seiner Seele - wie ein schöner Traum , den er nur ein Mal geträumt , nicht wieder träumen kann , und der ihn doch immer mit Erinnerungen quält . Er konnte sich nicht fassen , er stand regungslos da , und war keines Wortes mächtig . Thalheim hatte das Zimmer verlassen . » Nun Jaromir , « flüsterte endlich Amalie , » Du bist gekommen , aber Du hast kein Wort für mich ? « » Es liegt Viel zwischen dem Heut und unserer letzten Zusammenkunft , « sagte er , » aber auch eine lange Zeit ist seitdem verflossen , und wir könnten einander jetzt ruhig gegenüberstehen , wenn der Zufall uns anders zusammengeführt hätte , als heute und hier . « » Als durch meinen Gatten , meinst Du ? - Jaromir , kannst Du mir vergeben , wenn ich Dir sage , was ich um Dich gelitten ? « » Sei ruhig , « sagte er , » ich habe Dir längst vergeben . - Warum überhaupt diese Erinnerungen wecken an Schmerzen , die ja nun überwunden , an Kämpfe , die nun ausgekämpft sind ? - - « » Ja , ausgekämpft , wenn das Leben aus ist - bei mir nicht eher ! - Jaromir - ich habe es wohl gesehen , wie Du verlangend nach meinen Fenstern spähtest , bis ich Dir die Rose sandte - ich sah , wie ich Dir noch theuer war , und deshalb dachte ich , wir müßten uns noch ein Mal in diesem Leben wiedersehen . « Es war ihm peinlich - aber er nahm ihr ihren süßen Wahn nicht - Thalheim hatte ihn ja selbst gebeten , ihn zu schonen . Eine Thräne trat in seine Augen , er nahm ihre Hand und die Thräne fiel darauf . Amalie zuckte zusammen , die innere Aufregung rief einen heftigen Anfall ihrer Körperschmerzen herbei . Thalheim eilte sogleich in das Zimmer , und an ihr Lager . Es war ein heftiger Krampfanfall , der sie in Zuckungen hin und her warf . - » Ich sterbe ! « stöhnte sie dazwischen . » Vergebt mir Beide ! « » Beide ! « riefen Thalheim und Jaromir feierlich zugleich . » Ich danke Dir , « sagte sie zu Jaromir . - » Seid Beide glücklich , ich segne Euch - jetzt sterb ' ich schön und in Frieden . « Ihre Augen schlossen sich , und so sank sie in die Kissen zurück . Aber der Tod kam noch nicht . Es war nur eine Ohnmacht , welche auf diese Krämpfe folgte , und dann ein sanfter , stiller Schlaf . » Mag sie es für einen Traum nehmen , « sagte Jaromir , » ich will sie verlassen , damit sie aufwachend mich nicht wiederfinde , und auf ' s Neue sich aufrege . - Doctor Thalheim - ich danke für Ihr Vertrauen - Amalie war meine erste Liebe - aber ich habe ihr entsagt von da an , wo sie freiwillig sich von mir wandte - für mich war sie nun längst gestorben - und wie auch jetzt ihre Krankheit sich gestalte , und welchen Ausgang sie nehme - für mich ist Amalie keine Lebende mehr , so hab ' ich sie immer betrachtet , wenn ich jetzt einmal träumend meiner Jugend und ihrer gedachte - und so wird es immer bleiben . « » Herr Graf , « versetzte Thalheim , » nur der sehnliche Wunsch einer Sterbenden konnte meine Aufforderung an Sie und diese Scene entschuldigen und heiligen - es ist in Ihrer Macht , mich und Amalien dem allgemeinen Spott preiszugeben - aber ich denke besser von Ihnen . « » Das hoff ' ich zu verdienen . Sie werden nie Ursache haben , es zu bereuen , mir gegenüber der Stimme des Gefühls gefolgt zu sein . Ob und wie wir uns auch wieder im Leben begegnen , wir werden es mit dem Bewußtsein können , einander vertrauen zu dürfen . « So schieden sie von einander . Als Thalheim die Vorsaalthüre geöffnet hatte , bot ihm Jaromir noch die Hand , die jener schweigend drückte . Dies war der Augenblick , in welchem Elisabeth aus der entgegengesetzten Thüre trat , welche zu der Blumenfabrikantin führte . Thalheim trat zurück und schloß die Thüre , ohne sie bemerkt zu haben . Aber sie hatte ihn und den Händedruck gesehen , mit dem er von dem Grafen schied , und war deshalb unwillkührlich einen Augenblick auf ihrem Platze stehen geblieben . Jetzt begegnete ihr Auge dem des Grafen - sein Blick auf sie ward immer schwärmerischer , leuchtender - sie senkte schnell ihre Augenlider und eilte die Treppe hinab . Sein Weg führte ja auch hinunter , aber er folgte ihr nur langsam . Für Amalien hatte er Nichts mehr empfinden können , als Mitleid - er empfand jetzt dasselbe beinahe für sich selbst . Ihr Leben schien vergiftet und elend geworden zu sein von dem Augenblick an , wo sie das Liebesverhältniß zu ihm aufgelös ' t hatte , und so war es ihm selbst auch ergangen . Von jenem Augenblick an hatte für immer seine glückliche Jugend mit all ' ihren glücklichen Zukunftsträumen geendet - er war ein anderer Mensch geworden . Er dachte jetzt an dieses Jugendglück . - Da fiel sein Blick auf Elisabeth - - auf diese schlanke , weißgekleidete Gestalt mit den schwärmenden Augen , der stolzen Stirn und den ernsten , fest aneinander geschlossenen Lippen , diese ganze Erscheinung , um welche der Zauber der heiligsten Jungfräulichkeit schwebte , einer schönen Unschuld , welche doch nicht mehr die eines spielenden Kindes war - es war eine Unschuld , die Würde und Grazie zugleich hatte und von hohem Ernst zeigte neben dem Ausdruck unentweihten Engelfriedens . Jaromir fühlte in diesem Augenblick ein neues Gefühl in seinem Herzen , das er aber nicht einmal zu fragen vermogte : woher kommst Du mir ? Als er so hinter ihr in ihrem Anblick verloren langsam die Treppe herabschritt , trat die Schauspielerin Bella aus dem Garten am Arme eines geschwätzigen Leutnants . » Sie suchten mich in meinem Zimmer , lieber Graf ? « sagte Bella zu Jaromir . » Vermuthlich um Ihr unartiges Billet von diesem Morgen wieder zurückzufordern , oder wenigstens dessen Ausdrücke zu corrigiren ? Nun - kommen Sie als reuiger Sünder , wer weiß , ob nicht Vergebung für Sie zu hoffen ist - ich bin gerade in gnädiger Laune . « Bella hätte zu jeder andern Stunde eher Jaromir begegnen und ihn wieder zu ihrem Sclaven machen können - aber nur jetzt nicht ! Der Contrast der Stimmungen und der Erscheinungen war zu groß - er fühlte plötzlich einen heftigen Widerwillen gegen Bella , und alle Höflichkeit , sogar alle gewöhnlichen Rücksichten vergessend , antwortete er heftig : » Es thut mir leid , daß ich in meiner jetzigen Stimmung unfähig bin , Ihr Gesellschafter zu sein , « und eilte mit flüchtigem Gruß an ihr vorüber . Elisabeth war eben zur Hausthüre herausgegangen , Bella hatte sie vorher auch begegnet , und war von der idealischen Schönheit des Mädchens überrascht gewesen . - Wer ist diese junge Fremde , fragte sie sich jetzt , mit welcher Szariny es wagt , sich in demselben Haus ein rendez-vous zu geben , welches ich bewohne , und mit der er es zugleich verläßt ? Daß sie den höchsten Ständen angehört , sah man auf den ersten Blick . - Und trotz dieser stolzen Haltung und diesem hochmüthigen Ausdruck im Gesicht wagt sie es , um des Grafen willen , die Etiquette zu verletzen ? - Ja , Szariny ist ein Zauberer ! - Und indem Bella dies dachte , fühlte sie heute mehr , als jemals , welche Macht Jaromir über Frauenherzen besitzen müsse , da das ihre , das er so eben schwer verletzt , gerade heute glühender , als jemals , für ihn schlug . V. Eine Genesende » Du aber , Mensch , dem Gott die Mittel gab Das Elend Deines Bruders zu vermindern - Du legtest ihm zu seiner Noth die Qual Der Täuschung noch und des Verlassenseins ! - « H. Riedel . Der Tag , wo Jaromir und Amalie einander wiedersahen , war für den Zustand dieser ein entscheidender gewesen . Eine große Krisis war in ihrer Krankheit eingetreten . Von diesem Tage an besserte es sich mit ihr . Ihr Arzt erklärte bald , daß jede Gefahr für sie vorüber sei . Schon hatte sie wieder Kraft , das Lager zu verlassen . Unterdeß waren die Sorgen in Thalheim ' s Familie auf ' s Höchste gestiegen . Henriette Krauß hatte ihm zwar Elisabeth ' s Geld gegeben , aber da sie hartnäckig den Namen der Person verschwieg , von der sie es empfangen , und da sie es an demselben Tag erhalten , an welchem Jaromir bei Thalheim gewesen war , so glaubte dieser nicht anders , als die Gabe komme von dem Grafen . Von ihm aber eine Gabe anzunehmen , vermogte er nicht ; weder sein Stolz , noch sein Ehrgefühl duldeten es - er siegelte die Banknote ein , und ohne ein Wort hinzuzufügen , adressirte er sie an den Grafen . Dieser ließ durch öffentliche Blätter bekannt machen , daß er durch einen Irrthum eine Banknote von funfzig Thalern zugeschickt erhalten , und forderte zu einer Erklärung darüber auf . Die Erklärung blieb aus , er gab später eine gleiche Summe an die Armencasse der Stadt . Thalheim versah wieder pünktlich sein Lehramt am Institut . Aber wie verändert fanden ihn die Pensionärinnen , als er wieder in ihrer Mitte erschien ! Die stille , edle Heiterkeit , welche sonst oft über sein ganzes Wesen gehaucht war , und den hohen Ernst seines Antlitzes milderte , war spurlos davon verschwunden . Gram und Sorgen schienen immer tiefere Furchen in seine Stirn zu graben . Er brachte keine Freudigkeit mehr mit zu seinem Geschäft , denn alle Freudigkeit seines Herzens war verschwunden . Amalie hatte ihm gestanden , daß sie ihn hintergangen , daß sie ihn nie geliebt hatte . Der letzte Sonnenblick war mit dem kalten Wettersturm dieses einzigen Wortes für immer aus seinem ehelichen Leben verschwunden ; diese ganze Ehe war für ihn selbst zu einer entsetzlichen Lüge geworden ; und wie sollte er eine solche Lüge ruhig ertragen , dessen ganzes Reden und Handeln Wahrheit war ? - Amalie war stiller , in sich gekehrter , sie behandelte den Gatten mit mehr Zartgefühl und Sanftmuth , als früher - aber das verhängnißvolle Wort war doch gesprochen worden , es konnte nicht wieder zurückgenommen werden . Thalheims Milde gegen sie war unveränderlich , wie früher - aber er näherte sich ihr mit keinem zärtlichen Wort , keinem innigen Blick mehr , er schlang nie mehr , wie sonst , seinen Arm um sie , er drückte keinen Kuß mehr auf ihre Lippen . Von Jaromir , von jener Stunde war zwischen ihnen niemals mehr die Rede , und doch stand die Erinnerung an sie immer lebendig vor Beiden , und also auch immer zwischen Beiden . Thalheims Entschluß war gefaßt . Er hatte ihn lange geprüft und erwogen , nun stand er unerschütterlich fest . - Freiherr von Waldow und Graf Osten suchten für ihre beiden Söhne einen Lehrer , welcher dieselben zugleich als Mentor auf Reisen begleiten könne . Er hatte sich dazu gemeldet , und war mit Freuden angenommen worden . Der Gehalt , den man ihm zusicherte , war bedeutender , als sein bisheriger . Er hatte diesen Schritt gethan , weil er fühlte , er könne nicht mehr an der Seite seiner Gattin leben , er mußte fort von ihr , andere Luft , andere Menschen um sich haben . Er liebte seine Gattin - auch noch jetzt , wo er wußte , daß dieses Gefühl nie eine ähnliche Erwiderung gefunden . Ihre Fehler und Schwächen , die er nicht zu verkennen vermogt hatte , nahm er nicht für individuelle , er entschuldigte sie mit der Schwäche des ganzen weiblichen Geschlechtes . Amalie war sein nach Recht und Gesetz , nach dem Ausspruch und Segen der Kirche , sein durch jahrelange Gewohnheit des innigsten Miteinanderlebens , und er liebte sie als sein trautes Weib - aber von jenem Augenblicke an , als sie ihm die ganze Wahrheit ihrer Gefühle gestanden hatte , ward dieses Verhältniß für ihn zu einer ungeheuern Lüge - er konnte sie nicht mehr vor Gott als die Seine betrachten , und daß er es noch vor den Menschen mußte , war ihm peinlich . Deshalb suchte er eine Stelle , welche ihm Gelegenheit bot , sich von ihr zu trennen , ohne daß deshalb ihre Umgebung ihr ganzes Verhältniß durchschauen konnte . Auch ihn hatten Sorgen und Arbeit kränklich gemacht , der Arzt rieth zu einer Reise . Thalheim hatte dazu keine Mittel , wenn er nicht diese Reise selbst mit seinem Beruf als Lehrer oder mit irgend einem Amt verbinden konnte - er ergriff also die Gelegenheit , die jungen vornehmen Leute zu begleiten , und kehrte dann neugestärkt zu seiner Gattin zurück . Von diesem Standpunkt aus konnte seine Umgebung die Veränderung seiner Verhältnisse betrachten , obwohl nebenbei auch nicht gehindert werden konnte , daß andere Gerüchte darüber im Publikum umliefen . Während er nun noch daheim weilte , und Amalie , welche wieder kräftig genug war , in den Zimmern umherzugehen , der neben ihr wohnenden Blumenfabrikantin den ersten Besuch gemacht hatte , und bei dieser unverholen klagte über die tägliche häusliche Noth , kam die Sängerin Bella auch herab , um für sich selbst einen Blumenschmuck auszuwählen . Henriette Krauß war geschwätzig und gutmüthig zugleich , und erzählte Bella im Nebenzimmer , wie krank Amalie gewesen , und in welche Noth sie dadurch gekommen , und bat zugleich um eine Unterstützung für sie . Bella war leicht gerührt und immer überaus wohlthätig , sobald ihr dies keine große Mühe machte . Ihre Wohlthaten ertheilte sie immer auf eine einfache , vertrauliche und deshalb ungewöhnliche Weise . Sie schrieb einfach an Amalie : » Die Glücksgüter auf der Erde sind ungleich vertheilt . Indem ich mir einen Abend das Vergnügen mache , öffentlich zu singen , verdiene ich zuweilen Hunderte . - Andere vermögen dies bei angestrengter Arbeit in Jahren nicht . Ich halte es also für meine Pflicht , wenigstens im Kleinen für eine Ausgleichung dieser Ungleichheiten zu sorgen , und da ich gehört habe , daß Sie minder glücklich sind , als ich , bitte ich , die beifolgende Kleinigkeit von meinem Ueberfluß anzunehmen . Lassen Sie aber von dem , was zwei Frauen unter sich ausmachen , keinen Mann etwas wissen , der männliche Stolz hat für mich oft etwas Beleidigendes . Wenn Sie mein Anerbieten nicht annehmen , kommt es in minder gute Hände , und das sollte mir leid thun . Bella . « Mit diesen aufrichtigen Worten erhielt Amalie am andern Tag eine kleine Summe in Geld , welche durch die ungezwungene Art , mit der sie geboten ward , ihr doppelt willkommen war . Sie erfüllte den Wunsch der