, ein Sonett Petrarcas ; wir sangen zusammen deutsche Lieder und französische Romanzen . Nachts um drei Uhr speisten wir zu Mittag , bestiegen dann einen leichten Kahn und erwarteten den Aufgang der Sonne auf dem Meer . Mit dem Tage kehrten wir zum Lande zurück und machten einen größeren Spaziergang , bisweilen einen Ritt auf Eseln in die Berge . Die Hitze des Tages führte uns ins Schlafgemach . Es lag ein unsäglicher Zauber in dieser Existenz , die sich so ganz von der Alltäglichkeit losgerungen hatte und sich so sehr in einer poetisch traumhaften Region bewegte , daß alle Berührungen mit dem gewöhnlichen Leben von selbst aufhörten . Dies dauerte so lange wir es ertragen konnten ! es ist aber sehr gewiß daß man in dieser wechsellos glühenden Atmosphäre des feinsten Sinnengenusses die Energie verliert , welche des Genusses fähig macht . Ich ertappte mich zuweilen auf dem heimlichen Wunsch : Könnte ich doch urplötzlich in Kamtschatka sein und nichts um mich herum sehen als Schneefelder ! das würde mir Nerven und Augen erfrischen . - Nerven und Augen schob ich vor ; im Stillen fühlte ich daß dies die Aeußerung eines noch größeren intellektuellen Bedürfnisses sei , das nach irgend einer Darlegung der Thatkräftigkeit lechzte . Bemerkte ich in Paul eine ähnliche Regung , so kränkte sie mich . Ohne ein volles Genügen zu finden begehrte ich doch daß er es finden solle . In andern Augenblicken hingegen , bei Gesprächen über Aussichten für seine Laufbahn oder über Zukunftspläne - wenn er da nicht ganz auf meine hochfliegenden Träumereien einging weil er die Verhältnisse richtiger beurtheilte als ich - oder wenn er sagte : » Laß uns nicht die Paar süßen friedlichen Tage durch Unruh des Ehrgeizes verkümmern ; « - so schien mir wiederum seine geistige Spannkraft erschlafft , und ich fand darin einen bittern Vorwurf der Unvollkommenheit unsrer Liebe . Einmal hub ich an : » Paul , sage mir : liebe ich Dich ? « » Ich hoffe es ! « entgegnete er lächelnd . » Und liebst Du mich , Paul ? « » Gewiß , Sibylle ! « » Woran erkennst Du daß Du mich liebst ? « » Daran , daß Du mein dominirender Gedanke bist , Sibylle - daß mein inneres Leben in Deinem Besitz zu einem Abschluß mit sich selbst gekommen ist und eine Regel gefunden hat : Dein Glück . « Ich schwieg und starrte vernichtet in die See hinaus , denn ich vernahm eine in mir flüsternde Stimme : Aber du Paul bist nicht mein dominirender Gedanke - aber mein inneres Leben hat in deinem Besitz keinen Abschluß mit sich selbst gefunden ! .... Wie ein entstellendes Echo hallten diese Worte in mir wieder . Mir war als sei ein Schleier von einem Abgrund in mir selbst weggezogen , und betäubt starrte ich in ihn hinein . Ach , es war ganz richtig ! Paul hing mit seinem Herzen an mir - darum beherrschte ich ihn ; und ich hing an der Idee der Liebe - nicht an Paul . Ich wollte durch die Liebe die ganze sinnliche und übersinnliche Welt ergründen , erkennen und umfassen ; sie sollte mich wie Dante in mystisch erhabene Geheimnisse weihen , mich Ariosts zauberische Verführungen , Tassos romantischen Schwung , Boccaccios lockende Ueppigkeit lehren und sie genießen lassen ; sie sollte mir Lorbeer- und Stralenkrone , unter welchen sich Dornen verbergen , ums Haupt flechten , wie dem Petrarca . Das erwartete ich von der Liebe ; sie war meine dominirende Idee . - Wie soll das werden ? murmelte ich vor mich hin . » Hast Du Dich besonnen daß Du mich liebst , mein Engel ? « fragte Paul nach einer Weile . Ich konnte nicht antworten , ich war gelähmt , erstickt durch das plötzlich erwachte Bewußtsein eines großen innern Elends . Ich hatte meinen Kopf an die Harfe gelehnt auf der ich gespielt , und an die ich mich jezt mit beiden Armen klammerte , weil mir war als thue sich der Felsen unter mir auf . Paul sprang auf , lehnte die Harfe zurück , richtete mich in seinen Armen empor und führte mich zur Balustrade der Terrasse damit ich freiere Luft schöpfen möge . » Kind ! Kind ! sprach er zärtlich , Du ängstigst mich ! es gehen Dir Stürme von Leidenschaft durch die Seele , die Dich zerbrechen müssen . « » Das ist wahr ! entgegnete ich beklommen , aber laß sie nur austoben ! jeder Mensch muß durch die Gewitterjahrszeit seines Lebens hindurch . In mir ist unmäßig viel Unklarheit - das erzeugt eben die Gewitter . Aber glaube nur Paul , daß Eines mir klar ist : Dein Glück soll auch die Regel meines Lebens sein . « Und gleich jedem unsrer Gespräche ging auch dieses am Kuß unter . - - - Aber mich überfiel seitdem in Pauls Armen zuweilen ein maß- und namenloses Entsetzen , ein Grauen das mich bis in die Haarspitzen durchrieselte , weil ein Gespenst in mir auftauchte das lautlos doch vernehmlich sprach : Du liebst ihn nicht ! - Ich verfiel darüber in unsinnige Traurigkeit , ich erschöpfte mich in Beweisen der Zärtlichkeit , ich ersehnte schwierige trübe Zustände um sie in andrer Form ihm zu bethätigen . Unsre holdselige Abgeschiedenheit wurde mir ganz lästig , und als wir Sorrent Anfang Oktobers verließen , war ich übersättigt vom Liebesrausch ! Wir kamen nach Engelau . Ach , wie war es dort so einsam und traurig . Eltern und Geschwister todt , die Freunde und Pfleger meiner Jugend fort , Miß Johnson in England , Sedlaczech auf Reisen ! wie viel Gräber unter - und leere Plätze auf der Erde ! Nur unser alter Hofmeister empfing uns , aber sehr niedergeschlagen , denn er fühlte sich verwaist an dem Ort der ihm zwanzig Jahre lang lieb wie eine Heimat gewesen war . Der Tod meiner Mutter berührte mich hier viel tiefer , als in dem Augenblick wo ich die Nachricht empfing . Damals machte er mir nur den Eindruck eines schmerzlichen , jedoch unvermeidlichen und längst vorhergesehenen Ereignisses ; hier , an diesem Ort wo sie stets gelebt und den sie so heiß geliebt hatte - der Alles umfing woran je ihr Herz gehangen : hier war mir zu Sinne als stände ich immerdar an ihrem Grabe , als wäre ganz Engelau der große traurige Sarg , der ihren Staub umschloß und der selbst bald in Staub zerfallen müsse . Urplötzlich von Sorrents lachender Küste im Spätherbst an die stürmischen Gestade der Ostsee versetzt , grauete mir vor den Nebeln , den kahlen Bäumen , dem Gekrächz der Krähen , dem hohlen Sausen des Windes , der grauen Färbung der Landschaft . Hier hatte ich leben , lieben , fröhlich sein können ? .... ich begriff es nicht mehr ! mein verwöhntes Auge blickte befremdet umher und traf überall auf Kälte und Leere . Ich drängte Paul zur Abreise nach England ; ich stellte ihm vor , daß in dieser Jahreszeit mit jedem Tage die Unbehaglichkeit der Ueberfahrt wachse , daß sie gefährlich werden könne ; daß er Gefahr laufe ganz aus der Carriere zu kommen , wenn er sich so wenig pünktlich und eifrig im Dienst erweise . Paul wünschte um Nachurlaub zu bitten und den Winter mit mir in Engelau zu verbringen , theils um die Verhältnisse meines Vermögens und die Art kennen zu lernen in welcher dasselbe verwaltet würde , theils um in Folge unsrer übermäßigen Reiseausgaben auf dem Lande eingeschränkt zu leben . Aber unsre sorrentinische Einsamkeit hatte mich auf lange Zeit mit der Einsamkeit überhaupt abgefunden , und überdas war in mir der tumultuarische Drang das Leben nach allen Seiten hin kennen zu lernen , welcher sich nun einmal nicht in Engelau befriedigen ließ . Paul gab nach - wie immer , mit einer Güte , einer freundlichen Nachsicht , wie nur der Starke sie für den Schwachen haben kann . Aber es rührte mich nicht ! ich glaubte nur Recht zu haben . Ich hatte eben kein Herz und lebte nicht mit und von dem Herzen , sondern für meine Träume . Wolbehalten langten wir in London an . Ich hatte die besten Vorsätze gefaßt mich von jedem Luxus fern zu halten und mich in der Einrichtung meines Hauses und meiner Toilette auf die schlichten Ansprüche des Anstandes zu beschränken . Den Luxus der Pracht glaubte ich vermeiden zu können und mied ihn auch ; aber ach ! der Luxus des Comfort war viel verführerischer und auch viel unwiderstehlicher , weil er wie eine Nothwendigkeit aussah . Unser Haus war weder groß noch prächtig ; allein ich mögte es in seiner koketten Elegance mit dem Anzug einer schönen Frau vergleichen bei welchem von der Haarnadel an bis zum Schuh herab die feinste und ausgesuchteste Wahl geherrscht hat . Ebenso ging es mit meiner Toilette . Ich wollte durchaus nichts Prächtiges ; nur Stickereien - nur Spitzen - nur jene allerliebste leichte Waare , welche die französische Sprache so außerordentlich bezeichnend » Chiffons « nennt . Was die Kostbarkeit dieser Sächelchen erhöhte war , daß ich sie nun gar aus Paris kommen ließ , weil mir der englische Geschmack in dieser Richtung nicht zusagte . Ich war schön , elegant , fand mich mit großer Leichtigkeit in den englischen Manieren zurecht , sprach geläufig englisch ; meine große Jugend interessirte einige ältere Frauen der ersten Gesellschaft für mich , welche mich protegirten und hoben bis ich auf eigenen Füßen stehen konnte , was - Dank jenen Eigenschaften ! - - sehr bald geschah . Als diese gleichsam materiellen Erfodernisse nach allen Seiten hin überwunden waren - sah ich mich um : Was nun ? - - Ich hatte gar keinen genügenden Wirkungskreis ; meine selbstgewählten Beschäftigungen waren keinesweges aus innerer Nothwendigkeit hervorgegangen ; Lectüre und Harfenspiel füllen müssige Stunden , aber kein leeres Leben , Besuche , Spazierritte , Soireen sind mehr Zeiteintheilungen als Ausfüllung der Zeit . Ich wünschte glühend für Paul etwas thun , ihm nützlich sein zu können . Ich war ihm behülflich die Zeitungen zu lesen und aus diesen englischen , französischen , deutschen Papiermassen die Notizen auszuziehen , die irgend ein Interesse boten . Hätte mein Verstand eine positivere Richtung gehabt , so würde er sich unzweifelhaft bei meinem Heißhunger nach Beschäftigung auf die Politik geworfen und in deren Combinationen ein Feld für die geistige Regsamkeit gefunden haben . Aber für mich waren Whigs und Tories nichts Anderes als die weißen und die schwarzen Figuren welche sich auf dem Schachbrett Treffen liefern , die von List , Feinheit , Intrigue , Benutzung fremder Schwäche dirigirt werden . Meinem armen Kopf fehlte die Capacität um Staatsfragen verfolgen zu können . Doch habe ich , vielleicht veranlaßt durch Pauls Vorliebe oder auch durch den ersten Eindruck den in dieser Beziehung meine Unerfahrenheit hier empfing - eine große Achtung , einen fast unwillkürlichen Respect vor den englischen Staatsformen bekommen und bewahrt . Dadurch daß die englische Adels-Aristokratie nie ihre Reihen schließt , und Männer von wahrem und ernsten Verdienst , gleichviel von welcher Herkunft , bereitwillig zwischen sich aufnimmt , ist sie eine durchaus organische Institution , die im Schooß des Volkes , im Grund und Boden des Landes Wurzel geschlagen und dessen edelste Kräfte in würdiger Weise sich einverleibt hat . Sie ist nicht zu einer Kaste mumificirt , sondern frische Säfte und junges Blut strömen unablässig ihr zu , und weil sie so kräftig ist , darum ist sie auch populär , denn sie flößt Vertrauen ein . Rastloses Streben liegt in der Natur des Menschen ; aufwärts streben veredelt sie ; diesen Spielraum nach oben hat die englische Aristokratie den übrigen Classen der Gesellschaft gelassen , und daraus entspringt für diese der Sporn des Ehrgeizes . In Deutschland hat der Adel nicht verstanden diese edle und weise Stellung einzunehmen und ist durch Käuflichkeit der Adelsbriefe völlig erniedrigt . Das macht ihn unpopulär ; dadurch versiegt ihm der Zufluß der Lebenskräfte , und indem er sich selbst gleichsam die Wurzeln in mütterlicher Erde abgeschnitten , hat er auf die übrigen Classen fürchterlich nachtheilig gewirkt : er hat ihnen Neid eingeflößt ! Können sie nicht aufwärts - wolan , so zerren sie abwärts ! Diese Richtung entadelt beide Theile . Weil Alles allgemein sein soll , drum wird es gemein : das ist die Basis des Nivellirungsystems ! in starrer Abgeschlossenheit scheelsüchtig und mißgünstig , ohne Athem zum Wettlauf verharrt der Adel in einer Stellung die hunderttausend Blößen bietet . Dieser schiefen Position wegen fühlte sich Paul höchst unbehaglich in Deutschland . Seine Gesinnung war viel zu hoch und viel zu klar um ihn zum Ueberläufer zur Partei der Demagogen zu machen , welche damals an der Tagesordnung war . Diese Projecte von Republiken , von Bürgerthum widerten ihn an , weil er in diesen Staatsformen nur den Uebergang zu absoluten und despotischen Monarchien sah , gegen welche die Aristokratie eine heilsame und nothwendige Schranke zieht . Darum hielt er immer das aristokratische Princip aufrecht ; allein er verhehlte sich nicht , daß man es in Deutschland nicht verstand oder mißverstand , und daß in Hofjunkern und Landjunkern kein belebendes Element der Aristokratie zu suchen sei . Sein Lebensplan war der : sich in England durch seine diplomatische Stellung gleichsam einzubürgern und alle zwei oder drei Jahr nach Deutschland zu gehen um seinen Vater zu besuchen und um die Güter in Holstein zu inspiciren . Die Vorstellung war ihm unerträglich die Beamten-Carriere machen oder in den Hofdienst treten zu müssen , oder in diplomatischer Stellung an einen deutschen Hof zu kommen . Das wußte ich , denn es war der Gegenstand häufiger Gespräche ; ich theilte Pauls Ansichten , ich bestärkte ihn darin ; ich dachte es mir gräßlich auf Paris , Rom und London einen Aufenthalt in kleinen Landstädtchen wie Cassel etwa oder Carlsruh folgen zu lassen . Dennoch richtete ich den Zuschnitt unsers Hauses und unsers Lebens so kostspielig ein , daß die Unmöglichkeit ihn durchzuführen vorauszusehen war . Was half es daß ich jeden Morgen mit unserm Steward und jeden Abend mit meiner Kammerfrau Rechnung hielt und abschloß ! Was half es daß ich jede Ausgabe höchst pünktlich in mein Rechnungsbuch eintrug ! - Nicht das genaue Verzeichniß der Ausgaben , sondern die Beschränkung der unnützen macht die gute Hausfrau aus . Paul war zu nachsichtig gegen mich ; jeden Einfall ließ er hingehen ; immer gab er seine Ansicht , seine Wünsche gegen die meinen auf . Nachdem im ersten Jahr unsers Londoner Aufenthaltes das Parlament geschlossen und die Season vorüber war , schlug er mir vor auf drei Monate nach Engelau zu gehen ; aber ich bat um eine Reise durch Schottland - und wir machten sie . Im zweiten Jahr wünschte er dringend die Reise nach Holstein , aber ich noch viel dringender den Besitz einer kleinen Privat-Yacht . Sie wurde gekauft , bemannt , eingerichtet , und wir machten mit ihr eine Reise längs der französischen Küste von Boulogne bis Brest , und die Fahrt rund um Irland herum . In den Hafenstädten verließen wir die Yacht und machten Streifzüge ins Land hinein . Im dritten Jahr bereisten wir auf gleiche Weise die Küsten der pyrenäischen Halbinsel . Als wir im Spatherbst nach London zurückkamen empfingen uns die übelsten Nachrichten aus Holstein . Es war ein schlechtes Jahr gewesen , die Schulden hatten sich gehäuft , ein Paar Gläubiger waren mißtrauisch geworden und verlangten Auszahlung ihrer Capitalien , zwei Pächter hatten den Jahreszins nicht gezahlt , der Verwalter des Hauptgutes Engelau hatte sich dem Trunk ergeben während seine Frau ihr Schäfchen ins Trockne gebracht und sich in Meklenburg ein schönes Landgut gekauft hatte ; kurz die volle Verwirrung der Zustände war eingetreten , die mit Verschwendung und Verwahrlosung von Seiten des Herrn überall Hand in Hand geht . Mein Geschäftsführer schrieb mir warnende Briefe , mein Schwiegervater schrieb fulminirende an Paul ; der Sinn von dem Allen war - daß uns ein Concurs bedrohe . In vier Jahren hatte ich es dahin gebracht ! bei neunzehn Jahren hatte ich es möglich gemacht mein Vermögen , das Vermögen einer alten wolbegüterten Familie zu compromittiren , und vielleicht - Pauls Zukunft zu zerstören ! Paul machte mir keine Vorwürfe und berührte mit keinem Wort weder diese Möglichkeit noch die Vergangenheit . Ich umschlang ihn ganz bewildert und rief : » Aber Paul , was können wir denn thun ? « » Wir müssen nach Deutschland und in Engelau leben - - sagte er sanft und fügte beruhigend hinzu als mir die Thränen aus den Augen stürzten : Nur vor der Hand .... wie ich glaube , meine Sibylle . « » O Paul ! rief ich , warum hast Du Deine bessere Einsicht nie mir gegenüber geltend gemacht ? « Er sah mich traurig an und erwiderte : » Weil ich schwach gegen Dich bin . « » Leider ! « flüsterte ich vor mich hin . » Du machst mir diesen , Vorwurf ! « rief er schwankend zwischen Zorn und Schmerz . » Ja Paul , sagte ich und küßte seine Hand , das ist immer so : wer Unrecht hat mögte die Schuld von sich ab und auf einen Andern wälzen . « » Wer könnte Dir zürnen , Engel ? entgegnete Paul . Wenn es ein Fehler ist zu liebenswürdig zu sein , so hast Du ihn ! Du siehst , auch ich will meine Schuld von mir ab und auf Dich wälzen . « Paul nahm Urlaub auf ein Jahr . Wir gaben unser Haus auf , verkauften unsre ganze Einrichtung , die wir vor drei Jahren mit solcher Sorgfalt gemacht hatten , entließen unsre englischen Dienstboten , und schifften uns Ende Novembers nach Hamburg ein . Diese drei Jahr in London waren mir schwer gewesen ! - Wie einst in Sorrent daß ich Paul nicht liebe : so hatte ich jezt erkannt , daß ich ihn dominire ohne ihn doch eigentlich zu beglücken . Ich hatte ihn mit ich weiß nicht welchem Zauber umsponnen , der ihm zugleich süß und doch schwer war , der ihn eigentlich mehr magnetisirte als befriedigte . Ich hatte seinen Lebensplan durchkreuzt - ich veranlaßte ihn in großer Einschränkung und mit widerwärtigen Geschäften wenigstens ein ganzes Jahr und vielleicht noch länger auf dem Lande zu leben - ich erfüllte nicht seinen heißesten Wunsch , denn ich war nicht Mutter ; - und dennoch liebte er mich ! Es giebt fatalistische Leidenschaften ! sie bemächtigen sich eines Menschen , und Alles was sie sonst tödtet , dient nur dazu sie in ihm zu entzünden . Paul hofte Kinder zu haben , hofte die Vermögensverwickelungen zu entwirren , hofte seine Laufbahn seinen Wünschen gemäß fortzusetzen , und wenn ich ihn fragte : » Wie kannst Du immer so muthig sein ? « so erwiderte er : » Weil ich Dich liebe . « Gott , wie mich das rührte ! - Unser Herzensverhältniß war dadurch ganz eigenthümlicher Art ; denn ich liebte ihn nicht , er imponirte mir nicht , es gab Momente wo ich mich ihm überlegen fühlte , weil ich das Bewußtsein hatte ihn lenken zu können ; und dennoch hing ich mit Zärtlichkeit , ich mögte sagen mit Wehmuth an ihm . Er war mir nicht geworden was ich von einem Gatten , einem Geliebten geträumt hatte ; da er aber so gut und edel war betrübte seine Unvollkommenheit mich nur und nie fühlte ich mich versucht bei einem anderen Mann eine höhere Vollkommenheit zu suchen . Es wurden mir viel und flammende Huldigungen dargebracht : sie rührten mich nicht . Ich blieb kalt wie Eis , nicht aus Tugend , nicht vorsätzlich , sondern nur weil ich nichts Verlockendes in ihnen fand . Ich hatte meine Erwartungen von den Männern in früher Jugend so hoch gespannt , daß sie denselben nicht entsprechen konnten ; und ich selbst war jung genug um noch nicht meine eigenen Erwartungen vergessen zu haben . Ueberdas graute mir vor der Untreue , der Lüge , der Intrigue , der Angst und Verzweiflung , welche im Gefolge jeder pflichtwidrigen Neigung sich einfinden . Ich konnte mir nicht vorstellen , daß wahre Liebe sich unter diesen entwürdigenden Umständen Platz machen und entwickeln könne . Ueberdas hatte meine Phantasie eine ganz andre Richtung genommen ; ich dachte an nichts - als an Mutterglück ! und Alles was ich that und trieb und unternahm , geschah um mich gegen diese heiße ungestillte Sehnsucht zu betäuben . So schien es mir damals . Vielleicht war das aber auch nur ein unbewußter Vorwand um meine Unstetigkeit zu beschönigen ! - Genug : ich vertiefte mich jezt in ebenso regellose Phantasien der Mutterseligkeit , wie ehedem in die Seligkeit Helden und Halbgötter auf jedem Schritt und Tritt zu finden . Das gab mir etwas Träumerisches , Schwermüthiges , und dieser geistige Trauerflor bildete mit meiner Jugend einen auffallenden Contrast . Wer sich mir mit unverholener Huldigung genähert hatte war Graf Otbert von Astrau . Diesen Namen nennen heißt einen berühmten Mann bezeichnen , dem die Mitwelt und vielleicht die Nachwelt einen ehrenvollen Platz aufbewahrt . Ein Dichter betrachtet das Leben mit anderem Auge als wir übrigen Menschenkinder . Jezt habe ich das erkannt . Darum kann ich auch unparteiisch von Otbert sprechen . Er kam nach London . Seine Ankunft war uns lange vorher verkündet ; seine Gedichte waren auch in England bekannt und geliebt . Man war gespannt auf seine Erscheinung , ich , die Deutsche , natürlich noch mehr als die Uebrigen , denn seine Gedichte hatten mich bezaubert . Otbert kam mitten in der Season und brachte an Paul ein halbes Dutzend der dringendsten Empfehlungsschreiben . Dadurch wurde er ein täglicher Gast in unserm Hause . Sein Ruhm , sein Name , seine Persönlichkeit bahnten ihm einen Siegerpfad in der Gesellschaft . Er war höchstens siebenundzwanzig Jahr alt und so recht in der Sonnennähe seiner poetisch-lyrischen Entfaltung ; außerdem schön , geistreich , liebenswürdig , brillant - geschaffen um alle Frauenköpfe zu verdrehen . Das that er denn auch nach besten Kräften ! nur der meine saß fest . Ich stand in stummer Bewunderung ganz fern und demüthig , und staunte das Meteor an , das über meinen Lebenshimmel dahinzog . Natürlich hatte ich mir unter einem Dichter ein begeistertes prophetisches Wesen mit Sehergaben , mit der Intuition der Seelen und der Zukunft vorgestellt . Meine Bewunderung ging in Verwunderung über , als ich einen brillanten , eiteln und koketten Mann fand , der im Salon glänzen und die Frauen erobern wollte . Beides gelang ihm , und die Siegesgewohnheit machte ihn zum Fat . Seine Schaustellung erkünstelter Gefühle , das halbe Dutzend von Passionen , welche er im Lauf einer Season erregte , bald theilte , bald nicht theilen konnte - machte mir einen widerwärtigen Eindruck , und oft sagte ich zu Paul : » Wie schade daß ich Astraus persönliche Bekanntschaft gemacht habe ! mir ist der glühende Frühling seiner Poesie wie in Schneeflocken untergegangen . « » Was ist Dir nicht schon untergegangen , arme kleine Sibylle ! « entgegnete Paul einmal mit gutmüthigem Spott . Ihm gefiel Astrau außerordentlich . Dieser hatte Männern gegenüber nicht die geringste Eitelkeit , weder Ansprüche noch Launen ; er sparte sich das Alles für den Verkehr mit Frauen auf . Er ritt , er schoß , er jagte , er schwamm , er spielte , er plauderte , er erzählte - genau wie alle Uebrigen , nur mit einem so unmerklichen Anflug von Superiorität , daß Keiner sich verletzt dadurch fühlen konnte und daß Jeder seine Freude an dem geschickten Gegner oder Gefährten haben und doch dabei denken durfte : er werde dennoch einmal zu übertreffen sein . Ich war so still und schweigsam im Umgang mit Astrau - Anfangs aus Andacht später aus Gleichgültigkeit - daß ich ihm ziemlich unbedeutend erscheinen mogte ; er beschäftigte sich gar nicht mit mir . Wir verließen London früher als er um unsre erste Reise in meiner geliebten Yacht zu machen und als wir wiederkehrten war er fort und - wie das im Leben der großen Welt nicht anders ist - halb vergessen . Aber eine Frau hatte ihn nicht vergessen , und das war meine Freundin Arabella -gh . Ich nenne sie Freundin , weil es die Frau ist , die mich am Meisten angezogen hat von allen Frauen die ich je gekannt - nicht durch Sympathie , sondern durch den schneidenden Gegensatz unsrer Charactere . Der Grund der Dinge und das Wesen der Erscheinung war ihr gleichgültig ; nur die Oberfläche lockte und reizte sie , und mit besinnungsloser Genußsucht , die sich zu schwärmerischer Leidenschaftlichkeit steigern konnte , gab sie sich derselben hin . Sie hatte weder Tiefe , noch Ernst , noch Treue , folglich keine Würde im Character ; aber die unglaubliche Wärme mit der sie sich den Eindrücken hingab und sie aufnahm , lieh ihr eine bezaubernde Innigkeit . Sie hatte die Flatterhaftigkeit und die Anmuth eines Schmetterlings . Man konnte ihr nicht zürnen und am wenigsten wenn sie es am meisten verdiente - nämlich wenn sie sich selbst anklagte . Die Selbstanklage sobald sie sich einem Andern gegenüber wiederholt und häuft , verhält sich zur wirklichen Reue , wie sich ein aus Schwäche thränendes Auge zur wirklichen Thräne verhält . Aber Arabella war nun einmal unwiderstehlich in ihrer Schwäche ! sie ist die einzige Frau die mich je interessirt hat - vielleicht weil sie sich mit rührender Demuth an mich schmiegte , vielleicht weil ich wähnte sie ruhiger und pflichtgetreuer zu stimmen , vielleicht weil alle andern Frauen mich stets gelangweilt haben . Astrau war der erste Mann , der ihr nicht Zeit gelassen hatte ihn zu verlassen ; er war ihr zuvorgekommen . Diese Ueberraschung berührte sie in so neuer Weise , daß sie ihr Herz tödtlich verwundet glaubte . Ich fand sie tief niedergeschlagen , blaß , abgehärmt ; sie sprach davon die nächste Season auf dem Lande zuzubringen , London und die Welt zu fliehen . Otbert und immer Otbert war ihr drittes Wort ; sie nahm keine Huldigung an , sie zeichnete keinen Mann aus . Ich wünschte ihr Glück daß ihr inneres Leben eine ernstere Richtung genommen . Indessen kam die Season heran und siehe da ! ein Brief Astraus an Paul verkündete seine nahe Ankunft . Ich theilte Arabellen ganz besorgt diese Nachricht mit , und rieth ihr jezt aufs Land zu gehen um jede Begegnung zu vermeiden . » Was fällt Dir ein ! rief sie lebhaft . Ich sollte gehen wenn er kommt ? sollte die Gelegenheit meiden ihn zu sehen ? O nein , jezt bleibe ich gewiß . « » Daraus werden für Dich qualvolle und für Astrau peinliche Augenblicke entspringen , meine arme Arabella ! .... Laß doch geschieden sein was einmal gebrochen ist . « » Ach , Du hast nicht geliebt .... nicht ihn geliebt , Sibylle ! sonst würdest Du begreifen , daß ich gern bereit bin mit unsäglichen Qualen das Glück ihn zu sehen zu erkaufen ! « rief Arabella , und Flammen und Thränen funkelten zugleich in ihrem großen , sammetschwarzen Auge , und die schwarzen Locken rieselten so weich auf die zarten Schultern herab , daß ich hingerissen von ihrer Schönheit und Grazie unwillkürlich ausrief : » Warum hat Dich Astrau aber verlassen ? « » In der Liebe giebt es keine Antwort auf ein solches Warum , « sprach sie resignirt . Astrau kam und war unverändert der Alte . Bei seiner ersten Begegnung mit Arabellen , welche sie bei mir zu veranstalten gewußt , benahm er sich vortreflich - ich mußte es gestehen - ruhig , ernst , ohne erzwungene Freundlichkeit , ohne übertriebene Kälte , während sie eine stumme Scene machte , weinte , in mein Cabinet ging , wiederkam - was mich in Verlegenheit gebracht haben würde , da ich mit ihnen Beiden allein war , wenn Astraus Haltung nicht unbewegt geblieben wäre . Endlich verließ uns Arabella . Ich begleitete sie bis ins Vorzimmer und sagte ernst : » Welch ein unpassendes Benehmen ! « » Schweig ! rief sie heftig , was weißt Du von Liebe ? ... liebe ihn , und dann urtheile über mich . « » Gott behüte mich ! « rief ich und kehrte in den Salon zurück ganz erleichtert durch Arabellas Entfernung . Mein Gesicht mußte diese Empfindung verrathen , denn Astrau sah mich an und sagte : » Ists nicht Jammerschade daß eine so liebliche Frau wie Lady Arabella es dahin bringt ? « » Wohin ? .... ich habe nichts gesagt ! « stammelte ich verwirrt . » Ich habe mir nur erlaubt Ihrem Ausdruck Worte zu leihen . « » Auf eine Conversation durch Mienen und Blicke kann ich mich nicht einlassen , Graf Astrau . « » Fürchten Sie die Wahrheit so sehr ? fragte er mit einem unglaublich feinen Ausdruck . Wesen wie Sie sollten sie nicht fürchten . « Mir mißfiel dies Compliment und ich sprach kühl : » Ich fürchte weder die Wahrheit noch sonst irgend etwas auf der Welt . « » Ah bah ! das ist eine kleine Prahlerei ! Sie werden doch das Gewitter fürchten ... oder den Tod .... oder die Leidenschaft .... oder doch eine unschuldige Maus oder Spinne « .... - - » Nichts von dem Allen , Graf ! ... aber doch etwas Andres - die Langeweile ! die hatte ich vergessen « .... - - » Bis ich Sie daran erinnerte ! rief Astrau . Aber glauben Sie denn daß ich mich nicht vor der Wahrheit fürchte ? « » Ah bah ! das ist eine kleine Prahlerei ! parodirte ich ihn . Wahrheit ist Sonnenlicht , und das bedarf der Dichter in seiner Seele .... und zu einer Glorie ! - nicht wahr ? « » Schwärmerin ! sprach