Maler , nicht für den Dichter . Wer immer Sturm und Nacht vorbringt , von dem meint man wohl , daß er das liebe Sonnenlicht nicht ertrage und vor der stillen Luft sich fürchte . Und wir haben noch von so vielen Unwettern zu erzählen . Also , es hatte gedonnert und gewettert , und wer denkt sich nicht wie , der unsere Frau von Bredow kennt , und wie ein Kornfeld mit geknickten Aehren standen sie blaß umher und ließen die Köpfe sinken . Nun hatte sich Frau Brigitte umgesehen , wer dem Krämer nachreiten sollte und ihr Auge fiel auf Hans Jochem . Der ist nicht der Schlimmste , dachte sie , er ist von gutem Blute . Wie sollte Hans Jochem auf ' s Pferd ! Der konnte nicht reiten , das sagte der erste Blick ; aber rasch hatte die Edelfrau nach dem Nächsten sich umgeschaut , der ' s konnte : » Hans Jürgen ! « Hans Jürgen ward auch blutroth , und er hatte doch keine Pluderhose an . Eva sah erschreckt die Mutter an , die auch roth war , aber vor Zorn . » Auf ' s Pferd ! « Wo stand auch gleich ein gesatteltes Pferd bereit ? Ein Kärnergaul trabt dem andern am besten nach . Hans Jürgen mußte auf das Thier ohne Bügel und Sattel . Alt war es , hochbeinig und mehr Knochen als Fleisch , und ein Ritt war es , der durch Mark und Nieren ging . Zu anderer Zeit hätten sie aus Herzenslust gelacht ; wer sich aber fragte , ob er lieber Hans Jochem war , der zurück blieb , oder Hans Jürgen , der fort mußte , beneidete heut den armen Hans Jürgen , den der Gaul in die Lüfte warf . Eine dunkle Wetterwand war im Abend aufgezogen . Sie stieg höher und höher ; ein verrätherischer Wind streifte über die Haide und regte die Wipfel der Bäume . Zu anderer Zeit hätte meine Frau von Bredow , deren scharfem Auge nichts entging , das anziehende Unwetter längst gemerkt , und sie würde , wie der Schiffscapitain , rasch und kurz ihre Befehle ausgeschrieen haben , die Segel einzuziehen , die Päcke und Ballen zu schnüren , um das Schiff nach dem Hafen zu steuern . Aber die beste Frau bleibt eine Frau . Die Beichte im Walde , das Gericht im Lager , sie die Richterin und vor ihr der arme Sünder , das war zuviel innerer Sturm , um auf die Zeichen des Sturmes draußen Acht zu haben . Es trifft sich wohl , wo Viele sündigten , daß Gericht und Strafe wie Gewitterwolken über die Häupter der Schuldigsten fortrollen , um einzuschlagen auf einen armen Sünder , der den geringsten Theil der Schuld trägt . War Hans Jochem so arg , wie die Frau ihn schalt , so war er darin wenigstens noch unverdorben , daß er sein Schuldbewußtsein nicht zu bemänteln wußte ; es stand auf seiner Stirn geschrieben und sein kreideweiß Gesicht sagte zu Allem ja , als die Base ihm seine Eitelkeit und Hoffahrt in Worten zu kosten gab , die wie Hagel auf eine Fensterscheibe klirrten . Er wußte sich nicht zu vertheidigen , er verwirrte sich in seinen Worten , wie seine Hände in den Schlingen des Gurtes , den er durchaus nicht los kriegte . Er hatte das Prachtstück gewollt und auch nicht gewollt , aber Agnes Bredow trat plötzlich als seine Advocatin auf . Das stille Mädchen ward zur Rednerin . Ihr Vetter hatte es nicht gewollt , versicherte sie , aber der Krämer hatte es ihm angethan ; trotz seines Sträubens hatte er sie anprobiren müssen , und da saßen sie ihm fest , man wußte nicht wie . Selbst hatte sie ' s gesehen , wie er die Schnallen und Binden geschlossen , der schlimme Mann , und durch ' s Herz war ' s ihr gefahren , wie es da aus seinen Augen geblitzt . O es war ganz gewiß , daß ihr armer Vetter besprochen war , und der Beweis dafür war zu deutlich , daß er noch jetzt den Bund nicht los kriegte . Eva sah verwundert ihre Schwester an , wie ihre Augen glänzten : » Und er ist verzaubert ! Ich laß mir ' s nicht nehmen ! « schloß Agnes und sah sich nach Hülfe um , wobei ihr Blick fast bittend auf dem Dechanten haften blieb . Der zuckte die Achseln , und meinte , daß allerdings Einige in Berlin meinten , wie es mit dieser Mode , die aus den Niederlanden herüber gekommen , nicht seine Richtigkeit habe , und von Dämonen wissen wollten , die in diesen zerhackten und geschlitzten Ungethümen säßen , um des Menschen Sinne zu bethören , wie er indeß in solchen weltlichen Dingen zu wenig Erfahrung habe , um darüber zu entscheiden . Peter Melchior , der sich sehr in den Hintergrund gedrückt hatte , gab auch jetzt sein Wort darein , es sei ihm sehr wahrscheinlich , er habe dem Hedderich nie getraut . Der Knecht Ruprecht nickte bedeutungsvoll mit dem Kopfe , die Großmagd Anne Susanne schrie und weinte über den gottlosen Zauberer , und der Dechant , der sich in die allgemeine Stimme fügte , zuckte wieder die Achseln und erklärte sich wohl bereit , wenn der Bund nicht aufginge , durch einen gehörigen Exorcismus die bösen Mächte zum Weichen zu bringen ; aber Frau Brigitte meinte : » den Exorcismus überlaßt mir ! « Mit einem Ruck von ihren kräftigen Händen war es geschehen , der Gurt gerissen . Da aber die Knieriemen noch fest verschnallt waren , fiel die ganze Wucht der fünfzig zerschlitzten Ellen wie ein Faß , dessen Reifen gesprungen sind , nach allen Seiten und bedeckten in flammendem Carmoisin des Junkers Füße . Jetzt sah Hans Jochem allerdings wie verzaubert aus . » Verhext war er auch , das hat seine Richtigkeit , Herr Dechant , « sagte die Edelfrau ruhig . » Will ' s Euch aber erklären , wie es zuging . Als er das bunte Satanszeug um hatte , will ' s gern glauben , daß er ' s nicht genommen , überkam ihn die Lust , daß er ' s nicht wieder abthäte . Da war ' s ihm schon angethan ; das ist der eine Teufel . Und weiter ward ' s ihm angethan , als ihr den Schelmen einen Schelm nanntet und jagtet ihn über alle Berge , doch seine Sachen , da hattet Ihr kein Aergerniß dran , daß er sie hier ließ . Und Hans Jochem hatte auch kein Aergerniß , daß ihm der Plunder fest am Leibe saß , mit der einen Hand hat er genestelt , daß er ihn los bekäme , aber mit der andern sie wieder festgehalten . Da kam der zweite Teufel und hat ihm zugeflüstert : Wenn der Hedderich sie nicht kommt holen , wer zwingt Dich , daß Du sie ihm bringst ? Nun betete er , zu wem , das will ich nicht sagen , daß er sie nicht holen möchte , und das war der dritte Teufel . Einer , drei , meinethalben sieben , damit ein Junker ein Paar Hosen umsonst kriegt , aber ich will sie alle Sieben austreiben , so wahr ich Brigitte Bredow heiße , und dazu brauch ' ich kein Weihwasser und keinen Priester . « » Man weiß nicht , wie es Hans Jochem ergangen wäre , und ob die Base zu ihm gekommen wäre , wenn er nicht zu ihr kam , was aber gar nicht gehen wollte , da ihm die Knieschnallen noch fest saßen , und als er sich bewegte , der halbe Kramladen Tuch an seinen Beinen schleppte und eine Wolke Staubes auffegte , wenn nicht jetzt sein Vetter Hans Jürgen ihm zu Hülfe gekommen wäre . « Ohne Sattel und Bügel zu Roß , und doch lenkte er noch ein ander Roß mit einem Manne drauf , und zog es hinter sich an einem Seil , wie der Knochenhauer das Kalb , das er zu Markt schleppt , und jetzt riß er es vor , ohne den Mann drauf drum zu fragen , daß es sich überstürzte und der Krämer Hedderich fast auf seinen Kram gefallen wäre . » Mir gefällt etwas hier nicht , « sprach der Junker Peter Melchior bei sich . Da doch Alle vom Herzensgrund lachten , die Einen vor Schadenfreude über den Krämer , die Andern vor Freude über Hans Jürgen , daß er es so gut gemacht . Der Dechant , der neben ihm stand , sagte , es sei die Luft , und schlug sein Gewand fester um . » Was ist das ! « schrie Einer , » Sieh da ! « und der Wind antwortete . Es war nicht mehr das Flüstern und das Lispeln in den Wipfeln , es wehte wie warmer Brodem aus dem Ofen und pfiff und schrillte dazwischen . Das Wasser war unruhig und die Krähen flogen krächzend um die Kiefernwipfel . Die Wetterbank im Abend war aufgestiegen , unmerklich , aber schwarz wie ein Gebirg , und unten riß es wieder und theilte sich , ein großes Thor , und ein gelbes Licht strahlte draus hervor . » Jesus Maria , sei mir gnädig , das will was bedeuten ! « So rief Eine , und die Andere dachte es . Die Edelfrau hatte , die Hand vor ' m Auge , ruhig hingeschaut . » Ein Sturm , das will ' s bedeuten , wie Gallus ihn nachschickt ! « Es fuhr , kaum daß sie ' s gesprochen , wie ein Schlag oder Schuß . Die eine Wand des letzten Zeltes war losgerissen , es schlug über , der Sturm faßte die Leinwand , und mit einem Krachen fuhr es über die Köpfe sausend hin . Nicht das Zelt allein , Leinen , Zeug , wie ein Schneetreiben flog es . Mützen , Mäntel , Hüte hinterdrein , wer sie nicht fest hielt . Wo die Fichten sich beugten wie Rohr , was sollte man da nicht kreideweiße Gesichter sehen und von den blassen Lippen Stoßgebete murmeln und die Heiligen angerufen hören . » Es ist hier nicht richtig , ich hab ' s immer gesagt , « wiederholte der Junker Peter Melchior . » Da fliegt die Hexe leibhaftig ! « schrie es . Nicht die Wolken , die , mit gelbrothen Streiflichtern vom Sturm getrieben , über die Köpfe sausten und ihre Bäuche an den Fichten schlitzten , ein Klumpen , ein Ungethüm von allerhand Farben breitete in der Luft seine Polypenarme aus . » Ave Maria , alle Heiligen ! « stöhnte der Dechant . » Es sitzt auf ihm . « - Er lag auf seinen Knieen ; es zog ihn nieder , eine dunkle , unwiderstehliche Macht . Er rang vergeblich , wie der unglückliche Heerführer der Griechen , als sein treuloses Weib ihm das faltenreiche Gewand über den Leib geworfen . Jeder hatte mit sich und dem Seinen zu thun , selbst die Edelfrau flog an ihm vorüber , unbekümmert um ihren Seelsorger . Aber das tüchtige Weib packte den Hans Jochem , dem ' s endlich gelungen war , die Knieschnallen zu lösen , und der mit aufgerissenem Munde dem Pluder nachsah , als ihn der Wind forttrug . Nun drohte sie ihm , hier sei nicht Maulaffen feil zu halten . Seinem Vetter Hans Jürgen ging ' s nicht besser . Den riß sie von der Arbeit , die sie ihm kaum aufgetragen , denn in der Noth ist Jeder sich selbst der Nächste . Der Krämer Hedderich war auch wohl der Mann für sich allein zu sorgen , wenn man ihn nur sorgen ließ . Mit einem Satz war er auf den Dechanten losgestürzt . Der arme Dechant ! Auf schrie er , denn nun glaubte er , der Gottseibeiuns selbst liege auf ihm , und stöhnte Gebete unter dem Alp . Aber der Alp löste sich , und unversehens hatte er ihm die Wolke vom Gesicht gerissen . Nur die Worte des Verderbens hörte noch der fromme Mann : » Daß Dich - ! lüstet ' s dem Pfaff auch nach Pluder , das giebt L - - . « » Sanctissima ! « kreuzte sich der Dechant und floh in den dichtesten Wald den Andern nach . Wer das vorhin gesehen und es nun sah , hätte mit guten Ehren an einen Hexensabbath denken mögen . Noch eben so viel Wirtschaft und Wirrwarr , und kaum das Viertel einer Stunde , so war es still und einsam am Lieper Eck . Menschen , Thiere und Wagen waren in den Wald verschwunden . Noch hörte man die Räder knarren , noch das Blasen des Hornes , wenn der Sturm einen Augenblick schwieg , aber von Allen , die hier eine Woche so lustig handtirt , war nicht übrig geblieben ein Tüchlein am Strauch , nicht ein Strumpf in den Büschen . Das Auge der Edelfrau spähte wie der Uhu durch Sturm und Nacht , das Verlorene wieder zu holen . Wenn noch etwas Weißes durch die Föhren jagte , war es der Schaum vom See , den der Sturm auftrieb . Wenn es sich noch regte in der Dämmerung , waren es die Stämme , die sich schüttelten . Wenn noch Stimmen ertönten durch das Nachtgrauen , waren ' s die Eulen , und fernher schlich der Fuchs , zu sehen , ob auch für ihn nichts im Lager zurückgeblieben . Doch war noch ein menschlich Wesen zurückgeblieben in der Nachteinsamkeit . Es stöhnte tief auf wie der Schmerz in einer Brust , die lange , lange ihn verhalten , und nun kann er sich Luft machen , da seine Peiniger nicht da sind . Kreischend , rauh , halb Verzweiflung , halb teuflischer Grimm , preßten sich die Worte heraus , als der Krämer Hedderich sich aufrichtete : » Schinder und nicht Menschen ! Raubmörderisch Gesindel , und das heißt Burgfrieden ! Was wär ' s denn schlimmer , so ich den Köckeritz und Lüderitz in die Hände fiel ! - « Wie er zähneknirschend beide Hände gen Himmel ballte , da leuchtete der Mond durch die zerrissenen Wolken auf ein häßlich Gesicht , ein Gesicht , über das der böse Feind sich im Stillen freut . Den braucht er nicht zu ködern , nicht Reiche zu verheißen ; selbst sucht er ihn auf am Kreuzweg . » O Ihr Edelleute , Ihr Ritter , Ihr Herren , Ihr Gewaltigen , einen Wurm zertreten , ihn kitzeln mit den Spießen , daß die Eingeweide ihm brennen , ihn rollen mit den Sporen im Sande , schinden und anspeien ! Das ist Zeitvertreib , juchheißa ! Sanct Nikolas hilf mir , ich wollt mir auch das Herz aus dem Leibe lachen , wie ' nen Maikäfer Euch zappeln lassen am Faden , reißen und schmeißen . Sohlen hab ' ich wie Ihr , langsam zertreten , wie ein Regenwurm solltet Ihr Euch krümmen , Stück für Stück ; Stück für Stück habt Ihr mich auch zerschlickt , meine Seiden , meine Tücher , meine Wollen ! Allbarmherzige Mutter Gottes , gnadenreiche - Pestilenz , Höll ' und Teufel , ein verlorener Mann bin ich , wenn sie - « Er schien nicht zu wagen , den Gedanken auszusprechen . Er zitterte , fuhr mit der Hand durch die wilden Haare , warf sich auf das Gepäck , umklammerte es , und doch suchte er schon durch verstohlene Drücke den Inhalt der Ballen zu prüfen , während er die dürren Finger zum Gebete zusammenpreßte . Stück um Stück umwerfend , kam er an ein Pack . Der Angstschweiß perlte auf seiner Stirn . Jetzt konnte er es mit dem Finger erreichen . Er klopfte daran ; ein feiner Silberklang antwortete . Des Mannes Züge erheiterten sich , oder vielmehr ein grinsendes , widerwärtiges Lächeln breitete sich um seinen Mund . Die thierische Lust flammte auf . Höhnisch lachte er auf , und die Hand , eben noch zum Gebet gefaltet , schnellte die Finger höhnisch : » Habt Ihr das nicht gefunden , Ihr Geier von Rabenstein , Ihr Habichte vom Garaus , Ihr Falken vom Lug in die Noth ! Blinde Köter bellen zu früh . Aber wartet nur , die Wölfe haben zu lang die Hürde umschlichen . Die Gerechtigkeit wird losgebunden ; Euch wird Heulen und Zähnklappern kommen , wenn sie Euch in die Waden fahren . Ich bin ein schlechter Mann , aber Euch soll ' s schlechter gehen als meinem schlechtesten Hund . Der Kurfürst , sagt Ihr , ist ein Knabe . Aus Knaben werden Männer , was aber aus Euch werden wird , fragt nach des Henkers Freiknechten . Mir im Burgfrieden die Rosse ausspannen , mein Gefährte umschmeißen , wer zählt die Stücke ! Und die Rieme zerrissen . Wer knüpft mir die Riemen zusammen ? Der Deckel ist eingeschlagen . Ich will klagen . Schwören will ich , auf den Hals Euch schwören , so wahr Niemand hier mich hört , Gold und Perlen waren drin , drei Tausend - Ave Maria , was ist das ? « Es rauschte und klatschte . Der Sturm hatte doch ausgetobt , nur ein leiser Luftzug wehte noch . Es rauschte und klatschte ; ein Wesen erhob sich in den Lüften , langsam zwei Riesenarme unter den Kiefern . Klaus Hedderich war wie eine Katze vom Wagen geglitten . Drunter lag er , platt auf der Erde , zähneklappernd . » Sanct Nicolas , Sancta Ursula , gebenedeite , allerheiligste Mutter Gottes , schütze mich . Gott , Vater , Sohn und heiliger Geist , ich habe immer ein Kreuz geschlagen am Kreuzwege , ich hab ' nie eine Messe versäumt , wenn ich konnte , ich habe keine Todsünde begangen , kein Blut vergossen , ich beichte und bete , wenn die Straßen frei sind und der Markt aus , der Ketzer Lehren sind mir ein Gräuel , und die Juden speie ich an , Mariä Lichtmeß hab ' ich geopfert eine geweihte Kerze im Dom zu Havelberg und den Rabbiner Eliezar stieß ich mit dem Ellenbogen an der Treppe . Sancta Clara , Sancta Martha , Sancta Ursula , Sancta Beata und das heilige Blut in Wilsnack , Gold und Perlen waren nicht drin , die lieben Heiligen sollen ' s zählen ; zehn zum Aufgeld , was mich ' s kostet und Zehrgeld , den Hafer nur einen Groschen über ' m Marktpreis will ich schwören . Alle gute Geister - « Die Hexe hatte ihn noch nicht am Schöpfe gegriffen ; er murmelte noch , als er den Kopf leise aufhob und unter den wirren Haaren vorschielte ; aber je schärfer er blickte , um so leiser wurden die Töne . Es rauschte und klatschte noch immer zwischen den Kiefern , als er plötzlich sich aufrichtete und ärgerlich , den Staub abklopfend , rief : » Dummes Zeug ! das sind des alten Herrn Götz seine . Sollen mir wenigstens für die zerrissenen Riemen gut sein . « Fünftes Kapitel . Die Burg Hohen-Ziatz . Der Wetterhahn auf dem Giebel des Wohnhauses drehte sich noch immer in seinen verrosteten Angeln , ob doch der Sturm längst aufgehört hatte . Der Mond sah durch die zerrissenen Wolken auf die alte Burg Hohen-Ziatz , und wenn er ein Gefühl für irdische Dinge hätte , müßte der Mann im Monde sich gewundert haben . Ein altes verräuchertes Nest hätte es der Reisende bei Tage genannt . Auf einer Anhöhe , die aus den Sumpfwiesen vorragte , war es erbaut . Ringsum , wo die Gräben und Teiche aufhörten , zogen sich weite Föhrenwälder auf unebenem Boden , dessen Bestandtheil , der helle weiße Sand , schon dicht neben dem schwarzen Moorboden zu Tage lag . Enge und krumme Wege schlängelten sich mühsam durch die Waldung und die Roggen- und Haferfelder , die in der Lichtung der Forst lagen , schienen dem Auge im Verhältniß zu dem Walde so klein , daß es zweifeln konnte , ob die in der Burg lebten , wirklich davon leben konnten . Und doch stieß auf der einen Seite noch ein kleines Dorf daran , dessen elende Lehmhütten sich aus der Niederung in den Wald verloren . Aber ein sicheres Nest mußte es in den alten Tagen gewesen sein , ein rechter Versteck für Verfolgte . Der Hügel , auf dem das Schloß gebaut war , war nicht Sand , sondern festgestampfte Erde , mit kurzem , dichten Rasen bekleidet ; bei genauerer Betrachtung sah man ' s ihm an , daß er , wenigstens in seinen obern Theilen , nicht das Werk der Natur , sondern der Menschenhand war . Ein Bollwerk , ein alter Burgwall der Wenden , das Castell des älteren Dorfes , auf dem erst später die deutsche Cultur mit Steinen gemauert hatte . Aber ein Schloß , wie sie im Frankenlande , in Schwaben , auch drüben in Sachsen auf den Bergen und Hügeln mit den rothen Ziegeldächern in der Sonne flimmerten , war es doch nicht geworden . Die dicken Mauern und Thürme , die über und hinter den Erdwällen sich erhoben , waren nicht in dem Verhältniß ausgebaut , als sie angelegt schienen . Mochten den Herren die Mittel oder die Lust ausgegangen sein , mit so schwerem Geräth ein Haus aufzubauen . Sie waren zu dem Stoff und zum Theil zur Sitte ihrer Väter zurückgekehrt , und wo der Stein aufhörte , war mit Holz gezimmert , und wo die gebrannten Steine ausgingen , selbst der Lehm nicht verschmäht , um das Fachwerk auszufüllen . Selbst die Umfassungsmauer schien nicht auf allen Seiten fertig geworden , und wo sie Lücken bot , waren diese durch eingerammte Stämme mit Klammern , Gegenbalken und eisenbeschlagenen Spitzen ausgefüllt . Das Thor war noch ein großer steinerner Bogen , freilich nicht größer als in manchem Bauerhofe der sächsischen Lande , aber der achteckige Thurm drüben war schon aus Holz in einander gefugt , das mit rothem Ziegelstein ausgemauert war , und wo der Ziegelstein ausgefallen , hatte man in spätern Zeiten sich mit Mörtel und Lehm genügen lassen . Bunt genug , und nicht immer sehr rechtwinklig , sah es von draußen aus ; aber wenn Markgraf Friedrich der Erste , seligen Andenkens , vor hundert Jahren mit seiner faulen Grete vor der Burg sich gelagert , wäre es schneller zu Ende gegangen mit den Mauern von Hohen-Ziatz als mit denen von Plauen , Lentzen und den andern , die sieben Ellen dick waren . Die Bredow von Hohen-Ziatz hatten sich gefügt . Was nicht zu ändern ist , muß man gehen lassen , hatte der Vorfahr des Herrn Götz gedacht , als der erste Spaß vorüber war von der lustigen Schlacht am Kremmer Damm . Sie dankten Gott , daß die fränkischen Kriegsleute an ihrem Sumpf vorübergingen und Keiner Lust zeigte , den geschlängelten Damm durch die Wiese hinaufzureiten . Hätte doch Herrn Gottfrieds Großvater für den Fall sich sogar entschlossen , die alte Fahne auszuliefern , die er damals dem Hohenloher im Getümmel abnahm . Nun war sie in Hohen-Ziatz geblieben ; nicht im Saal unten bei dem andern Rüstzeug , vielmehr hing sie oben in der Giebelkammer , über Götzens Bett , wohin der Ritter sich zurückzog , wenn ' s ihm zu kraus und wirr unten ward . Der Stiel war schon von den Würmern zerfressen , die Seide auch , von der Zeit und dem Staub ; ja ein Käuzchen hatte in einem Sommer darin genistet , und der gute Herr Gottfried hatte es erst gemerkt , als die Kleinen einmal in der Nacht zu pipen anfingen . Zuerst hatte er etwas anders gedacht , was ein christlicher Ritter ohne Schande immer denken mag , denn vor bösen Geistern kann auch der Frömmste einmal erschrecken ; dann aber hatte er gedacht : I was thut ' s ; die Kleinen wollen auch leben , und hatte sich umgedreht und war eingeschlafen . Es war ein rechtes Nest für Eulen , hätte Einer denken mögen , wenn er Abends einen Blick in den Hof warf . Aber wieder war Alles so klein , daß man auch hätte fragen können , wo denn die Eulen und Nachtvögel Platz fänden neben den Menschen ? Doch in den Häusern unserer Vorfahren war immer viel Raum für Andere , weil sie für sich selbst wenig brauchten . Was brauchte der Mensch mehr als ein Lager und ein Dach darüber für die Nacht ? Das Kind , das zur Welt kommt , muß die vier Wände anschreien , so ist ' s alte Sitte ; das Heimliche soll nicht vor aller Welt geschehen . Aber wenn er aufwächst und groß wird , baut ihm der liebe Himmel sein großes Haus , wo immer Platz ist für Tausende und Hunderttausende mehr , als leben und leben werden . Die Sonne war die Kerze und das Feuer , und wenn es heiß war , der Baum und Wald unserer Väter Schatten , und die Luft wehete ihnen bessere Kühlung zu , als die dicksten Mauern . Nun , und wenn keine Sonne schien , und es regnete und stürmte , dann fand sich doch in jedem guten Haus eine Halle , ein Flur , eine Diele , wo die Genossenschaft am Feuer sitzen und durch Scherz und Gespräch die Ungunst des Wetters vertreiben konnte . Es thut nicht gut , daß der Mensch allein sei mit seinen Gedanken . Und die Halle fehlte auch nicht in Burg Hohen-Ziatz . Die Pferde hatten ihren Stall im Hof , die Hunde ihre Hütten am Thor , die Schweine ihre Koben daneben , auch Kühe und Stiere wurden unterweilen bei schlimmer Zeit in den Zwinger getrieben ; wie sie da mit den Rossen sich vertrugen war ihre Sorge . Der Storch nistete auf der Dachfirste vom Herrenhause , die Schwalben an den hölzernen Galerien , die um den Hof liefen , die Tauben beim Thürmer , die Eulen in den alten Mauerblenden , die Schwaben in den Ritzen , der Wurm im Holze , die Mäuse im Keller und Flur , und die Menschen , jeder in seiner Kammer ; und war dem Knecht keine zugewiesen , da stand doch eine Bank in den Gängen und lag schon ein anderer darauf , so jagte er die Hunde fort , die unter ' m Vordach im Hofe schliefen . Item es fand sich und ging ; wer schlafen wollte , der fand immer einen Platz , wer fror , ein Feuer , sich daran zu wärmen , wen hungerte , Brot und Brei , die Speisekammer war nie leer , dafür sorgte die gute Hausfrau , die nie den Schlüssel aus der Hand ließ , und wer bangte , fand auch ein freundliches Gesicht und gute Zusprach . Die Frau von Bredow duldete Alles in ihrem Haus , nur nicht Faullenzer und Duckmäuser . Der Mann im Monde hätte sich wundern müssen , sagte ich , wenn er auf die Burg niedersah . Es gab Vieles , worüber er sich wundern konnte . Ist ' s doch allüberall ein eigen Ding mit dem sich wundern . Einige verwundern sich , wenn es in der Welt eine Weile still herging , daß die Dinge so lange halten in ihrer Ordnung , und Andere hinwiederum , wenn ein Sturm kommt und Alles umwirft , warum die alte Ordnung nicht ewig dauerte . Der Mann im Monde , wenn er sprechen könnte , würde es uns am besten sagen , worüber wir uns noch wundern dürfen . Durch so viele tausend Jahre schaut er auf die Erde und sieht Alles , was uns bewegt , und ihn kümmert ' s nicht ; er lacht nicht und er weint nicht mit seinem kalten , gleichgültigen Gesichte ; ob er aber bei sich denkt , was wir doch für Thoren sind , das weiß kein Mensch . Ueber den Sturm konnte er sich wundern , denn er war ein Orkan geworden , wie dessen die ältesten Leute sich nicht entsannen . Wie er den Wald gepeitscht , als wären die Baumwipfel Meereswellen , hatte er auch an der Burg gerüttelt , daß die Balken knackten . Das Storchnest war von der Firste geworfen , im Schieferdache hatte er gewühlt und gewirthschaftet , und der Giebel , der schon überhing , sich noch um einen halben Schuh nach vorn geworfen . War das nicht zum Verwundern , daß der Giebel noch hielt , so war es doch , daß der Hausherr in der Erkerkammer auch davon nicht aufgewacht war ! Und nach solchem Sturm eine solche Ruhe ! Winde im Spätherbst bringen Kälte und Frost oder Schlacken ; aber als wäre nur das wilde Heer vorübergeras ' t , so war es still geworden darauf , und die Nachtluft schwül . Und das war doch auch zum Verwundern , daß man nirgend mehr etwas sah von der großen Wäsche . Sie war eingebracht und Alles an seinem Fleck ; zwei Stunden schon nachdem der letzte Wagen über die Zugbrücke rollte , und nichts war verloren gegangen auf dem langen Wege . » Das ist eine Frau , die nimmt ' s auch mit Wetter und Wind auf ! « sprachen die Dienstleute . Nun dampften die Kessel über dem prasselnden Feuer und die Schinken brodelten und schwitzten am Spieß . Auch in den Keller war sie gestiegen und hatte an den Fässern gezapft , und die Knechte trugen schwere , volle Kannen in den Flur . Denn nach der Arbeit ziemt den Leuten Ruhe und auch etwas mehr , dachte die Hausfrau , nur sich selbst gönnte sie ' s nicht , denn während die andern um den großen Tisch saßen , stieg sie noch treppauf , treppab , und ihr Schlüsselbund klirrte