Freund , das überlege , das besinge einmal und Du sollst mir der König der Dichter heißen . Seine Zuhörer lachten und freuten sich sein , denn der Präsident besaß wirklich ein besonderes Talent , den Materialismus , dem er huldigte , zu veredeln . Man mußte ihn sehen , wie er sich zur Tafel setzte , sich das Haar von der Stirn strich , als wolle er zugleich jeden unangenehmen Gedanken verbannen ; wie er die Brille zurechtrückte , die Serviette entfaltete und dann prüfend und genießend das Mahl einnahm , um seine Behauptungen gerechtfertigt zu finden . Aber hast Du denn ein wirkliches Vergnügen vom Essen und Trinken ? fragte Alfred . Sobald ich das Bedürfniß danach befriedigt habe , hört für mich der Genuß auf , es wird mir sogar lästig . Das Erstere , antwortete der Präsident , war eine ziemlich sonderbare Frage , lieber Freund ! Freilich habe ich eigentliches Vergnügen daran und was die Uebersättigung betrifft , so kommt die nur davon her , daß man es als ein Sattmachen , als eine thierische Fütterung betreibt . Wer , wie ein ordinairer Mensch , nahrhafte , sättigende Kost ißt , der wird schläfrig nach dem Essen , der wird fett und setzt sich einem Schlagfluß aus . Anders Derjenige , der die Mahlzeit künstlerisch behandelt , wie etwa ein Virtuose sein Concert . Dieser wird Dich , wenn er sein Fach versteht , nicht mit großen Concertstücken , in wilder Hast auf einander gehäuft , belästigen . Er wird Dir abwechselnd Ernstes und Heiteres , Schweres und Leichtes bieten , damit jeder Deiner Neigungen harmonisch begegnet werde . Dasselbe verständige Maß verlange ich von der Hausfrau , die eine Mahlzeit anordnet . Licht , Wärme , Wohlgerüche , Blumen und Geräthe in gehörigem Verhältniß ' , damit alle Sinne beschäftigt , keiner vorzugsweise erregt werde , und vor Allem Das , um was schon Faust den Mephisto anging , als er fast Unerreichbares forderte : » Speise die nicht sättigt . « Wer so lebt , kann lange leben und genießen . Er wird nie träge , nie stark werden und nie den Schlagfluß , sondern höchstens das Podagra zu fürchten haben , das denn doch immer ein aristokratisches Leiden ist . Gleichsam als bereue er die Anstrengung , welche ihm die Auseinandersetzung verursacht hatte , lehnte sich der Präsident in den Sessel zurück und Alfred sagte : Du bist freilich schon von Jugend an durch die ganz eigenthümliche Zierlichkeit Deiner Mutter und Deiner Schwester an die geschmackvollste Häuslichkeit gewöhnt worden ! Ich habe daran oft gedacht ! Vermuthlich , weil Ihre Frau denselben Sinn für das Schöne hat , als wir ! meinte Therese . Nein , weil er ihr fehlt ! sagte Alfred . Aber er erschrak vor seiner unwillkürlichen Aeußerung und meinte dann ablenkend , da Therese ihn betroffen anblickte , ihre große Sorgfalt für Julian ' s Tafelgenüsse sei um so lobenswerther , als Frauen an denselben gewöhnlich keine Lust zu haben pflegten . Da irrst Du abermals , widerlegte ihn der Präsident . Meine Schwester hat allerdings den Fehler , gleichgültig dagegen zu sein , aber unsere kleine Freundin Eva ist es zum Beispiel ganz und gar nicht . Sie bedarf sehr wenig , um ihren Hunger zu stillen , sie ist aber so begehrlich nach Leckerbissen und Näschereien , weiß sie so niedlich zu verzehren , daß sie dadurch einen neuen Reiz für mich gewinnt . Sie ist auch darin ein wahres Kind , wendete Therese ein ; doch ist das in meinen Augen keine von ihren guten Eigenschaften , deren sie gar manche hat . Finden Sie Eva nicht sehr schön , Herr von Reichenbach , und sehr anmuthig ? Wenn ich die Wahrheit sagen darf , nein . Sie ist schon zu klein und zu unruhig , um mir schön und anmuthig zu erscheinen . Ich kenne sie freilich erst seit gestern , aber ich halte sie für eine kleine Kokette , die Kindlichkeit vorschützt , um ihren Launen Duldung zu verschaffen . O , das ist schlecht von Ihnen , Herr von Reichenbach ! schalt ihn Therese . Unsere Freundin Eva ist in der That ganz so kindlich und kindisch , als sie erscheint . Sie war das einzige Kind sehr reicher Eltern , die sie in jedem Sinn verwöhnten . Der Vater starb , die Mutter verheirathete Eva , das fünfzehnjährige Mädchen , mit dem Major von Barnfeld , einem Freunde ihres verstorbenen Mannes , und man zog auf das väterliche Gut , um dort zu leben . Das Uebrige , sagte der Präsident , da Therese innehielt , folgt nun von selbst . Mutter und Gatte verhätschelten die kleine Frau nun vollends um die Wette , und Beide unterdrückten alle Selbstständigkeit in ihr . Zwischen Kornblumenkränzen , Nachbarstöchtern , Voß ' Idyllen , Landjunkern und andern unschädlichen Dingen wuchs sie auf ; lachend , wo sich Anlaß dazu bot , froh , verheirathet zu sein , weil sie nichts mehr zu lernen brauchte , was ihr von jeher verhaßt war , und sie hat denn auch gar nichts gelernt . Julian , das dürftest Du am wenigsten sagen , der Du sie in ihrer Unwissenheit so reizend findest ! bemerkte ihm die Schwester . Mache ich ihr denn jetzt einen Vorwurf daraus ? fragte der Präsident . Ihre unglaubliche Unwissenheit ist für mich ihr schönstes Lob in einer Zeit , in der es lauter gebildete , geniale Frauen gibt , zur tödtlichen Plage für den Mann . Eva hat die seltensten Eigenschaften . Sie ist hübsch , gutmüthig , reich und gar nicht geistreich , also leicht zu beherrschen . Sie ist eitel , kindisch und naschhaft , also bequem und leicht zu erfreuen . Solch eine Frau ist ein Phönix in unsern Tagen . Seit wann lebt sie denn in Berlin ? fragte Alfred . Noch nicht lange , erst seit dem Tode ihrer Mutter , antwortete Therese . Herr von Barnfeld starb , als Eva achtzehn Jahre alt war . Die Mutter verkaufte die Besitzungen und zog mit Eva in die nächste Stadt , und die kleine junge Wittwe sah sich so von allen Männern umschwärmt , daß sie wohl ein wenig übermüthig geworden sein mag . In Zerstreuungen und Huldigungen jeder Art lebte sie fröhlich fort , bis vor sechs Monaten ihre Mutter starb . Seitdem wohnt sie , nach dem Wunsch der Verstorbenen , in unserer Nähe und Julian ist zu ihrem Vormunde ernannt . Sie ist uns sehr lieb geworden und wird auch Ihnen gefallen , wenn Sie hinter dem flüchtigen Wesen einen tüchtigen Verstand und das offenste Herz entdecken werden . Unter diesen und andern Gesprächen verging die Zeit während der Mahlzeit schnell , man stand auf und der Präsident fragte seine Schwester , welche Entwürfe sie für den Abend gemacht habe ? Ich habe noch Einiges im Hause zu schaffen , sagte Therese , um erst wieder in die gewohnte Ordnung zu kommen . Ist das beendet , dann will ich ganz still ausruhen . So wirst Du mich nicht vermissen , falls ich vielleicht später nach Hause komme . Ich werde mit Reichenbach den Abend zubringen . Darauf trennte man sich , nachdem Alfred auf Julian ' s wiederholte Anfrage es abgelehnt hatte , ihn zu begleiten , weil er noch für einige Stunden Geschäfte habe , die er abzumachen wünschte . Therese ging nach der Entfernung der Beiden an ihre Arbeiten , aber unaufhörlich dachte sie dabei an Alfred ' s Worte : Nein ! weil er ihr fehlt ! - Ob Alfred ' s Ehe nicht glücklich ist ? fragte sie sich und wünschte den Morgen herbei , um von dem Bruder Auskunft über diese Angelegenheit zu erhalten , die sie lebhaft beschäftigte . VI Abends um die neunte Stunde ging der Präsident in ein stattliches Haus der .... Straße , stieg zwei Treppen hinauf , öffnete mit einem Schlüssel , den er mit sich hatte , einen geschlossenen Corridor und trat bald darauf , ohne anzuklopfen , in ein kostbar eingerichtetes Zimmer . Ein junger Mann in altfranzösischer Tracht stand am Fenster und sah auf die Straße hinaus . Bei Julian ' s Eintritt wendete Jener sich plötzlich um und stürzte mit einem Jubelruf ihm entgegen und in seine Arme . Es war Sophie Harcourt , die den Geliebten empfing . Er war zu ihr gekommen , mit dem festen Vorsatz , ihr ernste Vorwürfe zu machen , weil sie gleich am Morgen seiner Ankunft von derselben unterrichtet gewesen , also nach ihm gefragt , ihn ausgespäht haben mußte . Jetzt , als er sie sah , dachte er nicht mehr daran , sondern zog sie mit sich auf das Sopha und fragte : Hast Du doch spielen müssen heute Abend ? Du bist ja im Costüme . Ich erwartete Dich schon lange , antwortete sie , und um nicht zu empfinden , wie lange , probirte ich das Costüm an , in dem ich in der nächsten Woche auftreten will . Kokette ! sagte scheltend Julian , während er sie auf seine Knie nahm und ihre feine Hand , die aus den breiten Spitzenmanschetten zierlich hervorsah , auf seine Augen drückte . Kokette ! Du wußtest wohl , wie reizend Du bist in dieser Männertracht , in der ich Dich zuerst sah . Du wußtest , daß ich Dir Vorwürfe machen würde , und wolltest mich bestechen . Aber ich sehe Dich nicht an ! mit Deinen eigenen Händen halte ich mir die Augen zu . Glücklicherweise ist der Mund frei ! rief sie , indem sie einen Kuß auf Julian ' s Lippen drückte , den er mit vielen andern erwiderte . Dann machte sie sich los und sagte : Du zerdrückst mir den schönen Sammetrock und hast doch noch gar nicht gesehen , wie er mich kleidet , so roh und wild bist Du gleich mit Deiner Zärtlichkeit über mich hergefallen . Sieh mich an , mein Freund , wie gefalle ich Dir ? Sie fing nun an im Zimmer umherzugehen , sich in mancherlei Stellungen bald vor dem Spiegel , bald vor Julian zu bewegen , und man konnte in der That kaum höhern Liebreiz finden . Sie war groß , schlank und kräftig gebaut , ohne große Fülle zu haben . Die Männerkleidung stand ihr vortrefflich und die schwarzen Augen sahen blitzend und zärtlich unter der gepuderten Perrücke hervor . Der Präsident betrachtete sie mit Entzücken . Dessen war sie sich deutlich bewußt , und auf ihren Reiz vertrauend , warf sie den kleinen Stahldegen , mit dem sie Fechtübungen gemacht hatte , von sich , setzte sich dicht neben den Geliebten , schmiegte sich an ihn und fragte : Julian ! Warum hast Du mir nicht ein einziges Mal geschrieben ? Warum hast Du mich nicht wissen lassen , wann Du wiederkommen würdest ? Ich habe vor Ungeduld fast täglich in Dein Haus geschickt . Diese Frage erinnerte den Präsidenten , daß er sich über seine schöne Freundin zu beklagen habe , und die Gelegenheit benutzend , sagte er : Weil ich die Absicht hatte , gar nicht wiederzukommen , weil Dein Spioniren und Nachfragen mir unerträglich ist . Gleich heute wieder ! Wie oft habe ich Dir verboten , Deinen Diener zu mir zu schicken , wie oft Dir gesagt : schreibe nicht auf dem närrischen , bunten Papier , das auf zehn Schritte ein billet doux verräth ! Nun thust Du gleich das Alles auf einmal . Erspähst , natürlich durch Bestechung meiner Leute , wann ich zurückkehre , schickst den baumhohen Diener in mein Haus und schreibst auf bunt bemaltem Papier , damit vom Kutscher bis zur Küchenmagd Jeder errathen kann , von wem die Botschaft kommt . Du bist unerträglich indiscret . - Nimm die Perrücke ab , der Puderstaub belästigt mich . Sie that augenblicklich , wie er verlangte , und sagte dann : Indiscret nennst Du mich , wenn ich vor Sehnsucht nach Dir vergehe ? wenn ich den Augenblick nicht erwarten kann , in dem Du wieder bei mir bist ? Du weißt es : wie ich Dich liebe , habe ich keinen Andern je geliebt . Eine schöne Liebe , die Vergleiche mit früheren anzustellen hat , warf Julian spottend hin . Da trat Sophie dicht vor ihn hin und sagte : Julian ! ich schwöre nicht , denn Du würdest sagen : wer glaubt dem Schwur einer Schauspielerin ? Ich mache mich nicht besser , als ich bin . Ich habe es Dir nicht verborgen , als Du mit glühendem Verlangen um mich warbst , daß Du nicht der Erste bist , dem ich und meine Liebe gehörten . Und ich werde nicht der Letzte sein ! rief Julian bitter , das bedarf keines Schwures , ich glaube es . Nun denn , auch das kann sein ! - Ich fühle es , Du willst mir wehe thun , mich verlassen , Du suchst Streit . Vielleicht werde ich nicht ewig trauern , vielleicht äußerlich bald getröstet scheinen , denn ich bin jung und das Leben ist schön ; aber ich werde lange , immerfort leiden um Dich , tief im Herzen , denn so wahr Gott über uns lebt , Julian , ich liebe Dich sehr ! Thorheit ! schalt der Präsident . Du willst heute das Maß voll machen , mich nun noch mit Scenen plagen , die mir verhaßt sind . Wollte ich mich quälen lassen , ich hätte mich längst verheirathet . Als sie diese Worte hörte , brach Sophie plötzlich in das lauteste Gelächter aus , nahm seinen Kopf in ihre Hände , küßte ihn auf die Stirne und rief : Das ist das erste vernünftige Wort , das ich heute von Dir höre . Du hast Recht , eine gute wackere Frau muß eine entsetzliche Qual sein . Ewig tugendhaft , also ohne Nachsicht ; im Gefühl des Besitzes ruhig , also nicht ein bischen eroberungssüchtig . Wenn ich ein Mann wäre , ich heirathete gewiß nicht . Das ist erhabene Weisheit aus Deinem Munde , sagte der Präsident , der noch immer den Beleidigten spielte . Und was thätest Du denn ? Nicht wahr , Du liebtest eine Schauspielerin ? Ich sehe nicht ein , warum nicht ? Oder glaubst Du , eine Schauspielerin sei oft nicht besser , als Eure Tugendheldinnen aus der stillen Häuslichkeit ? O ! es ist schon bequem , zwischen Vater und Mutter aufzuwachsen , behütet vor jedem Gedanken , der den Unschuldshauch von den Seraphsschwingen abwischen könnte . Es mag recht hübsch sein , aus den Armen der Eltern in die des Gatten überzugehen und in ihm auch wieder den Schutz zu finden , dessen man bedarf , um tugendhaft zu bleiben . Das heißt tugendhaft vor dem Gericht der Welt , trotz der heimlichen Untreue im Herzen , die oft nicht fehlt . Du schwärmst , Mädchen ! sagte Julian . Aber Sophie achtete die Unterbrechung nicht . Ja ! fuhr sie heftig fort , ich verachte Eure scheinheilige Tugend , Eure gute Gesellschaft . Ich bin mir mit Stolz des Tadels bewußt , den die andern Frauen auf mich werfen . Ich bin Schauspielerin , ich bin Deine Geliebte ! Ja ! - Aber ich bin ' s mit voller Hingebung , so lange ich es bin . Ich bin nur Dein in Deinen Armen . Bis in die Ewigkeit reicht mein Gedanke nicht hinüber . Es gibt keine Ewigkeit für Liebeslust , es braucht ja auch keine zu geben , wo ein Augenblick für Jahrhunderte Genuß gewährt . Sophie , Sophie ! rief der Präsident , der hingerissen ward von der unwiderstehlichen Anmuth der Künstlerin , die Männerkleider machen Dich verwegen . Kleide Dich um und werde Weib , Sophie ! Weshalb ? fragte sie , bist Du besorgt , ich wolle Dich besiegen , gegen Deinen Willen ? Du willst gar nicht widerstehen , Du kannst nicht von mir lassen , Du kehrst ja dennoch wieder , sagte sie schmeichelnd . Es liegt nicht im Gewande ; hier tief in der Brust , in meiner und Deiner , steckt der Zauber ; die Liebe hält Dich fest . Indeß zog sie den dunklen Sammetrock ab und stand nun in den Sammetescarpins , weißseidnen Strümpfen und einer Weste von Goldbrokat vor ihm , die genau Taille und Hüften bezeichnete , fast bis an das runde Knie hinabreichte und ihren wundervollen Wuchs noch mehr hervorhob . Der Präsident sprang auf und wollte sie umfassen , sie lief aber blitzschnell in das Nebenzimmer , das sie hinter sich zuschloß , und rief : O , ich kann auch tugendhaft sein , mein Herr Präsident ! Julian wußte , daß man sie gewähren lassen müsse , und setzte sich nieder . Bald wollte er sie erwarten , bald sie verlassen . Sie war ihm noch interessant , sie fesselte ihn durch die Gewalt ihrer Reize , aber Alfred ' s Vermuthung war nicht ungegründet , die Verbindung mit Sophie füllte die Seele Julian ' s nicht aus , sie befriedigte ihn nicht mehr ganz . Ohne daß er es sich selbst gestand , fing er an , sich nach Ruhe , nach festbegründeter Häuslichkeit zu sehnen . Er dachte bisweilen daran , sich zu verheirathen , aber sein Verhältniß zu Sophien war allgemein bekannt und man hielt es für bindend . Das war ihm doppelt unbequem in seiner Stellung . Er war zu ihr gekommen , sie auf eine mögliche Trennung vorzubereiten , er dachte wohl noch daran , wie aber sollte er dem reizenden Weibe wehe thun , das ihn so innig liebte ? Wie konnte er in dieser Stunde ihr gegenüber kalt bleiben ? Er hatte am Morgen verächtlich von dem ruhigen Glück der Ehe gesprochen , jetzt peinigte ihn Sophiens Ringen um seine Liebe , die sie zu verlieren fürchtete . Nach wenig Minuten schon kehrte sie wieder zu ihm zurück . Sie hatte ein seidenes Gewand übergeworfen , das nur mit einer Schnur um die Taille befestigt war und Hals und Nacken frei ließ . Das Haar war ungeflochten mit einem Kamme aufgenestelt . In der Hand trug sie ein Kistchen mit Cigarren . Sie war eine ganz Andere geworden . Ruhig setzte sie sich an der Seite ihres Freundes nieder und sagte : Nun ist ' s des tollen Spiels genug , wir wollen vernünftig sein . Nimmst Du keine Cigarre , lieber Julian ? Der Präsident nahm sie schweigend an , sie reichte ihm Feuerzeug , hing einen Ueberwurf über die Lampe , wie er es liebte , und schickte sich an , ihm den Thee zu bereiten , den man indeß hereingebracht hatte . Das Alles geschah so ruhig und anspruchslos , so dienstbeflissen , daß es wohlthuend sein mußte . Es war ganz stille im Zimmer , man hörte nur das Summen des Samovar . Der Präsident hatte Tagesblätter vorgefunden , die er durchflog , Sophie störte ihn nicht . Sie lag ruhig in der Sophaecke und betrachtete den Geliebten . Ihre Hingebung machte ihn weich , aber er ließ es sie nicht merken ; er war in einer jener gereizten Stimmungen , in denen man eine Lust daran findet , Diejenigen zu quälen , die man liebt . Er ließ es geschehen , daß Sophie ihm Alles zubereitete , ihm den Thee einschenkte , wie er es gern hatte , doch er dankte ihr nicht dafür und las ruhig weiter fort . Endlich unterbrach Sophie die Stille . Sie lehnte sich an den Präsidenten und fragte demüthig : Julian ! könnte eine Hausfrau Dir es besser machen ? Ja ! antwortete er kalt , sie machte es eben so und absichtslos . Du stellst dar , wie immer , Du willst gefallen . Eine Thräne des Zornes trat in das flammende Auge der Schauspielerin , aber sie zerdrückte sie schnell und rief : Gefallen ? Doch nur Dir will ich gefallen , Julian , nur Dir ! Ist das ein Unrecht ? - Sie war jetzt vor den Präsidenten hingekniet , der , als draußen die eilfte Stunde schlug , sich zum Fortgehen erheben wollte . Sophie , indem sie vor ihm kniete , hielt ihn davon zurück . Ist es ein Unrecht , fragte sie nochmals , daß ich Alles , was ich vermag , anwende , um Dir zu gefallen ? Kann ich dafür , daß ich verwaist aufwuchs , daß ich die Bühne betrat , auf die mein Talent mich hinwies ? Wer von den Frauen , die sich ihrer Tugend rühmen und mich mit Verachtung eine Buhlerin nennen , hat wie ich zu sechzehn Jahren dagestanden , verwaist , arm , schön genug , um Liebe zu erwecken , und umgeben von der männlichen , glänzenden Jugend in Paris ? Julian sah sie milder an und strich sinnend mit der Hand über ihren Scheitel . Dabei glitt der Kamm heraus und das üppige Haar fiel wie ein dichter , schwarzer Schleier auf sie herab . Sie umfaßte den Präsidenten mit beiden Armen , sah ihm zärtlich in die Augen und fragte : Oder ist das mein Verbrechen , daß ich Dich liebe ? Daß ich Dich festhalten will , daß ich Dein bleiben will um jeden Preis ? Da konnte Julian nicht länger widerstehen , nicht länger sich mäßigen . Mit heftigster Leidenschaft zog er das reizende Weib zu sich empor und sank an ihre Brust . Ihr Haupt ruhte auf seiner Schulter und leise bittend fragte sie : Und Du verläßt mich nicht ? Du bleibst mein ? Kannst Du noch fragen ? Und Du liebst mich wieder ? lispelte sie . Mehr als alle tugendhaften Weiber der Welt ! antwortete er und schloß sie fest an sich , sie mit seinen heißen Küssen bedeckend . VII Während der Präsident bei Sophien war , saß Alfred einsam in seinem großen Hause . So allein hatte er auch darin gelebt , bald nachdem es ihm mit der Erbschaft zugefallen war . Er erinnerte sich des Tages , an dem er von dem palastähnlichen Gebäude Besitz genommen , und eines andern bald darauf , an dem er Julian mit Mutter und Schwester in demselben zum Frühstück bewirthet hatte . Damals hatte Therese viel mehr zu werden versprochen , als sie jetzt zu sein schien . Er fand sie freundlich und verständig , aber fast matronenhaft ernst ; vornehm in der Form , wenngleich in anderm Sinne gewöhnlich . Das verstimmte ihn , ohne daß er selbst es wußte . Dazu kam ein unbehagliches Gefühl anderer Art. Bei der eiligen Abreise hatte er nur die Dinge einpacken lassen , deren er am nöthigsten zu bedürfen geglaubt . Jetzt fehlte ihm Vieles , an das er gewöhnt war ; nichts fand sich , wie er es wünschte . Mißmuthig und zerstreut , ging er an den Schreibtisch , um die mitgebrachten Papiere zu ordnen , und zog mechanisch eine der Schubladen um die andere heraus . Die Mehrzahl derselben stand leer , in der einen lagen beschriebene Blätter ; sie waren mit einem verblichenen Bande zusammengebunden . Er erkannte sie gleich wieder . Als er mit Julian an die Herausgabe seiner ersten Gedichte gegangen war , hatten sie diese Blätter ausgesondert , die sich weniger für den Druck zu eignen geschienen hatten . Das verblichene Band , das sie zusammenhielt , hatte Carolinen gehört . Er las die Papiere durch . Es waren Klagen über die Trennung von der Geliebten und Liebeslieder mancher Art. Sie kamen ihm jetzt viel besser vor als früher . Jetzt lag jene Zeit mit ihrer jugendlichen Schwärmerei abgeschlossen , beendet vor ihm da . Er urtheilte über sie , als über eine geschichtliche Thatsache , eine Durchgangsepoche , die ihr volles Recht in Anspruch nehmen durfte ; und wie er sich damals des weichen Liebelebens fast geschämt hatte , so freute es ihn jetzt , daß er einst dieses vollen , hingebenden Gefühles fähig gewesen war . Es lag für ihn ein wehmüthiger Reiz darin , sein eigenes vergangenes Leben prüfend zu betrachten ; denn so lange man von der Gegenwart beherrscht wird , kommt man zu keinem Urtheil über sich selbst . Der Tag macht sein Recht geltend , wir nehmen Partei für die Wünsche , die uns bewegen . Nur wenn wir gleichgültig gegen Etwas geworden sind , beurtheilen wir es unparteiisch . Da ist denn nichts so gut , nichts so schlimm geworden , als wir es gehofft oder gefürchtet hatten , was uns stürmisch bewegt , ist vollendet , ohne unsere Erwartungen befriedigt zu haben ; was wir mit Angst herannahen gesehen , hat uns gefördert . Das Leben erscheint wie eine künstlerisch angelegte Dichtung . Wenn wir die Wirrnisse sich entwickeln und lösen gesehen , gewinnen wir Zutrauen zu dem schöpferischen Geist , der über und in uns waltet , und erwarten ruhig das Ende der Erscheinungen . Alfred konnte mit ruhigem Gewissen auf sein Leben zurückblicken , mit Freude auf einzelne Punkte desselben . Er konnte sich nicht freisprechen von mancher Schwäche , manchem Irrthum , aber er hatte stets nach dem Besten gestrebt , es auf jede Weise zu fördern gesucht . Nichts hatte zu seinem Glücke gefehlt , als eine glückliche Ehe . Wie Julian in stets wechselnden Verhältnissen Genuß zu finden , hatte nie in seiner Art gelegen , sie hätten ihm keine innere Befriedigung gewährt . Er verlangte nach dauernder , voller Liebe , nach tiefem , gegenseitigem Verständniß , nach einer Ehe in ihrer idealsten Bedeutung . Er konnte es sich nicht verbergen , daß ihm einst die achtzehnjährige Therese in seiner Jugend eine lebhafte Neigung eingeflößt , daß er ihrer im Gegensatz zu seiner Frau gedacht hatte , als seine Ehe eine so unglückliche Wendung genommen hatte . Daß er nun auch diese Therese nur als eine gewöhnliche Frau wiedersah , machte ihn nachsichtiger gegen Caroline . Hier , in diesem Zimmer hatte er mit seiner Frau gelebt , hatte Felix gespielt . Oft hatten die jungen Gatten es sich ausgemalt , wie hier in dem großen Gebäude Raum sein werde für sie , für den verheiratheten Sohn und für blühende Enkel , wenn sie selbst an den Grenzen des Lebens stehen würden , denn die Jugend liebt es nur zu sehr , im Gefühl ihrer Kraft , der Zeit zu gedenken , in der sie ihr fehlen wird , und ist doch so voll Lebenslust , daß ihr die Gegenwart allein nicht genügt , daß sie das Glück der vergangenen und kommenden Lebensalter in fröhlicher Erinnerung und in ahnendem Vorgenusse auf einmal empfinden will . Jetzt , von Caroline getrennt , fühlte er mehr als je , wie eng das Leben der Gatten ineinander verschlungen sei , wie Felix ein festes , heiliges Band zwischen ihnen bilde . Caroline schien ihm weniger Unrecht zu haben , da er augenblicklich nicht mehr von ihr verletzt ward , und in der mildesten Stimmung setzte er sich nieder , ihr zu schreiben , als er einen Brief von ihr vorfand , der am Abend angekommen war . Der Diener hatte ihn auf den Schreibtisch gelegt , er war unter andere Papiere gerathen und Alfred bemerkte ihn erst jetzt . Er lautete also : » Lieber Alfred ! Ich habe die ganze Nacht wachend und in Thränen zugebracht , habe Alles überlegt und kann Dein gestriges Betragen gegen mich weder entschuldigen noch begreifen . Ich bin mir bewußt , keine meiner Pflichten gegen Dich verletzt zu haben , ich habe kein anderes Interesse , als Dein Wohl und das Wohl von unserm Felix ! Das weißt Du selbst . Unser letzter Streit ist wegen der Unterstützung entstanden , die ich dem Kloster ohne Deine Erlaubniß zukommen ließ ; aber fragst Du mich denn um Rath , wenn Du Wohlthaten ertheilst auf Deine Weise ? Was heißt denn die Unabhängigkeit einer Frau , wenn ich Dich erst um Alles befragen soll ? wenn Du außer Dir geräthst , sobald ich einmal selbstständig handle ? - Und wegen Ruhberg kann und werde ich nicht nachgeben . Du hast und kannst gegen Ruhberg nichts haben , der ein edler , guter Mensch , ein treuer Seelsorger ist und den alle Welt achtet . Dich verdrißt es , daß ich überhaupt zur Beichte gehe , daß ich nicht wie Du , in stolzer Ueberhebung mir selbst genug bin und dadurch Gott verleugne . Dies kann und werde ich nie thun , und werde auch bis zum letzten Athemzuge Mutterpflicht an Felix erfüllen und wenigstens ihn vor Deiner Freigeisterei zu bewahren suchen . Lehre Du ihn , was Du willst ; Gott fürchten und fromm sein , soll er von mir lernen . Gib mir nur darin nach und wir werden uns besser vertragen , denn daß Du jenen kleinen Streit so schwer nimmst , das ist sehr unrecht von Dir und nicht meine Schuld . Mein Gott ! wenn man in der Ehe jedes Wort auf die Goldwage legen , wenn man sich vor seinem Manne , wie vor einem Fremden , beherrschen soll , was wäre da das eheliche Vertrauen ? Deine Dichterseele reißt Dich hin , Alfred , in der Ehe einen ewigen poetischen Brautstand zu suchen ; laß mich die Vernünftigere , die Ruhigere sein und Dir sagen , daß das in der Prosa des Alltagslebens nicht bestehen kann . Man hat im täglichen Leben so viel Verdruß , daß man nicht immer in guter Laune sein kann , daß man einmal ein hartes Wort sagt ; aber gerade Deine Weise ist von der Art , eine ruhige , verständige Frau verdrießlich und heftig zu machen . Du bist nicht wie andere Männer , Du bist gar zu überspannt und wir sind doch schon eilf Jahre verheirathet , da kann doch eine Frau nicht ewig sich gleich sein . Ich hoffe , diese Vorstellungen bringen Dich mir zurück , denn ich