der Bayard in der Knospe um seinen unerreichten Ruhm ! wie bebte Anna vor Zorn und Schmerz , als sein Vater endlich mit einem Machtwort all diesen heroischen Plänen ein Ende machte und den Ritter ohne Furcht und Tadel mit der Aussicht , zu Ostern immatriculirt zu werden , nach Jena in Pension that ! Aber freilich begann für die beiden jungen Leute eine Serie ganz neuer Leiden und Freuden durch diese Trennung . Das Jenaische Studentenleben hatte durch die Nähe Weimars für dort Einheimische einen sonderbar eigenthümlichen - fast könnte man sagen , einen häuslichen Reiz . Da gab es zweimal die Woche Markt- und Botentage , an denen die Gemüseweiber ihre grünen Waaren hinübertrugen und im Heimkehren Otto ' n die von der Tante besorgte Wäsche oder irgend einen für ihn bewahrten Leckerbissen , ganz gewiß aber ein Briefchen von Anna überbrachten . Ach , man schreibt so gern mit funfzehn Jahren ! Und dann die Komödienabende , an denen er mit den Gefährten hinüberwanderte und Anna von weitem im Parterre sitzen sah , ihr wol gar beim Nachhausegehen begegnete ! Schon wenn er durch das Kegelthor singend mit seiner Landsmannschaft einzog , war es möglich , sie am Fenster einer Freundin zu gewahren . Zum Onkel durfte er nicht so oft , der schalt über die Verschwendung der acht Groschen , die der Eintritt in ' s Theater kostete . Vor allem aber gab es eine Aussicht auf ein noch nie genossenes Glück , das , Annen auf den ersten Ball zu begleiten , als die bis dahin mit französischen Expeditionsbureaux angefüllten Säle endlich ausgeräumt wurden und nach jahrelanger Pause wieder öfters getanzt werden konnte . Arme Kinder ! es sollte ihnen nicht so gut werden . Längst schon zog die Bürgermeisterin Sonntags keine rosa beschleiften Negligées mehr an ; sie war blaß geworden und mager , und dann stiller und immer stiller . Seit dem Tode der zwei kleinen Mädchen war sie nie wieder zu voller Kraft gelangt ; sie athmete schwer , und wenn sie mit dem Nähzeug Annen gegenübersaß , sank ihr die Arbeit in den Schoos , und sie konnte die Tochter so halbe Stunden lang wehmüthig ansehen , ohne mit ihr zu sprechen . Wenn die Buben einmal schrieben , oder zufällig einer ihrer Streiche dem Vater zu Ohren kam , ging sie den ganzen Tag keichend und tief gebückt einher , aber sie klagte nicht . Der Bürgermeister hatte seine Amtsgeschäfte im Kopf , er sah nicht , wie bleich sie war ; früh morgens ging er auf das Rathhaus , das Mittagsmahl ward eilig eingenommen , zu Nacht aß er nach thüringischer kleinbürgerlicher Sitte allein warm , die Andern nahmen mit einem Butterbrot fürlieb . Der Bürgermeister hatte gar keine Zeit , den Zustand seiner Frau zu bemerken . Als nun einmal an einem wunderschönen Frühlingstage Otto als Fuchs , den Rock am Stock , über der Schulter tragend , fröhlichen Sinnes mit andern Studenten zur Aufführung der Räuber herüberkam , gewahrte er das Mädchen nirgends . Es trieb ihn zu ihr hin , im Zwischenact eilte er in des Oheims Haus , öffnete schnell die Zimmerthür - er wollte sie überraschen - da lag die Tante schon auf der Bahre . Anna saß still weinend zu den Füßen derselben ; - der arme junge Freund hatte nicht einmal von der kurzen Krankheit etwas erfahren . Wie er am Begräbnißtage vom Kirchhof heimkehrte , stand Anna am Fenster , sie hatte das kleine , von ihr und der Verstorbenen bewohnte Gemach aufgeräumt , wie zu der Mutter Zeiten , und blickte starr und besinnungslos die Gasse entlang , ohne zu sehen ; sie war nun fertig , mit Allem fertig ; sie konnte sich durchaus keinen Begriff der kommenden Tage , ja nicht einmal der nächsten Stunde machen . Sie bemerkte den eintretenden Otto gar nicht ; als er sie leise umfaßte und an seine Brust zog , wehrte sie ihm nicht , hörte nicht die tausend Schmeichelnamen , mit denen der arme Junge sie zu trösten versuchte . Ihr Schweigen riß ihn weiter fort , ihre Nähe , die eine unbekannte Seligkeit durch alle Pulse seines Lebens jagte , steigerte ihn - immer bestimmter in seinen Wünschen und Empfindungen , schloß er damit , ihr zu sagen , wie unaussprechlich theuer sie ihm sei , wie er nur einzig sie liebe und lieben werde , und wie sie ihm vertrauen , den Vater nicht scheuen solle , Tag und Nacht wolle er arbeiten , in vier bis fünf Jahren müsse er ganz gewiß schon eigen Brot haben , dann - dann könne er sie heimholen , als seine Frau . Jetzt sah sie auf und mit den großen blauen Augen eine Secunde starr ihn an ; enger umrankte sie sein Arm - Otto ! Otto ! rief sie , was fällt dir ein . Ich - Du ? aber das ist ja ganz unmöglich ! und mit einer heftig raschen Bewegung riß sie sich los und lief hinaus - erschrocken , blindlings , unbewußt , den alten Weg hinüber , durch den Gang , der nach Waldau ' s Wohnung führte ; Jahrelang war die Thüre verschlossen geblieben , sie bedachte es nicht - jetzt wich sie bei der ersten Berührung - und mit einem jubelnden Freudenschrei stürzte Leontine in Anna ' s Arme ! Lange hielten sich die Mädchen eng umschlungen . Anna konnte es nicht begreifen , keinen klaren Gedanken fassen , sie sah nur mit Entzücken ihrer Freundin in das strahlende Gesicht . Aber hattest du mich denn nicht gehört , nicht meine Stimme erkannt ? fragte wieder und wieder Leontine ; ich hatte ja geklopft , ich wollte ja zu dir , dich überraschen . Plötzlich fiel Annen der Mutter Tod ein ; sie brach in lautes Weinen aus und die Thränen des herben Wehs und der kindlichsten Freude mischten sich auf der jungen Mädchen Wangen . Allmälig wurde Anna ruhiger ; sie konnte sprechen . Hand in Hand gingen Beide endlich hinüber zur Generalin Geiersperg : Josephine hatte dem Wunsch ihres verstorbenen Gemahls zufolge dem edeln Freunde ihre Hand gereicht . Der erste Augenblick des Wiedersehens war tief erschütternd , Josephine hatte während Leontinens Abwesenheit den Tod der Bürgermeisterin erfahren . Als Anna das Haupt aus der Umarmung der mütterlichen Freundin erhob , an deren Brust sie lange leise geschluchzt , bemerkte sie einen jungen Offizier des Freiwilligencorps , der neben ihnen stand und sie mit tiefer Theilnahme betrachtete . Sieh ' , Anna , sagte Josephine , das ist mein Bruder , von dem ich dir so oft erzählt , den ich bei meiner Heirath mit Waldau als kleinen Knaben verließ ; es ist , glaub ' ich , eigentlich mein Sohn , fuhr sie lächelnd fort , indem sie mit den Fingern über seine schönen braunen Locken hinstrich ; er könnte es wenigstens den Jahren nach wol sein . Anna machte einen halbverlegenen Knicks und schlug die Augen nieder - dann eilte sie mit Leontinen fort . Das ist ein wunderbar schönes Mädchen , flüsterte der junge Mann , der bereits Verschwundenen immer noch nachsehend . Leontine war dreizehn Jahre alt und noch ganz und gar ein Kind . Sie hatte alle ihre Puppen und all ihr Spielzeug mitgebracht , das sie nun vor Annen ausbreitete . Anna sah wie ihr Schutzengel aus , als sie so ernst und freundlich neben der am Boden Knienden stand , die immer neue Herrlichkeiten aus einem Köfferchen hervorzog . Sie dachte unwillkürlich an Madame Sophie . Und weißt du denn nicht , wo jetzt Duguet ist ? fragte sie Leontinen . Ach , sagte diese , seit vielen Monaten haben wir nichts mehr von ihm gehört . Er hatte in Dresden Sophien nicht gefunden , und der gute Mann ist nun bei unsern Feinden , bei den Franzosen , - wer weiß , ob er nicht mit gegen uns fechten muß . Anna sah mit einem Male so mitleidig und traurig aus , daß der junge Offizier , der eben mit Josephinen eingetreten war , laut ausrief : Aber das Mädchen ist ja wirklich ein Engel ! Die Kinder hörten es nicht , sie waren zu sehr miteinander beschäftigt . Josephine blieb nur wenige Tage , sie ordnete ihre Geschäfte und den Verkauf des größeren Theils ihrer Mobilien , packte ihre Kunstschätze und bereitete sich vor , nach Berlin zu gehen , wo sie Geiersperg erwarten sollte . An dem glücklichen Ausgange des Kriegs zweifelte damals schon Niemand , man zitterte nur der Opfer wegen , die er vom Einzelnen fordern mußte . Roderich , der Generalin Bruder , hatte schon am folgenden Tage Weimar verlassen , er war zu seinem Regiment zurückgeeilt . Auch Otto hatte nach Jena zurückgemußt , und zwar ohne Annen wiedergesehen zu haben , die Josephine den ganzen Tag bei sich behalten hatte . Aber er gönnte der Geliebten den ihr wie vom Himmel zugefallenen Trost des Wiedersehens ihrer theuern Freunde und trug sein Herz voll himmlischer Träume und Hoffnungen nach Jena hinüber . Mit brennender Sehnsucht erwartete er dort den nächsten Sonnabend , an dem er wieder nach Weimar zu kommen gedachte ; er hatte keinen rechten Muth zum Schreiben , denn die erste Liebe macht ja des Jünglings Herz schüchtern , wie das der Jungfrau . Auch hatte sein Gefühl plötzlich die Welt zur Ewigkeit ausgedehnt , zu der hinüber die Liebe tausend Brücken schlug ; was galten ihm acht Tage , blieb sie ihm von nun an auf immer ! Josephine ging am nächsten Morgen zum Bürgermeister , was noch nie geschehen war , und blieb zwei volle Stunden bei ihm . Als sie aus seinem Zimmer trat , sprang ihr Anna entgegen , sie drückte das schöne Kind freundlich an ' s Herz und sagte weich und innig : Liebe Anna , du gehst mit uns nach Berlin ; dein Vater hat mir erlaubt , dich auf ein Jahr mitzunehmen . Anna zitterte und weinte vor Schmerz und Glück , sie umarmte bald Josephinen , bald ihren Vater , Leontine jauchzte und tanzte im ganzen Hause umher , sie war außer sich vor Freude . Gerade acht Tage nach dem Begräbniß der Bürgermeisterin reisten sie ab ; Anna schrieb einen herzlichen , ja fast zärtlichen Abschiedsbrief an Otto ; des letzten Gesprächs erwähnte sie mit keinem Wort . Als er das Blatt gelesen , packte Otto sein Ränzel und verließ Jena . Der alte greise Vater erfuhr es erst hinterdrein und mußte das einmal Geschehene ertragen , wenn er es auch nicht gutzuheißen vermochte . 1822 An einem der bis zur Erde hinabreichenden Balkonfenster , die eine Eigenthümlichkeit der Bauart des alten Berns sind , saß eine elegant gekleidete junge Frau und blickte gedankenschwer vor sich hin in die klare Gebirgsweite . Die Alpengipfel begannen aufzuleuchten , im Thal war die Sonne bereits verschwunden ; das lichte Grün der vorliegenden Unterberge ward noch einen Augenblick von ihrem schwachen Widerschein erhellt , im Hintergrunde der Landschaft aber , da wo sich die Hügelkette weitete und hob , färbten sich die mattern Abendtinten zu tieferem Purpur , violett und blau ; - langsam rollte die Dämmerung ihr Dunkel darüber hin , und hell und heller durchflammten es die rosigen und goldgelben Spitzen der Gletscher . Die beiden Eiger , die Breiten- und Blümelisalp , eine nach der anderen erglühte ; nur das finstre Aarhorn streckte über seine Schneescheitel noch zwei schwarze Felsspitzen in den heitern Abendhimmel , deren gerad ' ansteigende Flächen keine Schneedecke dulden . Alle diese Herrlichkeit überflog das ernste Auge der schönen Frau , dann schaute es so fest in sie hinein , als ob es noch darüber hin in ' s Weite sähe . Sie hatte den einen Arm auf die eiserne Balustrade gestützt ; der liebliche Kopf ruhte in der schmalen , von blonden Locken überflossenen Hand . Dieses Anlehnen hatte etwas Mattes , Müdes , das Auge aber , das so durchdringend die Ferne suchte , war dunkel und frisch wie die Veilchen der Eisspalten am Rande der Gletscher . Zu ihren Füßen , dicht vor ihr , lagen auf einem Teppiche zwei kleine fünf- bis sechsjährige Knaben , die sich zankten und den Beschwichtigungen einer englischen Kinderfrau Trotz boten . Die blonde Frau hörte nicht darauf . Jetzt trat ein stattlicher schöner Mann von einigen dreißig Jahren in ' s Zimmer und zu ihr ; eine Secunde lang hob sie die Augen , senkte sie aber sogleich wieder auf die Gegend hin . Als sich jedoch der junge Mann in ihrer Nähe auf ein Sopha setzte , schien sie sich zu besinnen , wandte sich rasch zu ihm und begann ein heiteres Gespräch . Nun ja , erwiderte er , mir ist es am Ende auch recht . Ich kann es hier so gut abwarten , wohin sie mich versetzen , als in B. , nur sehe ich nicht ein , warum das nicht eben so leicht nach Rom , Florenz oder Neapel sein könnte , als nach jeden andern Ort . Graf Fink ist zu alt , er kann dem Posten nicht länger vorstehen , Baron Stein will nach Deutschland zurück ; wir aber haben drei volle Jahre in Italien zugebracht , kennen das Terrain , und - Ich glaube nicht daran , sagte Anna , ich fürchte , wir müssen uns an den Gedanken eines nördlichen Aufenthalts gewöhnen . Wär ' st du , lieber Roderich , nur erst völlig hergestellt . Thorheit ! versicherte ihr Gemahl , meine Brust ist wieder kräftig ; ja , ich denke , sobald ich nur diese mich beengenden Berge und ihre verdammten weichlichen Molken hinter mir habe , werde ich reiten können wie sonst . Laß dir noch die wenigen Wochen Ruhe , bat sie , sind wir doch jetzt aus dem eigentlichen Hochgebirg heraus und hier in der Stadt , wo du mehr Zerstreuung hast , der Umgang mit den Professoren und sonstigen Honoratioren ist ja so übel nicht , und dann - sie zog ihn zu sich an ' s Fenster - sieh ' doch diese Pracht nicht mit so unstätem Blick an , der Geschäfts- und Gesellschaftswirbel wird dich bald genug wieder erfassen ! In diesem Augenblick übertönte das Geschrei der beiden Kinder das Gespräch bis zu gänzlicher Unterbrechung . Der Wärterin Beruhigungsmittel reichten nicht mehr aus . Die Mutter eilte , den Jüngsten in die Arme zu nehmen und dadurch dem Streite ein Ende zu machen . Die Buben werden unerträglich ungezogen , schalt Graf Kronfeld - so hieß der junge Mann - ich werde diese Interimszeit benutzen , ihnen einen tüchtigen Hofmeister zu suchen . Den sechsjährigen Kindern ! lachte Anna . Egon ist im siebenten . Seit gestern , und die heutige Unart stammt , glaube ich , noch direct vom Geburtstagskuchen her . Aber , liebe Anna , mit funfzehn Jahren kann der Eine Offizier sein , mit achtzehn der Andere eine diplomatische Carriere beginnen . Wir können doch unsre Söhne nicht wild aufwachsen lassen wie diese Alpenpflanzen . Anna seufzte . Nach einer Weile ward sie heiterer und als sich die Wärterin mit den Kleinen entfernt hatte , fuhr sie fast neckend fort , während sie die Blumen ordnete , die Kronfeld im Eifer seines Vergleichs auf den Tisch geworfen : Du scheinst einen ganz außerordentlichen Werth auf eine möglichst frühe und möglichst vielseitige Entwickelung zu legen . Müssen denn nun unsere Söhne durchaus in der Diplomatie Pferde zureiten und im Küraß ministerielle Noten dechiffriren ? Warum nicht ? wenn sie es gescheiter machen als ihr Papa , nicht vom Gaule fallen , wenn er durchgeht , und sich nicht gerade in dem Augenblicke verlieben , in dem sie einen Cabinetsbefehl studiren sollen . Er war aufgestanden und blickte ihr freundlich in die Augen ; sie lächelte ihm zu : man sah , Beide belebte eine angenehme Erinnerung . Sie standen , zwei vollkommen edle , wahrhaft schöne Gestalten , neben einander , der Graf war lichtbraun , groß , von aristokratischem , doch kräftigem Gliederbau ; man sah ihm weder den frühen Lebensgenuß , noch die frühe Geistesarbeit an . Warum , fragte er weiter , sollten sie nicht eben so lebhaft an ihrem Vaterlande hangen wie ich ? Warum sollen die Jungen zu ihrer Zeit nicht auch für die Freiheit schwärmen und sie jubelnd begrüßen , ohne daß sie deshalb gerade Wartburgenser zu werden brauchen , oder gar ihr Ehrenwort brechen , wie leider , leider so Mancher unserer jetzigen Jugend ? Ist es mir selbst doch schwer genug geworden , den Glanz jener Tage in uns Allen nach und nach ermatten und verdumpfen zu sehen . Warum sollte ich nicht hoffen , daß meinen Kindern auf der nämlichen Bahn ein besseres Loos blühen werde ? Weil sie keinen Freiheitskrieg wirklich mit zu durchfechten haben werden , weil , eh ' sie erwachsen , ganz andere Interessen die Welt bewegen müssen , und endlich , weil es eben dem Herrn Papa recht sehr schwer geworden , den kurzen Kriegestraum zu vergessen , die Uniform wieder an den Nagel zu hängen und in die alte abgemessene Laufbahn zurückzukehren . Kronfeld seufzte . Sehr wahr , indessen habe ich mich doch darein gefunden . O ja , bis auf das Zureiten wilder Pferde , was , soviel ich weiß , nicht zum Chargé d ' affaires gehört . Immer kommst du darauf zurück . Weil es uns zurückbringt in ' s Vaterland , lieber Freund , das du übrigens fürchte ich , sehr verändert finden wirst . Wollen sehen , brummte Kronfeld . Ich bin aber genesen , und es kann auch anders kommen , und wäre überhaupt gar nicht dahin gekommen , wenn die italienischen Aerzte besser wären , und wenn die dumme alte Wunde nicht gerade dem Armbruch so nah ' - ich hätte bleiben können , sollen . Roderich ! Du hast Mutter und Schwester am Brustleiden verloren . Aber Josephine ? ist sie nicht gesund und kräftig ? bin ich ' s nicht auch ? Haben mich die vielen Reisen angegriffen ? Hast du mich vor dem unglücklichen Sturze klagen hören ? Anna wollte etwas erwidern , als sie durch den Eintritt einer alternden , trotz den ergrauenden Haaren noch immer hübschen Frau unterbrochen ward , deren äußere Erscheinung zwischen der einer Dienerin und einer bürgerlichen Hausfrau in sehr glücklich gewählter Mitte stand . Sie war ein wenig altmodisch gekleidet , mit kurzen Aermeln , ein klares etwas gesteiftes über einander gefaltenes Battisttuch umschloß ihren Hals , die schwarze seidene Schärpe mit den Seitentaschen fehlte auch nicht , die Französin war vom Scheitel bis zum zierlichen Fuß unverkennbar . Auch sprach sie Französisch und nur zuweilen ein übelbehandeltes Deutsch . Ihr erster Blick suchte die Knaben , dann übergab sie der Frau Gräfin eine Visitenkarte . Kann weder der Jäger , noch der Bediente sie bringen , Sophie ? fragte der Graf , etwas gereizt . Sie wissen , ich liebe dergleichen Unordnungen im Dienst nicht . Verzeihung , Herr Graf ! aber - « Mein Gott ! rief Anna , welche die Karte angesehen , mein Vetter Otto ! Was ? der kleine Bergstudent , der deinetwegen in die weite Welt lief ? Ist nun groß und stattlich geworden , beinahe so stattlich wie der gnädige Herr , versicherte Sophie . In einer Stunde will er wieder anfragen . Er ist ein gelehrter Professor , in Basel geworden , und der Wirth erzählte mir , er sei ein entsetzlich berühmter Mann und habe irgend was entdeckt ; auch zogen eine ganze Menge Schüler hinter ihm drein . Das ist ja kaum möglich , sagte Anna , die Karte wieder und wieder überlesend , der ganze Mensch ist ja doch erst fünfundzwanzig Jahre alt . Wird auch nicht so arg sein , meinte Kronfeld . Ma bonne ist immer freigebig gegen ihre Lieblinge gewesen und hat auch mich vom Secondlieutenant zum Hauptmann avanciren lassen . Aber der Herr Graf sind es ja doch auch nachher geworden , sagte seufzend Sophie , eine weit zurückliegende Erinnerung umflorte ihr Auge . Leider ja , durch das Abschiedspatent . Ach , liebe Sophie , das waren schöne Tage , obschon du während derselben meine Freundin und Feindin zu gleicher Zeit gewesen bist . Aber wir wollen nicht davon reden , ich bin nun ein ergrauender Diplomat und muß meine Jungen versorgen . Die Kinder waren längst wieder hereingeschlichen , sie hingen an Sophie wie Kletten . Jungens , wollt ihr einen Hofmeister haben ? Von Pfefferkuchen , Papa ? fragte der kleinste . Nein , nein ! schrie der älteste , ich mag keinen Hofmeister . Anna stand immer noch da , wie eine Träumende ; es war dunkel geworden , die Bedienten hatten den Thee servirt und Licht gebracht . Sie schaute gedankenvoll in die kleinen Flammen derselben , wie früher in die leuchtenden Alpen hinein ; endlich sagte sie gepreßt : Ich wollte , ich hätte ihn wiedergesehen . Fürchtest du die Erinnerung ? fragte Kronfeld . Ja , erwiderte Anna , an seinem Bilde hängt das meiner ganzen Kindheit . Ich bitte dich , liebe Anna ! sprach Kronfeld , plötzlich wie durch Zauber ein Andrer geworden , indem er so edel und ruhig vor sie hintrat , daß sie unwillkürlich zusammenschrak , als habe sie etwas Ungerechtes gedacht , ich bitte dich , bedenke , wie sehr dieser junge Mann dich geliebt hat und was er gelitten haben mag ; sei besonnen ! Ich will noch einen Augenblick zu Lady Frederic hinübergehen , fuhr er französisch , mit einer leichten Wendung zu Sophien fort , bringen Sie die Knaben zu Bette oder übergeben Sie sie der Betty ; ich kehre bald zurück . Wenn der Herr Professor Schulze kommt , wird Madame wol die Güte haben , ihn anzunehmen und zu unterhalten , bis ich wieder hier bin . Anna blieb allein . Sie hatte längst ihre heitere Fassung wieder errungen , als nach etwa einer halben Stunde ein Bedienter den Professor anmeldete . Otto hatte sich vortheilhaft entwickelt ; er war sehr groß geworden und seine ehemals zu kleinen , zusammengedrückten Züge hatten sich ausgearbeitet und erweitert , sein Gesicht war bleich , aber auffallend schön . Rasch trat er auf Annen zu , als wollte er sie in die Arme schließen , dann wich er um ein Paar Schritte zurück und stand fast ungeschickt verlegen vor ihr , ohne das begrüßende Wort sogleich finden zu können . Lieber , lieber Otto ! rief Anna , ihm die Hand reichend , wie freue ich mich , daß du da bist . Wirklich , Anna ! wirklich ? es freut dich ? Er zog ihre Hand einen Augenblick an sein Herz , ließ sie aber sogleich wieder los . Nun , so freut es mich auch . Ohne ihre Aufforderung abzuwarten , setzte er sich , gepreßt nach Athem ringend , auf einen Stuhl ihr gegenüber ; sie nahm ihren Fauteuil am Fenster wieder ein . Nun betrachteten sich Beide einige Minuten lang schweigend ; in Beider Züge strahlte die Freude an des Andern Erscheinung . Und du bist schon Professor , Otto ? nahm endlich Anna das Wort , und wo ? Vorläufig nur in Basel . Ich bin nach der Schweiz gekommen , um einige Localbeobachtungen zu machen . Eine Entdeckung , die mir in die Hand gefallen , hat mir hier überall die Leute gewonnen . Sie haben mir die in Basel erledigte Professur angeboten , die manche Vorzüge hat ; meine Zeugnisse waren gut . Ich habe die Stelle angenommen . Ein paar Jahre werde ich bleiben . Ich studire Schwedisch , ich will später zu Berzelius , er ist der Einzige , der mich anzieht . Davy ist noch in Italien . Du bist gerade so geworden , wie ich mir dich dachte , sagte Anna , nur noch geschwinder , als ich es erwartete . Ja , siehst du , erwiderte Otto und wurde feuerroth , ich sagte dir ' s im Voraus . Du aber bist sehr vornehm geworden , eine Gräfin , eine große Dame , du hast Lakaien und Jäger , Kammerdiener und Zofen , und du hast auch noch deine prächtige alte Madame Sophie , von der du mir so oft erzähltest ; ich habe sie den Augenblick nach deinen Worten wieder erkannt . Ach , die Arme , fuhr Anna fort , froh , das gefahrlose Thema erfassen zu können , sie hat vor einigen Jahren ihren durch so viele Gefahren hindurch geretteten Sohn nun doch verloren . Der arme junge Mann ist an den Folgen einer Wunde gestorben , die er an den Ufern der Beresina erhalten hatte . Wir waren nach Italien gegangen ; Kronfeld konnte nach mehrjährigem Kriegsleben sich nicht sogleich an die diplomatische Laufbahn gewöhnen , die ihm frühere Studien und Vorbereitungen anwiesen . Dort angelangt , übernahm er indessen doch einzelne geschäftliche Sendungen und diplomatische Reisen und ward endlich als Attaché der preußischen Gesandtschaft in Mailand angestellt . Etwa zwei Jahre nach meiner Vermählung gingen wir dahin ab . Da trat eines Abends auf der Straße eine todtbleiche und , wie es schien , todtmüde Frau auf mich zu und fragte mich nach mir selbst ; sie hatte mich nicht erkannt . O ! sagte Otto , das ist natürlich , du bist unglaublich schön geworden ; aber ich - hätte unter Tausenden dennoch dich erkannt . Als ich den Klang der lieben , wohlbekannten Stimme hörte , rief ich laut ihren Namen ; sie fiel ohnmächtig auf das Steinpflaster , noch ehe ich sie in meinen Armen aufzuhalten vermochte . Wir ließen sie sogleich nach unserer Wohnung bringen , von da an hat sie bei uns gelebt . Auch an der Beresina hatte sie ihren Marc trotz seiner Wunden glücklich am Leben erhalten , in der Schlacht bei Leipzig , die der kaum Geheilte wieder mitfocht , erhielt er eine nicht gefährliche Quetschung am Bein von dem Druck einer Kanonenkugel , die ihn aber dienstunfähig machte . Sie flüchtete mit ihm nach Frankreich , wohin eine fast fanatische Verehrung seines Kaisers ihn zog ; dort blieben sie . Die gute Sophie mußte zuletzt zu so mancher äußeren Noth einen gewaltigen inneren Kampf bestehen , als die Bourbons wieder auf den Thron kamen und sie ihrem Herzen nach sich über die erneute goldne Zeit zu freuen hatte , während sie mit Marc die untergegangene Sonne des Kaiserthums beweinte . Marcs Enthusiasmus für den Gefallenen fristete ihm eine Weile das Leben , im beglückenden Traume der hundert Tage endete er . Duguet war bei Geierspergs geblieben , indessen wollte es mit dem neuen Herrn nicht recht gehen ; er folgte seiner Frau nach Paris . Als aber die redlichen Menschen ihren Sohn begraben hatten , war es ihnen am natürlichsten , mich aufzusuchen und sich meinem Schicksal anzuschließen . Sophie nimmt sich jetzt meines Hauswesens an , wie einst des Waldau ' schen , und pflegt meine Kinder . Kinder ! Du hast Kinder ? Eine nicht zu bewältigende Rührung überhauchte die aufblitzende Empörung in Otto ' s Zügen . Er schwieg . Auch Anna fand kein Wort ; es war gut , daß eben jetzt Kronfeld eintrat . Nach einer Stunde schon standen Anna und Otto einander ohne Verlegenheit gegenüber . Beim Abendessen hatten die Männer bereits eine Menge gemeinschaftlicher Gesprächs-Interessen und jede Spur von Verlegenheit war verschwunden . Anna ging früh auf ihr Zimmer . Sie fühlte sich todtmüde . Denken mochte sie nicht . Kronfeld fand sie schlafend , als er durch ihre Stube in die seine ging , er beleuchtete sie scharf mit dem Lichte , das er in der Hand hielt . Sie schlief wirklich . Bin ich nicht ein Thor ! lachte er vor sich hin und schlich leise vorüber . Am nächsten Morgen war Anna ihrer vollen Kraft sich wieder bewußt . Nein , sagte sie , ich wäre doch nicht glücklicher mit ihm . Was er forderte , hatte ich damals nicht , hätte es wol auch jetzt nicht für ihn . Er wird mich vergessen ; er hat es wol schon tausend Mal gethan in dieser langen Zeit . Aber ihr Herz strafte sie Lügen . Otto hatte sie nicht vergessen ; er hatte nur nicht Zeit gehabt , den Schmerz zu hegen , der ihn so gewaltig ergriffen , denn er hatte zuerst sich in den Krieg gestürzt , und als dieser endete , tief in seinen Studien sich vergraben . Die Nachricht von Anna ' s Heirath hatte ihn , da sie gleich nach Beendung des ersten Feldzugs vollzogen worden , schon in Paris erreicht . Ein paar leere Liebeleien , ein paar Momente des Sinnenrausches abgerechnet , hatte die Liebe sein Leben nicht eher wieder berührt , als eben jetzt in Bern , wohin er in den Ferien gekommen war . Anna ' s Wiedersehen verlöschte den leichten Eindruck und gab ihn der alten , nie ganz überwundenen Qual zurück . Die ersten Tage vermied er sie , dann führte ein Zufall ihn ihr wieder zu . Sie hatte sich auf eine so verwandtschaftlich sichere Weise zu ihm gestellt , daß ihm sehr bald bei ihr am ruhigsten zu Muthe ward . Männer wie Otto , die ihre Kindheit und Jugend in den Mittelständen verlebt haben , sind dem Einfluß des aristokratischen Benehmens vornehmer Frauen in hohem Grade ausgesetzt . Ohne eben verlegen zu sein , fühlen sie dennoch in höheren Gesellschaftskreisen sich etwas unsicher ; um Alles in der Welt möchten sie keinen Verstoß begehen , besonders plagt sie eine geheime Scheu , lächerlich oder gar ungehobelt zu erscheinen ; so geben sie unbewußt der Einwirkung einer anmuthigen , nicht schwer sie niederdrückenden Ueberlegenheit sich hin . Schlägt doch diese Ueberlegenheit über all solche Abgründe leicht fliegende Brücken , erscheint sie doch so unbedeutend , der Gewalt und Kraft des männlichen