, der über Dich lacht , und drüben den Savigny , der über Dich lächelt , und der sich so offenherzig rasieren läßt . Clemente , die ungeheuren Stricke , mit denen Du gebunden Dich wähnst , sind nur Spinnweb . Und Du fürchtest , daß wenn Du einen Ruck tust , so reißt das ganze liebesgewebte Netz , Du willst ' s aber gar nicht zerreißen . Gäb sie Dir einen solchen Rheingauer Schmatz , so fiel die Lieb Dir nicht mit der Tür ins Haus . Was solltest Du damit , Du fühlst es selbst . Der Savigny mag sie meinetwegen schon geküßt haben , im Weingarten oder am Brunnen oder sonstwo , er kommt herbei , man sieht ' s ihm nicht an , er macht einen ganz trocknen Mund . Du aber , Clemente , würdest mit allen Sternen Dich darüber besprechen und Echo würde es Dir abluchsen , um es durchs ganze Donnergebirg zu widerhallen , und Du selbst würdest schwanken wie ein Trunkner , des süßesten Weines voll . - Und Walpurgis hat recht , daß es würde Streit setzen im Wirtshaus . Denn das Wirtshaus würde alles entgelten müssen , und wenn das Dachfenster nachts im Winde klapperte , so wär ' s ein Eingriff in Deine Träume , grade da , wo Du vielleicht gewünscht hättest , das Dachfenster hätte Dich um alles nicht geweckt , und wär die Walpurgis zutunlich mit dem Pommer oder mit dem Spitz , so würdest Du ihr vorwerfen , daß sie freundlicher mit den Hofhunden sei wie mit Dir , und würdest dabei ungerecht sein , denn ein Hündchen , das man hat aufgefüttert , und das einem so absichtslos treu ist , das kann einem wohl näher am Herzen liegen als ein durchreisender Liebhaber . Und sei doch ein kaltblütiger Dichter , der gern eine Rolle übernimmt in dem eignen Lustspiel , was er dichtet . Du und der gelehrte Jurist , der so ernsthaft jung ist , und der Bettelmann , der so lustig alt ist , und das Mädchen , das nach den Äpfeln und Birnen sieht , ob sie heuer reifen , und dabei den Liebhabern zublinzelt , nun würde ich , wenn ich der Dichter wär , das Stück oder auch den Akt so enden , daß ich den kräftigen Bettelmann und den schmächtigen Gelehrten dem zurückgesetzten Studenten recht übermütig gegenüberstellte , der sich eben auf seinen Philistergaul schwingt , weil die Ferien aus sind und die beiden Nebenbuhler spottend von ihm Abschied nehmen ; allein wie er eben auf dem trägen Klepper den kotigen Dorfweg nehmen will , siehe da , gleichwie im Homer die alte Bettlerin am Wege sitzend ihre Kleider von sich abwirft , um plötzlich als blendende Göttin Minerva in die Wolken zu steigen , wirft dieser Schimmel auch plötzlich die alte Stalldecke ab und schüttelt seine blendende Flügelmähne und steigt in die Wolken so hoch mit meinem Clemens , und der wirft Kränze herab von seiner himmelansteigenden Bahn und schenkt den beiden Nebenbuhlern , was sie ohne ihn nicht fassen konnten , nämlich , daß es lebende schwebende Natur ist , ihr himmlischer Sinnenreiz - der zu Füßen der schönen Rheingauerin sich entfaltet und mit reinem Lebensodem sie anhaucht im jungen Grün in der tausendfältigen Blumenflur , im klaren Rhein sich spiegelt und wie Tau von der Sonne wird geküßt , und dann , lieber Clemens , lebst Du ja nicht Deine eigensüchtige kleine Liebschaft , nein , den ganzen liebenden Frühling von 1804 , und träufelst ihn herab von den fünf Saiten Deiner Leier und betäubst Deine Nebenbuhler , daß sie schlummern und Wunder träumen von Seligkeit , die Du ihnen zumessest . Das wär nun das Ende von dem Melodrama , das hab ich mir erdacht am Pfingsttag in der Liebfraukirch , wo vom Heiligen Geist gepredigt wurde , wie es mich fürchterlich langweilte , und ich konnte meine Füße nicht ruhig halten vor Ungeduld , ich mußte immer einen über den andern stellen , und in Gedanken war ich am Rhein bei Dir und bei dem Bettelmann , der gar nicht unfreundlich gegen mich war , denn wenn Du meinst , daß ich manche Züge ähnlich mit der Walpurgis ihrem Gesicht habe , so fühl ich , daß ich wieder sehr viel Ähnlichkeit hab mit ihrem Naturell , und ich glaube , der Bettelmann hätte auch bei mir den Sieg davongetragen , wenn nicht ! - Ja , wie soll ich Dir ' s beschreiben ? - nämlich , als ich eben von meiner Vision im Rheingau zurück in meiner Kirchenbank ankam , da war der Kaplan noch immer dran , als Pfingsttaube aus seinem Kröpfchen die Gemeine mit dem Heiligen Geist zu füttern . Der Bettelmann also hätte auch bei mir den Sieg davongetragen , wenn meine Vision nicht plötzlich mir den lieben Bruder Clemens daherzauberte , wie der plötzlich statt der Taube im feurigen Galopp aus dem Schalloch herabgeflogen kam mitten in die Kirche ! Der Prediger auf der Kanzel erstarrt , die Gemeine in ihrem Gesang verstummt , der herrliche Clemens aber auf seinem Pegasus karakoliert gleich einem englischen Reiter und macht wunderschöne Künste auf seinem Wolkenstampfer ; und auf dem Gewölk , was seinem herrlich melodischen Ritt zum Tanzboden dient , schweben wunderschöne Rosenkränze von einer Wolkenstufe zur andern und blühen und duften immer schöner , und die Menschen haben das Beten vergessen , alle fangen sie die Rosen auf , und das war Dir ein Getümmel in der Kirche und ein Jauchzen über die aufgefangnen Kränze ! Ach , ich könnte Dir noch mehr erzählen , wenn ' s nicht zu lang dauerte für ein Rosenfest , dessen höchster Reiz ist , daß er bald verblüht . Die Kirche war aus , eh ich ' s dachte , die Leute tummelten sich zur Kirchtür hinaus . Die Bäcker liefen mit weißgepuderten Kuchen , es war so heißer Sonnenschein . Den zweiten Pfingsttag ganz früh war ich mit dem Dominicus und Anton auf der Pfingstweide , da wurde unter den großen Linden ein großer Kranz gemacht für den Pfingstochsen , die Kinder gingen bei den Gärtnern herum und bettelten Blumen dazu , sie hatten die Blumen alle zusammengebündelt und so mancher den Stiel abgeschnürt , daß ihr der Kopf abfiel , wie ich aber am Kranz flechten half , da ward er viel schöner , um acht Uhr war der Kranz fertig und der Brummelochs ward mit angetan , am Nachmittag waren wir vor Bethmanns Garten auf einem Floß , das schwamm mit uns ein Stückchen den Main hinunter , es war auch schön auf dem Main , und wie wird ' s doch den Tag Dir gewesen sein , Du bist wohl einsam da herumgewandert , ich weiß , am Feiertag ist ' s oft gar zu wehmütig , je schöner die Natur ist , je schauriger belagern einen die langen Schatten des vergehenden Tages , und die Menschen sind auch alle wie Schemen ; sie flirren umher , man sieht kaum sie an , und kein Nachgedanke über sie kommt uns in den Kopf , ach und dann , wenn man vom Spaziergang nach Haus über die Schwelle tritt , da legt man den Blumenstrauß hin , den man gepflückt hatte , er sollte so schön im Glase blühen , er muß welken auf dem Tisch , denn die Seele ist gar zu müde . - So wird Dir ' s gewesen sein , Clemens . Aber wenn nun die Sterne aufgehen und winken , sie hätten was mit Dir zu flüstern , dann vergißt Du der stummen Schatten , die neben Dir hergingen , das helle Sternenlicht ist allein Dir geltend , so war ' s gewiß vorgestern abend ; denn ich hab Dich sehen heimgehen über die Wiesen und hab als in mir verborgen mit Dir geredet und Dich bei der Hand genommen , und es war gewiß eine Stunde , daß ich bloß mit Dir geredet habe in mir , und als ich schlafen ging , da war ' s , als habe ich recht was Angenehmes erlebt mit Dir . Das ist meine Pfingsttagsgeschichte in Frankfurt , ich bin jetzt wieder hier in Offenbach , wo ich tausend Federnelkchen aufgeplatzt fand , und der Abendwind jagt sich mit ihrem Duft . Adieu , Clemens , die Federnelkchen werden auch bald alle geplatzt sein . Dann kommst Du zurück . Bettine An Bettine Ich sollte schon bei Dir sein , liebe Bettine , ich hatte mir gelobt , daß ich nicht wolle nach den Pfingsttagen hier verweilen , und war auch schon in Mainz , und jetzt bin ich doch wieder auf dem alten Fleck , Savigny ist allein zurück , ich will ja nur noch ein Weilchen mich sammlen und so manches Lied , was ich der Gegend und der geschäftigen Natur in ihr abgelauscht habe , noch einmal durchgehen , damit es Dir rechte Freude machen soll . O kühler Wald , Wo rauschest du , In dem mein Liebchen geht , O Widerhall , Wo lauschest du , Der gern mein Lied versteht . O Widerhall O sängst du ihr Die süßen Träume vor , Die Lieder all , O bring sie ihr , Die ich so früh verlor . - Im Herzen tief , Da rauscht der Wald , In dem mein Liebchen geht , In Schmerzen schlief Der Widerhall , Die Lieder sind verweht . Im Walde bin Ich so allein , O Liebchen wandre hier , Verschallet auch Manch Lied so rein , Ich singe andre dir . Ja , liebe Bettine , da hast Du wieder einmal durch die Ferne herübergesehen recht scharf , grad wie Du mir schreibst , so war mein zweiter Pfingstabend . - Sie war fortgefahren , sehr schön geputzt , über Land mit der ganzen Familie , ich und der Hausknecht waren allein zurückgeblieben ; ich sagte dem Hausknecht , er solle nur auch ein wenig zu seinen Bekannten gehen , wenn Gäste kommen , so wolle ich ihn rufen , so war ich den ganzen Vormittag allein , so still wie es im Weingarten war , man konnte hören das Gras wachsen . Da kam mancher Wagen vorbeigefahren mit lustigen Leuten , und wenn ihr Räderlauf in der Ferne sich verlor , da fingen die Glocken aus den Ortschaften rundum an zu läuten , so ist mir der Morgen vergangen von früh vier Uhr , wo die Walpurgis abgefahren war , bis um elf Uhr , wo sie wieder heimkehrte . - Da kamen so viel Gäste von Bingen herüber , und so viele schifften hinüber nach Bingen , daß der Rhein ein groß Spektakelstück gab von Jauchzen und Musik auf den Schiffen , die sich bombardierten mit Trompetenstößen und allerlei verschiedner Tanzmusik und Lieder , die sich einer über den andern hinaus wollten vernehmen lassen , ich habe auch mit Link , der von Frankfurt gekommen war , den Savigny bis Mainz begleitet . Link ist dort zu einer Frau gegangen , von der er mir Wunderdinge erzählt , sie ist eine Französin aus der Vendée , war in Jena bis jetzt , hat dort mit den größten Gelehrten eine Zeitlang zugebracht , allerlei wissenschaftliche Experimente gemacht . - Sie sei , sagt Link , eine Heldin , eine ganz unerschrockne Seele , die in der Terroristenzeit durch ihre Kühnheit Unendliches gewirkt hat , - und namentlich in der Vendée , sie soll so schön sein , so vollkommen wohlgebildet wie ein Weib aus den Nibelungen , sie reitet das wildeste Pferd . - Ich stand vor ihrer Tür mit Link , er ging zu ihr mit einem Empfehlungsbrief aus Weimar , ich kehrte um mit dem Marktschiff , in Rüdesheim bin ich erst mit Sonnenuntergang zurückgekommen , alle Wirtshäuser tobten ganz ausgelassen ; da hab ich in meinem Giebelstübchen über das Gelärm hinaus mich recht einsamlich in alles , was das Leben mir bietet , hineingedacht , nur Deiner hoffe ich gewiß zu sein , daß auf allen meinen Irrwegen , wo vielleicht keiner mir begegnen mag , Du aber mir nachgehen wirst , und wenn ich mich verlassen wähne , ich dennoch die edelste Wohnung besitze , in Deinem Herzen nämlich . - So war mein Abend beschlossen ; getanzt und gejubelt unter mir , ich hörte das Lachen und dann leise klopfen an meiner Tür , als ich aufmachte , fand ich einen Krug mit Maitrank - rheinischer Hippokras - auf der Schwelle und ein Stück Festkuchen ; wärst Du hier , so würde ich geglaubt haben , Du hättest es mir vor die Tür gestellt . Aber wer soll ' s nun gewesen sein ? - Es war ja die Walpurg , ich hörte sie am End vom Gang laufen . Du schreibst mir in Deinem Brief , daß Du selbst eine gewisse Hinneigung zum Bettelmann empfindest . - Wenn ich ein Bettelmann wär , Käm ich zu dir , Säh dich gar bittend an , Was gäbst du mir ? - Der Pfennig hilft mir nicht , Nimm ihn zurück , Goldner als golden glänzt Allen dein Blick ; Und was du allen gibst , Gebe nicht mir , Nur was mein Aug begehrt , Will ich von dir . Bettler , wie helf ich dir ? - Sprächst du nur so , Dann wär im Herzen ich Glücklich und froh . Laufst auf dein Kämmerlein , Holst ein Paar Schuh , Die sind mir viel zu klein , Sieh einmal zu . - Sieh nur , wie klein sie sind , Drücken mich sehr , Jungfrau , süß lächelst du , O gib mir mehr . An Bettine Mainz Liebe Schwester , Du wirst mir ' s verzeihen , daß ich nicht Abschied von Dir nehme , aber ich gebe Dir nicht etwas , ich bin Dir gegeben . Du weißt nicht , wie glücklich ich bin , daß ich Dir dies durch die liebenswürdigste Frau sagen kann , die durch ihr Geschick schon über den gewöhnlichen Kreis der Menschen hinausragt , noch mehr aber durch ihre Selbständigkeit , durch den festen ernsten Willen , mit dem sie dies Geschick bekämpfte und heldenmäßig ertrug , indem sie ruhig und allein zwischen den Schrecken der Blutgerichte hindurchwandelte . Mit solchen Naturen sich berühren zu dürfen , ist eine Auszeichnung für den , dessen Seele und Geist vielleicht darauf angewiesen ist , durch solche Naturen sich selbst zu bilden und durch sie zum Erhabenen gelenkt zu werden . Wie sehr ich für Dich immer Sorge trage , das Edle und Schöne , was ich auffinde , was mir seine Macht fühlen lässet , mit Dir zu teilen , davon mag Dir hierin der Beweis gegeben sein , daß ich ihr , die ein so großes Herz hat , die mit diesem Herzen ausreichte , wo so viele verzagt sein würden , auch Dich und meine Liebe zu Dir empfohlen habe . Ja , ich hab ihr alles mitgeteilt , daß ich nämlich die besten Kräfte meines Lebens dran wenden möchte , um Dir eine würdige Zukunft zu bereiten . - Sie hat mir in diesen Stunden , so einfach , als sei es nur ganz gewöhnlich , von sich erzählt . Durch die Vendée ist sie oft auf wilden Pferden , die kaum den geübten Reiter trugen , auf Kreuz- und Querwegen geritten , um mit den großen Helden dort sich zu treffen , denen sie oft auf nächtlichen gefahrvollen Wegen voraneilte , manchen jener armen Landleute ( Chouans ) hat sie gerettet mit Gefahr ihres Lebens , ihre ganze Familie aber hat die Guillotine gefressen . Nur sie , geleitet durch ihren guten Stern , der ja auch von ihrer Stirne glänzt , ist glücklich nach Deutschland gekommen . In Jena hat sie eine geraume Zeit geweilt und war in einer wissenschaftlichen Verbindung mit meinem Freund , dem großen Physiker Ritter , von dem Goethe sagt : » Wir alle sind nur Knappen gegen ihn . « - Durch einen Brief von ihm hab ich sie hier in Mainz getroffen , wo ich seit gestern bin und von hier nach Jena zurückgehe . Was kann ich Dir je sagen , was an dieses Weib heranreicht , da ich nie einen bessern Gedanken hatte , als sie zu begreifen . Du sollst sie lieben wie mich und mehr wie mich . Du sollst ihr vertrauen und sie mit allen Deinen Armen umschlingen , mit Wurzeln und Gezweig , denn sie ist Himmel und Erde , sie ist ein Weib , an dem die Vortrefflichkeit und Barbarei du jour ( das heißt , wie es heutzutage hergeht ) gescheitert ist , sie allein kann Deine Ideen über Revolution und Volksglück aufklären , oh sie kann Unendliches für Dich , sie ist ein Geschöpf aus Gotteshand , ein gewöhnliches Weib wie Eva und wie sie aus dem Herzen jedes Mannes heraussteigen soll . Wundre Dich nicht , daß ich so über sie disponiere , da ich sie nur eine Stunde gesprochen habe , aber das organisch Vortreffliche spricht sich in der Sekunde aus , und verhüllst Du die Venus in die dichtesten Schleier , und der unschuldige Mensch merkt nur die Bewegung ihres Atems , so wird er mit seiner Seele dafür haften , daß dieser Mantel die Schönheit und die Liebe verberge . Schenk ihr die Geheimnisse Deiner Seele , alle Deine Phantasien ergieße ihr , sie muß sie aufnehmen und würdigen und muß Dich beglücken , denn es ist in ihrem Wesen wie das Empfangen des Weines im Kelch . Sprich von allem dem gegen niemand . Es ist ein glückversprechender Lebensmoment für Dich , denn der großen Seelen sind nur wenige , sich aber mit ihnen in so voller Unschuld geistig zu berühren , ist auch nur wenigen geworden . Schreibe mir bei Friedrich Schlegel in Jena . Dein Clemens Liebe Bettine ! Madame de Gachet bringt Dir einen offnen Brief von mir , ich habe aber manches währenddem gedacht . - Herzlich offenbaren kannst Du Dich ihr , denn sie versteht Dich , und der gute Mensch hat keine Geheimnisse , auch sollst Du sie lieben wie den geistreichen Menschen , doch nur ihren Geist und Herz , die Narben aber , die ihr Erfahrung und Geschick geschlagen , das männliche Wilde ihres Seins und Verstandes sollst Du übersehen , überhaupt Dich ihr nicht hingeben ; mein bleiben und Gott . - Unschuldig sein neben ihr , von ihr lernen ohne Absicht , denn die Absicht überhaupt ist ' s , die solche Narben zurückläßt . Ich traue Dir unendlich viel zu , wenn ich Dich denke mit ihr umgehend , ohne von ihr hingerissen zu werden ; Dich immer selbst besitzend und doch ganz aufrichtig , denke immer an mich dabei , hüte Dich , wenn Du sie verehrst , daß nicht Dein eigener Genius den obersten Platz verliere . Schreibe mir nach Jena bei Friedrich Schlegel , aber bald , in einigen Wochen bin ich in Marburg . Liebe Bettine ! Und immer noch von dieser de Gachet , aber Gott weiß , es jagt mich wieder aus dem Bette heraus , ich muß Dir noch einmal von ihr sprechen , denn es kann bei ihr viel zu gewinnen und zu verlieren sein , und ich könnte keine Minute ruhen , wenn ich nicht wüßte , daß Du sicher wärst . Ich weiß von dieser Frau nichts , als daß sie mit einem der geistreichsten Menschen , einem Freunde von mir , genau verbunden ist , daß sie jetzt die einzige Französin ist , die auf der Höhe der deutschen Wissenschaft steht , das ist ungeheuer viel , aber um dies zu erringen , was hat sie vielleicht erfahren müssen , und wieviel zarten Sinn haben ihr diese widerspenstigen Wissenschaften wie kostbaren Hausrat erst zerschlagen , eh sie sich besiegt gaben . Sie ist voll Enthusiasmus , und es ist ihr in allem Ernst auf Leben und Tod , auch hat sie die Mittel dazu , Du wirst Dir leicht denken können , der Mensch sei ein Turm , der in der Erde wurzle und in den Himmel rage , und in dessen Mitte eigentlich das schöne liebe Menschenleben zwischen Himmel und Erde ist , viele Menschen steigen in die Tiefe und kehren nicht zurück und vergessen der Mitte , die allein lebendig ist , viele steigen in den Himmel und vergessen diese Mitte , in der doch Himmel und Erde sich umarmen , und diese sind zwar große Menschen , aber nach meiner Ansicht werden sie doch nur als Mittel von Gott gebraucht , er belohnt sie mit berauschendem Stolze für ihre Mühe mit den Wissenschaften und lehrt sie die schöne Mitte verachten , um sie zu verführen nicht zurückzukehren . Ich bitte Dich , bleibe in dieser Mitte und steige nur in die Höhe , um zu beten , sonst wird das Gebet ein Handwerk . Da ich der de Gachet von Dir erzählte , war es ihr sogleich so ernst mit Dir , daß sie vielleicht gar nach Offenbach ziehen wollte , wenn Du ihr gefielst , um mit Dir umzugehen , es wäre schön , wenn Du etwas Chemie von ihr lernen könntest und durch ihre herrlichen Gedanken Deinen Geist erweitern , überhaupt durch sie einen Begriff von vielem erhalten , doch bitte ich Dich recht herzlich , es nur zu tun , wenn es der Zufall erlauben sollte . Ich bereue es sehr , und es ist eine Übereilung , daß ich ihr den Brief an Dich gab , ich kenne sie doch zu wenig dazu , doch hoffte ich , Du wirst beide morgen schon haben und eher als ihren und darum durch jenen heftigen nicht verwundert werden , den sie Dir bringt , Du kannst alles , was drinne steht , solltest Du sie näher kennenlernen , an ihr erproben , ob es so ist , das meiste ist vermutlich so , aber ich will nur nicht , daß Du sie gar für unsern Herrgott hältst , ich habe es unstreitig zu arg gemacht , daher meine liebe Schwester , werfe Dich ihr weder zu Füßen , noch um den Hals , sondern estimiere sie und profitiere von ihr , ich will , Du sollst mir sogleich umständlich schreiben , wenn Du sie zum erstenmal sahst , wie ' s dabei herging , alles , was an ihr wissenschaftlich ist , mag vortrefflich sein , aber ihre Grundsätze , da glaube ich , brauchen wir zwei keine andre als unsre . Lieb gut Kind , ich habe Dir da eine rechte Seelenschererei mit meinem hitzigen guten Willen gemacht , so geht es , wenn der Bruder ein Poet ist . Du sollst Deine Singstunde immer in Gegenwart eines dritten oder der Tante nehmen , denn Koch ist doch etwas gemein , setze alle Deine Arbeiten fleißig fort , und behalte mich lieb . Du kannst die de Gachet etwa fragen , was Du wohl lesen sollest , aber schreibe mir alles , was sie zu Dir sagt und Du zu ihr , soviel als möglich . - Adies - Adies - die großen dummen breiten Ausdrücke in meinem Briefe , den die de Gachet bringt , kommen mir jetzt so komisch vor , ich glaube und schäme mich drüber , ich wollte ihr damit schmeicheln , sehe selbst zu , wie sie Dir gefällt . Clemens Adresse Jena bei Friedr . Schlegel , schreibe bald . An Clemens Geliebter Clemens ! Was ist doch alles widerfahren in diesen wenigen Tagen , die Du der Bettine nennst ! - Ein Südwind auf brennenden Sohlen , in einer Wirbelwolke von Staub , wehte mir ins Gesicht . Von einem Tag zum andern hat die Welt hier in Offenbach einen Purzelbaum geschlagen . Denn erstens las ich im grünen Zimmer auf der Fensterbank vor dem Herzog von Aremberg über die Volksmajestät ein französisches Aktenstück , worüber ich Unendliches hätte den Herzog zu fragen gehabt , der schlief aber , ich wollte nur allmählich aufhören zu lesen , damit er nicht wach werde , ich fing schon an ganz stille zu werden , ich hatte ausprobiert , daß er fest schlief . Siehe , da kam im Sturm dahergebraust ein Kabriolet wie ein abgeschoßner Pfeil vor die Haustür , herabspringt der Wagenlenker , ein jugendlich voller schöner Mannjüngling mit klirrenden Sporen , zwei Reiter , die ihn begleiten , treten mit ihm ein , ich war , ich weiß nicht wie , nicht warum , von Schrecken durchgriffen , daß ich vergaß zu reden , und besann mich nicht , die Großmama zu rufen , die im Garten war . Der Herzog fragte , wer da sei , ich deutete den Fremden an , er sei blind , und sagte : » C ' est un jeune cavalier , Monseigneur , avec deux messieurs . « » Au contraire c ' est une femme , « sagte der Jüngling und näherte sich . Der Herzog wußte gleich , wer sie war , denn er ergriff ihre Hand und äußerte ein sehr warmes Interesse . Ich lief in den Garten , die Großmama zu holen . Die sagte gleich von Madame de Gachet einer Prinzeß aus der Vendée , und bis wir ins Haus eintraten , schwindelte ihr der Kopf vor Begeistrung . Ich besann mich unterdessen und wollte gern unbefangner Zuschauer sein . Hinter der Tür vor der Großmama ihrem Schreibzimmer blieb ich stehen , wo ich einstens schon Herder , Boonstedten , Friderike Brunn , die Krüdner und andere närrische Erscheinungen berühmter Leute angestaunt hatte . Es war ein Verbeugen und Neigen der beiden Frauen und ein Beteuern , und ich hätte gern alles behalten , um Dir ' s zu erzählen , es war ein zu groß Geschwirr von lauten Stimmen ; ich konnte nur den Herzog verstehen , der zu ihr sagte : » Vous êtes la plus respectable des ennemies de la France « , sie nannte die assemblée nationale , le dépôt de la confience de tout un peuple , und redete , als ob sie die Welt erneuere . » Le peuple n ' est plus livré aux intrigues de cour ni aux incertitudes ministerielles « , und meinte , damit sei ihr ganzes tragisches Schicksal ausgewetzt , und dann sprachen sie über Krieg zu Wasser und zu Land , von Vaisseaux de guerre und Kavallerie und Infanterie , und sie redete davon , als wär sie bei allen Schlachten mitgewesen . Liebster Clemens , wenn Du mir freundlich bist , dann bin ich , wo nicht ruhig , doch zufrieden . Ruhig sein heißt bei mir die Händ in den Schoß legen und sich auf den Kindchesbrei freuen , den wir heut abend essen . Ruhig sein kann ich nicht , ich freu mich auf alles , was grade das Ruhigsein ausschließt , ich muß jauchzen vor Vergnügen über ein unbestimmtes Etwas . Was mag es sein ? Das macht mich auch wieder unruhig , ich nehme drei Treppen unter die Füße bis zum Dachgiebel hinauf , ich guck zum Gaubloch hinaus , was doch herkommen mag , worauf ich so sehr mich freue , und weiß doch nicht was , und ich sah doch auch gar nichts , soweit der Blick trägt ; aber nichts ! - Aber meine Seele ist eine leidenschaftliche Tänzerin , sie springt herum nach einer innern Tanzmusik , die nur ich höre und die andern nicht . Alle schreien , ich soll ruhig werden , und Du auch , aber vor Tanzlust hört meine Seele nicht auf Euch , und wenn der Tanz aus wär , dann wär ' s aus mit mir . Und was hab ich denn von allen , die sich witzig genug meinen , mich zu lenken und zu zügeln ? Sie reden von Dingen , die meine Seele nicht achtet , sie reden in den Wind . Das gelob ich vor Dir , daß ich nicht mich will züglen lassen , ich will auf das Etwas vertrauen , was so jubelt in mir , denn am End ist ' s nichts anders als das Gefühl der Eigenmacht , man nennt das eine schlechte Seite , die Eigenmacht . Es ist ja aber auch Eigenmacht , daß man lebt ! - Wir haben in dem Kloster ein Gebet gehabt , daß uns Gott hat das Leben neu geschenkt jeden Morgen . Ich hab ' s nicht geachtet , jetzt mache ich eine andre Betrachtung darüber , daß wir für unser täglich erneutes Leben dem Gott danken , das macht uns feige , dem Leben zu entsagen ! - Aber auch noch Schlimmeres entsteht daraus , wir schließen die Grenze des Lebens so sehr eng ab . Wir steigen so allmählich den Berg hinab und sagen : mein Leben geht schon abwärts , wir setzen die Nachtmütze auf , wir räumen auf und halten an eine kleinliche Ordnung , kurz wir haben in einemfort mit der Kreide zu tun , mit der wir alle zufällige Flecke unserer Seelenmontur zudecken , weil wir uns auf die himmlische Parade vorbereiten . Wenn alles so ziemlich instand ist , setzen wir uns hin und seufzen und schwitzen als noch die paar Lebenstägelchen fort , die uns der Herrgott zugemessen hat , in lauter Angst , daß die Kreide auch hafte auf den Flecken , und daß kein neuer Schmutz dazu komme , und da wird denn das Leben so ledern , daß man dem Gott den ärgsten Schimpf antun würde , es als Geschenk von ihm zu achten . Es ist aber noch mehr und ein viel größerer Irrtum dabei . - Nämlich die närrische Idee , daß Leben enden könne , Leben kann wohl verlassen , was nicht vermag , Leben zu fassen , aber es kann nie enden . - Und kurz , ich finde diese Anstalten fürs ewige Leben so , daß es