die Fähr kamen , sprachen wir auf den Schloßplatz bei Sehms ein , so ein Krüger ist , welcher uns verzählete , daß die Pest noch immer nit ganz in der Stadt aufgehöret , worüber ich fast erschrake , zumalen er auch noch viele andere Gräuel und Leiden dieser betrübten Zeit , so hier und an andern Orten beschehen , uns für Augen stellete , e.g. von der großen Hungersnoth im Land zu Rügen , wo viele Menschen für Hunger so schwarz wie die Mohren geworden , ein wunderlich Ding , so es wahr ist , und möchte man daraus fast gießen , wie die ersten Mohren entstanden seind5 . Aber das lassen wir jetzt in seinen Würden . Summa als Meister Sehms uns verzählet , was er Neues wußte , und wir daraus zu unserm Troste sahen , daß der Herr uns nicht allein heimbgesuchet in dieser schweren Zeit , rieffe ich ihn in eine Kammer , und fragete ihn , ob es hier nicht wo Gelegenheit hätte , ein Stück Birnstein zu versilbern , so mein Töchterlein an der Sehe gefunden . Aber er sagte erstlich nein , darauf aber sich besinnende hub er an : » halt laß Er sehen . Denn es seind hier beim Schloßwirth Niclas Grecken zwo holländische fürnehme Kaufleute in Herberge , als : Dieterich von Pehnen und Jakob Kiekebusch , welcher Theer und Bretter kaufen , item Schiffholz und Balken , vielleicht daß diese auch auf Seinen Birnstein feilschen , doch geh Er selbsten auf das Schloß , dennich weiß nit mehr vor gewis , ob sie heute noch hier seind . « Solliches thate ich auch , obwohl ich bei dem Manne noch nichts verzehret , angesehen ich erst absehen wöllte , wie ' s mit dem Handel abliefe , und die Witten so der Kirchen gehörten , bis so lange verspaaren . Kame also auf den Schloßhof . - Aberdu lieber Gott , wie war auch Sr. fürstlichen Gnaden Haus seit kurzer Zeit fast zur Wüstenei worden . Den Marstall und das Jagdhaus hatten anno 1628 die Dänen gebrochen ; item viele Zimmr im Schlosse geruiniret , und in Sr. fürstlichen Gnaden des Herzogen Philippi Locament , wo er mich ao . 22 mit meinem Töchterlein , wie man weiter unten lesen wird , so mildiglich getractiret , hausete jetzt der Schloßwirth Niclas Graeke , und waren all die schönen Tapecereyen , worauf die Wallfahrt Sr. fürstlichen Gnaden weiland Bagislai x. gen Jerusalem fürgestellet wär , heraußergerissen und die Wände grau und garstig6 . Solliches sahe mit betrübtem Herzen , fragte darum alsobald nach den Kaufleuten , welche hinter dem Tische saßen , und schon Abschiedszeche hielten , dieweil ihr Reisegeräthe allbereits umb sie lag , umb damit nacher Stettin aufzubrechen . Als nun der eine von der Zeche aufsprange , ein kleiner Kerl , mit einem gar stattlichen Wanst , und einem schwarzen Pflaster über der Nasen , und mich fragete : was ich wölle ? nahme ich ihn abseiten in ein Fenster , und sagte : daß ich schönen Birnstein hätte , und ob er gesonnen , mir solchen zu versilbern , was er gleich zu thun versprach . Und nachdem er seinem Gesellen etwas ins Ohr gemurmelt , wurd er fast lieblich aussehen , und reichte mir auch erst den Krug , bevorab wir in meine Herberge gingen . That ihm also recht wacker Bescheid , da ich , wie obbemeldet noch nüchtern war , so daß mir gleich baß umbs Herze wurde . ( Du lieber Gott , was gehet doch über einen guten Trunk so es mit Maßen geschieht ! ) Darauf schritten wir in meine Herberge , und mußte die Magd die Kiste abseiten in ein Kämmerlein tragen . Doch hatte ich selbige kaum aufgethan , und das Kleid davon gezogen , als der Mann ( so Dieterich von Pehnen war , wie er mir unterwegs gesaget ) für Freuden die Hände in die Höhe hub , und sagete : daß er solchen Segen in Birnstein noch niemals nit gesehen , und wie ich dazu gekommen ? Antwortete also , daß ihn mein Töchterlein an der Sehe gefunden , worüber er sich sehr verwunderte , daß es hier so viel Birnstein hätte , und mir gleich vor die ganze Kiste 300 Fl . böte . War für Freuden über solchen Bot außer mir , doch ließ mir nichtes merken , besondern feilschte mit ihme bis auf 500 Fl . und söllte ich nur mit ins Schloß kommen und dorten gleich mein Geld haben . Bestellete dahero gleich bei dem Wirth einen Krug Bier , und vor mein Töchterlein ein gutes Mittagbrod , und machte mich mit dem Mann und der Magd , so die Kiste truge wieder ins Schloß auf , bittende : er wölle aber , umb gemeiner Verwundrung willen , nichtes nicht von meinem großen Seegen zu dem Wirth oder sonst zu männiglich hier in der Stadt sagen , und mir mein Geld sonderlich7 aufzählen , massen man auch nit wissen könnte ob mir die Schnapphanichen8 nicht unterweges aufpaßten , wenn sie solches erführen , welches der Mann auch thät . Denn er mürmelte gleich seinem Gesellen wieder ins Ohr , worauf dieser seinen ledernen Rock aufthät , item sein Wams und seine Hosen , und sich ein Kätzlein von seinem Wanst schnallete , so trefflich gespicket war , und er ihme reichete . Summa : es währete nit lange , so hatte ich meinen Reichthumb in der Taschen , und bate der Mann noch überdies , wenn ich wieder Birnstein hätte , sölle ich ja gen Amsterdamm an ihn schreiben , was ich auch zu thun versprach . Aber der gute Kerl ist , wie ich hernachmals erfahren in Stettin an der Pest mit seinem Gesellen verstorben , welches ich ihm nicht gewünschet.9 Darauf wäre bald in große Ungelegenheit kommen . Denn da ich mich sehnete auf meine Kniee zu fallen , und die Zeit nit abwarten konnte , wo ich meine Herberge erreichet , lief ich die Schloßtreppe bei vier Stufen hinauf , und trat in ein klein Gemach , wo ich mich für dem Herrn demüthigte . Aber der Wirth Niclas Gräke folgte mir alsbald , und vermeinete , daß ich ein Dieb sei und wollte mich fest halten , wußte dahero nicht anders los zu kommen als , daß ich fürgabe , ich wäre trunken worden von dem Wein , so mir die fremden Kaufleute gespendet ( denn er hatte gesehen , welchen trefflichen Zug ich gethan ) angesehen ich heute Morgen noch nüchtern gewesen , und hätte mir ein Kämmerlein aufgesucht umb ein wenig zu schlummern , welche Lüge er auch gläubete ( so es anders eine Lüge war ; denn ich war ja auch in Wahrheit trunken , obgleich nit vom Wein , sondern von Dank und Andacht zu meinem Schöpfer ) und mich derohalben lauffen ließ . - Doch nun muß ich erstlich meine Historie mit Sr. fürstlichen Gnaden verzählen , wie mir oben fürgenommen . Als ich Anno 22 von ungefährlich mit mein Töchterlein , so damals ein Kind bei 12 Jahren war , hier in Wolgast in dem Schloßgarten lustwandelte , und ihr die schönen Blumen zeigete , so darinnen herfürgewachsen waren , begab es sich , als wir umb ein Buschwerk lenketen , daß wir meinen gnädigen Herrn Herzog Philippum Julium mit Sr : fürstlichen Gnaden dem Herzogen Bogislaff so hier zum Besuche lag , auf einem Hügel stehen und disputiren sahen , wannenhero wir schon umbkehren wollten . Da aber meine gnädige Herren alsbald fürbaß schritten , der Schloßbrücken zu , besahen wir uns den Hügel , wo dieselben gestanden , und erhobe mein klein Mädken alsbald ein laut Freudengeschrei , angesehen , sie einen kostbaren Siegelring an der Erden liegen sahe , so Ihro fürstliche Gnaden ohn Zweifel verloren . Ich sagete dannenhero : komme , wir wollen unsere gnädigen Herren ganz eilend nachgehen , und sagstu auf lateinisch : Serenissimi principes quis vestrum hunc annulum deperdidit10 ? ( Denn wie oben bemeldet hatte ich mit ihr die lateinische Sprach schon seit ihrem siebenten Jahr traktiret ) und sagt nun einer : ego ; so giebstu ihm den Ring . Item fräget er dich auf lateinisch , wem du gehörest , so sei nit blöde und sprich : ego sum filia pastoris Coserowiensis11 siehe so werden Ihre fürstlichen Gnaden ein Wohlgefallen an dir haben , denn es seind beide freundliche Leute , insonderheit aber der große , welches unser gnädiger Landesherr Philippus Julius selbsten ist . Solliches versprach sie zu thun ; doch da sie im Weiterschreiten merklich zitterte , redete ich ihr noch mehr zu und versprach ihr ein neu Kleid so sie es thäte , angesehen sie schon als ein klein Kind viel umb schöne Kleider gegeben . Als wir dahero auf dem Schloßhof kommen , blieb ich bei der Statue Sr : fürstlichen Gnaden des Herzogen Ernst Ludewig12 stehen , und blies ihr ein , nunmehro dreust nachzulaufen , da Ihre f.G. nur wenige Schritte für uns gingen , und sich schon gegen die große Hauptthüre wendeten . Solliches thät sie auch , blieb aber plötzlich stehen und wollte wieder umbkehren , weil sie sich vor den Sporen Ihrer f.G. gefürchtet , wie sie nachgehends sagete , maßen dieselben fast heftig geknarret und gerastert . Dieses sahe aber meine gnädige Frau , die Herzoginne Agnes aus dem offenen Fenster , in welchem sie lage und rief , S.f.G. zu : » mein Herre , es ist ein klein Mädchen hinter Euch , so Euch sprechen will , wie es mir scheinet « , worauf Sr.f.G. sich gleich niedlich lächelnd umwendete , so daß meinem kleinen Mädken der Muth alsobald wiederkehrete und sieden Ring in die Höhe haltende auf lateinisch sagete , wie ihr geboten . Darüber verwunderten sich beide Fürsten über die Maßen , und nachdeme Se . fürstliche Gnaden , mein gnädiger Herzog Philippus sich an den Finger gefühlet , antwortete er : Dulcissima puella , ego perdidi13 worauf sie ihm solchen reichete . Davor klopfete er ihr die Wangen und fragte abermals : Sed quaenam es et unde venis ? 14 worauf sie dreust ihre Antwort thät , und zugleich nach mir an der Statuen mit dem Finger wiese , worauf Se . fürstliche Gnaden mir winketen , näher zu kommen . Dieses Alles hatte auch meine gnädige Frau aus dem Fenster mitgesehen , war aber mit einem Male wegk . Doch kam sie schon zurücke , ehe ich noch zu meinen gnädigen Herren demüthig herangetreten , winkete alsbald meinem Töchterlein , und hielt ihr eine Blinsche15 aus dem Fenster welche sie haben sollte . Da ich ihr zuredete lief sich auch hinan , aber Ihre fürstliche Gnaden kunnte nit so tief niederlangen , und sie nit so hoch über sich umb selbige zu greifen , wannenhero meine gnädige Frau ihr gebot , sie sölle in das Schloß kommen und da sie sich ängstlich nach mir umbschauete mich auch heranwinkete , wie mein gnädiger Herr selbsten , der alsobald die kleine scheue Magd bei der Hand fassete und mit Sr : fürstlichen Gnaden dem Herzogen Bogislaff vorauf ging . Meine gnädige Frau kam uns aber allbereits bei der Thüren entgegen , liebkosete und umbfing mein klein Töchterlein , so daß sie bald dreust wurde , und die Blinsche aß . Nachdem nun mein g. Herr mich gefraget , wie ich hieße , item warumb ich seltsamer Weiß meinem Töchterlein die lateinische Sprache gelernet , antwortete ich : daß ich gar viel durch einen Vetter in Cöln von der Schurmannin 16 gehöret und da ich ein fast trefflich ingenium bei meinem Kinde verspüret , auch in meiner einsamen Pfarren genugsam Zeit dazu gehabt , hätte ich nit angestanden , sie von Jugend auf fürzunehmen und zu unterweisen , maßen ich keine Knäblein beim Leben hätte . Darüber verwunderten sich I.I.f.f.G.G. und thaten annoch einige lateinische Fragen an selbige , welche sie auch beantwortete , ohne daß ich ihr etwas einbliese , worauf mein gnädiger Herr , Herzog Philippus auf deutsch sagete : wenn du groß geworden bist und einmal heirathen wilt , so sags mir , dann solltu von mir wieder einen Ring haben und was sonsten noch vor eine Braut gehöret , denn du hast mir heute einen guten Dienst gethan , angesehen mir dieser Ring ein groß Kleinod ist , da ich ihn von meiner Frauen empfangen . Ich blies ihr darauf ein , Sr : fürstlichen Gnaden vor solches Versprechen die Hand zu küssen , was sie auch thät . ( Aber , ach , du allerliebster Gott , versprechen und halten , seind zweierlei Ding ! Wo ist jetzt Se : fürstlichen Gnaden ? Darumb laß mich immer bedenken : nur Du bist allein wahrhaftig und was Du zusagst hälltstu gewis . Ps . 33 , 4. Amen . ) Item als Se . fürstliche Gnaden nunmehro auch nach mir und meiner Pfarren gekundschaftet und gehöret , daß ich alt adlichen Geschlechtes und mein Salarium fast zu schwach sei , rief sie dero Canzler D. Rungium , der draußen an dem Sonnenzeiger stund und schauete , aus dem Fenster und befahle ihme , daß ich vom Kloster zu Pudgla , item von dem Kammergut Ernsthoff eine Beilage haben sollte , wie oben bemeldet . Aber Gott seis geklagt , habe selbige niemalen erhalten , obwohl das Instrumentum donationis17 mir bald hernach auch durch Sr : fürstlichen Gnaden Canzler gesendet ward . - Daraufgab es vor mich auch Blinschen , item ein Glas wälschen Wein aus einem gemalten Wappenglas , worauf ich demüthig mit meinem Töchterlein meinen Abtritt nahm . Umb nun aber wieder auf meine Kaufmannschaft zu kommen , so kann männiglich vor sich selbsten abnehmen , welche Freude mein Kind empfand , als ich ihr die schöne Dukaten und Gulden wiese , so ich vor den Birnstein erhalten . Der Magd aber sagten wir , daß wir solchen Segen ererbet durch meinen Bruder in Holland , und nachdem wir abermals dem Herrn auf unsern Knieen gedanket , und unser Mittagsbrod verzehret , hielten wir gute Kaufmannschaft an Fleisch , Brode , Salz , Stockfisch , item an Kleidern , angesehen ich vor uns drei von dem Wandschneider die Winternothdurft besorgete . Vor mein Töchterlein aber kaufte noch absonderlich eine gestrickte Haarhaube und ein roth seidin Leibichen mit schwarzen Schurzfleck und weißem Rock , item ein fein Ohrgehänge , da sie fast heftig darumb bat , und nachdem ich auch bei dem Schuster die Nothdurft bestellet , machten wir uns endiglichen , da es fast schon tunkel ward , auf den Heimbweg , kunnten aber fast nit alles tragen , so wir eingekaufet . Derohalben mußte uns ein Bauer von Bannemin helfen , so auch zur Stadt gewesen war , und als ich von ihm erforschet , daß der Kerl , so mir die Schnede Brod gegeben , ein Katenmann , Namens Pantermehl gewest , und an der Dorfstraßen wohne , schobe ich ihm zwo Brode in seine Hausthüre , als wir davor gekommen , ohne daß er es gemerket , und zogen darauf unserer Straßen bei gutem Mondschein weiter , so daß wir auch mit Gotts Hülfe umb 10 Uhren Abends zu Hause anlangeten . Dem andern Kerl hatte ich auch vor seine Mühe ein Brod geben , obwohl er es nit verdient , angesehen er nit weiter als bis zum Zitze mit uns gehen wollte . Doch laß ihn laufen , habs ja auch nit verdienet , daß mich der Herr so gesegnet ! - Fußnoten 1 Dorf auf der Hälfte des Weges zwischen Coserow und Wolgast , jetzt Zinnowitz geheißen . 2 In dem hiesigen Pfarrarchiv sind auch noch einige , obgleich sehr kurze und unvollständige Andeutungen von seinen Leidenstagen während jenes Schreckenskrieges vorhanden . 3 Bude , davon Büdner , eine Hütte . 4 Der alte Herr hat sie sogar unter die noch vorhandenen Kirchenrechnungen gesetzt , und mögen ein Paar davon zur Probe hier stehen : auf 1620 / VsqVe qVo DoMIncCerIs , sIs nobIs pater ! auf 1628 / InqVe tVa DeXtra fer operaM tV ChrIste benIgne ! 5 Auch Micraelius im alten Pommernlande , v. 171 , 12. gedenket dieses Umstandes , sagt aber blos : » Die nach Stralsund überliefen waren ganz schwarz vom erlittenen Hunger anzusehen . « Daher wohl die seltsame Uebertreibung des Wirths und der noch seltsamere Schluß unsers Autors . 6 vergl . Hellers Chronik der Stadt Wolgast , S. 42 ff. die Unordnung rührte wohl daher , weil der Nachfolger von Philippus Julius ( 6ten Febr . 1625 ) und zugleich der letzte Pommersche Herzog , Bogislaus XIV. in Stettin residirte . Zur Zeit ist das Schloß eine gänzliche Ruine , und nur noch mehrere große mit Kreuzgewölben versehene Keller sind vorhanden , in welchen die dortigen Kaufleute zum Theil ihre Waaren-Niederlagen haben . 7 besonders , privatim . 8 Räuber . 9 Auch Micraelius gedenket dieser holländischen Handelsleute , a.a.O.V. , S. 171 , behauptet aber , die Ursache ihres Todes sei zweifelhaft gewesen , und habe der Stadtphysikus Dr. Laurentius Eichstadius in Stettin , einen eigenen medizinalischen Discurs darüber geschrieben . Doch nennt er einen derselben Kiekepost anstatt Kiekebusch . 10 Gestrenge Fürsten , wer von Euch hat diesen Ring verloren ? 11 ich bin die Tochter des Pfarrers zu Coserow . 12 Der Vater von Philippus Julius zu Wolgast den 17ten Junius 1592 . 13 mein süßes Mädchen , ich habe ihn verloren . 14 Aber wer bist du und woher kömmst du ? 15 Vielleicht Plinze , eine Art Kuchen . 16 Anna Maria Schurmann geb . zu Cöln am 5ten Novbr . 1607 , gestorben zu Wiewardin d. 5ten May 1678 wär nach dem übereinstimmenden Zeugniß ihrer Zeitgenossen ein Wunder der Gelehrsamkeit und vielleicht das gelehrteste Weib , das je auf Erden lebte . Der Franzose Nande urtheilt von ihr ; was die Hand bilden und der Geist fassen kann , trifft man bei ihr allein . Keine malt besser , keine bildet besser in Erz , Wachs und Holz . In der Stickerei übertrifft sie alle alten und neuen Weiber . Man weiß nicht in welcher Art der Gelehrsamkeit sie sich am mehrsten ausgezeichnet . Nicht mit den europäischen Sprachen zufrieden , versteht sie hebräisch , arabisch , syrisch und schreibt ein Latein , daß kein Mann , der sein Leben darauf verwendet , es besser kann . Der berühmte Niederländer Spanheim nennt sie » eine Lehrerin der Gratien und Musen « , der noch berühmtere Salmasius gesteht : er wisse nicht in welcher Art der Gelehrsamkeit er ihr den Vorzug geben sölle , und der Pole Rotyer nennt sie gar » das einzige Exemplar aller Wunderwerke an einem gelehrten Menschen , und ein gänzliches Monstrum ihres Geschlechts doch ohne Fehler und Tadel . « Denn in der That behielt sie bei ihrem außerordentlichen Wissen eine bewunderswürdige Demuth , wiewohl sie selbst gesteht , daß die unmäßigen Lobsprüche der Gelehrten sie jezuweilen zu eigener Selbstverblendung verleitet hätten . In späteren Jahren trat sie zu der Gemeine der Labadisten über , welche manche Aehnlichkeit mit den neuem Muckem gehabt zu haben scheint , starb aber unvermählt , da eine frühe Liebe ( schon in ihrem 15ten Jahre ) mit dem Holländer Caets sich zerschlagen hatte . Als Seltsamkeit von ihr wird angeführt , daß sie gerne Spinnen gegessen . Ihre gesammelten Werke gab der berühmte Spanheim unter dem Titel : Annae Mariae a Schurmann opuscula , Leyden 1648 , zuerst heraus . 17 Schenkungsurkunde . Capitel 11. Wie ich die ganze Gemein gespeiset , item wie ich nach Gützkow zum Roßmarkt gereiset und was mir alldort gearriviret . Des andern morgens zutheilete mein Töchterlein die lieben Brod , und schickte einem Jeglichen im Dorf eine Schnede . Doch da wir sahen , daß unser Fürrath bald würde auf die Neige laufen , schickete abermals die Magd mit einer Karren , so ich von Adam Lempkem gekauft , nach Wolgast mehr Brod zu hohlen , welches sie auch thate . Item ließ ich im ganzen Kapsel herumbsagen , daß ich am Sonntag wölle das heilige Abendmahl halten , und kaufete unterdeß im Dorf alle großen Fische , so sie fingen . Als nun endlich der liebe Sonntag kam , hielt ich erstlich Beicht mit der ganzen Gemein , und darauf die Predigt über Matth . 15 , 32. Mich jammert des Volks , denn sie haben nichts zu essen . Solliches deutete aber fürs erste nur auf die geistliche Speiß , und erhobe sich ein groß Seufzen unter Männern und Weibern , als ich zum Schluß auf das Altar wiese , worauf die liebe Seelenspeise stund , und die Worte wiederholte : mich jammert des Volks , denn sie haben nichts zu essen . ( NB . den bleiernen Kelch hatte mir in Wolgast geliehen , und vor die Patene ein klein Tellerlein gekaufet , bis Meister Bloom den silbernen Kelch und die Patene , so ich bestellet würde fertig halten . ) Als ich nun darauf das heilige Nachtmahl consacriret und ausgetheilet , item den Schlußvers angestimmet , und ein Jeglicher still sein Vater unser gebet , umb aus der Kirchen zu gehen , trat ich abermals aus dem Beichtstuhl herfür , und winkete dem Volk annoch zu verharren , da der liebe Heiland nit blos ihre Seelen sondern auch ihren Leib speisen wölle , angesehen er mit seinem Volk noch immer eben dasselbige Erbarmen hätte , wie weiland mit dem Volk am galiläischen Meer . Solliches sollten sie sehen . Trat also in den Thurm und langete zween Körbe herfür so die Magd in Wolgast gekaufet , und ich zu guter Zeit hier hatte verhehlen lassen , satzete sie für das Altar und zog die Tüchlein womit sie bedecket waren , davon , worauf sich fast ein laut Geschrei erhob , massen sie den einen voller Bratfisch , den andern aber voller Brod funden , so wir heimlich hineingethan . Machte es darauf wie der Heiland , dankete und brach es und gab es meinem Fürsteher Hinrich Seden , daß er es den Männern und meinem Töchterlein , daß sie es den Weibern fürlegen mußte , worauf den Text : mich jammert des Volks denn sie haben nichts zu essenauch leiblich anwandte , undauf und nieder in der Kirchen schreitend , unter großem gemeinen Geschrei sie vermahnete , immer Gottes Barmherzigkeit zu vertrauen , fleißig zu beten fleißig zu arbeiten und in keine Sünde zu willigen . Was übrig blieb mußten sie vor ihre Kinder und alten Greise aufheben , so zu Hause geblieben waren . Nach der Kirchen , und als ich kaum meinen Chorrock abgethan , kam Hinrich Seden sein gluderäugigt Weib wieder und verlangete trotziglich noch ein Mehres vor die Reise ihres Mannes nach der Liepe ; auch hätte sie vor sich selbsten noch Nichtes erhalten , angesehen sie heute nit in der Kirchen gewesen . Solliches verdroß mich fast , und sagete ich zu ihr : warum bistu nit in der Kirchen gewesen ? Doch wärestu demüthig kommen , hättestu auch jetzt noch etwas erhalten , da du aber trotziglich kümmst , geb ' ich dir Nichts . Gedenke doch wie du es mit mir und meinem Kinde gemacht . Aber sie blieb bei der Thüren stehen und gluderte trotzig in der Stuben rings umbher , bis sie mein Töchterlein beim Arm nahm , und heraus führete , indeme sie sprach : » hörstu ? du sollst erst demüthig wieder kommen , ehe du etwas empfähest ; kömmstu aber also , so solltu auch deinen Theil haben und wir wollen nit weiter mit dir Auge um Auge , Zahn um Zahn rechnen , das möge der Herr thun so ihm beliebt , wir aber wöllen dir gerne vergeben ! « Hierauf schritt sie endlich nach ihrer Weiß , heimlich mummelnd aus der Thüren , doch spiee sie verschiedentlich auf der Straßen aus , wie wir durch das Fensterlein sahen . Bald darauf beschloß ich einen Jungen bei 20 Jahren und Claus Neels geheißen bei mir in Dienst zu nehmen , und vor einen Knecht zu gebrauchen , angesehen der alte Neels in Loddin sein Vater mich fast harte darumb anlag , auch der Bursche an Manieren und sonsten mir wohl gefiel . Denn da es heuer einen guten Herbst hatte , beschloß annoch mir vor ' s erste zwei Pferde zu kaufen und mein Ackerland abermals zu besäen ; denn wiewohl es schon spät im Jahre war , meinete ich dennoch , daß der grundgütige Gott es wohl gesegnen könnte , wenn er wollte . Auch war ich nit sonderlich umb das Futter für selbige besorgt , maßen es in der Gemein einen großen Ueberfluß an Heu hatte , da alles Vieh wie bemeldet geschlagen oder fortgetrieben war . Gedachte also im Namen Gottes mit meinem neuen Ackersknecht gen Gützkow zu ziehen , wo auf dem Jahrmarkt viel meklenburgische Pferde gezogen wurden , angesehen dort noch eine bessere Zeit war.1 Hierzwischen aber thät ich mit meinem Töchterlein noch mehr Gänge auf den Streckelberg zur Nachtzeit und im Mondschein , funden aber nichts rechtes , so daß wir schon gläubeten unser Segen sei zu Ende , als wir in der dritten Nacht große Stücke Birnstein brachen fast größer als die , so die beiden Holländer gekaufet . Solche beschloß nunmehro an meinen Schwager Martin Behring gen Hamburg zu schicken , massen Schiffer Wulff aus Wolgast , wie mir gesaget ward , noch in diesem Herbest hinaufseegeln wöllen , um Theer und Schiffesholz überzuführen . Packete also alles in eine wohlverwahrete Kiste , und nahm selbige mit gen Wolgast , als ich mit meinem Ackersknecht gen Gützkow aufbrach . Von dieser Reise will nur soviel vermelden : daß es alldorten fast viele Pferde aber wenig Käufer hatte . Dannenhero kaufete zwo schöne Rappen das Stück zu 20 Fl . item einen Wagen umb 5 Fl . item 25 Scheffel Roggen , so auch vom Meklenburg dahin geführet warumb 1 Fl . den Scheffel , da er in Wolgast fast gar nit mehr aufzugabeln ist , und alsdann wohl an die drei Fl . und drüber gilt . Hätte darumb hier in Gützkow schöne Kaufmannschaft in Roggen halten können , so es meines Amts gewest , und ich auch nit befürchtet , daß die Schnapphanichen , woran es in dieser schweren Zeit fast überhand nimmt , mir mein Korn wieder abgenommen , und noch wohl dazu gemaltraitiret , und erwürget hätten , wie Etzlichen geschehen . Denn insonderheit wurde solche Räuberei zu Gützkow zu dieser Zeit in der Strelliner Heiden mit großem Spök2 getrieben , kam aber mit des gerechten Gottes Hülfe gerade an das liebe Tageslicht , als ich mit meinem Ackersknecht alldorten in den Jahrmarkt verreiset war , und will ich solliches hier noch bemelden . Vor etzlichen Monden war ein Kerl zu Gützkow aufs Rad gestoßen , weil er durch Verführung des leidigen Satans einen reisenden Handwerksmann erschlagen . Derselbige aber fing alsobald an so erschröcklich zu spöken , daß er zur Abend- und Nachtzeit mit seinem armen Sünderkittel von dem Rade herniedersprang , sobald ein Wagen vor dem Galgen vorbeifuhr , der an der Landstraßen nacher Wolgast zustehet , und hinter den Leuten hersetzte , wo sie denn mit vielen Abscheu und Grauen die Rosse anklappten , so daß es einen großen Rumor auf dem Knüppeldamm schlug welcher benebenst dem Galgen in ein klein Hölzlein führete , der Kraulin geheißen . Und war ein wunderlich Ding , daß in selbiger Nacht die Reisenden fast immer in der Strelliner Heiden geplündert oder erwürget wurden . Dannenhero ließ die Obrigkeit den Kerl von dem Rade heben und begrube ihn unter dem Galgen in Hoffnung , daß der Spök sich legen sölle . Aber es saß nach wie vorab bei Nachtzeiten schloweiß auf dem Rade , so daß Niemand nicht mehr die Straße gen Wolgast fahren wollte . Da begab es sich denn , daß in benanntem Jahrmarkt gegen die Nachtzeit der junge Rüdiger von Nienkerken von Mellenthin auf Usedom belegen , so in Wittenberge und anderswo studiret , und nun wieder heimkehren wollte mit seinem Fuhrwerk , dieser Straßen zog . Hatte ihm kurz vorhero noch selbsten im Wirthhause gepersuadiret , daß er von wegen den Spök zur Nachtzeit in Gützkow verbleiben , und des nächsten Morgens mit mir fahren wölle , was er aber verwegerte . Als selbiger Junker nun die Straße gefahren kömmt , sieht er auch wieder alsobald den Spök auf dem Rade sitzen , und ist er kaum an dem Galgen fürüber , als das Gespenste herniederspringt , und ihm nachsetzet . Der Fuhrmann entsetzet sich mächtiglich , und macht es wie alle anderen , klappet die Pferde an , so fast scheu geworden , und für Angst den Mist gelassen und beginnet mit großem Rumor über den Knüppeldamm zu jagen . Hierzwischen bemerket aber der Junker beim Mondenschein , daß der Spök einen Pferdeapfel über welchen er rennet , breit tritt , und nimmt sogleich bei sich ab , daß solches kein Gespenst sei . Rufet dannenhero den Fuhrmann , er sölle halten , und da dieser nit auf ihn höret , springet er von dem Wagen , zeucht seinen Stoßdegen , und eilt dem Spök auf den Leib . Als der Spök solches gewahr wird , will er umbkehren , aber der Junker schlägt ihne mit der Faust in das Genicke , daß er gleich zur Erden stürzet und ein laut Gejünse3 erhebt . Summa : nachdem der Junker seinen Fuhrknecht gerufen , bringt er den Spök bald darauf wieder in die Stadt geschleppt und ergab es sich , daß selbiger ein Schuster war , Namens Schwelm . ( Diesem Schelm hat der Teufel recht das W. eingeflicket ! - ) So bin ich auch bei dem großen Auflauf mit Mehren hinzugetreten , und habe den Kerl gesehen . Er zitterte , wie das Blatt einer Espen , und als man ihm hart zuredete