Genüsse gewähren . Im Gegentheil , liebe Mutter ! weil bei uns der Mann sein Haus noch für den Tempel seines Glückes , die geliebte Frau für die Hohepriesterin desselben hält , weil er Ruhm , Ehre und Alles , was er ist und erwirbt , diesem Tempel und seiner Priesterin darbringt , weil sein Hoffen und Fürchten in diesen Kreis gebannt ist und er immer wieder dahin zurückkehrt , sobald das Leben mit seinen gebieterischen Forderungen ihn frei läßt ; darum haben wir deutschen Männer ein Recht , zu verlangen , daß auch kein unreiner Hauch die Seele eines Mädchens berühre , dem so viel geopfert wird . Und wie hoch , wie heilig ist uns das Mädchen , das wir lieben ! rief plötzlich Reinhard , der bis dahin schweigend zugehört hatte , als ob er aus tiefen Gedanken zu sich käme . Wenn ein Mädchen wüßte , wie schwer und heftig der Kampf ist , den der Mann zu kämpfen hat , ehe er willig und für immer auf seine Ungebundenheit verzichtet , ehe er seine Freiheit opfert ! Nur einem Wesen , das man mehr liebt als sich selbst , das man gleich einer Gottheit heilig hält , kann man so unterthan werden , als die Liebe es uns dem Weibe macht . Wer aber ertrüge den Gedanken , daß die Gottheit unsres Herzens unwürdigen Festen beiwohnt ? Wer wollte es ruhig ansehen , daß ihr Auge von unreinem Anblick berührt würde ? Ich könnte mein Leben daran setzen , der Geliebten eine solche Entweihung zu ersparen ; und ein Mädchen , das wahrhaft liebt , das die Liebe , die hingebende , die anbetende Liebe eines Mannes zu begreifen vermag , das in sich auch den Geliebten achtet , muß nothwendig und freiwillig Allem entsagen , was diesen und sie zugleich verletzt . Wer es gefühlt hat , wie wahre Liebe das Männerherz reinigt und veredelt , dem muß es wehe thun , wenn die Mädchen selber sich um den Nimbus bringen , den Sittenreinheit um sie hervorzaubert , und der sie unserm Herzen gerade so theuer macht . Er hatte noch nicht geendet , als sein Auge auf die neben ihm sitzende Jenny fiel , die sich hinter der dampfenden Samovare verbarg und vor Bewegung kaum den Thee zu bereiten vermochte . Er fühlte den bittern Tadel , den er unwillkürlich auch gegen die Geliebte ausgesprochen hatte ; er wollte einlenken , aber er vermochte es nicht , denn es war seine innerste Ueberzeugung gewesen , die er ausgesprochen hatte . So viel Glück ihm der heutige Abend im Theater gewährt , so weh that es ihm doch , daß ein so schlüpferiges , sittenloses Stück , so leichtfertige Gesänge , zum Boten seiner Liebe bei Jenny geworden waren . Das war der Unterschied zwischen ihm und ihr , daß sie , aufgezogen in den Begriffen der sogenannten großen Welt , trotz ihrer sittlichen Seele , das Gefühl für die Sittenlosigkeit mancher Verhältnisse verloren hatte , oder daß es nicht zum Bewußtsein in ihr gekommen war . Der Figaro , Don Juan und vieles Andere , waren ihr Dinge , an denen sie sich von Kindheit auf erfreut hatte , ohne an das Gute und Böse daran zu denken , und das war ein Zustand , in den weder Eduard noch Reinhard sich zu versetzen vermochten . Reinhard war bis zu seiner Universitätszeit in einem Landstädtchen in vollkommener Zurückgezogenheit erwachsen , und seinem Geiste mußten die Eindrücke , die er dann plötzlich in der Gesellschaft und durch das Theater empfing , ganz anders erscheinen , weil er sich der Empfindungen bewußt war , die dadurch in ihm hervorgerufen worden . Eduard hingegen war allmälig durch Nachdenken zu der Ansicht gekommen , die er vertheidigte , und die er , durch Verhältnisse , welche wir später darthun werden , angeregt , heute ungewöhnlich warm ausgesprochen hatte . Beide Männer ahnten nicht , mit welcher Verwunderung Madame Meier und die Pfarrerin den Ansichten ihrer Söhne zuhörten , und daß Beide tiefer in den Herzen derselben lasen , als es ihnen lieb sein mochte . Ebenso hatte Reinhard nicht bedacht , wie weh der armen Jenny sein Urtheil thun mußte , die sich in aller Unbefangenheit dem Genusse der Musik hingegeben hatte , und die eben heute diese Oper doppelt liebte , weil ihr während derselben die Ueberzeugung geworden war , daß Reinhard ' s Herz ihr angehöre . Der Pfarrerin war Jenny ' s Bewegung nicht entgangen ; sie sah den langen , flehenden Blick , den Reinhard auf sie richtete , nachdem er gesprochen ; sie sah , daß Jenny sich zu ihm neigte und ein paar Worte sprach , die ihren Sohn in das höchste Entzücken zu setzen schienen , denn sein Gesicht leuchtete vor Wonne , aber verstehen konnte sie diese leise gesprochenen Worte nicht . Ich werde nie wieder in den Figaro gehen , hatte Jenny zu Reinhard gesagt , und die Pfarrerin überlegte vergebens , weshalb der Ausdruck von Betrübniß auf dem schönen Gesichte des Mädchens trotz Reinhard ' s Freude nicht verschwinden wollte . Um der Unterhaltung , die für einige Augenblicke ins Stocken gekommen war , wieder fortzuhelfen , bemerkte die Pfarrerin : Mag man nun über die Moral des Figaro , die allerdings locker genug ist , noch so streng urtheilen , es ist nicht zu leugnen , daß die Dichtung Anmuth hat , der bezaubernden Composition gar nicht erst zu denken . Das macht sie um so gefährlicher , schaltete Hughes ein , wenn wir die Gefährlichkeitstheorie der beiden Herren überhaupt annehmen . Ich bitte Sie , mein Herr , lachte Erlau dazwischen , lassen Sie sich doch von den abgeschmackten Lehren nicht hinreißen . Was so ein Doctor , der längst ein begehrter Heirathscandidat ist , und so ein Candidat der Theologie , der längst Prediger sein möchte , unser Einem vorpredigen und aufdociren möchten , das ist ja deshalb Alles noch nicht wahr . Lassen Sie die Beiden doch lehren , was sie wollen ; ich behaupte dennoch , daß im Figaro , im Barbier , im Don Juan , in der ganz vergessenen , lieblichen Fanchon , etwas von der flüchtigen , zierlichen Leichtigkeit des vorigen Jahrhunderts liegt , die uns leider verloren gegangen ist . Von einer Leichtigkeit , sagte Eduard , die , in totale Verderbtheit ausgeartet , sinnlos forttänzelte zum Schaffot , trotz der warnenden Stimmen , an denen es nicht fehlte . Ja ! zum Schaffot , fuhr Erlau fort , auf dem die leichtfertigen Tänzerinnen mit einer Ruhe starben , mit einer Seelengröße , die einer Römerin würdig gewesen wäre . Die Prinzeß Elisabeth starb eben so ruhig als Arria , oder irgend eine andere Heldin Eurer gepriesenen , langweiligen Römerzeit ; und der ganze Unterschied ist der , daß die Französinnen liebenswürdig und glücklich waren , und Glückliche machten , während so eine antike Römerin , oder römische Antike in ihrem Frauengemache saß und tugendhaft war , und wollene Toga ' s webte . Da lobe ich mir die Französinnen ! Die alten Damen lachten , und Erlau fuhr dadurch ermuthigt fort : Sagt mir nur ehrlich , ist Einer von Euch halb so liebenswürdig , als der Graf Almaviva , oder Don Juan , oder Cherubin , oder der Abbé in Fanchon ? Du vielleicht , lieber Erlau ! sprach Eduard . Wollte Gott , ich wäre es . Ich strebe täglich , diese heitern Vorbilder einer fröhlichen Vorzeit zu erreichen , aber kommt man dazu ? Kaum hat man sich verliebt und schwelgt in Wonne , so erzählen sie von Actien zu einer Eisenbahn , oder von Entwürfen zu Kleinkinderschulen , in denen lauter Prüden und Pedanten erzogen werden sollen . Denkt man daran , sein Herz frei zu machen , um es bald wieder gefangen zu geben , so soll man einer Corporation zur Befreiung der Negersklaven oder zur Erleichterung der Hunde beitreten ; und kein Mensch denkt dabei , daß mich z.B. dies viel mehr ennuyirt , als es irgend einen Neger langweilt , Zuckerrohr zu tragen , oder einen Hund , seinen Karren zu ziehen . Es ist freilich nicht allen Menschen möglich , das Leben wie eine Lustpartie zu nehmen , und jedes höhere Interesse als lästiges Hinderniß zu verleugnen , erwiderte Reinhard , dem diese Scherze Erlau ' s besonders darum mißfielen , weil Jenny ein Wohlgefallen daran fand , das er nicht billigen konnte . Und wie soll man das Leben denn wohl anders nehmen ? fuhr der unerschöpfliche Erlau fort . Gott hat uns fraglos für die Freude geschaffen ; Gott will , daß wir uns freuen sollen , und daß Ihr mich neulich und heute wieder in meinem besten Vergnügen stört , ist eine wahre Todsünde . Was habt Ihr denn von dem ewigen Moralisiren ? Madame Meier und die Frau Pfarrerin hören so andächtig zu , daß ihnen der Thee eiskalt werden wird , und Fräulein Jenny sieht seit der abgeschmackten Unterhaltung so traurig aus , und ist so zerstreut , daß ich noch gar keinen Thee bekommen habe , den schweren Aerger zu ertränken , den Ihr mir verursacht . - Liebes Fräulein , sprach er gegen Jenny gewandt , nur eine doppelte Portion Zucker als Ausgleich für den bittern Verdruß , den Ihr Bruder mir gemacht hat ! Die kleine Gesellschaft war in ein herzliches Lachen ausgebrochen , das Erlau ' s fröhliche Laune hervorgerufen hatte . Auch Jenny riß sich gewaltsam aus den Gedanken heraus , die heute zum ersten Male in ganz neuer Gestalt in ihr erwacht waren . Nur Reinhard blieb in tiefes Sinnen verloren , und sah , aufgelöst in Liebe , zu Jenny hin , die sich eben anschickte , Erlau eine scherzhafte Antwort zu geben , als Joseph und Steinheim in das Zimmer traten . Sie waren zu Fuß aus dem Theater gekommen , und Steinheim entschuldigte ihr spätes Erscheinen mit den parodirten Worten : Spät komm ' ich , doch ich komme ; der weite Weg entschuldige mein Säumen . Aber warum fuhren Sie nicht auch nach Hause ? fragte Jenny . Weil leider Freitag Abend ist , antwortete Steinheim , und ich meiner Mutter den Kummer nicht machen wollte , zu fahren . Aus Kindesliebe , aus Frömmigkeit hole ich mir in dem nassen Wetter den Tod , nach dem Echauffement im Theater , und bei meinem reizbaren Nervensystem ! Was soll man aber thun ? Ich habe geglaubt , das Fahren sei nur am Sonnabend verboten , sagte die Pfarrerin . O nein ! erwiderte Steinheim , der Sonnabend fängt bei uns schon des Freitags an , und alle Ruhe- und Sabbathfeiergesetze müssen von Freitag Abend ab gehalten werden , bis Sonnabends die ersten Sterne blinken . Die Pfarrerin erwähnte es lobend , daß Steinheim sich an diese Formen halte . - Mir sind sie ganz gleichgültig , antwortete er , ich halte sie für ein Gesetz , das mißverstanden ist , und befolge es nur meiner Mutter zu Liebe , der ich viele Opfer der Art bringe , obgleich sie meine Gesundheit ruiniren . Für solch einen Mustersohn habe ich Sie nicht gehalten , sagte Jenny , die nie der Lust widerstehen konnte , Steinheim zu necken . Ich wußte nicht , daß Selbstverleugnung auch zu Ihren Tugenden gehöre . » Es liebt die Welt , das Strahlende zu schwärzen , und das Erhabne in den Staub zu ziehn , « declamirte Steinheim . Daß Sie , holdes Fräulein , aber an mir zweifeln , verdiene ich nicht , und ich könnte wie Cäsar sagen : » Brutus , auch Du ! « - Uebrigens wissen Sie ja , daß Sonnabends unsere Pferde geschont und ich strapazirt werde . Das ist das erste Gesetz gegen Thierquälerei , rief Erlau dazwischen , und ich wundere mich , lieber Meier , daß Du , in doppelter Hinsicht triumphirend , nicht längst darauf aufmerksam gemacht hast . Wirklich , meinte Madame Meier , gehört aber die stille Sabbathfeier zu den Gesetzen der jüdischen Religion , die mir sehr gefallen und zusagen - obgleich wir sie nicht mehr halten . Ich finde es auch sehr schön , sagte Jenny , aber es ist doch nicht für alle Menschen , eigentlich nur für Juden gemeint ; denn ich habe bei Madame Steinheim selbst gesehen , daß ihr christliches Dienstmädchen die Lichter putzte , was sie selbst nicht that . Also meinen Sie , fragte Steinheim , der sich neben Jenny ' s Stuhl hingesetzt hatte , da das Dienstmädchen Licht putzen darf , so kann das Pferd auch ziehen ? Ja ! sagte Jenny leise , während sich bereits eine andere Unterhaltung in der Gesellschaft entsponnen hatte . Ja ! die Pferde könnten wohl arbeiten , da sie nicht Juden sind . Und was sind sie denn ? fragte Steinheim ebenfalls leise , um die Andern nicht zu stören . Weiß ich ' s ? war die Antwort , vermuthlich Christen ! - oder Heiden ! fügte sie schleunig hinzu , bemerkend , daß Reinhard , der an ihrer andern Seite saß , jedes Wort dieser kindischen Unterhaltung gehört hatte , und sich unwillig abwendete , als Steinheim in ein laut schallendes Gelächter verfiel , dessen Grund er aber , auf Jenny ' s eifriges Bitten , nicht sagen wollte , so sehr man auch in ihn drang . Durch Reinhard ' s Brust waren die letzten Worte wie ein fliegendes Weh gezogen , wie ein eisiger Frost über die ersten schönen Blüthen des Frühlings . Diese Leichtfertigkeit , dies Scherzen mit Allem , was Andern heilig ist , das war es eben , was oft so trennend zwischen Jenny und seiner Liebe gestanden hatte . Er liebte ihre reiche , schöne Natur , ihr lebhaftes Gefühl , und wurde es doch nur zu häufig mit Betrübniß gewahr , daß Jenny , in Folge ihrer Erziehung und der Verhältnisse , in denen sie aufgewachsen war , eine Richtung genommen hatte , die seiner ganzen Seele widerstrebte , die auch Eduard mißbilligte , die aber zu ändern ihren beiderseitigen Bemühungen bis jetzt nicht gelungen war . Reinhard glaubte an ihr Herz , er liebte sie , wie ein kräftiges Gemüth nur zu lieben vermag - und doch fühlte er eine Scheidewand zwischen sich und der Geliebten ; doch konnte er die bange Ahnung nicht unterdrücken , es stehe ein Etwas trennend zwischen ihm und ihr . Jetzt bei Jenny ' s letzten Worten erwachte das Gefühl aufs Neue und heute um so schmerzlicher in ihm . Trüb und verstimmt nahm er , als sich die Gesellschaft trennte , von der Geliebten Abschied , trüb und verstimmt schritt er an seiner Mutter Seite heim , während Jenny in ihrem Zimmer Thränen der bittersten Reue vergoß . Sie wußte , was sie ihm angethan hatte , aber so hatte sie heute doch nicht von ihm zu scheiden geglaubt . - Er hatte keinen Blick für sie gehabt , und jetzt wußte er es doch , daß sie ihn liebte . Die schöne Clara lag , während sich dies Alles begab , von Schmerzen gepeinigt auf ihrem Krankenlager . Jung , schön und gut , umgeben von Reichthum und Luxus , hatte sie doch niemals das Glück gekannt , für das allein sie geschaffen schien . In ihrem väterlichen Hause war die unglückliche Ehe ihrer Eltern eine Quelle des Leidens für sie geworden . Nur der Wunsch , sich in der Welt vorwärts zu bringen , hatte ihren Vater einst dazu vermocht , um seine Gattin zu werben , die , wie schon früher erwähnt , einer der angesehensten Familien der Kaufmannsaristokratie angehörte . Die Commerzienräthin war einige Jahre älter als ihr Gatte , hatte aber , als sie sich mit ihm verband , noch vollen Anspruch auf die Bewunderung ihrer regelmäßigen kalten Schönheit zu machen , und glaubte , ein Recht auf die Verehrung ihres Mannes , auf seinen Dank zu besitzen , weil sie sich entschlossen , zu einer Verbindung zu schreiten , die damals noch keine glänzende Aussicht geboten hatte . Liebe brachten beide Theile nicht in das neugegründete Hauswesen ; und als bald darauf der herrschsüchtige Charakter der Frau dem jungen Manne sein Haus zur Plage machte , und er sich immer mehr von ihr zurückzog , artete ihre Stimmung in eine Bitterkeit , in eine starre Kälte aus , die vollends dazu beitrug , die Gatten von einander zu entfernen . Die Geburt ihres Sohnes schien eine Zeitlang das Herz der Mutter mildern Gefühlen gegen den Vater des Kindes zu öffnen . Es war aber zu spät , um den Frieden herzustellen . Horn hatte sich , fortgerissen von andern Männern und einem sinnlichen Temperamente , einer Lebensart überlassen , welche seiner Frau gerechten Grund zur Klage bot , und als einige Jahre später Clara geboren wurde , fehlte schon an ihrer Wiege das Lächeln beglückter Elternliebe . Ihr Sohn war das einzige Wesen , an dem die Mutter hing . Ihm wurde , sobald er nur im Stande war , seinen Willen zu äußern , jeder Wunsch erfüllt ; und eben so schwach und nachsichtig gegen den Sohn , als streng gegen alle Andere hatte die Commerzienräthin den jungen Mann zu dem weichlichen , kalten und hochmüthigen Stutzer erzogen , als welchen wir ihn am Anfang dieser Erzählung zuerst erblickten . - Um die liebliche Clara hatte die Mutter sich wenig nur gekümmert . Die Kleine war früh einer Gouvernante übergeben worden , die glücklicher Weise ganz dazu geschaffen war , die Seele des jungen Mädchens zu bewahren und auszubilden . Von den Eltern nicht mehr als nothdürftig beachtet , geneckt und geplagt von den eigensinnigen Launen des Bruders , gewöhnte sich Clara schon in erster Kindheit an eine Fügsamkeit und Anspruchslosigkeit , die später der edelste Schmuck der schönen Jungfrau wurden . Nicht ohne Stolz sah der Vater auf die Bewunderung , die das erste Auftreten Clara ' s in der Gesellschaft erregte . Die wilden Leidenschaften der Jugend hatten sich bei ihm gelegt , sein Sohn , der Mutter Liebling , war ihm fremd geblieben ; er vermißte eine freundliche Heimath , die Anhänglichkeit einer Familie , und so konnte es nicht fehlen , daß der Tochter demüthige Ergebenheit , ihr kindliches Anschmiegen ihn fesselten . Er liebte sie , wie er zu lieben im Stande war . Sie war sein Stolz , die Krone seines Besitzes , und alle seine Wünsche gingen darauf hinaus , diese Tochter so glänzend , als möglich , versorgt zu sehen . Wie angenehm mußte es ihn also überraschen , als die Commerzienräthin , die das freundliche Verhältniß ihres Mannes zu der Tochter stets mit gewohnter Gleichgültigkeit betrachtet hatte , ihm einst ganz unvermuthet die Frage vorlegte , ob es jetzt , da Clara bereits im zwanzigsten Jahre sei , nicht Zeit werde , an die Verheirathung derselben zu denken . Sie theilte ihm mit , daß sie schon seit längerer Zeit mit ihrer in England verheiratheten Schwester den Plan entworfen habe , den einzigen Sohn derselben mit Clara zu verbinden . Sie bewies , daß ihr Schwager Hughes , nach englischer Sitte an die Bevorzugung des ältesten Erben gewöhnt , gern bereit sein werde , Ferdinand im Besitze des väterlichen Vermögens zu lassen , und daß auch ohne dieses Clara reicher und glänzender versorgt sein würde , als es in Deutschland jemals der Fall sein könnte . Der Plan , den die Commerzienräthin dabei hatte , war , einst die gleiche Theilung des Vermögens zwischen ihren beiden Kindern zu vermeiden ; und er fand , wenn auch aus andern Gründen , bei ihrem Gatten volle Billigung . William Hughes galt nach Allem , was man über ihn wußte , für einen gescheidten und wackern Jüngling . Die Millionen seines Vaters kannte der Commerzienrath aus Erfahrung , und daß der alte Hughes Mitglied des Unterhauses war , daß auch William dies einst werden und sich eine glänzende Laufbahn für ihn eröffnen könne , entschied nicht wenig zu Gunsten dieser Angelegenheit , so daß die Commerzienräthin volle Freiheit erhielt , dieselbe nach ihrer Ansicht einzuleiten . Nichts war leichter , als den jungen reiselustigen Engländer zu einem Ausflug nach dem Continent und zu dem gelegentlichen Besuche seiner Familie zu überreden , die er nur als Knabe gesehen hatte ; und der schmeichelhafte Empfang , der ihm von Onkel und Tante wurde , die große Freude , welche Ferdinand , dem die Plane seiner Mutter nicht unbekannt waren , über des Vetters Anwesenheit an den Tag legte , bewogen diesen bald zu einem längeren Verweilen in dem verwandten Hause . Für Clara begann mit des Vetters Anwesenheit ein neues Leben . Mutter und Bruder überboten sich in tausend Freundlichkeiten gegen sie , man bemühte sich , sie in dem vortheilhaftesten Lichte erscheinen zu lassen , und war jetzt plötzlich bereit , ihren Ansichten und Wünschen zu schmeicheln , weil man sie zu ähnlicher Fügsamkeit zu überreden wünschte . Von Natur weich und hingebend , fühlte Clara sich zum ersten Mal in ihrem Leben wahrhaft glücklich , durch das Wohlwollen , von dem sie sich umgeben sah ; und da auch auf sie das Glück seinen verschönenden , belebenden Einfluß zu machen nicht verfehlte , war es nur natürlich , daß William seine Cousine sehr liebenswürdig fand . Er beschäftigte sich angelegentlich mit ihr , und bald begann sich ein zutraulich heiteres Verhältniß zwischen ihnen zu bilden , dessen Entstehen von der ganzen Familie mit Freuden bemerkt wurde . Da kam an dem Abende , an dem diese Erzählung beginnt , der unglückliche Zufall dazwischen , der Clara für lange Zeit von der Gesellschaft trennte , die Heirathsentwürfe ihrer Mutter für sie zunächst hinausschob , und Eduard in ihre Nähe brachte . Nach dem ersten Aufruhr , den dieses Ereigniß verursacht hatte , fing man im Hornschen Hause bald wieder an , sich den gewöhnlichen Beschäftigungen und Zerstreuungen hinzugeben , und Clara wurde von ihrer Mutter vernachlässigt wie früher , was ihr nach dem kurzen Traume von Glück um so schmerzlicher sein mußte . Fast immer , wenn ihr junger Arzt sie besuchte , fand er sie mit einer Wärterin allein , und seinem geübten Auge konnte es nicht entgehen , daß bei seiner Kranken die Seele empfindlicher noch als der Körper leide . Die Geduld , mit der sie ihre Schmerzen ertrug , die Sanftmuth und Ruhe ihres ganzen Wesens , und ein Zug von stiller Resignation machten ihm die Kranke werth . Er bemühte sich , durch Unterhaltungen mancher Art ihre Aufmerksamkeit zu beleben ; er kam , so oft er es konnte , dehnte seine Besuche lange aus , und fand den schönsten Lohn dafür in der dankbaren Freude , mit der das junge Mädchen ihn begrüßte ; in dem Genuß , den er selbst bald dabei zu empfinden begann . Oft , wenn er sie am Morgen in möglichst gutem Wohlsein verlassen hatte , war sie Abends in einem aufgeregten , beunruhigenden Zustande , für den in ihrem körperlichen Befinden kein Grund vorhanden war , und den er mit Recht unangenehmen Gemüthsbewegungen zuschreiben mußte . So fand er sie denn auch eines Abends , weinend und so bewegt , daß sie kaum seine Fragen zu beantworten vermochte . Ein heftiger Streit der Eltern , veranlaßt durch Ferdinand ' s Verschwendung und seine ungeregelte Lebensart , war unglücklicherweise in dem Krankenzimmer ausgebrochen . Der Vater hatte sich mißbilligend darüber geäußert , daß Ferdinand jetzt fast niemals mehr bei Tisch erscheine , daß er seine Zeit in leichtsinniger Gesellschaft verbringe , daß er durch die unverzeihliche Schwäche der Mutter in all diesen Fehlern bestärkt werde , die er als Vater nicht länger dulden wolle . Gereizt durch den doppelten Tadel , der sie und ihren Liebling traf , hatte die Commerzienräthin heftig erwiedert , sie könne eine Lebensweise an ihrem Sohne nicht so strafbar finden , zu der des Vaters früheres Betragen ihm das Beispiel gegeben und die sie Jahre lang an ihrem Manne habe erdulden müssen . Trotz Clara ' s dringenden Bitten , trotz ihrer flehentlichen Worte , sie nicht zum Zeugen dieser entsetzlichen Scene zu machen , war sie dennoch fortgesetzt worden , bis die Mutter in höchster Entrüstung das Zimmer verließ , und der Vater allein bei ihr zurückblieb , sich vor der Tochter bitter über das Loos beklagend , das ihm an der Seite ihrer Mutter geworden sei . Bald darauf war Eduard eingetreten . Clara war allein . Die Krankenwärterin saß in der geöffneten Nebenstube schläfrig strickend bei der Lampe , deren Schein durch einen grünen Ueberwurf gemildert war . Alles war still in dem Zimmer , und Eduard hörte um so deutlicher an den unruhigen Athemzügen der Leidenden , daß sie eben erst zu weinen aufgehört hatte . Freundlich fragte er sie nach ihrem Befinden , er wollte ihre Hand ergreifen , um sich durch den Pulsschlag selbst davon zu überzeugen , aber sie zog die Hand rasch fort , und sagte : » Ach ! das beweist heute nichts ; ich leide freilich , aber Sie können mir nicht helfen , lieber Doctor ! « und dabei brach sie auf ' s Neue in heiße Thränen aus . Der Doctor beschied sich und versuchte sie um ihr körperliches Uebel zu befragen , sie war aber so aufgeregt , daß sie , ihre sonstige Zurückhaltung gänzlich vergessend , ihn mit den Worten unterbrach : Täuschen Sie sich nicht , Herr Doctor ! ich will Sie auch nicht länger damit hintergehen - die äußere Wunde kann nicht heilen , ich kann nicht genesen , so lange meine Seele auf das Grausamste zerrissen wird . Ich wollte oft , ich brauchte nicht zu leben ! Und denken Sie nicht an Ihre Eltern ? Wissen Sie nicht , daß auch für das Leiden der Seele oft wunderkräftiger Balsam in der Zukunft liegt ? fragte Eduard . Gerade ein Gemüth , wie das Ihre , muß im Leben Freuden finden , weil es geschaffen ist , Freude zu bereiten durch sein bloßes Sein . Ich habe Niemandem Freude gemacht , ich habe immer allein gestanden unter den Meinen , von Kindheit an ; und ohne meines Vaters Liebe wüßte ich kaum , daß ich eine Heimath habe , entgegnete sie ihm schnell . Meinen Tod würde man bald vergessen , und er würde vielleicht ein Glück , er würde zu einem Versöhnungsmittel werden . Sie sagen , ich hätte ein weiches Gemüth ; beklagen Sie dann mein Schicksal , das mich in die kälteste Atmosphäre versetzte , in der ich täglich tausendfachen Tod erleide ! Erschöpft lehnte sie sich bei diesen Worten in die Kissen zurück . Der höchste Punkt der Aufregung war vorüber , sie weinte schweigend eine Weile fort , der Doctor ließ sie gewähren , weil er diese Thränen als das beste Beruhigungsmittel kannte ; aber er betrachtete das schöne Mädchen mit Bedauern . Clara war eine jener Frauennaturen , die , wie er es eben gegen sie selbst ausgesprochen , durch ihr bloßes Erscheinen wohlthuend wirken . Eine gleichmäßige Ausbildung aller Seelenkräfte , bei glücklicher Anlage , machte , daß Leute von dem verschiedensten Charakter sich von ihr angezogen fühlten . Der Kluge nannte sie klug , der Leidende theilnehmend , der Frohe fröhlich , und Alle fühlten sich erquickt durch ihre Güte und das Wohlwollen , mit dem sie Jedem begegnete . Man fand sie liebenswerth , man war für sie eingenommen , ehe sie irgend etwas gethan hatte , dies Urtheil zu rechtfertigen . Solch ein Mädchen könnte und müßte der Schutzgeist eines Hauses sein , sagte sich Eduard , und es that ihm leid , daß dieses milde Wesen einer Familie angehöre , in der es weder glücklich zu sein , noch glücklich zu machen vermochte . Als Clara sich beruhigt hatte und das medicinische Examen vorbei war , ermahnte der Doctor sie , sich so viel als möglich zu schonen , sich ruhig zu verhalten . Bedenken Sie , sagte er , daß der Körper durch Ihre Gemüthsbewegung leidet und nicht die frühere Kraft gewinnen kann , und daß Sie , andererseits , bei diesem gereizten Nervenzustande , jedes geistige Leid doppelt schwer empfinden . Mit diesen Worten wollte er von ihr scheiden , aber sie war wieder Herr über sich selbst geworden , und hielt ihn noch zurück . - Vergessen Sie , was ich heute sagte , bat sie ihn , ich bin krank , und dabei übertreibt man sein Empfinden . Und denken Sie nicht ungleich von mir , weil ich die Meinen im Unmuth angeschuldigt habe . Glauben Sie , Herr Doctor ! fügte sie hinzu , indem sie zu lächeln versuchte , ich bin nicht so undankbar , als ich Ihnen heute erscheinen mußte , und ich möchte nicht , daß Sie mich dafür hielten . Liebes , gutes Fräulein , wie mögen Sie glauben , daß ich an Ihnen irre werden könnte ? rief Eduard aus . Genügt es denn nicht , daß ich Sie kenne , daß ich seit Wochen Ihre Geduld , Ihre Fügsamkeit bewundere , um ein schönes , ein reines Bild Ihres Wesens in mir festzustellen ? Glauben Sie mir , dem Arzte offenbart sich die Schönheit der Menschennatur ebenso oft , als er von der erbärmlichen menschlichen Schwachheit unangenehm überrascht wird . Ihnen danke ich das Erste , und wenn ich als ein kalter Zweifler zu Ihnen gekommen wäre , Ihnen hätte ich die Ueberzeugung zu verdanken , daß im Menschen ein sanfter Strahl der Gottheit lebt . O ! ein so schlechter Christ sind Sie gewiß nicht , daß Sie jemals an Gott gezweifelt und erst meiner Belehrung zum Glauben bedurft hätten ! rief Clara , um ihre Bewegung zu verbergen . Indem fiel ihr aber das Thörichte dieser Aeußerung ein , und ihre Verlegenheit nahm zu , als Eduard lächelnd antwortete : Ein Gottesleugner bin ich in