, Frau von Meining ist bei uns « , wurde mancher Einladung hinzugefügt . Clementine lächelte oft selbst , wenn sie bedachte , wie sie gar Nichts dazu thue , den Ruf der Liebenswürdigkeit und des anmuthigsten Geistes zu verdienen . Sie gefiel , weil sie einen Jeden gewähren ließ , sie sprach im Ganzen wenig und ruhig , hörte mit Verstand zu , konnte aber doch bisweilen , wenn ihr Gefühl angeregt wurde , zu lebhaftem Gespräche hingerissen werden oder einen Streit durch eine geschickte Wendung beenden . Das nahm die Männer für sie ein . Und obgleich sie nach jener Unterhaltung mit Marianne mehr Sorgfalt als bisher auf ihre Kleidung wendete , um nicht wieder zu ähnlichen Bemerkungen Anlaß zu geben , machte ihr gänzliches Verzichten auf jene Bewunderung , die durch eigene Schönheit und durch Pracht der Kleidung hervorgerufen wird , den Neid und die Eifersucht der Frauen schweigen . Meining ' s zärtliche Eitelkeit auf seine Frau fand hier in dem größern Kreise die reichlichste Nahrung , und er gefiel sich darin , sie mit Schmuck und Luxus zu umgeben , um den Edelstein , den er in ihr besaß , auch in der glänzendsten Fassung zu zeigen . Hatte er sie früher geachtet und werth gehalten , so war er nun recht eigentlich verliebt in sie . Sie war ihm die treue Gefährtin von früher und doch eine ganz neue Erscheinung , und er hatte Nichts lieber , als wenn man ihn um des Besitzes dieser Frau willen glücklich pries . Dann unterließ er nie , ihre häuslichen Tugenden , von deren Ausübung jetzt gar nicht mehr die Rede war , auf das Eifrigste zu rühmen und hinzuzufügen , wie thöricht es sei , zu einer glücklichen Ehe Gleichheit des Alters als wesentliche Bedingung zu betrachten , er sei fast noch einmal so alt , als seine Frau , und doch vollkommen glücklich . Und in der That , die Ehe des Geheimraths konnte man für ein Muster von Zufriedenheit betrachten . Denn daß Clementine unter den Spitzen und Perlen ihr Herz leer und sich mitten in der größten Gesellschaft häufig verlassen fühlte , das konnte die Welt nicht wissen . Sie sehnte sich , da ihre Ehe kinderlos zu bleiben schien , nach Mariens Kindern , sie hätte viel darum gegeben , wenn Marie ihr eines derselben anvertraut hätte , aber weder Marie noch der Geheimrath , der das unruhige , kindliche Treiben nicht mehr liebte , zeigten dazu Neigung , so daß sie auch diesen Wunsch bald aufgeben mußte , und das Liebebedürfniß in ihrer Seele blieb unbefriedigt . Sie fühlte sich alt werden und arm in all ' dem Reichthum , der sie umgab , und die Ueberzeugung , in ihrem Leben könne keine Freude mehr erblühen , wurzelte immer tiefer in ihrem Herzen . Dazu kam , daß die neue Lebensweise sie aufregte und angriff , und , was sie sich selbst kaum zu gestehen wagte , das Bild des einst Geliebten trat hier , wo sie die schönste Zeit ihres Lebens mit ihm verlebt hatte , unaufhörlich vor ihr inneres Auge . Wenn sie bisweilen einsam und abgespannt in ihrem Mädchenstübchen saß , das sie sich jetzt zum Arbeitszimmer eingerichtet hatte , gedachte sie mit inniger Wehmuth an die Stunden , die sie hier in Robert ' s Andenken verträumt , und ein Gefühl von Trostlosigkeit bemächtigte sich ihrer , ohne daß sie selbst sich dessen deutlich bewußt war . In dieser Stimmung traf sie in den ersten Tagen des Decembers folgendes Billet von einer Frau , die für einige Zeit ihren Wohnsitz in Berlin aufgeschlagen hatte , um sich von dem Geheimrath berathen zu lassen , wodurch auch Clementine mit ihr bekannt geworden war . Werthe Frau ! hieß es in demselben , der Geheimrath verläßt mich eben , mit dem Versprechen , heute Mittag bei mir auf gut Glück ein Mittagbrod einzunehmen , wenn Sie ihn begleiten wollen . Und wollen müssen Sie diesmal ; wäre es nur , um einen meiner geistreichsten Bekannten kennen zu lernen , der mich heute besuchte , und den ich eingeladen habe . Ich , die Fremde , habe ihm , der nur für wenige Tage hier ist , alles Schöne seiner Vaterstadt versprochen und ihm zugesagt , daß er die liebenswürdigste der hiesigen Frauen bei mir finden solle . Machen Sie , daß ich mein Versprechen halten kann . Der Geheimrath läßt Ihnen durch mich sagen , er werde Sie abholen kommen . Auf Wiedersehen also ! Clementine war um vier Uhr bereits fertig , als der Geheimrath nach Hause kam , um mit ihr zu dem Diner zu fahren . Sie fanden die aus wenig Personen bestehende Gesellschaft schon beisammen : Frau von Stein mit einer Dame im ersten Zimmer , die Männer in der Nebenstube , die eben angekommenen Zeitungen durchblätternd . Auch Meining ging in das Kabinet und kehrte nach einiger Zeit mit einem Manne zurück , den Clementine , da sie mit dem Rücken gegen die Thür gesessen hatte , erst erblickte , als der Geheimrath ihn zu ihr führte . Herr Thalberg , sagte er , der , wie ich eben höre , ein Freund Deines väterlichen Hauses war . Clementine war keines Wortes mächtig . Ein furchtbarer Schmerz durchzuckte ihre Brust , ihr Herz schlug so heftig , daß es sie betäubte , und ihre Aufregung wäre sicher Niemandem entgangen , wenn nicht Frau von Stein in komischem Verdrusse ausgerufen hätte : Also Sie kennen einander ? O ! das ist ein himmelschreiendes Unrecht ! Das ist ja der interessante Fremde , den ich Ihnen angekündigt hatte , und nun ist es ein ganz alter Bekannter Ihrer Familie , den Sie besser kennen , als ich selbst ! Clementine erwiederte den Scherz mit einem erzwungenen Lächeln und Robert entgegnete : Für mich , gnädige Frau ! ist die Ueberraschung , die Sie mir zugedacht , um so größer , da ich Frau von Meining noch in Heidelberg vermuthete . In Wahrheit , wir Landleute werden so fremd in der großen Welt , daß wir auch von den glänzendsten Gestirnen an ihrem Horizonte wenig mehr erfahren . Diese künstliche , kalte Galanterie brachte Clementine wieder zu sich . Es gelang ihr , eine gleichgültige höfliche Antwort zu geben . Sie fragte , ob Thalberg viel auf dem Lande lebe , und erfuhr , daß er , nach dem Tode eines Verwandten , dessen große Güter an der Mecklenburger Grenze geerbt und dort seinen Wohnort gewählt habe , da ihm das Landleben und die damit verbundene Thätigkeit sehr zusage . Nur dann und wann , schloß er , verlasse ich meine Einsamkeit , um etwa wie im vorigen Jahre das Marienbad , oder wie jetzt , um meine Vaterstadt einmal wieder zu besuchen . Doch denke ich höchstens ein paar Wochen hier zu verweilen . Ein Diener meldete , daß angerichtet sei , und die Gesellschaft begab sich zur Tafel . Man setzte sich nieder , man plauderte . Clementine war es , als erlebte sie das Alles nur im Traume , aber in einem Traume , aus dem sie zu erwachen fürchtete . Sie sah Robert wieder ! Das war die stolze , hohe Gestalt , das befehlende Auge , die siegesgewisse Stirne ; das war der Mund , der so kalt und eisig spotten und so unwiderstehlich sein konnte , wenn er sich zur Bitte öffnete ; das war das schöne , dunkle Haar mit der Fülle seiner reichen Locken , das bei ihrem Abschiede sich auf ihre Stirn gedrückt hatte . Jeder Laut seiner Stimme war ihr bekannt , aus jedem Worte sprach sie eine beseligende Erinnerung an . Neues Leben schien für sie zu beginnen , ihr Gesicht glühte , ihr Herz schlug frei , es war ihr , als würde sie nach langem Leiden und hoffnungsloser Krankheit aus winterlicher Nacht plötzlich gesund in den belebenden Strahl der Sonne geführt , und sähe rings umher den Frühling blühen . Nicht der Vergangenheit , nicht der Zukunft gedachte sie , sie war glücklich im Moment . Während Clementine diesem sie bewältigenden Zauber nachgab , war die Unterhaltung bei Tisch lebhaft geworden . Der Geheimrath sprach sich anerkennend über die ganze Richtung aus , die er in der preußischen Verwaltung gefunden , und die es ihm doppelt lieb mache , seine jetzige Stellung angenommen zu haben . Er wunderte sich , daß Robert , der von seiner Familie für den Staatsdienst bestimmt worden war , und die ersten Schritte dazu mit Neigung gethan hatte , sich plötzlich aus der Carrière zurückgezogen habe , und fragte ihn , was ihn dazu bewogen hätte . Vor allen Dingen , entgegnete dieser , der Wunsch nach Unabhängigkeit . Man kann im Grunde den Staatsdienst doch nur von zwei Gesichtspunkten aus betrachten ; einmal , als ein Mittel zu ehrenvoller , segensreicher Wirksamkeit , oder als ein Mittel zum Erwerb . Von beiden Seiten aber bot er mir keine Befriedigung . Und ich hätte grade geglaubt , daß der Wunsch nach Wirksamkeit in der Verwaltung , der Sie sich gewidmet hatten , volle Genüge finden müsse , sagte Meining . Nicht im Geringsten ! versetzte Robert . Der Dienst bei der Verwaltung ist ein reines Maschinenwesen , und die niedern Beamten gleichen einer Uhr , die gehen muß , wenn sie aufgezogen wird . Glücklich genug , wenn der Uhrmacher sein Fach versteht und die Räder nicht zum Gehen zwingen will , nachdem er die Feder zerbrochen hat . Mich dünkt aber , daß es in Preußen an einsichtsvollen Dirigenten nicht fehle ; dafür bürgt das allgemeine Fortschreiten des Staates . Wenigstens können Sie nicht leugnen , daß überall der beste Wille vorhanden ist ! fuhr der Geheimrath fort . Das leugne ich auch nicht ! entgegnete Robert . Die Frage für den Staatsdiener , der sich nicht zur Maschine hergeben will , ist aber die , ob seine Ansichten von Menschenglück , von Fortschritt mit denen übereinstimmen , die ihm zu verbreiten befohlen werden . Das war nun leider nicht mein Fall . Ich sah und erkannte manches Gute , das gefördert wurde ; aber mir blieb überall das drückende Gefühl eines geflissentlich gehemmten Fortschritts , und diese Halbheit machte mir meinen Beruf zur Last . Ich mochte nicht für Halbheiten mein ganzes Wirken opfern . Das Gespräch nahm mehr und mehr eine politische Wendung , die ganze kleine Gesellschaft nahm allmälig Theil daran ; selbst die Damen mischten hin und her eine Bemerkung ein , und es fiel deshalb der Hausfrau auf , daß Clementine stiller als gewöhnlich war . Auf ihr Befragen entgegnete diese , daß ihr mit dem Wiedersehen des früheren Lebensgenossen das Andenken an ihre Jugend , an Entfernte und Gestorbene erwacht sei und sie bewege . Frau von Stein fand das natürlich , aber auch der Geheimrath , der bisher sich fast ausschließlich mit Thalberg unterhalten , bemerkte , als man sich vom Tische erhob , gegen seine Frau , daß ihn ihr Schweigen überrasche . Hast Du das Sprechen heut verschworen ? scherzte er - oder wärest Du unwohl , Liebe ? Deine Hand ist in der That sehr kalt ! fügte er schnell besorgt hinzu . Keines von Beidem ! antwortete sie , Du weißt , ich habe manchmal meine stillen Tage , an denen das Hören mir ein doppelter Genuß ist . Nun , der soll Dir wieder werden , meine Liebe ! Ich habe Herrn Thalberg eben aufgefordert , morgen den Abend mit uns Beiden zuzubringen , und ich denke , er schlägt es uns nicht ab , sagte Meining . Im Gegentheil ! ich nehme es mit Freuden an , wenn ich nicht fürchten muß zu stören ! meinte Robert . Sie werden uns sehr willkommen sein , brachte Clementine scheu hervor , und nach einer kurzen und ganz oberflächlichen Unterhaltung trennte man sich für den Abend . Meining fuhr gegen seine Gewohnheit gleich mit seiner Frau nach Hause und drang mit einem gewissen Eifer in sie , ihm den Grund ihrer auffallenden Zerstreutheit und Theilnahmlosigkeit zu sagen . Sie entschuldigte sich wie gegen Frau von Stein und er ließ es gelten . Einen Augenblick aber hatte sie geschwankt , ob sie ihrem Manne nicht sagen solle : nimm die Einladung zurück , ich kann diesen Mann nicht wiedersehen ! Dann aber fiel ihr die Unterredung ein , die sie einst mit Meining über unzweckmäßiges Vertrauen gehabt hatte , sie bedachte , daß Thalberg nur wenige Tage in Berlin bleiben , daß sie ihn , außer an dem nächsten Abende , wahrscheinlich nicht mehr sehen werde , und das beschwichtigte ihre Zweifel . Sie beschäftigte sich , um sich zu zerstreuen , den Rest des Abends mit all den kleinen Dingen , die ihrem Manne angenehm sein konnten , und erhielt sich dadurch in einer Art Heiterkeit , die auch ihn erheiterte und ihn völlig sorglos machte . Und doch schlief sie mit dem traurigen Bewußtsein ein , ihren Mann zum erstenmale absichtlich getäuscht zu haben , und des Geliebten Bild begleitete sie auch noch in dem Traum der Nacht . Achtes Capitel Robert Thalberg an den Hauptmann v. Feld . Berlin , den 5. December 1839 . Seit vier Tagen bin ich hier , habe meine kleine Angelegenheit mit den Behörden abgemacht und die wenigen alten Bekannten , die ich noch gefunden , wieder einmal begrüßt . Es ist ein Unrecht von Dir , daß Du Deine langweilige Garnison nicht verläßt und die zwanzig Meilen nicht herüberfährst , damit wir in Berlin , dem Schauplatz unsrer raschen Jugend , endlich noch einmal ein paar Tage zusammenleben . Mir ist hier Vieles fremd geworden in den drei Jahren meiner Abwesenheit , und ich könnte ganz ernsthafte Betrachtungen machen über das Leben und die Vergänglichkeit und Eile desselben , wenn ich sehe , wie eine ganze Generation , die ich früher gekannt , bereits gestorben , und eine neue , junge Welt herangewachsen , die mir fremd ist . Schade nur , daß diese Bemerkung , in der sich so viel Schmerzliches verbirgt , für Alle eben so alt , als für den Einzelnen immer neu ist . Für mich liegt darin jedesmal die dringende Aufforderung , das Leben intensiv so schnell und viel zu genießen , als ich es vermag , und Andern zu nützen , so gut es geht . Augenblicklich unterhält mich das Stadtleben wieder vortrefflich , und doch weiß ich , daß ich mich nach wenig Tagen zurücksehnen werde nach meinem lieben Hochberg , daß mir die schöne Welt fade , die Stadt eng vorkommen wird , und daß ich mit doppelter Lust zu meinen wintergrünen Wäldern , zu meinen gefrornen Seen zurückeilen werde . Auch habe ich , für den Fall , daß diese Lust mich plötzlich anwandelt , meine Einrichtungen getroffen . Meine Einkäufe sind besorgt , und ich glaube fast , länger als acht Tage halte ich es nicht aus , mich so geflissentlich zu amüsiren , es sei denn , Du träfest währenddessen hier ein . Denke Dir , welch eine Begegnung ich hier gehabt habe ! Du erinnerst Dich wohl der schönen Clementine Frei , der ich Dich zuerst auf einem Brühl ' schen Balle vorstellte , und der Du bald , wie wir Alle , huldigtest , bis Du zufällig bemerktest , daß mich ein lebhafteres Interesse an sie fesselte . Damals war ich fest entschlossen , sie zu meiner Frau zu machen , denn ich liebte sie oder glaubte es wenigstens , und unsre Verbindung war eine zwischen uns und den beiden Familien stillschweigend abgemachte Sache . Wie das aber manchmal geht , Zeit , Entfernung und neue Eindrücke verdrängten ihr Bild aus meiner Seele und - doch Du kennst jene Vergangenheit mit ihren stürmischen Erinnerungen . Genug also ! ich habe Clementine in diesen Tagen hier ganz unerwartet als Geheimräthin von Meining wiedergesehen und sie sehr verändert gefunden . Es ist , so scheint mir , nur noch die Spur von ihrer Schönheit vorhanden . Sie sieht leidend aus und älter , als sie ist ; eine wehmüthige Ruhe , ein melancholischer Ausdruck der Augen , der durch die lieblichen Züge um den Mund nicht gemildert wird , lassen mich vermuthen , daß sie viel gelitten hat . Ihr Mann ist bedeutend älter , fast ein Greis . Er ist offenbar sehr eingenommen von dem Wesen seiner Frau , die hier wieder sehr gefeiert wird ; übrigens ein angenehmer , geistreicher Mann , der mich für den heutigen Abend eingeladen hat . Mein Name und ich waren ihm fremd . Wie ich Clementine kannte , wundert mich das eigentlich . Ich schreibe Dir nur so flüchtig , weil ich bestimmt voraussetze , Dich hier wiederzusehen . Laß mich bald von Dir hören , damit ich meinen Aufenthalt danach einrichte . Derselbe an Denselben . Den 8. December . Also bleibst Du wirklich Deinem Vorsatze treu , alter Freund ! und wir sehen uns erst wieder , wenn die Entenjagd Dich , Du Nimrod , zu mir führt ? Es ist eine Thorheit , daß Du jetzt nicht kommst ; aber lange nicht so thöricht , als Dein Vorschlag , daß ich länger in Berlin bleiben und mir unter den Töchtern des Landes eine Burgfrau für Schloß Hochberg suchen solle . Ich denke , über den Punkt kennst Du meine Gesinnungen . Nach der Täuschung , die ich erfahren , nach jener tollen Leidenschaft , mit der ich an Brigitte hing , bin ich mit der Liebe fertig , und eine bloße Haushälterin - dazu bedarf ich keiner Frau , die ich behalten muß , wenn sich der geliebte , schönselige Engel in eine anspruchsvolle , launenhafte Frau verwandelt hat . Mit aller Weisheit lernt man seine Braut erst kennen , wenn sie zur Frau geworden ist ; und mögen dann die Charaktere noch so elend zusammenpassen , man ist an einander gefesselt und schleppt die hemmende Last mit sich , wie der Gefangene die Kette . Ich kenne das ! - Ueberlege es Dir selbst , wie viele von unsern früheren Bekannten glücklich oder innerlich gefördert worden sind durch die Ehe , die ich übrigens nicht angreifen will . Sie paßt nur nicht für Jeden , und ich glaube , ich würde mich jetzt darin ausnehmen , als wenn ich mir die Kleider anzöge , die ich zu meinem Confirmationstage trug . Hätte ich zu sechsundzwanzig Jahren geheirathet , ich wäre nun vielleicht ein solider Hausvater , der seinen Kohl baut , die Frau Gemahlin Sonntags in die Kirche führt und die Jungen buchstabiren lehrt . Jetzt möchte das mir nicht mehr anstehn . Nimm selbst den Fall , ich fände ein Weib , wie ich es wünschen müßte , das Wort und Probe hielte - wo wäre die Gewißheit , daß ich für sie paßte ? In der Ehe wird gar zu oft nur Einer von den Gatten glücklich , und das scheint mir auch zwischen dem Geheimrath von Meining und seiner Frau der Fall zu sein , bei denen ich neulich einen Abend zugebracht habe . Er ist , das sieht man , mit seinem Loos durchaus zufrieden ; ob sie es ist ? Ich zweifle . Auch ist sie in Wahrheit zu jung für ihren Mann , den Jeder für ihren Vater halten muß . Sie kann wirklich noch recht schön sein , gradezu noch schön . Obgleich sie mir , als ich sie zuerst wiedersah , gewaltig verändert schien , finde ich mich jetzt in den bekannten Zügen zurück , erfreue mich an dem feinen Ausdruck ihres Gesichts und namentlich an ihrer schönen Farbe , wenn sie lebhaft spricht . Es ist nicht jenes plumpe Roth , das heißes Blut und die Sinne in die Wangen treiben , sondern der lichte , zarte Wiederschein einer warm empfindenden Natur und ganz etwas Eigenthümliches an ihr . Sie ist noch immer eine interessante Frau . Heute Abend will ich noch einen Ball mitmachen , morgen noch ein paar Besuche , und dann geht ' s in den Wald zurück . Der Hauptmann v. Feld an Robert Thalberg . Den 11. December . Ich kenne Dich zu lange , um nicht zu wissen , daß ich diesen Brief in Gottes Namen nach Berlin richten kann , und daß er Dich dort finden wird . Fährst Du nicht wirklich sehr bald ab , liebster Freund , so bleibst Du lange dort ; und willst Du wissen , was Dich festhalten wird ? die Geheimräthin von Meining . Ich habe immer die Ueberzeugung gehabt , daß Dir Clementine weit mehr war , als Du nachher in Deiner Sturm- und Drangperiode selbst geglaubt hast ; wo Du von Freundschaft , herzlicher Anerkennung und allem Teufelszeuge fabeltest , während eine ganz gesunde , innige Liebe Dir im Herzen saß , bis jene unglückselige , aber freilich reizende Brigitte , wie ein Komet an Deinem Horizonte erschien , und Dich in ihren Weltfahrten und Wirbeln mit sich fortriß . Es war eine tolle Zeit . Du bist übrigens mit den Frauen lange nicht so fertig , als Du glaubst , und wenn Du Dir nicht bald eine vernünftige Frau nimmst , stehe ich für Nichts . Sei gescheut und mache aus Großmuth und Reue , » aus herzlicher Anerkennung und Freundschaft « , keine dummen Streiche . Das ist ein ehrlich Soldatenwort - kurz und bündig , wie ich es liebe . Aus Clementinens Papieren . Den 6. December . Gott sei Dank ! Der Abend ist vorüber . Der Mensch kann doch gewaltig viel über sich gewinnen . Nach dem Eindruck , nach dem Entzücken und der bangen Scheu , mit der ich Robert gestern wiedersah , hätte ich es nicht für möglich gehalten , den heutigen Abend so ruhig mit ihm verleben zu können . Wie schlug mir das Herz , als er in unser Wohnzimmer trat , als ich ihn hier erblickte , wo ich einst an seinem Herzen die bittersten Thränen des Abschiedes weinte , und doch einen Himmel von Hoffnungen in der Brust trug . Auch ihn schien es zu bewegen , als er in die alte , ihm einst so bekannte Wohnung trat , die ihm doch fremd geworden sein muß , in den neuen Anordnungen , wie ich selbst es ihm geworden bin . Seine Stimme klang mir gestern so weich , so mild , es lag die Versöhnung einer langen Vergangenheit darin - oder trog mich nur mein Wunsch ? Er ist noch ganz der Alte , mir noch derselbe , der er mir immer war ; auch Meining schien ihn sehr anziehend zu finden . Er hat ihn dringend zur Wiederkehr geladen , die ich aber nicht wünschen kann und darf . Es ist so schwer , gegen Jemand den gleichgültigen Ton der Gesellschaft zu finden , der uns einst so nahe stand , dessen Stimme das Echo in unsrer Seele erweckt . Aber was man ernstlich will , das soll man ja erreichen können ; und Robert fährt bald wieder fort , und Alles bleibt wie es bis jetzt gewesen . Er muß viel gedacht , viel erlebt haben , seit ich ihn nicht gesehen . Es klingt so Vieles aus seinen Reden hervor , was er nicht ausspricht und was ich dennoch höre und verstehe . Wenn ich nur Herr wäre über mich ; aber mein Herz klopft und meine Nerven beben , wenn er kommt . Ich wollte , er wäre nicht mehr hier . Den 8. December . Es ist fast zwei Uhr in der Nacht ; ich komme von Mariannens Ball zurück , und ich bin munter und frisch wie in der Jugendzeit . Es ist mir noch nicht möglich , mich zur Ruhe zu legen . Das erste klare Winterwetter hat immer einen so belebenden Einfluß auf mich ausgeübt . Sogar schreibelustig bin ich ; habe ich doch vorgestern und heute meinen alten Vertrauten , das Tagebuch , vorgenommen , das mir seit Jahren fremd geworden ist . Mariannens Fest war aber auch ganz reizend , Meining wünscht , ich möchte es mir zum Maßstab nehmen für das unsere . Das Leben in diesen Kreisen ist eigentlich doch interessanter , als es mir seit lange schien ; und heute , wo ich alle jungen Frauen meiner Bekanntschaft tanzen sah , hat es mir fast leid gethan , daß ich seit meiner Verheirathung darauf verzichtet habe . Thalberg bat mich dringend , nur einmal zu walzen ; er tanze sonst auch nicht mehr , wir müßten zusammen eine Ausnahme machen ; ich mochte aber nicht . Als ich mich entschloß , Meining ' s Frau zu werden , habe ich durch die Verbindung mit einem so viel älteren Manne dergleichen Genüssen entsagt , indeß habe ich das nie bereut . Marianne fragte mich heute , als ich , während die Andern tanzten , hinter Meining ' s Stuhl stehend , dem Whist zusah und Thalberg neben mir war , ob wir nicht sehr glücklich wären , einander wieder zu sehen ? Wir müßten doch alte Bekannte und Jugendfreunde sein . Robert antwortete : Ich bin es gewiß und wünsche nur , daß Frau von Meining mich nicht ungern wieder sieht . Ach ! rief Marianne , welche Frau sieht einen alten Anbeter nicht gerne wieder , so lange sie noch jung und schön ist ; und von der Seite ist Frau von Meining sicher ohne Sorgen . Mir war die ganze Unterhaltung höchst zuwider , ich schämte mich und fürchtete , mein Mann könnte sie hören ; der war aber so in sein Spiel vertieft , daß er des Geschwätzes gar nicht inne ward . Endlich ging ich zu den alten Damen in das Nebenzimmer , aber auch dahin kam mir Marianne neckend nach , lachte , that geheimnißvoll und sagte : Also den Hof hast Du Dir doch machen lassen , so gut wie wir , und der schöne Thalberg hat das nicht vergessen . Denn als ich ihn heute etwas ins Gebet nahm , war er Deines Lobes voll und in Bewunderung Deiner Schönheit . Und darin hat er so unrecht nicht : denn heute , wo Du einmal trotz Deiner Einfachheit Dich stylvoll angekleidet hast , siehst Du wirklich so eigenartig aus , daß es jeder Einzelne bemerkt . Du hast immer etwas Besonderes , das man fühlt und sieht , aber nicht nachmachen kann - heute indeß bist Du ganz reizend ! - Ah ! da kommt er wieder ! Nun ich will nicht stören , car l ' on revient toujours à ses premiers amours ! und damit ging sie , die Melodie des Liedes trällernd , leichtsinnig wie ein Kind davon . Ich war in der peinlichsten Verlegenheit , Thalberg aber gleichmäßig und freundlich . Wir sprachen von Mariannens wunderlichen Eigenheiten . Thalberg meinte , sie gliche auffallend einem Kupferstiche , den er in diesen Tagen angekauft , und den er mir zur Ansicht schicken wolle . Dann hatte Meining grade seine Partie beendet , und wir fuhren fort , als man zu Tische ging . Neuntes Capitel Am nächsten Morgen hatte Clementine eben ihren Wagen zu einer Fahrt in den Thiergarten vorfahren lassen , als man ihr Thalberg anmeldete . Sie empfing ihn , und er entschuldigte sich , daß er den Kupferstich selbst bringe ; er habe sich aber das Vergnügen , sie zu sehen , nicht versagen können . Doch wolle er sie von ihrer Promenade nicht abhalten und bäte um die Erlaubniß , sie zu ihrem Wagen führen zu dürfen . So geschah es . Während sie die Treppe hinunterstiegen , überlegte Clementine , was sie nun eigentlich thun solle . Jeden Andern hätte sie augenblicklich aufgefordert , den Abend in ihrem Hause zuzubringen , und Thalberg darum zu bitten , konnte sie sich nicht überwinden . Was würde aber Meining dazu sagen , wenn sie ihm erzählte , wie flüchtig sie Thalberg abgefertigt hätte , und was würde dieser selbst von ihr denken ? So entschloß sie sich , ihn für den Abend einzuladen , und er sagte freudig zu . Am Mittage erzählte sie dem Geheimrath von dem Besuch und von ihrer Einladung , der sich derselben freute und hinzufügte , er habe den Obrist B. und den Maler R. , die er zufällig gesprochen , zu einer Partie bei sich geladen . Wir machen dann ruhig unser Spiel , sagte er , und Du mußt Deinen Gast , da er nicht spielt , selbst unterhalten , bis zum Abendessen . So waren denn , als die drei Herren sich zum Spiele gesetzt hatten , Robert und Clementine allein an ihrem Theetische , und sie fühlte eine fast mädchenhafte Scheu , als sie nun nach langjähriger Trennung , zum ersten Mal mit dem geliebten Manne , der ihr ein Fremder sein mußte , sich allein befand , allein in jenen Zimmern , in denen sie so oft in glücklicher Unbefangenheit und im Gefühl der wärmsten Liebe beisammen gewesen waren . Nun war das Alles anders . - Ihre Befangenheit entging dem scharfen Auge Thalberg ' s nicht , dessen Blicke an ihr hingen , denn auch er war von lebhaften Erinnerungen bewegt . Dadurch wollte anfangs kein rechtes Gespräch in den Gang kommen , und Thalberg blätterte in halber Zerstreutheit in einem Buche , das zufällig auf dem Sopha lag . Es war das Buch der Lieder von Heine , auf dessen Schriften sich nun die Unterhaltung wandte . Lieben Sie Heine noch so als früher ? fragte Robert , ich weiß , daß Sie von den ersten Heine ' schen Gedichten , die Sie kennen lernten , sehr entzückt waren ; und wie mir dies Buch beweist , dauert diese Vorliebe fort . Nicht so unbedingt als Sie glauben , entgegnete sie . Ich bekenne , daß mich Vieles in den Liedern , die ich damals einzeln kennen lernte , lebhaft ergriff und anzog