eine Dampfmaschine , gilt nicht . Wer am Längsten am Schreibtisch sitzt , ohne leberkrank - und am Längsten : » Rechts um ! links um ! « kommandirt , ohne brustkrank zu werden - wem die Augen nicht übergehen und die Geduld nicht ausgeht - der kann was werden , kann es zu etwas bringen , wie man sagt . Aber da ich glaube , daß man es leichter auf seine eigene Hand , als in Reih ' und Glied zu etwas bringt : so würbe ich gern Deserteurs , Ueberläufer , und sie wissen - das ist schimpflich . « » Ach , Gräfin , « sagte Clemens aus voller Brust , » Sie sind unbeschreiblich liebenswürdig . « » Die ächte Liebenswürdigkeit ist immer unbeschreiblich , « entgegnete sie , » denn sie besteht aus den Elementen , die nicht mit Worten wiederzugeben sind . « » Ja , das fühlt man Ihnen gegenüber ! Nehmen Sie es nicht übel ! ich weiß wol , man sagt nicht so geradezu Complimente , aber ich denke , Sie wissen recht gut , daß ich Ihnen keine sagen will , - sondern mehr , weit mehr ! oder weniger - wie Sie es betrachten wollen . « Faustine ließ die Unterhaltung fallen . Nächsten Tags schrieb sie an Andlau : » Anastas , ich bin traurig ! die Tage laufen mir wie Wasser zwischen den Fingern durch : es bleibt nichts davon zurück , und wovon nichts zurückbleibt , das lebt man ja nicht , man träumt es höchstens , und ach ! ich lebe so gern ! Wie ich mich fürchte , sterben zu müssen , ohne gesehen , gekannt , erkannt zu haben ! Was ? wirst Du fragen . Alles , Lieber ! Vergangenheit , Gegenwart , Zukunft ! ja , die Zukunft sogar . Müßte man sie nicht eben so gut aus ihren beiden Gefährtinnen beurtheilen können , wie der Arzt die Diagnose einer Krankheit stellt . Freilich gehört dazu tiefe Wissenschaft und ernster Scharfblick , und nicht alle Leute sind Aerzte , und nicht alle Aerzte sind geschickt und glücklich . So tröste ich mich selbst . Doch die Sehnsucht bleibt . Dann sehe ich mit unaussprechlichem Erstaunen Menschen an , die so gar nichts davon empfinden . Zuweilen beneide ich sie , und denke , eine unendliche Fülle von Glück mache sie unempfindlich für das , was außerhalb ihrer Sphäre liegt . Aber wenn ich mich besinne , so sehe ich wol ein , daß ein enger Gesichtskreis nur für den taugt , dessen Auge darauf eingerichtet ist , und dann erstaune und beneide ich nicht mehr . Wollte ich zu meinem Schwager sagen : » ich möchte gern die Zukunft wissen « - so würde er mir antworten : oben im Dorfe wohnt eine Kartenschlägerin ; aber glauben sie denn das dumme Zeug ? - Er ist sehr brav , mein Schwager , tüchtig , redlich , rechtschaffen , kränkt und betrügt niemand , und meine Schwester ganz eben so , beide wie nach einem Muster zugeschnitten , was zwei Menschen wol sein müssen , um glücklich mit einander zu leben . Wir sind uns auch Alle recht gut ; allein , müßte ich mein Leben hier beschließen , so glaub ' ich , es würde sehr bald beschlossen sein : ich langweilte mich todt . Mein Gott , was habe ich denn bei Dir für Unterhaltung von außen ? da leb ' ich ja auch zuweilen Tage und Wochen ganz einsam , ganz still - aber nie beschleicht mich diese seelenabspannende Mattigkeit . Immer giebt es etwas zu denken für uns . Hier giebt es immer nur etwas zu thun . Du weißt , es giebt eine Krankheit , den Veitstanz , so ansteckend , daß wer die Verrenkungen sieht , Lust bekommt sie nachzumachen . Sehe ich hier das Treiben und Arbeiten vom Morgen bis zum Abend , so ist mir bisweilen zu Muth , als müsse ich in der allgemeinen Thätigkeit und zum allgemeinen Besten meine Händ ' und Füße schwenken , so gut wie alle Uebrigen - aber die wunderlichen Glieder wollen sich bei mir nicht anders brauchen lassen als zu nichtsnutzigen Dingen . O Anastas , wie dank ' ich Dir , daß Du nicht auf meine Schultern die Last eines solchen betriebsamen , sorglichen , schaffenden Lebens gewälzt hast . Ich würde gar nicht wissen , wie ich mich dabei benehmen sollte . Adele sagt zwar : das lernt sich ! - aber ich kann nur die Dinge lernen , die ich schon weiß . Adele interessirt sich für nichts , als für ihre Wirthschaft und für ihre Kinder , was gewiß sehr achtungswerth ist ; wenigstens scheint mir , es gehöre die größte Selbstverleugnung dazu , für diese kleinen unbändigen Geschöpfe in steter Aufmerksamkeit zu sein und nichts zu beachten , als was mit ihnen in Verbindung zu bringen ist . Daher red ' ich auch nur über ihre Kinder mit ihr . Kinder sind etwas allgemein Menschliches , für die Jedermann sich interessirt ; aber um für diese eine besondere Zärtlichkeit zu hegen , muß man eben Vater und Mutter sein . Ich gebe zuweilen Erziehungsansichten zum Besten , nicht weil ich glaube , daß sie Nutzen stiften könnten , sondern lediglich , um aus den persönlichen Beziehungen heraus zu kommen ; Einmischung in Erziehung seiner Kinder verträgt Niemand , und hat Recht zu glauben , daß kein Dritter diesen Punkt so überdacht hat . Ansichten über die Oekonomie hab ' ich aber gar nicht , und muß mich bei solchen Gesprächen schweigend und hörend verhalten , was auf die Dauer nicht amüsant ist . Dafür räche ich mich an Clemens Walldorf ; mit dem rede ich und er hört mir zu ; von Antworten ist nicht viel die Rede . Antworten nach meinem Sinn giebt mir niemand , als Du . Ich sehne mich sie zu hören . Sie zu lesen - bin ich überdrüssig . Der fatale Ueberdruß ! muß er sich überall einschleichen ? Nun , ich hoffe , Du nimmst es nicht übel , daß Deine Gegenwart mir lieber ist , als Deine Briefe . « Clemens war halb gekränkt in seiner Eitelkeit und halb betrübt in seinem Herzen , daß Faustine ihn ganz in früherer Weise behandele . Was ihn anfänglich erfreute , gnügte ihm nicht mehr . Bin ich denn noch immer ein knabenhafter Schüler in ihren Augen ? fragte er zuweilen leise ; und gern hätte er laut an sie selbst diese Frage gerichtet . Aber wenn sie Ja sagte ! Er fürchtete sich vor diesem Ja . Was könnte ich ihr auch sonst sein ? setzte er seufzend hinzu ; braucht sie überhaupt einen Menschen zu ihrem Dienst und kann ein Mensch ihr genügen ? Ach , ich wollte sie ja nur auf der Hand tragen , wie einen Schmetterling . Faustine hatte keine Ahnung , daß Clemens oder irgend ein anderer Mann ein Interesse für sie hegen könne , welches die gewöhnlichen Grenzen der Theilnahme und des Wohlwollens überstiege . Eine tiefe Neigung einzuflößen , schien ihr unmöglich , weil sie keine erwidern zu können glaubte , und sie hatte die feste Ueberzeugung , dies stehe ihr , so zu sagen , auf der Stirn geschrieben . Die Männer wüßten es auf ein Haar , behauptete sie , wo ihre Liebenswürdigkeit Eindruck mache und wo nicht , und » verlorne Liebesmüh « spielten sie nie . Clemens war für alle Menschen , mit denen er lebte , so freundlich , hatte stets ein so gutes Lächeln , ein so sanftes Wort , daß sie sich verwundert haben würde , sie , die Verwöhnte , wenn er es nicht doppelt für sie gehabt . Als er einmal unermüdlich Ball mit den Kindern gespielt , sagte sie : » Sie sind ein herziger Mensch , der eine recht liebe Frau verdient . « Clemens sah sie groß an . Sein Bruder sagte : » Denkst Du denn schon an eine Frau , Clemens ? « Clemens wandte sich zu seinem Bruder , sah den an und schwieg . » Warum sollte er nicht ? « fragte Adele statt seiner . » Er ist so jung , so unerfahren in der Landwirthschaft ..... « - » Ach , Guter ! « rief Faustine , » auf tiefe Wissenschaft wartet die Liebe nicht . « » Und du warst ja auch nicht viel älter , als wir uns verheiratheten , « setzte Adele hinzu . » Die Weiber mögen doch nichts lieber als selbst heirathen oder wenigstens Heirathen stiften « - sagte Walldorf und lachte donnernd über seine Bemerkung , die ihm eben so neu als geistreich vorkam . Adele sagte empfindlich : » Ich dächte , das wäre sehr schmeichelhaft für Euch . « Faustine rief : » Immer besser , sie stiften , als sie stören ! - aber was meint denn Clemens dazu ? « » Daß es Zeit hat , « sprach er lakonisch . » Seht ihr , wie gut ich meinen Bruder kenne ! « rief Walldorf triumphirend . » Er macht erst eine tüchtige Schule gründlich durch , kauft dann ein Gut in meiner Nachbarschaft und läßt sich nieder . Während der Zeit ist die Josephine heran gewachsen .... gelt , Clemens ? « » Da muß er lange in die Schule gehen , « sagte Faustine , » wenn er auf Ihre Josephine warten soll . Wie lange rechnen sie denn die Lehrzeit ? « » Nun , sieben Jahr gewiß ! ich fing bei vierzehn an , und verdarb dazwischen nicht meine Zeit mit Studien auf Gymnasien , Universitäten und was weiß ich ! doch darf ich nicht sagen , daß ich vor dem einundzwanzigsten Jahre meine Lehrzeit vollendet hab ' . Er fängt in dem Alter an , als ich aufhörte . Ist nicht meine Schuld ! hab ' ermahnt und gepredigt . « » Jeder hat seine Weise , guter Max « - sprach Clemens gelassen . » Und nicht wahr , auch seine Weise eine Frau zu nehmen ? « fragte Faustine . » Gewiß ! « entgegnete er ; » ich würde nie eine heirathen , die unter meinen Augen erwachsen wäre . « » Warum denn nicht ? « fragte Adele , wieder ganz empfindlich . » Weil ich gern von meiner Frau glauben möchte , daß sie für mich vom Himmel herabgefallen wäre . « » Ueberspannte Ansichten ! « brummte Walldorf . » Das gefällt mir ! « rief Faustine , und klatschte vergnügt in die Hände ; » ich hab ' es gern , wenn der Mann etwas mehr von seiner Frau wünscht und erwartet , als daß sie ihm die Suppe nicht versalze . « » Bei den hochgespannten Forderungen kommt selten ein sonderliches Glück zum Vorschein ! « - bemerkte Adele ; » dafür kann ich einstehen , daß meine Töchter ihren Männern nie die Suppe , noch irgend eine andre Speise versalzen werden ; aber wenn die begehren , daß meine Töchter sich wie überirdische Genien benehmen sollen , so muß ich antworten : versucht ' s in Gottes Namen ! ich habe nie etwas Ueberirdisches weder an ihnen bemerkt , noch für sie gewünscht . « » Das ist nun so verschieden ! « - sagte Faustine . » Hätte ich eine Tochter , und ein Mann bewürbe sich um sie , weil er doch eben eine Köchin oder , wenn ' s hoch kommt , eine Wirthschafterin braucht : so würde es mich sehr kränken . « » Mit Unrecht ! « rief Adele , » gemeinsame Sorgen verbinden so herzlich . « » Ich glaube selbst , daß es thörig ist , « entgegnete Faustine gelassen , » und der Himmel hat mir diese Thorheit erspart , indem ich keine Tochter habe . Allein daran hab ' ich nie gezweifelt , daß Sorge und Mühe , zusammen durchkämpft , zusammen getragen , die Herzen aneinander binden . Ich will ja auch sehr gern Haushälterin sein und Magd und Alles - aber ich will nur , daß der Mann mich als Faustine begehre mit all meinen Fähigkeiten , und nicht als Magd . « » Ich erstaune ! « sagte Walldorf , und ließ die Hand mit der Pfeife sinken . » Ueber meine verständigen Ansichten ? « fragte sie . » Nein ; daß Sie nicht grade heirathslustig , aber doch heirathsfähig sprechen , - das überrascht mich unaussprechlich . « Faustine war äußerst belustigt durch ihren Schwager . Sie lachte sehr und fragte : » Warum sollte ich nicht heirathsfähig sein ? finden Sie mich zu alt ? « » O , « sagte er mit einer verbindlich sein sollenden Verbeugung , » eine so schöne Frau wird nie alt . « » Bravo ! Sie üben sich in der Galanterie . Also jung und schön genug wär ' ich ! - doch nicht reich genug etwa ? « » Nebensache , das ! aber .... nehmen Sie ' s nicht übel , ich dachte , Sie wollten ganz auf gleichem Fuß mit dem Mann leben - und das geht doch nicht an . Darum mein freudiges Erstaunen bei Ihrer demüthigen Aeußerung , die vom Gegentheil zeugt . Ja gewiß ! der Mann muß herrschen und die Frau gehorchen - dazu ist sie geboren . « » Gott , « rief Faustine , » wie komisch sind die Männer ! ganz ernsthaft bilden sie sich ein , der liebe Gott habe unser Geschlecht geschaffen , um das ihre zu bedienen ! « » Zu beglücken ! « verbesserte Walldorf . » Das kommt Euch gegenüber auf Eins heraus ! Der gute Gott schuf nicht das Lamm , damit der Wolf es fresse ; und nicht die Fliege , damit der Vogel sie erschnappe - sondern Lamm und Fliege , weil sie in seine Schöpfung gehören und auch ihre Lust am Leben haben sollen . Und die eine Hälfte des Menschengeschlechts wäre geschaffen , damit die andre sie brutalisire ? ! « » Welch ein Ausdruck .... « - » Ihr wollt winken , und wir sollen kommen - ein Wort sagen , und wir sollen anbeten - lächeln , und wir sollen auf die Knie fallen - zürnen , und wir sollen verzweifeln - Alles auf allerhöchsten Befehl , den ihr von Gottes Gnaden decretirt . Was ist das anders als uns brutalisiren ? - ich frage . Das ist Euch schon zur Natur worden ! in diesem Sinn richtet Ihr die bürgerlichen Verhältnisse ein , erzieht Ihr die Kinder , schreibt Ihr Bücher . Himmel ! wenn ich neuere Romane aufschlage , besonders französische , was erdulde ich für Aerger ! In ewiger Anbetung , wie der Pater Seraphicus im Faust , schweben die Frauen vor ihren Geliebten , und die lassen es sich gnädig , zuweilen auch ungnädig , gefallen . Könnt ' ich nur Bücher schreiben - ich kehrte das Ding um , und brächte den guten alten Sprachgebrauch , der jetzt ganz widersinnig ist : » Er ist ihr Anbeter « - wieder zu Ehren . Ich werde es auch gewiß noch thun , nur um meiner Empörung Luft zu machen , und vielleicht giebt mir der Aerger liebliche Inspirationen . « » Willst Du denn , daß die Frauen das Regiment führen ? « fragte Adele . » Nein , ich will nur , daß die Männer mit ihnen umgehen wie mit ihres Gleichen , und nicht wie mit erkauften Sclavinnen , denen man in übler Laune den Fuß auf den Nacken stellt , und in guter Laune ein Halsband oder ähnlichen Plunder hinwirft . Das demoralisirt die Frauen , es stumpft ihr Zartgefühl ab . Heut lassen sie sich eine Brutalität gefallen , um dafür morgen einen neuen Hut zu bekommen . Ich war einmal bei einer Freundin , ihr Mann kam von der Jagd heim , sehr verdrießlich , weil die Schnepfen sich nicht hatten wollen schießen lassen . Er warf sich aufs Sopha und commandirte : » Charlotte ! « - sie stellte sich . » Knöpfe die Kamaschen ab ! « große , schwere , plumpe , beschmutzte , lederne Kamaschen ! Sie that es . Hernach sagte ich ihr : » Ich war recht verwundert , daß Du nicht den Bedienten riefst . « - Sie antwortete : » Das hätte meinen Mann noch verdrießlicher gemacht , und er würde mir nicht den Gefallen thun , meine Rechnung bei dem Juwelier zu bezahlen , was ganz nothwendig ist . « - Ich rief : » Du bist ja wie Esau , verkaufst Dein Erstgeburtrecht für ein Linsengericht ! « - Diesen Vergleich mit Esau hat sie mir , beiläufig gesagt , nie vergeben . Aber diese Behandlung verdirbt die Frauen so , daß , wenn der Mann spricht : » Ich habe Kopfweh , bleibe doch heute Abend zu Hause « - so entgegnet sie : » Sehr gern , allein dafür bekomme ich doch dies oder das ? « - Clemens - wandte sie sich plötzlich an diesen - wenn Sie dereinst nicht Ihre Frau als ein Wesen Ihrer Art behandeln , so sage ich Ihnen die Freundschaft auf . « » Als ein Wesen höherer Art wird er sie betrachten , das hat er uns ja vorhin gesagt « - warf Walldorf spöttisch hin . » Ich wollte Ihnen gönnen , wenn Sie ein Wesen fänden , welches das verdiente und rechtfertigte « - sagte sie freundlich zu Clemens . Jedes ihrer Worte grub sich in sein Herz . Nur war es ihm unbegreiflich , wie sie ihm eine Frau wünschen konnte . Ahnet sie denn gar nicht , daß es für mich nur eine Faustine und gar keine Frauen giebt ? fragte er sich heimlich . Er war zerstreut und blieb es auch , als er mit ihr spazieren ging . Er sprach wenig , doch das fiel Faustinen nicht auf , sie wußte , wie gern er ihr zuhörte . Er achtete auch nicht auf den Weg , und das fiel ihr auch nicht auf , weil sie sich immer unbekümmert von ihm führen ließ , und die ungebahnten Stege sehr liebte . » Wo sind wir denn eigentlich ? « fragte sie endlich , als sie aus einem dichten Gehölz auf eine Wiese heraustraten , die rings von Wald umgeben war und durch die ein sumpfiger Bach langsam floß . » Es ist recht schauerlich hier ! - muß ich über den Bach ? « » Freilich ! « sagte Clemens , und ohne weiter zu fragen , nahm er sie zierlich auf den Arm und trug sie hindurch . Als Faustine drüben wieder festen Fuß gewonnen , sagte sie verdrüßlich : » Das verbitte ich mir ! ich kann meine Füße gebrauchen ! - Wohin nun ? « Sie schüttelte ihr Kleid ab , als wollte sie seine Berührung abstreifen . Sie that es ganz unwillkürlich und das eben kränkte ihn tief . Er antwortete auf ihre Frage : » Das weiß ich wirklich nicht . « » Warum trugen Sie mich denn durch den Bach , wenn ' s unnütz ist ? « » Das weiß ich auch nicht . « » Nun so gehen Sie , bitte , den Weg suchen . « Sie setzte sich auf einen Stein . Clemens blieb unbeweglich neben ihr stehen . » Sind Sie zu ermüdet ? « fragte sie . » Nein , ich möchte Sie nur um etwas fragen . « » Was zaudern Sie denn ? es ist so unbehaglich hier ! - Also ? « » Weshalb schüttelten Sie vorhin Ihr Kleid ab , als krieche garstiges Gewürm darauf ? « » Ich mag nicht , daß man mich anfaßt , « sagte sie und lachte . » Nehmen Sie es nicht übel , es ist eine Eigenheit . Und da Sie mich sans rime et sans raison durch den Bach getragen , so sehe ich wirklich nicht ein , weshalb ich Ihnen dankbar sein soll . « » Ich bin recht unglücklich ! « reif er . » Weil Sie den Weg verloren haben ? « » Nein , den Kopf . « » Das ist freilich übel , « sprach sie ernst . » Suchen Sie erst jenen , dann finden Sie auch wol diesen wieder . Es wird regnen , glaub ' ich . « Clemens sprang über den Bach zurück und verschwand im Gehölz . Faustine wartete ; die Zeit wurde ihr lang . Es dunkelte zwar noch nicht , allein finstere Wolken zogen sich herauf . Ihr graute auf dem öden Fleck . Sie beschloß , mit dem Bach zu gehen , ohne die Rückkehr ihres Gefährten abzuwarten . Einige Regentropfen fielen . Sie stand auf und ging durch die Wiese , durch das Gehölz , und stand nach einer tüchtigen Viertelstunde auf der Landstraße . Der Clemens hat wirklich den Kopf verloren , dachte sie ; dies ist ja das Thal von Oberwalldorf , und der kleine sumpfige Bach , der mir ein treuerer Führer gewesen ist , als er , fällt dort in unsern großen , wohlbekannten Waldbach . Nur nie auf Menschen sich verlassen , immer auf die Natur ! - Es regnete stark . So kam sie tüchtig durchnäßt , aber wohlbehalten nach Hause , wo sie ihr Abenteuer der staunenden Schwester erzählte und sich sehr über Clemens Ungeschick lustig machte . Adele sagte : » Er wird Dich jetzt suchen und in Todesangst sein . « » Freilich wird er das ! « » Du hättest ihn doch lieber erwarten sollen ? « » Dort auf der unheimlichen Wiese sitzen und mich naß regnen lassen ? Nein , seine Unachtsamkeit verdient die kleine Strafe . « » Solche Widerwärtigkeiten hat man von den Promenaden ! Du wirst den Schnupfen bekommen und er .... « - » Vielleicht den Husten ! « sagte Faustine lustig . » Das ist ja kein Unglück ! aber ich werde nicht mehr mit ihm spazieren gehen . « Clemens hatte den Weg wieder zurückmachen wollen , den sie gekommen . Da er ihn aber nicht beachtet , so kam er seitab zu einem Köhler , dessen Buben er mitnahm , um den Heimweg sich zeigen zu lassen . Auf die Waldwiese zurückgekehrt , fand er zu seinem Entsetzen Faustine nicht mehr . Statt gradeswegs nach Oberwalldorf zu gehen , fing er an umher zu irren und zu suchen , er rechts , der Bube links . Es regnete , es dunkelte ; er begegnete keiner Seele , kein Hirt , kein Kohlenbrenner , der sie gesehen hatte ! Daß ihr ein Unglück zugestoßen , glaubte er zwar nicht ; es gab hier keine Räuber , keine gefahrvollen Abgründe ; aber verirrt konnte sie sein , geängstigt . Er raufte sich das Haar aus vor Verzweiflung . Endlich that er , was er gleich hätte thun sollen , und gethan haben würde , wenn er eben nicht den Kopf verloren : er ging nach Oberwalldorf , um die Schloßbewohner , und sollte es Noth thun , auch die Dorfbewohner nach Faustine auszusenden - dachte er . Die Thurmuhr schlug elf . Sonst war um diese Stunde das ganze Schloß dunkel . Heute Licht in einigen Zimmern ! Sie ist nicht da , sonst wären sie wol schlafen gegangen - dachte er . Er trat in den Saal . Sie war da . Er flog auf sie zu , ergriff ihre Hände , küßte sie mit stürmischem Entzücken und sank dann halb ohnmächtig auf einen Stuhl , keines Wortes mächtig . Walldorf besprengte sein Gesicht mit Wasser , Adele hielt ihm Aether vor . Faustine sah zu . » Was dachten Sie denn eigentlich ? « fragte sie , nachdem er sich erholt . » Nichts ! « sagte er . » Sonst würd ' ich wol das Richtige gedacht haben . Meine Angst war zu groß . « Als er am andern Tage eine Promenade vorschlug , antwortete sie : » Das haben Sie verscherzt ! ich habe das Vertrauen zu Ihnen verloren . Sie lassen mich einsam auf der sumpfigen Wiese . « Er gelobte und flehte . Aber Faustine ging nicht mehr . Ihre Abreise rückte ganz nah heran , und sie verbarg nicht , wie sehr sie sich darüber freute . Clemens war wie vernichtet . Am letzten Abend , als sie zufällig allein waren , faßte er Muth und fragte : » Wüßte ich nur , ob Sie ohne Verdruß an mich denken ! « Auf Faustinens Lippe schwebte ein Lächeln , das soviel bedeutete , als : ich denke ja gar nicht an Dich . Sie sagte gleichgültig : » Sie haben mir gar nichts Leides gethan . « » Doch ! jenen Abend auf der Waldwiese .... « - » Das sollt ' ich übel genommen haben ? nein , guter Clemens , beruhigen Sie sich . Wir scheiden wie wir uns fanden - als gute Freunde . « » Und thun die nichts für einander ? « » Schwerlich ! « rief sie heiter . » Freunde thun schon wenig genug für einander - aber gute Freunde wünschen sich glückliche Reise , und damit Basta ! « » Würden Sie mir nicht erlauben Ihnen zu schreiben ? « » Da ich schwerlich Zeit haben würde , Ihnen zu antworten , so mein ' ich , daß Sie von dieser Erlaubniß keinen Gebrauch machen möchten . « » Sie sind von einer eisigen , übermenschlichen Kälte ! Fünf Wochen haben Sie hier gelebt , so freundlich , so liebenswürdig , daß es eine Wonne war , mit Ihnen zu verkehren , Sie zu sehen , sich von Ihnen anstrahlen zu lassen - und nun gehen Sie , als wäre Alles Spaß oder gar nicht gewesen . « » Ich gehe mit derselben freundlichen , theilnehmenden Gesinnung , die ich beim Kommen hatte . Kummer über meine Abreise zu affectiren würde gewiß lächerlich sein . Ich bin sehr gern hier gewesen , zwischen guten Menschen , aber ich gehe auch gern ; denn heimisch bin und werde ich hier nicht . « » Und wann werd ' ich Sie wiedersehen ? « » Müssen Sie mich denn durchaus wiedersehen ? « » Durchaus ! « sagte er fest . » O Gott , nur sehen ! das können Sie mir doch gönnen ? « » Wenn es Ihnen zu etwas hilft , Sie fördert - gern ! wenn nicht - ungern ! Ueberlegen Sie sich das . « » Sie sind schauerlich , Faustine ! « » Hab ' ich denn Unrecht ? - Kommen Sie , wir wollen Schach spielen . « Sie spielten ; doch Clemens so unaufmerksam , daß Faustine ihm seine Königin nehmen konnte . » Die Königin ist fort , das Spiel ist aus , « sagte er und verließ das Zimmer . Der allgemeine Abschied am nächsten Morgen war herzlich und kurz . Einen besondern nahm Clemens nicht . Faustine kam zu Andlau mit jubelvoller Freudigkeit . » Nun will ich wieder leben , « sagte sie . » Ich muß zum Leben einen weiten Horizont , einen hohen Standpunkt , eine schöne Aussicht , eine reine Atmosphäre haben - Alles haben , was ich auf hohen Bergen finde , und was Deine Nähe , Dein Umgang , Dein Wesen mir geben . Ohne Dich wandle ich im Thal umher , immer den Ausgang suchend , immer auf die Berge verlangend , durstend nach Luft , nach Freiheit , nach Dir , Anastas ! « Strahlendes Glück lag auf ihrem schönen Antlitz , aber sie weinte . Sie schloß Andlau mit jener Kraft in die Arme , welche den Mann schauern macht , weil er darin die Herrschaft der Seele über den Körper wahrnimmt . Er ist von Kindheit auf gewöhnt , dessen Kräfte zu üben , er führt die Waffen , er theilt die Wellen , er bändigt die Pferde ; Ernst und Scherz , eiserne Nothwendigkeit und fröhliche Erholung machen ihn stark . Neigung , Gewohnheit , Erziehung machen heutzutage aus der Frau ein gebrechliches Wesen ; aber man stelle sie mit einer Leidenschaft dem Manne gegenüber , und er wird zittern - so wie man beim Erdbeben zittert . Andlau suchte immer Faustinens wetterleuchtendes Wesen zu beruhigen . Sie war zauberhaft schön mitten in den Stürmen der Empfindung , so wie im Grunde alle Menschen nur dann schön sind , wenn sie sich in ihrem eigenthümlichen Element bewegen ; allein er liebte sie so sehr , daß er weniger Freude darüber hatte , sie in ihrer Herrlichkeit zu sehen , als er Furcht empfand , daß die häufige Wiederkehr oder die Dauer solcher Momente das irdische Leben aufzehren könnten . Die Liebe sorgt stets um das Geliebte , obgleich ihre Sorge fast immer so überflüssig wie Andlaus Furcht ist . Kein Fisch ist gestorben , weil man ihn ins Wasser gelassen hat . Der Himmel und ich - pflegte Faustine zu sagen - wir müssen uns ausdonnern ; das ist unsre Natur , und ihr Leute mit euern Blitzableitern langweilt uns sehr . » Warum weinst Du denn jetzt , Ini ? « fragte Andlau ; » ehe Du bei mir warst , hattest Du doch einen Grund - aber jetzt ? .... « - » Pedant ! « rief sie ; » soll ich mich etwa nach Regeln freuen ? Wenn Jubel , Küsse , Liebkosungen nicht ausreichen , so kommen Thränen und Klagen an die Reihe . Jenes ist Glück im Sonnenlichte , dieses im Mondschein . Auf die Beleuchtung kommt ' s ja nicht an , wenn ' s nur überhaupt etwas zu beleuchten giebt . « » Aber Thränen erinnern doch an Schmerz , und ich möchte gern , daß Du bei mir ohne Schmerz