je wiederentdecken könne . Wie es wohl die Armen , Notgedrängten zu machen pflegen , so hatte sich auch der gute Herzog mit seinem treuherzigen Knappen von diesen verzauberten Goldklumpen unterhalten , und sich an diesen versteckten und verlornen Diamanten und Rubinen getröstet und erfrischt . Müde vom Reiten und Schwatzen , nachdem sie tief in den schönen grünen Wald hineingeritten waren , stieg der Fürst vom Pferde und band es an einen Baum . Wir haben selbst den Fußsteig verloren , hier ist es so schön ruhig und einsam still , sagte der Herzog ; bewahre und bewache mich , mein getreuer Gottfried , denn eine süße Müdigkeit schleicht mir in mein Gehirn und drückt mir die müden Augen zu . So geschah es , der Herzog fiel in einen erquickenden Schlaf , und der Diener wachte , daß kein Tier oder Gewürm seinem verehrten Herrn nahen und ihn beschädigen möge . Der Atem des Fürsten , die Brust ging hin und her und auf und ab : er lächelte , denn ihn mochte ein angenehmer Traum besuchen . Plötzlich stockte der Atem , im Gesicht zeigte sich Aufspannung und Anstrengung , und mit einem Male sprang ein ganz kleines graues Mäuschen aus dem halb geöffneten Munde . Nun lag der Herzog da , wie tot , ohne Atem und die mindeste Bewegung . Das kleine Mäuschen aber sah sich mit funkelnden Äuglein im Grase neugierig um und schlüpfte endlich zwischen den Blumen fort und etwas mehr in den Wald hinein , doch nicht so gar weit vom Fürsten , der nur als starre Leiche noch regungslos dalag . So war der Knappe denn in seinem Erstaunen und Schrecken doch begierig , was sich aus dem Wunder ergeben würde : er ging also ganz leise und behutsam dem Tierchen nach , behielt aber dabei immer seinen totscheinenden Herrn im Auge . Bald mußte das Mäuschen stille stehn , denn es kam an einen Bach . Das Wässerchen war nur so schmal und klein , daß es jedes Kind mit einem Schritte überschreiten konnte , und es floß so still und bescheiden über die Wiese und unter den grünen Büschen hinweg , daß es die Reiter vorher weder gesehn noch gehört hatten : für die Maus aber war es ein Strom , breiter als unsere Tiber . Und da sie durchaus hinüber wollte , lief sie ängstlich , bald links , bald rechts dem Ufer entlang , ob sie wohl eine trockene Stelle fände , oder ob irgendwo vielleicht das Bächlein so schmal würde , daß sie hinüberspringen könne . Der gutmütige Knappe sah nicht ohne Teilnahme , wie das kleine Wesen sich abängstigte . Er schaute sich um , fand aber kein dürres Holz , zog also seinen Hirschfänger mit dem silbernen Griff aus der Scheide und legte die blanke Waffe über das Wasser . Die Maus schien erst erstaunt , trat dann aber behutsam und zögernd auf den glatten , spiegelnden Stahl und ging hinüber , worauf sie sich bald in das nahe Gebüsch verlor und in eine kleine Höhle sprang , die sich in einem grün bemoosten Felsensteine zeigte . Der Fürst lag noch tot , wenige Schritte hinter dem Knappen . Diesem ward bange , wie der Ausgang sein würde , und seine Angst stieg immer höher , je länger das Tier ausblieb . Wie , wenn der Fürst sich gar nicht wiederbelebte ? Würden die großen Vasallen , würde der Thronerbe ihm wohl diese Mausgeschichte glauben ? Da wohl mehr als eine Viertelstunde verflossen war , wollte er schon seinen Degen wieder in die Scheide stecken , den starren Herren aufrütteln , und wenn dieser sich gar nicht regte , vielleicht in alle Welt reiten , um nicht für einen Mörder , der vom Feinde bezahlt sei , angesehn zu werden . Siehe da springt das kleine Wesen , seine Augen noch heller glänzend , wieder aus dem Gebüsch hervor , sieht sich um , setzt die netten Beine prüfend wieder auf den Stahl und wandelt behutsam bis an den Griff . Gottfried nimmt seine Waffe und die Maus rennt wieder zum Herzog . Der Diener zweifelt , ob er sie nun nicht doch greifen und festhalten soll , weil es ihm unziemlich dünkt , daß ein solches Getier seinem Herzog im Gesicht herumspazieren , oder gar in den Mund kriechen soll . Aber ehe er noch einen Entschluß fassen kann , ist jene schon wirklich zwischen den Lippen des Fürsten wieder in diesen hinein . Kaum war es geschehn , so kehrte auch das Lächeln auf das Antlitz zurück , die Brust atmete wieder , und nach kurzer Zeit richtete sich der Herr auf , sah um sich , die Besinnung wiederzufinden , und schüttelte sein Haupt , als wenn er die letzten Flocken des Traumes aus seinen Haaren schütteln wollte . Lächelnd sah er den Knappen an und sagte dann zu diesem : Setz du dich noch zu mir her in dieses grüne Gras , denn ich muß dir den seltsamsten Traum erzählen , der nur jemals mein Gehirn besucht hat . - Ich war kaum hier auf dieser Stelle eingeschlafen , als mir dünkte , ich ginge von hier weit , weit in den dicken , dunklen Wald hinein . Aber wie war um mich die Natur verwandelt ! - Das , was ich für Gras halten mußte , waren hohe , hohe , dicke Binsen , die weit über meinem Haupte hinwegragten : ungeheure Büsche schlugen über mir zusammen , und als ich schon weit gewandelt war , hörte ich plötzlich ein ungeheures Tosen , und ein Brüllen , wie von großen Wasserfluten . Und so war es denn auch . Ein breiter Strom , dessen jenseitiges Ufer ich kaum absehn konnte , stand mir gegenüber . Ich lief bald hier- , bald dorthin , denn etwas Unbeschreibliches trieb mich an , als wenn ich durchaus jenseits des breiten Flusses gelangen müsse . Ich spähte aufmerksam nach einem Schiffe , Fahrzeuge , oder dem kleinsten Kahn ; aber so weit ich auch lief , sosehr ich auch mein Auge anstrengte , war nirgend dergleichen zu erspähn . Noch viel weniger eine Brücke , die mir das Liebste gewesen wäre . So in Verzweiflung geschah plötzlich etwas , wie man es nur in alten Wunderschriften vernimmt . An demselben Orte , wo ich mich vergeblich umgeschaut hatte war plötzlich eine große , lange und breite Brücke - aber welche ! von purem , spiegelblanken , geschliffenen Stahl , ohne Geländer und Brustwehr im Sonnenstrahl blendend und glänzend . Was war zu tun ? Behutsam , vorsichtig betrat ich die glatte Bahn , langsam vorschreitend , um nicht auszugleiten und in den mächtigen Strom zu stürzen . Ich kam glücklich hinüber . Nun war ich wieder in einem dichten , dunkeln Walde , und nachdem ich noch viel gewandert war , geriet ich in eine hohe , geräumige Felsenhöhle - und - was erblickt ich da ? Tonnen , hohe , dick mit Goldstücken angefüllt ; ich mußte lange , lange hinanklimmen , um den Rand der mächtig hohen Fässer zu erreichen ; schwere Goldbarren lagen auf dem Boden , vermischt mit dem köstlichsten Gestein von aller Art und allen Farben . Ich besahe mir alles genau , und verharrte lange in diesem verzauberten Schatzgewölbe . Ich nahm mir vor , mir die Merkmale genau einzuprägen , um die Stelle wiederzufinden , und so verließ ich endlich den dämmernden Felsenkeller . Ich ängstigte mich , ob die stählerne Brücke auch noch da liegen würde . Richtig , sie war nicht verschwunden . So nun wieder den langen Gang hierher - und ich erwache , traurig , daß alles nur ein Traum gewesen ist . Sieh so war dies Gesicht nur eine Fortsetzung unseres Gespräches , die Begier nach Schätzen , die in meiner Armut wohl natürlich und verzeihlich ist . - Aber du sprichst nichts Gottfried ? - Du schüttelst den Kopf ? Du glaubst mir nicht . - Dieser gute Mann war in seinem poetischen Erstaunen nur darüber verlegen , wie er es seinem Herrn eröffnen solle , daß er ihn selber als Maus aus seinem Körper habe auswandern sehn . Er faßte sich endlich ein Herz und erzählte ganz einfach , was er erlebt hatte . Sie gingen die wenigen Schritte , sprengten mit den Schwertern die Öffnung der Höhle , um sie zu erweitern , und fanden dann wirklich einen unermeßlichen Schatz von Gold und Edelsteinen . Der Herzog blieb als Wächter zurück , der Knappe eilte nach der Stadt , holte Rosse , Geschirre , Wagen und getreue Diener und der Tag verging , ehe man alle Kleinodien aus der Höhle aufgeladen hatte . So wurde dieser burgundische Herr der reichste Fürst seiner Zeit und demütigte alle seine Feinde unter seinem Szepter . Und ich wenigstens habe aus dieser wahren Geschichte soviel gelernt , daß unsere Seele in ihrem natürlichen Zustande eine graue Maus sei . « » Gesegnet der Mann « , sagte Caporale nachdenkend , » der dich einmal heimführen wird . Ich verlasse euch jetzt , ihr geliebten Weiber , und bitte nur um die Erlaubnis , auch morgen einen Gast herzubringen , der euch , Signora , und auch diese junge Dichterin will kennenlernen . Ihr seid ja Fremden immer gütig und werdet mir meine Bitte nicht versagen . « » Wollt Ihr nicht « , fragte die Mutter , » Euer Stübchen oben in Besitz nehmen ? « » Nein « , erwiderte jener , » ich darf es diesmal meinem Dornherrn nicht abschlagen , der mich schon mit dem Abendessen erwarten wird . « Indem hörten sie ein lautes , gewaltsames Klopfen an die äußere Tür . Es war schon finster geworden , und der Diener eilte mit dem Licht hinaus . Verstört und die Kleider in Unordnung stürzte Marcello herein . » Um Gott ! « rief die Mutter , » was gibt ' s ? was ist dir ? « » Versteckt mich nur auf einige Tage « , rief der verwilderte Jüngling , » daß mich keiner bei euch findet . Ha ! Don Cesare ? Nun , der lustige Poet wird mich ja wohl nicht verraten . « Die Mutter ging im Saale auf und ab und rang , Tränen vergießend , die Hände . Sie hatte ganz ihre Fassung verloren . » Mein Sohn ein Bandit ! « schrie sie , » vogelfrei ! Wohl ein Preis auf seinen Kopf gesetzt ! O Himmel , wodurch habe ich mich so schwer verschuldet , daß ich dies erleben muß . War es doch immer mein stolzer Traum , daß ich , wie die Mutter der Gracchen , in meinen Kindern , um die mich die Welt beneiden müsse , meine höchsten Kleinodien sehn könne . « » Fackelt nicht lange ! « schrie Marcello ungezogen ; » diese lieben Söhne der prahlerischen Cornelia wurden auch nachher als Rebellen und Meuterer von andern sehr würdigen und tugendhaften Männern totgeschlagen . « » Kommt morgen « , sagte der Fremde , » in meinem Wagen mit mir nach Rom . Ihr könnt meinen Diener vorstellen , und in der großen Stadt mögt Ihr Euch viel leichter auf einige Zeit verbergen , bis Ihr nachher mit Sicherheit die Flucht ergreifen könnt . Ich werde Euch morgen mit Tagesanbruch abholen . « Die gedemütigte Mutter half den Jüngling in einem abgelegenen Gemach , in dem sich ein tiefer Brunnen befand , verbergen . Als am Morgen Don Cesare den Flüchtling abholen wollte , war er verschwunden , und auch Camillo hatte seinen Oheim ohne Abschied verlassen . Man mußte vermuten , daß sich beide mitsammen entfernt hätten . - Viertes Kapitel Die Mutter war durch den neuesten Vorfall so erschüttert , daß sie am folgenden Tage lange auf ihrem Lager blieb , und sich erst erhob , nachdem ihr Sohn Flaminio und Vittoria die fremden Gäste schon angenommen hatten . Als sie in den Saal trat , fand sie die Gesellschaft im lebhaften Gespräch . Sie suchte sich zu zerstreuen und spannte sich zu einer erzwungenen Heiterkeit . Der fremde Mann , welcher mit dem wohlbekannten Dichter gekommen war , schien ohngefähr dreißig Jahr alt zu sein . Er war schlank , groß und wohlgebaut , seine Gebärde edel , das Auge schön und feurig . Vittoria vermutete , daß auch dieser ein Dichter sein könne , da er mit dem alten Hausfreunde erschien , und die Gelehrten aus allen Provinzen Italiens gern die Familie der Accoromboni aufsuchten . Der Fremde war sehr freundlich und von den edelsten Sitten , mehr ernst als heiter , und auf seinen Wunsch beschloß man die Villa d ' Este zu besuchen , von deren Pracht und Schönheit in ganz Italien die Rede war . Als sie die Villa erreicht hatten , ward ihnen der Eingang gestattet , weil die Besitzerin nicht zugegen war . Der Fremde schien sehr aufgeregt und ward von den Kostbarkeiten , Gemälden und dem Schmuck der Zimmer entzückt : und begeistert . » Wie glücklich « , sagte er , » könnten die Fürsten sein , denen alles dies zu Gebot steht , und die sich ein solches Dasein bereiten mögen . So umgeben , nichts Niedriges , Ärmliches in ihrer Nähe , wohin sie blicken nur von Kunst angeschaut , von Schönheit umleuchtet , Erinnerung an Geschichte und große Vergangenheit , die edelsten Geister , die Raffael , Michelangelo und Julius der Römer für sie in Tätigkeit - und doch - « » Ja wohl « , sagte die ernste Matrone , » wohnt nur sehr selten in diesen herrlichen Palästen das wahre Glück . Das Schicksal und die Umstände , die Verhältnisse des Menschen sind immer mächtiger , als der Mensch selber . Der Einsame , Unabhängige stürzt sich aus seiner Freiheit in Dienst und Abhängigkeit , um das zu suchen , was er Glück nennt : und jener , der im Glück zu schwelgen scheint , von vornehmen Freunden umgeben , im Glanz des Reichtums , wünscht sich nur allzuoft in die verlassene Einsamkeit des dürftigen Waldbruders . Freiheit ist ein edles Wort und hat einen herrlichen Klang , es ist aber nur ein Wort , ein verhallendes , ohne Wesen und Inhalt . Die wahre Freiheit ist nur im Tode . « Der Fremde sah die hohe Frau verwundert an , und Caporale sagte : » Ihr seid heut , verehrte Freundin , aufgeregt ; gönnt der Natur und dem schönen klaren Licht , das so herrlich dort die Gebirge beglänzt , Euch aufzuheitern . « » Zu zerstreuen « , sagte sie : » muß doch das Edelste der Natur und Schöpfung nur gar zu oft , sich herabwürdigend , dazu dienen , uns von uns selbst zu entfernen . « » Um uns doch nur « , bemerkte der Fremde , » dort in diesen Gegenständen edler und vollkommener wiederzufinden . Das Wahre , Gute in uns kann uns niemals verlorengehn . « » Weil es vielleicht nicht da ist « , sagte Signora Julia , tief seufzend . » Verzeiht , mein edler Herr , dessen Namen ich noch nicht einmal weiß : Eure Liebenswürdigkeit hat mich verleitet , Euch nach dem ersten Anblick als einen alten Freund des Hauses zu behandeln , vor dem ich nicht nötig habe , meinen Kummer zu verbergen . Doch ist es wohl besser und schicklicher , hier in diesen poetischen Umgebungen eine andre Sprache zu führen . « Jetzt verließen sie das Haus und betraten den schönen , künstlichen Garten . Vittoria ging schweigend an der Seite der Mutter , auch der heitre Don Cesare war ernst geworden , und der Fremde war ganz der Betrachtung und Bewunderung der vielfachen Anlagen , dem Wechsel der Gebüsche , der Majestät der Bäume , der Pinien und Zypressen , dem schimmernden Glanz der vielfachen Blumenbeete hingegeben . Am meisten entzückten ihn aber die mannigfaltigen Wasserkünste , die in sinnreichen und versteckten Erfindungen bald in kleinen Erzfiguren den Gesang der Vögel nachahmten , bald aus menschlichen Gestalten die Töne der Laute und vielfachen Gesang bildeten ; so wechselten Sirenen und Wassertiere in seltsamen Gruppen , so spielten die Nereiden und Pan und Schäfer die Wasserorgeln , die Syrinx und Flöten und Pfeifen , dort klang die ländliche Schalmei und ferner ab rieselte das Element , welches erst zur künstlichen Musik abgerichtet war , als klarer Bach in seinen Naturtönen dahin . Als der Fremde in den Ausdrücken seines Lobes immer enthusiastischer wurde , konnte Vittoria nicht länger schweigen , sondern ließ sich , beinah zürnend , in diesen Worten aus : » Ich weiß es wohl , daß alle Welt diesen Garten und diese tönenden Kunststücke bewundert . Ärgert Euch nicht an mir , teurer Mann , wenn ich Euch gestehe , daß ich immer nur ohne Freude diesen Plan betreten habe , da es mir schien , als wenn Kunst und Natur hier gleich sehr verletzt würden . Die wahre echte Kunst ist hier in eine Künstlichkeit , in eine Seltsamkeit hineingeschraubt , die wohl Erstaunen und Verwunderung , nicht aber wahre Freude erregen kann . Die Natur ist gewissermaßen vernichtet , denn sie muß hier in den sklavischen Dienst von gezierten Spielereien treten , die nicht einmal eine Täuschung hervorbringen können , und die ermüden , wenn man den ersten Genuß der Neugier und Verwunderung hinter sich hat . Wie anders wirkt ein gutes Gemälde , ein Werk des Bildhauers , Palestrinas Musik , eine freie Landschaft , dort der himmlische Wasserfall . Ist es nicht hier , als wenn man die Träume eines Fieberkranken wirklichmachen , und etwas erreichen wollte , was über unser menschliches Vermögen hinausreicht ? Jedesmal aber , wenn der Mensch einen solchen Versuch eitlen Hochmuts unternimmt , sinkt er unter sich selber hinab . « » Ei ! ei ! mein schönes Fräulein « , rief der Fremde , sie verwundert ansehend , » wie erklingen in so zarter Silberstimme aus so reizendem Munde diese herben , verdammenden Worte ? Hat Euch niemals eine Sestine , oder eine recht künstliche Kanzone begeistert ? Wie haben unsre Natursprache , den Laut , der immer so gern wieder in das Bäurische zurückfällt , unsere Petrarka , Bembo , Molza , Bernard Tasso , und so manche andre erzogen ! Und diese mechanischen Erfindungen , die an sich selbst nur Staunen und ein leichtes Ergötzen erregen könnten , sollten vom Genius nicht in seinen Dienst genommen werden , um auch diese Dinge , die auf Linien , mathematischen Grundsätzen und arithmetischen Zahlenverhältnissen ruhen , in die höchste poetische Freiheit der Phantasie einzuführen ? Wenn Euch dort die Natur und der erhabene Wasserfall mit Recht begeistert und für Momente Eure ganze Seele ausfüllt , so ist hier dieselbe Natur in ihrer lieblichen Erscheinung nur in eine Regel gebunden , um sie wieder auf andre Weise in die höchste poetische Freiheit hineinzuführen . Diese geraden Baumgänge , diese abgeteilten und abgezirkelten Blumenbeete sind ja nur wie die Stanzen oder Terzinen eines lieblichen Gedichts , wo das Wort der gewöhnlichen Rede auch mit wahrer kindlicher Freude , mit Übermut , in die Regel hineinspringt , um sich selber süß und edler zu vernehmen . Und diese Wasser , Bildsäulen , Vögel , Scherz und Ernst , Schauer und sanfte Wollust , in diesen krausen Gebüschen , zwischen Myrten und Lorbeer und den finstern Zypressen , die ausgebreitete Pinie dort , das Rieseln , Flüstern in den Wipfeln , mit Duft und Echo gemischt , diese fast menschlichen Töne , der Vogelgesang , dort das Gebirge , über uns des Himmels lichte Bläue , das süße Spiel der Lichter , der dunkelnde Schatten - braucht der Mensch in diesem Traum der Wollust noch jenen Jupiter um seine Göttersäle zu beneiden ? « » Schön ! « sagte die Mutter , » sieh , mein Kind , da hast du einmal einen Gegner gefunden , der dir deinen Eigensinn brechen könnte , wenn es ihm wichtig genug wäre , dich in die Lehre zu nehmen . « » Kann sein « , sagte Vittoria , » daß dasjenige , was ich Natur , Schönheit und Freiheit nennen möchte , doch wieder ein zu enger Begriff ist , der wohl wieder zur Gebundenheit und Unfreiheit führen könnte . Und doch mag ich mein Wesen nicht willkürlich erziehn ; ich muß erst das selbst in mir erleben , was eben jetzt der werte Fremde ausgesprochen hat : es ist mir unmöglich , nachzusprechen , was ich nicht selbst einsehe , oder künstliche Wege zu suchen , um mein nächstes Gefühl gegen meine Natur mir zu erziehn . Auch bei Büchern und Gedichten habe ich es nie vermocht und ich will lieber für mich selbst irregehn , als nachfühlend und sprechend mit einem andern recht haben . « Doch , meinte der Fremde , müsse man sich vielleicht in Schriften und Gedichten nach andern und jenen Regeln fügen , die sich schon seit alten Zeiten als Kritik geltend gemacht hätten . » So widersprecht Ihr Euch aber selber ! « rief Vittoria aus . - Sie hätten wohl länger gestritten , wenn nicht eine merkwürdige Erscheinung , die sich jetzt in der Nähe zeigte , ihre Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte . Ein alte Frau trat in Begleitung eines jungen , sehr reich gekleideten Mannes , aus dem nahen Gebüsch . Sie war groß und stark , von männlichem Ausdruck und bräunlicher Farbe , an Kinn und Oberlippe zeigte sich selbst ein leichtes Bärtchen . Alle verbeugten sich ehrerbietig , standen still , und ließen die beiden Gestalten vorübergehen , die sich dem Schlosse zuwendeten . Als sie enfernt genug waren , fragte der Fremde : » Wer war diese Dame , die fast das Ansehn eines starken , ältlichen Mannes hatte ? « - » Die jetzige Besitzerin dieser Villa « , nahm Caporale das Wort , » jene weltberühmte Margarete von Parma , die Tochter des großen Kaisers , des fünften Karl . « » Ist es möglich « , rief der Fremde aus , und schlug die Hände ineinander , » daß ich gerade hier eines solchen Anblicks gewürdigt werden soll ? Dieses Denkmal alter Begebenheiten , dieses große Monument mächtiger Zeiten , dieser freie große Charakter unsrer Geschichte ist an mir vorübergegangen , wie ein Bild des Phidias oder Lysippus . Aus dem Traum der Poesie und Kunst halb erwacht , stehe ich plötzlich in der Wundersage der Historie , und es fehlt mir an einem Maßstabe , mich gleich wieder zurechtzufinden . Sie , die Arme , die aus Politik , fast noch ein Kind , einem grausamen , wilden Medicäer , dem Herzog von Florenz , Alexander vermählt ward , die dann seine Ermordung erleben mußte , ( volle vierzig Jahr sind es jetzt , ) die nachher wieder verheiratet wurde , dann vom Bruder als Regentin nach den Niederlanden geschickt ward , wo sie sich als wahre Königin klug , stark und groß zeigte , in der schwierigsten Lage , ein echtes , edles Gegenbild jener großen Elisabeth von England , bis sie falscher Politik , der Kabale und dem blutdürstigen Herzog Alba weichen mußte . Was hat sie alles gesehn , erlebt und erfahren . Wie müssen ihr die Welt und deren Fürsten , die Widersprüche , die Schwächen der Menschen , Unglück und Glück erscheinen . « » Ja wohl « , antwortete Donna Julia , » nun bewohnt sie seit einiger Zeit diese Villa , wird aber , wie sie mir neulich sagte , vielleicht noch in diesem Jahr zu ihren Schlössern in den Abruzzen und dem Neapolitanischen reisen . Sie schien heut sehr im Gespräch vertieft , da sie uns außerdem wohl angeredet hätte , denn sie zeigte sich immer meiner Familie , vorzüglich meiner Tochter , sehr gnädig und huldreich . « » Sie ist eine einzige Frau « , rief jetzt Caporale . » wenigstens habe ich noch nie eine ähnliche gekannt , oder von ihr gehört . Glaubt ihr wohl , daß sie noch jetzt auf der Jagd , so alt sie ist , die rüstigsten Weidmänner müde macht ? Sie tummelt sich auf jedem Rosse und scheut sich auch vor dem wildesten nicht , sie reitet und jagt allen Stallmeistern voraus , kurz sie ist eine echte Virago , in der edelsten Bedeutung dieses Wortes . « Jetzt eilte der junge Mann , der mit der Fürstin vorher gesprochen hatte , auf die Gesellschaft zu , und bat den alten Dichter Caporale , ihn der Familie vorzustellen , der er schon seinen Besuch zugedacht hatte . Caporale sagte : » Nehmt meinen jungen , trefflichen Freund wohlwollend auf , verehrte Damen , den Grafen Pepoli aus Bologna . « » Wir haben von Euch und Eurer edlen Wohltätigkeit gehört « , sagte die Mutter : » kein Bolognese kommt zu uns , der nicht Euren Ruhm singt . « Der Graf verbeugte sich zierlich und erwiderte mit einer andern diese Artigkeit . Sie gingen hierauf nach Hause und alle setzten sich zu einem einfachen Mittagsmahle nieder . Es gibt Charaktere , die , wenn sie auch nicht einen starken oder ausgezeichneten Geist besitzen , doch durch unverkennbares Wohlwollen und Menschenfreundlichkeit , sowie durch feines Betragen alle Herzen gewinnen . Zu diesen gehörte der Graf . Auch war man bald mit ihm vertraut , als wenn er schon lange zur Familie gehört hätte . Er bildete einen angenehmen Kontrast gegen den zweiten Fremden , der viel edler , aber nicht so vornehm erschien : das freie , leichte Betragen des Grafen war so , daß man fühlte , er habe sich von Jugend auf in den glänzendsten Kreisen bewegt , daß er zum Edelmanne erzogen sei und den großer angeerbter Reichtum von den frühesten Jahren , nicht nur über jede Not , sondern selbst Unbequemlichkeit des Lebens hinweggehoben hatte . Der andere Gast , dessen lebhaftes Auge so geistreich glänzte , dessen Lippe so fein zu lächeln verstand , glich doch mehr einem Gelehrten , ob man gleich keinen Professor einer Universität und noch weniger einen Geistlichen in ihm erkennen mochte . Nach Tisch begaben sich alle in einen kleinen Gartensaal , wo man sich an der Frische und der Aussicht in die schöne Landschaft erfreute . » Hier , in diesem lieblichen Aufenthalt « , rief Caporale , » sollten wir , wie es jetzt allenthalben geschieht , eine kleine poetische Akademie formieren , und über ein gegebenes Thema improvisieren ; oder sollte die Deklamation zu unbequem fallen , so entwerfe man schnell aus dem Stegreif auf diesen Blättern hier ein kleines Gedicht , oder auch ein größeres , wie es nun gerade die Muse begehrt . « Die Mutter entschuldigte sich und ging um notwendige Geschäfte zu besorgen , und Flaminio begleitete sie , um ihr hülfreich zu sein . Die übrigen setzten sich um den runden Tisch , und Caporale sagte : das Thema sei die Gewalt der Liebe . Alle dichteten , und nach einer stillen Pause , als alle ihre Blätter beschrieben hatten , sagte Cesare : » Ich bin kein Dichter , sondern nur ein Spaßmacher und so spricht es auch dies Sonett aus . « Er las es , es enthielt eine Entschuldigung , er habe immer nur der Parodie gehuldigt , und seine Eitelkeit bestehe darin , daß man seine Gedichte nicht unzüchtig nennen könne , wenn er auch in Spaß und Witz einen Berni , oder andre berühmte Poeten niemals erreichen könne . Der Graf Pepoli sagte : » Wer ist jetzt in Italien wohl nicht ein Dichter ? Es gehört zur Erziehung eines jeden Gebildeten , Verse machen zu können , und wir haben den großen Vorteil daß unsre schöne , fein ausgebildete Sprache schon selber für uns dichtet . Ohne nachahmen zu wollen , wiederholt der Dilettant , selbst ohne es zu wissen , das schon oft Gesagte . « - Seine fein gewendeten Stanzen erzählten in zartem Bilde von dem unerwarteten Glück , in so ausgewählter Gesellschaft auf wenige Minuten den Dichter spielen zu dürfen . Der Fremde las ein Sonett , daß die nahe , begeisternde Schönheit der edelsten Jungfrau , die Mutter derselben , die große Fürstin , deren Anblick er gewürdigt worden , ein Garten zur himmlischen Wollust und Traumseligkeit erschaffen , alles dies ihn zwinge , die höchsten Töne der Poesie anzuschlagen ; aber die Muse schüttle das Haupt und lege den schönen Finger auf die Lippen , ihm zuflüsternd : » Eben weil du zu glücklich bist und zu selig im Genuß , kannst du in diesem Augenblick nicht dichten , lebe und sei zufrieden : Schmerzen und Poesie werden schon zu dir zurückkommen . « Vittoria sah den Fremden verwundert an und dann sinnend vor sich nieder , denn dieses Sonett schien ihr vortrefflich und von einem echten Dichter herzurühren . Dann sagte sie mit großer Lebhaftigkeit : » Die Herrn alle , selbst unser Vorstand , haben in ihren Versen das aufgegebene Thema nicht einmal erwähnt viel weniger durchgeführt ; alle verbeugen sich mit der höflichen Entschuldigung , nicht dichten zu können , und ich Ärmste habe mich , wie wir unterdrückte Weiber immer müssen , geschmiegt und im Gehorchen ein schlechtes und langes Gedicht geschrieben . « - Sie las eine Kanzone , deren Inhalt ohngefähr dieser war : - » Gewalt der Liebe . « » Alles , so sagen die Dichter und viele andre Sterbliche , wird von der Liebe regiert . Ich , zu jung , um sie zu kennen , zu schüchtern , um sie herauszufordern , wie soll ich sie besingen ? Wohl sind mir viele der Hymnen bekannt , die ihre Gottheit verherrlichen sollen ; aber auch andere dithyrambische Gesänge , in welchen Venus und Amor nicht minder kräftig geschmäht und gelästert werden . Da erscheinen alte Fabeln und große historische Sagen vor meinem Blick