, war ganz begeistert von der Predigt , » ein Mann ist ' s , wie ' s unter Hunderttausenden keinen wieder gibt ! Ein Mann , der seine individuelle Natur von Gott durchdringen läßt ! Ein lebendiger Mann , der leider die Weisheit den hölzernen Maulaffen vorpredigt . Kein Mensch hat Andacht . Geistesandacht hat kein Mensch ! - Maulandacht , und eine Zucht und eine Sitte , wie man Hunde dressiert : so dressiert die ganze Menschheit ihr eigen Gewissen , sie verstehen ' s nicht besser , sie wissen nichts davon , daß der ganze Mensch gar kein Richter mehr über sich selber sein soll , sondern ein lebendiger Anger , wo kein Urteil mehr stattfindet , sondern lauter Seelennahrung , lauter Himmelsspeis ' der Weisheit ; wahre Weisheit , die kann nur genossen werden , nicht beurteilt , denn die ist größer , als daß der geringe Verstand sie durchschaut , - aber so geht ' s ! - Was hilft mich die christliche Religion , die Menschen sind Narren und werden ' s bleiben , und da hat ' s dem Herrn Christus auch nicht besser geglückt , daß er da heruntergekommen ist . Ein Narr , der sich Christ nennt , ist halt eben auch einer ! - Wenn er hundertmal vom Himmelsthron heruntergekommen ist , er hat tauben Ohren gepredigt wie unser geistlicher Herr , oder Narren hat er gepredigt , die es nach ihrem Behagen ausgelegt haben . - Wäsch mir den Pelz und mach mir ihn nicht naß , das ist die ganze Geschicht mit der Frömmigkeit . Tu die Augen auf und werd gescheut , denn unser Herrgott kann keine Esel brauchen , aber ihr werd ' Esel bleiben , und so tragt nur euer schwere Säck von Vorurteil auf euerm Buckel bis in alle Ewigkeit , ihr seid doch zu nichts tauglich als die Mühl zu treiben , in der euch der Kopf immer dusseliger wird . « - Aber das war nicht alles , was der Voigt sagte , und dabei machte er Sätze links und rechts . Jetzt erzähl ich Dir wieder weiter , wie ' s noch mit dem roten Kammerherrn weitergegangen ist , alle Tage sind wir auf der Terrasse , da gibt bald eine Dame , bald die andre ein Goutée , und dann wieder die Prinzeß , aber der Krebs ist immer wieder hinter mich gekommen , da hab ich mir eine Schawell aus unserm Zimmer geholt und dicht neben die Kurprinzeß gestellt und mich draufgesetzt ; und nun ist das alle Tag mein Platz , und da darf er nicht mehr an mich streifen , und wenn wir spazierengehen über die Bergrücken nach dem Tee , da nimmt mich die Kurprinzeß immer bei der Hand ; sie hat ein klein Blondchen , weiß und rot , dem fliegen die Sonnenhaare so flammig um den Kopf , dem lieben Hessenkind , ich könnt recht gut mit ihm spielen , sie halten mich ja doch für ein Kind , weil ich keine Gesellschaftsmanieren hab ; Ball werfen , um die Wett laufen ; - aber so einem Prinzeßchen ist nicht beizukommen ; da ist eine Frau von Gundlach , die führt das Regiment , und Kammerfrauen , die begleiten es . Dann ist mir ' s auch nicht möglich , mit einem Kind Komödie zu spielen , ich muß mit ihm sein können unter Gottes Schutz , nicht unter Menschenaufsicht . - Prinzeßchen , in Gold und Silber angetan , - zu ihrer Geburt kommen gute Feen , die sie beschenken , - das erfährt man in Feenmärchen . Was mögen sie dem feinen Kind alles geschenkt haben ? - Gaben , die es noch nicht zu brauchen weiß , wer wird ' s ihm lehren ? - Scheu ! - aber keine scheinheilige , - ich hab sie vor allem Kinderschicksal , unentfaltet noch in so süßer Knospe verschlossen , man hat auch Scheu , eine junge Knospe zu berühren , die der Frühling schwellt . Ein Wiegenkindchen lallt so berührsam wie kein Gespräch mit Menschen . Nur allein mit Dir ist Sprechen lebendig , wo wir ohne Vor- und Nachurteil den Gedanken uns auf die Schwingen werfen und jauchzen und gen Himmel fahren . Um so ein Kinderschicksal möcht ich einen Kreis ziehn , das Erdenschicksal wollt ich aufheben von ihm , daß es ganz gleichgültig wär , ob ihm dies oder jenes zuteil werde , und nur sein himmlisch Weisheitsschicksal darf gelten . Lautere Güte , das ist der Erfrischungsquell für die Kindernatur , aus dem sie Gesundheit trinkt - und abends , wenn ' s schlummert , da haucht es Segen , wie die schlummernden Sträucher auch Segen duften , an denen man hingeht in der Dämmerung . - Ein Kindchen einwiegen bei Mondenschein , dazu würden mir gewiß schöne Melodien einfallen , was geht einem die Welt an , die verkehrt ist . Alles , was ich seh , wie man mit Kindern umgeht , ist Ungerechtigkeit . Nicht Großmut , nicht Wahrhaftigkeit , nicht freier Wille sind die Nahrung ihrer Seele , es liegt ein Sklavendruck auf ihnen . Ach , wenn ein Kind nicht innerlich eine Welt hätte , wo wollt es sich hinretten vor dem Sündenunverstand , der bald den keimenden Wiesenteppich überschwemmt . - Da sagen die Leute , ein Kind darf nicht alles wissen . - Wie dumm ! - Was es fassen kann , das darf ' s auch wissen , für was hätte es die Macht zu begreifen ? - Der Geist langt wie eine Pflanze mit jungen Ranken hinaus in die Lüfte und will was fassen , und da kommt der Unverstand , an den kann er sich freilich nicht ansaugen , da muß der Kindergeist absterben ; sonst , wie bald würde die Weisheit der Unschuld den Aberwitz der Unverschämtheit beschämen . Ungeduld und Zorn und Mißstimmung werden ihnen wie Autoritäten entgegengestellt , man schämt sich vor ihnen keiner bösen Regung , vor andern hütet man sich wohl , da versteckt man die böse Natur , aber vor Kindern nicht , man denkt , sie begreifen ' s noch nicht , man sollte doch lieber auf ihre Reinheit bauen , die das Böse nicht gewahr wird , oder auf ihre Großmut , sie verzeihen viel und rechnen es einem nicht an . Deswegen sind sie aber nicht witzlos und untüchtig für den höchsten Begriff . Aber die Menschen sind über sich selber so dumm , sie glauben in ihrem schmäligen Unrecht noch an ihre eigne Weisheit wie an einen Ölgötzen , dem sie Opfer bringen aller Art , nur die eigne Bosheit erwischen sie nicht bei den Ohren , um sie einmal zu schlachten . Der knospenvolle Lebenstrieb wird nichts geachtet , der soll nicht aufgehen , aus dem die Natur hervor ans Licht sich drängen will ; da wird ein Netz gestrickt , wo jede Masche ein Vorurteil ist , - keinen Gedanken aus freier Luft greifen und dem vertrauen , - alles aus Philistertum beweisen und erfordern , das ist die Lebensstraße , die ihnen gepflastert wird , und wo statt der lebendigen Natur lauter verkehrte Grundsätze und Gewohnheiten es umstricken . Der Voigt sagte , ihm sei das Lachen und Weinen nah gewesen beim Examen in der Musterschule , wo der Molitor mit so großem Eifer die Judenkinder examiniert habe über die Großtaten der Römer und Griechen , wenn er dächte , welchen schmutzigen Lebenspfad sie wandern müßten , » Zieh , Schimmel zieh , im Kot bis an die Knie « , ja , da mag einer noch so ein weißer Schimmel sein , er muß im Morast steckenbleiben ; und das ganze Lehrgebäude ist bloß wie Fabelwerk , alles lehrt man durch Exempel , aber große Taten , die zeigt man nur wie die Chimära aus dem Bilderbuch , da dreht jedermann um und läßt sie stehen ohne weitere Gebrauchsanweisung . Diese Bemerkungen sind alle aus Gesprächen mit dem Voigt , der mir gern seine Weisheit bringt aus dem Grund , weil ihn kein Mensch sonst anhört , er sagte : » Ich bin jedermann langweilig , aber ich kann Ihnen versichern , die Leute sagen , Sie wären auch langweilig « ; er sagte : » Aus einem Kind sollte lauter Weisheit hervorblühen , daß alles Denken freudige Religion in ihm würde , ohne ihm das Kreuzschlagen zu lehren , oder Heiden und Christen zu unterscheiden , und seine Seele müßte aufblühen am Lebensstamm , ohne zu fragen nach Gutem und Bösem . « - Weißt Du was , - heut hat sich das zarte Kind in der Tür den Finger sehr arg geklemmt , und die Kurprinzeß war sehr erschrocken und ganz hinfällig geworden , denn es hat ihm sehr arg weh getan , mich hat ' s auch geängstigt , es hatte Fieber , jetzt liegt ' s im Bett und schläft , als es beruhigt war , ging die Kurprinzeß zur Erholung spazieren , sie nahm mich mit , ich lief von ihrer Seite , um ihr Blumen zu holen , die ich in der Ferne sah , die nimmt sie mir immer freundlich ab und zeigt mir wohl selbst , welche ich pflücken soll , ich brach aber so viele und kletterte jede steile Seite hinan ; die Damen wunderten sich über meine großen weiten Sprünge und sagten , ich beschwere die Hoheit mit den vielen Blumen , ich band einen Strauß mit meinem Hutband und gab ihn ihr zu tragen , ich sagte , er sei fürs kranke Kind zum Spielen , nicht ins Wasser zu stellen ; sie trug den großen Strauß und wollte nicht , daß man ihr ihn abnahm . Die Gesellschaft wunderte sich über meine naive Art , damit meinen sie Unart , ich merkte es ; sie halten mich für einen halben Wilden , weil ich wenig oder nie mit ihnen spreche , weil ich mich durchdränge , wohin ich will , weil ich mich ohne Erlaubnis an der Prinzeß Seite setze , als ob ich den Platz gepachtet habe , sagt Frau von B.R. , weil ich so leise geschlichen komm , daß mich keiner merkt , weil ich davonlaufe und nur das Windspiel vom Herzog von Gotha sich mit mir zu schaffen macht , das mir nachsetzt und bellt , wenn ich ins Gebüsch spring ; der L.H. sagte mir , daß man sich über meine Unart aufgehalten , den Hund so laut bellen zu machen ; er erzählte mir aber nicht , was ich von der Tonie hernach hörte , daß die Kurprinzeß sagte : » Sie ist ein liebes Kind , « und daß der Herzog von Gotha sagte : » Ein allerliebstes Kind . « - Nun , ich gefall mir selbst gut . - Lieb Günderödchen , über allen Wechsel und Zerstreuung von heute hinweg klingen noch immer die Worte der Predigt in mich hinein , als wär heut ein feierlicher Tag gewesen . - Es ist ja wahr , Du und ich sind bis jetzt noch die zwei einzigen , die miteinander denken , wir haben noch keinen dritten gefunden , der mit uns denken wollt ; oder dem wir vertraut hätten , was wir denken , Du nicht und ich nicht ; niemand weiß , was wir miteinander vorhaben , und wir lassen jetzt schon ein ganzes Jahr die Leute sich wundern , warum ich doch alle Tag ins Stift lauf . - Aber den Geistlichen , - wär ' s in Frankfurt gewesen , den hätt ich angeredet , daß er mit mir zu Dir gegangen wär . - Der hat gewiß keinen Freund - sein Geist wird sein Freund sein müssen , der wird ihm antworten . Ich denk , ob einer mit seinem eignen Geist reden kann ? - Der Dämon des Sokrates , wo ist der geblieben ? - Ich glaub , jeder Mensch könnte einen Dämon haben , der mit ihm sprechen würde , aber worauf der Dämon antworten kann , das muß unverletztes Forschen nach Wahrheit sein ; da mein ich mit , es darf sich kein andrer Wille dreinmischen als bloß die Begierde zur Antwort . - Frage ist Liebe und Antwort Gegenliebe . Wo die Frage bloß Liebe zum Dämon ist , da antwortet er , der Lieb kann Geist nicht widerstehen , wie ich nicht und Du nicht . Solang ich vom Sokrates weiß , geh ich dem Gedanken nach , wie er einen Dämon zu haben ; er hatte wohl ein inneres Heiligtum , ein Asyl , wo der Dämon zu ihm kommen mochte , ich hab in mir gesucht nach dieser Türe zum Alleinsein , wo ich diesem Wahrheitsgeist ins Gesicht sehen könnt , flehend um Lieb . Aber Du hast recht , ein mutwilliger Wind jagt meine Gedanken wie Spreu auseinander , ich werd fortgerissen von einem zum andern von meiner Zerstreutheit , dann ist ' s so nüchtern in mir und so beschämend öde , wenn ich mich sammeln will , wie soll da der Geist sich einfinden , wo es so leer ist , der Sokrates hatte wohl große Taten getan vorher , und nie seinen Genius verleugnet , dann kam er zu ihm . - Ich sag als zu mir , laß nur ab , der Geist würde von selber kommen , könnt Deine Natur ihn beherbergen . Ich denk als , der Geist muß entspringen aus vereinigten Naturkräften , und ich hab so keine Feuernatur , die sich so konzentrieren kann , daß der Geist aus ihr entspringe , aber ich wollt es doch , ich sehne mich nach ihm . Ich hab ihn nicht , ich denk mir ihn aber und trag ihm alles vor in meinen Nachtgedanken , und manchmal schreib ich an Dich , als wärst Du sein Bote , und er würde durch Dich alles erfahren von mir . Manchmal , wenn wir zusammen schwätzten im Dunkel bei dem verglommenen Feuer in Deinem Öfchen , wo der Märzschnee vom Baum vor Deinem Fenster herunterfiel , da dacht ich , was schüttelt doch den Baum ? - Und da war ich gleich so begeistert , als lausche was und reize mich an , und Du sagtest , es fülle sich unser Gespräch mit Gas , ein Gedanke nach dem andern stieg in die Wolken und verglichst sie mit romantischen Lichtern , die hoch über uns sich in sanften Leuchtkugeln ausbreiten . Das Rasseln im beschneiten Baum , an der Wand das neugierige Mondlicht , das aufflammende Feuerchen , Du und ich , die mit Deinen Fingern spielte beim Sprechen , das war als so , daß ich dacht , der Geist wär nah bei uns und trenne uns von allem Unsinn ; und das Leben war auch so weit ab , auf der Straße , wenn ich nach Haus ging , wenn mir da Menschen begegneten , so war ' s wie eine Scheidewand zwischen mir und ihnen und zwischen allem , was in der Welt vorgehe . - Ja , die Welt , die auch von Begeistrung leben sollte wie der Baum vom Tau , die strömt soviel Stickluft aus ( Langeweile ) , daß der Geist nicht eratmen kann . Heut sind die Früchte angekommen und die Blumen all noch frisch , Dein Brief duftet mit dem Heliotrop und gelben Jasmin in meiner Brust , wo ich ihn hingesteckt hab . - Was Du mir sagst , scheint mir auch vom Dämon durch Dich gemeldet , Du kleidest seine Weisheit in Balsam hauchende Redeblüten - ich soll und muß Dir rechtgeben , nicht wahr ? - Meinst Du , es wird den Dämon verdrießen , wenn ich ihm nicht nachgebe mit der Eifersucht ? - Und daß meine Leidenschaft in so stolzen Flammen aufsprüht und will ihn gefangen nehmen , wo er sich verborgen hat in Dir ? - Eifersucht fährt heraus aus dem Geist der Liebe , als wär ' s der Dämon selber , sie ist eine starke bewegende Kraft , ich weiß , was ich ihr zu danken hab ; - ja , vielleicht ist sie eine Gestalt , in die sich der Dämon kleidet ; wenn ich eifersüchtig bin , ist mir ' s immer göttlich zumut , alles muß ich verachten , alles seh ich unter mir , weil es so hell in mir leuchtet , und nichts scheint mir unerreichbar , ich fliege , wo andre mühselig kriechen ; und während mir ' s im Herzen ängstlich pocht , da rauscht ' s im Geist so übermütig , ich biete Trotz , so arg Trotz , daß ich ohnmächtig werden muß , aber mein Mut sinkt nicht , der ist noch stärker , wenn ich mich erhole , nach was verlang ich denn ? - Was will ich mir erzwingen ? - Ja , es ist gewiß der Dämon , den ich wittere ; als ich Dir in die Hand biß und an zu weinen fing , so war es doch der Dämon , der mich neckte , nicht Deine Geheimnisse , die Du mit andern hast , die mich nichts angehen , ich weiß , daß die nicht zwischen uns treten , und Du , wo willst Du hin ? - Ich und Du , uns berührt nichts in unserer Eigentümlichkeit miteinander . Aber es schlägt Feuer aus mir , daß ich ihn fassen will und will mich an ihn klammern , denn er war gewiß oft zwischen uns beiden , meine Ahnung war nicht falsch , und ich wollt ihn gern an mich reißen , als ich von Dir ging , drum biß ich Dich und schrie . - Ja , es ist Eifersucht - wie soll ich aber nicht eifersüchtig sein , es ist ja die einzige Möglichkeit meines Gefühls , schmeichlen kann ich ihm nicht , ihm vertrauen , wie kann ich das , ich weiß ja nicht , ob er mir lauscht . Aber daß meine Eifersucht rege wird , wo ich ihn ahne , daß ich da mächtig mit den Flügeln schlage um ihn , der mich selber dazu reizt , das ist die Stimme der Wahrheit heißer Liebe . Ja ! ja ! ja ! - Da brauch ich mich nicht zu erschöpfen in Vorbereitungen , da bin ich nicht mehr zerstreut und zaghaft gar nicht . Ach Günderode ! Und nun antwortet er mir so sanft in Deinem Brief , Du bist ganz mitleidig geworden durch ihn , er hat Dich so gestimmt und verkündet mir in Deinen Worten , wie der Baum der Treue zwischen uns erwachsen und erstarken werde , und daß ich nicht verzage . - Ja , ich glaub ' s , daß er mir alles sagt , was Du mir schreibst , er versüßt mir die Pausen mit Träumen von ihm und verheißt mir , daß er allen Raum ausfüllen werde mit Geistesblüten , wie das Meer mit Wellen ausgefüllt ist . Ewigkeit ist allumfassendes Empfinden , nicht wahr , das sagt die Narzisse zur Viole , und die senkt den Blick in den eignen Busen und beschränkt sich in die Unumkränztheit der Liebe , die sie da ahnt und fassen lernt . - Nicht alles ist der Liebe fähig , aber wenn ich dem nachgehe , was ihrer fähig ist , dann werd ich ' s durchdringen . Wo soll mein Geist den Fuß aufsetzen , überall ist er fremd , wenn es nicht selbst erobertes Eigentum der Liebe ist . - Versteh ich mich ? - Ich weiß selbst nicht . - Die Augen sind mir vor Schlaf zugefallen , so plötzlich über dem Besinnen , ich muß morgen früh um sieben Uhr den Brief dem Boten mitgeben , überdies brennt mein Licht so düster , es wird bald ausgehen , gute Nacht , Brief ! Der Mond scheint so hell in meine Stube , daß sie ganz klingend aussieht - die Berge gegenüber sind prächtig , sie dampfen Nebel in den Mond . Alleweil will das Licht den Abschied nehmen , ich will aber sehen , ob ich nicht im Mondschein schreiben kann . - Ich bin so vergnügt , wie die Blätter , wenn sie ganz beregnet sind vom Gewitter in der Nacht , und der Himmel wird wieder hell , und sie schlafen dann ruhig ein , weil ' s Gewitter vorbei ist . - Da hör ich schon die ganze Zeit einen fremdartigen Vogel schreien , sollte das ein Käuzchen sein , das die Frau Hoch einen Totenvogel nennt , er schreit ganz dicht vor meinem Fenster ; ach , Günderödchen , ich schäm mich ein wenig , weil ich mich ein wenig fürchte . Meine Stube ist so düster , das Licht wird gleich ausgehn , die Berge da üben sind so grausend , man sieht sonderbare Gestalten , die kleine Quell unter meinem Fenster ruschelt so leis und bedächtig wie ein alt Hausgespenst . Was bin ich so dumm ? - Da fällt mir der Dämon ein , und sollt mich fürchten vor dem Käuzchen , siehst Du , so albern bin ich , und doch macht die inwendig Seel solchen Anspruch , der Geist soll sie heimsuchen , und fürcht mich vor dem Käuzchen ! - Gleich mach ichs Fenster auf und seh nach ihm , da fliegt ' s weg , die Sterne funklen zu Tausenden am Himmel , da unter meinem Fenster steht meine alte Invalidenschildwach und paßt vermutlich auf ein Ständchen von meiner Gitarre , was er gewohnt ist , alle Nacht zu hören , ich werd ihm ein Lied von der heiligen Jungfrau Maria singen , denn es ist heut Maria Himmelfahrt und nicht Sonntag , wie ich irrigerweise sagte , ich hab diese Seite im Mondschein geschrieben , Du wirst nicht lesen können , nun , es schad nichts , es steht auch nichts drauf , was Du notwendig wissen müßtest , es ist mir doch so wohl seit dem kleinen Schauerchen von Furcht , ich hab auch keinen Schlaf mehr . Der Mond schwimmt so eilig hinter den weißen Wölkchen hervor , daß es mir ordentlich im Herzen Gewalt antut . Ich muß singen , sonst muß ich weinen . Gute Nacht ! Bettine Günderödchen . Die Engländer sind recht närrische Passagiere , sie brachten mir einen Brief vom L ' ange mit , der mich warnt , mich nicht in sie zu verlieben . - Der mit dem gepuderten Haupte , Mr. Haise ließ sich gestern in einem Nankingmorgenrock auf der Terrasse sehen und gelben Pantoffeln , die Tonie sah zum Fenster hinaus , sie wollte nicht hinunter , sie schämte sich vor den Leuten , wenn er mit ihr spreche , weil er so absonderlich aussieht . - Ich sah aber , wie er herauflugte nach unsern Fenstern , und wie er die Tonie erblickte , da rief er sie an , bei dem herrlichen Wetter herunterzukommen , ich mußte mit ; er spannte einen grünen Parapluie über ihr auf , um sie vor der Sonne zu schützen , so mußte sie mit ihm die Terrasse auf und ab wandlen , ich lief herauf und machte eine Zeichnung davon , die ich der Tonie ins Arbeitskästchen legte , was sie immer mitnimmt auf die Terrasse zum Tee , und freute mich schon auf die Bewundrung , wenn es erblickt würde . Aber sie legte das Papier schnell zusammen und wickelte Seide drauf ; sie wollte nachher schmälen , ich hatte ihr aber einen so schönen Kranz gemacht von Farrenkraut , der ihr so gut stand und ihre Wunderschönheit noch erhöhte , daß wir ganz kontent auf den Ball kamen , der beinah aus soviel Karikaturen bestand , als Menschen da waren . Der Clemens hat mir aus Weimar geschrieben und mich gewarnt vor dem Verlieben , - überflüssig ! - wär er doch auf dem Ball gewesen - höchstens , daß man einem Rippenstoß ausgesetzt ist , sonst ist keine Gefahr . - L.H. war auch da mit seinen Schwestern , wird alle Tage blauschwärzer von seinen Stahlbädern ; sein extraweißer Jabot und Halsbinde machten dies in die Augen fallend , er war sehr fein und elegant gekleidet , denn da er eine diplomatische Ambition hat , so versäumt er keine Gelegenheit sich standesmäßig auszuzeichnen . Solange wir am Eingang saßen , wo viele Menschen sich drängten , merkte keiner was , als L.H. aber vortrat , um irgendwem sein Kompliment zu machen , entdeckte man und Franz , der an meiner Seite saß , zuerst , daß er statt eines Fracks einen Joppel anhatte ohne Schößen , rund wie ein Fleischerwams , dies sah gar zu närrisch aus , mit schwarzseidnen Beinkleidern , weißseidnen Strümpfen und Schnallenschuh , kurz , vollkommene Hofetikette und Federclaque unterm Arm . - Er hatte , während die Familie sich zum Ball fertig machte , den Überrock angezogen , dann lief er in sein Zimmer , wo ihm der Wind das Licht auslöschte , um den Frack anzuziehen , und ergriff statt dessen einen englischen Halbrock , den die Herrn nach neuster Mode bei kühler Witterung über den Frack anziehen . - Er hatte sich bis jetzt noch nicht von hinten dem großen Publikum präsentiert und noch mit dem Rücken gegen uns gewendet ; es wurde in Eile Konzilium gehalten und beschlossen , zwei Damen , Lotte und die B. sollten ihn gesprächsweise sanft rückwärts schreiten machen , ohne ihm das verfänglich Dilemma , in welchem er sich befinde , zu entdecken , bis er gerettet sei ; dabei sollten Tonie , Franz und Voigt eine kleine Hintertruppe bilden , um seinen Rückzug zu decken ; ich wurde ausgemerzt von dieser Expedition , weil ich vor Lachen über die unerschöpflichen Witze von Franz untauglich dazu war . Der Zug rückte aus und drängte sich schon zwischen manchen verwunderten Blick , der auf dem schößlosen Rücken haftete , sie schlichen immer behutsamer heran , je näher sie kamen , so schleicht man sacht hinter einem Vogel her , dem man Salz auf den Schwanz streuen will , um ihn fangen zu können , aber er fliegt weg , ehe man nah genug kommt ; so kam es auch hier , als sie schon ganz nah waren und eben ihn zu haschen meinten , wendete er sich plötzlich um . Ach ! ich sprang hinter den Vorhang am Fenster und wickelte mich hinein und biß in den Vorhang vor Lachvergnügen und ging nachher auch fort , denn mir war ' s zu übermütig für den Gesellschaftssaal ; der Voigt begleitete mich und erzählte mir , daß die Arrieregarde ihn durchpassieren lassen , sich dann dicht angeschlossen und wie einen vornehmen Staatsgefangenen transportiert bis zum Eingang , dort habe er sich niedergelassen , wo man ihm seine ästhetische Fatalität mitteilte und er sich umgeben von seinen Getreuen zurückzog ; jetzt würden sie wohl die ganze Nacht kein Auge zutun , denn da er bei dem hessischen Hof angestellt sein möchte , so ist ihm gewiß bange , sein Schicksal untergraben zu haben durch den zipfellosen Aufzug . Voigt ging noch eine Weile mit mir auf der Terrasse , wo es so still war , man hörte die Violinen vom Ball ; die Wolken überzogen prophezeiend ( ein Gewitter nämlich ) das Sternenheer und senkten sich auf unsere Berge , die Bäume standen so ehrfurchtsvoll still , den Gewittersegen erwartend ; die ganze Gegend sah aus , als ob sie sich zu ihrem Schöpfer wende , Voigt vergaß darüber seine unzähligen Witze , mit denen er mich überschwemmt hatte , die entfernten Lichter und Feuer , die in den umliegenden Hütten brennten , funkelten durch das Grün der Bäume wie Opferfeuer zum Alliebenden . Soweit man sehen konnte , sah die Welt aus , als ob sie unsern Herrgott um eine sanfte Nacht bitten wolle für alle ; für Dich und für mich , für unser ganz Leben , bis an die letzte Nacht . - So ist die Natur süße Fürbitterin , immerdar ; alle Seufzer wiegt sie ein , so wollen wir ihr denn danken dafür und ihr vertrauen bis an die letzte Nacht . Der Clemens mit seinen Warnungen ? - Ich hab ihm heut geschrieben . Die Linden blühen wohl noch und hauchen einem süß an , aber keine Menschen , und die Natur ist schöner und gütiger und größer als alle Weisheit dieser Welt . Was einer mit mir spricht , darauf möcht ich ihm antworten mit einem Tannenzapfen , den ich ihm in die Hand drücke oder eine Schnecke , die am Weg kriecht , oder einen angebißnen Holzapfel , es wär immer noch gescheiter als die Antwort , die mir einfällt . Mich geht kein Erdenschicksal was an , weil ich doch nicht Freiheit es zu lenken hab . - Wär ich auf dem Thron , so wollt ich die Welt mit lachendem Mut umwälzen , sagte ich gestern abend zum Voigt . » Meinetwegen , « sagte er , » schad ist ' s nicht drum , auf der neuen Seite kann sie nicht verkehrter liegen als auf der alten . Alle die mühseligen Personagen , die etwas unter Narren bedeuten , sind ein absurdes Zeugnis von ihrer lächerlichen Autorität , solche haben so großen Respekt vor ihrer hohen Tendenz , daß sie sich nicht getrauen , sich ins Gewissen zu reden , sie meinen , was durch sie geschähe , wär der Schicksalsschlüssel , der durch sie die Zukunft aufschließt , die schon fertig da läge und nicht erst durch ihren Unsinn verkehrt gemacht wird , sie würden sich nicht getrauen , vollkommne Menschen aus sich zu bilden und allenfalls die Bedürfnisse der höheren Menschenrechte vor sich selber zu vertreten . O nein ! Je dringender die Forderungen der Zeit ihnen auf den Hals rücken , je mehr glauben sie sich mit Philistertum verschanzen zu müssen und suchen sich Notstützen an alten wurmstichigen Vorurteilslasten und erschaffen Räte aller