einander keinen Zweifel trug . » Meine Nichte wird fürs Erste ohne ihren Gemahl hier sein , « fuhr sie fort , » da derselbe Güter übernimmt , welche er seit längerer Zeit besitzt , ohne sie zu kennen ; dann wird er uns auch auf einige Zeit seine liebe Gegenwart schenken , und später mit seiner Gemahlin das Hauptgut in Besitz nehmen , welches die Neugierde der jungen Frau zu reizen scheint . « Miß Eton wünschte der Gräfin Glück zu dieser angenehmen Aussicht , und schien lebhaft von dem Gedanken dieser neuen Bekanntschaft erregt zu sein - dann bat sie die Gräfin um Auskunft über den Unglücklichen , der sie gestern in so große Gefahr gebracht , und um einige Nachrichten über sein Schicksal . » Fürs Erste , « erwiederte die Gräfin , » kann ich Dir die Versicherung geben , daß seine Wunde nicht tödtlich ist : die Kugel ist aus der Schulter herausgelöst , und der starke Blutverlust macht seinen ganzen Zustand selbst bei dem unvermeidlichen Wundfieber milde und ohne die sonst gewöhnliche Gemüthsstimmung . Sein Schicksal wirst Du zum Theil aus seinen wahnsinnigen Reden errathen haben - doch wenige Worte werden Dir noch sagen , wie er zu den besten und ausgezeichnetsten Jünglingen in Ardoise gehörte . Leider hatte ihm die Natur ein allzuweiches , feinfühlendes Herz gegeben , und so unterlag er dem ersten großen Schmerze seines Lebens , der allerdings durch eine schreckliche Katastrophe über ihn herbeigeführt ward . Robert diente mir als Jäger im Schlosse - er war der Sohn des Kastellans . - Durch Tüchtigkeit und Brauchbarkeit erwarb er sich die zunächst aufgekommene Försterei von Ardoise , und entdeckte mir seine Liebe zu Jenny , einem sehr schönen jungen Mädchen , das unter der Aufsicht meiner guten Sulpice trefflich herangewachsen war . Da ihre Neigung gegenseitig , so freute ich mich der glücklichen Wahl , und als Robert die Försterei bezogen , setzte ich den Tag ihrer Hochzeit an . Jenny hatte wahrscheinlich auf seine Bitten eingewilligt , ohne Wissen ihrer mütterlichen Freundin Sulpice , ihren Bräutigam öfter im Walde beim Steinbruche zu sehen , und war , sich verspätend , dann besorgt und eilend den gefährlichen Weg zurückgekehrt . Ihr Wunsch , in das Thal hinabzusteigen , war stets von Robert verweigert worden , der sie mit einem bequemen Wege zu überraschen vorhatte . Dies sind alles nachher ausgeforschte Umstände , theils aus dem wahnsinnigen , sich um diese Punkte anklagenden Vorwürfen Roberts - theils aus nachher gemachten Entdeckungen anderer Dienstleute . Jenny versprach ihrem Geliebten den Tag vor der Hochzeit eine Zusammenkunft - Beide , durch Geschäfte aufgehalten , trafen sich erst spät ; Robert erwartete den Abend seine Aeltern in der Försterei , Jenny mußte zur bestimmten Stunde bei Sulpice sein . Sie trennten sich daher , ohne daß Robert , wie gewöhnlich , sie begleiten konnte . Es war schon dunkler , wie gewöhnlich , der Weg glatt von einem Gewitterregen - die näheren Umstände werden nie zu unserer Kenntniß gelangen - Jenny traf nicht ein - sie blieb auch die Nacht aus - und nun gerieth Alles in Unruhe . Man schickte nach dem Forsthause , sie aufzufinden , und da sie auch dort nicht war , wurden auf allen Wegen Nachsuchungen angestellt . Der unglückliche Jüngling , starr vor Angst und Besorgniß , gab endlich der entsetzlichen Ahnung nach , die ihn nach dem Steinbruche zog . Er hatte sich nicht geirrt ; als man sich der schroffen Stelle näherte - sah man sie zerschmettert in der Tiefe des Thales liegen . Hier auf ihrer Leiche verlor der unglückliche Jüngling seinen Verstand . - Die erste Zeit brachte er in den gefährlichsten Zuständen der Raserei in unserm Krankenhause zu , später milderte sich das Leiden bis zur tiefsten Melankolie , die ihn aber unschädlich machte . - Man gab ihm , gewöhnt an seinen gefahrlosen Zustand , die Freiheit wieder , wonach er sich unablässig sehnte , und der Steinbruch ist nun sein Ruheplatz , von wo aus er des Nachts ruhig nach dem Krankenhause zurückkehrt . Ich bin übrigens durch ihn aufmerksam gemacht worden und kann nicht läugnen , daß der Unglückliche nicht ganz Unrecht hatte , Dich mit seiner schönen Jenny zu vergleichen , denn allerdings gleichst Du ihr in Größe , Gestalt und Farbe . « Miß Eton war sehr bewegt von dieser Mittheilung , und beide Frauen machten an einander die Beobachtung , sich besonders traurig zu finden . Die Gräfin las noch ein Mal den Brief ihrer Nichte und versank dann in tiefes Nachdenken - Miß Eton lehnte mit großer Schüchternheit jeden Spaziergang , auch unter der sichersten Begleitung , ab , und nicht , wie sonst , floß die Unterhaltung in ununterbrochenem Reichthume dahin . Endlich hob die Gräfin lächelnd an : » So wirst Du denn den ältesten Sohn Deiner Freundin im Bilde kennen lernen - der Marquis d ' Anville ist der Sohn dieser schönen Braut . « Tief erröthend blickte Miß Eton vor sich nieder - kaum hörbar fragend , ob er ihr ähnlich sähe . » Nein , « antwortete die Gräfin , - » er gleicht seinem Vater - ähnlich sieht ihr der zweite Sohn , der Graf Leonce , den sie vorzüglich liebte , und dieser wird seine Schwägerin auch hierher begleiten . « Die Unterhaltung stockte wieder - und Miß Eton schien nicht bedacht , zu deren Wiederanknüpfung viel beitragen zu wollen , denn sie hatte ihre Knöpfel ergriffen und schien der entstehenden Spitzenweberei alle Aufmerksamkeit zu widmen . » Ich halte diesen Besuch gerade jetzt für sehr willkommen , da Du , mein armes Mädchen , wahrlich einer Zerstreuung bedarst - das böse Ereigniß hat Dich mehr erschüttert , als Du Wort haben willst und meine eigene trübe Nähe gut zu machen vermöchte . « » O , sagt das nicht ! « rief Miß Eton , und die Arbeit entsank ihrer Hand , als wäre sie gänzlich erschöpft - » Eure theure Nähe wäre es allein , die mich mit mir selbst ins Gleichgewicht bringen könnte ! - Doch , ich muß es eingestehen , daß mich ein Gefühl anderer Art bewegt - ich hatte einen Wunsch , eine Bitte , die ich zaghaft bin , vor Euch auszusprechen . « » Und womit habe ich das verdient ? « sprach die Gräfin fast wehmüthig , die Hand nach Elmerice hinüber streckend . Elmerice kniete in demselben Augenblicke auf dem kleinen Fußschemel der Gräfin , und zärtlich ihre Hand fassend , barg sie das bewegte Angesicht in ihren Schooß . » Sprich , « sagte die Gräfin - » und sei der Gewährung im Voraus gewiß . « » Theure Gräfin , « hob Elmerice an , » die Ankunft so lieber Gäste , die Sicherheit , Euch damit so angenehm und erheiternd umgeben zu wissen , giebt mir Kraft , Euch gerade jetzt auf einige Zeit verlassen zu wollen , und somit ein Versprechen an meine geliebte selige Mutter zu erfüllen , dem ich mich vielleicht schon zu lange entzogen habe , da es mir so schwer ward , mich von Euch zu trennen . « » Wie , Elmerice , « rief die Gräfin erstaunt , » Du willst mich verlassen ? « » Ihr werdet Euch der Jugendfreundin meiner Mutter erinnern , « fuhr Miß Eton fort , den Vorwurf der Gräfin nur mit einem zärtlichen Handkusse beantwortend - » Miß Gray , die meine Mutter damals auf ihrer Reise nach Frankreich begleitete und zurückblieb , ihre Verbindung mit Herrn St. Albans feiernd . Diese Freundin aufzusuchen , habe ich geloben müssen , und vor einiger Zeit Briefe erhalten , worin Madame St. Albans mich dringend auffordert , sie in der Abtei Tabor zu besuchen - dort lebt sie seit ihrer Verheirathung , da Herr Albans die Ländereien der großen Abtei in Pacht genommen hat . « » Ich weiß dies , mein liebes Kind , « sagte die Gräfin , und ein wehmüthig ernster Blick schaute in die Ferne , in der Erinnerung die nie vergessenen Bilder aufsuchend - » aber laß ' mich Dir gestehen , ich sehe diese Verpflichtung , die ich anerkennen muß , nicht ohne Besorgniß . Madame St. Albans ist eine brave , thätige Frau , die auf ihrem Platze alle Anerkennung verdient , aber sie ist kein Umgang für Dich , und ihr Haus kein Ort , wo Du Dich nur einigermaßen wohl fühlen wirst . « » Und doch , « sagte Elmerice muthig , » habe ich ihr einen längeren Besuch zusagen müssen , und ihre große Liebe zu meiner geliebten Mutter hat mir früher dies Versprechen so leicht erscheinen lassen . « » Diese war unbezweifelt rührend , « antwortete die Gräfin , - » und so vollständig als schön ; denn obwohl sie Herrn Albans liebte , schien ihr die Trennung von Deiner Mutter so unerträglich , daß sie fast ihrer Liebe entsagt hätte , dieser nach England folgen zu können . « » Um so auffallender , « rief Elmerice , - » da , wenn ich nicht irre , Miß Gray hier ihre Mutter wieder fand , welche doch ein großes Band an Frankreich werden mußte ! « » Daß es dies nicht ward , « erwiederte die Gräfin , » will ich ihr nicht anrechnen , denn die alte Mistreß Gray hatte sich schon lange vor Ankunft ihrer Tochter von aller menschlichen Gesellschaft zurückgezogen ; sie sah ihre Tochter nur selten und fast ungern ; Miß Gray konnte keinen Anhalt an ihr haben . - Es ist nun lange her , « fuhr sie fort , » daß ich Madame St. Albans sah , die eine Reise benutzte , mich zu besuchen ; sie ist brav und steht eben , wie ihr Gatte , im besten Rufe , aber - was Deine Mutter einst mit ihr bis zur Freundschaft verbinden konnte , lag wohl nur in der Jugend beider , in der zärtlichen Liebe der guten Miß Gray zu Deiner Mutter . « » Laßt es mich dennoch versuchen , « rief Elmerice , » und gebt mir die Aufgabe , auch in Verhältnissen , die mir nicht zusagen , mich bewegen , mich Eurer würdig zeigen zu können - ich würde jetzt , ohne Madame St. Albans zu kränken , mein Wort nicht zurücknehmen können - und das möchte ich der Jugendfreundin meiner Mutter nicht zu Leide thun . « » Und ich Dich nicht dazu veranlassen , « sagte freundlich lächelnd die Gräfin , » nur gebe ich gerade jetzt meine Einwilligung dazu fast ungern - ich sah Dich schon im Geiste mit der holden Lücile in Freundschaft verbunden , und freute mich gerade darauf , wie die lange trübe Einsamkeit Dir so angenehm unterbrochen werden sollte durch diese lieben Gäste ! Auch willige ich nur ein , wenn Du mir versprichst , dort Deinen Besuch abzukürzen , wo ich dann hoffen darf , Du triffst hier noch mit meiner Nichte und ihren Verwandten wieder zusammen . « Mehr höflich , als aufrichtig legte Miß Eton die Bestimmung hierüber ganz in die Hände ihrer Wohlthäterin , und Beide wurden darüber einig , daß Miß Eton am andern Morgen ihre Reise unter dem Schutz ihrer Dienerschaft antreten sollte . Am Abende des andern Tages bog der Wagen der Miß Eton , einen dichten , noch unbelaubten Buchenwald verlassend , in einen breiten Thalweg ein , der bald die fruchtbaren Felder und Wiesen von beiden Seiten zeigte , die , zur Abtei Tabor gehörend , eine lachende , heitere Ansicht gewährten . Der höchstmögliche Standpunkt der Kultur war überall auffallend . Die Wege mit ihren Abzugsgräben , die wohlerhaltenen Verbindungsbrücken und Plankenzäune , die Felder in ihrer regelmäßigen Eintheilung , die Wiesengründe mit den schönsten Heerden , die schlanken , wohlgehegten Stämme junger Obstbäume , die mit ihren , schon in weißer Blütenpracht stehenden , runden Kronen wie Perlenschnüre als Saum sich überall zeigten , die kleinen Gehöfte , die , dazwischen zerstreut , in ihrer wohlhabenden Ausdehnung um sich her den Bedarf des Lebens sich geschaffen zu haben schienen , die kräftigen Gestalten der Männer und Frauen , die rothwangigen Kinder , die endlich diesem Gemälde als Staffage dienten - Alles zeigte das wohlthuendste Bild des Fleißes und der Wohlhabenheit . Miß Eton fühlte sich wunderbar dadurch erleichtert , und abgezogen von sich selbst , schien sie ihre schweren und melankolischen Gedanken in den düsteren Wegen der Wälder , die sie durchreist war , zurück lassen zu müssen . Sie fühlte , sie war hier in eine andere Sphäre versetzt , eine neue Auffassung des Lebens trat ihr entgegen ; und häufig ist dies allein schon hinreichend , uns selbst zu einer Thätigkeit zu wecken , die uns unserm gewohnten Ideenkreise klarer und ruhiger gegenüber stellt . Sie konnte mit Vergnügen an den mäßigen Lebensstandpunkt denken , dem sie entgegen ging , und ohne Furcht vor geistigen Entbehrungen , wollte sie gern das Leben von dieser leichten und materiellen Seite kennen lernen . Doch konnte sie kaum ein Lächeln unterdrücken , als sie gewahrte , wie die Gegend fast immer schmuck-und geschmackloser in ihren Anlagen ward , je näher sie dem Wohnorte der Madame St. Albans kam . Ueberall war der Nutzen erstrebt und erreicht - aber keine Anlage , die neben dieser irgend eine andere Absicht errathen ließ . Noch hoffte sie , die Abtei Tabor , die sich noch immer nicht zeigte , werde irgend eine schönere Ansicht gewähren , und Gartenanlagen sich damit verbinden , aber bald hörte sie auf ihre Anfrage , daß die Abtei mehrere Meilen von dem Wohnsitze des Herrn St. Albans entfernt wäre , und dieser nur ein Vorwerk gleichen Namens bewohne , welches mehr in dem Mittelpunkte der Länderein , die er von der Abtei in Pacht hatte , und daher seinen ökonomischen Zwecken passender läge . Endlich verkündete eine Reihe steinerner Häuser , welche regellos neben einander gelagert waren , die Wohnung des Herrn St. Albans , und bald zeigte der größere Verkehr von Arbeitern und Wagen , daß man sich dem Mittelpunkte einer größeren Betriebsamkeit nahe . Es war noch ziemlich früh am Abend , und alle Vorübereilenden schienen mit dem Tageslichte zu geizen und , ganz in ihre Geschäfte vertieft , nur des bequemen , festen Weges sich bewußt zu sein , der , immer vortrefflicher werdend , den leichtesten Verkehr sicherte . Von diesem regen Leben umgeben , fuhr man endlich an einer langen Mauer entlang und bog dann durch ein offenes Thor in den Hof . Er war in einer großen Ausdehnung von sämmtlichen Scheunen , Ställen und Wirthschaftsgebänden des Amtes umgeben , und das Wohnhaus unterschied sich nur wenig an Höhe und Außenseite , und ward nur als solches durch eine steil nach der Eingangsthür hinauf führende Treppe und zwei Reihen niedriger Fenster bezeichnet . Auf diesem großen Hofe zeigte sich kein Baum , kein Rasen , kein Zeichen der Vegetation . Ein Bassin , roh ummauert , diente dem Nutzen der Ställe , was seine trübe , mit Stroh und Heu bedeckte Oberfläche deutlich verrieth . Niemand eilte der Miß Eton zum Willkommen entgegen , obwohl die Thür des Hauses von herauseilenden Mädchen und Knechten oft geöffnet ward . - Monsieur Lorint , der Kammerdiener , über die ihm ziemlich fremde Art dieser Hauseinrichtung nicht wenig erstaunt , nahte sich nun der Wagenthür und fragte , ob er die Ehre haben solle , das gnädige Fräulein zu melden . » Laßt das , « sagte Miß Eton lachend - » ich will selbst aussteigen und mein Willkommen mir suchen , denn diese fleißigen Leute haben keine Zeit zu dergleichen . « Leicht und von dem alten Diener gefolgt , der , im komischen Gegensatze zu diesem Naturzustande , fast noch förmlicher und devoter ward , seine eigene Würde schützend gegen den Andrang dieser Unkultur - eilte Miß Eton die schmale steinerne Treppe hinauf und flog bei ' m Oeffnen der Thüre in die Arme eines jungen , heiter lachenden Landmädchens , das eben so schnell heraus , als Miß Eton hinein wollte . » Ah , Madame , « rief die erschreckte Schöne , schnell zurückspringend - » ich bitte um Vergebung - ich war so eilig ! « » Und doch werde ich Dich aufhalten müssen , mein liebes Kind , « lächelte Miß Eton , » denn Du mußt mich durchaus bei Madame St. Albans melden , deren Gast ich zu werden denke . « Ein holdseliger Blitz von Freundlichkeit aus den dunkeln Augen des rothwangigen Kindes schien Elmerice ein recht anmuthiger Willkommgruß ; und sie schritt nun mit ihrer jungen Begleiterin in den mittlern Raum des Hauses vor , der ein Speisesaal zu sein schien , die ganze Tiefe des Hauses durchmaß und seine Fenster nach der andern Seite hinaus hatte . Hier bat das junge Mädchen das Fräulein , zu warten - und flog nun leichten Sprunges durch eine der sechs Thüren , die sich in diesem großen Vorsaal öffneten . Miß Eton näherte sich indessen einem der Fenster und sah , daß sich hier gleichfalls kein Baum , keine Gartenanlage zeigte , sondern an einem frisch bestellten Gemüsegärtchen , mit Plankenzaun umhegt , sich ein ziemlich bedeutender Weideplatz anschloß , der aber nur dem kranken , von der entfernteren Weide zurückbleibenden Viehe zur Benutzung diente ; seitwärts war eine kleine Anpflanzung von Nußbäumen , und auf diese richtete Elmerice , von den wenig befriedigenden Aussichten sich abwendend , mit einiger Hoffnung ihre Blicke . Lautes , anordnendes Sprechen nahte indessen dem Salon , bald flog die mittlere Thüre auf , und eine starke , muntere Frau in tüchtiger häuslicher Kleidung , mit Schürze und rasselndem Schlüsselbunde trat mit geschäftiger Eile herein und nahte sich dem ihr gleichfalls entgegeneilenden Fräulein . » Seid Ihr denn wirklich Miß Eton ? meiner lieben Margarith Tochter ? « rief sie mit lauter , klingender Stimme und drückte , innig davon überzeugt , zwei derbe Küsse auf Elmerice ' s Wange . - » Nun , « sagte sie , ohne die Antwort abzuwarten , und indem ihre Stimme plötzlich in Thränen brach , » so hat Gott meinen Wunsch erhört - denn seht , der Wunsch , sie selbst , oder ihr Kind , oder ihren Lieblingshund , oder ihre Katze , oder ihr Kleid , oder seht nur , so viel als ich auf diesem Nagel halten könnte , von ihr zu sehen - der hat mich nie verlassen obwohl ich wenig Zeit zu solchen Gedanken habe ; denn seht , hier ist ein großes lästiges Hauswesen , Alles geht durch mich , wo ich nicht bin , gelingt ' s nicht , was ich nicht thue , unterbleibt , wonach ich nicht frage , vergessen ist es in den andern Köpfen . Aber seht , mein Kind , dazu behielt ich Zeit , und war ' s während des Tischgebets - Gott sei mir gnädig ! - oder zwischen Niederlegen und Einschlafen - nach Margarith mich zu sehnen , behielt ich immer Zeit ! « Wieder kam ein kurzer Anfall von Weinen , den sie jedoch eben so schnell bekämpfte , und nun führte sie Elmerice in ein nach der Weide hinaus gehendes Zimmer . Hier setzte sie sich , zwei Stühle gegenüber rückend , schnell vor ihren jungen Gast , den sie auf einen derselben niedergezogen hatte , und blickte nun mit zwei großen unruhigen Augen das Fräulein an . - » Keinen Zug von Ihrer Mutter ! « rief sie nach dieser scharfen Prüfung - » weiß Gott - fremd , liebes Kind , bis auf die Fingerspitzen ! Großer Gott , hatte ich mich doch so gefreut , ein Ebenbild meiner Margarith zu sehen ! Und doch seid Ihr Miß Eton , die Tochter meiner Margarith . « » Gewiß , « sagte Elmerice , sanft und gerührt - » ich bin die Tochter der Freundin , der Ihr ein so ehrendes Andenken bewahrt , und ihr letzter Wille , der mich bestimmte , in Frankreich zu leben , schloß auch den Befehl ein , Euch aufzusuchen , Euch der innigen Liebe meiner Mutter zu versichern . « » O Gott , Miß ! « rief Madame St. Albans weinend , - » sagt , that sie das ? Gedachte sie mein mit gleicher Liebe , hat sie mich nicht vergessen ? Also Ihr solltet mir ihre Grüße bringen , ihr Kind unterrichtete sie von ihrer Liebe zu mir ! - Ja , ja , darin erkenne ich sie wieder ! - obwohl , Miß Elmerice , es mich schmerzte , als ich hörte , nicht mir , sondern ihrer vornehmeren Freundin , der Gräfin d ' Aubaine , habe sie Euch vermacht . « » Zürnt deshalb nicht , liebe Madame St. Albans - wohl kenne ich die Gründe zu dieser Bestimmung nicht , aber sicher beruhten sie nicht in verringerter Liebe gegen Euch ! « » Ja , ja , ich will es glauben , gern glauben , liebes Kind ! denn ich glaube gern an ihre Liebe . Die Gräfin ist eine Heilige - von hoher Geistesart - sehr erhaben über ihr ganzes Geschlecht . Da reiche ich armer Erdenwurm nicht heran - sie schmückt die Kirche - ich Haus und Hof . Seht , es läßt sich leicht der Heil ' gen-Schein festhalten , und die feinen Ausdrücke , wenn man nichts weiter zu thun hat , als darauf zu passen , daß einem nichts Unebnes entschlüpft - aber hier , wo ich an Alles selbst Hand anlegen muß , mit lauter rohen , dummen Leuten verkehren , bei denen sich übler Wille und Faulheit zu Leichtsinn und Thorheit gesellen , da müssen die Worte breit aus dem Munde fließen , und man wird darum nicht schlechter in so großer Berufsthätigkeit , als solche erhabene Geister , die auf uns herab sehen . « Etwas beschämt von der Rede ihrer neuen Bekannten , schlug Elmerice den Blick zur Erde nieder , um den seltsam heftigen Ausdruck in den sonst trüben Augen der Redenden zu vermeiden . » Glaubt nicht , verehrte Frau , « sprach Elmerice - » daß die Gräfin d ' Aubaine eingebildet auf ihre Vorzüge ist , sie schätzt Jeden nach seiner Weise , und die ihrige ist sehr still und zurückgezogen , denn sie ist wohl nie glücklich gewesen , und sehr kränklich und oft recht leidend . « » Ist sie das ? « rief Madame St. Albans . - » O seht , das beklage ich . Ja , das arme Ding ! wahrlich , wenig Freude hat sie gehabt - Gott richte es ! - und wohl ist sie zu bedauern , und es thut mir herzlich leid , wenn sie kränkelt . Sagt , ist es so ? muß sie viel leiden ? « Elmerice fühlte sich ganz erquickt und erleichtert von der kindlichen Gutmüthigkeit , die in dieser Rede die Oberhand gewann , und war nur bemüht , ihr ein Bild der stillen Geduld zu entwerfen , mit der die Gräfin ihr Leben ertrüge . Mehrere Male wischte sich Madame St. Albans die Augen und sagte dann ganz kläglich : » Gottlob , daß meine gute Margarith , Deine Mutter , sie so leidend nicht mehr sah - denn wahrlich , das hätte ihr das Herz gebrochen . - Aber sieh ' , mein Kind , immer und immer habe ich es Deiner Mutter gesagt : wir beide werden glücklich in der Welt werden , die Franziska aber nie - das geht Allen so , die von Jugend auf immer über den Wolken schweben , und überspannt sind und voll thörichter Schwärmereien ; die machen nicht glücklich und werden nicht glücklich , das ist eine ausgemachte Sache ! « » Gewiß , « erwiederte Elmerice schüchtern - » finden reich begabte Wesen , mit einem höheren und vielseitigeren Bedürfnisse , schwerer den Standpunkt , wo sie sich in ihrem ganzen Reichthum entfalten können , aber es ist ihnen doch nicht als Vorwurf anzurechnen , wenn wir sie selten zu ihrer vollen Wirksamkeit entwickelt sehen ; wo sie sie erreichten , sehen wir sie allen Pflichten gewachsen , sie Alle anerkennend . « Ein sonderbar aufmerksamer Blick streifte hier das Fräulein ; in dem Augenblicke faßte Madame St. Albans den Verdacht , daß ihr junger Gast wohl ebenfalls zu dieser Kaste gehören möchte , und sie stand , sichtlich davon gestört , auf , und indem sie Elmerice bei der Hand faßte , um sie wegzuführen , sagte sie mit dem Tone völlig abgeschlossener Ansichten : » Ja , ja , ich kenne das , mein Schatz ! solche Reden hörte ich oft , aber ich sah auch die zahllos unglücklichen Ehen , die solche Mädchen erlebten , die ewige Hinfälligkeit von Leib und Seele , und weiß , was es eigentlich für Frauenzimmer auf der Welt zu thun giebt , statt so schwierige Forderungen sich anzukünsteln . « Elmerice fühlte sich , hierauf zu erwiedern , nicht geneigt ; noch übersah sie den Charakter dieser Frau nicht , ihre Bescheidenheit und die Furcht , ihr anmaßend zu erscheinen , ließ sie lieber schweigen , da es ihr überdies schien , daß sie beide von ganz verschiedenen Dingen gesprochen hatten , die neben einander jedes wohl ihr gutes Recht behalten konnten , aber einander doch so unähnlich waren , daß an eine Ausgleichung nicht zu denken war . » Ich will Euch jetzt Euer Zimmer anweisen und für Euer Gepäck sorgen , « sagte Madame St. Albans - » denn seht , liebe Miß , ich muß überall selbst die Augen haben , auf die Leute ist kein Verlaß . Doch fürchte ich , « fuhr sie fort , indem ein empfindlicher Ausdruck von Mißtrauen auf ihrem Gesichte erschien , » Ihr werdet großen Abstand finden . Das schöne Schloß von Ardoise findet Ihr hier nicht ; wir sind stille , bescheidene Leute , die auch so Haus und Hof eingerichtet haben ; « und nun suchte sie durch vermehrte Höflichkeit sich selbst über die Unsicherheit zu täuschen , die ihr die Gesinnungen der jungen Dame eingeflößt . Elmerice konnte dies nur zu leicht wahrnehmen , und bemühte sich , fast auf Kosten ihres sonst so ruhigen und natürlichen Wesens , ihre Anerkennung und ihr Vergnügen über Alles , wie sie es vorfand , an den Tag zu legen ; auch war zum Mißfallen nirgends Veranlassung . Eine kleine Treppe , die gleichfalls hinter einer der sechs Saalthüren lag , führte in die obere Etage , und hier fand Elmerice ein so hübsch eingerichtetes Zimmer , in so glänzender Reinlichkeit strahlend , daß es ihr nicht schwer ward , Vergnügen darüber zu bezeigen . - Doch hörte Madame St. Albans nicht auf , Alles entschuldigend und selbst herabsetzend zu besprechen , unter dem oft wiederholten Zusatze : » Aber wir sind stille , bescheidene Leute , « ohne Ahnung , wie die Beilegung zweier solcher Tugenden wenigstens das Prädikat der Bescheidenheit verdächtigte . Bald aber verließ sie ihren Gast , um sich den Anordnungen zur Abendmahlzeit zu unterziehen , und Elmerice fühlte einen Anflug von Erschöpfung und Abspannung , wie er uns am häufigsten kömmt , wenn wir uns einer fremden , in ihrer Art und Weise sicher gewordenen Natur gegenüber fühlen , die wir nicht durch das Hervortreten unserer abweichenden Gesinnungen zu verletzen wünschen , weil wir fühlen , daß wir ihre Eigenthümlichkeit wohl verstehen und achten können , aber überzeugt sind , die unsrige unverstanden und gemißbilligt zu wissen . Elmerice hatte mehr Worte , mehr Höflichkeit in der kurzen Zeit verbraucht , als ihr sonst irgend zu Gebote war . Die leicht hervortretende Heftigkeit der guten Frau hatte sie erschreckt und nur daran denken lassen , sie in milder Stimmung zu erhalten ; sie fühlte im Augenblicke des Alleinseins , daß sie sich angestrengt habe , und sie wußte nicht , ob sie zufrieden oder unzufrieden mit sich sein sollte . Doch bestrebt , mit sich ins Klare zu kommen , hielt sie die Erinnerung an den Zügen von Gutmüthigkeit fest , die ihr unverkennbar aus dem Gespräche mit Madame St. Albans hervorgetreten waren , und beschloß nichts Anderes , als diese , sehen und hören zu wollen . Zur Ruhe gekommen durch diesen Beschluß , richtete sie sich jetzt in ihrem neuen Zimmer ein , und schrieb einige Zeilen an ihre Wohlthäterin , da die Equipage und die Diener anderen Tages nach Ardoise zurückkehren sollten . Diese Zeilen hatten sie in eine größere Gemüthsbewegung versetzt , als anscheinend Grund dazu vorhanden war , und dies wohl fühlend , eilte sie ihre trähnenden Augen an dem geöffneten Fenster zu kühlen . Sie überblickte von hier aus in weiterer Ausdehnung die Gegend und gewahrte bald , daß der Benutzung des Bodens zum Erwerbe jede Annehmlichkeit aufgeopfert war ; nirgend zeigte sich eine Baumanlage , ausgenommen einige dürftige Kastanienstämmchen , die auch den Zweck haben mußten , krankes Vieh darunter zu bergen , denn sie sah ein Pferd , an einen Pfahl gebunden , auf dem Boden liegen . Ordnung , Fleiß und Wohlhabenheit war dagegen der unverkennbare Stempel , der allen Gegenständen aufgedrückt war , und ganz dazu geschaffen , Elmerice angenehm und achtend gegen ihre neuen Freunde zu stimmen . Sie bestärkte sich daher darin , dieser zärtlichen Freundin ihrer Mutter achtend und freundlich entgegen zu treten , und beeilte sich , da die Stunde herangekommen war , zum Abendessen hinunter zu steigen . Der große Saal , oder vielmehr der Hausflur , da er zugleich der Eingang vom Hofe aus war und mit seinen sechs Thüren fast zu allen Räumen des Hauses führte , war mit Fliesen getäfelt , die Wände weiß getüncht und mit einigen Versuchen von Stuckatur versehen . - In der Nähe der Fenster stand ein großer eichener Eßtisch , mit