komme ich wieder mit Tante Auguste . « Der allerliebste Schwätzer hüpfte mit einer Zierlichkeit hinaus , als ob er auf elastischen Sohlen ginge und kehrte auch sehr bald mit einer jungen Dame wieder zurück , deren Schönheit von dem süßen Zauber jungfräulicher Befangenheit noch erhöht ward . » Der da ist ' s , Tantchen , « rief mit schalkhaftem Lächeln der Knabe , » den sollst Du zu Deinem Mann machen , so hab ' ich mir ' s ausgedacht , und das wird gewiß ein prächtiges Brautpaar geben . O , wie freue ich mich , wenn Euch der Bischof mit dem schönen blauen Bande die Hände zusammenbinden wird ! « Ich kann Dir gestehen , Ferdinand , daß ich nicht weiß , wer von uns Beiden durch diese naive Prophezeiung mehr in Verlegenheit gesetzt wurde . Mein erstes Begegnen mit Auguste war sehr seltsam . Ich vermochte weder zu sprechen noch aufzusehen , aus reiner Albernheit präsentirte ich der jungen Dame einen Stuhl . Indeß verflog der Rausch momentaner Betäubung , und wir mußten beiderseits unsern sorgfältig verheimlichten Empfindungen Luft machen in einem herzlichen Gelächter . Felix war darüber ganz glücklich und hätte uns durch seine wiederholten Ausbrüche kindischer Freudigkeit bald auf ' s Neue in Verlegenheit gesetzt . Unablässig klatschte er in die Hände und rief mit kindlicher Innigkeit : » Sie lachen schon , Sie lachen schon ! und Mutter sagt , was sich anlacht und neckt , das liebt sich . « Auguste ist Rosaliens Stiefschwester und wie diese katholischer Religion . Noch ganz Mädchen besitzt sie nicht die stille Sanftmuth , die mehr ein Product weiblicher Ergebung in das Schicksal als reine Ausgeburt sittlichen Bewußtseins ist . Rosalie fesselt gleich der Madonna durch den lächelnden Schmerzenszug , der um die bleiche schöne Stirn einen Kranz weißer Rosen flicht , und mit verborgenem Stachel die schöne Dulderin verwundet ; Auguste dagegen reißt hin durch die hohe Unschuld der Weiblichkeit , deren bewältigende Kraft alles Spröde glättet und ein geschworner Gegner des Gemeinen ist . Je länger ich in diese braunen Sterne blicke , die unter dem zarten Seidenflor der Wimper im milden Feuer hervorbrechen , desto fester wird in mir der Glaube , daß nur dem Weibe die Erlösung möglich werden könne im Leben . Eine unerschöpfliche Fülle von Kraft und Stärke liegt in dem keuschen Blick des Weibes , und ich möchte jedem feindlich gegenübertreten , der frech oder gemein genug ist , der Weiblichkeit die süßesten Reize zu rauben , und sie nur dann als begehrenswerth zu schildern , wenn die Psyche in ihr mit halbgebrochenem Fittig ein Emporschwingen zu erringen sucht . Das Weib ist die Erlösung , und so wenig ich mich einen Anhänger nenne alles dessen , was Dogma und Tradition im religiösen Leben als errettend aufgestellt haben , die weltpoetische Mythe von der Geburt des Erlösers könnte ich zum lebendigen Glauben erheben selbst als Muhamedaner . Nur die keusche Jungfrau konnte in der Poesie der Mythe Mutter werden des Welterlösers , nur sie kann auch in unser Tagen , welche die Uebergesittung und der skeptische Hang des ausschweifend gewordenen Jahrhunderts zu dem blendenden Licht der Ungläubigkeit hinreißt , einzig wiederum Gebärerin werden des rettenden Erlösers ! - Dürfte ich doch diese für mich zum Glaubensartikel gewordene Mythe ausbilden in meinem Sinne , unangefochten von dem Splitterrichter der Bigotterie oder der Angst des Diplomaten und Staatsmannes , die in jedem ausgehauchten Kusse des Herzens einen Dolchstoß fühlen , der die kalte Berechnung des Verstandes mordet ! Mir , Ferdinand , ist die Erlösung keine abgeschlossene , sondern eine ewig fortdauernde . So lange das Weib noch webt in dem Himmelsäther ihres keuschen Daseins , zeugt sich in erhabener Sabbathstille von selbst die Welterlösung fort . Jeder Mann , den die Huld und Wonne des reinen , in junger Liebe erzitternden Weibes fesselt , baut an dem Dom dieser Erlösung . Das Weib allein in seiner Unschuld kann dem irrenden Geschlecht , dem zerrissenen Jahrhundert , wiedergeben , was es verloren hat . Darum heiligt die Liebe , die im Moment der Begeisterung die Gottheit zwingt , herabzusteigen auf die Welt ! Scheidet zwischen dem Gelüst , das Abtödtung sucht , und der heiligen Gluth , die den sterbenden Gott beleben will und aus dem todähnlichen Schlummer küssen im Arm der Keuschheit ! Lasset dem Weibe seine heiligen Schauer , seine ehrfurchtgebietenden Schutzengel - die Anmuth , die Grazie und die Sanftmuth , denen jede Kraft sich gern hingibt . Das Moralische des Weibes ist nur die Liebe , und die Liebe ist die Moralität aller Welt ! - Soll ich mich entschuldigen , daß die Einführung einer schönen Jungfrau mich hinriß zu einem Glaubensbekenntniß , dessen religiöse Weihe zwar noch keine Kirche sanctionirt hat ? Ich überlasse es Deiner Discretion , entschuldigend oder verdammend darüber zu Gericht zu sitzen , hoffe aber , daß sich auch in Dir das menschliche Herz regen und von selbst eine Antwort geben wird auf Fragen , die in allen Sprachen auch ohne Dolmetscher verständlich sind . Es war ein Glück für mich , daß nach dieser Introduction bald mehrere junge Damen eintraten . Einige Männer folgten , weniger vielleicht aus Neigung als um der Convenienz zu genügen . Von scherzenden Gesprächen , in die Felix seine naiven Burleskerien wie zischende Schwärmer warf , ging man zu geselligen Spielen über . Es mangelte nicht an beziehungsreichen Zufälligkeiten , die ein klopfendes Herz so gern für glückverheißende Zeichen hinnimmt . Der verhaltenen Stimme im Innern folgt der Blick , der mit sanft verschämtem Licht hinabsteigt in den feuchten Himmelsglanz des bewegten Auges . Es herrschte eine freudige Ungebundenheit in unserm Zirkel , die von ergreifender Wirkung gewesen sein würde , hätte man die ängstliche Hast dagegen gehalten , mit der im anstoßenden Saale Leidenschaft und Heuchelei die Karten zerknitterten . Der muntere Felix scherzte von Mädchen zu Mädchen , hielt sich aber vorzugsweise an Auguste , die seinen Eigenthümlichkeiten am besten zu begegnen verstand . » Ihr Andern , « sagte er , » seid mir zu geziert ! Ihr lacht , wenn ' s gar nicht paßt , und bedankt Euch , wo ich lieber vor Aerger weinte . Tante Auguste aber spricht immer , wie ' s ihr im Auge liegt , und Sigismund hält ' s eben so . Darum nenn ' ich sie Mann und Frau , was sie auch werden sollen , selbst wenn ' s der Vater zu seinem Gift der Civilisation rechnete . « Es war uns Beiden sehr zu wünschen , daß der kleine Redner die Aufmerksamkeit Aller im hohen Grade erregte . Die Mädchen stritten sich um den braunlockigen Burschen und fragten ihn , welche von ihnen Allen er zur Frau haben wolle ? » Gar keine , « erwiederte er sehr bestimmt , » Ihr müßtet Euch denn ändern . « Diese entscheidende Antwort brachte einen allgemeinen Aufstand unter den muthwilligen Mädchen hervor . Man haschte und jagte sich gegenseitig , um den Knaben zu fangen , und da sich Felix aus dem Staube machte , so war das Zimmer in kurzer Zeit leer . Ich saß allein neben Auguste , vertieft in ein Gespräch , dessen Inhalt sich schwerlich angeben ließe . Das Weib ist nie schöner , als wenn es sich ganz dem Liebreiz angeborner Natürlichkeit überläßt . Diese graziöse Negligenz , in der doch wieder so viel Würde und Zurückhaltung liegen , ist Augusten in hohem Grade eigen . Wenn sie spricht , theilt jedes Glied ihres Körpers die Bewegung , die aus der erregten Tiefe der Seele heraufzittert . Es ist eine Melodie der Schönheit im Körper des Weibes , die tönend herausbricht , sobald der Sonnenstrahl stillen Glückes mit goldenem Glanz Gesicht und Nacken übergießt . Auguste neckt und lockt wie der schmelzende Laut einer Nachtigall , wenn sie Erinnerungen der Kindheit in leisem Gespräch erweckt . Dann fluthet wie eine verdichtete Welle des Rheines das grünseid ' ne Gewand um die schönen Formen , und die langen dunkeln Locken , die das Oval ihres Gesichts halb verstecken , ringeln sich schmeichelnd um den lebendigen Marmor des Nackens . Dann küssen unsichtbare Grazien ein lächelndes Lippenpaar in die vollen Schultern , und der Zug des Herzens verbindet der Enthaltsamkeit die Augen und läßt den Mund nach dem Geschenk der schalkhaften Göttin ein glückliches Suchen anstellen . Bardeloh ' s Eintritt , der meist unerwartet und mit geisterhafter Geräuschlosigkeit erfolgt , störte unser Gespräch , von dem ich nichts mehr weiß , und ich hatte kaum Zeit Augusten einen Besuch in ihrer Wohnung zu versprechen . » Wieder so ganz allein ? « fragte mein Gastfreund . » Man wird sie künftig an Ketten in die Welt hineinziehen müssen . « » Das wird nicht schwer sein , « antwortete Auguste , » denn unser Freund ist von ungemeiner Elasticität . « » Da haben Sie mehr entdeckt in wenig Stunden als ich seit mehreren Tagen . « » Sie wissen ja , daß Entdeckungen meine Force sind , « fiel Auguste lächelnd ein , » und sind Sie es zufrieden , so nehme ich die Verpflichtung über mich , unsern Freund in jede Gesellschaft zu führen , sei sie nun in der großen oder kleinen Welt . Ich glaube , Sigismund wird diesen Antrag nicht unbedingt von sich weisen . « Bardeloh sah mich mit seinem durchbohrenden Blicke an , der glühend und kalt zugleich ist . Ich führte Auguste ' s Hand an meine Lippen . » Der Antrag ist gut , « sagte Bardeloh , » nur seid keine Närrchen ! « Er reichte seiner Gattin , die eben eintrat , den Arm , ich fühlte Auguste ' s Herz an meiner Seite klopfen . » Ersticken Sie die Gemüthlichkeit , diese Kleinbürgertugend aller Deutschen , « sprach Bardeloh zu mir » und sein Sie einmal ein kalter Verstandesmensch . Wer seine Zeit und Zeitgenossen will kennen lernen , muß das Thermometer seines Herzens in der Gewalt haben . « Wir traten in den Saal , die Gasflammen warfen blendende Helle auf die verschiedenen Gruppen der Gesellschaft . » Spiel vereinigt , « flüsterte mir Bardeloh zu , » Spiel ist ein Versöhner alles Zwiespalts , weil es sicher neuen zu erwecken versteht . Als Gott die Versöhnung stiftete , erfand der Teufel das Spiel . - Mir rast allemal der Schauer wehmuthsüßer Verzückung durch Mark und Bein , wenn ich des Würfelspiels der Kriegsknechte gedenke unter dem Kreuze , an dessen Holz der blutende Versöhner Barmherzigkeit und Vergebung mit brechendem zum Himmel gerichteten Auge predigte . - Daß die Weltgeschichte so witzig , so grauenhaft witzig ist ! Hier der sterbende Gott , dort der lachende Teufel , dessen Freude aus jedem Würfelauge triumphirt ! - Sigismund , geben Sie Acht , ob das Spiel am Kreuzesstamme mehr Anhänger gefunden hat , als die weinende Mutter und das Stammeln um Vergebung ! « Wir gingen unbemerkt an den Gruppen der Spieler vorüber . Die katholische Geistlichkeit hatte sich zusammengesetzt . Sie war sehr vergnügt , das unsichtbare Haupt ihrer Kirche schien sie zu einigen . Diese Menschen spielten mit der Ruhe todtgeschlagener Leidenschaftlichkeit . » Ich beneide diese Herren , weil ich ein Bedauern für sie empfinde , « sagte Bardeloh . » Wo sich dies regen kann , hat das Glück noch immer einen Stein im Bret . « Jetzt standen wir in der Nähe des Tisches , an dem jener kleine , blasse protestantische Prediger Platz genommen hatte . Neben ihm saß die personificirte Heiligkeit in Gestalt eines demüthig frivolen Frömmlers . Gegenüber dem Geistlichen der Jude Mardochai . Auguste ' s voller Arm zitterte in dem meinigen . Ich drückte ihre Hand und suchte fragend ihr dunkles Auge . » Diese drei Menschen sind entsetzlich , « rief sie mit unverhehltem Abscheu . » Wenn es deren viele in der Welt gäbe , würde gewiß in kurzer Zeit keine Tugend mehr zu finden sein . « Bardeloh stieß mich an . Die drei Spieler waren so tief in ihre sogenannte Zerstreuung versunken , daß die Außenwelt für sie nicht vorhanden war . » Diese Dreimänner lieb ' ich , « sagte mit unverkennbarem Vergnügen Bardeloh . » Sie haben Charakter und repräsentiren die drei furchtbarsten Parteien der jetzigen Weltbewegung . Hier der Pietist mit seinen aphoristischen Bestrebungen , den Himmel zum Wohnort geistiger Invaliden zu machen , - er saugt seine religiösen Bedürfnisse aus dem Unterleibe , und redet nicht mit Engelssondern mit ganz andern Zungen . Daneben der Unglaube , das Kind einer wilden Ehe , die das Raffinement der Civilisation eingegangen ist mit der Dialektik des ultrarationalen Protestantismus . Gegenüber endlich der Radicalismus religiösen Hasses , ein Produkt fanatischen Bekehrungseifers . Dieser Haß ist der Vater jener unerbittlichen Rache , die mit Schlangenklugheit und der Scheu einer schuldlosen Taube mittelst Küssen und Händedrücken am Christenthume nagt . Mardochai , ein Sohn des Orients in seinen Leidenschaften wie in seinen glühenden Phantasien , ist er doch immer ein Kind der Zeit , worin er lebt . Er wuchert heut ' mit dem Aberglauben , nach dem die Bigotterie der orthodoxen Lehre Verlangen trägt , und verkauft das Bild des Gekreuzigten , an dessen Stamm seine Nationalität unter der Verwünschung des neuen Gottes in sich selbst zusammenbrach ; und schachert morgen mit den Zetteln , worauf mitleidige Christen für die Emancipation des gottverfluchten Stammes stimmten , während er übermorgen die Ideen in seinen Bettelsack schnürt und damit hausiren geht vor den Thüren seiner Unterdrücker . Dies Alles thut er aus Consequenz , aus Haß , aus unergründlich blutigem Haß . Alles bringt ihm Gold - Gold , den Christus aller Welt ! Wenn der Ostermorgen mit harmonischem Glockengetön den Auferstandenen verkündigt und die noch Gläubigen zur Anbetung ruft , schleicht der orientalische Rachegeist an die Pforten der Münsterkirchen und erhandelt von dem blöden Kinde des Glaubens für seine erschlaffende Demuth den Klang des Goldes , das ihm neue Rache erkauft , und auf dem gekrümmten Finger mit schmelzendem Kindeslaut das Geläut der Glocken travestirt . - Diese Dreimänner , junger Freund , sind die Stützen unserer Epoche , weil sie die Schöpfung der Zukunft vorbereiten helfen . Wie gesagt , ich liebe sie . - « Bardeloh zog die Uhr , Mitternacht war vorüber . Ein Zeichen des Aufbruches ließ die Gesellschaft schnell das Vergnügen einer stillen Raserei vergessen . Man empfahl sich . Bardeloh war wieder der liebenswürdige Wirth , der mit aristokratischer Feinheit sich in die weltliche Etiquette hineinzuleben verstand . - Der Jude Mardochai entfernte sich zuletzt , ich folgte dem Halborientalen , um Auguste nach Hause zu geleiten . Beim Weggange reichte mir Bardeloh den Hausschlüssel . » Dies ist ein Instrument , das Sie von heute an brauchen werden , « sagte der wunderliche Mensch . » Köln hüllt sich in hellen Mondnächten in eine mährchenhafte Pracht . Ich hoffe , Sie werden nicht versäumen , in diesem Genusse zu schwelgen . Gute Nacht ! - « Da stand ich , den Schlüssel in der Hand , ehe ich noch recht begriff , wie ich dazu gekommen war . Auguste stützte sich schüchtern auf meinen Arm . Vor uns gaukelte , vom Monde verlängert , der riesenhafte Schatten des Juden , der dem Dome zuwanderte . Mir schien es , als breche ein höhnisches Lachen aus der tiefen Nachtstille und klimme verhallend an den Säulenschäften des gothischen Riesenbaues hinan . - Was konnte wol Bardeloh für Absichten haben , mir einen so gefährlichen Freundschaftsdienst zu erweisen ? Halbträumend , halb in süßem Entzücken schwelgend , geleitete ich meine schöne Begleiterin nach Hause . Ihre Wohnung liegt dicht am Rhein , mit der Aussicht auf den breiten , belebten Strom , das Städtchen Deutz und zur Seite auf die duftige Kette des Siebengebirges mit dem Drachenfels . Als ich Abschied von meiner Begleiterin genommen , hörte ich vom Hafen her in zitternden Klänge eine Violine , die eine lustige Tanzmusik mit einer hinreißenden Virtuosität in die feierliche Nacht hineinjauchzte . Ich horchte lange und ängstlich . Das Licht erlosch im Fenster , an dem ich zuvor noch die Umrisse von Auguste ' s Gestalt vorüberschweben sah . Es ward still . Leise rauschte der Strom durch die Schiffsbrücke , ungewisse Töne schwirrten wie Gedanken , die leise Freiheitswünsche stammeln , vom andern Ufer herüber . Das Mondlicht schlief gaukelnd auf den Blüthen der Wellen , die lustig schaffend die Fluth aus der Tiefe hob . Ein feierlicher Friede zog durch die alt-katholische Stadt , nur in mir war es nicht still . Ich ging noch lange in den engen , winklichen Straßen umher , erst als der Tag im Osten das durchsichtige Augenlid zitternd aufzuschlagen suchte , trat ich den Fußweg an . In Bardeloh ' s Zimmer flatterte noch der bläuliche Glanz seiner melancholischen Lampe . Obwol ich eine unruhige Nacht verlebte , war ich doch sehr , sehr glücklich . - 3. An Ferdinand . Köln , den 4. August . Mit jedem Tage spannen sich hier meine Erwartungen höher . Ich selbst gewinne an Individualität unter diesen geheimen Stößen , seit ich mir nicht mehr allein angehöre . Es ist Alles anders geworden in mir seit dem Abende , wo Bardeloh ' s Haus jene wunderliche Gesellschaft versammelte . Noch dämmert jene stille Mondnacht wie ein glückliches Mährchen in meiner Seele , in der mir zum ersten Male das Geheimniß gelöst ward , von dem Niemand eine Ahnung spürt als diejenigen , in denen es selbst in seligen Räthseln das Leben erzählt . Fürchte nicht , daß ich dich mit Liebesgeflüster langweilen werde . Du sollst von meinem eignen Sein nur dann etwas erfahren , wenn es sich mit dem Geschick von Personen verflicht , die in ihren großartigeren Eigenthümlichkeiten einen Theil des Weltlebens umfassen . In den letzt vergangenen Tagen war ich bemüht , das Innere der Stadt genauer zu besichtigen . Köln ist häßlich , eng , finster . Ein dunkler Schatten , den die Bigotterie des Mittelalters zurückgelassen hat , kriecht rastlos über die Stadt fort und will sich nicht von ihr scheiden . Diese alt-katolische Atmosphäre hat für einen Protestanten immer etwas Beängstigendes . In Köln fehlt es weder an Kirchen noch Klöstern . Auf allen Straßen ragt ein solcher steinerner Zahn gen Himmel , halb zertrümmert oder doch dem Zerbrechen nahe . Und in dem hohlen Gehäuse betet einsam die Andacht ihren Rosenkranz , Weihrauch dampft als eine Ergänzung des ambrosianischen Lobgesanges um den Hochaltar , und die Kerzen dunkeln dem Erlöschen zu , wie geschwächte Augen , die das blendende Licht des hereinbrechenden Tages nicht mehr ertragen können . Ach , mir ward schwer und bang auf meinen einsamen Wanderungen ! Gedanken , vielleicht mehr als groß und unnennbar , weil zu neu , wühlten sich aus dem Schutt der alten Religiosität hervor , und klopften mit dem hellen Puls jugendlich stürmischen Lebens an das bemooste Herz des so verständig still gewordenen Menschengeschlechts . Wie mir da seltsam zu Muthe ward ! Wie mir in diesem weiten , eigentlich öden Köln die Religion unsers Jahrhunderts so verlassen , beinahe verfallen erschien ! Diese Stadt , noch voll innigen Glaubens an die Lehren des katholischen Kirchenthums , kommt mir vor wie ein großes , gothisches Grabgewölbe , das die Entwickelung der Jahrhunderte auseinandergesprengt hat . In den Riß hinein stürzt ein milder Freudenblick des heitern Lebenshimmels und erhellt den weihrauchstillen Raum , in dem der einbalsamirte Leichnam des Gottes schläft , dessen Andenken die Welt mit vollstem Recht zur Religion erhob . Aber Himmel , wie hat sich dieser duldende Versöhner verwandelt ! Das edle Gesicht ist zusammengesunken und darauf liegt der bunte Moderstaub von achtzehn langen Jahrhunderten ! Um den Gesalbten aber kniet , betet , stammelt und röchelt das ungläubige Kind der armen Gegenwart , und ist erfreut , wenn der feuchte Stern der Fäulniß , der auf der verwesten Pupille sein dämmerndes Licht anzündet , es anstrahlt mit der Bewußtlosigkeit des Todes ! - Ja , Ferdinand , komm hierher , in diese heilige Stadt , da kannst Du erkennen lernen , wohin es gekommen ist mit unserm verkannten Christus ! Ich habe heute gekniet an seinem moderbedeckten Leichnam , und bin aufgestanden mit gebrochenem Herzen und dem zitternden Lebensweh : o daß doch Rettung erschiene vom Himmel oder der Hölle für die verlornen Völker Europa ' s ! Ob du mit mir fühlst , was mich beängstigt ? Ob du begreifst , wie in der Vernichtung des Göttlichen , das so grell überall heraustritt , auch ein Zusammenbrechen menschlicher Lebenszustände gegeben sei ? Es wird mir immer gewisser , daß alle unsere modernen Verwirrungen nicht von Grund aus zu lösen sind , wenn wir nicht zugleich die religiösen Elemente von dem angehängten Schmutze zu reinigen suchen . Ein Heimweh des Geistes zieht den Menschen in das Heiligthum seines Schmerzes , das durchduftet ist von einem Aether , dessen verschiedene Bestandtheile sich consolidiren zur Religion . Nennt diesen Aether des Geistes , wie Ihr wollt , es kommt nichts dabei heraus . Immer wird er Religion bleiben , wo er sich auch zeigen , wie er sich auch gestalten mag . Erscheine ich unreligiös , so ist es nicht die innere Nothwendigkeit , die mich dazu antreibt , sondern eine unerklärliche Scheu vor diesem äußerlich Bindenden , die mir Herz und Seele in einen Sklavenring zwängt . Wenn ich beten will , so brauche ich keine Vorschriften . Die Lettern meines Gemüths sind dem Gotte verständlich , zu dem die Begeisterung meine Worte hinweht . - Freilich ist es mir wohl bekannt , daß Ihr , Du und deine Anhänger , immer nur behauptet , ohne Schale verderbe auch der Kern ; ich möcht ' aber nur den Beweis dafür sehen . Gleichnisse führen hierbei zu keinem Ziele , und ich bin gewiß , daß ein der Ueberzeugung des Individuums völlig frei gegebener Cultus trotz seiner äußerlichen Verschiedenheit der innerlich geeinteste sein würde . Das Herz ist sich immer gleich , und betet man blos an , wenn es das Bedürfniß erheischt , so gibt es auch nur eine Art der Anbetung . - Es kommt vielleicht sehr bald eine Zeit , wo ich Dir Ausführlicheres über dieses Thema mittheilen kann . Durch den Kirchenbesuch zufällig darauf geführt , kehr ' ich jetzt wieder zu meiner Berichterstattung zurück . Auch ohne das stillere Gedankenleben drang so Vieles mit wundersamer Gewalt auf mich ein , daß ich mich veranlaßt fühle , davon zu sprechen . Es geschieht nichts ohne Einfluß auf das Ganze , und so trägt auch das kürzlich Gesehene und Erlebte bei , Dir jenes Bild ergänzen zu helfen , zu dem sich mein kleines Leben formt im Zusammenstoßen mit dem anderer und bedeutenderer Individualitäten . Ich besuchte zuvörderst mehrere katholische Kirchen , unter denen ich als die historisch merkwürdigsten nur die Peterskirche mit Ruben ' schen Gemälden , die Gereons- , Apostel- und St. Ursulakirche nenne . Letztere fesselt viele Fremde , da in ihr die Schädel der 11,000 Jungfrauen aufbewahrt werden . Wie gewöhnlich jagte mich von dannen , was Andere hält . Die Todtenschädel mochte ich nicht bewundern . Ich liebe das Leben , das mir ohnehin noch zu todt ist , und Jungfrauenschädel habe ich lieber in lebendiger Frische . Interessanter als diese Schädel war mir daher auch eine in dunkle Seidengewänder gehüllte Gestalt , die in einer Seitenkapelle anscheinend in Andacht versunken auf den Knieen lag . Die Welt sprach zu lockend aus den edlen Formen , die unter der dunkeln Verhüllung hervorschimmerten , als daß ich unbeachtet der Betenden hätte vorübergehen können . Ein Altargemälde betrachtend war ich bemüht , den herabfallenden Schleier mit dem Blick zu durchforschen . Dies schwierige Experiment gelang mir nur zur Hälfte , doch glaubte ich zu bemerken , daß ein paar funkelnde , rheinische Augen sich mehr der Außenwelt zuwendeten , als in innere Tiefen blickten . Das schlanke Mädchen erhob sich , ein Fehltritt machte es schwanken , es wäre beinahe die Stufen herabgefallen . Behend erfaßte ich es am Arm und verschob dadurch den Schleier . Ein weltlich-frohes Gesicht von dem lieblichsten Oval , das ein Stumpfnäschen noch mehr verschönte , lächelte mit naiver Verschämtheit mich an . » Danke dem Herrn , « lispelte das holde Kind , zog , als wolle es mich necken , den Schleier wieder herab und verschwand im Schiff der Kirche . An der Thür trat ein junger Mann zu der Beterin , der lebhaft sprechend mit ihr fortging . Ich folgte dem Paare durch einige Gassen und merkte mir das Haus , in dem es verschwand . Müde des katholischen Wesens , und von Glück und Unglück gleichermaßen gefoltert , trat ich in die protestantische Kirche , weniger , um in diesem Augenblicke meinem Bekenntniß ein Genüge zu thun , als den Contrast recht innerlich durchzufühlen , der in einer ächt katholischen Stadt immer grell dem Protestantismus gegenüber sich heraushebt . Die Kirche war einfach und gänzlich schmucklos . Es mußte eine Frühpredigt oder ein Gebet gehalten worden sein , denn ich bemerkte den Pastor noch in der Sakristei . - Es gehört mit zu meinen Liebhabereien , die Prediger aller Secten möglichst zu beobachten . Daraus läßt sich oft ein ziemlich genauer Schluß folgern auf das Bekenntniß selbst , dessen Vorsteher und Vertheidiger wir in ihnen erblicken . Als der Mann aus der Sakristei durch das Schiff der Kirche ging , traute ich kaum meinen Augen . Es war die Gestalt , Haltung , Physiognomie des hagern , erdfahlen Mannes mit den gestickten Ueberschlägeln , der mir in Bardeloh ' s Hause so widerlich aufgefallen , vor dem sich Auguste entsetzt hatte und dessen ausgeprägte Charakterschroffheit Bardeloh mit Entzücken erfüllte . Unbemerkt wollte ich mich entfernen , der Geistliche hatte mich gesehen und redete mich an . » Sie sind fremd in Köln , nicht wahr ? « - Ich bejahte die Frage . » Irre ich mich nicht , « fuhr der Prediger fort , » so haben wir uns schon im Vorübergehen kennen gelernt . Waren Sie nicht vor einigen Tagen in der Abendgesellschaft bei dem Particulier Bardeloh ? « » Ich erfreue mich seiner Freundschaft und wohne in seinem Hause . « » Das ist viel behauptet ! Bardeloh kennt keine Freundschaft . Dazu ist er zu gebildet . « » Aus dem Munde eines evangelischen Geistlichen ein solches Wort zu vernehmen , kommt mir seltsam vor . « » In der That ? Nun wenn Sie ein Freund des Seltsamen sind , so können Sie bei mir Befriedigung finden . Mein Haus steht Ihnen jederzeit offen . Ich wohne gleich neben an und stehe zu Diensten . Jetzt entschuldigen Sie - meine Amtstracht - « Mit einer stummen Kopfbeugung , begleitet von jenem Glitzern des Auges , das eben sowol Geist als Geringschätzung wo nicht Verachtung der Welt ausdrückt , verließ mich der Prediger . Die wenigen Worte , die er an mich richtete , waren ganz geeignet , eine nähere Bekanntschaft mit ihm zu wünschen . Ich entschloß mich der Einladung zu folgen , sobald als möglich . Die Mittagszeit war bereits herangekommen , als ich den Rückweg antrat . Noch zu wenig orientirt , verlief ich mich in dem Gewirr enger , dunkler Gassen und kam in die Nähe eines der Klöster , die es hier gibt . Die grauen Mauern , die schleichende Stille , die aus jedem Steine seufzt , ließen mich das alte , finstere Gebäude eine Zeit lang betrachten . Das Leben schien ausgestorben um diese Wohnungen des Friedens , wie die Gutmütigkeit religiös-barocker Gemüther die Marterkammern des vom Geschick verfehmten Menschen genannt hat . Gerade über mir in bedeutender Höhe vor einem schmalen Fenster blühte ein dürftiges Röschen , ein Paar Vergißmeinnicht neigten die verweinten Augen schüchtern in das klare Sonnenlicht , dunkle Winde rankte an dem Fensterstock hinan , Epheu mit dem finstern , scheuen Laube griff sich phantastisch herab vom verwitterten Schieferdache und umspann zur Hälfte die enge Oeffnung . Dumpfe , hohle Todtenstimmen begannen die Hora zu singen . Dieser Jammerlaut der Entsagung klang wie der Verzweiflungsruf und das wüste Pochen eines Lebendigbegrabenen an den mitleidslosen Sarg . Kein lebendiges Wesen außer mir war zu erblicken ; am hellen Tage schrie im Thurm die Eule . Der angeborne Abscheu gegen Klöster und Zellen stürzte über mich , wie der Schauer eines kalten Bades ; ich wollte forteilen , als plötzlich mit humoristischem Tone in den fernen Horagesang eine schreiende , lustige Männerstimme einfiel . Horchend blieb ich stehen . Der Ton kletterte an den Wänden herab , ich sah hinauf nach dem Fenster - ein eingefallnes , bleiches Mönchsgesicht leuchtete wie ein gefangener Geist durch das Gewebe des Epheu , das die Winkelspinne der Weltgeschichte anheftet überall , wo die Dunkelheit über das Licht triumphiren will . Anfangs konnte ich nur einzelne Worte verstehen , da aber der singende Mönch sich selbst zu erheitern schien an seinen Versen , den wahrscheinlichen Productionen hirnverzehrender Einsamkeit ; so gestaltete sich bald in der Wiederholung ein Ganzes aus den Bruchstücken . Ich möchte Dir gern eine Probe dieser Klosterzellenpoesie geben , wenn ich nicht fürchten müßte , Dich dadurch zu verwunden . Klöster sind ganz besondere Verwahrungsorte . Ich möchte sie als die Büchsen in der Weltapotheke betrachten , in denen unter hermetischem Verschlusse das potenzirte Gift des Geistes verwahrt wird , wenn die Heiligkeit des reinen Menschen in ihm zu Tode gekitzelt worden ist . Doch ich bin still und füge nur noch bei , daß der Mönch in seinem Liede weltlich frivole Ausdrücke , die an die tiefste Gemeinheit grenzten , so barock , so furchtbar ergreifend mit den feierlichernsten Worten der Hora und des erschütternden alten Kirchenliedes » dies irae , dies illa « zu verschmelzen wußte , daß auch der kälteste Mensch mit Entsetzen vor diesem Gesange zurückschaudern würde .