der siebente Adstringentia , der achte Mitigantia , der neunte Corroborantia ; Ipekakuanha ! ruft der zehnte , nein , Hyoscyamus ! schreit der eilfte ; keines von beiden , sondern Meerzwiebel , sagt ruhig der zwölfte ; dreizehn , vierzehn , fünfzehn , sechszehn , siebenzehn operieren , skarifizieren , amputieren , evakuieren , trepanieren ; Nummer achtzehn hat in der Diagnose recht , Nummer neunzehn findet die Prognose schlecht ; der zwanzigste gibt Borax , der einundzwanzigste Storax , der zweiundzwanzigste findet des Übels Sitz im Thorax ; der dreiundzwanzigste mir Frankenwein bot , der vierundzwanzigste macht mich Kranken scheintot . Aus diesem Zustande erweckt mich ein Homöopath mit 1 / 6000000 Gran Arsenik . Herr Medizinalrat , flüstre ich ihm , entkräftet von vierundzwanzigfacher allopathischer Behandlung zu , Herr Medizinalrat , ich hab ' s vom Lügen ! - Vom Lügen ? versetzt er . Nichts Leichteres dann als die Heilung . Similia similibus . Sie müssen verleumden d.h. lügen mit feindseliger Absicht , dann gibt sich die Krankheit sofort . Ein Blitz fährt durch meine Seele . Nach Schwaben ! rufe ich ; nach Stuttgart ! Doktor Nachtwächter ist ein Menschenfreund , er wird mir die Liebe erzeigen , und mich zu meiner Herstellung einige Zeit lang am Literaturblatte mitarbeiten lassen . - Ich werde in Betten eingepackt , in den Wagen gesetzt , erreiche Stuttgart halbsterbend . Der Herausgeber des Literaturblattes kommt eben aus der Ständekammer , worin er von dem Drucke , unter dem die Kirche schmachte , redete , bei der Beratung der Kammer über das Moststeuergesetz . Edler Mann , sage ich , Sie , aus dessen Antlitz Güte und Redlichkeit leuchten , Nachtwächter Sie Germaniens , der immer abtutet , wie hoch es an der Zeit sei , wenn die Stunde vorüber ist , so und so geht mir ' s. Ich erzähle ihm den Kasus und trage ihm mein Anliegen vor . Gern gewährt , versetzt Nachtwächter , was schiert mich die Literatur ? Er erteilt mir seine Instruktionen für einen Artikel des Blattes , ich fange danach an zu schreiben . Bei der ersten Seite verspüre ich schon Linderung , bei der zweiten Minderung , bei der dritten sammle ich Kräfte , bei der vierten bessern sich meine Säfte , mit der fünften kommt den abgemagerten Gliedern die vorige Rundheit , und die sechste schenkt mir die vollkommene Gesundheit , so daß ich nicht nötig hatte , von Autoren und Büchern , denen etwas versetzt werden sollte , weiter zu schreiben , und Nachtwächtern die Vollendung des Artikels überließ . So half mir das Stuttgarter Literaturblatt homöopathisch von den durchschlagenden Wirkungen der Lüge . Nachtwächter muß in seiner Jugend keinen Rhabarber eingenommen haben , oder keine Imagination besitzen , sonst wäre er an seinem Blatte längst verschieden . Ich aber werde mich wohl hüten , zum zweiten Male gegen das Gesetz der Wahrhaftigkeit zu sündigen , denn Nachtwächter hilft mir nicht wieder , das weiß ich . Er schreit über Undank ; ich hätte an seinem Herde gesessen , er hätte mich aufgenommen , gastfrei , wie der Capitain Rolando den Gil Blas in seiner Spelunke aufnahm , und doch wäre ich so pflichtvergessen gewesen , nicht weiter für ihn lügen zu wollen , als ich mich auskuriert hätte . Auf diese und ähnliche Anklagen führt nun freilich ein alter Vers die Verteidigung , welche also lautet : Die Wahrheit nur verknüpft , die Lüge hält nicht Stich ; Betrügest du die Welt , betrügt der Lügner dich . « Eine Korrespondenz des Herausgebers mit seinem Buchbinder I. Der Herausgeber an den Buchbinder Aber , lieber Herr Buchbinder , was für Streiche machen Sie in jüngster Zeit ! Neulich schicke ich Ihnen : » Zur Philosophie der Geschichte . Von Karl Gutzkow « . Sie aber setzen hinten auf den Titel : » Zur Philosophie der Geschichte von Karl Gutzkow « , so , als ob dieses Buch eine innere Geschichte des Autors enthalte , ungeachtet er doch darin von den toten Kräften und den natürlichen Voraussetzungen in der Geschichte , vom abstrakten und konkreten Menschen , von Mann und Weib , von der Leidenschaft , vom Staat , von Krieg und Frieden , von den Obergangszeiten , von Revolutionen , und endlich vom Gott in der Geschichte handelt ; mithin das ganze Gebiet des historischen Nachdenkens in seinem Werke durchwandert . Heute aber bekomme ich von Ihnen das erste Buch meiner Münchhausenschen Denkwürdigkeiten zurück , und da sehe ich , daß Sie die zehn ersten Kapitel gänzlich verheftet , sie hinter die Kapitel eilf bis fünfzehn gebracht haben . Ich ersuche Sie unter Rückgabe des Buches eine Umheftung vorzunehmen . Der ich übrigens mit Achtung usw. II. Der Buchbinder an den Herausgeber Ew . Wohlgeboren haben mir schmerzliche Vorwürfe gemacht , die ich so nicht auf mir sitzen lassen kann . Ich bin lange genug im Geschäft , und weiß , was es damit auf sich hat . Heutzutage muß , wenn der Autor sich verpudelt hat , ein ordentlicher Buchbinder ein bißchen auf das Verständnis wirken , durch Winke auf den Rückentiteln , oder , wo sie sonst sich anbringen lassen . Die Schriftsteller sind etwas konfuse geworden . Die jungen Leute lesen und lernen zu wenig , aber unsereins , dem sozusagen , die ganze Literatur unter das Beschneidemesser kommt , und der alle die Nachrichten » für den Buchbinder « durchstudieren muß , deshalb aber genötigt ist , noch rechts und links von den Nachrichten sich umzuschauen , o der gewinnt ganz andre Übersichten . Da muß man denn helfen , so gut man kann , und oft läßt sich der rechte Gesichtspunkt für ein Buch feststellen , bloß dadurch , daß man einen Punkt oder ein Komma wegläßt , oder zusetzt , wie denn gerade die Sachen sich verhalten . Bei dem Buche von Karl Gutzkow tat es die Weglassung des Punktes hinter » Geschichte « . Ew . Wohlgeboren ! Ich habe Spittler eingebunden und Schlözer , und Herders » Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit « sind mir wenigstens hundertmal unterm Falzbein gewesen , und jetzt binde ich Ranke viel ein - ich sage Ihnen , die Männer schrieben so schöne dicke Bücher , und so viele Noten und Zitate stehen in den Büchern , daß man sieht , wie die Verfasser sich ' s haben sauer werden lassen mit der Philosophie und der Geschichte - ich sage Ihnen , es ist rein unmöglich , daß man auf 305 Seiten , wie Karl Gutzkow getan , den Gott , und die Revolutionen und den Teufel und seine Großmutter in der Geschichte abhandeln kann . Aber das ist auch gar nicht seine Absicht gewesen , wie sich aus dem Vorworte ergibt , welches ich lesen mußte , weil ich einen Karton einzulegen hatte . Denn darin sagt der Autor , er habe keine andere Quellen zur » Philosophie der Geschichte « benutzen können , als höchstens einige an die Wand gekritzelte Verwünschungen der Langenweile , oder einige in die Fensterscheiben geschnittne Wahlsprüche zahlloser unbekannter Namensinschriften . Wenn er nun das Buch , was er vermutlich auch nur schrieb , um sich die Langeweile zu vertreiben , dennoch herausgab , so konnte das nur in der einzigen Absicht geschehen , Memoiren über seine schlechten und mangelhaftigen Studien zu liefern , und der Titel , wie ich ihn mit goldenen Lettern setzte , ist ganz richtig , nämlich : » Zur Philosophie der Geschichte von Karl Gutzkow « . Warum ich aber die letzten Kapitel Ihres Buches zu den ersten machte , das sollen Sie auch gleich vernehmen . Sie hatten die Münchhausenschen Geschichten wieder so schlicht angefangen , wie Ihre Manier ist : » In der deutschen Landschaft , worin ehemals das mächtige Fürstentum Hechelkram lag , erhebt sich eine Hochebene « usw. , hatten dann von dem Schlosse und seinen Bewohnern berichtet , und waren endlich nach und nach auf den Helden dieser Erzählungen gekommen . Ew . Wohlgeboren , dieser Stylus mochte zu Cervantes ' Zeiten gut und ersprießlich sein , wo die Leser so sacht und gelind in eine Erzählung hineinkommen wollten , wie in eine Zaubergrotte , von der die Märlein singen , daß eine schöne Elfe davor sitzt , und den Ritter mit wunderleisen Klängen in die karfunkelleuchtenden Klüfte lockt . Sie stößt auch nicht in die Trompete , oder bläst die Baßposaune , oder macht Pizzicato , sondern sie hat eine kleine goldne Laute im Arm ; aus deren Saiten quellen unschuldige , naive Töne , wie harmlose Kinder , die um den Ritter Blumenfesseln schlingen , und eh ' er sich ' s versieht , ist er umsponnen und durch den Grotteneingang gezogen , und steht mitten in dem Reiche der Wunder , bevor er nur gemerkt hat , daß er aus der Welt da draußen hinweggegangen ist . Aber heutzutage paßt die Magie eines solchen süßfesselnden Stils gar nicht mehr . Ew . Wohlgeboren , heutzutage müssen Sie noch mehr tun , als die Baßposaune blasen . Sie müssen den Tam-Tam schlagen , und die Ratschen in Bewegung setzen , womit man in den Schlachtmusiken das Kleingewehrfeuer macht , oder falsche Quinten greifen , oder vor die Dissonanz die Konsonanz schieben , wenn Sie die Leute » packen « wollen , wie es genannt wird . Ew . Wohlgeboren , die ordentliche Schreibart ist aus der Mode . Ein jeder Autor , der etwas vor sich bringen will , muß sich auf die unordentliche verlegen , dann entsteht die Spannung , die den Leser nicht zu Atem kommen läßt , und ihn par force bis zur letzten Seite jagt . Also nur alles wild durcheinander gestopft und geschoben , wie die Schollen beim Eisgange , Himmel und Erde weggeleugnet , Charaktere im Ofen gebacken , die nicht zu den Begebenheiten stimmen , und Begebenheiten ausgeheckt , die ohne Charaktere umherlaufen , wie Hunde , die den Herren verloren haben ! Mit einem Worte : Konfusion ! Konfusion ! - Ew . Wohlgeboren , glauben Sie mir , ohne Konfusion richten Sie heutzutage nichts mehr aus . Ich habe , soweit ich vermochte , in diesem Stücke bei den Münchhausianis für Sie gesorgt , und ein bißchen Konfusion gestiftet , soviel es sich tun ließ , damit die benötigte Spannung entstehe . Sehen Sie , so wie jetzt das Heft gebunden ist , kann kein Mensch bisher erraten , woran er ist , wer der alte Baron ist , und das Fräulein und der Schulmeister , und wo sich die Sache zuträgt ? Hat sich aber ein tüchtiger Leser erst durch einige Kapitel hindurchgewürgt , dann würgt er sich auch weiter , denn es geht den Leseleuten so , wie manchem Zuschauer in der Komödie . Er ärgert sich über das schlechte Stück , er gähnt , er möchte vor Ungeduld aus der Haut fahren , aber dennoch bleibt er sitzen , weil er einmal sein Entréegeld gegeben hat , und dafür auch seine drei Stunden absitzen will . Also , Ew . Wohlgeboren , ich dächte . Sie ständen von dem Verlangen nach Umheftung ab . Der ich übrigens usw. III. Der Herausgeber an den Buchbinder Lieber Herr Buchbinder , Sie haben mich überzeugt . Ach , ich lasse mir jetzt von jedermann raten in meinem Metier , selbst von Ihrem Jungen , wenn er mir etwa Vorschläge über das neue Buch machen kann . Es hat mir schon so mancher Junge Zurechtweisungen erteilt , und ich habe sie nicht befolgt und schwer darob büßen müssen . Es soll also bei der Verheftung bleiben , und wenn Sie oder Ihr Junge in der Folge merken , daß ich wieder gegen die Spannung , oder die unordentliche Schreibart gesündigt habe , dann heften Sie nur nach Gutdünken die Kapitel durcheinander , und verbessern auf solche Weise das Buch . Ich glaube sogar , daß ich nicht der erste in solchem Verfahren bin ; Herr Steffens hat gewiß bei seinen Novellen von Walseth und Leith und den vier Norwegern und Malcolm dem Buchbinder eine gleiche Vergünstigung eingeräumt . Vor ein sieben , acht Jahren hätte mir noch keiner so etwas bieten dürfen , aber ich bin - - - - müde geworden , hatte ich geschrieben , lieber Herr Buchbinder , und recht im Vertrauen auseinandergesetzt , warum man in der Welt jetzt so müde werden kann . Zwei Damen aber , denen ich den Brief vorlas , sagten , das dürfe durchaus nicht stehen bleiben ; der müde und weinerliche Ton zieme sich platterdings nicht für mich . Sie haben recht . Mag die Welt uns alles versagen , die Geschichte und die Natur kann sie uns nicht versperren . Ich will die Buben heulen und greinen lassen über das Elend , welches sie doch eben hauptsächlich machen helfen . Nein , Herr Buchbinder , unsere Augen sollen wacker bleiben , und die Wunden sollen uns schön stehen . Aber was halten Sie von dem » Münchhausen « , und was meinen Sie , das aus ihm werden wird ? IV. Der Buchbinder an den Herausgeber Ew . Wohlgeboren , aus dem » Münchhausen « wird nichts ; da Sie denn doch meine Meinung wissen wollen . Dieses tut indessen nichts . Ein Buch , aus dem nichts wird , mehr oder weniger in der Welt , verschlägt nichts . Und dann können wir den einzelnen Abschnitten doch noch in etwa nachhelfen . Für diesen ersten habe ich schon so ein Hausmittelchen in Gedanken . Der ich übrigens usw. V. Der Herausgeber an den Buchbinder Welches Hausmittelchen , lieber Herr Buchbinder ? Ich bin äußerst gespannt auf Ihre ferneren Mitteilungen . Mit Achtung usw. VI. Der Buchbinder an den Herausgeber Ew . Wohlgeboren , Briefwechsel sind jetzt beliebt , wenn sie auch nur Nachrichten von Schnupfen- und Hustenanfällen der Korrespondenten enthalten . Lassen Sie unsern Briefwechsel im ersten Buche mit abdrucken ; der hilft ihm auf . VII. Der Herausgeber an den Buchbinder Auch unsre letzten Zettel ? VIII. Der Buchbinder an den Herausgeber Jawohl . IX. Der Herausgeber an den Buchbinder Wohl ! X. Der Buchbinder an den Herausgeber ( Kuvert um die Briefe des Herausgebers ) Erstes Kapitel Von dem Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr und seinen Bewohnern In der deutschen Landschaft , in welcher ehemals das mächtige Fürstentum Hechelkram lag , erhebt sich eine Hochebne , von braunem Heidekraute überwachsen . Hin und wieder sticht aus dieser dunkeln Fläche ein spitziges Gestein hervor , mit weißstämmigen Birken oder dunkeln Tannen umsäumt . Nach Mitternacht rücken die Steinlager so nahe aneinander , daß sie für eine kleine Gebirgskette gelten können . Verschiedne Fußpfade laufen durch die Ebne , vereinigen sich aber in der Nähe der beiden höchsten Felsen zu einem breiteren Wege , der zwischen diesen Felsen sacht bergan führt . Nach einigen Windungen fällt derselbe in eine Straße , welche ehemals bepflastert gewesen sein mag , nun aber durch ausgerissene Steine und grundlose Geleise mehr das Ansehen eines gefährlichen Klippenweges erhalten hat . Nichtsdestoweniger ist diesem holprichten und halsbrechenden Wege bis auf die neuesten Zeiten der Name der Schloßstraße verblieben . Denn man sieht oder sah , kurz nachdem man sie betreten , das Schloß , welches die Überschrift dieses Kapitels nennt , auf einem ziemlich kahlen Hügel liegen . Je näher man demselben kommt , oder kam , denn am heutigen Tage ist davon nur noch ein Trümmerhaufen übrig , desto deutlicher springt , oder sprang die ungemeine Baufälligkeit des Schlosses in das Auge . Was zuvörderst die Pforte betrifft , oder betraf , so standen zwar deren beide steinerne Pfeiler noch , und auf dem rechten hatte sich sogar der statuarische Löwe als Wappenhalter zu behaupten gewußt , während sein Partner von dem linken Pfeiler hinab in das hohe Gras gesunken war , allein das eiserne Pfortengegitter selbst war längst weggebrochen und zu andern Zwecken verwendet worden . Die Gefahr , welche hieraus für das Gebäude von räuberischen Überfällen zu besorgen stand , war aber nur bei trocknem Wetter vorhanden . Wenn es regnete ( und es pflegt oft in jener Gegend zu regnen ) , so verwandelte sich bald der Burghof in einen undurchwatbaren Sumpf , auf welchem , wenn die Geschichte nicht Lügen berichtet , zuweilen selbst Schnepfen sich hatten betreten lassen . Völlig entsprechend diesem Zugange war das Äußere und Innere des Schloßgebäudes selbst . Die Wände hatten ihre Tünche , ja zum Teil ihren Bewurf verloren . Nach einer Seite hin war die Giebelwand bedeutend ausgewichen und durch einen Balken gestützt worden , der aber am unteren Ende auch schon zu morschen begann , und daher nur eine geringe Zuversicht gewährte . Ließ man sich nun durch diesen Anblick nicht abschrecken , in das Gebäude eintreten zu wollen , so bot die Türe immer noch ein großes Hindernis dar . Denn die Feder war in dem alten verrosteten Schlosse längst untätig geworden , und die Klinke gab nur wiederholtem und gewaltsamem Drücken nach , bei welchem sie aber nicht selten aus ihrer Mutter fuhr und dem Klinkenden in der Hand sitzen blieb . Die Bewohner pflegten sich daher auch mehr eines nach und nach sehr erweiterten Loches in der Wand zum Ein- und Ausgange zu bedienen , und dieses nur für die Nachtzeit durch vorgesetzt Tonnen und Kasten zu versperren . Wenn man die Fenster die Augen eines Hauses nennen darf , so konnte man dieses sogenannte Schloß mit gutem Rechte zum Teil erblindet heißen . Denn nur vor wenigen und den notwendigsten Zimmern waren jene Augen noch ersichtlich , viele andere Gelasse waren für immer durch die zugemachten Läden in Dunkelheit versetzt worden , weil sich die Scheiben nach und nach aus den Rahmen verloren hatten . Zwischen so morsch gewordnen vier Pfählen und in kahlen , vernutzten Zimmern Lauste noch vor wenigen Jahren ein bejahrter Edelmann , den sie in der ganzen Gegend nur den alten Baron nannten , mit seiner gleichfalls verblühten nachgerade vierzigjährigen Tochter Emerentia . Er gehörte zu dem weitläuftigen Geschlechte derer von Schnuck , welches weit umher in diesen Landschaften seine Besitzungen hatte , und sich in folgende Linien , Zweige , Äste und Nebenäste spaltete , nämlich in die I. Ältere , oder graumelierte Linie - Linie Schnuck- Muckelig ; gestiftet von Paridam , Herrn auf und zu Schnuck-Muckelig . 1. Älterer oder aschgraumelierter Zweig - Zweig Schnuck-Muckelig-Pumpel . 2. Jüngerer oder silbergraumelierter Zweig - Zweig Schnuck-Muckelig-Pimpel . II. Jüngere oder violette Linie - Linie Schnuck- Puckelig , gestiftet von Geyser , Burgmannen auf und zu Schnuck-Puckelig . 1. Älterer oder violetter Zweig mit Schüttgelb . Zweig Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf . a. Ast Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf-Mottenfraß . b. Ast Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf , genannt aus der Rumpelkammer . ( NB . Stand nur auf vier Augen . ) 2. Jüngerer oder violetter Zweig , genannt im Grützfelde . Zweig Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher . a. Ast Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher von Donnerton . b. Ast Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage . Davon der Nebenast : Schnuck- Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum Warzentrost . Von diesem Nebenaste war unser alter Baron entsprossen . Die vielfältige Teilung des Geschlechts derer von Schnuck hatte eine bedeutende Teilung des Stammerbes zur Folge gehabt , und namentlich in der jüngeren Linie , welche von jeher durch große Fruchtbarkeit ausgezeichnet war , die Güter in eines jeden Erbherrn Händen merklich gemindert . Man war daher zu der Erfindung überzugehen genötigt gewesen , daß denen von Schnuck alle Kirchenpfründen und alle Kriegsämter im Fürstentume von Rechts wegen gehören ; eine Erfindung , die um so eher bei den Fürsten von Hechelkram Glauben fand , als die Schnucks , wie gesagt , über das ganze Land verbreitet waren , und Vetter Botho sagte , es sei so , Vetter Günter behauptete , es sei so am besten , Vetter Achaz einfließen ließ , die Schnucks und ihr Anhang bildeten die eherne Mauer um den Thron , Vetter Bartholomäus folgerte , weil es notwendig sei , daß die Schnucks existierten , so müßten sie auch die Mittel zu ihrer Existenz , d.h. Pfründen und Ämter , haben , sechsunddreißig andre Schnucks aber noch sechsunddreißig andre Gründe für die Richtigkeit der Erfindung zum Vorschein brachten . Die Fürsten , welche nur von Schnucks umgeben waren , und von diesen nichts anderes hörten , als vorgedachte Reden , mußten wohl endlich an die Richtigkeit der Erfindung glauben . Bedeutend wirkte auch auf die Stärkung dieses Glaubens der Umstand ein , daß nach der Verfassung von Hechelkram der jedesmalige Fürst seine jedesmalige Geliebte aus dem Geschlechte derer von Schnuck zu beziehen hatte . Diese Damen waren aber , wie sich von selbst versteht , im agnatischen Interesse tätig . Die Erfindung war daher bald fest begründet , und gelangte als Anhang in den Landeskatechismus . Nun konnten die von Schnuck unbesorgt hinleben und ihren Samen mehren , wie Sand am Meere . Wenn sie das Ihrige verzehrt hatten , so zehrten sie als Generale auf Regimentsunkosten weiter , und die Söhne , außer einem , ließen sie Prälaten oder Geheime Räte im höchsten Kollegio werden . Denn ich habe die Erfindung nicht ganz vollständig vorgetragen : Nach derselben war jeder Schnuck , wenn er den Zivildienst wählte , geborner Geheimer Rat im höchsten Kollegio . - - » Sie stocken ... Sie seufzen ... Herr Herausgeber ? « » Ach , meine Gnädige , ist es nicht ein Unglück für einen armen Erzähler , daß er immerfort die alten Geschichten wieder aufwärmen muß ? Die Sachen , die ich da berichte , schienen schon vor fünfzig Jahren durch die Romanenschreiber jener Zeiten so verbraucht zu sein ! Und ich muß den längstgekochten Kohl doch wieder zum Feuer rücken ! « » Sie erzählen ja von der Vergangenheit , Herr Herausgeber , und dahinein gehören allerdings solche alte Geschichten . « » Ich danke Ihnen tausendmal für diese Erinnerung , meine Gnädige . Jawohl , ich erzähle von der Vergangenheit , von Dingen , die ab und tot sind , wie die weiland in der Schmiede gewesene Adelskette . Meine Phantasie riß mich nur hin , daß ich mir die Erfindung derer von Schnuck als der Gegenwart oder nächsten Zukunft angehörig vorstellen mußte . Nein , sie wird nicht wieder aufkommen , diese Erfindung ; gegen sie spricht wirklich eine ungeheure Majorität , die Majorität aller rechtlichen Leute , die es sich haben sauer werden lassen in der Welt . Also nur ohne Stocken und Seufzen weiter in diesen Sagen der Vorzeit ! « Unser alter Baron hatte in seinen jungen Tagen von dem Herrn Vater nur das Schloß Schnick-Schnack-Schnurr ererbt , welches früherhin ein Pachthof gewesen , und erst späterhin zu seinem Ehrentitel gediehen war . Es warf jährlich etwa zweitausend Gulden ab , oder höchstens zweitausendfünfhundert . Der selige Vater hatte das Wohnhaus wohl in Fach und unter Dach erhalten , die Wappenlöwen standen recht majestätisch auf den beiden Pfeilern , zwischen denen sich eine eiserne Pforte befand , wie sie nur sein mußte , der Hof war damals auch noch gepflastert , und in den Zimmern hingen schöne bunte Familienbilder , standen rötlich lackierte Stühle und Kommoden mit goldnen Leisten . Hinter dem Schlosse aber hatte der Vater einen Garten in streng-französischem Geschmack anlegen und Schäfer und Liebesgötter von Sandstein hineinsetzen lassen . Zweitausend oder zweitausendfünfhundert Gulden jährlich sind zwar nur ein schmales Einkommen für einen Edelmann , allein unser alter Baron hätte sich damit in seiner ländlichen Abgeschiedenheit doch wohl aufrechtzuerhalten vermocht , wenn er nur nicht mit dem Gedanken aufgewachsen wäre , er sei geborner Geheimer Rat im höchsten Kollegio . Aber seit seinem vierzehnten Jahre legte er sich mit dieser Vorstellung nieder , und stand mit derselben morgens wieder auf ; sie gab ihm eine Sicherheit des Bewußtseins , welche nichts zu erschüttern vermochte . Gelernt hatte er , die Wahrheit zu sagen , wenig oder nichts , sein Herr Vater war dagegen , und der Meinung gewesen , viel wissen sei für einen Kavalier unanständig . Er hatte eine freie , sorglose und gutmütige Sinnesart ; es vergnügte ihn , andern mitzuteilen , und sein eignes Vergnügen liebte er nicht minder . Er gab gern Gastereien , ging gern mit einem Dutzend guter Freunde auf die Rehjagd , und hielt nach dieser Anstrengung ein , womöglich hohes Spielchen mit seinen Weidgenossen für die beste Erholung . Auch wenn er allein war , speiste er nicht gern unter sechs Schüsseln , wozu , wie sich von selbst versteht , alter Rheinwein vom besten gehörte . In Kleidern hielt er sich sauber , Diener unterhielt er nicht übermäßig viele , etwa fünf oder sechs für sich und seine Gemahlin , die aus der älteren , oder graumelierten Linie , aus der Linie Schnuck-Muckelig-Pumpel entsprossen war ; nebst einer Kammerjungfer und einer Garderobiere für diese seine Gemahlin . Letztere hatte nun wieder ihr hauptsächliches Vergnügen an Brillanten , Perlen , Roben und Spitzen , und ihr Gemahl versagte ihr in Beziehung auf solche Gegenstände keinen ihrer Wünsche ; denn , sagte er , wenn das Zeug auch viel kostet , so gehört es einmal zu unserm Stande , und was standesmäßig ist , kostet nie zu viel . Ermüdete unsern alten Baron die häusliche Einförmigkeit , so machte er mit Gemahlin , Kammerjungfer , Garderobiere , mit den fünf oder sechs Dienern und diesem oder jenem Hausfreunde , welcher auch der Erholung bedürftig war , und ihn um Mitnahme ansprach , interessante Reisen in die benachbarten fremden Länder , von denen er dann neugestärkt zu seinen Gastereien , Jagden und Spielen zurückkehrte . Diese stillen Familienfreuden mundeten ihm nach solchen Ausflügen immer doppelt wohl . Der Himmel hatte seine Ehe mit einer einzigen Tochter gesegnet , welche in der heiligen Taufe den Namen : Emerentia erhielt . Dieses Kind war von jeher ausnehmend schwärmerischer Art , es verdrehte schon als Säugling die Augen auf eine wunderbare Weise . Als die kleine Emerentia größer wurde , hörte sie ihre Mutter fast von nichts andrem erzählen , als von den Damen der Linien Schnuck-Muckelig und Schnuck-Puckelig , welche die Geliebten der Fürsten von Hechelkram gewesen waren . Die Mutter zeigte auch dem Kinde diese Damen unter den Familienbildnissen ; lauter schöne Frauenzimmer mit hohen Frisuren , gelben , grünen oder roten Adriennen , großen Blumensträußen und entblößten Schultern ! Da sie nun immerfort von den Geliebten hörte , und die Frauenzimmerbildnisse ihr gar zu wohl gefielen , so setzte sie sich in den Kopf , daß sie ebenfalls zu einem solchen Berufe ausersehen sei , ein Gedanke , der noch mehr befestigt wurde , als der Fürst Xaverius Nicodemus der Zweiundzwanzigste von Hechelkram das Schloß besuchte . Er nahm die damals dreizehnjährige Emerentia auf den Schoß , liebkoste ihr zärtlich , und fragte sie : » Willst du mein Bräutchen werden ? « Sie bedachte sich nicht lange , sondern versetzte rasch : » Ja , wie alle die Damen , die da hangen . « Der Fürst hob die Kleine vom Schoße und sagte lächelnd zu ihrer Mutter : » Ah , la petite ingénue ! « Die Zeit verwischte zwar den Fürsten Xaverius Nicodemus den Zweiundzwanzigsten , da sie ihn nicht wiedersah , allgemach aus ihrem Herzen , dagegen setzte sich in ihr die Standesvorstellung , die Vorstellung an sich , daß sie bestimmt sei , mit einem Hechelkramischen Fürsten in zärtliche Verhältnisse zu treten , immer fester in ihr , wobei sie sich durchaus nichts Arges dachte , woran sie aber mit solcher Innigkeit hing , wie ihr Vater an seinen Geheimenratsgedanken . Weil nun das Herz nicht in das Leere seinen Drang versenden mag , sondern gern an liebevoll-gediegner Wirklichkeit ausruht , so hatte ihre schwärmende Phantasie nach einigem Umherschweifen im leeren Raume auch bald den sichtbaren Gegenstand gefunden , der ihr den künftigen Liebhaber unter den Fürsten von Hechelkram vorbilden mußte . In der Tat war dieser Gegenstand ganz geeignet , die Einbildungskraft eines fühlenden Mädchens knacken , der Mund wollte zwar seines Berufes wegen für die Gesetze reiner Verhältnisse etwas zu groß erscheinen , aber ein schwarzer Schnurrbart von wunderbarer Fülle , welcher über den Lippen hing , machte diesen Übelstand wieder gut . Die großen , grellen , himmelblauen Augen blickten sanft und grade vor sich hin , und ließen auf eine Seele vermuten , in welcher die Milde bei der Stärke wohnte . Bekleidet war dieser idealisch-schöne Nußknacker mit einer rotlackierten Uniform und weißem Unterzeuge ; auf dem Haupte aber trug er einen imponierenden Federhut . Emerentia hatte ihn zu ihrem Namenstage geschenkt bekommen . Sobald sie seiner ansichtig wurde , erzitterte sie , erseufzte sie , errötete sie . Niemand verstand ihre Regung . Sie aber trug den Nußknacker auf ihr einsames Zimmer , stellte ihn auf den Kamin , blickte ihn lange glühend und weinend an , und rief endlich : » Ja , so muß der Mann aussehen , dem sich dieses volle Herz zu eigen ergeben soll ! « Von der Zeit an war der Nußknacker ihr vorläufiger Geliebter . Sie hielt mit ihm die zärtlichsten Zwiegespräche , sie küßte seinen schwarzen Schnurrbart , sie hatte dem ganzen Verhältnisse eine so tiefe Beseelung gegeben , daß sie jederzeit des Abends , wenn sie sich zum Schlafengehen entkleiden wollte , schamhaft zuvor ihrem Freunde auf dem Kamin das Haupt mit einem Tuche verhüllte . Nußknacker ließ sich das alles gefallen , stand zuversichtlich auf seinen Füßen , und blickte mit den großen , blaugemalten Augen mildkräftig vor sich hin . Emerentien hatte diese schöne Liebe rasch gereift . Von der Natur war sie , wenn auch nicht mit Reizen , doch mit blühenden Gesichtsfarben und runden Armen ausgestattet worden ; es konnte ihr daher an Verehrern unter den benachbarten Landjunkern nicht fehlen . Aber sie schlug alle Bewerbungen von der Hand und sagte , sie folge ihrem Ideal und gehöre der Zukunft an . Unter dem Ideal verstand sie den auf dem Kamin und unter der Zukunft einen Hechelkramischen Fürsten . Ihre Eltern ließen ihr ganz