mit ihr Walter Scotts Lady of the Lake zu lesen . Die Amme , welche diesmal , wie immer in solchen Fällen , die Stelle der Gouvernante bei der jungen Prinzessin vertrat , war eben im Begriffe , in ihrem weichen bequemen Armstuhle hinter dem großen Ofenschirme in sanften Schlummer zu gerathen , als ebenfalls weit früher als gewöhnlich , und augenscheinlich etwas verdrießlich , Eugen zu ihnen sich gesellte . Sitzt Ihr doch da , als befändet Ihr Euch selbst auf einer unbewohnten Insel mitten in See , rief er , nachdem er einen Blick auf das Gedicht , welches sie mit einander lasen , geworfen ; ist es hier doch so still , so heimlich , so ruhig ; und keine funfzig Schritte von Euch tobt der langweiligste Saus und Braus , den man sich denken kann . Arme , kleine Helena , ich habe mich fortgeschlichen , um mich ein Stündchen bei Dir zu erholen , aber hier ist es doch gewaltig einsam und still ! setzte er sich dehnend , mit schlecht verhehltem Gähnen hinzu ; sage mir nur , was in aller Welt hat seit einiger Zeit unsre Mama bewogen , Dich wieder in die Kinderstube zu versetzen ? Helene versicherte , sich dabei sehr wohl zu befinden , auch Richard meinte , es wäre doch sonst fast zu lebhaft hier zugegangen , Eugen aber wollte das Alles nicht gelten lassen . Warum müssen denn meine Freunde aus Deiner Gegenwart , Schwester , gänzlich verbannt sein ? fragte er : warum treffe ich sogar Deine Freundinnen niemals mehr bei Dir an ? warum darfst Du von ihnen nur förmliche Visiten annehmen und erwiedern ? Was sind das alles für Neuerungen , und was ist der Grund davon ? Sind doch alle Freuden , die sonst hier herrschten , uns wie abgeschnitten ! Scherz und Spiel ! Lachen und Tanz und Herzenslust ! wo seid ihr hin ! setzte er mit komischem Pathos , tragirend und deklamirend hinzu . Das geht nicht mehr so , wie Du es wohl meinst ; ich habe keine Zeit zu verlieren , wenn ich noch alles lernen soll , was ich lernen muß . Glaube mir , Bruder , die Langeweile plagt mich nicht , ich habe vom Morgen bis zum Abend vollauf zu arbeiten : erwiederte Helene , und sah ganz allerliebst altklug dazu aus . Das alles ist wahr und gut ; aber man muß doch auch nach der Arbeit seine Erholungsstunden haben : sprach Eugen . Auch an diesen fehlt es mir nicht , wie Du siehst , erwiederte Helene , indem sie lächelnd auf Richard und das vor ihnen liegende Buch deutete . Ich seh ' es wohl , rief Eugen halb lachend , halb ärgerlich , Richard ist nun einmal der Auserwählte ; aber warum können denn wir , ich und meine übrigen Freunde , nicht eben so . gut als er , uns mit Dir erholen ? Ich weiß es wohl und sag ' es nicht , erwiederte Helene mit lächelndem Trotz , kreuzte die runden weißen Arme über einander , und lehnte , ein Liedchen summend , im Sofa sich zurück . Kleines eigensinniges Ding , Du sagst es nicht ? aber ich erfahre es doch , lachte Eugen , und holte mit schmeichelnder Gewalt die Amme aus ihrer dunkeln Ecke hinter dem Ofenschirme hervor . Mütterchen , liebe Alte , bat er , komm Du unser alles wissendes Hausorakel ; komm , setze Dich hieher zu uns , weise , vielerfahrne Pythia , und beantworte mir die Fragen , auf welche der kleine Trotzkopf nicht antworten will . Aber so thut doch nur die Augen auf , so könnt Ihr Eure Fragen Euch selbst gar leicht beantworten , sprach lachend die Amme ; schaut Euch selbst nur an , und meine junge Gebieterin dazu ; seid Ihr aus den beiden kleinen Bübchen , die mir mein Herzenskind oft genug umgerannt haben , nicht ein paar stattliche , junge Herren geworden ? und meint Ihr , mein Prinzeßchen wäre hinter Euch zurückgeblieben ? Urtheilt selbst , ob es für ein junges erwachsenes Fräulein sich wohl schicken würde , mit Euresgleichen Ball- und Pfänderspiel zu spielen . Oder soll sie etwa auch , wie ihre Schwester Natalie , in der großen Tanzstunde ihr Herzchen verlieren ? wer kann wissen ob der , welcher es etwa aufnähme , den Eltern so genehm wäre , als Fürst Konstantin zum Glück es ist ; und da hätten wir des Herzeleids genug ; setzte die Amme , über ihre eigne Übereilung augenscheinlich erschreckend , hinzu . Darum also ? etwas mag daran sein , erwiederte Eugen langsam gedehnt . Nun , Freund Richard , setzte er hinzu , mache Dich also nur darauf gefaßt , nächster Tage wirst auch Du verbannt . Das wird er nicht , gewiß nicht ; fiel Helene sehr lebhaft ein . Nicht ? und warum er allein nicht ? fragte Eugen . Warum ? das ist mir nicht recht klar ; aber wäre das auch , ich sagte es doch nicht ; übrigens weiß ich es gewiß , antwortete Helene . Ich weiß es auch , nebst dem Grunde dazu , aber ich sage es ebenfalls nicht ; mir ist als hätte ich schon zu viel gesagt ; sprach mit bedenklichem Kopfschütteln die Amme . Der Gouvernante Ankunft beendete dieses Gespräch , und Eugen begab sich mit seinem ziemlich nachdenklich gewordenen Freunde wieder zur Gesellschaft zurück . Schon am folgenden Tage ließ Richard sein Nicht-Erscheinen an der Tafel mit einem unbedeutenden Unwohlsein entschuldigen ; dennoch wieß er alle ärztliche Hülfe von sich ab . Trübe und einsam weilte er mehrere Tage lang in seinem Zimmer , ohne dasselbe zu verlassen ; und sogar dem Einzigen , dem er den Zutritt nicht versagte , weil er sich nicht abweisen ließ , sogar seinem Freunde Eugen gelang es nicht , ihm ordentlich Rede abzugewinnen . Mit allen Bitten und Fragen war nichts weiter aus Richard herauszubringen , als fast ängstliches Flehen , Geduld mit ihm zu haben , ihn nur noch wenige Tage sich selbst zu überlassen , und Versicherungen , daß er gewiß sehr bald gesunden werde , wenn man ihm nur erlauben wolle , kurze Zeit ganz einsam zu bleiben . Eugen verkannte den Ausdruck tiefen innern Leidens an seinem Freunde nicht , aber er sah auch , daß nicht eigentliches Kranksein , kein physischer Schmerz , diesem Leiden zum Grunde liege . An Verzweiflung gränzender Gram , namenloses Seelenleiden , furchtbarer Kampf sich widerstrebender Gefühle , tobten im innersten Gemüthe des Unglückseligen . Eugen sah es wohl , aber er wußte den Grund dazu auf keine Weise sich zu erklären . Er gab es auf , den Freund , dessen täglich mehr verfallende Gestalt mit banger Besorgniß ihn erfüllte , mit Fragen länger zu quälen , die immer nur mit rührenden Bitten um Nachsicht , um Geduld , um Einsamkeit , erwiedert wurden ; aber er fing an , ihn mit scharfer Aufmerksamkeit zu beobachten , um zu errathen , was man ihm nicht bekennen wollte . Oft überfiel er ihn in seinem Zimmer , wenn Richard sich dessen am wenigsten versah , und wenn er in später Nacht vom Balle oder von andern Festen zurückkehrte , blieb er lauschend an Richards Thüre stehen . Gewöhnlich hörte er ihn dann noch mit unruhigen Schritten im Zimmer auf und abgehen , oft sogar laut und vernehmlich mit sich selbst sprechen , eine Gewohnheit , welche Richard von seiner Kindheit an gehabt hatte . Ein verborgner Sinn lag in Richards Worten , das ließ sich nicht ableugnen , aber wie diesen heraus finden ? Zuweilen brach er auch in halb ersticktes bittres Lachen aus , und der Gedanke , irgend ein großes unbekanntes Unheil sei über seinen Freund hereingebrochen , das bei dieser ängstlichen Art es zu verhehlen ihn dem Wahnsinne zuführen könne , erfüllte den lauschenden Eugen mit unbeschreiblichem Grauen . Thor , blinder erbärmlicher Thor ! die sprechendsten Beweise unbegränzter Verachtung treffen dich , und du nimmst sie für Auszeichnung , für Gunstbezeigungen , und triumphirst darüber innerlich ! ist es nicht zum Todtlachen ? sprach Richard einst heftig bewegt zu sich selbst . Willst du es denn wirklich abwarten , daß man in den Sumpf dich zurückwirft , aus welchem man zu augenblicklichem Gebrauche dich gezogen ? setzte er nach einigem Schweigen , mit gedämpfter Stimme , fast flüsternd hinzu . Der Schooshund darf in der vornehmsten Gesellschaft am Ofen liegen bleiben , die Hauskatze darf in allen Winkeln herumschnurren , und an die Füße der Herrin sich vertraulich schmiegen , was thut es ? was ist an solchen Hausthieren gelegen ? wer achtet auf sie ? sprach er einst im Tone ruhiger Überlegung . Sie haben es sehr gut in der Welt , denn sie amüsiren , fuhr er weiter fort ; sie werden gepflegt , gefüttert , gestreichelt , sie haben es ganz außerordentlich gut , diese Thiere . Warum sollte ein Mensch es nicht eben so gut haben wollen , wenn er es haben kann ? Geduldet werden , weil man zu unbedeutend ist ! es ist das bequemste Leben von der Welt , setzte er ironisch lachend hinzu . Pfui ! pfui ! und hundertmal pfui ! rief er plötzlich laut aufstampfend , und ging heftig , mit zornigen Schritten , im Zimmer umher . Eugen hörte es schaudernd , und suchte vergebens sich zu erklären was er hörte . Altes redseliges Hausorakel , weise viel erfahrne Pythia , so nannte er dich ja ? dir danke ich viel , und du verdienst den Namen : sprach Richard ein andermal . Und als ob in düstrer Nacht ein unerwarteter Strahl des Lichtes ihn träfe , so fuhr Eugen zusammen , der wieder lauschend an der Thüre stand . Die Amme ! ja sie war es die Richard meinte , sie mußte es sein , und Eugen begriff nicht wie es möglich sei , daß er nicht schon längst auf den Gedanken gekommen , sie um Rath zu fragen . War sie doch die Vertraute der Fürstin Eudoxia , wie der kindlich ihr ergebenen Helena ; blieb ihr doch nichts was im Palaste seines Vaters vorging verborgen , erfuhr sie doch jedes Wort , das gesprochen wurde im Prunkgemache der Fürstin , wie in der dumpfigen Kammer des niedrigsten Knechtes ! Eugen erinnerte sich jetzt deutlich , daß Richard am Morgen nach jenem letzten Abend , den sie beide bei Helenen zugebracht , die Amme besucht habe , was sehr selten geschah . Er selbst hatte ihn gesehen , wie er ziemlich bleich , mit wankendem Schritte aus ihrem Zimmer in das Seine ging , das er seitdem nicht wieder verlassen . Sie war folglich die letzte gewesen , die in gesundem Zustande ihn gesehen , und sie allein konnte wissen , welch unerwartetes Unheil in der kurzen Zwischenzeit vom Abend bis zum Morgen über den Unglücklichen hereingebrochen sei , das in diesen unerklärlichen Zustand ihn versetzte . Eugen beschloß dies Geheimniß von ihr herauszubringen , es koste was es wolle . Es war kein leichtes Unternehmen ; denn bei aller ihrer Redseligkeit war Frau Elisabeth doch nichts weniger als schwatzhaft . Sie hatte verschweigen gelernt ; mit dem ihrem Geschlechte wie ihrem Stande eignen Mutterwitze hatte sie eine gewisse schlaue Vorsicht sich angeeignet , welche durch lange Gewohnheit ihr zur zweiten Natur geworden war , und nicht leicht entschlüpfte ihr ein unüberlegtes Wort . Auch hätte Eugen den Inhalt ihres letzten Gespräches mit Richard wohl schwerlich aus der verschwiegenen Vertrauten des ganzen Hauses herausgebracht , wenn er nicht durch seine lebhafte Beschreibung des traurigen Zustandes des Kranken zuerst ihr innigstes Mitleid zu erregen , und hinterdrein durch verständliche Andeutungen der Gefahr , daß er in Wahnsinn verfallen könne , sie in Furcht und Schrecken zu versetzen gewußt . Vor allem lag der vorsichtigen Frau daran , unter diesen Umständen ihre eigne Schuldlosigkeit an Richards Erkranken ins hellste Licht zu stellen ; sie gestand , daß er an jenem Morgen sehr düster , sehr schwermüthig zu ihr gekommen sei , um sich bei ihr Rathes zu erholen ; aber sie behauptete auch , daß er vollkommen erheitert und getröstet sie verlassen habe . Nichts habe , versicherte sie , ihn zu ihr getrieben , als die ihn quälende Sorge , daß , ungeachtet aller Versicherungen des Gegentheils , er selbst eben so wohl als Eugens andre Freunde , am Ende doch noch aus Helenas Nähe verbannt , von ihrem näheren vertrauteren Umgange ausgeschlossen werden würde . Nie , nie werde ich mich trösten , wenn auf diese Weise mir der einzige Weg verschlossen wird , dem edlen Hause , das so viel an mir gethan , dadurch nützlich zu werden , daß ich fortfahre , die mir unter dem Schutze desselben erworbenen Kenntnisse zur Ausbildung der seltnen Talente der jungen Prinzessin zu verwenden , wie ich bis jetzt es gethan : hatte Richard mit dem Ausdrucke inniger Betrübniß so lange wiederholt , sich so bestimmt geweigert , den Versicherungen der Amme , daß dieses keinesweges zu befürchten stehe , Glauben zu schenken , bis sie durch Gründe von der Wahrheit derselben ihn zu überzeugen sich entschloß . In klaren , nichts bemäntelnden Worten hatte sie , freilich unter der Bedingung unverbrüchlicher Verschwiegenheit , ihm nicht nur alles entdeckt , was Helena damals aus dem Gespräche ihrer Eltern über diesen Gegenstand entnommen , sondern auch wie die Fürstin Eudoxia selbst , und in noch weit stärkeren Ausdrücken , gegen sie , die Amme , sich darüber geäußert . Genug , Richard hatte auf durchaus nicht schonende Weise von Frau Elisabeth erfahren , was ihm ewig hätte verborgen bleiben müssen , und diese glaubte es ganz vortrefflich gemacht zu haben , während sein stolzes Herz unter dem Gefühle lange unwissend ertragener tiefer Entwürdigung brechen wollte . Der Amme fiel es nie ein , an ihrer Herrin zu zweifeln ; und weil diese von dem in der Natur gegründeten Unterschiede zwischen hoch und niedrig Gebornen überzeugt war , so glaubte auch sie daran , ohne sich dadurch im mindesten verletzt oder verachtet zu fühlen . Im Himmel wird es anders sein , dachte sie zuweilen , dort sind wir alle gleich , sagen die Popen ; und doch , wer weiß ? Von allem was er hier vernommen seltsam ergriffen und bewegt , verließ Eugen die Amme . Daß er weit davon entfernt war die Ansichten seiner Mutter mit ihr zu theilen , bedarf wohl kaum der Erwähnung ; aber die wirkliche Lage seines Freundes , die ihm jetzt zum erstenmal klar geworden war , fiel , eben weil sie so plötzlich vor ihm aufstand , mit Centnerschwere ihm auf das Herz . Auch er , eben so wenig als Richard selbst , hatte früher nie an die wesentliche Verschiedenheit ihrer beiderseitigen Stellung in der Welt gedacht , auch nicht an den gewaltigen Abstand der Ansprüche , welche sie beide an das Leben zu machen berechtiget waren . Richard war ihm von jeher nur als ein geliebter Bruder erschienen , mit dem er alles theilte ; wie anders mußte von heute an es werden ! Er begriff ganz den bittern Unmuth , die stille Verzweiflung des Freundes , er litt mit ihm schmerzlich und tief ; aber ihm blieb der Trost , der jenem mangelte ; denn fest und unerschütterlich stand der Entschluß in seinem Gemüthe , alles anzuwenden , um den Freund seinem unwürdigen Zustande zu entreißen , ihn zu heben , zu tragen , und um jeden Preiß die zwischen ihnen im Innern herrschende Gleichheit auch im Äußern wieder herzustellen , und zwar auf immer . Beim regsten innigsten Mitgefühle vermochte Eugen doch nicht , die ganze Schwere des Unglücks , das auf seinem Freunde lastete , zu ermessen . Als verwöhnte Lieblingskinder des Glückes waren beide neben einander erwachsen , und ihre Jugenderinnerungen konnten nur freudiger Art sein ; denn von allem , was frühere bedrücktere Zustände ihm zurückrufen konnte , war auch Richarden , wie schon erwähnt wurde , nichts geblieben als seine Muttersprache , die ihm überdem sogar in diesem fremden Lande als ein besonderer Vorzug angerechnet wurde , um dessentwillen er von vielen gesucht ward . Plötzlich aufgerüttelt aus der süßen Unbewußtheit goldner Jugendträume , mußte ihm jetzt zu Muthe sein wie einem , der auf seidnem Lager entschlief , und unter Sturm und Gewitter , auf öden meerumspülten Felsen , allein und verlassen erwacht . Ärmer als er jetzt sich fühlte , hat noch kein Menschenkind sich jemals gefühlt . Von allem was ihn umgab , was er sonst , ohne alles Bedenken , als ihm angehörig betrachtet hatte , war , wie es ihm schien , außer dem nackten Leben nichts mehr Sein ; er wähnte nicht einmal mehr auf das Obdach über seinem Haupte ein Anrecht zu haben ; fürstliche Gnade hatte ihn darunter aufgenommen , fürstliche Laune konnte ihn verjagen , sobald es ihr beliebte , ihn nicht mehr darunter zu dulden . Immer wilder , immer verworrener wogten , kreuzten sich seine Gedanken , bis sein Elend den höchsten Gipfel erreichte , und er vor Jammer und Mitleid mit sich selbst zu vergehen glaubte ; da endlich erwachte sein eigenes besseres Selbst . Und bin ich denn aber wirklich so elend ? so ganz auf fremde Hülfe angewiesen ? rief eine tröstende Stimme in seinem Innern : habe ich nicht auch Eltern ? ein Vaterhaus , ein schönes hochgepriesenes Vaterland , wo ich hin gehöre , wo ich daheim bin ? Nur wer sich selbst aufgiebt , sich selbst verläßt , ist warhaft verlassen . Er suchte sein aufgeregtes Gemüth auf alle Weise zu beschwichtigen ; er schloß die Augen , und strebte mühsam , dunkle Erinnerungen seiner frühesten Kindheit , die traumartig Jahre lang in ihm geschlummert hatten , hinauf an das Tageslicht zu beschwören . Sie erwachten , sie traten aus dem Dunkel hervor . Das schmuzige enge Städtchen Nottingham , das kleine unscheinbare Haus , in welchem seine Eltern wohnten , die räuchrige kellerartige Küche , in der seine Mutter das spärliche Mittagsmahl für die Familie mühselig bereitete . Er sah die Arbeiter unter den staubigen Baumwollenballen , im niedrigen Magazine herumstören , er glaubte sogar die scheltende Stimme seines Vaters zu hören , vor der er sich oft in den dunkelsten , abgelegensten Winkeln des Hauses verborgen , und fühlte dem Allen sich gänzlich entfremdet . In seiner Brust regte sich kein liebendes Gefühl ; mit innerem Grauen erfüllte ihn der Gedanke an jenes dunkle enge Leben , zu welchem er doch eigentlich geboren war ; ihm schauderte davor , aber verloren gab er sich darum doch nicht . Richard nahm alle seine Kraft zusammen , um zu nüchternem gelassnem Besinnen sich zu zwingen . Greise , Weiber , Kinder , mögen klagen und jammern , rief er , Männer helfen sich selbst , oder gehen unter im Versuch ; nur der ist verlassen , der sich selbst verläßt , sei künftig mein Wahlspruch . Zwar habe ich mein zwanzigstes Jahr noch nicht vollendet , aber ich bin eine frühreife Frucht meines Geschicks , es hat vor der Zeit mich mündig gesprochen , und ich darf sagen , ich bin ein Mann . So kaltblütig als es ihm nur immer möglich war , fing er jetzt an , alle Vortheile und Nachtheile seiner Zustände zu überlegen , und gelangte endlich zu dem Entschlusse , in die Welt zu gehen , die weit offen vor ihm lag : zunächst nach Amerika , wo so viele seines Gleichen Glück oder Untergang suchen und finden . Der Einzelne kommt überall leicht durch , tröstete er sich selbst , nur Freiheit ! Unabhängigkeit ! Selbstständigkeit ! sei es meinetwegen auch bei Wasser und Brod . Er gefiel sich in dem Gedanken , und malte mit den lebhaftesten Farben seiner ohnehin sehr gespannten Fantasie ihn sich aus . Schmerzliche Wehmuth ergriff ihn , indem er den Abschied von seinen fürstlichen Pflegeeltern sich dachte , die immer ihm wohlgethan , die er mehr als seine eignen Eltern geehrt und geliebt ; von dem vertrauten innigsten Freunde seines Herzens , von Eugen , der mehr als Bruder ihm gewesen , von Helena - da war es plötzlich um seinen Muth gethan ! auch Sie sollte er nicht mehr sehen , nicht mehr hören ; die Hauptbeschäftigung seines bisherigen Lebens , jeden ihrer Wünsche zu errathen und zu erfüllen , die Freude , bei allen ihren schönen anmuthigen Arbeiten ihr hülfreich zur Seite zu stehen , sollte er aufgeben auf immer und immer : es war ihm undenkbar . Was die süßeste Gewohnheit ihm Jahre lang verborgen gehalten , ward jetzt in einem Augenblicke ihm furchtbar klar , und zum erstenmale fühlte er , welche unzerreißbare Bande ihn an den Boden fesselten , den sie betrat . Strenge ging er mit sich selbst jetzt ins Gericht , und sprach von jeder vorgefaßten Hoffnung , von jedem thörichten Wunsche sich frei , den er in seiner jetzigen Lage für unverzeihlichen Unsinn erklären mußte . Nichts glaubte er zu wollen , als sie sehen , die nämliche Luft mit ihr athmen , ihr dienen ; in jener so verzeihlichen Schwärmerei der ersten Liebe eines reinen jugendlichen Gemüths war er überzeugt , daß er nie Höheres wollen noch wünschen werde . Doch diesem Glück zu entsagen schien ihm unmöglich , er fühlte mit unbeschreiblicher Seelenangst seine Unfähigkeit , mit fester Hand in seine Zukunft einzugreifen , und versank von neuem in hoffnungslose düstre Trostlosigkeit . So fand ihn Eugen , als er zu ungewohnt später Stunde zu ihm zurückkehrte . Mit so viel äußerlicher Unbefangenheit , als er nur erzwingen konnte , legte dieser jetzt seinem Freunde von seinem langen Außenbleiben Rechenschaft ab ; erzählte von Besuchen , die er doch endlich einmal habe machen müssen , ohne jedoch den bei der Amme zu erwähnen ; brachte von seiner Mutter und seinen Schwestern Grüße und Ermahnungen , sich wohl zu pflegen , um recht bald wieder zu gesunden , und kündigte zuletzt ganz unbefangen , als etwas ganz Gleichgültiges , den nahen Besuch seines Vaters an , der nur noch einiger überlästigen Visiten sich zu entledigen habe , ehe er selbst komme , um sich durch den Augenschein von Richards Befinden zu überzeugen . Als ob etwas ganz Unerhörtes vor seinen Augen sich zutrüge , starrte Richard seinen Freund an . Der Fürst selbst ? Fürst Andreas ? zu mir will er kommen ? er selbst , und hieher , zu mir ? flüsterte er todtenbleich , beinahe unhörbar ; die Stimme versagte ihm vor innrer Bewegung . Thust doch als geschähe es zum erstenmal , sprach lächelnd Eugen ; besinne Dich doch nur , wie bist Du denn heute ? haben nicht beide , mein Vater und meine Mutter , oft an Deinem Bette gestanden , wenn Du krank warst ? Seit wir nicht mehr Kinder sind , und mit Kinderkrankheiten nichts mehr zu thun haben , ist glücklicherweise der Fall nicht wieder vorgekommen ; aber was ist es denn Besonderes , wenn ein Vater seinen kranken Sohn besucht ? Und hat er nicht stets Dich als solchen gehalten und geliebt , und warst Du nicht immer mein Bruder und bist Du es nicht noch ? O stille ! stille ! stille ! kaum habe ich meine Vernunft wieder erlangt , verlocke mich nicht von neuem , sprach Richard sehr bewegt . Ich weiß jetzt , ich weiß , wiederholte er einigemal , und sank , ohne seine Rede vollenden zu können , dem Freunde durch und durch erschüttert an die Brust . Der verheißene Besuch des Fürsten Andreas unterbrach eine Scene , die für beide Freunde zu angreifend zu werden drohte ; doch sah und hörte er beim Eintreten in das Zimmer noch genug davon , um sich in der schon durch Eugens Bericht vorgefaßten Meinung zu bestärken , daß Richard mehr geistig als körperlich leide . Er liebte wahrhaft den Jüngling , der unter seinen Augen , man möchte sagen , unter seiner Pflege , so kräftig und schön heranblühte , und war in diesem Augenblicke nur darauf bedacht , ihn vor dem geistigen Untergange zu bewahren , der , wenn er so fortführe , ihm drohte . Mit wirklich väterlicher Milde und Freundlichkeit suchte er anfänglich durch anscheinend gleichgültiges Gespräch die zu heftige Anspannung dieses reizbaren Gemüthes herabzustimmen , und ergriff , nachdem ihm dieses gelungen , den ersten günstigen Augenblick , um fest und bestimmt zu erklären , daß Richard nur einer ernsten Beschäftigung bedürfe , um schnell und für immer von seinen Leiden geheilt zu werden , die ich , setzte der Fürst freundlich hinzu , mit Deiner Erlaubniß am liebsten Grillen und Einbildungen nennen möchte . Mit dem lebhaftesten Eifer trat Eugen der Ansicht seines Vaters bei ; Richard war an Leib und Seele zu abgespannt , zu gedrückt , zu froh , auf fremde Hülfe in seiner Unentschlossenheit sich stützen zu können , um gegen Vater und Sohn anzukämpfen , die beide jetzt in ihn drangen , sich zur Wahl eines , seine Zukunft fest bestimmenden Planes zu entschließen , zu dessen Ausführung ihm alles zu Gebote stehen solle , was er nur bedürfen könne . Von ihm durch keinen Widerspruch gehindert , fing Richards wohlmeinender Beschützer nun an , dem noch immer in dumpfen Trübsinn Versunkenen eine lange Reihe glänzender Vorschläge für den Lebensweg vorzulegen , an dessen Wendepunkte er jetzt stand . Der zuerst mit zartester Schonung kaum angedeutete , im Falle ihn das Heimweh ergriffen , ihn zurück nach England zu senden , und auch dort allen Beistand , dessen er bedürfen könne , ihm zu gewähren , wurde von dem ehrgeizigen Jünglinge widerwillig , fast zürnend zurückgewiesen , und der Fürst rechnete in seinem Herzen diese Weigerung als einen Beweis seiner liebenden Anhänglichkeit ihm hoch an . Andre Vorschläge , die diesem ersten folgten , wurden zwar besprochen und geprüft , dennoch aber am Ende , unter irgend einem scheinbaren Vorwande , dankend ausgeschlagen . Das Gespräch zog sich gewaltig in die Länge . Meistens von Richard selbst aufgefundene Schwierigkeiten thürmten überall dem trefflichen Wollen des Fürsten sich entgegen , der vielleicht nicht mehr fern davon war , die Geduld darüber zu verlieren , als Richard plötzlich wie inspirirt aufsprang , und mit krankhafter Heftigkeit höchst überraschend für die militairische Laufbahn im Dienste der russischen Krone sich erklärte . Fürst Andreas und sein Sohn blickten beide verwundert ihn an , und mochten ihren Sinnen kaum trauen . Nie , selbst nicht als Knabe , hatte Richard die mindeste Neigung zum Soldatenstande gezeigt , weshalb sie diesen in die Reihe der ihm dargelegten Vorschläge auch gar nicht aufgenommen hatten . Der Ort , das Land , wo wir geboren wurden , ist darum noch nicht unser Vaterland ! rief Richard mit sein ganzes Wesen verklärendem Enthusiasmus . England war nichts weiter als meine Wiege ; früh genug warf sie , achtlos was aus mir würde , mich aus ! Hier , wo mein eigentliches Leben unter dem Schutze und der Pflege der Edelsten des Landes erst begann , hier in Rußland ist meine wahre Heimath . Rußland , dem ich Alles verdanke , ist mein Vaterland , und von heute an weih ' ich mich feierlich seinem Dienste bis ans Ende meiner Tage . Nun bist Du wahrhaft mein Bruder ! rief Eugen mit glänzendem Auge und drückte , in freudiger Überraschung , den Freund an die Brust ; auch der Fürst umarmte ihn , und sprach in den wärmsten Ausdrücken seine Zufriedenheit mit diesem Entschlusse aus . Sie blieben alle drei noch lange beisammen ; mancherlei , auf Richards Vorbereitung zu der von ihm erwählten Lebensbahn Bezug habendes , wurde besprochen ; manches Beispiel von tapfern bedeutenden Männern , älterer und neuerer Zeit , wurde erwähnt , die ohne durch hohe Geburt oder großen Reichthum unterstützt worden zu sein , zu den höchsten Ehrenstellen in der Armee sich hinaufschwangen . Und so war denn wirklich diese Abendstunde zu dem am Morgen dieses Tages von ihm selbst noch nicht geahneten Wendepunkte in Richards Leben geworden ; doch nicht allein die Zukunft eines bis dahin unbedeutenden englischen Knaben , auch die vieler hundert andren Menschen , vielleicht selbst die eines großen Reiches , wurde durch diese Stunde bestimmt . Darum wage keiner , auch auf das anscheinend unbedeutendste Ereigniß achtlos herunter zu sehen . Wer kann wissen , ob es nicht die Schneeflocke ist , die vom Hochgebirge niederschwebend , zum Kern der Lawine wird , welche in ihrem zerstörenden Laufe zum Ungeheuern sich vergrößernd , Hütten , Wandrer und Heerden dem Untergange zuschleudert . Ein ganzes Jahr verging , ohne daß in Richards früheren glücklichen Verhältnissen die mindeste Abänderung eingetreten wäre . Mit brennendem Eifer strebte er im Laufe desselben die , für seine künftige Bestimmung ihm noch mangelnden Kenntnisse sich zu erwerben , und Gesundheit und Frohsinn kehrten bei rastloser , wohl angewandter Thätigkeit ihm wieder zurück . War es Mitleid ? war es früh ihr zur Gewohnheit gewordene Liebe ? wahrscheinlich war es beides , was die Fürstin Eudoxia bewog , während dieser Zeit sich fast noch milder und freundlicher als zuvor gegen den Jüngling zu bezeigen , dessen ihrer Ansicht nach ihm angebornes Mißgeschick ihre innige Theilnahme erregte . Als endlich der Zeitpunkt erschien , wo Richard das gastliche Dach , das in früher Kindheit ihn aufnahm , verlassen mußte , um seiner künftigen Bestimmung zu folgen , da war es Eudoxia , die zuerst auf den Gedanken kam , ihn , dessen bloßer Anblick verrieth , wie schwer jetzt am Scheidepunkte das Gefühl des Verlassenseins von neuem auf ihm laste , durch mannigfaltige Beweise der Theilnahme und des Andenkens beim Eintritte in seine neue Wohnung trostbringend begrüßen zu lassen . Von nun an fühlte Richard sich weit glücklicher und freier , als er in seinem früheren Mißmuthe für möglich gehalten . Bedeutend