wie ich sie wohl manchmal aus Halle oder Jena wahrgenommen hatte . Ich setzte mich schweigend , grüßte mit leisem Wort , und da mich der junge Nimrod-ähnliche Mensch lange ansah und fragte , wer ich sei ? so sagte sie kaltsinnig und fremd : Der Herr ist ein Bekannter meines Bruders , der ihn einmal zu uns gebracht hat . Sie befinden sich doch noch wohl ? wandte sie die Frage an mich . Mir war aber , als wenn ich etliche gordische Knoten im Innern des Halses hätte , die sich mit keinen Worten wollten auflösen lassen . Wenn wir also , fuhr das junge Genie fort , unsere Kömödie , die Nebenbuhler , noch spielen , liebste Hedwig , wie wir abgeredet haben , so kann der junge Herr hier wohl der Junker Ackerland sein ? - Ich Junker Ackerland ! ich als Histrio ? als Mimus ? Zu meinem Widerwillen gegen den Stiefelmann gesellte sich nun noch die tiefste Verachtung , da ich hörte , daß er sich also entwürdige , in der Larva aufzutreten . Die unbereuende Sünderin bestrebte sich , mich niemals anzusehen , und tat überhaupt , als wenn ich ein fremder Elefant , oder umziehendes Tier wäre . Sie schenkte mir ein und spritzte unversehens einige Tropfen auf die hirschledernen Beine des Gewaltigen . Er lachte , und goß ihr den Rest seines Glases auf das Kleid , indem er sie handfest anpackte und wie ein Satyr lachte . Nun habe ich es wettgemacht ! rief er aus , und sie lachte ebenfalls , als wenn sie auf ewig ihr ehemaliges edles Antlitz unter das neue tierische unterschieben und verbergen wollte . Die Eltern kamen nun und begrüßten mich kalt und gleichgültig . Betäubt wie ich war , ging ich mit in die Stadt zurück und setzte mich in ihrer Gesellschaft zu Tische . Die beiden Lacher saßen nebeneinander . Da hörte ich denn , daß er in kurzem , weil er reich sei und beschützt , eine Stelle in einem andern Städtchen erhalten würde ; man trank auf seine und der Braut Gesundheit . Ich glaubte , dunkles Blut hinunterzutrinken . Der seelsorgende Greis war wirklich seitdem gestorben , aber ich dachte jetzt nicht daran , um diese Stelle nachzusuchen , die man mir mehrmals schon versprochen hatte . Noch in der Nacht ging ich zurück . Mich dünkt , ich habe hin und wieder auf dem Wege geweint . O , werte Gesellschaft ! es war ein höchst betrübter Tag , an welchem ich die akademische Würde erlangte . Ich disputierte , ich ließ mir die Haare scheren , und setzte zum erstenmal eine Perücke auf mein Haupt . Aber die Lust daran war dahin . Ich ging zu meinem Vater und wollte mich ihm adjungieren lassen , aber ich erhielt seine Stelle nach seinem Tode nicht , weil man mir sagte , daß ich gegen den Patron immer sehr grob gewesen sei , obgleich ich mich äußerst bestrebt hatte , mich mit der submissesten Ergebenheit zu betragen . Überhaupt war es traurig , daß sich in der Zeit , als ich nun den für mich höchsten Gipfel erstiegen hatte , die Welt schon in die Verwandlung zu begeben anfing , die sie seitdem immer mehr und mehr entstellt hat . Ich hatte schon früher bemerkt , daß manche Magister ohne Perücke gingen , daß die Neologie und Heterodoxie die alte wahre Lehre und die gründlichen Studien zu verdrängen anfingen ; ich glaubte , was Rechtschaffenes gelernt zu haben , aber wohin ich kam , hieß es , ich sei mit allen meinen Kenntnissen um funfzig Jahre zurück ; nirgend konnte man mich brauchen , nirgend fand sich eine Stelle für mich , allenthalben Achselzucken oder höhnische Reden über meine Pedanterie , wie man es nannte , und so fand ich mich endlich darein , nur hier und da der christlichen Jugend noch auf gutgemeinte und gottgefällige Weise nützlich zu sein , und so bin ich auch , nach mancherlei Wanderungen , endlich in diese liebe Stadt und zu meinen verehrtesten Freunden allhier gelangt . Lange nachher kam ich einmal durch die Stadt , nach welcher sich meine Ungetreue hin verheiratet hatte . Ich ging vor ihrem Hause vorbei , und sie schaute aus dem Fenster . Lieber Gott , ich war älter seitdem , aber sie war häßlich geworden . Ich weiß nicht , ob sie mich wiedererkannt hat ; da war doch nichts von dem Mutwillen , Lust und Scherzhaftigkeit geblieben . Sie sah mich an und mochte sich in ihrem Sinn verwundern , warum ich also fleißig dort gehe und sie beschaue ; es war , als wenn die Not , der Jammer der Welt , der schon seit uralten Zeiten die Menschen bedrängt , als wenn alle Trübsal , von der ich gelesen , mich aus ihren Blicken betrachtete ; ich bin kein abergläubischer Mann , aber ich floh , denn mir dünkte , mir sei ein Gespenst erschienen . Sie lebte unzufrieden mit ihrem Mann , der sich dem Trunk ergeben hatte , und sie hatten keine Kinder . Dieses ist jene Geschichte , Verehrte , die ich mich nicht habe ermäßigen können mit Ihrer Erlaubnis vorzutragen , damit Sie sehen , daß , obwohl ich gleichsam fast versprochen war , und ein Recht hatte , über dieses gebrochene Wort zu trauern , ich dennoch nie verliebt gewesen , und jener Leidenschaft glücklich entronnen bin , von der so viele Menschen so viel zu erzählen wissen . « Alle waren gerührt , die junge Frau tief bewegt , und es entstand eine Pause im Gespräch . Endlich nahm der Baron sein Glas und rief : » Alles , was wir geliebt haben , lieben und lieben werden ! « Der Magister und Leonhard stießen heftig an , Friederike zögernd , vielleicht wegen des letzten Zusatzes , und Krummschuh lachte laut , indem er sagte : » Zeit wär es , daß es bei mir einträfe , denn bis jetzt habe ich darüber keine Erfahrungen machen können . « Es war schon spät , und man trennte sich , indem alle mehr nachdenkend geworden waren , als sie erwartet hatten . Zweiter Abschnitt Ein heller Sommerglanz war an dem Morgen verbreitet , an welchem Elsheim und Leonhard , die Stadt verlassend , über das grünende Gefilde fuhren . Beide waren eine Zeitlang stumm , wie es gewöhnlich beim Anfang einer Reise zu sein pflegt ; nach einiger Zeit sagte der Baron : » Dein alter Magister , mein Freund , hat mich gestern innig gerührt , und ich habe viel an ihn denken müssen ; es scheint mir in ihm ein schönes Gemüt zugrunde gegangen zu ein , wie in so manchen Menschen , wenn sie ihren Beruf verfehlen ; ich fing damit an , über ihn zu lachen , und endigte , ihn zu lieben und innerlich zu beweinen . Wie bist du an ihn gekommen ? « » Ich hörte von ihm reden « , antwortete Leonhard , » und suchte ihn auf , wo ich ihn in einer Gesellschaft von Bürgern traf , die sich über ihn lustig machten . Von meinem wackern Vater habe ich das Mitleid geerbt , das er vorzüglich mit verarmten Gelehrten und Künstlern hatte , und deshalb zog ich ihn in mein Haus , so daß er nun sorgenfreier und anständiger leben kann . « » Fühlst du denn auch wohl « , fuhr der Baron fort , » welchen köstlichen Schatz du an deiner Frau besitzest ? Wahrlich , gestern habe ich sie näher kennen und wahrhaft lieben und verehren gelernt . Ein Weib , das ihren Widerwillen und Verdruß , den sie doch über deine Reise notwendig empfindet , nicht nur zähmen kann , sondern diese Freundlichkeit , Sanftmut und Liebe so ungezwungen darstellt , ist eine der größten Seltenheiten . Denn selbst die liebenswürdigsten dieses Geschlechts können unangenehm werden , wenn sie über verletzte und unerkannte Liebe schmollen sie scheinen oft der Meinung zu sein , daß sie ihr Herz , in lauter Verdrüßlichkeit und epigrammatischen Grimm gekleidet , dann nicht genug zur Schau tragen können . « » Mir ist es sonderbar mit ihr ergangen « , erwiderte Leonhard . » Ich stand auf der Grenze zwischen Knaben und Jüngling , als ich sie kennenlernte . Der erwachende Sinn für Schönheit und Reiz ist in diesen Jahren gewöhnlich ungebildet , aber von desto größerer Schärfe , und so erschien mir ihr Angesicht , ihre Farbe , ihre einfache Kleidung , die blauen oder roten seidenen Bänder , die ihren Gürtel umflatterten , alles wie vom hellesten Glanze verklärt . Sie schien mich bald auszuzeichnen , und da sie Vermögen besaß , sah mein Vater dies Verhältnis nicht ungern ; ihr Oheim begünstigte mich ebenfalls . Von diesem Augenblick an vermied ich sie , aus übergroßer kindischer Delikatesse , mit einem gewissen störrigen Eigensinn gemischt , denn es verdroß mich , daß die Alten unsere frohe Heiterkeit und jene reizende jugendliche Neigung , die kaum an morgen denken will , schon für unser bürgerliches Fortkommen berechnen und nützen wollten . Oft war ich recht sehnsüchtig verliebt , oft mit ihr entzweit , die über mich lachte , oft versöhnten wir uns . In der Entfernung war mein Herz in manchen Stunden wie krank aus Liebe , dann konnte ich sie wieder auf Wochen vergessen ; ein andermal überredete ich mich , daß wir niemals füreinander gepaßt hätten . Als ich zurückkam , fand ich sie mit freudiger Überraschung noch unverheiratet ; unser früheres Verhältnis knüpfte sich wieder an , als wenn es nie wäre zerrissen gewesen , und so wurden wir verbunden und glücklich , ohne daß wir eigentlich eine Leidenschaft füreinander gefühlt hatten . « » Vielleicht « , sagte der Freund , » sind diese Ehen auf die Dauer die glücklichsten , weil beide Teilnehmer keine unmöglichen Erwartungen mitbringen ; und darum möchte ich fast den Entschluß fassen , gar nicht zu heiraten , denn die Sehnsucht , die Anbetung , die Leidenschaft der Liebe ist es doch nur , das fühle ich innig , was ich am heißesten wünschen und was mich allein glücklich machen könnte . « Beide Freunde sahen sich stumm an , und es entstand wieder eine Pause im Gespräch . Ihr Blick haftete auf den Wäldern und schön geschwungenen Hügeln , die sie umgaben , sie folgten dem Flusse , der abwechsend durch die Lücken des Waldes mit seinen Krümmungen erglänzte . Das heitere Lied der Lerche und der Gesang der Nachtigall aus der Ferne stimmten das Gemüt zu sanfter Fröhlichkeit . Nach einiger Zeit sagte Elsheim : » Ich habe mich immer verwundert , mein Freund , daß du dir bei deinen offnen Sinnen und vielfältigen Kenntnissen , bei deiner Lust an allem Gebildeten nicht lieber den Stand eines Künstlers erwählt hast , da es dir doch gewiß nicht hätte fehlen können , dich auszuzeichnen . Ist denn dein Beruf nicht vielleicht auch ein verfehlter ? « » Gewiß nicht « , antwortete Leonhard , » und ich bin schon früh mit mir über diese Punkte aufrichtig umgegangen . Daß ich nicht zum Gelehrten paßte , sah ich früh ein , weil Sachen mich mehr als Gedanken , Worte und Formen interessierten . Zum Künstler fehlt mir ganz jener Enthusiasmus , jener strebende , fliegende Geist , der alles neben sich vernachlässigen und vergessen kann und darf , der in fremden Welten , aber nicht in der hiesigen einheimisch ist ; mein Gemüt im Gegenteil ist beschränkt und wahrhaft bürgerlich , mein Eifer für Arbeit , Nützlichkeit , meine Lust an Dingen , die brauchbar sind und fest stehen : alles dies überzeugte mich früh , daß ich zum Handwerker bestimmt sei , und zwar zu der Beschäftigung , welche ich erwählt habe . Doch gibt es jetzt Augenblicke , in welchen ich mit meinem Stande , ja fast mit dem ganzen Leben unzufrieden bin . « » Das sieht deiner Heiterkeit und Gesundheit wenig ähnlich « , sagte der Freund , » du mußt dich hierüber deutlicher erklären . « » Noch in meiner Kindheit « , antwortete jener , » in früheren Zeiten aber weit mehr , stand der Tischler zwischen dem Künstler und Handwerker , und dies bestimmte mich hauptsächlich , mich diesem Berufe zu widmen . Schon früh dachte ich darüber nach wie edel im Menschen der Trieb sei , alles , was sein Bedürfnis fordert , neben dem Notwendigen noch mit einer gewissen Zugabe von Schönheit zu umhängen , so daß der Reichere und Gebildetere keinen Hausrat haben mochte , der nicht durch hinzugefügten Zierat in etwas Höheres verwandelt war . Dieser Schönheits- und Kunsttrieb ist es , den wir allenthalben mit Rührung und Liebe wahrnehmen , der die Welt zu jenem angenehmen Rätsel macht , welches so viele nicht zu begreifen scheinen . Denn wenn die höhere Kunst frei wie im reinsten Äther schweben darf , sich selber genug , und nur durch Schönheit und Entzückung in die edelsten und geheimsten Kräfte des Menschen eingreift , und dadurch mittelbar in das , was die Welt lenken und erheben soll so gibt es gleichsam von dieser eine verstoßene , geringgeachtete Schwester , die sich unmittelbar der Not , der Trauer des Lebens annimmt , und uns mit stiller Heiterkeit über alles trösten will , was uns betrübt oder beschwert . Diese immer mehr verschwindende Lust ist es , die unsern Vorfahren so unentbehrlich war , die sich in ihren ländlichen Festen oft als Kinderei und Torheit äußerte , über welche unsere neuere Vernunft lächelt , und sie auch gänzlich abzustellen sucht ; dieser Trieb ist es , der in vielen Gegenden den Pflug mit Bildwerk ausschnitzt , in Franken das Stirnjoch der Rinder mit bunten Farben bemalt , der den Schäfer antreibt , seinen hölzernen Becher und Stock mit Laubwerk zu verzieren , der zu gewissen Zeiten des Jahrs die Stuben mit Maien- oder Tannenreisern schmückt ; dieser unschuldige liebenswürdige Trieb ist es , der mir immer so recht rein menschlich im Gegensatz des Philosophen , des Herrschers , des Reichen , oder jener affektierten Kunstmenschen erschien , die ihren nachgemachten Enthusiasmus nur von Hörensagen haben , und diesen Bildungstrieb nie anerkennen und verstehen wollen , der sich doch als Erdboden , Wasser und Luft der eigentlichen Kunst unterlegen muß , damit ihr Keimen und Wachstum möglich sei . « » Du wendest diesen Gedanken « , sagte Elsheim , » der mir nicht fremd ist , auf eine neue Art. « » So schien es mir « , fuhr Leonhard fort , » daß alles Leere verkleidet , alles , was das bloße Bedürfnis ausdrückt , verwandelt , und die bloße Notwendigkeit daran so verschwiegen werden müsse , als sei sie bloß des Zierates wegen da . Aus den Beobachtungen im Leben setzte ich mir auch früh eine Art von Theorie zusammen , die diese Vorliebe erklären und rechtfertigen sollte . Die gerade Linie , weil sie immer den kürzesten Weg geht , weil sie so scharf und bestimmt ist , schien mir das Bedürfnis , die erste prosaische Grundbasis des Lebens auszudrücken ; die krumme , die als Zirkel , Ellipse , im Bogenausschnitt und in unendlichen Schwingungen sich bewegen kann , war mir die Unerschöpflichkeit des Spieles , der Zier , der sanften Liebe , die sich um den strengen , mürrischen und melancholischen Gatten in allen erdenklichen Umarmungen windet und ihn tröstend und liebkosend umschließt . « » Fahre fort , mein Freund « , sagte Elsheim , » ich bin begierig , wie du endigen wirst . « » Die Baukunst « , sagte Leonhard , » deren eigentliches Wesen in diesen geraden Linien und Ecken zu bestehen scheint , gefällt sich doch auch in kühngeschwungenen Bogen und gewölbten Kuppeln : so das Coliseum und Pantheon , sowie die ungeheure Peterskirche . Aber die herrliche altdeutsche Baukunst in den Wunderwerken zu Straßburg , Köln und Wien hat am liebevollsten und innigsten diesem Triebe gehuldigt , und das innere Wesen dieser Gebäude ist Lieblichkeit , so daß es nur neuern Zeiten möglich war , hier Schauer , trübe Melancholie und Lebensüberdruß aufzufinden . « » Ja wohl « , sagte der Freund , » wir können den neuesten Bemühungen edler Deutschen nicht dankbar genug sein , die uns diesen lange mißverstandenen lieblichen Traum wieder auf die rechte Art zu deuten suchen . Dergleichen bereichert den Menschen wahrhaft , und so kann auch manche versunken geglaubte Atlantis unsers Gemüts wiederentdeckt werden . Nur scheinst du mir den Tischler aus den Augen zu verlieren . « » Doch nicht so ganz « , erwiderte Leonhard , » denn alles trifft hier ebenso zu , nur in kleineren Verhältnissen . Haben wir nicht selbst die Chorstühle in der alten Kirche unserer Geburtsstadt bewundern müssen , die noch von katholischer Zeit her dort stehen ? Wie fest , wie bequem , wie schön geschwungen , mit welcher Fülle von Laub , Früchten und Figuren verziert ! Wie manches wunderwürdige Treppengeländer habe ich in alten Reichsstädten , auf Rathäusern und bei Vornehmen gesehen : und wie manche Arbeit dieser Art , auch kunstreiche Balustraden in Stein habe ich aus Laune oder augenblicklicher Bequemlichkeit , weil sich die Stangen zu einer armseligen Illumination nicht gleich fügen konnten , wegbrechen und vernichten sehn , ohne daß es nur irgend jemand bedauerte , sondern alle die neue gerade Linie viel schöner und anständiger fanden , so daß ich über diesen Hussitensinn und die bilderstürmende Roheit unserer Tage Tränen hätte vergießen mögen . « » Dieser jakobinische Zerstörungssinn « , sagte der Edelmann , » hat sich freilich unserer Zeit übermäßig bemächtigt , und hängt genau mit einer gewissen Aufklärung und unbedingten Verfechtung des Bürgerstandes zusammen . Wir reißen Monumente der Ehre unsers Vaterlandes ein , und bauen mit selbstgefälligem Lächeln Kartenhäuserchen an die Stelle . Der Schwank von jenem Affen , der an des Malers Buffalmacco Stelle auf seine Weise malte , wenn jener sich entfernt hatte , und mit seinem Werke sehr zufrieden schien , ist die Kunstgeschichte unserer Tage . « » Diese Verwandtschaft zur Kunst « , fuhr Leonhard fort , » ohne doch Kunst sein zu wollen , war es , was mich zu meinem Handwerke zog ; ich legte mich daher mit unermüdlichem Eifer auf das Zeichnen , und glaube darin auch nicht ungeschickt geblieben zu sein . Immer schwebten mir edle und wohlgefällige Figuren von Tischen und Sesseln vor , und ich suchte im Sinn unserer Vorfahren entweder mit Blumen und Laubgewinden , oder mit leichten Figuren , die an die Arabeske grenzten , die harte gerade Linie und das Vierkantige zu verkleiden . Es ergötzte mich unendlich die Kunst der Lackierer zu lernen , und weiß , himmelblau , rötlich und alle Farben recht rein und dauernd hervorzubringen ; noch mehr erfreute mich die Vergoldung , wodurch Frohsinn und Heiterkeit wie von selbst in unser Leben hineinlacht . Die Politur der Hölzer war mir ebenso wichtig , jede Baumart wurde mir eine liebe Bekanntschaft , die ich wie einen Freund mit seinen Eigenheiten und Vorzügen behandelte , die schöne Pappel , die sich wie in Silber oder weißen Atlas verwandeln läßt , der rötliche Pflaumen- oder dunkle Nußbaum , das gediegene , reichaderige Eichenholz , die weiche Else ; die Geschicklichkeit , den Maser bunt und sonderbar anzubringen , oder mit dem fremden Ebenholz fein und zierlich einzufassen und zu umlegen : alle diese Dinge wandte ich in meiner Phantasie hin und her , und mit inniger Freude erinnere ich mich älterer Mobilien , deren ich auch noch einige in fremden Ländern gesehen habe , die das Leben des Menschen wirklich mit Lust und Zier umstellten , ihn durch Gold und Farben erheiterten , und in schön geschwungenen Zirkellinien Stuhl , Sessel , Tisch und Schrank , auch ohne Hinsicht des Gebrauchs , zu angenehmen Gegenständen der Betrachtung machten . « » Ich merke schon , mein Freund « , sagte Elsheim , » daß du in deiner Hantierung nur ungern mit dem Zeitalter fortgeschritten bist ; aber ich glaube doch nicht , daß du alle jene Schnörkel und krummen Linien , die man sonst auf die geschmackloseste Weise an Tischen oder andern Gegenständen angebracht , wirst rechtfertigen wollen ? « » Gewiß nicht « , sagte Leonhard , » denn aus dem richtigen Gefühl war durch Übertreibung in einer gewissen Zeit etwas Unsinniges gemacht worden . Besonders hatten die Franzosen ein Muschel- und Schnörkelwesen aus lauter willkürlich geworfenen Bogen- und Zirkelschnitten gemacht , in welchen weder gerade Linie noch Brauchbarkeit sichtbar blieben . Diese Dinge gehören in die Reihe jener Buchdruckerstöcke , die um eine gewisse Zeit Mode waren , über die man , wenn man sie genau betrachten wollte , verrückt werden möchte , wie uns denn alles ganz Willkürliche , Unzusammenhängende , Unzweckmäßige diese Empfindung erregt ; es ist das , was wir das Abgeschmackte nennen müssen , weil es geradezu dem Geschmack entgegensteht und ihn auf immer unmöglich macht , der Nicht- oder Ungeschmack sich aber noch immer erziehen und bilden läßt . Dieser letzte aber ist es , der uns von England aus in unsern Bedürfnissen des Lebens immer mehr und mehr überschleicht , eine Art von Puritanismus , die geradezu alle Zier , alles , was nicht strenge Notdurft ist , als Ketzerei ansieht . Es tut mir weh , diese reinkantigen , schroffen , wie aus Erz und Eisen gegossenen Formen arbeiten zu müssen , die um so mehr gefallen , je gerader und strenger die Linien sind , so daß wahrscheinlich kunstreichere Nachkommen einmal diese vollendete Barbarei einer Zeit mit Verwunderung betrachten werden , die so viel und zu viel über Kunst gesprochen hat . Dazu das traurigmontone und dunkle Mahagoniholz , das nur im nächsten Blick Goldäderchen oder Schimmer entdeckt , dessen Wirkung im allgemeinen aber immer trübselig ist . Nun vergleiche man mit unbefangenen Sinnen ein Zimmer von heutzutage mit einem jetzt altfränkisch genannten . Im ersten die kahlen Kalkwände mit einer Malerei , die freilich oft Prätension genug macht , ein paar große Spiegel mit finstern Rahmen , ohne Figur und Zier , ebenso Tische und Stühle , alles hart , herbe und kunstlos . Dagegen versetze man sich in ein geschmücktes Zimmer , wie es vordem gebräuchlich war , die Wände mit rotem Damast , oder gelber und blauer Seide bekleidet , von goldnen Leisten eingefaßt , der heiterste und behaglichste Anblick , alle Sessel und Schränke von hellem Glanz und kunstreicher Arbeit , mit vergoldeten schön geschnitzten Figuren ; wo man Schlösser oder Erzarbeit wahrnimmt , ist alles auch in Gestalt , Laub , Blume aufgelöst ; wohin das Auge sich nur wendet , lächelt die Kunst entgegen . Die höchst unbequemen Ruhebetten , die ich fertigen muß , und die immer unfertig aussehen , noch mehr die Sekretäre , wie man sie nennt , oder Schreibe-Büreaus , nötigen mir mit ihrem Mangel an Verhältnis , und kleinen Spiegeln und Säulen , oder abgeschmackten Grotten inwendig , oft ein Lächeln ab , und in dieser Hinsicht ist mein Schicksal dem des Magisters nicht unähnlich , daß ich mit meinem Geschmack auch um fünfzig oder siebenzig Jahre zu spät komme . « » Man fängt ja jetzt wieder an « , sagte Elsheim , » das Gold bei bronzierten Sachen anzubringen . « » Ja « , antwortete Leonhard , » wieder auf verkehrte Weise , denn Holz soll nun wieder Erz und Bronze nachahmen ; und diese Greifenfüße , Sphinxe und dergleichen plump gearbeitete Figuren , die einen großen Stil haben sollen , sehen eben erst recht barbarisch aus . Die ganze Kunst unserer Tage hat sich in die Töpferarbeit Wedgwoods geflüchtet , in der man wirklich angenehme und leichte Formen erfunden und den Alten nachgeahmt hat . Von dem traurigen Porzellan mit seiner Affektation , kostbaren Vergoldung und Malerei , Landschaften und Correggios , und wer weiß was alles , so teuer , daß oft auf einem Ecktisch oder in einem Schrank der Wert von Tausenden enthalten ist , für die man erfreuliche Kunstwerke haben könnte , mag ich gar nicht sprechen . Hier drängt man Malerei und Kunst einer geringfügigen Materie auf , in der alles kleinlich erscheinen muß , und entfernt vom Metall , dem Silber und Golde alle Anmut , stellt die nackten Formen des Bedürfnisses hin , wo Zier und Schmuck so bedeutend werden kann , um recht darzutun , wie verkehrt wir in allen Dingen geworden sind . « » Du hast mir jetzt vielerlei erzählt , mein Freund « , sagte der Baron , » aber wie verbindest du denn in deinem eigenen Leben so manchen phantastischen Hang , wie z.B. den , der dich einmal fast überwältigte , Schauspieler zu werden , mit diesem soliden Streben , mit deiner Bürgerlichkeit , mit deiner Gründlichkeit und Ruhe ? « Nach einigem Nachdenken antwortete der junge Meister : » Ich glaube , daß alle , oder doch die meisten Menschen aus Widersprüchen zusammengesetzt sind ; diese nun auf gelinde , gewissermaßen kunstreiche Art zu lösen , ist die Aufgabe des Lebens . Gewaltsame Leidenschaften , erschreckendes Unglück , tolle Ausschweifung , sind wohl sehr oft Mangel an Geschick und Kunstsinn zu nennen . Ist es nicht wieder in anderer Gestalt die gebildete Vereinigung der geraden und krummen Linie , der notwendige Zierat , der dem nackten Leben zur schmückenden Umkleidung gegeben wird ? Was sich zu widersprechen scheint , vereinigt sich gelinde und schön , gerade das , was überflüssig und unvernünftig aussieht , ist es , was dem Wahren , Festen und Richtigen Gehalt und Schönheit gibt . Vielleicht sind wir , gegen unsere Vorfahren gehalten , hierin ebenso zurück , wie im Hausrat , wenngleich mancher unter uns mit jenen Buchdruckerstöcken oder Schnörkelfiguren zu vergleichen ist , welche die geschweifte Linie gleichsam toll gemacht hat . Die Ausschweifung an sich selbst soll nicht dasein dürfen . « » Lieber Freund « , sagte Elsheim , » du scheinst mir da einen ebenso sonderbaren als wahren Gedanken ausgesprochen zu haben , der mir vieles in ein verständliches Licht rückt , was sich mir oft als Rätsel hat aufdrängen wollen . « - Es war ein heißer Tag geworden , und beide Reisenden sehnten sich nach Erquickung . » Haben wir noch weit zur Station ? « fragte Elsheim den Fuhrmann , » und treffen wir dort ein gutes Wirtshaus ? « Der junge Mensch wandte vom Bock sein freundliches Gesicht in den Wagen hinein und sagte : » Dort hinter dem Walde kommt das Städtchen schon hervor , und der Gasthof ist der beste von der Welt ; die Wirtin besonders ist ein wahrer Engel , durch sie wird der Mann reich , denn alle Fuhrleute kehren seitdem in der goldnen Traube ein , so daß das Haus weit im Lande berühmt ist . « Schon befanden sie sich unter einem hohen Lindengange , der in das Städtchen führte , das heiter aussah und ziemlich volkreich war . Sie hielten vor einem großen Hause , und da beide Freunde es liebten , auf einige Stunden unter den übrigen Gästen verschiedener Stände zuzubringen , so begaben sie sich unten in das große Wirtszimmer . Eine schon bejahrte Frau schoß ihnen in übertriebener Hast mit schreiender Stimme entgegen : » Wollen Sie sich ' s bequem machen , meine Herren ? « und da sie sah , daß die Fremden wie scheu zurückfuhren , sagte sie milder und gesetzt : » Wenn Sie kein eigenes Zimmer befehlen , Ihr Gnaden , so sein Sie nur so gut , hier hereinzuspazieren . « Beide Freunde verwunderten sich stillschweigend , daß diese Figur dieselbe Wirtin sein sollte , die ihr Fuhrmann ihnen als Engel bezeichnet hatte . Sie fanden in dem großen Saale verschiedenartige Menschen . In der Nähe der Küche saß der korpulente und phlegmatische Wirt und verzehrte sein Mittagsessen , ohne sich um seine Gäste zu bekümmern ; nicht weit von ihm waren zwei Männer , die Geistliche zu sein schienen , in den Zeitungen und politischen Gesprächen darüber vertieft , diese hatten nur Wein vor sich stehen ; an einem großen Tisch fiel eine bunte Gesellschaft in die Augen , einige Weiber und Mädchen , mit Bändern und Seide auf unpassende Art geschmückt , und einige Männer dazwischen , in abgetragenen Kleidern , alle sehr lärmend und heftig begehrend , welche , wie man nachher erfuhr , eine Gesellschaft von reisenden Schauspielern waren ; ganz einsam in eine Ecke gekrümmt , saß ein Jude , der still sein kleines Frühstück verzehrte , und auf alle Gegenwärtige ein wachsames Auge hatte ; die übrigen im Zimmer waren jüngere und ältere Fuhrleute und Kärrner . Elsheim bestellte ein Mittagsessen und Wein , und mit der größten Schnelligkeit ließ die Wirtin das weißeste Tischzeug auf einen kleinen Tisch legen , den sie so zu stellen wußte , daß niemand im Saal den beiden Reisenden beschwerlich fallen konnte ; von einer reinlichen Magd wurde sauberes Fayencegeschirr und blanke Gläser , nebst Silberzeug hingelegt , und bald erschien die Suppe . Die Wirtin wurde zu den Schauspielern gerufen , wo sich ein lauter Streit über den Anteil erhoben hatte , den die Mitglieder an der Rechnung haben wollten , oder zu haben leugneten ; ihre durchdringende Stimme , Überredung und einiger Scherz wußte bald die Ruhe wiederherzustellen . Ein stiller Blick des Juden lud sie ein , sie ging in seine Ecke , stellte sich nahe zu ihm und rechnete heimlich mit ihm . Er schien zufrieden , und zog ohne Widerrede ein ledernes Beutelchen , bezahlte sie , sie dankte ihm freundlich , und geleitete ihn , so wenig er auch verzehrt hatte , bis zur Tür hinaus , offenbar in der guten Absicht , ihn vor den Späßen oder Angriffen der rohen Fuhrmannsbursche sicherzustellen . Unsern beiden Freunden entging diese Behendigkeit und Vielseitigkeit