seiner Väter ! Sogleich öffneten sich auf einen Wink die äußern Thore und ließen einen Blick thun in den weiten Hof , der mit den schwarzen Gestalten des Zuges überdeckt war . König Jakob hatte , sowohl der Witwe sein Beileid zu bezeigen , wie auch dem Wunsche seines Ministers sich gnädig zu erweisen , den Oheim des verstorbenen Herzogs , Cecil , Graf von Salisbury , nach Godwie-Castle gesendet , und derselbe war mit seinem großen Gefolge und in der Begleitung der nächsten Verwandten , die alle zum Empfang der Leiche versammelt waren , auf die eingetroffene Nachricht , daß sein Neffe die Grenzen des väterlichen Gebiets überschritten , von Godwie-Castle , wo er den Tag zuvor angekommen , ihm entgegen gegangen , und hatte ihn unterstützt in der sorgfältigen und würdigen Anordnung des Zuges , der von da an bis an die Gemächer des Schlosses mit gleicher Ordnung fortgesetzt ward . Der Sarg ward im ersten Hofe von dem Rüstwagen genommen , auf dem er seinen weiten Weg zurückgelegt , und sechs junge Edelleute trugen ihn auf ihren Schultern . Voran schritt Jepson , den Stab , das Zeichen seiner Würde , vor sich hinhaltend , ihm folgten die höhern Beamten des Schlosses und der ausgedehnten herzoglichen Besitzungen , denen sich das Reisegefolge des Herzogs anschloß , zahlreiche und geprüfte Diener , unter ihnen Sir Eduard Ramsey , der als erster Kämmerer seinen Rang vor Allen hatte . Dann erschienen die zahlreichen Edelleute der Nachbarschaft , an ihrer Spitze Sir William Ollincroft als vornehmster Edelmann der Grafschaft , zu welcher das herzogliche Geschlecht in einer Art von Oberhoheit stand . Zwölf Pagen , mit den Achselbändern in den Farben des herzoglichen Wappens , gingen zur Seite der jungen Edelleute und trugen die Insignien der herzoglichen Würde nebst den Orden und militärischen Auszeichnungen des Verstorbenen . Ihnen folgten unmittelbar hinter dem Sarge die Verwandten , und an ihrer Spitze Robert , Graf von Derbery , der älteste Sohn und Erbe des herzoglichen Ranges , begleitet von Cecil , Grafen von Salisbury , und gefolgt von den bedeutenden Personen der nächsten Verwandtschaft und einem glänzenden Zuge von Fremden , nebst der vornehmeren und geringeren Dienerschaft aller Anwesenden . Ein kleiner Raum trennte die Herzogin von den traurigen Ueberresten ihres höchsten Glückes und von dem geliebten Sohne , für dessen Leben und Gesundheit ihre Seele so oft gezagt . Das Uebermaaß ihrer Empfindungen siegte über ihre Schwäche , statt dieselbe , wie ihre Getreuen fürchteten , zu mehren . Als der Geistliche mit seinem Gefolge aus der Kapelle an ihr vorüber ging , den Sarg an der Schwelle einzusegnen , hatte sie Kraft , ihm zu folgen . Fest ergriff sie die Hände ihrer Töchter , und emporgerichtet , als verschmähe sie es , den letzten Pfeilen des Schmerzes die blutende Brust zu entziehn , folgte sie den Dienern der Kirche mit sicherm Schritt . Man hatte den Sarg in der Mitte des Gefolges an der Schwelle harren lassen , den Segen der Kirche zu empfangen ; die Herzogin blieb in gemessener Entfernung stehn ; in einem Kreise um sie her ihr schwarzgekleidetes Gefolge . Als die Geistlichen auseinander traten und sich der Bahre näherten , erblickte die Mutter zuerst den Sohn , dessen jugendliche Schönheit wie erstarrt schien in der rührenden Blässe eines tiefen Schmerzes ; aber sein Auge sandte einen Blick zu ihr hinüber , welcher das Herz erreichte und die ganze Fülle des mütterlichen Gefühls erweckte . Der feierliche Augenblick hinderte jede Annäherung , doch mit welcher Inbrunst beugten die tief Erschütterten auf das gegebene Zeichen das Knie zum Gebet ! Wer möchte sagen , es hätte der Worte bedurft , dies Gebet des innersten Herzens Gott verständlich zu machen . Ehe jetzt der Zug sich nach dem Trauersaal begab , lag Robert zu den Füßen seiner Mutter und empfing ihren Segen , und als sie einen Augenblick lang sich umfaßt hielten , fühlten Beide die unnennbare Größe ihres Verlustes und zugleich den Trost , den die Natur ihnen in einander gewährt hatte . Von Lord Salisbury und ihrem Sohne geleitet , nahm die Herzogin Platz im Trauersaale auf einem erhöhten Sitze , dem Katafalk gegenüber , zu ihren Füßen knieten ihre Töchter , am obern Theile des Sarges ihr Sohn , am untern der Graf von Salisbury . Das übrige Gefolge nahm den weiten Raum umher ein , einen erhöhten Lehnstuhl mit der herzoglichen Krone und Decke freilassend , welcher rechts von dem Sitze der Herzogin noch unbesetzt geblieben war , doch nicht lange . Denn aus dem innern Raume der Kapelle schritt eine Dame hervor , auf zwei Frauen gestützt und von mehreren Pagen gefolgt , bei deren Anblick die Herzogin und ihre Töchter sich sogleich erhoben , und ihr mit allen Zeichen der Ehrerbietung entgegen traten . Sie war im höchsten Alter , schneeweißes Haar umzog das feine weiße Antlitz , auf dem der neue Gram nicht mehr den Frieden hatte stören können , der die geläuterte Seele schon zu einer Bürgerin höherer Welten erhob , wenn ihr Herz auch noch mit Engelsmilde die Leiden der irdisch Bewegten theilte . Es war die Schwester des Grafen Salisbury , die Gräfin von Burleigh und Witwe des Herzogs Robert von Nottingham , die ehrwürdige Mutter des eben verstorbenen Herzogs . Schwer empfand sie es , den Sohn vorangehn zu sehen , aber die Hoffnung , bald mit ihm vereint zu sein , nahm dem Schmerze seine trostlose Schwere , und nur an ihre geliebte Schwiegertochter denkend und an ihre theuern Enkel , verließ sie , trotz der hohen Jahre und der damit verbundenen Schwäche , ihren Witwensitz , durch sanften Zuspruch die Leiden ihrer Geliebten zu mildern . Bis jetzt war es ihr wenig gelungen , auf die unglückliche Gemahlin ihres Sohnes zu wirken , ihr , wie Allen , blieb sie unzugänglich ; ja , nachdem sie die Pflichten der Ehrfurcht gegen die ehrwürdige Mutter ihres Gemahls erfüllt hatte , so stumm jedoch , mit so traurig zerstörtem Wesen , als ob nur der Körper sich in gewohnter Ordnung bewegte , war sie mit einer Art ängstlicher Scheu aus ihrer Nähe entflohen . Doch vor dem Sarge ihres Lieblings schien die Mutter wieder in ihre alten Rechte einzutreten , und die wenigen Worte , welche sie mit Thränenerstickter Stimme der ehrwürdigen Frau zurief , zeigten auch ihr , daß die Rinde gesprungen sei , die dies beladene Herz zu ersticken drohte . Die zahlreichen Zeugen geboten dem Zartgefühl beider Frauen sich zu fassen , um die letzten Pflichten für den Entschlafenen mit der Würde erfüllen zu können , die den Frauen dieses Hauses bei den Leichenbegängnissen ihrer Gatten die harte Nothwendigkeit ihrer Gegenwart auferlegte . Als die alte Herzogin ihren Platz eingenommen und die Witwe zu ihrem Sitze zurückgekehrt , begann der Geistliche nach dem Ritus der hohen bischöflichen Kirche die Einsegnung der Leiche , deren Verhüllung nun gehoben ward , um der Versammlung die wirkliche Ueberzeugung von ihrer Identität zu geben . Von dem kräftigen Geschlecht der Vorahnen her war es hier Gebrauch geblieben , daß die Witwe sich zuerst dem Sarge nahte und , nachdem sie die Leiche angeblickt , die Hand zur Beglaubigung , daß sie wirklich gegenwärtig , empor hob ; dasselbe thaten dann sofort die nächsten Verwandten , und der versammelte Adel nahm dies als eine ihm gethane Versicherung auf . Als dieser Moment nahte , sprang der junge Graf von seinen Knieen , auf denen er die ganze Zeit über in tiefer Andacht geblieben , auf , und ehe die Herzogin sich dem Sarge nähern konnte , lag er zu ihren Füßen und schien sie mit der größten Heftigkeit um etwas anzuflehn . Die Anwesenden konnten leicht errathen , daß der besorgte Sohn seiner Mutter einen zu schmerzlichen Anblick ersparen wollte , da der vor vier Wochen erfolgte Tod des Herzogs und der weite Weg , den die Leiche gemacht , trotz allen Vorkehrungen jeden wohlthuenden Zug und Eindruck verlöscht haben mußte . Aber die Herzogin schien unerbittlich , ja , zürnend , und wie ihr Sohn , von Salisbury ' s Worten unterstützt , ihre Kniee umfaßte , als wollte er mit Gewalt sie hindern , befahl sie ihm aufzustehn . Eine leichte Röthe belebte das blasse Angesicht , und mit vernehmlicher Stimme sprach sie wie unwillig : Hältst Du mich für schwächer , als die edlen Frauen , die vor mir diesen Gang gethan ? Trostlos erhob sich der junge Mann , und sein Blick richtete sich , wie nach der letzten Hülfe , zu seiner Großmutter empor . Aber diese schien dies Mal nicht sie geben zu wollen , ihr feines weibliches Gefühl sagte ihr , die Herzogin würde hier sich nicht zurück ziehn . Diese Pflicht , wozu das sehnsüchtige Herz sie trieb , diese Pflicht , die sie in der Gegenwart ihrer Verwandten , Befreundeten und Untergebenen erfüllen sollte , konnte sie nicht unterlassen , ohne eine Schwäche zu zeigen , die der Würde und Seelenstärke widersprochen hätte , die ihren Karakter und ihren Ruf in der Welt bezeichnete . In ihren theilnehmenden , aber klaren Blicken lag das Vertrauen zu ihrer Schwiegertochter : auch sie würde das mit Würde vollziehen , was sie selbst und vor ihr so Viele an dieser Stelle vollzogen hatten . Sie irrte sich auch nicht , und der zärtliche Sohn hatte , ohne es zu ahnen , durch seinen Widerstand eine neue Stütze ihr gewährt ; ihr Stolz war erwacht , und ein leichter Unwille über die scheinbare Störung der so wichtig erachteten Trauerceremonien gab ihr die Kraft , ihre Erweichung zu besiegen . Sie winkte ihren Sohn und den Grafen von Salisbury zurück , und näherte sich mit langsamen , würdevollen Schritten dem Hauptende des Sarges . Der Körper , überdeckt mit einem weiten Fürstenmantel , ruhete jetzt vor ihren gespannten , angstvoll geöffneten Augen unverhüllt ; das theure Haupt , einst mit allem Zauber männlicher Würde und den weichen Zügen des Gefühls und der Güte geschmückt , war jetzt zu einer unscheinbaren gelben Maske vertrocknet ; und der Schauder , einer völlig fremden , kaum Menschen ähnlichen Bildung gegenüber sich zu finden , drohte sinnverwirrend den Geist der starken Frau zu ergreifen . Schon durchzuckte das wildeste Entsetzen ihre Seele , und Alles um sie her verschwand aus ihrer Erinnerung , - noch solch ' ein Moment , und sie wäre entflohn und mit ihr vielleicht das Bewußtsein des Geistes , das unterzugehen drohte . Schrecklich war die Angst der sorglich auf sie Blickenden , denn in ihren Zügen und dem starren Blick ihrer Augen malte sich ihr jäher Zustand . Aber Gott hielt seine segnende Hand schützend über dies schuldlose Haupt . Sehr bald minderten sich die scharfgespannten Züge , Friede kehrte zurück , sich steigernd bis zur sanftesten Rührung . Ihr Blick hing mit Zärtlichkeit an diesem grauenhaften Bilde , denn sie hatte ihn wieder erkannt an dem schönen , lockigen Haar , das der Tod nicht zu zerstören vermochte , und das er in seltener Schönheit besessen hatte . Ihre Besinnung kehrte zurück , und lange Gewohnheit einer großen Selbstbeherrschung kam ihr zu Hülfe . Das Gefühl , ihn erkannt zu haben und jetzt gewiß seine heiligen Ueberreste zu besitzen , hob sie über ihre Natur mit einer Art von Entzücken , das um so mächtiger sie ergriff , als es der plötzliche Uebergang von dem trostlosesten Entsetzen war . Sie richtete sich an seinem Haupte mit einer Art von Begeisterung empor , noch ein Mal blickte sie nieder , und ein Lächeln umzog die bleichen Lippen . Dann schauete sie , ihrer Pflicht gedenkend , mit dem Ausdrucke der glühendsten Ueberzeugung umher , und während ihre Lippen wie zu Worten sich bebend öffneten , hob sie wie eine Seherin die lilienweiße Hand empor und blieb so einen Augenblick stehn , Jeden zum Zeugen ihrer Ueberzeugung aufrufend . Unbeschreiblich war der Eindruck dieser sich folgenden Bewegungen ; Bewunderung gesellte sich der tiefsten Rührung zu , und ein unartikulirtes Geräusch von vielen hundert Stimmen durchströmte die weite Halle . Doch dies war völlig geeignet , die Herzogin aus ihrem überspannten Zustande zu wecken , sie fühlte schnell , daß sie hier der Gegenstand einer Aufmerksamkeit geworden war , die sich nach ihren strengen Begriffen mit ihrer Würde und ihrem weiblichen Gefühl gleich wenig vertrug . Sie ließ sich von ihrem Sohne und ihrem Oheime zurückführen , und ihre stolze Haltung erinnerte nicht mehr an ihre frühere Bewegung . Nachdem der Umgang um den Sarg auch von den Uebrigen vollzogen war , traten die beiden Wappenherolde vor , die zur Seite des Thronhimmels standen , vor dem der Katafalk errichtet war . Der zur linken Seite trug das aufgerollte fürstliche Trauerwappen an einem goldenen Stabe und richtete es zur Linken des Sarges auf . Indem er noch ein Mal den Tod des Herzogs , mit allen seinen Würden und Titeln benannt , verkündigte und alsdann mit lauter Stimme fortfuhr : Und so das erlauchte Haupt dieses Hauses nunmehr in ewigem Frieden hier vor uns ruhet , sehen wir den herzoglichen Stuhl erledigt , und da er leer bleibt vor unsern Augen , nachdem wir den Herrn davon als verstorben erkannt , und als ob Nachkommen und Lehnträger diesem erhabenen Stamme gebrächen , fragen wir die hohen hier anwesenden Verwandten , und den hohen und niedern Adel der Grafschaft Nottingham , ob verblüht und untergegangen sei dies edle Geschlecht , und ob wir sofort , kraft unsers uns verliehenen Amtes , das Wappen zerbrechen müssen und zu ewigem Vergessen mit diesem Sarge versenken sollen ? Wir fragen drei Mal : Ist der Stamm erloschen ? - da trat der Graf von Salisbury als nächster männlicher Verwandte mit ernster Würde hervor , zog seinen Degen , hob ihn gegen den Herold empor , berührte dann drei Mal mit der Spitze die Brust des Verstorbenen und sprach drei Mal ein lautes Nein ! Wo ist der neue Herzog von Nottingham ? rief nun derselbe Herold , und in demselben Augenblicke zogen alle Anwesenden mit Blitzesschnelle die Degen aus den Scheiden , daß die hohen Gewölbe wie von einem Schreie widerhallten , und eben so schnell stand der Graf von Derbery von seinem Platze am Sarge auf , und indem er die Hand auf das Haupt des Entseelten legte , rief er drei Mal : Hier ! Augenblicklich eilten glänzend geschmückte Pagen herbei und hingen den herzoglichen Mantel um seine Schultern , während der Graf von Salisbury den herzoglichen Reif von dem Kissen nahm , welches ein Page ihm reichte , und seinem Groß-Neffen damit das Haupt schmückte . Er führte ihn sodann unter den Thronhimmel und hieß ihn den leeren Stuhl darunter einnehmen , während der Freudenherold das in allen Farben prangende Wappen der Herzoge entfaltete , und den neuen Herzog laut und feierlich proklamirte . Die Anwesenden begrüßten nun vorübergehend und mit dem Degen den Boden berührend den neuen Herzog , und beurlaubten sich , tiefneigend vor den Herzoginnen , die unbeweglich während dieser langen Ceremonie in ihren Stühlen blieben . Bis die letzten Diener den Saal verlassen , und nur noch von ihren Kindern , der herzoglichen Mutter , dem Grafen Salisbury und ihrem nächsten Kammergefolge umgeben , blieb die starke Herzogin aufrecht , dann sank sie ohne einen Laut , ohne alles Leben von ihrem Sessel . Entsetzt stürzten die trostlosen Kinder über sie , doch Doktor Stanloff , der mit hütendem Auge seiner Gebieterin gefolgt war , erklärte ihren Zustand für eine tiefe Ohnmacht und verlangte nichts als Ruhe , wonach sich wohl Alle sehnten nach diesem angreifenden Tage . Auch war die Nacht längst herangebrochen . Man trug die Herzogin in ihre Zimmer , und Jeder suchte die seinigen zu erreichen . - So befand sich bald um den , der sonst der Mittelpunkt alles Lebens und aller Wonne in diesen Hallen war , nur die durch eintönige Worte sich von Stunde zu Stunde ablösende Trauerwache ! Der unbewußte Zwang , den feststehende , durch lange Gewohnheit geheiligte Formen über die Gemüther der Menschen ausüben , wird oft eine wohlthätige Stütze für das durch Leidenschaften oder erschütternde Ereignisse aus seiner Bahn getriebene Innere . Von dem kleinsten Standpunkte gilt dies , und macht sich auch für den weiteren Gesichtskreis des Lebens geltend . Es belehrt uns über das lange Fortbestehen oft in sich schon bedeutungslos gewordener Formen , welche zu durchbrechen und von dem in der Zeit gereiften Kerne die Schaale abzuwerfen , Wenige nur berufen sind . Diese sind dann der letzte Tropfen in dem zum Ueberfließen gefüllten Becher einer neuen Erkenntniß , wozu in der Stille die Besten vieler Zeiten die einzelnen Tröpfchen beisteuerten . Sie haben keinen Maaßstab , denn sie sind die ersten dieser Art ; aber leicht mißdeuten Viele in sich eine leidenschaftliche Aufregung , die ihnen das Recht zu geben scheint , umzustoßen und zu durchbrechen , was , von tugendhaften Vorältern erdacht , oft ganze Geschlechter liebevoll umfaßte und sie schützend an der rohen Willkür vorüberführte . Es ist so schwer , an die Stelle des lang Bestandenen das Bessere zu stellen , daß die hierüber leicht gewonnene Erfahrung uns versöhnlich macht gegen das Mangelhafte ; und so unzureichend und oberflächlich sind die Ergebnisse jener Umwälzungen , daß ein stilles und in sich geschlossenes Gemüth sich leichter da hinneigt , wo tugendhafte Menschen seit lange Bürgschaft gaben für das Bestehende . Auch reift in der Zeit von selbst schon und allmälig eine Reformation , zu deren siegreichen Zwecken Jeder wohlthätig mitwirkt , der in sich selbst die freie Entwickelung seiner Kräfte beschloß . Was auf diese Weise von uns dennoch abfällt und nicht mehr zu uns gehören will , das ist zum Staube reif , nicht der übermüthigen Laune , sondern der Zeit ist es verfallen ! Die stärksten Gemüther erreichen am leichtesten diesen höhern Standpunkt ; Ruhe und wahre Milde haben immer ihren Sitz in dem Gefühle der Kraft , und es ist kein Widerspruch , wenn wir den , der allenfalls die Form durchbrechen könnte , sich fügen sehen ; es ist blos , daß auf seinem höheren Standpunkte ihn das Kleine nicht mehr stört und das Gefühl , die eigene Bahn sich brechen zu können , ihn zum verträglichen Gefährten macht auf dem schon betretenen Wege . Wir fühlen uns durch diese freie Ergießung unserer Meinung unwillkürlich auf die Person hingewiesen , welche zunächst unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt , den zweiten Sohn der Herzogin von Nottingham , Lord Richmond Derbery , welcher einige Tage nach der still erfolgten Beisetzung des geliebten Vaters mit seinem Oheim , dem uns schon bekannten Grafen Archimbald Glandford , von einer Sendung König Jakobs an seinen unglücklichen Schwiegersohn , den Kurfürsten von der Pfalz , zurückgekehrt war und , von der Trauernachricht auf dem Rückwege getroffen , mit geflügelter Eile Godwie-Castle erreicht hatte . Wir vertiefen uns nicht noch ein Mal in die wehmüthigen und erschütternden Scenen eines solchen Wiedersehens . Ueber Personen , die mit eben so viel Hochachtung , als Liebe , an einander hingen , brachten solche Augenblicke den vollen Werth einer würdigen Selbstbeherrschung , welche auch den heftigen Empfindungen des Herzens eine edle Decenz auferlegt ; der tiefe Ernst , der an die Stelle leidender Aufregung getreten , zeigte sie wenig anders , als man sie zu sehen gewohnt war . Doch hatte die Ankunft beider Männer einen unverkennbaren Einfluß auf die wiederkehrende freiere Haltung des Ganzen . Es lag in ihrer geräuschlosen Gegenwart dennoch etwas so Anziehendes und zugleich Anregendes , daß fast Jeder auf seinem Platze etwas zu leisten strebte , wie wenig auch eine Anforderung darauf hinwies . Wenn die Unbedeutenden sich dadurch angenehm erhöht fühlten und die Besseren in der schönen Freude ehrender Anerkennung lebten , gab es doch auch Andere , welche sich von einer Beherrschung gedrückt fühlten , die , wenn auch achsichtslos entstand und nie gefordert oder begünstigt schien , der stillen Herrschaft zugeschrieben werden mußte , die ausgezeichnete Geister unwillkürlich durch sich selbst herbeiführen . Zu diesen Letzteren , sich gedrückt Fühlenden , müssen wir , obwohl mit einiger Schüchternheit , den größten Staatsmann jener Zeit , den Grafen Salisbury , rechnen . Wir haben erzählt , daß er seinen Neffen , den Grafen Archimbald , bei seiner Rückkehr aus Frankreich zu bilden strebte und , die großen Eigenschaften desselben erkennend , wohl damals den Plan faßte , ihn zu seinem Gehülfen und späterhin vielleicht zu seinem Nachfolger zu erheben . Doch während dieser Entwickelung geschah etwas , das außer dem Plane und der Erwartung des Grafen lag . Er hatte seinen Neffen , den er durch Verwandtschaft und Unterricht fest an sich geknüpft wußte , eine Zeit lang in anscheinend unbedeutenden Aufträgen an die verschiedenen Höfe , an denen sich schon englische Gesandtschaften befanden , gesendet , oft damit Zwecke erreichend , die auf direktem Wege Widerstand gefunden hätten , und die ihm die Fäden in in die Hände spielten , an denen er König Jakob und die übrigen Minister geschickt zu lenken wußte . Graf Archimbald hatte durch diese verschiedenen Stellungen fast den Ueberblick über alle wichtigern Angelegenheiten des damals in religiöser und politischer Beziehung so bewegten Europas gewonnen . Seine ungemein wissenschaftliche Bildung , und vor Allem der natürliche leichte und scharfe Blick seines umfassenden Geistes hatte ihn zu Ansichten geführt , die ihn über das System erheben mußten , nach welchem die kurzsichtige Politik König Jakobs mit weibischer Schwäche sich von all ' den hochherzigen Bewegungen ausschloß , die von so viel Seiten her ihn zur Theilnahme aufforderten . Er verwarf sie , um den Frieden zu erhalten , der während seiner ganzen Regierung das durch Elisabeth so hoch gestiegene Ansehen Englands wieder herabsinken ließ . Daß dieser Vorwurf , den bald Europa dem Könige von England machen mußte , auch seine Minister und namentlich den Grafen Salisbury traf , an dessen Namen eine Berühmtheit hing , die er nach dem Tode Elisabeths nicht mehr behaupten zu können schien , fühlte Graf Archimbald mit tiefem Schmerze , und von dem Tadel gegen seinen König , mehr noch gegen seinen Oheim erhitzt , wagte er es , demselben Ansichten vorzulegen , die nur zu deutlich zeigten , daß die Meinungen des Neffen mündig geworden . Der Graf konnte sich bei diesen gewagten Mittheilungen , trotz seines innern grenzenlosen Unwillens , nicht verläugnen , daß hier in dem Kreise , den er völlig zu übersehen glaubte und mit der schmeichelhaften Hoffnung beherrschte , daß der ganze Continent ihn in dieser vollkommenen Herrschaft anerkenne , sich Ansichten entwickelt hatten , die ihm nicht allein entgangen waren , sondern auf das , was er indessen gethan , ein tadelndes Licht werfen mußten . Je weniger der helle Geist des erfahrnen Staatsmannes sich dies verläugnen konnte , um so unheilbarer war die Wunde , die sein stolzes Herz dadurch empfing , und die Person , die zuerst diesen tödtenden Pfeil nach ihm zu senden wagte , würde stets das Opfer dieser erregten Empfindung geworden sein , wie den Liebling nichts schützen konnte , eine mißtrauische Kälte erregt zu haben . Die Grenze des Vertrauens war von da an gesteckt ; die nie geträumte Befürchtung , von seinem Neffen übersehen zu werden , erbaute , obwohl kaum eingestanden , eine ewig trennende Mauer . Mit leicht erregtem Mißbehagen sah er den Beifall , den er selbst früher auf ihn herbeigerufen hatte , und sein ewig gepeinigter Stolz ließ sein Wesen mit allen Autoritäten des Ministers und Oheims gegen ihn sich bekleiden . Schnell hatte Archimbald sein großes Versehen erkannt , und die Dankbarkeit und Hochachtung , die der Beleidigte ihm einflößte , gab ihm all ' die rücksichtsvolle Ergebenheit , die überall hätte versöhnend sein müssen , nur nicht gegen ein durch Hochmuth und Schmeichelei erkaltetes Herz , dessen eitles Selbstvertrauen verletzt ward . Auch blieb hierüber bald dem Grafen kein Zweifel übrig , und ihm selbst war ein zu hoher Grad des Stolzes beigemessen , und ein nicht zu unterdrückendes und begründetes Selbstvertrauen , als daß er sich länger um die Wiederherstellung eines Verhältnisses hätte bemühen können , welches oft schon seiner Ueberzeugung Fesseln angelegt hatte , und das ihm jetzt doppelt drückend werden mußte , nachdem er einen so tiefen Blick in das kleinliche Gemüth seines Oheims gethan . Beide jedoch waren zu klug , die Welt zu Zeugen dieser innern Trennung zu machen . Der Graf von Salisbury hatte zu oft Lord Archimbald seinen besten Schüler genannt , um ihn jetzt nicht auf der öffentlichen Höhe zu halten , die ihm unter diesem Prädikat zukam ; doch entfernte er ihn bald aus seiner Nähe , obwohl auf einen Platz hin , den er mit einem bedeutenden Kopfe ausfüllen mußte . So begab sich denn der Graf zu Heinrich dem Vierten nach Paris . Es begleitete ihn dahin trotz seiner zarten Jugend sein zärtlich von ihm geliebter Neffe , Richmond von Derbery . Es war für den , der diese beiden Personen beobachten konnte , etwas höchst Anziehendes zu gewahren , wie Graf Archimbald an seinem Neffen mit einer Liebe hing , die er fast gegen alle Andere , besonders seit dem Tode seines Freundes , des Prinzen von Wales , und seines geliebten Vaters , zu verringern schien , und dies , wie es sich oft verrieth , um solcher Eigenschaften willen , worauf einen entschiedenen Werth zu legen , man von dem Grafen am wenigsten erwarten konnte : nämlich wegen einer hervorleuchtenden Fülle des Gemüths und einer Zartheit der Empfindungen , welche die Brust einer Frau in nicht höherem Maaße hätten zieren können . Das ganze Wesen Richmonds war geleitet von einer feinen Schonung gegen Andere . Er errieth mit der schärfsten Empfindung eben so leicht das Wohlthuende , als das Verletzende , und wußte , wo es seine Stellung irgend zuließ , das Eine , wie das Andere sanft zu vermitteln , woraus eine Sicherheit in seiner Nähe entstand , welche das Vorrecht einer schönen und edlen Individualität ist , und selbst über die roheren Seelen eine stille Gewalt übt , von der sie sich oft keine Rechenschaft zu geben wissen , und die sie unbewußt , sich selbst zu mäßigen , zwingt . Man mußte sich gestehen , daß diese Tugenden nicht unter die ausgezeichnetsten seines Oheims gehörten . Dieser verdeckte eine gewisse Schärfe und Kälte des Karakters durch die außerordentliche Selbstbeherrschung und Politur , die das Leben in den verschiedensten Lagen und unter stets großen und repräsentirenden Verhältnissen ihm gegeben hatte , aber sie ließ sich nie so ganz unterdrücken , um nicht da hervorzutreten , wo es an einem Interesse , sie zu verbergen , fehlte . Es gab Personen von feinem Takte , die sich selbst durch die freundlichste Annäherung in Ton , Wort und Miene nicht von einer kleinen Erkältung erholen konnten , die sie verletzte . Indem dies eine Art Schüchternheit erregte , unterstützte es zugleich das Ansehn , das ihm überall zu Theil ward , und welches um den Preis der eigentlichen Herzens-Affectionen gewonnen zu haben , ihn vielleicht nicht sonderlich betrübte . Dessenungeachtet mußten auch ihm die Augenblicke nicht ausgeblieben sein , von denen man sagt , daß sie Jeden erwarten ; die Augenblicke , in denen die Leerheit des Innern von den Außendingen nicht zu füllen ist und das ganze Gebäude stolzer Größe nicht gegen die Anforderungen ausreicht , die das Herz mahnend wiederholt , wie wenig es auch scheinbar dazu berechtigt ward . In solchen Augenblicken hatte er den Sohn des Bruders erfaßt , in dessen Eigenthümlichkeit er sich ergänzt fühlte . Er war ihm überall gefolgt und von dem Vater mit Freude , von der Mutter nur mit großer Ueberwindung ihm überlassen worden , denn sie hing mit einer ganz besonderen Innigkeit an diesem Kinde , und wenn sie auch in ihrer äußeren Haltung kaum je den Grad ihrer Empfindungen wahrnehmen ließ , war sie innerlich klar genug , das erhöhte Gefühl zu erkennen , das von früh an ihren Liebling begleitet hatte . Später söhnte sie sich mehr mit dem Gedanken aus , ihn unter fremder Herrschaft erblühen zu sehn , denn sie mußte sich sagen , daß kein Wesen geeigneter war , die geistigen Vorzüge eines Jünglings zu entwickeln , als Graf Archimbald , und daß gerade das Hervorheben dieser geistigen Entwickelung ein wohlthätiges Gleichgewicht hervorgerufen hatte gegen die zärtliche Weichheit seines Herzens . Graf Archimbald versäumte dagegen nie , das Opfer der Mutter wohl erkennend , eine Gelegenheit , den Sohn ihr zuzuführen , und die Herzogin war endlich auch nicht gleichgültig gegen die Aussicht , ihren Sohn in die Rechte des Grafen Archimbald treten zu sehen , da , wenn es auch unentschieden blieb , ob der Oheim aus Liebe zum Neffen der Ehe entsage oder die Entsagung der Ehe ihn zum Neffen geführt , doch die Hauptsache entschieden schien , daß der Graf sich nicht vermählen und Richmond sein Erbe sein werde . Nach mehrjährigem Aufenthalt am Versailler Hofe wünschte der Graf auf einige Zeit in den Kreis seiner Familie zurück zu kehren , da seit dem Tode Heinrichs des Vierten er nur noch schwach sich an den Hof gebunden fühlte , und zugleich seine durch Elisabeth ihm wieder verliehenen Besitzungen zu besuchen wünschte . Die meiste Zeit brachte Richmond indessen bei seinen Eltern zu . Es war eine Zeit stiller Seligkeit für die Herzogin ; denn ihr Liebling trat ihr vollständig gereift entgegen , und sie hatte Zeit , in ihm so seltene Eigenschaften vereinigt zu gewahren , daß ihr Mutterherz im fröhlichsten Stolze aufschwoll . Die Brüder waren ungemein verschieden , sowohl an Person , als an Eigenschaften ; aber war man nur nicht so ungerecht , den Grafen Robert mit Richmond vergleichen zu wollen , so blieb jener doch eine liebenswürdige Erscheinung , mit seiner schönen Gestalt und dem heitern blonden Angesicht . Richmond dagegen hatte die regelmäßige Schönheit seiner Mutter . Er war so groß , wie sein Bruder , seine Gestalt war