der Herzog . Wilhelmi brach auf und rief : » Von unsrem Abenteurer ! « Er las folgende Zeilen : » Es ist mir eine unerträgliche Empfindung , in dem hohen und freundlichen Kreise , welcher mich einige Stunden in seiner Mitte duldete , eine herbe Nachwirkung befürchten zu müssen . Ich habe mich gegen Sie vergangen , und ich gestehe Ihnen mein Unrecht aufrichtig ein . Die Unart des Jünglings kann einem Manne , wie Sie sind , nicht empfindlich sein . Aber um meinetwillen und zu meiner Beruhigung lassen Sie mich glauben , daß Sie mir vergeben . Ich möchte an den heutigen Tag so gern ganz heiter zurückdenken , und ich kann es nicht , wenn Sie mir wegen meiner Torheit zürnen . « Der Herzogin Antlitz glänzte vor Freude . Der Herzog sagte : » Ich hoffe , du hältst mich wegen des braven Jungen nicht beim Worte « ; und Wilhelmi rief mit der Gutmütigkeit , die sich bei den Hypochondristen einstellt , wenn sie tüchtig auf die Welt geschmält haben , aus : » So möchte ich mich wohl alle Tage in einem Menschen irren ! « Neuntes Kapitel Hermann war indessen nach dem Walde hinausgeeilt , worin er das wilde Mädchen gefunden hatte . Rasch war , sobald er von der Herzogin die Mittel besaß , sein Plan zu Flämmchens Rettung entworfen worden . Vorerst sollte sie in dem Dorfe jenseits des Waldes untergebracht werden , dann wollte er die Sache mit dem Komödianten abmachen , und wenn dies geschehen , hatte er vor , das Kind in eine benachbarte Pension zu geben , deren Vorsteherin ihm bekannt war . So war sein Entwurf , an dessen Gelingen er nicht zweifelte . Es war bei ihm ein Ehrenpunkt geworden , diese Angelegenheit zur Zufriedenheit der Herzogin zu Ende zu bringen , die ihn nach seiner Meinung so ungerechterweise von ihrem holden Antlitze hinwegwies . Flämmchens romantische Gestalt schwebte vor seinem Geiste , sein Blut befand sich in heftiger Wallung . Vielleicht bewirkte es dieser aufgeregte Zustand , daß er im Walde , den er halb laufend erreicht hatte , bald von der Richtung , die er am Morgen genommen , abkam . Der umgestürzte Stamm , welcher ihm den Ort , wo Flämmchen weilte , zeigen sollte , blieb unsichtbar , und es dauerte nicht lange , so sah er sich zwischen fünf bis sechs Kreuz- und Quersteigen verirrt . Anfangs wählte er noch unter denselben , dann ließ er den Zufall walten , und endlich war er durch Wahl und Zufall im dichtesten Forste . Erschöpft sank er an einer Quelle nieder , die durch aromatische Kräuter hinrieselte . Nachdem er seinen brennenden Durst gelöscht , und sich hinlänglich ausgeruht hatte , wollte er seine Irrgänge wieder anfangen , obgleich er bei dem fast taghellen Scheine des inzwischen aufgegangnen Mondes an seiner Uhr sah , daß Mitternacht herannahte . Ein Rascheln wurde im Laube hörbar . Hermann erblickte eine schwarze Gestalt , die gebückt am Stabe daherschlich . Das alte Weib kam näher , setzte sich auf einen Stein , und sagte : » Nun wird mich , wie ich meine , das Ding nicht wiederfinden . Dieses Flämmchen kann wohl eine Flamme heißen ! « Hermann trat heftig auf die Alte zu , faßte sie bei der Schulter , und rief : » Wer bist du ? Von wem sprichst du ? « Ohne aus der Fassung zu kommen schlug die Alte ihr dunkelfarbiges Kopftuch zurück , und ein braungelbes , scharfkantiges , runzelvolles Antlitz sah ihn im Mondenstrahle an . » Das bin ich « , sagte die Alte , » und von dem Flämmchen , dem jungen Teufel , sprach ich . « » Wo ist sie ? « fragte Hermann . » In den Fichten « , versetzte die Alte . » Ich habe sie hingeschickt , um sie loszuwerden , und dort mag sie den Geist erwarten , den ich ihr zitieren sollte . « Er nahm so viel aus den Reden des alten Weibes ab , daß Flämmchen sie vor dem Zusammentreffen mit ihm gesprochen , und nachher wieder aufgesucht habe . Was sie ihr gewahrsagt , vermochten weder Bitten noch Drohungen herauszubringen . - » Es ist gegen unser Gewissen « , sagte sie . » Unsre Reden gehen nur zu zweien Ohren ein ; so lautet ein Sprichwort . « - Den Ort , wohin sie die Abergläubische geschickt , wollte oder konnte sie nicht angeben , sie sei selber fremd in der Gegend , sie habe den Narren auf das Geratewohl nach einem Fichtenkampe gehen heißen , dessen Lage sie nicht mehr bezeichnen könne . Er sei wohl eine Stunde von hier ; ob er nach Morgen oder Abend stehe , wisse sie nicht . » Wenn du mich belögest ! « rief Hermann , » wenn du mit dem Mädchen etwas Schlimmes vorgenommen hättest ... « Die Alte erwiderte : » Ich bin eine gute Christin , und glaube an Himmel und Hölle . Bei dem Kreuz ! Ich habe dem Mädchen nichts zuleide getan . Wartet die Nacht ab , morgen wird sie schon wieder zum Vorschein kommen , und Ihr werdet Eure Perle nach Herzenslust beschauen können . Ich glaube , vor der nimmt Wolf , Bär , Löwe und Tiger Reißaus . Ihr seid ein Aufgeklärter , das sehe ich Euch auch bei Mondenschein an . Ihr würdet mich nur auslachen , wollte ich in Eure Hand sehn , und sagen : so und so . Aber nehmt von einem alten Weibe einen Rat an . Hütet Euch vor dieser Flamme ! Sie hat zehntausend böse Geister im Leibe . Ich habe geschlummert die Nacht hinter dem Dorn am alten Raubschloß , auf der Bahre im Beinhause , im weißen Klippentale und auf der grauen Heide , und ich habe mich nicht gefürchtet . Heute aber fürchtete ich mich , als sie vor mir stand , die junge Hyäne , das blanke Messer in der Hand und von mir verlangte , ich solle ihren toten Vater berufen ! « » Laß dein angelerntes Geschwätz ! « rief Hermann . » Gewiß hast du die Not der Armen benutzt , ihr den letzten Pfennig abgenommen , und dafür ihr Gehirn mit aberwitzigen Dingen erfüllt . « » Nur aus der Hand , auf der etwas Blankes liegt , läßt sich wahrsagen « , versetzte die Alte . » Sie hat bezahlen müssen , was recht ist . Wer gibt Euch die Befugnis , mich auszuschelten ? « In diesem Augenblick trat der Mond hinter eine finstre Wolke , und bei der Dunkelheit , die hierdurch entstand , gewahrte Hermann durch die Bäume den Schimmer eines schwachen Lichts . Der Mondschein hatte vorher das spärliche Leuchten überstrahlt . Er schloß aus diesem Umstande auf die Nähe einer menschlichen Wohnung , und da er seiner Meinung nach von dem Städtchen weit verschlagen sein mußte , die Alte aber fest dabei verblieb , daß sie ihm den Ort , wohin sie Flämmchen geschickt , nicht bezeichnen könne , so entschloß er sich , auf den Schein loszugehn , und den guten Willen der Bewohner um ein Obdach anzusprechen . Er verließ die Alte ohne Abschied . Diese hob , wir wissen nicht , ob zu ihrer Erbauung , oder zum Zeitvertreibe , ein holprichtes Lied an , und sang mit tiefer und rauher Stimme Strophen durch die Nacht , deren Worte Hermann nicht verstehn konnte . Zehntes Kapitel Ein Hirschgeweih über der Pforte , und das Anschlagen der Hunde von einem Hinterhofe her , kündigten die Wohnung eines Weidmanns an . Hermann schritt durch den mit Bäumen bepflanzten Vorraum , und klopfte an die aus zwei Hälften bestehende Tür . Von innen riefen zarte Stimmen : » Ach , er kommt ! Er kommt ! « Die Tür ward auf getan , er trat in eine nur vom Kohlenfeuer des Herdes beleuchtete Küche , zwei Kinder drängten sich an ihn , und fragten ängstlich : » Sie sind doch der Herr Doktor ? « » Ich bin kein Arzt , Kinder « , versetzte Hermann , » ich bin ein verirrter Reisender , der um ein Nachtlager bitten wollte . Wo sind eure Eltern ? « Statt hierauf zu antworten , warf sich das Mädchen jammernd über einen Stuhl , die hellen Tränen drangen aus dem Gesichtchen , sie rief schluchzend : » Unsre Mutter stirbt , und alles hat uns verlassen ! « Anfangs stand der Knabe , wie verlegen , still und tränenlos neben der Weinenden , dann zuckte es um seine Lippen , er ballte die Hände , stampfte mit dem Fuße , riß das Haupt der Schwester an seine Brust , drückte es heftig an sich , und sagte mit einer Stimme , die halb wie Trotz , halb wie die innigste Liebe klang : » Cornelie , du sollst nicht weinen . « » Muß ich zuletzt noch an ein Krankenlager geraten ! « rief Hermann . Er sah sich um , es war das gewöhnliche Innere eines westfälischen ländlichen Hauses . Die Küche mit dem Feuerherde als allgemeiner Versammlungsort in der Mitte , mit Fliesen gepflastert , mit schwarz-beräucherten Bohlen gedeckt . Hinter diesem Raume der Viehstall , ohne sonstige Trennung von dem Aufenthalt der Menschen , als durch die Krippe . Gegenüber ein paar Türen , die zu den kleinen Zimmern in den vorspringenden Teilen des Gebäudes führten . Ein Ächzen ließ sich nebenan vernehmen . Hermann ging zu dem Bette der Kranken . Sie fieberte und phantasierte , sprach viel von einem Fräulein und von Briefen , und wiederholte oft mit Heftigkeit den Ruf : » Die Briefe weg ! Verbrennt die Briefe ! « Er kehrte zu den Kindern zurück . Sie schienen in dem einsam liegenden Waldhause ganz allein zu sein . Er begriff nicht , wie man die Gewissenlosigkeit so weit hatte treiben können , ihnen die Kranke , und sie sich selber zu überlassen . Aufs neue schien ihm die Schutzrolle zugeteilt zu sein , und der Tag sollte enden , wie er begonnen hatte . Der Knabe sagte ihm , es sei nach dem Arzte in der Stadt geschickt worden , welcher auch versprochen habe , zu kommen . Sie hätten nun von Stunde zu Stunde auf ihn gewartet , und als sie das Klopfen gehört , gemeint , er sei endlich da . Hermann suchte die armen Geschöpfe mit herzlichen Worten zu beruhigen . Er nahm sie bei der Hand , streichelte ihre Wangen , sprach ihnen Mut ein , und versicherte , mit der Mutter habe es keine Gefahr , er sei zwar kein Arzt von Profession , verstehe sich aber doch auf die Krankheiten , es sei nichts als ein Flußfieber . Der getroste Ton , mit dem er sprach , machte einen günstigen Eindruck auf seine Schutzbefohlnen . Cornelie trocknete die Tränen im Schürzchen ab , lehnte sich an ihn , und umfaßte , da er nicht aufhörte , zu trösten und zu ermutigen , mit beiden Händen seinen Arm . Ihren Bruder , den sie Ferdinand rief , schien dies zu verdrießen , er lief in eine Ecke der Küche , stampfte wieder mit dem Fuße , und sagte derb und trocken : » Cornelie , mich hungert , koch etwas zu essen . « Auch Hermann wären ein paar Bissen angenehm gewesen . Zu seinem Erstaunen wußten die Kinder trefflich Rat zu schaffen . Ferdinand war rasch eine Leiter über dem Kuhstalle hinauf zu einer Art von Verschlage , kroch hinein , Hühner schrieen , gleich darauf kam der Knabe mit einem Tuche voll Eier herab . Cornelie hatte unterdessen den Wasserkessel , der nach Landesbrauch nie den Haken über dem Herdfeuer verließ , in die Siedenähe gerückt , und tat die Eier hinein . Ferdinand spürte das Brot und die Butter auf , das Tischtuch , die Messer und Gabeln fanden sich , in wenigen Minuten war der Tisch gedeckt . Cornelie nahm mit der Kelle die Eier aus dem Wasser , setzte sie auf , ging in die Krankenstube , kehrte , ein neues Schürzchen vorgebunden , zurück , und nötigte , zierlich sich verneigend , ihren Gast zum Essen . Hermann hatte mit Behagen den lieblichen Gestalten zugesehn , wie sie sich geschäftig vor dem Feuer des Herdes hin und her bewegten . Es war , als führten sie seit Jahren eine Wirtschaft , so geschickt war alles Häusliche von ihnen besorgt worden . Nun setzte er sich mit seinen jungen Wirten zu Tische , nicht neben Cornelien , denn zwischen sie und ihn hatte sich Bruder Ferdinand geschoben . Hermann mußte über die kindische Eifersucht lächeln . Der Knabe genoß , obgleich er vorher sehr hungrig getan hatte , nun fast gar nichts , hing mit seinen Blicken an Cornelien , und drückte ihr verstohlen die Hand , sooft sie dieselbe vom Tische nahm . Sie litt es einige Male , dann aber zog sie dieselbe hinweg , und sah verschämt nach Hermann hinüber . Nur das Feuer des Herdes leuchtete zu dem kleinen Mahle , Kerzen hatten die Kinder nicht zu finden gewußt . Sie plauderten allerlei ; vom Vater und dem nach ihm geschickten Boten , daß der Vater gewiß morgen kommen werde , daß nun alles gutgehe , da die Mutter nur das Flußfieber habe . Dieses Wort , und die Gegenwart Hermanns hatte sie beruhigt , sie schienen ihre Angst vergessen zu haben . Die Kranke war auch still geworden , und lag in einem tiefen Schlummer . Hermann fühlte sich in dieser Stille ungemein wohl . Er kam sich wie ein Hausvater vor ; alles war so heimlich , traut und natürlich , der kleine Tisch , die schönen Kinder , manch ländliches Gerät umher im ungewissen Feuerschein . Um die Ekloge zu vollenden , erhoben sich ein paar breitgestirnte Kühe , durch das späte Geräusch aufgestört , von ihrer Schlummerstätte und streckten über die Krippe ihre Köpfe dumm und zutraulich nach den Menschen hinüber . Endlich hieß Hermann die Kinder , welche , überwacht , noch munter fortschwatzen wollten , sich niederlegen . Er versprach ihnen , wach zu bleiben , und auf die Mutter zu achten . Die Wanduhr hatte Eins geschlagen . Ferdinand ging , Cornelie machte noch ein Glas Brotwasser für die Kranke zurecht . Dann wollte sie dem Bruder folgen , und wünschte ihrem Beschützer wohl zu schlafen . Dieser umfaßte sie , und wollte ihr unbefangen , wie man mit Kindern zu tun pflegt , einen Kuß geben . Aber sanft entwand sie sich ihm , und flüsterte ängstlich : » Ach nein , lassen Sie das doch ! « Indem sie ging , kam sie ihm länger vor , er wußte nicht , wo er zuerst die Augen gehabt hatte , daß sie ihm so gar klein erschienen war . Eilftes Kapitel Nun war er mit sich allein , in tiefster nächtlichster Stille , die nur von dem einförmigen Schlage des Perpendikels belebt wurde . Er ging in die Krankenstube , wo er jetzt erst in einer Ecke allerhand aufgespeichertes Reisegerät : Koffer , lederne Behälter , Körbe und dergleichen bemerkte . Was diese Zusammenhäufung von Dingen in einem Wohnzimmer , denn das schien jene Stube zu sein , bedeuten sollte , war ihm unerklärlich . Einige Bücher lagen unter den Sachen umher , eins derselben nahm er zur Hand . Er wollte versuchen , am Herde , dessen Glut er mit einigen Kienscheiten erfrischte , zu lesen . Es waren die Schriften von Novalis . Blätternd stieß er auf das schöne Märchen von Hyacinth und Rosenblütchen , welches so lieblich die Lehre ausspricht , daß wir mit allem Suchen nur unsre Kindheitswonne wiederzufinden streben . In den Fragmenten umhersehend , fand er den Satz : » Wer rechten Sinn für den Zufall hat , der kann alles Zufällige zur Bestimmung eines unbekannten Zufalls benutzen . Auch der Zufall ist nicht unergründlich , er hat seine Regelmäßigkeit . « Ihm schmerzten die Augen , er tat das Buch hinweg . » Kann man doch alles behaupten , wenn man nur den Mut dazu hat « , sagte er . » Wir haben so ziemlich jegliches Ding nach Schnur und Maß geordnet , nur der Zufall hatte sich noch seine weltalten Launen vorbehalten . Nun will uns der schlafengegangne Magus überreden , daß wir auch diesen äußersten dunkelsten Winkel der Welt mit unsrem Lichte erleuchten können . Wohlan , welche Regel ist in dem Gastmahle , vom Zufall mir in diesen letzten vierundzwanzig Stunden aufgetischt ? Was für eine Lehre hat mir das Begegnen Flämmchens , das sonderbare Benehmen der Herzogin , und meine letzte improvisierte Hausvaterschaft geben wollen ? « Noch einmal das Buch in die Hand nehmend , schüttelte er ein Blatt , lose eingelegt , heraus . Er hob es auf . Es war eine kolorierte Zeichnung ; ein tiefes gewundnes Tal , mit weißen langen Gebäuden besetzt . Er las mühsam die Unterschrift ; wie erstaunte er , als er den Namen der Fabriken seines Oheims fand ! » Wie mag diese Landschaft sich hieher verloren haben ? « fragte er . » Willst du mir vielleicht ein Zeichen deiner Regelmäßigkeit geben , rätselhafter Gott Zufall ? Lauscht hinter den Geldsäcken des Oheims mein Rosenblütchen ? « Die Augen sanken ihm vor Müdigkeit zu . Er fand einen Lehnstuhl , in dem er sich bequem zurechtsetzte . Doch schlief er nicht ein . Er befand sich in dem überreizten Zustande , worin die Phantasie , unwillkürlich , aus eigner , losgebundner Kraft nicht müde wird , ihr mischbuntes Arabeskengedicht zu spinnen . Die Figuren des Tages wuchsen ihm aus Blumen entgegen , zerstäubten in Flocken , setzten sich aus den Flocken wieder zusammen , strichen hinüber und herüber . Zwischen allen diesen Phantasmen kehrte eine Erscheinung am öftersten wieder . Aus weiter Ferne sah ihn ein Haupt erblichen , sanft an , schwebte dann näher , und je näher es kam , desto deutlicher erkannte er das Medusenantlitz , welches ihm zuletzt voll furchtbaren Ernstes , und doch unendlich milde , tief in die Augen blickte . Darauf wich es zurück , und so schwankte dieses wache Traumbild zwischen Nähern und Entfernen , Milde und Schreck einige Male hin und her , bis es plötzlich wie eine Maske umfiel , und eine lachende Gestalt , die sich dahinter verborgen , hervorsprang , welche Flämmchens Züge trug . Sanfte Töne erweckten ihn nach einigen Stunden aus dem dumpfen Morgenschlafe , in welchen sich denn doch zuletzt jene Spiele der Einbildungskraft verloren hatten . Ein roter Schein zitterte durch das Haus . Noch war es leer . Sein erster Gedanke suchte die Kinder . Er stieß eine Tür auf , da ward ihm ein Anblick , der nicht schöner sein konnte . Auf einer über den Fußboden gebreiteten Matratze ruhten die Unschuldigen lächelnden Gesichts nebeneinander . Die trotzigen Züge des Knaben waren gemildert , der Kopf des Mädchens lag auf der Brust des Bruders , sie hielt ihre Hände gefaltet . Der Knabe hatte seine Schwester im Arme . Das Morgenrot beleuchtete die Gruppe , und gab dem dunkelblauen Pfühle , auf dem die Kinder schliefen , eine tiefe Purpurfärbung . Dazu erklangen von draußen die gehaltnen Töne der Blasinstrumente . Doch nur wenige Augenblicke dauerte dieses schöne Gesicht . Das Morgenrot setzte sich schnell in den gelben Schein des Tages um , die Gestalten der Kinder erbleichten , und die Farbe des Pfühls wurde ein kaltes Blau . Draußen fielen die Instrumente mit einem hallenden Jägerstückchen ein . Hermann ging hinaus . Vier bis fünf Grünröcke standen im Kreise und bliesen . Nachdem sie ihr Stückchen vollendet , wandte er sich an den , der ihm der Herr und Meister der übrigen zu sein schien . » Herr Förster « , sagte er etwas bitter , » Ihre Frau lebt noch , aber Ihre armen Kinder sind fast vor Angst gestorben . « Der Förster , der sich seines Hagestolzenstandes in Ehren bewußt war , und schon mit Verdruß einen Fremden aus seinem Hause hatte kommen sehn , musterte Hermann vom Kopf bis zum Fuß , und entgegnete nichts , als ein langgezognes : » Was ? « Man erklärte sich indessen bald . Die Kinder waren mit ihrer kranken Mutter tags zuvor angekommen , und hatten den Förster um den Liebesdienst gebeten , sie aufzunehmen , weil die Mutter vor übergroßen Schmerzen nicht einen Schritt weiter fahren konnte . Woher sie gekommen ? Wie die Familie heiße ? Was der Frau fehle ? um alles dieses hatte sich jener Westfale nicht bekümmert . Denn er war der Meinung , daß das Wissen aufblase , und unnütze Neugier vom Übel sei . Es war gleich nach dem Arzte geschickt , die Kinder selbst hatten , entschlossen , wie Hermann sie kannte , einen Boten an ihren Vater gedungen . Somit war alles Nötige geschehen , und der Förster hatte sich nicht weiter um die Sache bekümmert , sondern seinen gewöhnlichen Holzgang gehalten . » Es war keine Seele im Hause . Wie konnten Sie die Unglücklichen über Nacht allein und hülflos lassen ? « fragte Hermann mit Heftigkeit . » Mein Herr , was geht Sie denn eigentlich meine Handlungsweise an ? « entgegnete kaltblütig der Förster . » Ich war auf dem Tanz bei dem Hofschulzen , wohin ich alle Jahre mit meinen Leuten gehe . Engel sollte zu Hause bleiben , ist Engel fortgelaufen , so kriegt Engel die Karbatsche ! « - Er verstand unter diesem Engel seine Magd Angela , welchen Namen das Volk dort solchergestalt zusammenzieht . Hermann war überzeugt , daß er hier ins Mittel treten müsse , um die Gefühllosigkeit des Grünrocks durch das Interesse zu bezwingen . Die Goldstücke der Herzogin , die ihm freilich zu einem andern Zwecke gegeben waren , brannten in seiner Tasche ; er rief : » Ich bezahle alles , was die Kinder mit ihrer Mutter bei Ihnen verzehren , aber ich bitte mir aus , daß Sie gewissenhafter sich ihrer annehmen . Heute abend oder morgen früh bin ich wieder hier . « Er ging , ohne den Förster nach dem Wege zu fragen , was auch unnötig war . Denn nur die Nacht hatte ihn getäuscht . Das Försterhaus lag auf einer Waldblöße , und hinter einem dünnen Saum von nahem Gebüsch lief der große Heerweg . In kurzer Entfernung sah er den wohlbekannten Turm des Städtchens . Er hatte sich also am Abend zuvor im Zirkel umhergetrieben . Der Förster stand nach der leidenschaftlichen Anrede Hermanns einige Minuten schweigend , als müsse sich seine Seele erst besinnen , wie sie solche Beleidigungen aufzunehmen habe . Dann brach er mit einem grimmigen Fluche los , und rief zornig , daß seine Rüden zu bellen begannen : » Brauche ich denn dein Geld ! Bin ich denn ein Schenkwirt ? So soll doch das Donnerwetter dareinschlagen ! « Er ging eiligst in sein Haus , entschlossen , wie rohe Menschen in solchem Fall zu sein pflegen , für die Schuld eines Dritten die Unschuldigen büßen zu lassen . Zwölftes Kapitel Nach der tiefsinnigen Bemerkung des seligen Asmus rühren die Mißverständnisse gewöhnlich daher , daß einer den andern nicht versteht . Dieser Satz erhielt durch das , was nunmehr zwischen Hermann und dem Komödianten vorfiel , eine neue Bestätigung . Flämmchens Fluchtgeschichte war einfach genug . Das Mädchen war die Tochter eines polnischen Offiziers , der , unter den Fahnen des Eroberers dienend , Mutter und Kind auf den Kriegszügen durch Deutschland mit sich umhergeführt hatte . Er blieb in einer großen Schlacht , bald nachher starb auch seine Geliebte , eine Spanierin , von Klima und Mangel aufgezehrt . Aus den Händen armer Leute empfing der Komödiant das elternlose Geschöpf . Er war ein gutmütiger Mensch und spielte schon damals edle Väter . Der Anblick des kleinen Wesens , dem die Augen wie Kohlen im Kopfe brannten , und welches aus seinen Lumpen so keck hervorsah , als sei es eine Prinzessin , rührte ihn . Er ließ das Kind sich abtreten , und beschloß , es zu seinem Gewerbe anzuführen . Indessen brachte ihm diese wohltätige Handlung keinen Segen , sondern nur Herzeleid . Fiametta , die lieber Flämmchen heißen wollte , war das eigensinnigste , widerspenstigste Ding , was polnisches und spanisches Blut , vereinigt erzeugen können . Die sogenannte Erziehung , welche ihr in jener Komödiantenwirtschaft zuteil wurde , fruchtete nichts , und unmöglich war es , sie zum Auftreten zu bewegen . Sie begreife nicht , sagte sie , wozu das dumme Zeug , wie sie das Schauspiel nannte , diene ? der falsche Vater lüge ja den ganzen Tag über , warum er denn des Abends zu seinen Lügen die fremden Kleider anziehe ? Einmal hatte man sie unter Mühe und Not , durch Hunger und Kummer dahin gebracht , die Rolle des Knaben Otto in der » Schuld « zu lernen . Der Abend kam , Flämmchen ließ sich gehorsam anziehen , schminken wolle sie sich schon selbst , sagte sie . Jerta stand auf den Brettern , und deklamierte die erhabensten Sachen , Elvire zitterte noch von dem Ereignis mit der gesprungenen Saite , da kam Flämmchen , der kastilianische Knabe , aber wie ? Rot , blau , gelb , grün , weiß , und was für Farben noch sonst ! hatte sie sich in das Gesicht gestrichen , sie glich durchaus den Makis mit den Regenbogenwangen , welche die Zierden der umherwandernden Menagerien zu sein pflegen . Jerta verstummte , Elvire kreischte , das Publikum wußte nicht , woran es war . Flämmchen trat an den Rand des Proszeniums , sang ein Lied ohne Sinn und Verstand , sprang ins Orchester , half sich am Baß empor , kletterte über die Brüstung , war im Parkett , wischte sich gelassen die Schminke aus dem Gesichte , und erklärte den Leuten in den Sperrsitzen , es sei ihr unmöglich , vor der ganzen Stadt die verrückten Streiche zu machen , die man von ihr begehre . Nach der Bühne rief sie hinauf : » Spielt nur weiter , ihr könnt meine Sachen auslassen ! « Man denke sich die Verzweiflung der Schauspieler und den Jubel des Publikums ! Geschrei , Gelächter , Klatschen von oben bis unten , aus allen Ecken des Hauses ! Man verlangte Flämmchen in den Logen , im Parterre , überall . Sie aber blieb ruhig in einem Sperrsitze , und schien sich um den ganzen Lärmen nicht weiter zu kümmern . Bald wurde das Publikum seines Jubels auch wieder müde , man forderte von den armen Schauspielern heftig das Stück ! Don Valeros , der Vater und Pflegevater trat heraus , erklärte , der beklagenswürdige Vorfall mache die Fortsetzung der » Schuld « unmöglich , und kündigte den » Lustigen Schuster « an . Nun gingen die Gebildeten aus dem Theater , ließen sich das Legegeld an der Kasse zurückgeben , und nur der Pöbel blieb . Seit diesem verderblichen Abende , der dem Pflegevater vom Direktor auf Rechnung gestellt wurde , wünschte jener herzlich , der Bürde entledigt zu sein , die seine Gutmütigkeit ihm aufgeladen hatte . Es kam dazu , daß alle Menschen , und insbesondere die jungen Männer , Partei gegen ihn und für Flämmchen nahmen , deren Eulenspiegeleien jedem , der nicht durch dieselben litt , gefielen . Man redete auf ihn ein , er müsse nur zu erziehen wissen , er müsse diese Natur nach Prinzipien behandeln . Der arme Komödiant wußte aber von Pädagogik so viel , wie von den Bewohnern des Sirius . Er war daher mit seinem Verstande durchaus am Ende , und verschwor , jemals wieder die Tugend der Wohltätigkeit zu üben . Nachdem er wegen schwindenden Gedächtnisses verabschiedet worden war , zog er durch das Land , und stoppelte noch hin und wieder ein Deklamatorium in irgendeinem Winkel zusammen . Auch nach dem kleinen Städtchen war er in dieser Hoffnung gekommen , hatte aber erst nichts zustande bringen können , und stilliegen müssen . Hier fand er eine frühere Bekanntschaft wieder , einen alten verwitterten Menschen , der mit dem Johanniterkreuze geziert war , und , da der Orden nichts mehr zu leben gibt , sich zu einem kleinen Posten , wenn wir nicht irren , im Zollfache hatte bequemen müssen . Sie hatten einander in besseren Verhältnissen gesehn . Damals war der Pflegevater ein beliebter Akteur , der andre ein kräftiger , lebensfrischer Offizier gewesen . Letztrer gehörte zu den Figuren , wie deren so viele in Deutschland umherwanken . Er hatte während der Umwälzungen unsres Vaterlandes mehreren Herrn nacheinander gedient , und war auch eine Zeitlang der Kamerad von Flämmchens Vater gewesen . Er sah das geckenhafte Mädchen bei dem alten Genossen seiner schöneren Erinnrungen , und faßte eine Zuneigung zu ihr . Nach seiner Meinung mußte der schöne Trotzkopf mit vernünftiger militärischer Strenge behandelt werden . » All dein Gebelfre hilft nichts « , sagte er zum Komödianten . » Sie muß durch Disziplin , Kommando , Tempo , Prison und dergleichen in Ordnung kommen . « Er bat , Flämmchen ihm zu geben . Die Ordnung und die Sparsamkeit selbst , besaß er eine kleine Wirtschaft , und mochte vielleicht bei seinem Vorschlage den Gedanken an eine junge Frau zum Troste seines Alters im Hintergrunde der Seele hegen . Wer war froher , als der Pflegevater ? Mit Freude schlug er ein , nur besorgte er im stillen , daß der Johanniter sein Flämmchen nach wenigen Wochen als unverbesserlich ihm zurückgeben werde . Vorderhand vereitelte aber ihre Flucht die Überlieferung . Flämmchen entsprang nämlich , sobald sie hörte , daß ihrer eine strenge militärische Disziplin harre . Die Unordnung war noch das einzige , was sie am Pflegevater liebte , sie hatte schon immer