abwechselnd dem Reichsten , dem Vornehmsten , dem Gebildetsten , dem Klügsten , dem Künstler und dem Landwirth ; und da er den Fehler beging , den ganzen Vorrath seiner höflichen Aufmerksamkeit immer diesem einen Begünstigten zu widmen , so geschah es ganz natürlich , daß er alle andern vernachläßigte und eben dadurch beleidigte . Doch gab sich diese unangenehme Stimmung der Nachbaren selten entschieden zu erkennen , denn da von Zeit zu Zeit jeder seiner ausschließlichen Aufmerksamkeit sich zu erfreuen hatte , so wurden sie abwechselnd versöhnt und beleidigt ; nur allein mit dem Pfarrer stand er ohne Unterbrechung in einem gespannten Verhältniß , denn da der Fall nie eintrat , daß dieser in Gesellschaft dem Baron als der Reichste , der Vornehmste , der Klügste oder der Gebildetste erschien , so wurde er alsdann jedesmal gänzlich von ihm übersehen , und er war nur höflich gegen ihn , wenn er mit ihm allein war , wodurch der Pfarrer , indem er es ihm als Hochmuth auslegte , sich im Inneren sehr beleidigt fühlte . Seine Empfindlichkeit pflegte er dann durch kurze , mit einer auffallenden Bitterkeit gegebene Antworten auszudrücken , so oft der Baron ihn anredete ; dieser dagegen setzte seiner schnöden Bitterkeit dann wieder eine so kalte Höflichkeit entgegen , daß sie den Pfarrer jedesmal aufs Neue beleidigte , und so erhielt sich in Beiden seit vielen Jahren diese Stimmung . Der Baron glaubte es als einen Verstoß gegen die Höflichkeit betrachten zu müssen , wenn er im Beisein der Gräfin über die Grenzstreitigkeit sprechen wollte , und doch war es leicht zu bemerken , daß dies Geschäft ihm am Herzen lag und ein Hauptgrund seines Besuches war . Der Graf befreite ihn von der Qual , die er sich auferlegt hatte , darüber zu schweigen , indem er selbst das Gespräch darauf lenkte . Nachdem nun Jeder seine Rechte eine Zeitlang vertheidigt hatte , sagte der Graf : wir wurden neulich davon abgehalten , den ganzen Theil des Waldes zu durchreiten , über den wir streiten , ich werde beim ersten schönen Wetter den Ritt noch einmal unternehmen , Alles selbst betrachten , und können wir auch dann nicht einig werden , so denke ich , sollten wir die Sache Schiedsrichtern anvertrauen . Mit dieser Anordnung mußte der Baron zufrieden sein , denn es ließ sich nichts Vernünftiges dagegen einwenden , und dennoch hätte er es lieber gesehen , mit dem Grafen allein zu unterhandeln . Man trennte sich freundschaftlich nach dieser Verabredung , und der Graf versprach , sehr bald dem Baron seine Vorschläge mitzutheilen . In der That lag dem Grafen daran , eine Streitigkeit , die zu Spannungen Anlaß geben konnte , sobald als möglich zu beendigen . Er ritt also an einem schönen Wintermorgen , begleitet von seinem Förster , nach der Gegend des Waldes hin ; er bemerkte , indem er die Grenzen umritt , daß der Baron in der That den Anspruch , den er machte , nicht begründen könne , daß aber für ihn selbst der Verlust nicht bedeutend sein würde , wenn er sich um des nachbarlichen Friedens Willen zur Abtretung eines Theiles von dem , was der Baron forderte , verstände , und , indem er bei der Stelle wieder vorbei kam , wo Beide den Verwundeten gefunden hatten , beschloß er , dem Baron die Hälfte dessen freiwillig anzubieten , was er schwerlich durch einen Rechtsspruch gewinnen konnte , und dann die Grenze zwischen beiden Besitzungen durch dieß schöne Thal zu führen . Erfrischt , gestärkt durch den schönen Wintertag , unter dem heitern blauen Himmel , fühlte der Graf überhaupt mehr die Geringfügigkeit ihres Streites , als im geheizten Zimmer , in einem beschränkten Raume , und machte für sich selbst die Bemerkung , daß die Menschen überhaupt eigennütziger und eigensinniger in ihren Häusern als unter freiem Himmel sind . Beschäftigt mit diesen Betrachtungen , näherte er sich dem Dorfe und dem Wohnhause des Pfarrers ; es fiel ihm ein , denselben zum Vermittler in dieser kleinen Streitigkeit zu wählen und vielleicht dadurch eine Veranlassung zu finden , ihn auch in wichtigeren Fällen zu benutzen . Er hielt vor der Wohnung des Geistlichen an , bei dem längst Mittag vorüber war , und gab sein Pferd dem Reitknechte , der ihn begleitet hatte , indem er zugleich dem Förster nach Hause zu reiten erlaubte . Als er die niedrige Pforte des Raumes öffnete , der das Haus zugleich als Hof und Garten umschloß , sprangen ihm mehrere Hunde von verschiedener Größe bellend entgegen , die von mehreren Kindern verschiedenen Alters , die im Hofe spielten , augenblicklich zur Ruhe gebracht wurden ; einige ältere Knaben sprangen eiligst in das Haus , um die Ankunft des Fremden zu melden , die jüngern Kinder stellten ihre Schlittenfahrten auf dem Hofe ein , um den Fremden und seine Pferde zu betrachten ; der Pfarrer , der den Grafen vom Fenster aus bemerkt hatte , kam ihm an der Thür des Hauses so höflich und freundlich entgegen , daß man es ihm ansah , er erwarte etwas Ungewöhnliches von diesem Besuche . Als der Graf nach den ersten Begrüßungen das Zimmer betrat , bemerkte er den Schulzen des Dorfes , der sich vor dem gnädigen Herren , so tief er vermochte , bückte . Nu , lebe Er wohl , mein Freund , sagte der Pfarrer zu dem Landmanne , komme Er morgen wieder , Er sieht , ich habe heute keine Zeit mehr . Der Schulze bückte sich , indem er sich zugleich mit der linken Hand im Kopfe krazte , und blieb zögernd an der Thüre stehn . Wenn der Mann ein Anliegen an Sie hat , Herr Pfarrer , sagte der Graf , so bitte ich , lassen Sie sich durch meine Gegenwart nicht stören . Wenn mir der Herr Graf denn erlauben wollen , sagte der Geistliche sehr freundlich , und indeß die Güte haben wollen , Platz zu nehmen ; er machte eine einladende Bewegung nach dem Sopha hin , und schob mit dem Fuße zugleich hölzerne Pferde , Schubkarren und anderes Spielzeug seiner Kinder aus dem Wege , das auf dem Boden zerstreut lag . Der Graf stieg über ein aufgestelltes Kegelspiel hinweg , um sich in der Ecke des Sophas niederzulassen , und der Pfarrer wendete sich kurz nach dem Landmanne um und sagte in einem gebietenden Tone : Nun hurtig , Freund , erkläre Er sich , was Er von mir zu wissen wünscht . Der Schulze räusperte sich ein wenig und sagte : Nicht wahr , Herr Prediger , Sie kennen die alte Liese Lemmerten aus Krumbach ? Der Pfarrer besann sich ein wenig und fragte : ist das nicht die Schenkwirthin ? Der Schulze nickte bejahend . Nun , was ist mit der ? rief der Pfarrer , Er sieht , ich habe Eile . Nun , lächelte der Schulze freundlich : die hat Gott zu sich genommen . Was ! rief der Pfarrer mit Verwunderung , ist die gestorben , wie tausend habe ich denn das nicht erfahren ? Ja , sagte der Schulze sehr zufrieden , morgen gehn wir alle zum Begräbniß , meine alte Mutter wird sich auch aufmachen . Und was geht das mich an ? sagte der Pfarrer , Krumbach gehört nicht zu meiner Kirche , was habe ich dabei zu thun ? Nichts , Herr Pfarrer , sagte der Landmann , Sie sollen auch gar nicht zum Begräbniß kommen , ich sagte bloß , ich und meine alte Mutter werden hinüber fahren . Was will Er denn eigentlich ? fragte der Pfarrer ungeduldig . Die Erbschaft , erwiederte der Schulze . Die Lemmerten war eine alte reiche Frau , und von meinem Vater her muß ich erben . Nun da wünsche ich Ihm Glück , sagte der Geistliche , ich weiß , die Verstorbene muß ein bedeutendes Vermögen hinterlassen haben ; der Bauer Kielmann hat auf sein Gut und Haus von ihr fünf tausend , der Bäcker Köhler weiß ich auch , auch der Krämer ; zehn bis zwölf tausend Thaler müßen da sein , sagte der Pfarrer , nach meiner kurzen Berechnung , ohne ihr eigenes Haus und ihren Hof . Ja , aber sie wollen mir nichts geben , klagte weinerlich der Schulze . Weßhalb ? fragte der Pfarrer schnell , Wer will es ihm verweigern , sind nähere Erben da ? Nein , nein , nein ! rief der Schulze , gar keine Erben sind da , das ist eben das Unglück . O ! spreche Er deutlich und nicht unvernünftig , sagte der Prediger scheltend . Nun , so lassen Sie mich doch die ganze Geschichte erzählen , erwiederte der Schulze im zänkischen Tone . Die alte Liese Lemmerten , nun das war die Schwester von meinem Großvater , Gott habe ihn selig , nun weiter waren keine Geschwister , als der selige Mann und die selige Frau ; nun sehn Sie , die selige Frau hatte keine Kinder , aber mein seliger Großvater der hatte zwei Kinder , meinen Vater und seine Schwester , nun , und die Schwester , das weiß nun kein Mensch , wo die geblieben ist , und darum soll ich die Erbschaft nicht kriegen , die Person soll erst ausgekundschaftet werden . Wie wir das hörten , da sagte meine alte Mutter : Peter , - ich heiße Peter - nun Peter , sagte sie , gehe Du nur zum Herren Pfarrer , der Herr Pfarrer weiß Alles , und Deine alte Muhme mag stecken , wo sie will , so kriegt er es heraus , und kriegt er es nicht heraus , so wird es ein Anderer gar nicht herauskriegen . Während dieses Vortrages war die alte Kinderwärterin herein gekommen und hatte das verschiedene Spielzeug der Kinder vom Boden aufgelesen , um es heraus zu bringen ; sie hörte des Schulzen Rede mit an und mischte sich , als er geendigt hatte , ohne Umstände in das Gespräch . Seines Vaters Schwester , Herr Schulze , sagte sie , das war ja Lore Breitler , die diente ja , wie ich noch ein junges Ding war , mit mir zusammen bei der seligen Frau Baronin Schlebach auf Seizheim , ich weiß aber nicht , wo sie nachher hingekommen ist . Das war ja die Mutter der Frau Gräfin , sagte der Pfarrer , indem er sich schnell zum Grafen wendete , der diese Frage bejahte . Komme Er nach dem Begräbniß wieder zu mir , sagte der Pfarrer hierauf zum Schulzen , ich werde suchen Erkundigungen einzuziehen und werde sehen , wie ich Ihm dienen kann . Der Schulze und die Kinderwärterin verließen jetzt mit einander das Zimmer , und setzten ihr Gespräch über Lore Breitler und die zu hoffende Erbschaft noch vor der Thüre eine Zeitlang ziemlich lebhaft fort . Der Pfarrer aber wendete sich zum Grafen und bat ihn noch einmal um Entschuldigung , daß er sich habe durch den Landmann abhalten lassen , ihn zu unterhalten . Ich konnte um so weniger verlangen , erwiederte der Graf , daß Sie den Schulzen ohne eine befriedigende Antwort von sich ließen , da ich selbst in der Absicht zu ihnen gekommen bin , Sie um Ihren Beistand in einer Angelegenheit zu bitten . Der Geistliche , aus wirklicher Dienstfertigkeit und aus Reugiede , die Angelegenheit des Grafen zu erfahren , erbot sich mit größter Bereitwilligkeit zu allen möglichen Diensten . Der Graf war im Begriff dem Pfarrer seinen Entschluß über die Grenzstreitigkeit mit dem Baron Löbau mitzutheilen und ihn zu ersuchen , als Vermittler dem Baron sein Anerbieten mitzutheilen , als sich die Thüre öffnete und die Frau des Predigers die Unterhaltung unterbrach . Da man beim Pfarrer schon längst zu Mittag gespeist hatte , so wurde angenommen , der Graf mache einen Nachmittags-Besuch ; ihm wurde Kaffee angeboten , und man fing zugleich an , Anstalten zum Theetrinken zu treffen ; diese Aussicht bestimmte den Grafen , so schleunig als möglich dem Pfarrer die nöthigen Mittheilungen zu machen und den gewünschten Beistand von ihm zu erbitten . Der Geistliche bekämpfte eine Zeitlang den Entschluß des Grafen , ein Stück des Waldes abzutreten , indem er ihm auseinandersetzte , daß die Ansprüche des Barons sich auf leere Einbildungen gründeten ; da er aber sah , daß der Graf entschlossen war , ein kleines Opfer zu bringen , um Weitläuftigkeiten zu vermeiden , so übernahm er gern den gegebenen Auftrag und versicherte im Voraus , daß dies Anerbieten sehr bereitwillig vom Baron würde angenommen werden . Der Graf dankte ihm vorläufig und stand auf , um Abschied zu nehmen . Ich fahre morgen nach Heimburg , sagte der Pfarrer , und komme dann übermorgen zu Ihnen und bringe Ihnen die Antwort . Zufrieden , dies Geschäft so eingeleitet zu haben , trabte der Graf heiteren Muthes nach seinem Schlosse zurück und kam noch zeitig genug an , um zu Mittag zu speisen . VI Versprochener Maßen fand sich der Pfarrer auf dem Schlosse ein , um die Antwort des Baron Löbau zu überbringen , die so ausgefallen war , wie er es vorhergesagt hatte , und schlug nun in dessen Namen vor , die Grenze in der künftigen Woche zu führen . Der Graf war dazu bereit , doch bemerkte der Geistliche , daß sein Betragen nicht so offen war wie sonst . Es schien ihn etwas zu beunruhigen , worauf seine Gedanken unwillkührlich immer wieder zurück kamen . Der Pfarrer blieb zu Mittag auf dem Schlosse , und der Arzt machte bei Tische Mittheilungen über den Zustand des Kranken , die ungemein günstig lauteten ; man konnte aber bemerken , daß der Graf , so lebhaft er auch daran Theil nahm , doch nicht dadurch erheitert wurde . Auch die Gräfin schien verstimmt , und die Unterhaltung wurde nur mühsam fortgeführt . Da ich doch einmal auf Heimburg war , fing der Pfarrer nach einer Pause an , während welcher Jedermann mit sich beschäftigt war , so wollte ich auch gleich versuchen , ob ich nichts für den Schulzen thun könne , und erzählte dort den Todesfall der alten Schenkwirthin und auch die Verlegenheit wegen der Ausmittelung seiner Base . Die Frau Baronin versicherte mir , fuhr er fort , indem er sich an die Gräfin wendete , ich würde von der Frau Gräfin die beste Auskunft erhalten können . Von mir ? fragte die Gräfin verwundert . Sie wissen , ich bin hier wie eine Fremde zu betrachten , wie könnte ich Auskunft über den Schulzen oder seine Base geben ? Ich hatte erfahren , erwiederte der Pfarrer , daß die Miterbin des Schulzen einmal bei Ihrer seligen Frau Mutter gedient hatte , und theilte dies der Frau Baronin mit . Da beide Häuser immer in vielfachem Verkehr mit einander gestanden haben , so hoffte ich mit Recht etwas Näheres zu erfahren . Die Frau Baronin ließ ihre alte Dienerschaft rufen , und darunter sind noch manche , die sich recht gut der Zeit und der Person erinnern , und sie versicherten alle einstimmig , als die Frau Gräfin mit ihrer verstorbenen Frau Mutter vor einigen zwanzig Jahren nach fremden Ländern verreist sei , hätte sie diese Lore Breitler zu ihrer Bedienung mitgenommen , und sie würde sich also wahrscheinlich erinnern , ob sie gestorben , oder wo sie sonst geblieben sei . Die Gräfin schrak ein wenig zusammen , als sie den Namen hörte , und eine feine Röthe färbte die blassen Wangen ; Beides entging dem beobachtenden Geistlichen nicht , eben so wenig , als die Bewegung in der Stimme , mit welcher die Gräfin nach einer kleinen Pause sagte : Es ist wahr , wir hatten diese Person zu unserer Bedienung mit uns genommen , sie hat uns aber nachher verlassen , und ich weiß nicht mehr , ob sie in Frankreich oder in der Schweiz von uns gekommen ist , auch habe ich nie wieder etwas von ihrem Schicksale erfahren . In welchem Jahre hat sie wohl Ihren Dienst verlassen ? fragte der Pfarrer , indem er den Blick fest auf die Gräfin heftete . Ich vergesse so leicht Jahrzahlen , sagte die Gräfin , ich kann mich in der That nicht erinnern . War sie noch bei Ihnen , fragte der Pfarrer im Ton eines Polizeibeamten , der eine Untersuchung zu führen hat , nachdem Sie mit dem Herren Grafen vermählt waren ? Nein , antwortete die Gräfin mit Beklemmung , ungefähr ein halbes Jahr vorher war sie von uns weggekommen . Nun , dann läßt sich ja das Jahr ausmitteln , bemerkte der Pfarrer mit unbescheidenem Lächeln , denn die Frau Gräfin werden ohne Zweifel sich des Jahres Ihrer Vermählung erinnern . Es sind in diesem Herbst fünfzehn Jahre gewesen , sagte der Graf mit mehr Stolz in Haltung und Mienen , als man gewöhnlich an ihm bemerkte , daß ich so glücklich gewesen bin , mich mit der Gräfin zu verbinden , und ich glaube , fuhr er mit einem Tone der Stimme fort , der offenbar den Geistlichen in seine Schranken zurückweisen sollte , Sie werden nun die Nachforschungen nach der Base des Schulzen fortsetzen können , ohne daß die Gräfin ferneren Antheil daran zu nehmen braucht . Der Pfarrer wurde empfindlich , doch fühlte er auch zugleich , daß er selbst zu weit gegangen war , und wollte sein Verhältniß zum Grafen nicht verderben . Emilie suchte einigemale ein Gespräch anzuknüpfen , die Unterhaltung aber wollte kein Leben gewinnen , und Jedermann athmete freier , als die Tafel aufgehoben wurde . Die Gräfin und Emilie verließen den Saal sogleich , der Arzt entfernte sich , um einige Kranken zu besuchen , und der Graf ging mit dem Pfarrer einige Zeit stillschweigend im Gesellschaftszimmer auf und ab . Ich habe heute unsern Verwundeten noch nicht besucht , sing der Pfarrer nach langem Schweigen an ; wenn der Herr Graf erlauben , möchte ich wohl jetzt sehen , wie er sich befindet . Schenken Sie mir noch einige Augenblicke , sagte der Graf mit Hastigkeit ; es war sichtbar , daß er mit dem Entschluß kämpfte , dem Geistlichen eine Mittheilung zu machen , und daß es ihm schwer wurde , dem Manne sein Vertrauen zu schenken , dessen vorschnelle , unbescheidene Art zu fragen ihn noch eben so empfindlich verlezt hatte . Ich wollte Ihnen eine Sache mittheilen , sagte der Graf nach langem Schweigen , die mir sehr am Herzen liegt ; vielleicht könnte Ihr Rath und Ihre Thätigkeit mir vielen Verdruß ersparen , große Unannehmlichkeiten von mir abwenden ; doch müßte ich vorher versichert sein , daß Sie sich der Mühe gern unterzögen und vor allen Dingen das unverbrüchlichste Stillschweigen beobachten wollten . Die Empfindlichkeit des Pfarrers war nach dieser Einleitung völlig verschwunden , und mit wahrer Gutmüthigkeit und reger Theilnahme sagte er : So viel in meinen Kräften steht , bin ich von ganzem Herzen bereit Ihnen zu dienen , und die Mühe , die ich dabei haben könnte , verdient gar nicht in Anschlag gebracht zu werden ; auch gebe ich Ihnen mein heiliges Wort , daß , was Sie mir auch anvertrauen mögen , in meiner Brust so sicher bewahrt ist , wie in Ihrer eigenen . Ein Geistlicher , der nicht schweigen könnte , sezte er mit schlauem Lächeln hinzu , wäre ja der verächtlichste und der unbrauchbarste Mensch von der Welt . So hören Sie denn den Grund meiner Sorgen und meiner Unruhe , sagte der Graf . Der größte Theil meines Vermögens rührt von einer Erbschaft meines Aeltervaters her , die er damals gemeinschaftlich mit seinem Bruder machte ; mein Aeltervater behielt die Güter und zahlte seinem Bruder die Hälfte des Werthes aus , und es wurde ein Dokument darüber aufgesetzt , welches in dem Archiv des hiesigen Schlosses aufbewahrt wurde mit allen andern Familienangelegenheiten betreffenden Papieren . Vorigen Sommer nun meldete mir ein Freund nach Wien als ein Gerücht , daß die von dem Bruder meines Aeltervaters abstammende Linie gesonnen sei , Ansprüche auf mein Vermögen zu machen , indem sie vorgebe , die Theilung sei nie geschehen und ich also widerrechtlich im Besitz des ganzen Vermögens . Ich fand die Behauptung lächerlich , da ich zu gut wußte , daß das Dokument vorhanden sei . Indeß die Sache war zu wichtig , als daß ich sie hätte Fremden anvertrauen mögen , und ich entschloß mich selbst im vorigen Herbste hieher zu kommen . Der Ausbruch des Krieges rief andere Gedanken und andere Sorgen hervor , und ich dachte nicht mehr ernsthaft an die erste Veranlassung meines Hierseins . Vor einigen Wochen erfuhr ich , daß meine Gegner nur den Frieden abwarten wollen , um ihren Prozeß gegen mich einzuleiten , und diese Nachrichten bestimmten mich , eine ernstliche Nachforschung anzustellen , und denken Sie sich meine Unruhe , ich habe das ganze Archiv durchsucht , ohne das Dokument zu finden . Sind Sie gewiß , daß es vorhanden war ? fragte der Pfarrer , indem er sinnend vor sich niederblickte . So gewiß , als ich lebe und Ihnen dieß mittheile , rief der Graf . Das gibt einen abscheulichen Prozeß , sagte der Pfarrer mit nachdenklicher Miene , und der Ausgang ist ungewiß , Sie können ihn verlieren und zu allen Kosten nicht nur verurtheilt werden , sondern auch zum Ersatze aller Zinsen von der Hälfte Ihres Vermögens , die in Anspruch genommen wird . Das würde nicht weniger als beinahe Alles kosten , was ich besitze , sagte der Graf mit bitterem Lächeln , und es ist keine erfreuliche Aussicht , wenn man sein ganzes Leben hindurch an Ueberfluß gewöhnt war , beim herannahenden Alter Mangel und Entbehrungen befürchten zu müssen . Nun , nun ! so weit sind wir ja noch nicht , tröstete der Pfarrer . Wenn Sie gewiß wissen , hub er nach einer Weile wieder an , daß das Dokument in Ihrem Archive war , so ist es vielleicht Ihrer Aufmerksamkeit entgangen ; in so wichtigen Angelegenheiten sucht man oft zu ängstlich , zu übereilt , und findet darum nicht . Wollen Sie mir den Schlüssel anvertrauen und mich noch einmal nachsuchen lassen ? Vielleicht bin ich glücklicher . Sehr gern , sagte der Graf , indem er dem Geistlichen den Schlüssel reichte , den er noch bei sich trug , denn er hatte erst diesen Morgen die Nachsuchung geendigt . Doch , fügte er mit einem Seufzer hinzu , ich bin überzeugt , Sie werden nichts finden . Wer weiß , sagte der Pfarrer , indem er den Schlüssel nachdenklich betrachtete . Wenn ich nichts finde , fügte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen hinzu , so muß das Dokument entwendet worden sein . Haben Sie auf Niemanden Verdacht , Wer hätte in Ihrer Abwesenheit den Schlüssel des Archivs ? Der alte Lorenz , den Sie ja müssen gekannt haben , sagte der Graf . Er war eine Art von Kastellan hier im Schlosse seit dem Tode meines Vaters , er hatte alle Schlüssel , also auch diesen ; aber ich glaube nicht , daß er jemals das Archiv betreten hat . Hm , hm ! brummte der Pfarrer , der alte Lorenz ! Wer das Dokument entwendet hat , fuhr er wie im Selbstgespräche fort , hat es unfehlbar gethan , um es den Gegnern zu verkaufen , und es kann also der alte Lorenz nicht sein , denn hätte er es verkauft , so würde er nicht in Geldnoth sein , und er wollte noch diese Woche von mir borgen ; das ist also kaum möglich , und doch , wer kann des Menschen Herz ergründen ? Weßhalb haben Sie den alten Mann aus Ihrem Dienste entlassen ? fragte er hastig den Grafen . Sie wissen , antwortete der Graf , ich kam im Herbst allein hieher . Ich hatte die Gräfin in Breslau gelassen , ich wollte erst das Schloß mit Allem versorgen , was sie gewohnt ist und nicht entbehren kann ; ich kam also , dem alten Lorenz gewissermaßen unerwartet , eines Abends allein , und da mir die Sache mit dem Dokument am Herzen lag , forderte ich noch denselben Abend den Schlüssel des Archivs . Ich suchte die Schrift auf der Stelle , wo ich mir einbildete , daß sie liegen mußte , doch machte ich mir keine Sorgen , da ich sie nicht fand , und meinte , ich irrte mich über den Ort , wo ich sie aufgehoben glaubte , und nahm mir vor zu gelegenerer Zeit ordentlich zu suchen . Der alte Mann schien mir empfindlich und verstimmt , daß ich ihm die Schlüssel sogleich bei meiner Ankunft abgefordert hatte ; auch schien er mir verdrüßlich , als er die lange Ruhe des Schlosses gestört sah , da in den nächsten Tagen die ganze Dienerschaft eintraf , deren wir hier bedurften . Kurz , er bat mich , ihm zu erlauben , die Pension , die er von Alters her hat , an einem andern Orte verzehren zu dürfen , da er sich selbst zu alt fühle , mir noch dienen zu können . Ich bewilligte seine Bitte gern , und wir trennten uns zu beiderseitiger Zufriedenheit , denn wenn ihm die Unruhe zuwider war , so war mir seine ewige Unzufriedenheit unerträglich . Hm , hm , brummte der Pfarrer , es ist kaum denkbar , daß er das Dokument haben sollte , und ich hoffe noch immer , ich werde es finden . Sie würden mir eine große Unruhe vom Herzen nehmen , sagte der Graf . Wir haben heute Mittwoch , bemerkte der Pfarrer , bis Sonnabend Nachmittag habe ich Zeit hier zu bleiben , dann muß ich nach Hause und an meine Predigt denken ; wenn Sie mir könnten ein Zimmer in der Nähe des Archivs anweisen lassen , so wollte ich diese Zeit dazu benutzen , um eine genaue Nachsuchung anzustellen , ich müßte aber meine Frau davon erst benachrichtigen , damit sie mich nicht vergeblich erwartet . Der Graf zog die Klingel und gab dem eintretenden Bedienten die nöthigen Aufträge . Wenn der Reitknecht gesattelt hat , fügte der Pfarrer hinzu , so soll er noch erst zu mir kommen , damit ich ihm ein Billet an meine Frau mitgeben kann . Nachdem diese Anordnungen getroffen und das Zimmer des Pfarrers eingerichtet war , nahm er es in Besitz , und war so unvermuthet auf mehrere Tage ein Gast des Schlosses geworden . Nachdem er nun an seine Frau geschrieben hatte , verfügte er sich sogleich nach dem Archive und fing seine Nachforschungen an . Der Reitknecht kam vor Abend mit der Antwort von der Frau Predigerin zurück und brachte zugleich einige Wäsche für den Pfarrer , Pfeifen und einen großen Vorrath Taback zu seinem Gebrauche mit . Während der Graf und der Pfarrer im Gesellschaftszimmer geblieben waren , und der Erstere den Geistlichen mit seinen Verlegenheiten bekannt gemacht hatte , hatte sich der Haushofmeister Dübois zur Gräfin verfügt , um ihr Alles , was er über den Kranken hatte in Erfahrung bringen können , mitzutheilen . Der junge Mann war viel besser geworden , und selbst der Arzt untersagte seit einigen Tagen das Sprechen nicht mehr gänzlich . Dübois hatte ihm also mit Geschicklichkeit nach und nach abgefragt , wovon er glaubte , daß es die Gräfin zu wissen wünschte , um aber so viel als möglich ihr jede Bewegung des Gemüths zu ersparen , hatte er die gesammelten Nachrichten aufgeschrieben und reichte der Gräfin das Blatt . Es ist besser , sagte er , wenn die gnädige Frau Gräfin das Aufgeschriebene lesen , als wenn ich es mündlich vortrage , beim Sprechen könnten leicht Erinnerungen rege werden , die Erschütterungen verursachen würden . Es hätte der Haushofmeister unstreitig besser gethan , an diese Erinnerungen nicht zu erinnern , indeß die Gräfin beherrschte sich und nahm mit scheinbarer Gelassenheit das Blatt aus seiner Hand . Der Name des jungen Mannes , las die Gräfin , ist Adolph St. Jülien . Adolph ! wiederholte sie und eine Thräne fiel auf das Blatt . Er ist der Sohn , fuhr sie mit zitternder Stimme fort , eines reichen Banquiers , der vor mehreren Jahren gestorben ist ; die Mutter lebt noch , und der Sohn wünscht sehnlichst , ihr Nachricht von sich geben zu können . Da er in den Rheinprovinzen erzogen ist , so spricht er beinah eben so gut Deutsch , als Französisch . Er dient seit einigen Jahren in der Armee und ist Kapitain des Regiments . Die Gräfin schwieg und schaute lange vor sich nieder , endlich richtete sie mit einem tiefen Seufzer die Augen auf den Haushofmeister und sagte : Es klingt ganz so fremd , wie ich vernünftiger Weise erwarten mußte ; nehmen Sie Ihr Blatt zurück , fuhr sie fort , indem sie es ihm hinreichte , und vergessen Sie meine wahnsinnigen Hoffnungen , die ich durch nichts , durch gar nichts begründen kann und kaum vor mir zu entschuldigen vermag . Die Aehnlichkeit ist so auffallend , sagte Dübois furchtsam . Sie rathen mir Erinnerungen zu vermeiden , sagte die Gräfin schmerzlich lächelnd , die Sie selbst nun erregen . Mich zwingt die Pflicht ehrerbietig daran zu erinnern , sagte der alte Mann schüchtern . Herr St. Jülien ist jetzt in der Besserung , er wird morgen etwas aufstehen ; er wird in einiger Zeit das Zimmer verlassen können , und wird dann doch natürlich wünschen , der gnädigen Frau Gräfin seine Dankbarkeit zu bezeugen . Wenn nun sein Anblick - Ich verstehe Sie , sagte die Gräfin , Sie haben Recht , ich muß meine Gedanken schon daran gewöhnen , diese Aehnlichkeit in einem mir völlig fremden Wesen zu betrachten , um ruhig zu bleiben , oder doch zu scheinen , wenn er mir lebendig vor Augen steht . Sein Sie ohne Sorgen , guter Dübois , fuhr sie fort , indem sie sich ihm näherte . Hatte ich auch keinen Grund