das kräftige Selbstbewußtsein bei aller scheinbaren Selbstverlorenheit , hielten in ihm eine immer glückliche Harmonie des Daseins aufrecht . Denn nachdem er auf dem Schlosse Dux bei dem Grafen von Waldstein , der Casanovas Goldmacherwissenschaft zu benutzen gedachte , endlich einen erwünschten Ausruhepunkt seiner Irrfahrten gefunden , dachte er an sein vergangenes Leben nicht mit Reue zurück , sondern mit Liebe und ernsthafter Betrachtung . Er bereute sein Leben nicht , sondern er schrieb es auf , wie er es gelebt hatte , und malte einen romantischen Sumpf , und ließ oben die Sterne darüber leuchten . In ernster Beschäftigung mit den Wissenschaften wurde er alt , und starb , von ihm kann man wohl sagen : lebenssatt , erst zu Anfang dieses Jahrhunderts . Den Achtzigern nahe , hatte er ein biblisches Alter erreicht und einen glänzenden Beweis für die epikuräische Behauptung geliefert , daß Lebensgenuß das Leben erweitert und stärkt , statt es abzuschwächen . Der fleißige Meusel hat seine Schriften verzeichnet . - - - Ich hielt hier inne , und sah mich nach meinem Zuhörer um . Er saß noch immer mit den eingewickelten Füßen , und seinem Reliquienknochen , da , und schien mir mit verwunderlicher Aufmerksamkeit gefolgt zu sein . Ich wartete erst ein wenig , ob er nicht etwas sagen würde , und stand dann auf , um mich zu empfehlen . Es war unterdeß Abend geworden , dämmernde Schatten fielen in des Schulmeisters kleines Zimmer , und draußen im Thal mußte der Sonnenuntergang Kühle gebracht haben . Ich machte also meinem versteinert dasitzenden Saturn einen Diener , bedauerte ihn seines Podagras wegen , das er für sein Theil gewiß nicht einem zu starken Lebens- und Weltgenuß schuldete , und griff dann nach der Thür . Nun winkte er mir mit der Hand , zu bleiben , und sagte , ich möchte ihm doch das Alles ein wenig aufschreiben , wovon ich so viel geredet . Es schien ihn also doch interessirt zu haben . Da öffnete sich hinter meinem Rücken die Thür , deren Klinke ich noch in der Hand hielt . Guten Abend , Vater ! sagte eine schöne helltönende Mädchenstimme . Es war mir , als müßte ich diese Stimme schon irgendwo gehört haben , ich blickte mich überrascht um . Aber seltsam , nicht den Klang dieser Stimme hatte ich schon vernommen , wohl aber das liebliche blasse Gesicht des Mädchens schon gesehn , dem sie angehörte . Kein Wunder aber , daß man den Gegenstand , der uns erst durch das Auge lieb und bedeutsam geworden , auch in sich gehört zu haben und durch das Gehör wiederzuerkennen glaubt . Denn man denke sich : es war meine Madonna ! Ich trat mit einem unwillkürlichen Ausdruck des Erstaunens einige Schritte zurück . Und aus der Bewegung , die sie machte , als sie meiner ansichtig wurde , schien mir ebenfalls hervorzugehen , daß ich ihr bekannt sei . Also sie die Tochter dieses alten Saturns ? Madonna ein Kind der Zeit ! Und sie war keine Heilige , die nur am heutigen Feiertage zur Belohnung der Frommen sich auf diese Erde niedergeschwungen ? Diese wunderbaren trunkenen Augen gehörten einer fühlenden Sterblichen an ? Und dieses feine , von Geist und Empfindung überschattete Antlitz , diese sinnende weiße Stirn , die mit tieferem Leid und Lust menschlichen Seelenlebens vertraut schien , diese zartbewegten Glieder der jungfräulichen Gestalt sollten in einer niedrigen Schulmeisterhütte ihre Heimath haben ? Unmöglich ! Ich sage , unmöglich ! Sie begrüßte mich mit einem so sichern , weltgebildeten Anstand , sie war , obwohl sie schüchtern den Kopf senkte , wie ein trauerndes Blumenglöckchen , doch so wenig verlegen , daß ich es ihr gegenüber fast zu sein schien . Sie nöthigte mir Ehrfurcht ab , sie war gewohnt , gehuldigt zu werden . Der alte Vater war sehr unfreundlich gegen sie . Du bist lange ausgeblieben , Maria ! schalt er in seinem brummenden Ton . Maria ! nannte er sie . Ich wurde immer verwirrter in meiner erhitzten Einbildungskraft . Madonna ! Maria ! Und wie ähnlich sah sie der von Rafael gemalten Madonna del Giardino , wenn man die Augen abnimmt . Rafael hatte schöne heilige Augen jener Madonna gegeben , die Augen dieser Maria waren weltlich . Weltlich , welttrunken , weltgroß . Wahrhaftig , ich wußte es nicht , welchen Augen der Vorzug gegeben werden müsse . Und nun stelle man sich vor , daß ich durch Casanova so sehr in die Gunst des Alten gekommen war ! Er lud mich nämlich ein , bei ihm zum Abendbrot zu bleiben . Am Fest von Mariä Heimsuchung sollte ich ein frugales christlich katholisches Abendbrot , wie er sich ausdrückte , bei ihm nicht verschmähen . Maria wurde von ihm ausgescholten , daß sie nicht schon Licht angezündet , da es dunkel sei . Sie entfernte sich , mehr gegen mich als gegen den Vater um Entschuldigung bittend , mit einer anmuthigen Bewegung aus dem Zimmer . Ich saß wieder bei ihm allein , und wußte nicht , was ich sagen sollte . Ihn zu fragen , ob er wirklich diese herrliche Tochter gezeugt , hatte ich nicht den Muth . Von etwas anderem , als von ihr zu sprechen , hatte ich nicht die Lust . Er bat nur immer , mit ihm vorlieb zu nehmen . Bald erschien sie wieder , mit einem Licht in der Hand , und beleuchtete sich selbst einen Augenblick lang in den lieblichsten Reflexen . Nun traf sie lächelnd Anstalt , den kleinen Tisch zu unserer Abendmahlzeit zu decken . Sie besorgte Alles selbst , und wußte sich mit dem Kleinsten eine zierliche Beschäftigung zu machen . Ich fand den beneidenswerth , dem auf diese Weise der Hausstand geführt würde , und begriff nicht , wie man in der beständigen Nähe einer so wunderthätigen Erscheinung , deren warmes Incarnat gewiß mehr Heilkraft in sich haben mußte , als ein ganzer Reliquienknochen , am Podagra leiden konnte . Jetzt war Alles bereit . Der Tisch wurde vor den Alten , der sich nicht von seinem Platze bewegte , hingeschoben , und Maria und ich nahmen jeder zu beiden Seiten von ihm Platz . Vorher sprach sie jedoch stehend das Abendgebet , und mit einem Ton der Stimme , der mich mehr als Alles befremdete , was ich bisher in diesem Hause wahrgenommen . Es ist wahr , das Gebet bestand aus den hergebrachten überlieferten Floskeln , und Maria , man sah und hörte es ihr an , konnte schöner beten aus ihrem eigenen Herzen heraus . Daher lag im zitternden Ausdruck ihrer Worte , während sie sprach , bald etwas schneidend Wehmüthiges , bald etwas erhaben von innen her sich Aufschwingendes . Ihre schwankende Stimme klagte bald , bald zürnte sie über ihren eigenen Text , bald gewann sie wieder Flügel von der geheimsten Seele her , und bat rührend und lieblich zu ihrem Gott aufwärts , daß er doch nur Alles möge gut sein lassen . Dann wurde die betende Stimme wieder rauh , sie schien zu grollen über ein allzu eisernes Mädchenschicksal , und erstarb endlich leise und wie vor sich selbst erschrocken in einem halb verschwiegenen Seufzer . In dieser Bewegung , welche das Mädchen so plötzlich ergriffen , war sie ganz roth geworden , und der schöne Busen arbeitete mit den heftigsten Schlägen auf und nieder . Als sie geendet , warf sie einen scharfen , spähenden Blick , den ich wohl zu verstehen glaubte , auf den Vater hin , der aber ruhig mit gefalteten Händen dem gewöhnlichen Sinn des Textes gefolgt war . Lange dauerte es jedoch , ehe sie , mir gegenübersitzend , die vorige Freiheit ihres Wesens wiedergewann . Nur schienen wir , da ich ihr verstehend in die Augen blickte , von diesem Moment an , ohne es uns gesagt zu haben , vertrauter , bekannter . Das Abendessen war wirklich ein christlich katholisches . Eine vortreffliche Mehlspeise , wie man sie nur in katholischen Ländern zubereitet findet , würde jedem Andern , als mir , vorzüglich behagt haben . Ich aber konnte meine Augen und Gedanken nicht von dem auffallenden Wesen dieses Mädchens abbringen . Wir schienen alle mit etwas Anderem beschäftigt , als mit dem gegenwärtigen Augenblick , und das Gespräch schlich wie eine stockende Stubenuhr , welche der eilenden Stunde ihre schwerfälligen Gewichte an die Ferse hängt . Nur einzelne Blitze fuhren oft lebhaft zwischen uns auf . Und hierin war gerade Maria stark , daß sie , unter unsern abgerissenen Bemerkungen , Einzelnes unabsichtlich hinzuwerfen wußte , was in einen tieferen Zusammenhang ihres Geistes hineinblicken ließ . Sie steckte kleine Feuerzeichen der Laune auf und deutete damit die Gluth einer ganzen Seele an . Sie streute einen zufälligen Witz aus , und verrieth daran eine sorgfältige Bildung . Nur war sie nicht in der Lage , sich ganz gehen lassen zu können . Es drückte etwas in dieser Atmosphäre auf sie , das die freie Entfaltung ihres eignesten Wesens niederhielt . Und der gute Alte , was that er ? Warum sprach er kein Wort ? Dachte er noch immer verwundersam nach über Casanova ? Seine Sprosser , die draußen vor den Fenstern in ihren Käfigen hingen , begannen schon gewaltig in das Nachtdunkel hinein zu schlagen . Auf diese machte er uns endlich aufmerksam , und wir horchten beide still , und dachten nicht an die Sprosser . Mir fing an Manches klar zu werden , und ich glaubte mir dies Verhältniß zwischen Vater und Tochter nach und nach zu enträthseln . Sie hatte unter andern schönern Umständen ihre über diese Hütte hinausgehende Erziehung genossen , und war jetzt , wer kann wissen durch welche Wendung ihres jungen Geschicks , an die Pflege des alten , mürrischen und ihr völlig fremden Vaters gefesselt . Was früher göttlich frei gewesen , auserkoren für das heitere Glück gebildeter Umgebungen , hatte wieder unter das niedrige Dach sorgenvoller Beschränkung heimkehren müssen . Was sich ausgedehnt hatte in Lust und Liebe , in zarten reinlichen Formen des Daseins , in Glorie gottgefälliger Frauenschönheit , war wieder unter harte Bande der Nothdurft gelegt , an die kalte , freudlose Alltäglichkeit , ohne Genuß und ohne Blüthen , geschmiedet worden . Ich verstand es , ich verstand es ! Nicht zum ersten Mal begegnet mir solch ein Leben , dem die Blüthen und die Sterne genommen sind . Ja , es gibt viele Wesen , die ganz ohne Sterne leben müssen . Ein Leben ohne Sterne , ohne Duft , ohne Grün , ohne Laub , ohne Fluß in der Nähe , ohne Abendgold in der Ferne . Alles wird ihnen abgeschnitten ; es rauscht nichts um sie her , es spiegelt sich nichts bei ihnen ; kein Strauch wirft ihnen ein Myrtenblättchen ins Haar . Und gerade weibliche Naturen sind es am häufigsten , welche man an ein solches Leben ohne Sterne verbannt findet , sie , denen sonst die Seele dazu gegeben ist , immer einen Himmel in sich frei zu haben . Aber das häusliche Leben engt sich über ihnen zusammen , die stillen Wände des Familienzimmers drücken nieder auf ihre Brust . Eine fromme Pflicht bindet sie an eine abgeschiedene Alltäglichkeit , Pflegerinnen am Sorgenstuhl der menschenfeindlichen Alten , Wärterinnen in der verhüllten , verdunkelten Krankenstube , versäumen sie jedesmal die Stunde , wann draußen ein Frühling aufbricht , und der goldene Mädchenmuthwille läßt allmälig die Vogelschwinge sinken . Sie wehren sich kaum , weil sie immer noch heimlich hoffen , denn des Weibes Geduld ist deshalb so stark , weil sie einen so großen Schatz an Hoffnung im Busen nährt . Dann , in spielender Wehmuth , binden sie wohl dem fortflatternden Schmetterling ihrer Jugend heimlich ein rothes Fädchen unter die Flügel , als Symbol ihrer verborgen gebliebenen Lieblingswünsche , und meinen , ihn daran wiederzuerkennen , wenn er einmal wieder zu ihnen heimfliegen sollte , in irgend einem Spätsommer besserer Zeiten . Nun stehen sie einmal an einem schönen Tage früh auf , sie haben das kümmerliche Leben ganzer Wochen und Monate vergessen , draußen lockt der Schmelz des Morgens zu neuen Freuden des Daseins , alte Träume werfen sich ihnen jubelnd ans Herz , sie begreifen nicht , warum sie nicht glücklich sein sollten . Und sie öffnen das Fenster , und stehen lange , und der Schmetterling fliegt ihnen nicht heim ins Fenster , und das rothe Fädchen ist nirgend zu sehn . Und sie treten vor den Spiegel , und eine abgeblühte Gestalt blickt ihnen entgegen , die sie sonst nicht gekannt haben , und eine bleiche Wange sagt ihnen , daß sie alt geworden sind vor der Zeit . Sie könnten noch jung sein , wenn sie gelebt hätten . Aber sie haben nicht gelebt , sie haben nicht leben und nicht lieben dürfen , denn die alte Tante war täglich und stündlich krank , und nur ein Vertrocknungsprozeß unfruchtbarer Jahre ist an ihren holden Knospen vorübergegangen . Nun lassen sich Einige von innen her sterben , Andere tröstet die Religion und das Andachtsbuch . - Ich weiß nicht , es mußte etwas Melancholisches in der ganzen Atmosphäre dieser Stube liegen , denn ich sah in meinen Gedanken schon das holdseelige Geschöpf , welches mir gegenüber saß , hinwelken an diesem Dorfhüttenleben , an diesem freudlosen , sie nicht verstehenden Vater , an dieser Einsamkeit und Verlorenheit eines verkümmerten Daseins . Aber sie war noch so blutjung , und so blutwarm in diesen ersten raschen Pulsen der Jugend , daß ihre Hoffnungen gar nicht gezählt , ihre Zukunft nicht gemessen werden konnte . Ich sprang auf , und rief , mich selbst vergessend : Ein Madonnengesicht verbleicht nicht so bald ! Sie war ebenfalls aufgestanden , und ich glaubte sie über meine Worte lächeln zu sehn , und doch schimmerte zugleich etwas wie eine Thräne in ihrem Auge . Dann zeigte sie , als ich wieder näher zu ihr trat , auf den Vater , der , es war seine gewöhnliche Zeit , in dem Lehnsessel eingeschlafen lag . Sie winkte mir mit der Hand Stille zu , und traf , mit Hülfe der herbeigerufenen Magd , Anstalt , den Alten in sein Schlafkabinet zu bringen . Dann trat sie wieder heraus , sichtlich erheitert und erleichtert . Sie schien freier , leichtbewegter , ja ihre Gestalt schien mir größer und gehobener geworden . Sie trat vor mich hin , als wenn sie mir etwas sagen wollte , doch sie schwieg wieder , und wiegte das Haupt mit stillem Sinnen . Ich forderte sie auf , einen Spaziergang in den Garten zu machen . Der aufgegangene Mond schimmerte hell über den Bäumen und Gesträuchen , die Nacht war frisch , anmuthig und verschwiegen . Sie willigte ohne Zögern ein , zutraulich hing sie ihren Arm in den meinigen . Sie war nicht zaghaft , sie besaß einen selbstständigen Muth , den Jeder geehrt haben würde . Aber sie war so heiß , daß sie das verhüllende Umschlagetuch wieder abnahm und zurückließ . - Madonna del Giardino . Maria im Garten . Im Garten waren die schönsten Puncte , von denen aus man die ganze Gegend in der Mondbeleuchtung hätte überschauen können . Hier malerische Berghöhen , mit Schlössern , Ruinen , Seen , Dörfern , dort hinten kahle Basaltfelsen , die sogenannten Borschen , welche die abenteuerlichen Häupter zu uns herübersteckten . Aber wir waren , indem ich sie durch die von den Mondscheinflocken überflogenen Gänge hinführte , mit ganz abweichenden Gesprächen beschäftigt . Was werden Sie von mir denken , bemerkte sie lächelnd , daß ich mich nicht fürchte , um diese nächtliche Stunde spazieren zu gehn ? Vom hohen Nachthimmel steigen die Heiligen zu uns herunter , sagte ich . Die schützen uns vor allem Bösen . Vertrauen , Andacht , Begeisterung , Mittheilungslust , erwachen in der heimlichen Stille der Nacht . Das sind die Heiligen , die ich meine . Unter ihren Fittigen läßt sich ein gutes Gespråch führen . Sie glauben doch an die Heiligen ? Ich bin eine Katholikin , erwiederte sie . Und heute ist ein Madonnenfest , fugte ich hinzu . Der heiligen Maria danke ich Ihre Bekanntschaft . Wer sollte heut nicht an die Heiligen glauben ? Ich bin fortan der Maria dienstbeflissenster Anbeter . Und ließen doch vor ihrem geweihten Fahnenbilde den Hut sitzen , mein Herr ! sagte Maria , ablenkend , mit ernsthaftem Nachdruck . Diese Sünde meiner Zerstreuung war groß genug , erwiederte ich , und doch zu entschuldigen . Ging denn nicht unter den Wallfahrtenden ein wunderbares Madonnengesicht mit , das ich für das einzig ächte halten zu müssen glaubte ? Das auf der Fahne gemalte sah nur wie eine wahnsinnige Kammerjungfer zu ihr aus . Ich gerieth also mit meinem Gruß in Verwirrung , da ich überhaupt noch ein Laie im Heiligendienst bin . Ein Spötter sind Sie , mein Herr ! sagte sie , und verwischte doch ein verstohlenes Lächeln mit dem Schnupftuch . Dies Madonnengesicht , fuhr ich fort , mußte mich um so mehr in Verwirrung setzen , da es , feierlich still , wie der Heiligen Art zu sein pflegt , an dem lauten Treiben der übrigen Frommen kaum einen Antheil verrieth . In sich selber Göttliches sinnend , schritt das herrliche , glänzende Bild an mir vorüber , und ließ dem Staunenden ein unruhiges Herzklopfen zuruck , das nun immer nachfragt , wer und was diese Erscheinung gewesen . Warum sang Madonna nur nicht mit ? Gewiß hat sie doch eine schöne Stimme ? Oder ist sie eine aufgeklärte Heilige , welche die Prozessionen nicht mehr liebt ? Sie stand still , und sah mich mit bittenden , innigen , ausdrucksvollen Augen an . Eine innere Bewegung der Seele schien über sie gekommen . Ihre Wange hatte sich hochroth gefärbt , in ihren Blicken schimmerte es wehmuthig , und doch spiegelte sich darin zugleich etwas wie kecker Trotz . Dann sagte sie , weitergehend , und ihren Arm fester auf den meinigen druckend : Spotten Sie nicht auf Kosten der Heiligen eine arme Irdische aus ! Ach , wenn Sie wüßten , was mir diese Heiligen schon für Thränen gekostet haben , und wie sehr ich hier für unheilig gelte . Ja , ja , ich bin ein gottloses Mädchen in einem frommen Lande , und - bei einem frommen Vater ! setzte sie kaum horbar hinzu . Dann lächelte sie halb , halb hätte sie weinen mögen . Ihre Stimme schwankte und klagte wieder , wie vorher beim Tischgebet , gleich einer Trauerblume im Abendwinde . Ich befragte sie , meine ungeduldige Theilnahme nicht länger zuruckhaltend , um ihre Lebensgeschichte , und was diese in der Frühe der Jugend für schwere Schicksale auf ein so schönes Haupt gelegt . Meine Biographie ist ein Meisterstück schneidender Kürze , sagte sie . Ein großer Schriftsteller würde sie in einen einzigen ironischen Satz zusammendrängen können . In den Aesthetiken wurde man sie als Beispiel brauchen , wie aus den einfachsten Gegensätzen ein tragischer Witz entsteht . In den Sprachlehren würde sie als Redefigur dienen , wie Schmucklosigkeit und Armuth an zierenden Beiwörtern oft die schärfsten Wirkungen hervorbringen . Ich aber bin ein armes , ungebildetes , der Darstellungsgabe nicht mächtiges Mädchen . Ich wurde vielleicht Jahre lang darüber plaudern , wenn mein weitschweifiges Leid erst zu erzählen anfinge . Nein , nein , lassen Sie mich schweigen über mich , mein unbekannter Freund ! Sehen Sie mich für ein bizarres Abenteuer Ihrer Reise an . Ihre Freunde zu Hause werden es zweideutig nennen , wenn Sie ihnen künftig davon erzählen . Lachen Sie künftig selbst einmal von Herzen über das taktlose Dorfmädchen , das sich einem Fremden zu nächtlichem Spaziergang an den Arm hängt , und das sich Ihrem Gespråch aufdrångt , weil es mit seinen nächsten , fahlen Umgebungen das ganze Jahr über kein Wort zu sprechen weiß . Sie ließ bei diesen Worten , die sie mit leidenschaftlicher Hast ausgestoßen , meinen Arm fahren , eilte einige Schritte von mir fort , und streckte sich , mit lautem Schluchzen ihr Haupt verhüllend , auf eine Bank nieder , die unter einem Hollundergebüsch am Wege stand . Ich folgte ihr , setzte mich zu ihr , und ergriff des seltsamen Mädchens Hand , ihr tröstliche Worte zuzusprechen versuchend . Sie ließ ihre warmen , zitternden Finger lange in den meinigen , duldete , daß ich sie drückte und an die Lippen führte , und nachdem sie wie in sich selbst verloren dagesessen , richtete sie , mit einer zuckenden Bewegung , sich wieder empor , und fuhr sich , wie besinnend , mit der Hand über die Stirn . Ich verderbe Ihnen die schöne Nacht , sagte sie , sich die Augen trocknend . Sie sind vielleicht zu sanfteren Empfindungen aufgelegt , und ich werfe meinen wilden Trübsinn ungeschickt zwischen Ihre Mondscheinträume . O , ich verlerne in dieser Verlassenheit hier alle Weltsitte , allen besseren Ton des Umgangs ! Es mag unausstehlich sein , mit mir umzugehn . Nicht wahr , mein Herr ? So sagte sie schneidend , und ich hatte nicht viel Mühe , ihr bemerklich zu machen , wie wenig ich an dem Mondschein und an meinen Träumen verloren . Und daß solche Leidenschaft ihres Schmerzes mir dennoch kein Räthsel sei , wurde ihr ebenfalls ans Herz gelegt . Nun , so will ich Ihnen denn auch zur Abwechselung etwas Lustiges von mir erzählen , begann sie wieder mit erhöhter Stimme . Nicht mein Leben , nein , nicht mein armes , junges , kurzes Leben ! Sie sollen lachen , Freund , sie sollen lachen ! Denken Sie , mein guter Vater hat mir ein Pensum aufgegeben , weil ich so unwissend und gottlos bin . In dieser ganzen Woche habe ich nichts weiter thun dürfen , als die Namen und Beschäftigungen aller Heiligen in der gesammten katholischen Christenheit auswendig zu lernen . Heut Abend , nachdem ich zu unserer heiligen Mutter Gottes gewallfahrtet , sollte ich darin examinirt werden , und Ihr Besuch , Ihre Gegenwart , mein Herr , hat meine strenge Prüfung wahrscheinlich nur bis auf den morgenden Tag verschoben . Ihr fruherer Ernst klärte sich dabei allmälig zu einer Heiterkeit auf , und ich mußte wirklich lachen , soviel Piquirtes und Wehmuthiges auch noch darin lag . Ich suchte sie damit zu trösten , daß es in einer vielwissenden Zeit gar nicht darauf ankomme , wenn man auch noch die Heiligen alle in sein Gedächtniß schließe , denn , nach der Lehre der speculativen Philosophie lågen Wissen und Glauben himmelweit auseinander , und sie brauche deshalb noch nicht an die Heiligen zu glauben , wenn sie auch sie auswendig wisse . Ich selbst hatte , da man so vielerlei treibt , wohl auch in den alten Heiligengeschichten fruher Manches gelesen , und schlug ihr vor , daß wir ein vorbereitendes Examinatorium gemeinschaftlich anstellen wollten . Die heilige Ottilia behutet die Augen , begann ich , und sah ihr dabei tief in die Gluth der ihrigen hinein , vor deren Feuer es in der That der Hut einer Heiligen bedurfte . Der heilige Florian waltet im Feuer , sagte sie , ernsthaft einfallend , als hätte es wirklich noch eines Schutzpatrons gegen das von ihr ausstrahlende Feuer nöthig . Die heilige Katharina beschützt die Mühlen der Menschen , fuhr ich fort , damit ihr inneres Räderwerk , gewissermaßen ihr Herz , nicht in Brand geräth , wenn es in zu heftigen Schlägen um seine Achse getrieben wird . Die heilige Cäcilia schenkt uns die Musik , fiel sie sanft und feierlich ein , als läge ihr daran , das pochende Räderwerk , von dem ich gesprochen , in eine Concertharmonie übereinstimmender Töne zu bringen . Der heilige Antonius hilft das Verlorene suchen , sagte ich weiter , um sie daran zu erinnern , daß sich ihres Lebens verlorenes Glück noch immer durch einen Schutzpatron wiederfinden lassen werde . Hier erwiederte sie lebhaft den Druck meiner Hand . Dann nachdenklich an den Fingern zählend , fiel sie wieder ein : Die heilige Agatha behütet den weiblichen Busen , damit er sich nicht einnehmen läßt von den trüglichen Worten der Schmeichler und falschen Freunde . Hier rückte sie weit von mir ab , an die andere Ecke der Bank , und wandte ihr Gesicht seitwärts . Der heilige Rochus ist gut gegen die Pest , rief ich ihr mit dem stärksten Baßlaut meiner Stimme nach . Er muß angerufen werden , wenn die Pest des Mißtrauens sich in die Gemüther schleicht . Die heilige Apollonia stärkt und schärft die Zähne ! sagte sie , mit einer kecken Wendung wieder näher rückend , als fürchte sie sich gar nicht vor mir , denn daß die natürlichen Waffen ihres Geschlechts ihr gut gerathen waren , zeigte die glänzende Perlenreihe ihres Mundes an , als sie ihn jetzt zum lauten Lachen öffnete . Der heilige Uldaricus verjagt die Mäuse , sagte ich , wenn sie mit ihren weißen Zähnchen gefährlich zu werden ansangen . Der heilige Nepomuk weist einem den Weg über Straßen und Brücken , erwiederte sie . Man ruft ihn an , wenn man seiner losen Reden wegen fort und davon gejagt wird . Der heilige Wendelin behutet die Lämmer , entgegnete ich . Das unschuldige Lamm , das verfolgt wird , geht bei ihn klagen . Der heilige Christoph bewacht das Geld , sagte sie . Er wird angerufen in zweifelhaften Fällen , wo man falsche Münze von der ächten nicht unterscheiden kann . Und nun hatte ich wahrhaftig keinen einzigen Heiligen mehr in meinem Gedächtniß , mit dem ich ihr auf ihre letzte Bemerkung hätte dienen können , und ich mußte ihr in unserm Heiligen-Duett schon diese triumphirende Schlußcadenz lassen . Es war aber merkwürdig , sie zu sehen , wie mit ihrer schmerzlichen Stimmung , mit der sie noch vor Kurzem gekämpft , so schnell der holdeste Muthwille hatte wechseln können . So bricht durch die bittersten Thränen der Jugend oft rasch ein unverwüstlicher Reichthum an Frohsinn wieder aus . Sie sehen , im Heiligendienst bleiben Sie hinter mir zurück ! nahm sie wieder das Wort . Mein guter Vater - bei dessen Erwähnung zuckte sie immer unwillkürlich - wird sich morgen einmal freuen über seine sonst so ungerathene Tochter . Aber was werden Sie sagen , daß ich auch die Reliquien alle , welche Kaiser Karl IV. auf seinem Schlosse Carlstein besessen , habe auswendig lernen müssen mit meinem widerspenstigen Gedåchtniß ! Da bedauerte ich sie . Denn damit war ich freilich nie geplagt worden . Ich hatte zwar von dem Reliquien-Schlosse gehört , das dieser fromme und in so vieler Hinsicht hochverdienstliche Kaiser und Böhmenkönig eigens zur Aufbewahrung seines Heiligen-Museums erbauen lassen , aber meine Kunde von seinen Sammlungen hatte sich bisher nur auf den Fetzen aus der ägyptischen Finsterniß beschränkt , den er wirklich in Carlstein aufbewahrt haben soll . Sie nahm eine gelehrte Miene an , und sagte mit einem komischen Seufzer : Das genaue Verzeichniß dieser weltberühmten Reliquien-Sammlung befindet sich hinter der böhmischen Chronik ( Kronyka czeska ) des Wenceslaus Hagek a Liboczan , einem , allen Heiligen sei es geklagt , gerade hundert Pfund schweren Folianten , aus dem es sich diese armen Augen haben auflesen müssen , vielleicht gar zur Strafe , daß sie früher in so viele Romane geblickt . Lassen Sie mich von den Achseln , Zähnen , Kinnbacken , kleinen Fingern und großen Zehen , Hemden , Schuhsohlen , Strumpfzwickeln und Brustlatzen aller der Märtyrer , Apostel und Patrone schweigen . Ich schaudere vor mir selbst über diese ganze Glieder-Anatomie , die ich davon in meinem unschuldigen Kopfe beherbergen muß , und Nachts habe ich unruhige Träume , und nichts als Knochen und Skelette der Heiligen höre ich rasseln in meiner geängstigten Phantasie . Denken Sie , neulich erschien mir die abgezogene Haut St. Matthäi , des Apostels , die sich ebenfalls auf Carlstein befunden , und daher auch in meinem Gedächtniß lebt , im Schlaf , und drohte mir , daß auch mir noch in meinen jungen Jahren nächstens die Haut abgezogen werden solle , wenn ich mich nicht zu einer besseren Christin bekehrte , und meine leichtsinnigen Hoffnungen , die ich auf die bunten Freuden dieser Welt gesetzt , fahren ließe . Doch ich will Ihnen lieber von den Heiligthümern unserer Jungfrau Maria erzählen , von denen das Verzeichniß in der That seltene und rührende Schätze aufführt . In der naiven Sprache dieses Chroniken-Registers heißt es folgendermaßen : » In einem silbernen vergüldeten Lädlein ist der wehrden Jungfrawen Schlayers ein Stück ; im selben Kästlein ist noch ein Stück vom Schlayer , darinnen die Mutter des Herrn unterm Kreutze gestanden , als ihr liebster Sohn daran geheftet gewesen , aus dessen heylichsten Leichnamb drei Blutstropfen auff ihren Kopff gefallen , und sind auff diesen Schlayer , biß auff Dato , so schön , als wann es diese Stunde geschehen ; allda ist auch ein Stück Wachs aus der Kertzen , so bei ihrem Tode gebrandt . « - - Aber ich darf Ihre ungläubigen Ohren , mein Herr , wohl nicht mit solchen Aufzählungen ermüden . Doch muß ich Ihnen sagen , da Sie vorher meine Andacht zur Madonna in Zweifel gezogen , daß mein Herz , wie andere Gedanken es auch oft haben mag , doch am meisten mit Liebe und Hingebung an ihr mildes Bild sich hängt . Soll denn gar nichts Katholisches an einem böhmischen Mädchen sein ? Nein , nein , die Madonna schenkt mir sanfte Träume , wenn ich zu ihr gebetet habe . Und an ihren Schleier mit den drei Blutstropfen drücke ich alle Abend , so oft ich weinend schlafen gehe , in Gedanken die nassen Augen , und dies große Symbol beglückt auch mich armes Mädchen , und kann mich sogar versöhnen mit den übrigen Abgeschmacktheiten , zu denen frommer Unverstand