. 2 Am Tage , wo die Unterredung mit Wally stattfand , hätte man bei Cäsar nicht ahnen können , mit welcher Katastrophe er schließen würde . Cäsar schien die ganze Beruhigung zu besitzen , welche man von seinem Charakter erwarten durfte . Höchstens ließen sich jene forcierten Scherze , mit welchen er um sich warf , vermuten , daß irgendein Gefühl wie ein Ereignis bei ihm im Anzuge war , dem er zu entgehen wünschte . Diese Scherze sind immer die überm Meere kreisenden Möwen , welche den Sturm ankündigen . Wenn er einem Freunde begegnete , der auf dem Stadtgericht arbeitete , so frug ihn Cäsar : » Was hast du jetzt unter Händen ? « » Ehescheidungen « - hieß es . » Also noch immer schlechte Ehen ? « » Schlechte Wahlen vor der Hochzeit , Leichtsinn - « » Ganz richtig « ; erklärte dann Cäsar . » Es ist ein Unglück , wenn man sieht , mit welchem Leichtsinn die Ehen geschlossen werden . Der Besitz einer kleinen Aussteuer lockt den Handwerker , ein Frauenzimmer zu heiraten , welches er gar nicht liebt . Der Staat sollte niemals die Ehe bürgerlich vollziehen lassen , bis nicht ein Kind vorhanden ist , welches das Dasein der Liebe vorher ausweisen muß . « Der junge Mann vom Stadtgerichte lächelte zu diesem Vorschlage . Cäsar ging und begegnete einem andern Freunde . » Du bist verliebt « , sagte er ihm ; » aber Antonie ist arm . « Es war dieselbe Antonie , an welche Wally einst schreiben wollte . » Antonie ist arm ! « hieß die weinerliche Bestätigung . » Siehe , was zu tun wäre ! « schlug Cäsar vor . » Das Heiraten durch die Zeitungen greift um sich . Aber man ist erst einen Schritt weit gekommen , wenn die Frauen durch Zeitungen nur Männer bekommen . Der zweite Schritt wäre , daß sie durch die Zeitungen auch zu Vermögen kämen . Die Mädchen sollten sich durch ein Lotto ausspielen . Sie sollten die Männer auffordern , Aktien auf ihren Besitz zu nehmen , Aktien , meinetwegen eine jede zu fünfhundert Talern . Hundert Lose dieser Art geben eine Summe von 50000 Talern . Die Wahrscheinlichkeit , daß unter hundert ich - du - er gewinnen , ist sehr groß : man gewinnt ein Weib , ein reiches Weib , ein schönes Weib . Denn um eine Schöne muß es sich handeln , der Nebengewinne wegen , welche in Zugeständnissen mancher Art an diejenigen bestehen müssen , welche sich mit Aufopferung von fünfhundert Talern der seligen Chance aussetzten , Mann einer schönen Frau und Besitzer zufälliger 50000 Taler zu werden . Mein Lieber , das heißt die Gesellschaft revolutionieren . « Jener hatte nur an Antonie gedacht ; Cäsar an nichts , als sie scheiden . Der Abend kam heran . Die Tür zu Wallys Gemächern öffnete sich . Beide saßen sich stumm gegenüber . Cäsar , der von Wally nicht erwartet hatte , daß sie sich in ein schwärmerisches schwarzes Kleid werfen würde : Wally , welche nach einem Blicke in Cäsars Mienen geizte , der verzeihend , warm und siegend auf sie wirkte . Liebenswürdig war es von diesem grenzenlosen Leichtsinn , daß er Tränen am Auge hängen hatte . Cäsar schwamm in Entzücken . Er war auf eine Komödie gefaßt und fand eine tragische Szene , die ihn erschütterte . Alles , was sie sprachen , war nur , um den Erklärungen , die sie sich machen wollten , zu entgehen . Cäsar mochte in seiner Eitelkeit übertreiben ; Wallys Bescheidenheit lag wohl nur darin , daß sie glaubte , Cäsar um Verzeihung bitten zu müssen . Alles übrige aber dichtete seine Phantasie hinzu . Sie hielten ihre Hände ineinander und sprachen recht eifrig über Dinge , auf welche gar nichts ankam in ihrer Lage . Sie sprachen von der Erfindung des Schießpulvers , vom Gesetz der Schwere , vom Kompaß und der Magnetnadel , worüber sie schnell abbrachen , um nur immer wieder auf Neues zu kommen . So verrann die Zeit , aber das Entzücken Cäsars stieg . Wallys Hand nahm er und legte sie sanft auf die Lehne des Sofas , um sie als Kopfkissen zu brauchen . Sie lächelte dazu und warf ihm das ganze Polster ihres elastischen Körpers , sich selbst in aller ihrer Anmut nach . Sie hielt ihn umschlungen , während sie unwillig glaubte , daß er es täte . Ihre nur leis ' aufgesteckten Locken nestelten sich los und küßten Cäsars brennende Wangen . Die langen Augenwimpern senkten sich majestätisch sanft auf die bläulichen Ultramarinringel , welche unter dem Auge so viel Leidenschaft verraten . Dieses Herablassen des Vorhangs , dieser Fensterladenschluß der Weiblichkeit , diese Verhüllung ist das reizende Gegenteil dessen , was sie scheint , weil sie nur allmähliche Entwaffnung ist . Es ist das Sinken des Tages , der aufsteigende Stern , dessen feuchte Strahlen die Kronen der Blumen auflockern und die Kelche erschließen , während die Kelche zu schlafen scheinen . Cäsar umarmte Wally mit glühendem Entzücken und rief aus : » O Wally , ich will nicht grausam sein ! Ich eile allem zuvorzukommen , was sich auf deiner Lippe zu Tode ängstigt und gern sprechen möchte . Ich dringe nicht auf den Besitz dieses göttlichen Leibes , dessen Seele mich stets umhauchen wird . Aber - o Gott ! « - » Was ist ? Cäsar ! Sprich ! Fordre ! Alles , alles ! « Cäsar sann und war wie von einem unbekannten Gefühle ergriffen . Er strich mit der Hand über seine Stirne und sagte dann leise mit sanften und zärtlichen Worten zu Wally : » Sie werden reisen : ich auch . Wir werden uns in vielen Jahren nicht wiedersehen . Da gibt es ein reizendes Gedicht des deutschen Mittelalters , der Titurel , in welchem eine bezaubernde Sage erzählt wird . Tschionatulander und Sigune beten sich an . Sie sind fast noch Kinder : ihre Liebe besitzt die ganze Naivetät ihrer jugendlichen Torheit . Ich spreche nicht von Tschionatulanders Tod , weder vom treuen Hunde , der aus der Schlacht die tragische Botschaft bringt , nicht von Sigunens Klage , wie sie den Leichnam des Geliebten im Arme haltend unterm Baume sitzt , wo Parzifal an ihr vorüberkömmt im Walde , nicht von dem Edelstein unserer deutschen mittelalterlichen Dichtkunst . Nur jener Zug ist so meisterhaft schön , wo Tschionatulander , als er in die Welt hinausmuß und sein treues Windspiel klug zu den beiden Liebenden hinaufsieht , Sigunen anfleht um eine Gunst- « Cäsar stockte und sprach dann leise , mit fast verhaltenem Atem : » daß Sigune , um durch ihre Schönheit ihn gleichsam fest zu machen , wie der magische Ausdruck der alten Zeit ist , um ihm einen Anblick zu hinterlassen , der Wunder wirkte in seiner Tapferkeit und Ausdauer - daß Sigune - in vollkommener Nacktheit zum vielleicht - ewigen Abschiede sich ihm zeigen möge . « Wally betrachtete Cäsar einen Augenblick . Dann erhob sie sich stolz und verließ , ohne ein Wort zu sprechen , das Zimmer . An ihre Rückkehr war nicht zu denken . Cäsars Antlitz zeigte einen schmerzhaften Ausdruck . Er hatte das Höchste bewiesen , dessen seine Seele fähig war , die kindlichste Naivetät , eine rührende Unschuld in einer Forderung , die empörend war ; aber die Scham , die erst in ihm aufglühte , verschwand vor seinem Stolze , so edel und rein erschien er sich . » Sie ist ohne Poesie , sie ist albern , ich hasse sie ! « stieß er heftig heraus , trat zornig mit dem Fuße auf , lauschte und verließ , da er nichts als den Schlag der Pendeluhr im Nebensaale vernahm , mit unwillkürlichem Geräusch das Zimmer und das Hotel . Er schwur , es niemals wieder zu betreten . » Sie hat nicht mich , sie hat die Poesie beleidigt . Sie ekelt mich an ! « rief er und malte sich Wally mit den gräßlichsten Farben , daß es ihm keine Freude machen mußte , noch an sie zu denken . Wenn sie ihm noch einfiel , so geschah es nicht , ohne daß er mit dem Fuße etwas von sich stieß . 3 Inzwischen rückte Wallys Vermählung heran . Sie gestand sich oft und selbst ihren Umgebungen , daß es ihr wäre , als würde ein unsichtbares Netz , das sie aber fühle , immer enger angezogen , und daß es ihr bald zum Ersticken sein müßte . Alles , was man nur brachte , um die Atmosphäre recht duftend und verführerisch zu machen , drückte ihren Atem noch mehr zusammen ; sie ging wie Gretchen im » Faust « und lüftete Fenster und Türen , da Mephistopheles im Zimmer es so schwül gemacht hatte . Noch größer war aber die Unruhe in ihrem Innern . Sie brauchte gern physikalische Gleichnisse und verglich sich mit dem Gefühl eines lebenden Wesens , das man in die Glocke einer Luftpumpe setzt ; mit dem Vogel , dem es von innen und außen bei entzogener Luft weh wird . Ach , sie konnte Cäsar nicht vergessen : sie konnte jene begeisterte Miene des Freundes nicht vergessen , jene unschuldige Seligkeit , die sie an ihm noch nie gekannt hatte und die er damals zeigte , als sie einige aus seinen zuckenden Lippen schleichende Worte mit so pedantischer , altkluger Entrüstung aufnahm . Schon im nächsten Augenblicke , als sie gegangen war , war sie sich mit ihrer Tugend recht abgeschmackt vorgekommen . Wally fühlte bald , daß Cäsar an das Unsittliche seines Antrags im Momente nicht gedacht hatte . Sie machte sich den Vorwurf , diese Überlegung an dem Manne nicht abgewartet zu haben . Auch mußte sie sich gestehen , daß Cäsar ihr vielleicht nie das Prekäre der Situation eingeräumt haben würde . Jetzt wußte sie , worin der ganze Zauber liegt . Sie fühlte , daß das wahrhaft Poetische unwiderstehlich ist , daß das Poetische höher steht als alle Gesetze der Moral und des Herkommens . Sie fühlte auch , wie klein man ist , wenn man der Poesie sich widersetzt . Ach , das quälte sie , untergeordnet zu sein und weniger unschuldig im Grunde als die Poesie , die Menschen braucht und schildert ! Wally schlug die rührende Geschichte nach , die ihr Cäsar erzählt hatte . Sie weinte mit Sigunen , sie kostete die Unschuld , die in dem Verlöbnis der beiden Liebenden des Gedichtes lag , allmählich immer tiefer . Es liegt in der Schönheit der Natur eine göttliche Gewalt , die bezaubert . Wally beugte und wand sich mit all ihren schönen Grundsätzen und den Lehren , die sie ihrer Erziehung , ja selbst ihrer vernünftigen Überlegung verdankte , vor dem Ideale des Naturschönen . Sie ging noch weiter . Sie gab die Natur auf , sie hielt sich an die Kunst , an das Gebilde der Phantasie , das in sich abgerundet und hier so richtig gezeichnet war wie jeder logische Zirkel ihrer tugendhaften Entschlüsse . Sie kam sich verächtlich vor , seitdem sie fühlte , daß sie für die höhere Poesie kein Gegenstand war . So konnte es nicht mehr fehlen , daß sie sich bald selbst dazu machte . Wie oft war sie Cäsarn begegnet ! Er blickte stolz ! Er hatte eine Moral , die über der ihren war ! Er konnte das Auge erheben , das Ideale hub es in ihm ! Wally konnte nicht stolz sein , an ihr schien die Reihe der Scham zu sein . Sie fürchtete sich vor Cäsar . Ihre ganze Tugend war armselig , seitdem sie ihm gleichsam gesagt hatte , die Tugend könne nur in Verhüllungen bestehen , die Tugend könne nicht nackt sein . Cäsar hatte an ihr den poetischen Reiz verloren . Er übersah sie . Ob es wohl Menschen gibt , dachte Cäsar eines Tages bei sich selbst , welche die Literatur und das , was dem Leben durch sie an schönen Elementen und Staffagen gegeben wird , für eine Tyrannei und eine despotische Willkür der Dichter und Künstler halten ? Wär ' ich selbst Autor , so würde mich dieser Gedanke erschrecken . Ich würde die Gleichgültigkeit , die Dummheit der Masse immer mit einer Strafe verwechseln , welche ich als Autor für die Zudringlichkeit meiner Schöpfungen mit Recht einernte . Ich würde zittern , wenn von Büchern die Rede kömmt , und würde immer gewärtig sein , daß jemand aufträte und die Literatur in die Kategorie von Warenartikeln stellte , von Ellen- oder Kolonialwaren , die man nimmt oder stehenläßt , je nach Bedürfnis . Ich brauche die Schönheit nicht ! Fürchterlich , wenn von Homer und Ossian die Rede wäre ! Ich brauche nicht einmal die Bestrebungen um das Schöne , wenn von einem Erstlingsversuche die Rede wäre ! Ja , es gibt Menschen dieser Art , welche die Poesie für eine Zumutung halten , Geldmenschen , Aristokraten , manche Könige , auch Frauen , besonders wenn sie schön sind und sie deshalb glauben , der Bildung überhoben zu sein ! Cäsar dachte dabei gewiß nicht an Wally ; denn welch ' ein Unterschied ist es , für das Außerordentliche sich interessieren und dem Außerordentlichen sich als Staffage unterlegen ! Er hatte aber in dem Augenblick einen Brief von Wally in der Hand . » Ich habe Sie beleidigt « , schrieb sie ihm ; » Sie wissen es ja , Cäsar , daß der Mutlose immer der Ausfallendste ist . Wissen Sie noch , wie wir über Mut stritten ? Welch ' eine Zeit , wo Sie sich um fünf Ringe , die Sie mir noch immer nicht wiedergegeben haben , mit fünf Menschen schießen konnten ! Morgen um zehn Uhr abends besuchen Sie das Hotel des sardinischen Gesandten . Sie werden von Auroren , die Sie dort erwartet , an einen Ort geführt werden , den Sie nicht verlassen dürfen . Schwören Sie mir , hinter dem Vorhang , den Sie zehn Minuten nach zehn gütigst zurückziehen wollen , nicht hervorzutreten ! Cäsar , schwören Sie mir ! Ich schäme mich vor Ihnen , daß ich Scham hatte . Verantworten Sie es einst ! Vor Gott ! Vor Gott ! Aber ich liebe heiß , ewig , unaussprechlich ! Wally « Und an Wallys Hochzeitstage zeichneten die Unsichtbaren ein reizendes Gemälde , ein Gemälde in altem Stil , zart , lieblich wie die saubern Farbengruppen , welche sich auf dem sammetweichen Pergamente goldener Gebetbücher des Mittelalters finden . Rings , wie Rahmen und noch hineinrankend in die Szene , Epheu und Weinlaub . Auf den Ästen sitzen Paradiesvögel in wunderbarem Farbenspiel , auf den breiten Blättern der Arabesken schlummern Schmetterlinge , in den Kelchen der Blumen saugen Bienen . Oben schwebt der Vogel Phönix , der fußlose Erzeuger seiner selbst ; unten blicken die spitzschnäbligen Greifen und hüten das Gold der Fabel . Bezaubernd und märchenhaft ist die Verschlingung aller dieser Figuren . Es ist wie ein Traum in den tausend Nächten und der einen . Zur Rechten des Bilds aber im Schatten steht Tschionatulander im goldenen , an der Sonne funkelnden Harnisch , Helm , Schild und Bogen ruhen auf der Erde . Der Mantel gleitet von des jungen Helden Schulter , seine Locken wallen üppig , wie von einem Westhauche gehoben . Das Auge staunt ; ein Entzücken lähmt die Zunge . Zur Linken aber schwillt aus den Sonnennebeln heraus ein Bild von bezaubernder Schönheit : Sigune , die schamhafter ihren nackten Leib enthüllt , als ihn die Venus der Medicis zu bedecken sucht . Sie steht da , hülflos , geblendet von der Torheit der Liebe , die sie um dies Geschenk bat , nicht mehr Willen , sondern zerflossen in Scham , Unschuld und Hingebung . Sie steht ganz nackt , die hehre Gestalt mit jungfräulich schwellenden Hüften , mit allen zarten Beugungen und Linien , welche von der Brust bis zur Zehe hinuntergleiten . Und zum Zeichen , daß eine fromme Weihe die ganze Üppigkeit dieser Situation heilige , blühen nirgends Rosen , sondern eine hohe Lilie sproßt dicht an dem Leibe Sigunens hervor und deckt symbolisch , als Blume der Keuschheit , an ihr die noch verschlossene Knospe ihrer Weiblichkeit . Alles ist ein Hauch an dem Auge , ein stummer Moment , selbst in dem klugen Auge des Hundes , der die Bewegungen verfolgt , welche der Blick seines Herrn macht . Das Ganze ist ein Frevel ; aber ein Frevel der Unschuld . So stand Sigune einen zitternden Augenblick ; da umschlang sie rücklings der sardinische Gesandte , der seine junge Frau suchte . Es war ein Tropfen , der in den Dampf einer Phantasmagorie fällt und sie in Nichts auflöst . Die Vorhänge fielen zurück , und Tschionatulander wankte nach Hause . Der Gesandte ahnte nichts . Tiefes Geheimnis . 4 Als Wally mit ihrem Manne nach Paris gekommen war , atmete sie auf . Sie war froh , sich von einer ganz verfehlten Stellung befreit zu sehen . Sie wußte , daß sie in Paris noch immer den stürmischen Bewegungen irgendeiner Neigung ausgesetzt sein konnte , daß ihre eheliche Treue mit weit gefährlicheren Lockungen wie in der Heimat würde herausgefordert werden ; allein sicher war sie jetzt vor den Zumutungen der Genialität , vor dem verwirrenden Benehmen Cäsars , vor Männern , welche zu poetisch sind , um ganz nach der Mode , und zu modisch , um ganz nach der Poesie zu leben . In Paris siegte sie , wenn sie wollte , noch immer durch die sehr einfachen Künste der Koketterie . Nur die Situationen sind es , welche dem Leben der Pariser Frauen eine besondere Originalität geben . Die Zeit , in welcher Wally mit ihrem Manne nach Paris kam , war bei Anfang des Aprilprozesses . Wenn man glauben wollte , daß die Julirevolution in den Sitten der höhern Pariser Welt eine Änderung veranlaßt hätte , welche gleichsam dem Ernste der Zeit hätte entsprechen sollen , so verkennt man den Charakter der Franzosen . Die alte Revolution , welche eine Strafe der Frivolität zu sein schien , rottete die Frivolität doch selbst nicht aus . Die alte politische und gesellschaftliche Verfassung wurde gestürzt , aber die Manieren erhielten sich . An dem Besitztume klebte etwas , was sich nicht von ihm trennen ließ ; in den Reichtümern , welche kaum den Tod der einen veranlaßt hatten , lag ein Zauber , der auch die wieder verwirrte , welche die neuen Herren derselben wurden . Den Leichtsinn tilgte die Guillotine nicht . Die neueste Revolution hatte zu den alten Elementen des Pariser Lebens neue , zu zwei Aristokratien , der bourbonischen und bonapartistischen , noch eine dritte gesellt , die Aristokratie der Banquiers . Mehr als je wurde das Geld der Hebel des gesellschaftlichen Mechanismus , seitdem eine Klasse in den Vorgrund trat , mit der es in dieser Rücksicht schwer war zu wetteifern . Weil die Pariser das Geld nicht anhäufen , sondern es als Mahlschatz immer wieder aufschütten und von dem Winde umtreiben lassen , so wird jede Lebensäußerung dort in den metallischen Strom mit hineingerissen . Dieser Strom ist es , welcher die entsetzlichsten Verheerungen in der Moralität und Freundschaft anrichtet . Sein Ebben und Fluten macht Leben und Tod . Er ergießt sich frei , offen , vor allen Augen , nicht einmal unterirdisch . Er wälzt seine goldschäumenden Wogen durch die Säle und kleinsten Gemächer . Man ist in Paris immer in der Nähe des Geldes , weniger dessen , was man besitzt , als dessen , wovon man nicht genug haben kann und das man unter allen Umständen sich zu verschaffen sucht . Daraus entstehen die meisten tragischen und komischen Konflikte der Pariser Gesellschaft . Wally hatte keine Meditationen nötig , um über diese Dinge ins reine zu kommen . Sie verstand sie bald , da die Begegnisse selbst zu deutlich sprachen und dichterische Erfindungen , Schriften wie die von Balzac , sie hinreichend bestätigten . Wally philosophiert nicht , das wissen wir längst . Sie wird Paris nicht wie ein Phänomen nehmen , sondern wie eine Erfahrung , über die man erst reflektiert , nachdem sie erlebt ist . Sie wird sich in den dichtesten Strudel der Vergnügungen werfen . Sie wird den Becher der Lust und der Gedankenlosigkeit bis tief auf die Neige leeren . Sie wird jede Minute Leben benutzen , die sie nur verwenden kann , und käme sie einst zurück von Paris , wird sie von Paris nichts zu erzählen wissen . Wally gehörte bald zu den glänzendsten Erscheinungen auf dem Theater des Tages und der Nachrede . Wenn wir im folgenden mehr ein Verhältnis schildern wollen , das in Wallys Hause und in ihrer Verwandtschaft sich entwickelte , so ist es deshalb , um einesteils über ihren Mann eine Ansicht zu haben , andernteils , um nichts zu unterlassen , was zuletzt doch berichtet werden müßte , weil es eine entscheidende Folge hatte . Wally beherrschte andere Kreise mit derselben siegreichen Gewandtheit . Sie hatte ein großes Stück an dem Netz zu weben übernommen , welches über Paris ausgebreitet ist und so viel Ehrgeiz , Eifersucht , Tragödie und Idylle in seinen Maschen festhält . Sie war eine fleißige Bundesgenossin des großen Feldzuges gegen Natur , Wahrheit , Tugend und Völkerfreiheit , welcher mit dem Leben der Großen fast immer zusammenfällt ; ein Feldzug , dessen Gefahr von den Freuden seiner kleinen Siege im Ernst doch überboten wird . Je weniger diese Katastrophe zunächst mit der Seelenrichtung in Wally zusammenhängt , die uns veranlaßte , sie zum Gegenstand einer poetischen Darstellung zu machen , desto mehr trägt sie bei , die Draperien zu bestimmen , auf deren Grunde sich die wahrhafte Originalität Wallys sprechender zeichnete . Indem Wally Szenen erlebt , welche mit ihrer Krankheit nicht in der entferntesten Berührung liegen , indem sie von einem Gedankenreiche losgetrennt ist , das sie selbst in sich aufgeregt hatte ; muß auch der Kontrast desselben später nur desto tiefer in ihr Herz schlagen . Wally wandelt sorglos am Rande eines Abgrundes . 5 Eines Morgens hatte Wally soeben die Besuche einiger ihrer Verehrer entlassen und lachte noch über die Eitelkeit der jungen Männer , welche gestorben wären vor Ärger , wenn sie ihrer neuen Gilets , ihrer Reitpeitsche und Lorgnette keine Erwähnung getan hätte , als sie im Nebenzimmer ein lautes Sprechen hörte , das immer näher kam und dann plötzlich mit Gewalt unterdrückt wurde , gleichsam als würde jemand , der sich ihrem Zimmer nahen wollte , mit Heftigkeit zurückgehalten . Nachdem die hierauf eintretende Stille anzudeuten schien , daß eine Verständigung dem Besuche hatte vorangehen müssen , öffnete sich stürmisch die Tür , und ein junger Mann trat an der Hand ihres Gatten herein , der ihr in dem Ankömmling seinen längst aus dem Piemontesischen erwarteten Bruder Jeronimo vorstellte . » Wahrhaftig , ich habe mich nicht getäuscht « , rief der junge Italiener . » Ihren Anblick , Madame , sog ich gestern in der Oper drei volle Stunden lang ein . Ich war kaum in Paris angelangt , als mich der Zufall in die Vorstellung der Cenerentola führt und in die reizendste Perspektive , welche ich je gehabt habe . Madame , Sie saßen in einer Loge , von der ich nicht wußte , daß sie die meines Bruders war . Sie trugen blaue Seide , weiße Tüllstreifen , einen roten Schal und Marabouts in dem Haar ? « » Ihr Gedächtnis muß weite Taschen haben , « sagte Wally , » wenn sie am Morgen noch die Toilette der Damen angeben können , die Sie am Abend vorher bei den Italienern bezaubert haben , wie der in dieser Rücksicht bei den jungen Enthusiasten übliche Ausdruck ist . « » Madame , es sollen viele eine gute Toilette gemacht haben , sagt man . Ich sahe nur Sie . Viele werden sie machen , ich werde nur Sie sehen . Wenn ich die Sprache eines Dichters führen könnte , dann würd ' ich erst die Ausdrücke haben , welche Ihrer würdig sind . Ja , ich muß dies elende Wort bezaubern adoptieren und meine Gefühle hinter der armseligen Wendung verstecken , daß ich Sie versichre , Ihre Schönheit kann niemals vom Künstler getroffen werden ; denn müßte er nicht erblinden in der Anschauung solcher Reize , Madame ? « » Ich schäme mich , mein Herr « , sagte Wally , » Ihnen ein Wort empfohlen zu haben , das sie lernen sollten , um bald in die Gesellschaft der jungen Enthusiasten einzutreten ; denn ich sehe , daß Sie schon Meister sind in diesen allerliebsten Übertreibungen , die man um so lieber hört , je weniger Grund sie haben ! « » Sie weichen mir aus , Madame ; Sie vergessen , wenn Sie glauben , meine Liebe käme Ihnen ungelegen , daß Widerstand die Liebe verdoppelt . Sie haben die Wahl . Es ist wie mit den Sibyllinischen Büchern ; aber umgekehrt : immer mehr Liebe , aber doch immer nur die gleiche Summe . « Hier machte der Gesandte , der das Zimmer schon verlassen hatte , ein Geräusch nebenan und zwang beide jungen Leute , einen Moment darauf hinzuhören . Wally mußte über die etwas steifen Anträge ihres Schwagers lachen . Sein Feuer hatte mehr von dem russischen Spiritus . Für einen Italiener schien er ihr zu viel Worte zu machen . » Setzen wir uns aber « , sagte sie freundlich , » mein lieber Jeronimo . Wir wollen versuchen , wie wir uns arrangieren . Es gilt nur , daß man sich verständigt . Wollen Sie meine Farbe tragen ? Wollen Sie ins Wasser springen , wenn ich behaupte , es sei nicht tief ? Wollen Sie sich mit halb Paris schlagen , wenn ich die Caprice habe , Ihnen Dinge in den Mund zu legen , die Sie über die Herzogin von Breteuil , die Gräfin Allan , die Vikomtesse von Hericourt geäußert hätten ? Sie sehen , welche Arbeiten sich Ihnen auferlegen lassen , wenn Sie Herkules genug wären , sich in Dejanira zu verlieben . « » Bezaubernd , Madame , entzückend ! Wie liebenswürdig ! « » Und wenn wir auf dem Fuße hinken , womit der Liebhaber geht : so nehmen Sie den andern , den Fuß der Verwandtschaft , auf dem wir stehen . Ich glaube in der Art wohl , daß Sie ermüden können , Jeronimo , aber niemals , daß Sie fallen . « Die Tür öffnete sich . Die Vikomtesse von Hericourt trat ein . Sie war eine jener niedlichen Schwätzerinnen , an denen nichts hübscher ist als eine perennierende Begleitung ihrer Stimme mit einer luftpumpenden Bewegung aus der Brust heraus . Sie seufzte bei jeder Periode aus der innersten Tiefe her , und da sie es lächelnd tat und mit glänzendem Auge , bekam dadurch ihr Ausdruck eine hinreißende Gewalt , daß man sich die Triumphe dieser Frau erklären konnte . Jeronimo blieb aber bei aller dieser Grazie kalt . Er sprang nicht , wie junge Narren von fashionablem Tone mit Recht tun , wo es sich darum handelt , zwischen zwei schönen Frauen das Gleichgewicht zu erhalten , von einer zur andern über , sondern biß in seine Handschuhe , verlegen und nur Wally fixierend , die sein Benehmen nur als Affektation eines übertriebenen Eindrucks auslegen konnte . Die Vikomtessa hatte so viel mitzuteilen , zu klagen , zu weinen , zu lachen , daß Jeronimo sich mit ihr zu gleicher Zeit entfernte . Er war stumm bis auf den letzten Augenblick geblieben . Die ganze Geläufigkeit , mit der er begann , war gehemmt . Sie wußte nicht , wie sie diesen Charakter nehmen sollte . Er ist ein Russe , dachte sie unwillkürlich . Aber sie besann sich auf die Russen ihrer Bekanntschaft , auf welche dennoch keines der Merkmale Jeronimos passen wollte ; denn die Russen , immer begierig , sich elegant und zivilisiert zu zeigen und den Juchtengeruch durch Bisam , eine Unanständigkeit also durch die andere zu verdecken , affektieren überall gegen Damen eine ekelhafte Liebenswürdigkeit , springen von einer zur andern und üben sich in süßen Grimassen . Jeronimo mußte also doch ein Italiener sein . Am Abend kam Jeronimo in die Loge des sardinischen Gesandten . Wally hörte ihm gern zu ; er hatte Ansichten über Musik und viel biographische Notizen über die italienischen Komponisten . Doch alles war flüchtig ; denn eine Dame kömmt im Theater nicht zur Ruhe . Keine Meinung , die unter den Liebhabern verbreitet ist , ist so falsch als die von der Gunst , welche das Theater der Neigung gewähre . Man wird sein Idol neben sich haben , man wird stundenlang mit ihm flüstern können ; das ist gewiß ; aber das Idol wird auch immer zerstreut sein und hinter jeder aufgehobenen Lorgnette einen Mann vermuten , der mit dem Seufzenden neben ihr die Vergleichung aushält oder ihn wohl übertrifft in der Huldigung , die er ihr schenkt . Jener Satz gilt nur bei der Sentimentalität , welche nicht hört und nicht sieht , oder bei jenen kleinen Geschöpfen , die über ein geschenktes Freibillet glücklich sind und alles , was das Theater an Illusionen bietet , für die Schöpfung und die Bekanntschaft ihres Anbeters halten . Als Wally nach Hause begleitet war von ihrem Schwager und ihn noch einige Zeit bei sich gesehen hatte , zog sie sich in ihre Gemächer zurück . Es klopfte . Der sardinische Gesandte trat mit einem Armleuchter in ihr Schlafkabinett . Sie erstaunte ; denn solche Besuche waren ganz gegen die Verabredung . » Was ist ? « fragte sie gedehnt . » Liebes Kind « , sagte ihr Gatte ; » mein Bruder- « » Ihr Bruder ist sehr langweilig . « » Er liebt dich