sich das Korn auch nicht vergleichen , aus dem er gemacht ist . So Branntwein bitzelt auf der Zung ' und steigt in den Kopf , das tut eine berühmte Frau auch ; aber der reine Weizen ist mir doch lieber , den säet der Säemann in die gelockerte Erd , die liebe Sonne und der fruchtbare Gewitterregen locken ihn wieder heraus , und dann übergrünt er die Felder und trägt goldne Ähren , da gibt ' s zuletzt noch ein lustig Erntefest ; ich will doch lieber ein einfaches Weizenkorn sein als eine berühmte Frau , und will auch lieber , daß Er mich als tägliches Brot breche , als daß ich ihm wie ein Schnaps durch den Kopf fahre . - Jetzt will ich Ihr nur sagen , daß ich gestern mit der Staël zu Nacht gegessen hab in Mainz ; keine Frau wollt neben ihr sitzen bei Tisch , da hab ich mich neben sie gesetzt ; es war unbequem genug , die Herren standen um den Tisch und hatten sich alle hinter uns gepflanzt , und einer drückte auf den andern , um mit ihr zu sprechen und ihr ins Gesicht zu sehen ; sie bogen sich weit über mich ; ich sagte : » Vos adorateurs me suffoquent « , sie lachte . - Sie sagte , Goethe habe mit ihr von mir gesprochen ; ich blieb gern sitzen , denn ich hätte gern gewußt , was er gesagt hat , und doch war mir ' s unrecht , denn ich wollt lieber , er spräch mit niemand von mir ; und ich glaub ' s auch nicht , - sie mag nur so gesagt haben ; - es kamen zuletzt so viele , die alle über mich hinaus mit ihr sprechen wollten , daß ich ' s gar nicht länger konnte aushalten ; ich sagt ihr : » Vos lauriers me pèsent trop fort sur les épaules . « Und ich stand auf und drängt mich zwischen den Liebhabern durch ; da kam der Sismondi , ihr Begleiter , und küßt mir die Hand , und sagte , ich hätte viel Geist , und sagt ' s den andern , und sie repetierten es wohl zwanzigmal , als wenn ich ein Prinz wär , von denen findet man auch immer alles so gescheit , wenn es auch das Gewöhnlichste wär . - Nachher hört ich ihr zu , wie sie von Goethe sprach ; sie sagte , sie habe erwartet , einen zweiten Werther zu finden , allein sie habe sich geirrt , sowohl sein Benehmen wie auch seine Figur passe nicht dazu , und sie bedauerte sehr , daß er ihn ganz verfehle ; Fr . Rat , ich wurd zornig über diese Reden ( » das war überflüssig « , wird Sie sagen ) , ich wendt mich an Schlegel und sagt ihm auf deutsch : » Die Frau Staël hat sich doppelt geirrt , einmal in der Erwartung , und dann in der Meinung ; wir Deutschen erwarten , daß Goethe zwanzig Helden aus dem Ärmel schütteln kann , die den Franzosen so imponieren ; wir meinen , daß er selbst aber noch ein ganz andrer Held ist . « - Der Schlegel hat unrecht , daß er ihr keinen bessern Verstand hierüber beigebracht hat . Sie warf ein Lorbeerblatt , womit sie gespielt hatte , auf die Erde ; ich trat drauf und schubste es mit dem Fuß auf die Seite und ging fort . - Das war die Geschicht mit der berühmten Frau ; hab Sie keine Not mit ihrem Französisch , sprech Sie die Fingersprach mit ihr und mache Sie den Kommentar dazu mit ihren großen Augen , das wird imponieren ; die Staël hat ja einen ganzen Ameisenhaufen Gedanken im Kopf , was soll man ihr noch zu sagen haben ? Bald komm ' ich nach Frankfurt , da können wir ' s besser besprechen . Hier ist ' s sehr voll von Rheingästen ; wenn ich morgens durch den dicken Nebel einen Nachen hervorstechen seh , da lauf ich ans Ufer und wink mit dem Schnupftuch , immer sind ' s Freunde oder Bekannte ; vor ein paar Tagen waren wir in Notgottes , da war eine große Wallfahrt , der ganze Rhein war voll Nachen , und wenn sie anlandeten , ward eine Prozession draus und wanderten singend , eine jede ihr eigen Lied , nebeneinander hin ; das war ein Schariwari , mir war angst , es möcht unserm Herrgott zu viel werden ; so kam ' s auch : er setzte ein Gewitter dagegen und donnerte laut genug , sie haben ihn übertäubt , aber der gewaltige Regenguß hat die lieben Wallfahrer auseinandergejagt , die da im Gras lagen , wohl Tausende , und zechten ; - ich hab grad keinen empfindsamen Respekt vor der Natur , aber ich kann ' s doch nicht leiden , wenn sie so beschmutzt wird mit Papier und Wurstzipfel und zerbrochnen Tellern und Flaschen , wie hier auf dem großen grünen Plan , wo das Kreuz zwischen Linden aufgerichtet steht , wo der Wandrer , den die Nacht überrascht , gern Nachtruhe hält und sich geschützt glaubt durch den geweihten Ort . - Ich kann Ihr sagen , mir war ganz unheimlich ; ich bin heut noch kaputt . Ich seh lieber die Lämmer auf dem Kirchhof weiden als die Menschen in der Kirch ; und die Lilien auf dem Feld , die , ohne zu spinnen , doch vom Tau genährt sind , - als die langen Prozessionen drüber stolpern und sie im schönsten Flor zertreten . Ich sag Ihr gute Nacht , heut hab ich bei Tag geschrieben . Bettine Kostbare Pracht- und Kunstwerke , in Köln und auf der Reise dahin gesehen und für meine liebste Fr . Rat beschrieben Geb Sie Achtung , damit Sie es recht versteht , denn ich hab schon zweimal vergeblich versucht , eine gutgeordnete Darstellung davon zu machen . Ein großer Tafelaufsatz , der mir die ganze Zeit im Kopf herumspukt , und den mir deucht im großen Bankettsaal der kurfürstlichen Residenz gesehen zu haben ; er besteht aus einer ovalen , fünf bis sechs Fuß langen kristallenen Platte , einen See vorstellend , in Wellen sanft geschliffen , die sich gegen die Mitte hin mehr und mehr heben und endlich ganz hoch steigen , wo sie einen silbernen Fels mit einem Throne umgeben , auf welchem die Venus sitzt ; sie hat ihren Fuß auf den Rücken eines Tritonen gestemmt , der einen kleinen Amor auf den Händen balanciert ; rundum spritzt silberner Schaum , auf den höchsten Wellen umher reiten mutige Nymphen , sie haben Ruder in Händen , um die Wellen zu peitschen , ihre Gewande sind emailliert , meistens blaßblau oder seegrün , auch gelblich ; sie scheinen in einem übermütigen jauchzenden Wassertanz begriffen ; etwas tiefer silberne Seepferde , von Tritonen gebändigt und zum Teil beritten ; alles in Silber und Gold getrieben mit emaillierten Verzierungen . Wenn man in den hohlen Fels Wein tut , so spritzt er aus Röhrchen in regelmäßigen feinen Strahlen rund um die Venus empor und fließt in ein verborgenes Becken unter dem Fels ; das ist die hohe Mittelgruppe . Näher am Ufer liegen bunte Muscheln zwischen den Wellen und emaillierte Wasserlilien ; aus ihren Kelchen steigen kleine Amoretten empor , die mit gespanntem Bogen einander beschießen , zwischendurch flüchten Seeweibchen mit Fischschweifen , von Seemännchen mit spitzen Bärten verfolgt und an ihren Schilfkränzen erhascht oder mit Netzen eingefangen . Auf der andern Seite sind Seeweibchen , die einen kleinen Amor in der Luft gefangen halten und ihn unter die Wellen ziehen wollen , er wehrt sich und stemmt sein Füßchen der einen auf die Brust , während die andere ihn an den bunten Flügeln hält ; diese Gruppe ist ganz köstlich und sehr lustig ; der Amor ist schwarz von Ambra , die Nymphen sind von Gold mit emaillierten Kränzen . Die Gruppen sind verteilt in beiden Halbovalen , alles emailliert mit blau , grün , rot , gelb , lauter helle Farben ; viele Seeungeheuer gucken zwischen den kristallnen Wellen hervor mit aufgesperrten Rachen ; sie schnappen nach den fliehenden Nymphen , und so ist ein buntes Gewirr von lustiger glitzernder Pracht über das Ganze verbreitet , aus dessen Mitte der Fels mit der Venus emporsteigt ; am einen Ende der Platte , wo sonst gewöhnlich die Handhabe ist , sitzt etwas erhaben gegen den Zuschauer der berühmte Zyklop Polyphem , der die Galatee in seinen Armen gefangen hält ; er hat ein großes Aug auf der Stirn , sie sieht schüchtern herab auf die Schafherde , die zu beiden Seiten gelagert ist , wodurch die Gruppe sich in einen sanften Bogen mit zwei Lämmern , welche an beiden Enden liegen und schlafen , abschließt . Jenseits sitzt Orpheus , auch gegen die Zuschauer gewendet ; er spielt die Leier , ein Lorbeerbaum hinter ihm , auf dessen ausgebreiteten goldnen Zweigen Vögel sitzen ; Nymphen haben sich herbeigeschlichen mit Rudern in der Hand , sie lauschen ; dann sind noch allerlei Seetiere bis auf zwei Delphine , die auf beiden Seiten die Gruppe wie jenseits in einem sanften Bogen abschließen ; sehr hübsch ist ein kleiner Affe , der sich einen Sonnenschirm von einem Blatt gemacht hat , zu Orpheus Füßen sitzt und ihm zuhört . - Das ist , wie Sie leicht denken kann , ein wunderbares Prachtstück ; es ist sehr reich und doch erhaben ; und ich könnte Ihr noch eine halbe Stunde über die Schönheit der einzelnen Figuren vorschwätzen . Gold und Silber macht mir den Eindruck von etwas Heiligem ; ob dies daher kommt , weil ich im Kloster immer die goldnen und silbernen Meßgeschirre und den Kelch gewaschen habe , den Weihrauchkessel geputzt und die Altarleuchter vom abträufelnden Wachs gereinigt , alles mit einer Art Ehrfurcht berührt habe ? Ich kann Ihr nur sagen , daß uns beim Betrachten dieses reichen und künstlichen Werkes eine feierliche Stimmung befiel . Jetzt beschreib ich Ihr aber noch etwas Schönes , das gefällt mir in der Erinnerung noch besser , und die Kunstkenner sagen auch , es habe mehr Stil ; das ist so ein Wort , wenn ich frage , was es bedeutet , sagt man : » Wissen Sie nicht , was Stil ist ? « - Und damit muß ich mich zufrieden geben , hierbei hab ich ' s aber doch ausgedacht . Alles große Edle muß einen Grund haben , warum es edel ist : wenn dieser Grund rein ohne Vorurteil , ohne Pfuscherei von Nebendingen und Absichten , die einzige Basis des Kunstwerks ist : das ist der reine Stil . Das Kunstwerk muß grade nur das ausdrücken , was die Seele erhebt und edel ergötzt und nicht mehr . Die Empfindung des Künstlers muß allein darauf gerichtet sein , das übrige ist falsch . In den kleinen Gedichten vom Wolfgang ist die Empfindung aus einem Guß , und was er da ausspricht , das erfüllt reichlich eines jeden Seele mit derselben edlen Stimmung . In allen liegt es , ich will Ihr aber nur dies kleinste zitieren , das ich so oft mit hohem Genuß in den einsamen Wäldern gesungen habe , wenn ich allein von weitem Spazierwege nach Hause ging . Der du von dem Himmel bist , Alles Leid und Schmerzen stillest , Den , der doppelt elend ist , Doppelt mit Erquickung füllest : Ach , ich bin des Treibens müde , Was soll all der Schmerz und Lust ? - Süßer Friede ! Komm , ach komm in meine Brust . Im Kloster hab ich viel predigen hören , über den Weltgeist und die Eitelkeit aller Dinge , ich habe selbst den Nonnen die Legende jahraus jahrein vorgelesen , weder der Teufel noch die Heiligen haben bei mir Eindruck gemacht , ich glaub , sie waren nicht vom reinen Stil ; ein solches Lied aber erfüllt meine Seele mit der lieblichsten Stimmung , keine Mahnung , keine weise Lehren könnten mir je so viel Gutes einflößen ; es befreit mich von aller Selbstsucht , ich kann andern alles geben und gönne ihnen das beste Glück , ohne für mich selbst etwas zu verlangen ; das macht , weil es vom reinen edlen Stil ist . So könnte ich noch manches seiner Lieder hersetzen , die mich über alles erheben und mir einen Genuß schenken , der mich in mir selber reich macht . Das Lied : Die schöne Nacht , hab ich wohl hundertmal dies Jahr auf spätem Heimweg gesungen : Luna bricht durch Busch und Eichen , Zephyr meldet ihren Lauf , Und die Birken streun mit Neigen Ihr den schönsten Weihrauch auf . Wie war ich da glücklich und heiter in diesem Frühjahr , wie die Birken während meinem Gesang rund um mich her der eilenden Luna wirklich ihren duftenden Weihrauch streuten . Es soll mir keiner sagen , daß reiner Genuß nicht Gebet ist . Aber in der Kirche ist ' s mir noch nimmer gelungen , da hab ich geseufzt vor schwerer Langenweile , die Predigt war wie Blei auf meinen Augenlidern . O je , wie war mir leicht , wenn ich aus der Klosterkirche in den schönen Garten springen konnte , da war mir der geringste Sonnenstrahl eine bessre Erleuchtung als die ganze Kirchengeschichte . Das zweite Kunstwerk , welches ich Ihr beschreibe , ist ein Delphin aus einem großen Elefantenzahn gemacht ; er sperrt seinen Rachen auf , in den ihm zwei Amoretten das Gebiß einlegen ; ein andrer , der auf dem Nacken des Delphins sitzt , nimmt von beiden Seiten den Zaum ; auf der Mitte des Rückens liegt ein goldner Sattel mit einem Sitz von getriebener Arbeit , welches Laubwerk von Weinreben vorstellt ; inmitten desselben steht Bacchus von Elfenbein ; ein schöner , zarter , schlanker Jüngling mit goldnen Haaren und einer phrygischen Mütze auf ; er hat die eine Hand in die Seite gestemmt , mit der andern hält er einen goldnen Rebstock , der unter dem Sattel hervorkommt und ihn mit schönem , feinem Laub überdacht ; auf beiden Seiten des Sattels sind zwei Muscheln angebracht wie Tragkörbe , darin sitzen zwei Nymphen von Elfenbein in jedem und blasen auf Muscheln ; die breiten Floßfedern , so wie der Schwanz des Fisches sind von Gold und Silber gearbeitet ; unmittelbar hinter dem Sattel schlängelt sich der Leib des Fisches aufwärts , als ob er mit dem Schweif in die Lüfte schnalze ; auf dem Bug desselben sitzt ein zierliches Nymphchen und klatscht in die Hände ; dieses kommt etwas höher zu stehen und sieht über die Gruppe des Bacchus herüber ; die Floßfedern des Schweifes bilden ein zierliches Schattendach über der Nymphe ; der Rachen des Fisches ist inwendig von Gold ; man kann ihn auch mit Wein füllen , der dann in zwei Strahlen aus seinen Nüstern emporspringt ; man stellte dieses Kunstwerk bei großen Festen in einem goldnen Becken auf den Nebentischen auf . Dieses ist nun ein Kunstwerk vom erhabenen Stil , und ich kann auch sagen , daß es mich ganz mit stummer heiliger Ehrfurcht erfüllte . Noch viele dergleichen sind da ; alles hat Bezug auf den Rhein , unter andern ein Schiff von Zedernholz , so fein gemacht , mit schönen Arabesken ; ein Basrelief umgibt den Oberteil des Schiffes , auf dessen Verdeck die drei Kurfürsten von Köln , Mainz und Trier sitzen und zechen ; Knappen stehen hinter ihnen mit Henkelkrügen . Dies hat mir nicht so viel Freud gemacht , obschon viel Schönes daran ist , besonders die Glücksgöttin , die am Vorderteil des Schiffes angebracht ist . Ich beschreib Ihr noch einen Humpen , das ist ein wahres Meisterstück und stellt eine Kelter vor . In der Mitte steht ein hohes Faß , das ist der eigentliche Humpen ; auf beiden Seiten klettern in zierlichen Verschlingungen Knaben hinauf mit Butten voll Trauben über die Schultern von Männern , um an den Rand zu gelangen und ihre Trauben auszuschütten ; in der Mitte , als Knopf des Deckels , der etwas tief in den Rand des Humpens paßt , steht Bacchus mit zwei Tigern , die an ihm hinanspringen ; er ist im Begriff , die Trauben , deren gehäufte Menge mit einzelnen Ranken dazwischen , den Deckel bilden , mit den Füßen zu keltern . Die Knaben , die von allen Seiten herüberreichen , um ihre Gefäße mit Trauben auszuleeren , bilden einen wunderschönen Rand ; die starken Männer am Fuß der Kelter , die die kleinen Knaben auf ihre Schultern heben und auf mannigfache Weise heraufhelfen , sind ganz außerordentlich herrlich , nackt , einem oder dem andern hängt ein Tigerfell über dem Rücken , sonst ganz ungeniert . Am Humpen sieht man auf einer Seite das Mainzer Wappen , auf der andern das von Köln . Der ganze Humpen steht auf einem Aufsatz , der wie ein sanfter Hügel gestaltet ist ; auf diesem sitzen und liegen Nymphen im Kreis ; sie spielen mit Tamburinen , Becken , Triangel , andre liegen und balgen sich mit Leoparden , die ihnen über die Köpfe springen ; es ist gar zu schön . - Das hab ich Ihr nun beschrieben , aber hätte Sie es erst gesehen , Sie würde vor Verwunderung laut aufgeschrieen haben . Was überfällt einem nur , wenn man so etwas von Menschenhänden gemacht sieht ? Mir rauchte der Kopf , und ich meinte in der trunkenen Begeistrung , ich werde keine Ruhe finden , wenn ich nicht auch solche schöne Sachen erfinden und machen könne . Aber wie ich hinauskam und es war Abend geworden und die Sonne ging so schön unter , da vergaß ich alles , bloß um mit den letzten Strahlen der Sonne meine Sinne in dem kühlen Rhein zu baden . Eine Mutter gibt sich alle erdenkliche Mühe , ihr kleines unverständiges Kindchen zufriedenzustellen , sie kommt seinen Bedürfnissen zuvor und macht ihm aus allem ein Spielwerk ; wenn es nun auf nichts hören will und mit nichts sich befriedigen läßt , so läßt sie es seine Unart ausschreien , bis es müde ist , und dann sucht sie es wieder von neuem mit dem Spielwerk vertraut zu machen . Das ist grade , wie es Gott mit den Menschen macht , er gibt das Schönste , um den Menschen zur Lust , zur Freude zu reizen und ihm den Verstand dafür zu schärfen . - Die Kunst ist ein so schönes Spielwerk , um den unruhigen , ewig begehrenden Menschengeist auf sich selbst zurückzuführen , um ihn denken zu lehren und sehen ; um Geschicklichkeit zu erwerben , die seine Kräfte weckt und steigert . Er soll lernen , ganz der Unschuld solcher Erfindung sich hingeben und vertrauen auf die Lust und das Spiel der Phantasie , die ihn zum Höchsten auszubilden und zu reifen vermag . Gewiß liegen in der Kunst große Geheimnisse höherer Entwicklung verborgen ; ja ich glaub sogar , daß alle Neigungen , von denen die Philister sagen , daß sie keinen nützlichen Zweck haben , zu jenen mystischen gehören , die den Keim zu großen , in diesem Leben noch unverständlichen Eigenschaften in unsre Seele legen ; welche dann im nächsten Leben als ein höherer Instinkt aus uns hervorbrechen , der einem geistigeren Element angemessen ist . - Die Art , wie jene in Gold und Silber getriebene Kunstwerke aufgestellt sind , ist auch zu bewundern und trägt sehr dazu bei , dieselben sowohl in ihrer Pracht mit einem Blick zu überschauen , als auch ein jedes einzelne bequem zu betrachten . Es ist eine Wand von schwarzem Ebenholz mit tiefen Kassetten , in der Mitte der Wand eine große , in welcher das Hauptstück steht , auf beiden Seiten kleinere , in denen die anderen Kunstwerke , als : Humpen , Becher usw. usw. stehen . An jeder Kassette hebt sich durch den Druck einer Feder der Boden heraus und läßt das Kunstwerk von allen Seiten sehen . Noch eines Bechers gedenke ich von Bronze , eine echte Antike , wie man behauptet : und man muß es wohl glauben , weil er so einfach ist und doch so majestätisch . Ein Jüngling : wahrscheinlich Ganymed , sitzt nachlässig auf einem Stein , der Adler auf der Erde zwischen seinen Knieen breitet beide Flügel aus , als wolle er ihn damit schlagen , und legt den ausgestreckten Kopf auf des Jünglings Brust , der auf den Adler herabsieht , während er die Ärme emporhebt und mit beiden Händen ein herrliches Trinkgefäß hält , was den Becher bildet . Kann man sich was Schöneres denken ? - Nein ! Der wilde Adler , der ganz leidenschaftlich den ruhigen Jüngling gleichsam anfällt und doch an ihm ausruht , und jener , der so spielend den Becher emporhebt , ist gar zu schön , und ich hab allerlei dabei gedacht . Eine andre Wand will ich Ihr noch beschreiben und dann zu Bette gehn , denn ich bin müde ; stell Sie sich ein goldnes Honigwaben vor , aus dem die ganze Wand besteht , lauter achteckige goldne Zellen , in jeder ein andrer Heiliger , zierlich , ja wahrhaft reizend in Holz geschnitzt mit schönen Kleidern angetan , in bunter Farbe gemalt ; in der Mitte , wo die Zelle für den Bienenweisel ist , da ist Christus , auf beiden Seiten die vier Evangelisten , dann rund umher die Apostel , dann die Erzväter , endlich die Märtyrer , zuletzt die Einsiedler . Diese Wand habe ich in Oberwesel als Hauptaltar in der Kirche aufgestellt gesehen ; es ist keine Figur , die man nicht gleich als schönes naives , in seiner Art eigentümliches Bild abmalen könnte . Adieu , Frau Rat , ich muß abbrechen , sonst könnte der Tag herankommen über meinem Extemporieren . Bettine An Bettine Fr . 7. Oktober 1808 Die Beschreibung von Deinen Prachtstücken und Kostbarkeiten hat mir recht viel Pläsier gemacht ; wenn ' s nur auch wahr ist , daß Du sie gesehen hast , denn in solchen Stücken kann man Dir nicht wenig genug trauen . Du hast mir ja schon manchmal hier auf Deinem Schemel die Unmöglichkeiten vorerzählt , denn wenn Du , mit Ehren zu melden , ins Erfinden gerätst , dann hält Dich kein Gebiß und kein Zaum . - Ei , mich wundert ' s , daß Du noch ein End finden kannst und nicht in einem Stück fortschwätzst , bloß um selbst zu erfahren , was alles noch in Deinem Kopf steckt . Manchmal mein ich aber doch , es müßt wahr sein , weil Du alles so natürlich vorbringen kannst . Wo solltest Du auch alles herwissen ? - Es ist aber doch kurios , daß die Kurfürsten immer mit Fisch und Wassernymphen zu tun haben ; auf der Krönung hab ich in den Silberkammern auch solche Sachen gesehen , da war ein Springbrunnen von Silber mit schönen Figuren , da sprang Wein heraus , der wurde zur Pracht auf die Tafel gestellt . Und einmal hat der Kurfürst von der Pfalz ein Fischballett aufführen lassen , da tanzten die Karpfen , prächtig in Gold und Silberschuppen angetan , aufrecht einen Menuett . Nun , Du hast das alles allein gesehen , solche Sachen , die man im Kopf sieht , die sind auch da und gehören ins himmlische Reich , wo nichts einen Körper hat , sondern nur alles im Geist da ist . Mach doch , daß Du bald wieder herkommst . Du hast den ganzen Sommer verschwärmt , mir ist es gar nicht mehr drum zu tun mit dem Schreiben , und ich hab Dich auch solange nicht gesehen , es verlangt mich recht nach Dir . Deine wahre Herzensfreundin Goethe An Goethes Mutter Frau Rat , den ganzen Tag bin ich nicht zu Haus , aber wenn ich an Sie schreib , dann weiß ich , daß ich eine Heimat habe ; es ist die Zeit , daß die Leut Feldgötter im Weinberg aufstellen , um die Sperlinge von den Trauben zu scheuchen ; heut morgen konnt ich nicht begreifen , was für ein wunderbarer Besuch sich so früh im Weingarten aufhalte , der mir durch den dicken Nebel schimmerte ; ich dachte erst , es wär der Teufel , denn er hat einen scharlachroten Rock und schwarze Unterkleider und goldpapierne Mütze ; und am Abend in der Dämmerung fürchtete ich mich dran vorbeizugehen und zwar so sehr , daß ich wieder umkehrte und nicht bis ans Wasser ging , wie ich jeden Abend tue ; und wie ich wieder im Zimmer war , da dachte ich , wenn mich jemand Liebes dort hinbestellt hätte , so würd ich wohl nichts von Furcht gespürt haben ; ich ging also noch einmal und glücklich an dem Lumpengespenst vorbei , denn dort wartet ja wohl etwas Liebes auf mich ; die stille weit verbreitete Ruhe über dem breiten Rhein , über den brütenden Weinbergen , wem vergleiche ich die wohl als dem stillen ruhigen Abend , in dem mein Andenken ihm einen freundlichen Besuch macht und er sich ' s gefallen läßt , daß das Schifflein mit meinen kindischen Gedanken bei ihm anlande . Was ich in so einsamer Abendstunde , wo die Dämmerung mit der Nacht tauscht , denke , das kann Sie sich am besten vorstellen , da wir es tausendmal miteinander besprochen haben , und haben so viel Ergötzen dabei gehabt . Wenn wir miteinander zu ihm gereist kämen , das denk ich mir immer noch aus . - Damals hatte ich ihn noch nicht gesehen , wie Sie meiner heißen Sehnsucht die Zeit damit vertrieb , daß Sie mir seine freudige Überraschung malte und unser Erscheinen unter tausenderlei Veränderungen ; - jetzt kenne ich ihn und weiß , wie er lächelt und den Ton seiner Stimme , wie die so ruhig ist und doch voll Liebe , und seine Ausrufungen , wie die so aus dem tiefen Herzen anschwellen , wie der Ton im Gesang ; und wie er so freundlich beschwichtigt und bejaht , was man im Herzensdrang unordentlich herausstürmt ; - wie ich im vorigen Jahr so unverhofft wieder mit ihm zusammentraf , da war ich so außer mir und wollte sprechen und konnte mich nicht zurechtfinden ; da legt er mir die Hand auf den Mund und sagt : » Sprech mit den Augen , ich versteh alles ; « und wie er sah , daß die voll Tränen standen , so drückt er mir die Augen zu und sagte : » Ruhe , Ruhe , die bekommt uns beiden am besten ; « - ja , liebe Mutter , die Ruhe war gleich über mich hingegossen , ich hatte ja alles , wonach ich seit Jahren mich einzig gesehnt habe . - O Mutter , ich dank es Ihr ewig , daß Sie mir den Freund in die Welt geboren , - wo sollt ich ihn sonst finden ! Lach Sie nicht darüber , und denk Sie doch , daß ich ihn geliebt hab , eh ich das Geringste von ihm gewußt , und hätt Sie ihn nicht geboren , wo er dann geblieben wär , das ist doch die Frage , die Sie nicht beantworten kann . Über die Günderode ist mir am Rhein unmöglich zu schreiben , ich bin nicht so empfindlich , aber ich bin hier am Platz nicht weit genug von dem Gegenstand ab , um ihn ganz zu übersehen ; - gestern war ich da unten , wo sie lag ; die Weiden sind so gewachsen , daß sie den Ort ganz zudecken , und wie ich mir so dachte , wie sie voll Verzweiflung hier herlief und so rasch das gewaltige Messer sich in die Brust stieß , und wie das tagelang in ihr gekocht hatte , und ich , die so nah mit ihr stand , jetzt an demselben Ort , gehe hin und her an demselben Ufer , in süßem Überlegen meines Glückes , und alles und das Geringste , was mir begegnet , scheint mir mit zu dem Reichtum meiner Seligkeit zu gehören ; da bin ich wohl nicht geeignet , jetzt alles zu ordnen und den einfachen Faden unseres Freundelebens , von dem ich doch nur alles anspinnen könnte , zu verfolgen . - Nein , es kränkt mich und ich mache ihr Vorwürfe , wie ich ihr damals in Träumen machte , daß sie die schöne Erde verlassen hat ; sie hätt noch lernen müssen , daß die Natur Geist und Seele hat und mit dem Menschen verkehrt und sich seiner und seines Geschickes annimmt , und daß Lebensverheißungen in den Lüften uns umwehen ; ja , sie hat ' s bös mit mir gemacht , sie ist mir geflüchtet , grade wie ich mit ihr teilen wollte alle Genüsse . Sie war so zaghaft ; eine junge Stiftsdame , die sich fürchtete , das Tischgebet laut herzusagen ; sie sagte mir oft , daß sie sich fürchtete , weil die Reihe an ihr war ; sie wollte vor den Stiftsdamen das Benedicite nicht laut hersagen ; unser Zusammenleben war schön , es war die erste Epoche , in der ich mich gewahr ward ; - sie hatte mich zuerst aufgesucht in Offenbach , sie nahm mich bei der Hand und forderte , ich solle sie in der Stadt besuchen ; nachher waren wir alle Tage beisammen , bei ihr lernte ich die ersten Bücher mit Verstand lesen , sie wollte mich Geschichte lehren , sie merkte aber bald , daß ich zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt war , als daß mich die Vergangenheit hätte lange fesseln können ; - wie gern ging ich zu ihr ! Ich konnte sie keinen Tag mehr missen , ich lief alle Nachmittag zu ihr ; wenn ich an die Tür des