eine Quarantaine der Treue aushalten müssen , und die alle Dinge mit einander theilen , ausgenommen das Herz und den - Sarg . « » Gut , trefflich ! « rief Romeo , » Ihr fallt nie aus Eurer Rolle , theurer Vater . Was ist dies ? « fragte sie weiter Eduarden , indem sie aus Jokondens Schooß einen Zettel aushob , der mit zwei umgestürzten Altären die Unterschrift verband » Unglückliche . « » Unglückliche , « rief Eduard stockend , und warf einen glühenden Blick auf das reizende Knabenmädchen , » Unglückliche sind solche , die , wenn man ihnen Mandeln anbietet , immer die bittern herausfinden , denen das Butterbrod stets auf die rechte Seite fällt und die , wenn sie einmal an ihren Thränen ersticken , auf dem Kirchhof im ärmlichsten , dunkelsten Winkel begraben werden . « » O schön , « triumphirten Robert und Massiello , » das war in unserem Styl gesprochen . « » Nur still , die Reibe kommt an Eure Hoheit , « lachte Romeo und wühlte unter dem Tuche , sie zog eine Rose hervor und hielt sie dem Componisten hin . Er erschrack : » Erbarmen ! was läßt sich Neues hier sagen ! « Dann zuckte aber ein schwindender Glanz über sein Antlitz und er lispelte vor sich hin : » Rosen sind Blumen mit sechs Staubfäden , die schönsten findet man auf Wangen von Mädchen , die zum erstenmal gestehen , daß sie aus einfachen Blumen gern in doppelte oder gefüllte verwandelt seyn möchten . « Eine Stille herrschte , alle Wangen errötheten , ausgenommen die Enzios und des Abts , erstere , weil sie noch zu jung und zart , letztere , weil sie schon zu gelb und dickhäutig geworden . Die Gräfin warf die Blume fast zürnend dem Musiker hin , und glitt schnell zu einer neuen Frage ; sie wandte sich an Robert , doch der entriß ihr mit einer geschickten Wendung das Tuch mit den Devisen , und streute sie bunt auf den Tisch aus ; als Romeo zürnte , küßte er ihr mit leidenschaftlichem Entzücken die Hand . » Sie eingehen uns nicht , « rief Jokonde dazwischen , » Massiello und Robert sind in Strafe verfallen , ersterer , weil er zu viel , letzterer , weil er zu wenig gesagt , beide müssen uns etwas erzählen oder dichten , oder beides zusammen , wie Ihr wollt . « Sie war aufgesprungen und Enzio brachte ihr ein Glas Wasser , sie standen im Augenblick nebeneinander . » Himmel ! « rief Massiello , » welch ein himmlisches Ebenmaaß bei beiden und doch welche Verschiedenheit . - Stehen Sie , gräfliches Mädchen , und Du Enzio , halte Dich gerade neben ihr , nicht auf die Zehe erhoben , den Kopf in die Höh ! - knöpfe deine Jacke fester , wahrlich , Ihr könntet Brüder seyn , oder Schwestern , so lieblich variirt die Natur in den lüsternsten , süßesten Linien dasselbe Thema , nur das kernige Dur der Rückenlinie bei ihm gegen den Moll-Wellenschlag der reizendsten Form dort , dennoch aber beide ineinanderspielend , weiblich sehnsüchtig bei dem Buben , knabenhaft trotzig bei ihr . Sein großes blaues Auge sucht durch den Nebel das Räthsel der Form zu ergründen , es ahnet Geheimniß auf Geheimniß und schrickt immer wieder zurück , sie zu enthüllen , indeß die jungfräuliche Psyche den blinden tappenden Amor gern mit einemmal an ' s Ziel führen möchte , um sich mit einem Triumphlächeln an seinem Entzücken zu laben . « Enzio erröthete und richtete seinen Blick verstohlen aber mit Glut auf Romeo , als ihm dieser die Hand reichte , drückte er seine Wangen so heftig darauf , daß die blonden glänzenden Locken über sein Antlitz niederstürzten und es einhüllten . Als er wieder aufblickte , füllten Thränen sein Auge ; Massiello schloß ihn in seine Arme und wünschte dem Gesunden heimlich Glück zu seinem aufdämmernden Liebesmorgen . Robert und Jokonde winkten und riefen schon lange , der erstere wollte etwas erzählen und hub jetzt an : » Ich wohnte in Rom in einer Villa bei einem ehrlichen Pächter aus der Campagna . Der Sommer war heiß , doch vor meinem Fenster , das ein dichtes Laubgewebe umspann , und wo mein Arbeitstisch stand , war es kühl , und wenn ich dichtete , pflegten die Blumen stärker zu duften . Meine Stube war klein ; ein Bett , ein Tisch , auf dem ein Kruzifix stand , und eine Kopie der Schule von Athen an der Wand - dies war alles ; über der Thüre hing meine Flinte und auf einem Schränkchen stand eine Bronce-Büste Byrons . Mein Wirth war aus Albano und seine Tochter Lucia in der That ein schönes Mädchen ; ihr Antlitz , ihr Hals umspann jenes süße geheimnißvolle Blaß-gelb das die ilalienischen Mädchen der Nacht ähnlicher macht als dem Tage , nur ihre Lippen waren vom lebhaftesten Roth ; die Augen schwarz , die Wimper lang . Die Haare trug sie mit einem Knoten hinaufgezogen , so daß der Contour des kleinen Ohres sich klar darstellte . Nie sah ich sie lächeln , wenig sprechen , ihr Gang war langsam aber fest , männlich fest . Sie kam öfters in meine Stube , und wir redeten mit einander von den Heiligen und Märtyrern , als ich aber einmal von Liebe sprach , und ihre runde Schulter küßte , blieb sie weg , und schickte ihren kleinen Bruder , wenn ich etwas nöthig hatte . Wo ist Lucia , fragte ich diesen eines Morgens , warum kommt sie nicht ? hat der Vater es ihr verboten ? Nein , sagte Matteo , der Vater verbietet der Lucia nichts . - Warum kommt sie nicht ? - Weiß nicht , Signor . - Liebt deine Schwester ? - Ja , mich und den Vater . - Sonst Niemand ? - Und die Heiligen . - Sonst Keinen ? - Nein ! - Hat sie einen Bräutigam ? Matteo sah mich mit großen offnen Augen an und sagte : Ich glaube es nicht , die heilige Mutter zu St. Marco weiß am besten , wenn die Mädchen sich einen Buben ins Herz schließen ; Lucia ist noch nie in St. Marco gewesen . - Er ging und ließ mich allein . Ein Unmuth befiel mein Herz , ich war zu stolz , um mir zu gestehen , daß ich Lucia liebe , und doch kränkte mich ihre übermüthige Kälte ; ich suchte sie ' zu vergessen , allein in meinen Liedern lebte das braune , wunderliche Mädchen wieder auf . Freunde aus Rom kamen , ich gab mich ihnen hin , sie sollten mich zerstreuen ; doch auch sie sprachen von Lucia und ihrer Schönheit . Jezt schloß ich mich ein und wählte die Sehnsucht zu meiner Gesellschafterin . Schlaflos brachte ich die kurzen italienischen Nächte auf dem Lager zu ; ach ! es stieß dicht an Lucias Bette , nur durch eine Wand geschieden . Ich schrieb Briefe , schenkte Heiligenbilder und gab Matteo mündliche Aufträge , die er richtig besorgte ; Lucia nahm nichts , beantwortete nichts , sie that , als wenn ich nicht auf der Welt wäre . Ich durchlief alle Künste der wagenden Liebespolitik , ich erprobte sie alle , und sah jeden Pfeil abgleiten , machtlos zu Boden sinken . Wahrlich , Lucia ist kein Mädchen , hinter diesen braungelben Wangen fließt kein Blut ! sie ist dem Belvedere entsprungen , ein kalter , griechischer , marmorner Traum , eine lebendig gewordene Demeter , die ihre herbe Keuschheit unter den üppigen Leib einer achtzehnjährigen Albaneserin verbirgt . - Auf seiner Wanderung ins Gebirgskloster von St. Geovanni pflegte ein korpulenter Barfüßler mich zu besuchen , ein Fallstaff unter den Mönchen , eine Figur voll Wunderlaune und behaglicher Unwissenheit . An seinem stämmigen rothen Halse hing ein grotesker Rosenkranz und an diesem zahllose Bündelchen , Abbildungen heiliger Leute und ihrer Geschichten . Fra Bartholo handelte mit diesen und hatte mir mit heiserer , erstickter Stimme alle jene schaurigen Legenden erzählt , welche Lucia aus meinem Munde wieder erfuhr . Jetzt kam er , ließ sich keuchend nieder und auf seine Fragen mußte ich ihm nun begreiflich machen , daß ich verliebt sey . Er sah mich an , zog ein sehr ernstes Gesicht , brachte die Augenbraunen dem struppigen Haarkranze fast nahe , schlüpfte mit dem Kinn in die Kutte hinein , hob sich dann langsam und gravitätisch , so weit es der rothe dicke Hals erlaubte , und sagte - nichts . Wir saßen lange Zeit stumm bei einander und tranken eine Flasche Orvieto leer , dann ging er ins Gebirge , indem er versprach , nach zwei Tagen wieder zu kommen , um mir seinen Rath zu ertheilen . Er kam auch wirklich und sein Rath war eben so neu als seltsam . Don Roberto , sagte er , geht auf euer Lager , stellt euch an , als wäret ihr krank ; lasset der Lucia sagen , die heilige Theresia sey euch im Traume erschienen und habe euch angedeutet , daß euer Tod nahe sey , wenn ihr nicht drei Oliven auf einer Schaale von der Hand der Signora Lucia erhieltet . Bruder Bartholo , rief ich , ihr habt die Absicht , ein lustiger Vogel zu werden ; so sagt denn , wozu sollen mir die drei Oliven nützen ? Bartholo lächelte in den Bart : Die nicht , rief er , die nützen dir nichts , Söhnchen , sie sind nur da , um Lucien zu bewegen , dich zu sehen ! Bedenke nun aber , welchen Eindruck das auf ihr Herz machen wird , wenn sie dich , den sie bis jetzt stark und vielleicht nur zu übermüthig gesehen hat , nun schwach und ihrer Hülfe bedürftig erblickt ; o , Bruder Bartholo kennt auch das Herz der Weiber . Er suchte jetzt in seinem Bettelsack und zog ein Büchelchen hervor , das er aufschlug und mir hinhielt . Es war das alte Testament und die bezeichnete Stelle beschrieb die List , die Amnon , der Sohn Davids , ausübte , um seine Stiefschwester Thamar zu gewinnen . Ich umarmte meinen dicken Freund ; nicht wahr , rief er mit schalkhaft blinzelnden Augen zu mir hinauf , nicht wahr , Söhnchen , du bist eben so schön und listig als Amnon , und Lucia ist ein Mädchen wie Thamar ? Er holte drei Feigen hervor und sagte : soviel Dublonen gibst du deinem guten Bruder , wenn er wahr geredet . Er ging und ich brachte eine unruhige Nacht zu , in der ich die heilige Theresia zu erblicken glaubte , wie sie ihre Hand auf meine heiße Stirne legte , so daß augenblicklich ein böses Fieber in mir aufkochte . Ich sah mich im Geiste todtkrank auf dem Lager , die Thüre öffnete sich und Lucia schwankte hinein ; die Sonne brannte hinter den niedergelassenen Vorhängen , eine dumpfe , heiße , sehnsüchtig süße Stille herrschte im Gemach . Das erschreckte Mädchen zitterte vor der Glut , die meine halbgeöffneten fieberheißen Lippen athmeten , ihr Blick , schamhast gesenkt , verirrte sich auf eine entblöste Schulter , die ein warmer Pulsschlag mit einem erhitzten durchsichtigen Roth färbte ; kaum vermag es ihre Hand , mir die Oliven zu reichen , ihr Arm bebt , ich komme ihr zu Hülfe und meine Berührung jagt die wahnsinnige Glut des Fiebers auch in ihre Adern . Sie sieht mir ins Auge und die rührendste Bitte klagt in dem halbgebrochenen Strahl , es ist die Seele selbst , die für den armen , in ungeheurem Verlangen dahinsterbenden Körper fleht . Ist es möglich , da zu widerstehen ? wer kann dies süße Auge , diese weichen Lippen erkalten sehen zum Tode , da ein Kuß sie retten kann , ein einziger Kuß ! Sie beugt sich nieder , Lippe auf Lippe wurzelt fest , ein Busen , in dem die Glut des Aetna kocht , pocht an dem ihrigen ! - Arme Lucia ! Den Morgen darauf lag ich wirklich im Fieber . Eine Nacht voll Sinnlichkeit und trunkener Träume hatte mich zum Katholiken gemacht ; ein wilder phantastischer Himmel brannte in meinem Gehirn , ich glaubte an jedes Wunder , Lucia war mir eine Heilige , von ihren Lippen erwartete ich Genesung . Durch Matteo erfuhr sie meinen angeblichen Traum und das andächtige Mädchen glaubte an ihn und versprach zu kommen . Sie kam . « - Robert blickte mit einem dunkeln , bedeutsamen Blicke hinauf . » Meine Erzählung ist aus , « rief er dann kurz und schnell . » Ja wohl , « sagte der Abt mit Lächeln , » nur die drei Dublonen fehlen , die Fra Bartholo bekam . « - » Dergleichen Geschichten , « sagte Massiello , » will ich mir einmal nur von meinem Freunde Boccaz vorerzählen lassen ; in ihm allein herrscht eine gesunde Sinnlichkeit , überall anderswo mischt sich was krankhaftes bei . « Beide Mädchen sahen schweigend und verstimmt vor sich hin . In Eduards Seele war ein Funke jenes Feuers gefallen , das von Roberts Lippen gesprüht , seine Blicke suchten Romeo , langsam glitten sie herab und blieben an dem Goldnetz der Husarenjacke hängen . Massiello lockte den Abt aus Piano , beide stürzten sich in eine dunkle sinnliche Tonflut , aus welcher nur hier und da einzelne Spotttöne , wie nackende badende Knabenköpfe , auftauchten . Robert war ganz Muthwille , er schlürfte aus dem Becher an der Stelle , wo Romeo ' s Lippen den Rand berührt , er flocht Jokondens Goldlocke mit Romeo ' s schwarzem Haar zusammen , und sprach über beide einen wunderlichen Segen aus . Als sich die Gräfin dem schönen Engländer zuneigte , fühlte sie ihren Fuß umklammert ; es war Enzio , der unter dem Tisch auf seinen Knien lag und die heiße Wange an den Schuh drückte , so daß seine glühenden Thränen den Strumpf durchdrangen und auf dem kleinen Fuß brannten . » Was ist Dir , « rief Romeo und zuckte mit dem Fuß , » steh auf , wunderlicher Knabe , was soll das , wozu das ? « Er erhob sich und indem er fortschlich , trocknete er sich mit den langen seidnen Locken die Augen . Der Wagen der Gräfin fuhr vor , Massiello trieb zum Fortgehen und die Gesellschaft zerstreute sich . - Eduard , Gotthold und der Fürst führten ein Gespräch über die Schönheit in der Kunst . Massiello hatte Abgüsse von den Bildsäulen der Apostel von Bernini gesehen , und in seiner Weise kurz geäußert , sie seyen ihm zu vornehm . Der Fürst griff diesen Tadel begierig auf und brachte ihn zum Diskurs . » Und ist er nicht vollkommen gegründet ? « fragte er lebhaft , » kann wohl ein gerechterer Vorwurf dem Maler oder Bildner gemacht werden , der uns jene armen , verkannten und mißhandelten Männer , die nichts anderes waren als Bettler , Taglöhner oder Fischer , als schöne prächtige Leute , gleichsam als irdische Fürsten hinstellt ? « Der Graf trat hinzu und sagte : » Freilich , das ist christlich gesprochen , der alte Adam , der uns in den Nacken schlägt . « » Und doch wie natürlich , « rief der Fürst , » was der Mensch liebt , verehrt , das stellt er so hoch , wie er es vermag , dem wirft er den Purpurmantel um , er legt ihm gleichsam die süßesten Schmeicheleien in Ton und Farbe zu Füßen , und liebkost ihm mit den zärtlichsten , schönsten Lauten seiner Sprache ; liegt darin eine Verwirrung ? « » Doch wohl , « nahm Gotthold das Wort , » denn der Mensch zieht , obwohl unbewußt , das Hohe herab und stellt sein Ich in kecker Vertraulichkeit nebenan . Hier scheidet sich Heidenthum vom Christenthum , oder noch strenger , Protestantismus und Katholizismus . « Der Fürst : » Wir Protestanten sollten also eigentlich gar keine Bilder vom Höchsten haben ? « Gotthold : » Eigentlich nicht , denn wir sollen ihn anbeten im Geist und in der Wahrheit . « Der Fürst : » Das verstehe ich nicht ; heißt das nicht eben so viel als : der unendliche , prachtvolle Himmel mit seinen zahllosen Sternen breitet sich vor uns aus , der menschliche Geist erschrickt vor der Größe , um sie zu fassen , um den Himmel menschlich zu umgrenzen , faßt er die Sterne in einzelne Bilder zusammen ; nun weiß er sich zu finden , jetzt hat er gleichsam den Himmel gewonnen , da kommt eine Hand und raubt ihm die Bilder , und läßt ihm den bilderlosen , unverständlichen Himmel und gebietet ihm , an den fernen , zu fernen Stern zu glauben . « Gotthold : » Nicht unrichtig , das Licht des Sternes ist das Symbol des Unauffaßbaren , Unbegreiflichen . « Der Fürst : » Wie kalt , wie streng ! « Gotthold : » Doch soll die Malerei es immer wagen , in Demuth und Selbsterkenntniß nach einem sichtbaren Bilde des Ewigen zu streben , da er auftrat in sichtbarer Gestalt unter uns . Hemling , Schoreel , Van Eyck , auch Dürer sind Christusmaler , und Bilder , wie sie sie gemalt , befahl Luther in unsern Kirchen Aufzuhängen . « Der Graf und der Fürst drehten sich unwillig weg , und Gotthold sagte eifriger : » Auch wir haben eine Schönheit , doch sie ist nicht jene falsche , gleisnerische , die Kupplerin des Lasters , die Schmeichlerin der Welt , sondern eine ernste , große , durch Schmerzen verherrlichte . Die Magdalena des Coreggio fährt fort zu verführen , indeß sie bekehren sollte . « » O diese rührende Gestalt , « sagte der Fürst lebhaft , » dieses süße bleiche Antlitz , über das die herbe Thräne rollt , dieser schöne Busen , in dem ein Herz schlägt , das im bittern Schmerze mit sich selbst und seiner Fülle im Kampfe ist ! Das vornehme und glänzend erzogene Mädchen irrt barfuß im Walde herum , ihr seidnes Haar , früher mir köstlichen Salben getränkt , flattert dem Winde preisgegeben , sie leidet vielleicht Hunger ! « Gotthold : » Wie sinnlich ist dieses Mitleid ; ihr Hunger , ihre verlassene Lage bewegt nicht mein Herz , aber wohl fühle ich innige Rührung um sie , da sie in Schwelgerei und Vollgenuß schwer an den ewigen Schätzen darbte , ihr Inneres so traurig verwahrlost ward . « - Eduard brachte das Gespräch wieder auf die Schönheit zurück . » So ist es ausgemacht , « sagte der Fürst , » daß im Alterthum die Quelle künstlerischer Schöpfung die Natur in ihrer sich selbst genügenden Fülle war , indeß sie bei uns in der Offenbarung besteht . « Gotthold : » Ein vielsinniges , oft mißverstandenes Wort ! « Der Fürst : » Wollen wir dafür setzen : Traum , Eingebung , Abstraktion , kurz , ein geistiges Prinzip , das , wenn der Künstler seine Aufgabe recht bedenkt , eigentlich dem Meißel wie dem Pinsel ganz entschlüpft . « Der Graf : » Durchaus ; denn wo Körper ist , ist Sünde , und die Abzeichen einer gefallenen Natur dürfen wir dem Gotte nicht zusprechen ; die Begriffe von Schönheit sind alle viel zu sinnlich , um da Stand zu halten , wo das Uebersinnliche eintritt . Blut , Leben , Leib , Sünde , hat immerdar den Körper der Poesie ausgemacht . - Mit einer Berechnung läßt sich nichts anfangen , das Symbol ist nur Zahl , der abstrakte Begriff ein Fazit , das ein geschickter logischer Rechenschüler seinem Meister nachrechnet ; die Gestalt aber ist ein vom Himmel gefallener Funke , zündend , gewaltig , geheimnißvoll , wie der verschleierte Gott selbst , aller menschlichen Forschung verborgen , die Schöpfung eines lebenden Nervs , das Ergebniß des bewegten Bluts ! Träumer , Schwärmer , Fanatiker haben eine Kirche , Philosophen keine ; ein wahrer Künstler gehört aber immer mehr zu den erstern , zu den leztern nie . « Er wandte sich und ging , und Gotthold sagte : » Auch ein trauriger Irrthum , dem unsere Zeit sich zuwendet . « Der Fürst : » Der Graf hat Recht ; ich sehe den Verfall der Kunst in ihrer Vergeistigung . « Gotthold erwiderte : » Freilich sollen wir den Geist wiederum erlösen , den die Alten in Bande , wenn gleich in schöne , fesselten ; auch wir müssen die Natur studieren , doch nicht sie allein , da sie zugleich mit dem Menschen eine gefallene und verderbte ist . « Ein leiser Hohn zuckte hier über die Lippen des Herzogs , er brach das Gespräch schnell ab und ging auf rein religiöse Gegenstände über ; Gotthold sprach warm und kräftig , und Eduard bemerkte , wie ein aufdämmerndes , ernstes Nachdenken die Stirn des Herzogs umschattete . Erst spät trennte man sich . - Robert hatte vom Fürsten die Erlaubniß erhalten , Eduarden der Prinzessin Braut vorzustellen . Sie fanden Massiello dort und die Fürstin war eben mit diesem in einem Gespräch über altitalienische Musik begriffen ; Eduard betrachtete sie mit neugierigen Blicken - sie war nicht schön , auch nicht mehr jung , doch in ihren Augen lag eine unbeschreibliche Klarheit und Güte , ihre Haltung war gezwungen , ihr Anzug kostbar , aber ohne Geschmack . Neben ihr im Sessel lag , wie eine träumende , trunkene Bacchantin , Gräfin Eva , wie gewöhnlich in schwarzer Seide gehüllt , mit dem großen katholischen Kreuze auf der Brust . Sie blickte nicht auf , sie hob nicht den träumenden Lockenkopf und doch zeigte ein feines Lächeln um ihren Mund , daß sie alles sah und hörte . Der Fürstin zur Linken saß ein junges blasses Fräulein mit einer ziemlich starken Nase , neben dieser , tief im Schatten , eine Gestalt , die mehr der Nacht als dem Tage anzugehören schien - unbeweglich starr , nicht mit einer Sylbe sich ins Gespräch mischend ; ein Schleier deckte ihr Antlitz , unter dem weit verhüllenden Gewande sahen nur zwei kleine niedliche Füße hervor . Als der Herzog sich zu ihr setzte , wandte sich der schwarze verschleierte Kopf langsam zu ihm um und schien einige sibyllinische Weissagungen zu murmeln , so ernst und schroff wurden die Züge des Fürsten ihr gegenüber . Im Herausgehen trafen beide junge Männer auf der Treppe mit Massiello zusammen . » Nun , wie gefällt Euch , ihr Genialen , das fürstliche Mädchen , « fragte er mit mezza voce ; » nicht wahr , so etwas kirchenverbesserliches , augsburgisch-konfessionsartiges , protestirend und refüsirend , ein Eis von Tugend und Ceremoniel , das einen gesunden Magen bis zum Tode erkälten kann , und neben ihr das Büchlein voll buhlerischer Lieder , welches ein Schalk , des Kontrastes wegen , in schwarz Maroquin mit Goldschnitt gleich einem Gesangbuch hat binden lassen , mit einer frommen Titelvignette . « » Wer war das junge Mädchen und ihre verschleierte Nachbarin ? « fragte Eduard . » Die Schwarze , « entgegnete Massiello , » ist eine vagabondirende Hoffrau - beide Damen sind vom prophetischen Geiste durchdrungen , und die Großnasige gehört zu den Gescheuten , die nie der Alkoran sagt , sondern der Koran , weil sie genugsam weiß , das Al nichts geringeres ist , als der arabische Artikel ; sie heißt Magdalena . « Als Eduard auf seiner Stube angelangt war , erhielt er ein Briefchen von Jokondens Hand , das ihn einlud , heute Abend zu ihr zu kommen ins Fischerhäuschen , der Fürst wünsche es . Zugleich kam ein bloßes Papierchen angeflogen mit leisen Bleistiftzügen : » Komm heute Abend zu mir - zu uns - mein Eduard ! ich bin krank und Du kannst trösten deine Emilie ; komm bei unsrer Liebe gewiß . « Eduard schob in quälender Ungewißheit seinen lezten Entschluß auf die lezte Minute , doch als diese schlug , war er am Fischerhäuschen , und beschwichtigte sein Herz mit dem Versprechen , nach ein paar Minuten sogleich zum Maler hinüber zu fliegen . Von einer einsamen Lampe beleuchtet , in die Ecke des Sopha ' s gedrückt , saß - Gräfin Eva . Mitternacht war vorüber , als Eduard über die dunkle Gasse zu seinem Hause zurück schlich . In Emiliens Wohnung war ein Fenster erhellt , der Vorhang war herabgelassen und dunkle Schatten glitten drüber hin . In dem Augenblick rief eine Stimme : » Jesus Maria - so sind Sie da ! - und wie hab ' ich Sie gesucht ! « Gottholds Diener stand vor Eduarden , doch dieser hatte sein Haupt in den Mantel gehüllt , lehnte an dem eisernen Geländer der Treppe und gab kein Laut zur Antwort . » Was fehlt Euch , Herr ! « rief der Erschreckte ; » Ihr seyd ja taub und stumm , und Eure Hand , Gott , wie kalt ! so kommt doch herauf , das Fräulein wird sich sogleich erholen wenn , sie Euch wieder sieht ; sie hat lange , lange auf Euch gewartet . « Er lief in Eile die Treppe hinauf , als er mit dem alten Gotthold zurückkehrte , war Eduard verschwunden , der schneidend kalte Nachtwind blies die Lichter aus , und ein dichtes Schneegestöber trieb vom Himmel herab . Diese Nacht hatten die Freunde bestimmt , um die wunderlichen Gebote des alten Fleackwouth zu erfüllen . Er war nämlich an den Folgen seiner Verwundung wirklich gestorben und Robert hatte erklärt , er wolle durch nichts von seiner Pflicht , den Alten an den Galgen zu schaffen , sich entbinden lassen . Massiello hatte der Polizei im Stillen Kenntniß von dem Vorhaben gegeben , und da außer ihr Niemand als die Freunde um die wunderliche Feierlichkeit wußten , so war , als der Zug sich ordnete , die ganze Nachbarschaft im tiefsten Schlafe begraben , und Niemand sah es , wie sie im Schneegestöber und in der Nacht mit einer einzigen trüben Fackel hinauszogen . Als man mit der Leiche noch beschäftigt war , trat Eduard hinein , und Robert sah seinen leuchtenden Augen , seinen erhitzten Wangen an , von wo er kam . Er trat stürmisch auf ihn zu , drückte ihn an seine Brust und rief : » Du Seliger , wie beneide ich Dich um diesen göttlichen Contrast ; eben den Becher der Lust von den Lippen gesetzt , und nun jener strengen , kalten Weltgerichts-Larve dort gegenüber . Ein bluterhitzter Frühlingsleib und hier ein schon verstäubender ! Wahrlich , schnell muß die Traube deines Dichter-Genius sich zeitigen , wenn solche Sonnen sie bescheinen , solche schwüle Blitze sie umspielen . « » Wahnsinniger , « rief Eduard , » so kannst Du bei allem diesem nichts denken , als wie ein Verslein daraus entstehen mag ? Dort Treubruch , hier Selbstmord und Du - « Robert lachte laut auf : » So alterire Dich doch nicht , schöner Bube , das ist ja eben der haut-goût des Lebens , so ein zerschossener Schädel ist das delikateste Wildpret für einen Poetenmagen . So lerne doch einmal den Humor verstehen , der da witzelt , wo er ohnmächtig zusammen brechen möchte vor ungeheurem Schmerz ! O göttlich , wo der Blitz des Genies so riesenkräftig alle elende Verhecke der alten Mutter Tugend und Moral zusammensplittert . Ich denke mir nichts Süßeres , als einmal mit einem humoristischen Knalleffekt , unsterblich wie nur irgend ein großer Geist , in den Himmel einzugehen , nämlich auf die Weise , daß ich , während die Pistole in meiner rechten Hand zum Selbstmorde bereit ruht , zu meinem Kammerdiener süß lächelnd spreche : o seyn Sie so gut , theurer Dienender , und halten Sie mir gefälligst beide Ohren zu , damit ich nicht zu sehr erschrecke bei dem vielleicht etwas zu lauten Knall . « - Am Ausgang fühlte sich Eduard von zwei stürmischen Armen umschlossen , es war Massiello . » Sie kommen doch , mein theurer Eduard , mit uns zum Galgen ? Die Polizei erlaubt gütig , daß wir diesen frühern Bewohner von Alt-England hinausführen ; hat er ein halbes Stündchen gehangen und meine Rede mit angehört , so sorge ich für ein gutes Begräbniß . Die Sache ist wirklich ein kleinwenig entsetzlich und ich will in meiner Rede die Kumpane , und besonders den Robert ermahnen , Religion anzunehmen , das heißt , etwas Solides zu treiben und an etwas Solides zu glauben . « Er sprach noch weiter , doch der Wind verwehte seine Worte . Eduard bog um die Ecke , indeß der Zug ein Seitengäßchen einschlug und sich bald darauf in der Nacht verlor . Die Thurm-Uhr schlug ein donnerndes Eins . Vierzehn Tage waren vergangen , die Anstalten zu den Vermählungs-Feierlichkeiten beschäftigten die Stadt . Eduard hatte sich einen freiwilligen Arrest gegeben und sein einsames Zimmer nicht verlassen ; die Freunde wußten nicht anders , als daß er krank sey , seine Seele war es auch wirklich . Während der Einsamkeit beschäftigte er sich , ein Bild zu componiren , welches den Zustand seines Gemüths ausdrücken sollte . Am fünfzehnten Tage öffnete sich leise die Thüre , und der Abt trat in ' s Zimmer , » Ich gehe , wie die Braut im hohen Liede , herum , « sagte er freundlich , » um meinen Freund zu suchen , denn der Weinstock gewinnt Knoten , die Granatblüthe duftet - wo weilst Du , schönster unter den Männern , meine Seele ist krank vor Liebe . O wer mir das herrliche Lied nur einmal malen könnte , aber bei Leibe nicht im streng dogmatischen Styl , wo Braut und Bräutigam in zwei symbolische Schnörkel sich auflösen , und das heiße duftende Aroma höchster Liebessehnsucht auf den