des Liebsten unter tausend Küssen stillschweigend abbüßet . Aber auch nicht einmal dieser leichten Seitensprünge halt ich Agnesen fähig ; wenigstens wär mir leid um das goldreine Christengelsbild , das ich mir so nach und nach von dem Mädchen konstruierte . Mord und Tod ! daß man doch gar , gar nichts in der Welt soll denken können , wobei einem der alte Verderber nicht wieder ein Eselsohr drehte ! Ich möcht mich in Stücke reißen vor Wut ! nicht um meinetwillen - für mich ist nichts mehr zu verlieren : nein , nur um Noltens willen , der so ehrlich , gut knabenartig sein Ideal in einer Dorflaube salviert glaubte und nun eben auch in faule Äpfel beißen soll . So geht ' s - ei , und am Ende haben wir ' s all nicht besser verdient . Aber laß sehen , es fragt sich ja immer noch - Verflucht ! was doch das Mißtrauen ansteckt ! Stand nicht bis den Augenblick mein Glaube an das Mädchen fest wie ein Fels ? und , sachte beim Licht besehn , steht er noch wie vor . So laß mich denn meine Maschinen getrost fortspielen ! meine Maskenkorrespondenz mit dem Liebchen mag dauern solang sich ' s tut . Bin ich durch diese sechs Monat lange Übung im Stil der Liebe , im Ausdruck und individueller Gedankenweise nicht so ganz und gar zum andern Nolten geworden , daß ich fast fürchten muß , das Mädchen , wenn heut oder morgen der Spuk an Tag käme , könnte sich in mich verlieben ? was denn ceteris paribus auch so übel nicht wäre . Doch , soviel ist gewiß , ich glaube für hundert galante Schurkereien , wozu ich ehedem meine gewandte Handschrift mißbrauchte , mir hinlängliche Absolution dadurch erworben zu haben , daß ich die Kunst , ehrlichen Leuten ihre Züge abzustehlen , endlich einmal für einen guten Zweck nütze . Du liebes betrogenes Kind ! und hast du denn niemals beim innigen vertieften Anschaun meiner Lügenschrift etwas Unheimliches verspürt , wenn du das Blatt mit dankbarem Entzücken an deine Lippen drücktest ? hat nicht der Engel deiner Liebe dir zugeflüstert : halt , eine fremde Hand schiebt der des Geliebten sich unter ? Nein doch ! dein Schutzengel wird sich ja eher mit mir verschwören , als daß er dich mit der unzeitigen Wahrheit betrüben sollte , die dir zugleich den Geliebten raubt ! Immerhin also laß mich gewähren . Und hat es mir zeither an Vorwänden nicht gefehlt , dich über das immer verschobene Wiedersehn deines Theobalds und die langentbehrte Umarmung zu trösten , so wird es mir , denk ich , noch gelingen , dir ihn bald als einen völlig Neuen entgegenzuführen , und du wirst nicht einmal wissen , daß es ein strafwürdiger , aber bekehrter Flüchtling ist , der zu deinen Füßen weint . « Dies war so ziemlich das bald leise , bald laute Selbstgespräch Larkens ' . Indem wir es wiederzugeben suchten , weihten wir den Leser in das Geheimnis ein , das ihm gegenwärtig vor allem am Herzen lag . Es versteht sich von selbst , daß er gleich beim Beginn seines wunderlichen Briefwechsels mit Agnes alle Vorsicht gebrauchte und jene namentlich unter irgendeinem Vorwand aufforderte , ihre Briefe immer unter der Larkensschen Adresse laufen zu lassen . Dies geschah indessen auch pflichtlich , nur das letzte Billett machte eine Ausnahme , weil Agnes die Gelegenheit durch die Freunde ohne Umschweif nützen zu können meinte , und so war das Papier wirklich zu anfangs nicht geringem Schrecken des heimlichen Korrespondenten in die Hände desjenigen gelangt , für den es am wenigsten gehörte , und dem sein Inhalt das ganze hübsche Gewebe hätte verraten müssen . Eine geschärfte Instruktion für die Briefstellerin war die einzige Folge dieser glücklich abgeleiteten Gefahr , aber einen weit wichtigern Grund , ungesäumt an Agnes , sowie auch an den Förster , zu schreiben , fand Larkens in der Ungewißheit über die bewußte Ehrensache . Er setzte sich noch in dieser Stunde nieder , doch mit dem Vorsatze , seine Sorge nur so gelinde als möglich reden zu lassen , und seine Erkundigungen ganz im Allgemeinen zu halten , damit nicht etwa ein Verstoß gegen frühere Verhandlungen , die ihm unbekannt waren , zum Vorschein komme . Um aber die Stellung Noltens gegen die Braut ganz anschaulich zu machen , müssen wir in der Zeit etwas zurückschreiten und Folgendes erzählen . Das Verhältnis der Verlobten stand in der wünschenswertesten Blüte , als Agnes durch eine heftige Nervenkrankheit dem Tode nahe gebracht war . Der kritische Zeitpunkt ging indessen gegen Erwartung glücklich vorüber , und mehrere Wochen verstrichen , ohne daß es mit der allmählichen Genesung des Mädchens irgendeinen auffallenden Anstoß gegeben hätte . Jetzt aber konnte es dem Vater , und wer ihn sonst besuchen mochte , nimmer entgehen , daß mit der Tochter eine Veränderung , und zwar eine sehr bedeutende , vorgegangen sei . Offenbar war sie tief am Gemüte angegriffen , auch körperlich bemerkte man die sonderbarste Reizbarkeit an ihr , im ganzen war sie sanft , meist niedergeschlagen , zuweilen ungewöhnlich heiter und gegen ihr sonstiges Wesen zu allerlei Possen geneigt . Oft machte sie ihrem Herzen durch heftige Tränen Luft , brach in Klagen aus um den entfernten Geliebten , den sie mit Sehnsucht zu sich wünschte . Zugleich äußerte sie eine leidenschaftliche Liebe zur Musik , verlangte nichts so sehr als irgendein Instrument spielen zu können , und setzte jedesmal hinzu , sie wünsche dies nur um Noltens willen , damit er künftig doch wenigstens ein Vergnügen von ihr haben möge . » Ich bin ein gar zu bäurisches einfältiges Geschöpf , und solch ein Mann ! O werden wir denn auch jemals füreinander taugen ? « Und wollte man sie nun beruhigen , setzte der Vater den schlichten treuen Sinn des Bräutigams recht faßlich auseinander , so konnte sie nur um desto heftiger ausrufen : » Das ist eben der Jammer , daß er sich selber so betrügt ! ihr alle betrügt euch , und ich mich selbst in mancher törichten Viertelstunde . Meint ihr denn , wie er im vorigen Herbste da war , ich hätte nicht gemerkt , daß er oft Langeweile bei mir hatte , daß ihn etwas beengte , stocken machte ? Seht , wenn er bei mir saß , mir seine Hand hinhielt und ich verstummte , nichts in der Welt begehrte , als ihm nur immer in die Augen zu sehn , dann lächelt ' er wohl - ach , und wie lieb , wie treulich ! nein , das macht ihm kein anderer nach ! Und hab ich dann nicht oft mitten in der hellen Freude , bestürzt mich weggewandt und das Gesicht mit beiden Händen zugedeckt , geweint und ihm verhehlt , was eben an mich kam ? - ach , denn ich fürchtete , er könnte mir im stillen rechtgeben , ich wollt ihm nicht selber draufhelfen , wie ungleich wir uns seien , wie übel er im Grunde mit mir beraten sei . « So fuhr sie eine Zeitlang fort und endete zuletzt mit bittern Tränen ; dann konnte es geschehn , daß sie sich schnell zusammennahm , gleichsam gegen den Strom ihres Gefühls zu schwimmen strebte , und mit dem Ton des liebenswürdigsten Stolzes fing das schöne Kind nun an , sich zu rechtfertigen , sich zu vergleichen ; die blasse Wange färbte sich ein wenig , ihr Auge leuchtete , es war der rührendste Streit von leidender Demut und edlem Selbstbewußtsein . Diese sonderbare Unzufriedenheit , ja dies Verzweifeln an allem eigenen Werte fiel desto stärker auf , da Theobald in der Tat nicht die geringste Ursache zu dergleichen gegeben , man auch früher kaum die Spur von einer solchen Ängstlichkeit an ihr entdeckte . Jetzt ward es freilich aus manchen ihrer Äußerungen klar , daß sie schon in gesunden Tagen diese Sorge heimlich genährt und wieder unterdrückt hatte , daß ein krankes Gefühl , das von jenem Nervenübel bei ihr zurückgeblieben war , sich mit Gewalt auf den verletzbarsten Teil des zarten Gemütes geworfen haben müsse . Damit wir jedoch sogleich über das Ganze ein hinreichendes Licht verbreiten , sind wir die Erzählung einer Tatsache schuldig , welche jenen Symptomen von Schwermut vorausging , und wodurch das , was vielleicht nur vorübergehende Grille war eine weit schwierigere Gestalt annahm . Zwei Wochen , nachdem Agnes vom Krankenlager freigesprochen war , hatte sie vom Arzte die Erlaubnis erhalten , zum erstenmal wieder die freie Luft zu kosten . Es war an jenem Tage eben ein weitläuftiger Verwandter , dessen eigentliche Bekanntschaft man jetzt erst machte , im Hause gegenwärtig ; der junge Mann war seit kurzem in der benachbarten Stadt bei der Landesvermessung angestellt und bei dem Förster ein um so willkommnerer Gast , als er neben einem angenehmen Äußern manches schöne gesellige Talent bewies . Man speiste fröhlich zu Mittag und Agnes durfte den Vetter Otto nach Tisch beim wärmsten Sonnenschein eine Strecke gegen die Stadt hin begleiten . Das Mädchen , wie neugeboren unterm offenen Himmel , genoß ganz das erhebende Vergnügen neugeschenkter Gesundheit , das sich mit nichts vergleichen läßt , sie sprach wenig , eine stille , gegen Gott gewendete Freude schien ihr den Mund zu verschließen und ihren Fuß im leichten Gang vom Boden aufzuheben ; ihr war , als sei ihr Inneres nur Licht und Sonne ; ein deutliches Gefühl von körperlicher Kraft schien sich mit einem kleinen Rest von Schwäche angenehm bei ihr zu mischen ; sie kehrte früher um und nahm Abschied von Otto , damit sie völlig ungestört sich dem Überflusse des Entzückens und des Dankes hingeben könne . Ihr Weg führte sie durch ein Birkenwäldchen , bei dessen letzten Büschen sie eine Zigeunerin allein am Rasen sitzen fand eine Person von ansprechendem und trotz ihres gesetzten Alters noch immer von jungfräulichem Aussehen . Man grüßt sich , Agnes geht weiter , und hat kaum fünfzehn Schritte zurückgelegt , als sie bereuet , die Unbekannte nicht angeredet zu haben , deren ganzes Wesen und freundlich bedeutender Blick doch sogleich den größten Eindruck auf sie gemacht hatte . Sie besinnt sich , sie lenkt um und eine Unterredung wird angeknüpft . Nach einer Weile , während der man gleichgültige Dinge gesprochen , pflückt das braune Mädchen gleichsam spielend einige Gräser , knüpft sie in eine regelmäßige Figur zusammen , löst sodann kopfschüttelnd den einen oder andern Knoten wieder auf und sagt : » Setzt Euch zu mir . - Der Herr , dem Ihr da vorhin ausgefolgt , ist Euer Schatz zwar nicht , doch denkt an mich , er wird es werden . « Agnes , obgleich etwas betreten , scherzt anfangs über eine so unglaubliche Prophezeiung , verwickelt sich aber immer angelegentlicher und hastiger ins Gespräch , und da die Äußerungen und Fragen der Fremden eine ganz unbegreifliche Bekanntschaft mit den eigentlichen Verhältnissen der Braut vorauszusetzen scheinen , so kommt sie den Worten der Zigeunerin unvermerkt entgegen . Das gutmütige Benehmen derselben entfernt zugleich fast jedes Mißtrauen bei Agnesen . Wie schmerzhaft aber und wie unvermutet wird ihr geheimstes Herz mit einem Male aufgedeckt , da sie aus jenem ahnungsvollen Munde unter andern die Worte vernimmt : » Was Euern jetzigen Verlobten anbelangt , so wär es grausam Unrecht , Euch zu verbergen , daß ihr auch allerdings nicht geboren seid füreinander . Seht hier die schiefe Linie ! das ist verwünscht ; stimmt doch das Ganze sonst gar hübsch zusammen ! Aber die Geister necken sich und machen Krieg mit den Herzen , die freilich jetzt noch fest zusammenhalten . Ei närrisch , närrisch ! mir kam so was noch wenig vor . « Agnes fand Sinn in diesen dunkeln Reden , denn sie erklärten ihr nur ihre eigene Furcht . » Wie ? « sagte sie leise und starrte lange denkend in den Schoß , » so ist ' s - so ist ' s ! ja Ihr habt recht . « » Nicht ich , mein Töchterchen , nur Stern und Gras behalten recht . Vergib , daß ich die Wahrheit sagte , aber Wermut kann auch Arznei sein , und sei versichert , Zeit bringt Rosen . « Hier stand die Fremde auf . Agnes , im Innern wie gelähmt und an den Gliedern wie gebunden , vermochte kaum sich zu erheben , sie hatte nicht den Mut , die Augen aufzuschlagen , es war ihr leid , daß sie verriet , wie sehr sie sich getroffen fühlte . Und doch , indem sie aufs neue in das Gesicht der Unbekannten sah , glaubte sie etwas unbeschreiblich Hohes , Vertrauenerweckendes , ja Längstbekanntes zu entdecken , in dessen seelenvollem Anblicke der Geist sich von der Last des gegenwärtigen Schmerzens befreie , ja selbst die Angst der Zukunft überwinde . » Behüt dich Gott , mein Täubchen ! und hab immerhin guten Mut . Läßt dich die Liebe mit einer Hand los , so faßt sie dich gleich wieder mit der andern . Und stoße nur dein neues Glück nicht eigensinnig von dir ; es ist gefährlich , dem Gestirn Trotz bieten . Nun noch das letzte : bevor ein Jahr um ist , wirst du niemand verraten , was ich dir gesagt ; es möchte schlimm ausfallen , hörst du wohl ? « Dies letztere hatte die Zigeunerin mit besonderem Nachdrucke gesprochen . Aufs äußerste ergriffen dankte das Mädchen beim Abschiede und reichte der Fremden ein feines Tuch zum Angedenken hin . Agnes war allein und vermochte kaum sich selber wiederzuerkennen ; sie glaubte einer fremden , entsetzlichen Macht anzugehören , sie hatte etwas erfahren , was sie nicht wissen sollte , sie hatte eine Frucht gekostet , die unreif von dem Baume des Schicksals abgerissen , nur Unheil und Verzweiflung bringen müsse . Ihr Busen stritt mit hundertfältigen Entschlüssen und ihre Phantasie stand im Begriffe , den Rand zu übersteigen . Sie hätte sterben mögen , oder sollte Gott ihrer Neugierde verzeihen und schnell das fürchterliche Bewußtsein jener Worte von ihr nehmen , die sich wie Feuer immer tiefer in ihre Seele gruben , und deren Wahrheit sie nicht umstoßen konnte . Erschöpft kam sie nach Hause und legte sich sogleich mit einem starken Froste ; der Alte befürchtete einen Rückfall in das kürzlich erst besiegte Übel , allein vom wahren Grunde ihres Zustandes kam keine Silbe über ihre Lippen . Sie ließ sich ältere und neuere Briefe Theobalds aufs Bette bringen , aber statt des gehofften Trostes fand sie beinahe das Gegenteil ; das liebevollste Wort , die zärtlichsten Versicherungen , schon gleichsam angeweht vom vergiftenden Hauche der Zukunft , betrachtete sie mit Wehmut , wie man getrocknete Blumen betrachtet , die wir als Zeichen vergangener schöner Augenblicke aufbewahrten : ihr Wohlgeruch ist weg und bald wird jede Farbenspur daran verbleichen . Dergleichen traurige Ahnungen erfüllten sie mit desto ungeduldigerem Schmerz , je mehr sie Theobalden noch in dem vollen Irrtum seiner Liebe befangen denken mußte - in einem Irrtum , den sie nicht länger mit ihm teilen durfte noch wollte , der ihr abscheulich und beneidenswert zugleich vorkam . Jener Fieberanfall ging indes vorüber und außer einer gewissen Überspannung hielt man das Mädchen für gesund . Die Ungewißheit ihres Schicksals beschäftigte sie Tag und Nacht . Suchte sie auch einen Augenblick jene drohenden Aussprüche mit ruhigem Verstande zu bestreiten , schalt sie sich abergläubisch , töricht , schwach , sie fand doch immer zwanzig Gründe gegen einen , und selbst im Fall die unerhörteste Täuschung des Weibes mit im Spiele war , so schien dieser seltsame Zufall ihr wenigstens eine früher gefühlte Wahrheit aufs wunderbarste zu bestätigen . Denn freilich hatte sie bei dem Gespräch im Walde nicht bemerkt , wieviel ihr die Zigeunerin , nachdem das erste aufs Ungefähr keck hingeworfene Wort einmal gezündet , mit leisem Tasten abzulauschen wußte , noch weniger ließ sie sich träumen , daß ebendiese Person auf sehr natürlichem Wege von der äußeren Lage der Dinge im allgemeinen unterrichtet , mit Theobald nicht unbekannt , und , wie sich späterhin entdecken wird , überhaupt gar sehr bei der Sache interessiert war . Was aber immer die geheime Absicht dabei sein mochte , genug , das arme Kind war schon geneigt , einen höheren Wink in jenem Auftritte zu erblicken . Indessen , es gehen zuweilen Veränderungen in unserer Seele vor , von welchen wir uns eigentlich keine Rechenschaft geben und denen wir nicht widerstehen können , wir machen den Obergang vom Wachen zum Schlaf ohne Bewußtsein und sind nachher ihn zu bezeichnen nicht imstande : so ward in Agnes nach und nach die Überzeugung von der Unvereinbarkeit ihres Schicksals und Noltens befestigt , ohne daß sie genau wußte wann und wodurch dieser Gedanke eine unwiderstehliche Gewalt bei ihr gewonnen . Ihre Grundempfindung war Mitleid mit einem geliebten und verehrten Manne , hinter dessen Geist sie sich weit zurückstellte , den sie durch ihre Hand nur unglücklich zu machen fürchtete , weil es in der Folge doch auch ihm selbst nicht mehr verborgen bleiben könne , wie wenig sie ihm als Gattin genüge . Allein wenn dies Gefühl , das unstreitig aus dem reinsten Grunde uneigennütziger Liebe hervorging das gute Geschöpf allmählich einer frommen und in sich selber trostvollen Resignation entgegendrängte , so wurde der Entschluß freiwilliger Trennung auf der andern Seite wieder durch eine Idee verkümmert , welche sich sehr natürlich aufdrang : ein künftiges Mißverhältnis war ja nur in dem Falle gedenkbar , wenn Nolten überhaupt seine ursprüngliche Gesinnung verleugnete , wenn er dem ersten reinen Zuge seines Herzens untreu würde ; und so betrachtete sich nun Agnes schon zum voraus aufs tiefste gekränkt von dem Verlobten , sie war versucht , ihm dasjenige bereits als Schuld anzurechnen , wovon er selbst noch keine Ahnung hatte , was aber unvermeidlich kommen müsse . So sonderbar es klingen mag , so ist es doch gewiß , es traten Augenblicke ein , wo ihre Empfindung gegen Theobald nicht fern von Widerwillen , ja von Abscheu war , allein dergleichen feindliche Regungen widerstrebten dergestalt ihrer innersten Natur , sie selbst kam sich dabei als ein so hassenswürdiges , entstelltes Wesen vor , daß sie mit Absicht alles und jedes vorkehrte , was den Bräutigam , auch im äußersten Falle , rechtfertigen könnte . Es kam eine tödliche Angst über sie , wenn ihr zuweilen die Möglichkeit erschien , daß sie von dem , der ihr noch jüngst das Teuerste der Welt gewesen , jemals geringer denken oder daß er ihr gar sollte gleichgültig werden können , es war ihr , wenn es dahin kommen sollte , als zerstöre sie ihr eigen Selbst , als sei die innerste Wurzel ihres Lebens angegriffen , als müßte sie jedem schönen Glauben , allem , was würdig , hoch und heilig sei , für immerdar entsagen . Sie nahm in dieser äußersten Not ihre Zuflucht zum Gebet , und flehte mit Inbrunst , Gott möge die Liebe zu Nolten stets frisch bei ihr erhalten , er möge ihr nur helfen , alles , was leidenschaftlich an dieser Neigung sei , aus ihrem Herzen wegzuscheiden . Bemerkenswert ist es , daß das treffliche Mädchen , von einem richtigen Takte geleitet , sich mitunter alle Gewalt antat , ganz unabhängig von jener verdächtigen Prophetenstimme zu denken und zu handeln , so wie sie sich auch leicht beredete , die Verzichtleistung auf den Verlobten sei in Betracht der ersten Gründe doch immer aus ihr selbst hervorgegangen . Vielleicht sie unterschied hierin nicht scharf genug , und jene dunkle Stimme behielt auf Agnesens Tun und Lassen den mächtigsten Einfluß ; nur verscheuchte sie jede Erinnerung an den verhaßten Fingerzeig des Weibes , der so entschieden auf ein neues Bündnis hindeutete ; nicht ohne heimliches Schaudern konnte sie in diesem Sinne an den Vetter denken , ja sie vermied seinen Anblick eine Zeitlang geflissentlich , nur um dieser unerträglichen Vorstellung loszuwerden . Wie sehr das Mädchen unter solchen Umständen litt , von wieviel Seiten ihr Gemüt im stillen zerrissen und gepeinigt war , läßt sich wohl besser fühlen als beschreiben . Unglaublich erscheint bei diesem allen der Wechsel ihrer Stimmung ; denn während sie jede Hoffnung auf Theobald verbannte und in den nüchternsten Stunden sogar die Fähigkeit bei sich entdeckte , ihn seinem bessern Schicksale freizugeben , fehlte es mitunter nicht an Augenblicken , wo alle jene düstern Bilder gleich Gespenstern vor der aufgehenden Sonne zurückflohen , wo ihre Liebe mit einemmal wieder indem heitersten Lichte vor ihr stand und eine Vereinigung mit Nolten ihr , allen Orakeln der Welt zum Trotze , notwendiger , natürlicher , harmloser deuchte , als jemals . Mit Entzücken ergriff sie dann eilig die Feder , dem teuren Freund ein liebevolles Wort zu senden , und sich im Schreiben gleichsam selbst des überglücklichen Bewußtseins zu versichern , daß sie und Nolten ewig unzertrennlich seien . In solchen Stimmungen mochte sie auch Ottos Gegenwart nicht ungern leiden , sie behandelte ihn noch immer mit einiger Zurückhaltung und hatte auch diese schon halb überwunden ; nur als der Vater gelegentlich dem Vetter , der die Mandoline fertig spielte , den Vorschlag machte , das Bäschen in die Lehre zu nehmen , ward sie einigermaßen verlegen und zauderte , wiewohl sie den Wunsch früher selbst geäußert hatte und noch jetzt in gewisser Hinsicht Lust dazu empfand . Auf das freundlichste Zureden Ottos entschloß sie sich wirklich , und sogleich wurde die Probe gemacht , die denn auch ganz munter vonstatten ging ; Agnes bewies den größten Eifer , denn es galt , den Geliebten später mit diesem neuen Talent zu überraschen , und das kleine Geheimnis machte sie glückselig . Aber dergleichen lichte Zwischenräume waren vorübergehend jene schwermütigen Zweifel kehrten nur um desto angstvoller zurück , und ein solcher alle Kraft der Seele anspannender Wechsel diente nur , eine Epoche vorzubereiten , worin die geistige Natur der Armen unter der Last einer schrecklichen Einbildung und eines unseligen Geheimnisses unterlag . Noch immer beobachtete Agnes das tiefste Stillschweigen über die Begebenheit im Walde , bloß im allgemeinen gab sich ihr Gram in lauten Klagen zu erkennen , wovon wir gleich anfangs ein Beispiel gegeben . Die musikalischen Lektionen wurden ausgesetzt und fingen wieder an , weil es der Vater verlangte , der in solchen Unterhaltungen eine willkommene Zerstreuung für seine Tochter sah . Diese zeigte nunmehr eine sonderbare stille Gleichgültigkeit , ließ mit sich anfangen , was man wollte , oder ging ihr lebloses träumerisches Wesen sprungweise in jene zweideutige Munterkeit über , wovon wir oben gesprochen . Der Alte sah es gern , wenn sie mit Otto sich lustig machte , nur stutzte er oft über die Ausgelassenheit , ja Keckheit seines Mädchens , wenn es nach beendigter Lektion an ein Spaßen , Lachen und Necken zwischen den jungen Leuten ging , wenn die Schülerin dem Lehrmeister blitzschnell in die Locken fuhr und auch wohl einen lebhaften Kuß auf die Stirne drückte , so daß Freund Otto selbst etwas verlegen ward und mit all seiner sonstigen Gewandtheit sich zum erstenmal ein wenig linkisch der reizenden Kusine gegenüber ausnahm . » Bist doch mein lieber Vetter « , lachte sie dann » was zierst du dich so närrisch ? Aber fürwahr , ich wollte , wir wären Brautleute ! mit dir könnt ich leben , du bist ganz darnach gemacht , daß man dich nicht zuviel und nicht zuwenig lieben kann ! « Diese und ähnliche Reden , so arglos sie auch hingeworfen waren , klangen dem Alten bedenklich , und vollends finden wir sein Erstaunen gerecht , als er einmal beim Weggehen Ottos , welcher Agnesen wie sonst auf der Schwelle die Hand gab , eine Träne in ihrem klaren Auge bemerkte . » Was soll doch das , mein Kind ? « fragte der Vater , nachdem sie allein waren , betroffen . » Nichts « , erwiderte sie mit einigem Erröten und drehte sich zur Seite ; » sein Anblick rührt mich oft , er gefällt mir nun einmal . « Dann ging sie sorglos , wie es schien , und singend in der Stube auf und nieder . Vorübergehende Auftritte der Art brachten den Förster auf mancherlei Gedanken , und es ist zu begreifen , wenn er es endlich mehr als wahrscheinlich fand , daß hinter diesem unnatürlichen Zustande eine aufkeimende Leidenschaft für Otto sich verstecke , die er nur einer krankhafter Reizbarkeit des Mädchens schuld geben konnte . Der Zeit nach , worein die ersten Besuche des Vetters und jene ersten grillenhaften Äußerungen Agnesens fielen , widersprach jener Vermutung nichts . Der Leser aber kann über den wahren Zusammenhang des wunderlichen Gewebes wohl nimmer im Zweifel sein . Der Verstand des guten Wesens hatte das Gleichgewicht verloren , und der traurige Riß war kaum geschehen , als die Schatten des Aberglaubens mit verstärkter Wut aus ihrem Hinterhalte brachen , um sich der wehrlosen Seele völlig zu bemächtigen . Jene Idee von Otto fixierte sich gleichsam künstlich im Gemüte der Armen , und die eingebildete Notwendigkeit fing an , den Widerwillen gegen ihn zu überbieten . Die Art jedoch , wie sich Agnes äußerlich betrug , ließ in der Tat nicht auf eine so bedeutende Störung ihres Innern schließen , und der Vater glaubte nicht an eigentlichen Wahnsinn . Der sonderbare Hang zur Lustigkeit verlor sich ganz und machte einer gesetzten Ruhe , einem liebenswürdigen Gleichmute Platz , der dem Gespräche sowie dem ordentlichen Gange der häuslichen Geschäfte gleich günstig war , man bemerkte nichts Verkehrtes in ihrem Tun und Reden , nichts Schwärmerisches in Miene und Gebärde ; aber an Theobald wollte sie nicht erinnert sein , selbst Ottos Namen berührte sie kaum , solange er abwesend war , nur wenn er kam , sah man sie ihre ganze Aufmerksamkeit , alle Anmut und Freundlichkeit an ihn verschwenden . Wenn nun der Alte , durch ein so unerhörtes Benehmen zur Verzweiflung gebracht , sie zur Rede stellte , sie bald mit Sanftmut , bald mit drohenden Vorwürfen an ihre Pflicht , an ihr Gewissen mahnte , so zeigte sie entweder eine stumme Gelassenheit , oder sie lief weinend aus dem Zimmer und schloß sich ein . Der Vater hatte indessen auf die Entfernung des jungen Menschen gedacht und ihm bereits einige leise Winke gegeben , die aber bis jetzt ganz ohne Wirkung blieben ; er war in der peinlichsten Not , zumal er Ursache hatte , zu befürchten , daß die Reize des Mädchens auch nicht ohne Eindruck auf Otto geblieben sein möchten . Und wirklich , wie erstaunte nicht der gute Mann , als er eines Tages dem Vetter unter vier Augen seine Bitte so schonend als möglich vortrug , und dieser mit dem unumwundenen Geständnisse hervortrat : er sei von der Neigung Agnesens für ihn vollkommen überzeugt und nichts halte ihn ab , sie offen zu erwidern , wenn er vom Vater die Zustimmung erhalten würde , die er ohnehin in diesen Tagen zu erbitten entschlossen gewesen sei ; es komme nun freilich auf ihn an , ob er dem innigsten Wunsche seiner Tochter Gehör schenken oder auf Kosten ihrer Ruhe und ihrer Gesundheit eine Verbindung erzwingen wolle , welche man , alle Vorzüge Noltens in Ehren gehalten , nun einmal durchaus für den gröbsten Mißgriff halten müsse . Der Förster , über eine so kühne Sprache wie billig empört unterdrückte dennoch seinen Unmut und wies den vorschnellen Freier mit Mäßigung zurecht , indem er ihn vorderhand zur Geduld ermahnte und wenigstens für die nächste Zeit das Haus zu meiden bat , worauf denn jener willig zusagte und nicht ohne geheime Hoffnung wegging . Nun überlegte der Alte , was zu tun sei . Bald ward er mit sich einig , daß unter so mißlichen Umständen Veränderung des Orts , eine starke Distraktion , das Rätlichste sein dürfte . Zwar dachte er anfangs daran , ob nicht gerade eine Reise zu dem Bräutigam das kürzeste Mittel zur Ausgleichung des Ganzen wäre , allein die geringste Erwähnung des Planes bei Agnesen versetzte diese in den größten Jammer , sie beschwor den Vater auf den Knien , von dem Vorhaben abzustehen , das ihr gewiß den Tod bringen würde . Da nun überhaupt von einer Reise , gleichviel wohin , die Rede war , schien sie viel mehr erfreut als abgeneigt , und gerne ließ der Förster sich ' s gefallen bei dieser Gelegenheit einen ziemlich entfernten Freund , den er seit vielen Jahren nicht gesehen , heimzusuchen . In kurzem befanden Vater und Tochter sich unterwegs in einem wohlgepackten Gefährt . Das Wetter war das schönste , nach wenig Stationen sah man schon völlig neue Gegenden . Das Mädchen war zufrieden , ohne gerade lebhafter zu sein . Mit dem Aufenthalte in dem kleinen Städtchen Wiedecke , wo der vieljährige Bekannte des Försters , ein jovialer behaglicher Sechziger , als Verwalter eines edelmännischen Guts wohlhabend wie ein kleiner Fürst lebte , begann für Agnes bald eine ganz andere Art den Tag hinzubringen , als sie es bisher gewohnt war . Der lebensfrohe Mann machte sich ' s zur Pflicht , seine Gäste auf die mannigfaltigste Weise zu vergnügen , und im eigentlichen Sinne des Worts keine Stunde ruhen zu lassen . Sie mußte die Güter der gräflichen Herrschaft , Gärten , Waldungen , Parks und Fischplätze mustern , gelegentlich die Ordnung des Verwalters und seine Einsichten bewundern , man durfte mit keinem seiner Freunde im Städtchen und der Umgegend unbekannt bleiben , eine ländliche Partie verdrängte die andere , kurz der Förster sah seine Wünsche , die im stillen hauptsächlich nur auf Zerstreuung der Tochter gingen , beinahe über alles Maß und mehr als sie ertragen konnte , erfüllt ; eigentlich gab sie sich mehr nur aus Gutmütigkeit zu all der geräuschvollen Lustbarkeit her , als daß sie mit ganzem Herzen teilgenommen hätte . Großen und schönen Eindruck machte bei ihr eines Abends der erstmalige Anblick eines Theaters , wozu eine wandernde Truppe das Wiedecker Publikum lud . Das Stück