erschrack unwillkührlich vor dem veränderten Tone seiner Stimme . Es lag etwas Schroffes darin , das sich zugleich in seiner völlig verfinsterten Miene zurückspiegelte . Wie sehr er sich auch gleich darauf bezwang , er gewann die vorige , freie und leichte Stimmung nicht wieder , und ob er auch mit Gefühl , ja mit Wärme von der nahen Aussicht sprach , ein ungehofftes Familienglück in der eigenen Häuslichkeit aufblühen zu sehen , so geschah es doch nicht ohne Anstrengung , davon zu sprechen . Sonderbar genug , er wandte sich fast immer in der Unterhaltung an mich . Es befremdete und verwirrte mich anfangs . Ich glaubte , er habe mich errathen und wolle mir eine bessere Meinung von sich geben . Nachher aber sagte ich mir , es geschieht , weil er mich durch Eduard vom dem Gange der ganzen Verhandlung unterrichtet glaubt , und am leichtesten hier anknüpfen mag . Sei es so oder so ! der Mann hat mir ein undeutliches Bild gelassen , das mich anzieht und ängstigt zugleich . Ist der Neffe ihm gleich , oder nehmen die Verhältnisse der neuen Familie dieselbe schwankende Farbe an , so wird es mit den nachbarlichen Beziehungen wohl nicht zu einer besondern Intimität kommen . Sie sehen , Sophie , Ihr Schweigen ist so unnütz als betrübend . Sie bezwecken nichts dadurch für Ihre dortigen Freunde , und verletzen die hiesigen . - Wenn Sie mich noch liebten , wie ehemals , hätte ich bereits eine weitläuftige Hochzeitsrelation . Seit Sie so bedenklich und berechnend sind , hören Sie auf , verbindlich zu sein . Leben Sie wohl ! Der Comthur an die Oberhofmeisterin Undankbare ! Dies harte Wort , mit dem Sie die Tochter aus Ihren Armen lassen , möchte ich Ihnen zurückgeben . Ja , Undankbare ! können Sie es vergessen , daß Emma dem Leben gehört , dem Sie sie entgegen führen durften ? Soll sie darum niemals allein stehen , weil Ihre Hand sie noch länger festhalten möchte ? Haben die Jahre Ihnen so viel von der Uneigennützigkeit früherer Liebe geraubt , daß Sie heute anders empfinden , wie in jener Stunde , da das schwankende Kind zum erstenmale dem Leitband der Wärterin entlief , und ein eignes , freies , kleines Wesen vor Ihnen stand , die gewonnene Kraft prüfend ? War sie Ihrem Herzen darum fremd , weil sie glücklicher war ? Und jetzt ? - Gewiß , Sie haben Unrecht , großes Unrecht ! Wollten Sie es anders , weshalb überhaupt die weltlichen Beziehungen ? Warum bestimmten Sie die Tochter nicht für das Kloster , wenn Sie ihr Herz zu schön für den Wechseltausch menschlicher Empfindungen nennen ? Aber es schien Ihnen grausam , das junge Leben in der Knospe verhüllt zu lassen . Auch jetzt bin ich überzeugt , verwerfen Sie mit Abscheu den bloßen Gedanken daran . Nun , ich streite darüber nicht . Ich habe indeß die Ueberzeugung , daß der Mensch sich immer auf die eine oder die andere Art zum Opfer bringen muß . Thut er es nicht freiwillig , so zwingen ihn die Umstände , fremdes oder eignes Wohl , die Ruhe des Gewissens , oft auch der Ueberdruß des Lebens dazu . Es ist nicht abzusehen , welchen von allen diesen Beweggründen die Ansprüche Ihrer Tochter werden erliegen müssen ! Doch , es giebt überall nur einen Faden durch das Labyrinth des Lebens , und den muß ein jeder selbst finden . Fremde Brillen passen selten . Sie trüben nur den Blick . Deshalb Geduld ! liebe gnädige Frau . Geduld ! Sie waren früher so eilig , das Verhältniß zwischen beiden jungen Leuten zu begründen , lassen Sie ihnen nun Zeit , in Harmonie mit der innern und äussern Welt zu treten . Ich würde mir selbst anmaßend erscheinen , wollte ich ein Urtheil über meines Neffen Charakter aussprechen . Die Elemente seiner Natur sind mir meistentheils fremd . Auf das erste Empfinden hin , scheinen alle zu verflüchtigt , um es in ihm selbst , bei der glücklichsten Mischung , zu irgend einer vollständigen Gestaltung der Ideen kommen zu lassen . Es zieht das beobachtende Auge in eine unermeßliche Weite hinaus , aber man findet keine Ruhestätte , um zu verweilen . So , sage ich , würde das Selbstgefühl , das eben kein Echo hier findet , sprechen . Doch das Selbstgefühl hat nicht mitzureden , wenn ein fremdes Bild in das Bewußtsein treten soll . Außerdem liegt eine schroffe Klippe zwischen uns . Er kann sie überfliegen , das traue ich ihm zu , allein , ob er mich dabei findet ? ist eine andere Frage . Die Sonne hat bekanntlich allein die Macht , den härtesten Stein aufzulösen . So schmilzt auch nur die innere Sonne den Stein des Anstoßes weg ! Es ist nicht leicht zu entscheiden , ob solche Gluth Hugo ' s Seele ausfüllt ? oder ob diese nicht leere und kalte Stellen birgt , in denen gerade wir beide zusammentreffen ? - Ich sage Ihnen das , gnädige Frau ! damit Sie bei Zeiten meinen Einfluß auf Ihres Schwiegersohnes Herz und Gemüth in das rechte Licht stellen , und hier keine Wunder erwarten . Das ist überhaupt selten von großer Wichtigkeit , was ein Mensch vom Andern augenblicklich erwirbt . Und irre ich nicht , so wird Hugo in Allem sehr leicht nachgeben , doch nie ein Anderer sein . Sie haben ihn gekannt , gnädige Frau , als Sie die Neigung der schönen Emma billigten . Wenn er Ursache giebt , Ihre Besorgnisse zu rechtfertigen , so bin ich hierbei doch gewiß außer Schuld . Aber , weshalb auch Besorgnisse ! Ist es jetzt auch schon Zeit dazu ? Wir wollen keine andern hegen , als solche , die der Wandel alles Zeitlichen dem Nachdenkenden von selbst aufdringt , dann kommt man nie vom rechten Wege . Es scheint mir gut , daß die jungen Leute sogleich eine kurze rasche Ausflucht in die Schweiz machen . Dies heimathlose Hinziehen durch unbekannte Gegenden , das Abreißen von allen Gewohnheitsbanden , die Einsamkeit in der Fremde führt näher zusammen , und schafft in dem , was die Seele gemeinschaftlich traf , einen eigenthümlichen Quell der Erinnerung . Man schöpft immer eine Weile daraus , und belebt in der Gegenwart dasjenige , was diese anfangs einfarbig und unbequem erscheinen läßt . Um indeß meinerseits auch nicht ganz müßig zu sein , habe ich gesucht , Emma eine heitere Geselligkeit für die , immer etwas trüben Herbsttage zu gewinnen . Das Haus der muntern Gräfin von Ulmenstein versammelt eine regsame , mittheilende und empfängliche junge Welt . Hier sind die blühenden Töchter des Hauses , und mit ihnen alles , was städtischer Verkehr an ihre Schritte bindet . Tanz , Musik , Conversation , Geist und Gefühl , kurz , das gute und richtige Gemisch übereinstimmender und widerstreitender Elemente , aus denen die Gesellschaft bestehen muß , soll sie überhaupt bestehen . Ich warf mich vor einigen Abenden , ganz meiner Gewohnheit entgegen , in das bunte Gewühl , und ward nicht unangenehm durch Fremdes und Neues , das mir entgegentrat , überrascht . Vorzüglich gefiel ich mir in der Unterhaltung mit der jungen Gemahlin unsers Freundes , des Präsidenten . Sie wissen , wie vielen Dank wir ihm in der Angelegenheit meines Neffen schuldig sind . Den Zutritt in seinem Hause nachzusuchen , schien mir daher für die Neuvermählten eine Pflicht , an welche ich gern durch die anziehende Einfachheit und Grazie der schönen Frau erinnert ward . Sie stand in einem Kreise lachender und schwatzender Modepüppchen , unter denen sie sehr vortheilhaft , durch Gestalt und Wesen , hervortrat . Es war nicht Nachläßigkeit , nicht Absicht in Tracht oder Benehmen zu spüren . Das frische , weiße Kleid , ohne entstellende Verzierungen , stand sehr wohl zu dem reichen , kastanienbraunen Haare , und dem reinen , tiefen Blick der schönsten blauen Augen , die je eine lange , dunkle Wimper beschattete . Als ich mich ihr nahete , trat sie mir zwanglos entgegen , empfing meinen Gruß , wie eine Schuldigkeit , und würdigte , was davon ihrer Anmuth galt , mit verständigem Gleichmuth . Sie hatte von dem jungen Paare , das ich ihr zuzuführen , um die Erlaubniß bat , gehört , sie fragte mit Theilnahme nach beiden , und zeigte sich , ohne affectirte Uebertreibung des Ausdrucks , bereit , ihnen den Eintritt in die fremde Welt zu erleichtern . Es liegt Natur und Wärme in ihrem ganzen Wesen , das ein feiner Geist , mehr unbewußt begleitet , als bewußt beherrscht . Wie sie ist , hat sie mir gefallen , auch genießt sie allgemeine Achtung , die weniger ihrer Stellung in der Welt , als ihrer Person gilt . Irre ich nicht , so wird Emma in ihr eine Freundin finden . Und nun getrost , gnädige Frau ! lassen Sie dem Geschick ohne Zagen seinen Lauf . Es kehrt sich wenig an unsere Launen . Auf eine , oder die andere Art macht sichs immer wieder Bahn . Zuletzt sind wir mit allem Rennen und Laufen nicht weiter als zu Anfang , und bringen nur müde Füße mit nach Hause . Vergeben Sie es mir , wenn ich Sie hier frage , ob Sie jemals durch die Ausführung irgend eines Planes völlig befriedigt wurden ? oder , ob Sie nicht über den Moment des Erlangens hinaus , lieber alles umgeworfen , und die Sache von neuem und anders angefangen hätten ? Glauben Sie mir , Sie sind es nicht allein , es ist der Mensch überhaupt , der so empfindet . Wir kennen keinen Genuß . Was wir so nennen , ist nur das rothe Läppchen an der Angel , die uns fortzieht . Das Ziel thäte es , und nicht das Streben darnach allein . Ich küsse Ihre Hände , und lege diese auf die Häupter Ihrer Kinder , daß Sie sie in Freudigkeit segnen mögen . Ganz der Ihrige . Hugo an Heinrich Ich will Dich nicht glauben lassen , die Flitterwochen vermöchten so viel über mich , daß ich die übrige Welt darüber vergäße . Ich bin in meinem Leben nicht geneigter gewesen , da Unterhaltung zu suchen , wo sie sich mir bietet , als eben jetzt . Ehrlich gestanden , dieser Nachhall des ausgesprochenen Ja , ist ein wenig eintönig ! Was sagt man sich noch , wenn alles beantwortet ist ? Mißverstehe mich nicht . Emma ' s Nähe ist wie der Frühling . Sie überkleidet alles mit jenen Lichtfarben , die uns anlächeln und den Sinn in behagliches Empfinden einwiegen . Ich sehe mich leicht auf Minuten so angesprochen . Aber - doch genug ! - Ich brauche scharfe Schatten , und verliere mich gern in die Tiefe zackiger , unförmlicher Schlüfte , aus denen der wilde Schrei der Natur meine träumende Seele wie ein Echo anruft . Wir sind moderne Reisende , Heinrich . Wir fahren die gebahnte , geebnete Straße , verweilen , wo Alle verweilen , und bewundern , was Alle bewundern . Emma ist entzückt . Ich begleite sie willig , aber sie kann mir auf meinen einsamen Wanderungen durch das Labyrinth großartiger Verwilderung nicht folgen . Man nennt nicht unpassend auch das Leben eine Reise . Nenne es , wie Du willst . - So viel weiß ich wohl , daß man sich auf der einen wie auf der andern , allein , am freiesten bewegt . Wie selten halten zwei Menschen gleichen Schritt . Wie jener sich beschränkt , muß dieser sich über Vermögen anstrengen . Man mag die Kräfte gegenseitig abwägen , wie man will , jede Probe zeigt , daß die Berechnung falsch war . Doch genug ! wir reisen ! Es war bei alledem gut , daß wir aus der Klemme der Hofetiquette und Familienrücksichten herauskamen . Ich war wie zwischen zwei Mühlräder zermalmt . Mir ist in der ganzen Gotteswelt nichts lächerlicher , als der Wahn , daß ein Mensch dem Andern eine Gnade zu erweisen denkt . Die Gewohnheit ist hierin , wie in so Vielem , die größte Gauklerin . Sie macht die Fabel zur Historie . Du kennst indeß meine Art. Ich mag Niemanden Aergerniß geben . Lieber , wie Atlas , die Welt tragen , als einen Wurm in ihr wissentlich kränken . Wer an dem Spiele seine Freude hat , dem spiele ich zu Gefallen mit . Ueberdem , die Maske war einmal angelegt , ich mußte ihrem Charakter treu bleiben . So ließ ich mir ein Ordensband umhängen , und meine Schwiegermutter hierauf Pläne und Hoffnungen für die Zukunft bauen . Sie hat etwas darin gethan , Pläne zu machen ! Nun , ihr ist es Bedürfniß ! Emma ist der Edelstein in ihrer Krone . Alles , was sie mit Blicken erreichen kann , muß dem Glanze dieses einzigen , das Werth für sie hat , als Folie dienen . Du kannst Dir vorstellen , was sie den übrigen Menschen ist , und diese ihr unter solchen Umständen sein können ? Wir passen wenig für einander . Meine Theorie von leben und leben lassen , findet hier keinen Eingang . Sie hat sich in mir verrechnet , und das verzeiht sie dem Geschick so wenig , als mir . Ich bin ihr bei alledem gut . Mir verschlagen ihre Irrthümer nichts . Sie hat Verstand , und wenn auch mehr Leidenschaft als Gefühl , dennoch eine außerordentliche Regsamkeit des Geistes . Mit solchen Leuten kommt man immer zurecht , wenn sie uns auch zu schaffen machen . Unter meine Geduldproben zähle ich die Hochzeitfeier . Es war ein alltägliches Hoffest daraus gemacht worden . Zum Glück , wissen fürstliche Personen dergleichen schnell abzumachen . Trauung , Gratulation , Diner , Entlassung , alles ging in einer Hetze fort , so daß wir uns im Wagen , aus der Stadt , auf dem Wege hierher , befanden , ehe ich noch Zeit behielt , das Geschehene mit Gelassenheit zu überdenken . Emma hatte sich mehr betäubt als gefaßt aus den Armen ihrer Mutter gerissen , und es vielleicht kaum wahrgenommen , daß diese das Scharfe , was ihren Empfindungen etwas Aetzendes giebt , ganz auf mich übertrug . Ich war ihr in der Seele zuwider . Sie konnte und wollte das auch nicht verbergen . Mir that es wehe . Ich blieb lange auf das Innigste erschüttert ; während Emma ruhig , ohne sichtbare Gemüthsbewegung neben mir saß . Ich konnte mich nicht erwehren , sie von Zeit zu Zeit mit unverhehltem Erstaunen anzusehen . Es schien , als entgehe ihr das gänzlich . Es lag ein Ausdruck des Friedens und der innern Einigkeit auf ihrem Gesichte , welcher der abendlichen Stille der Natur zu vergleichen war , und auf mich ungefähr denselben Eindruck machte . Nach einer Weile bemerkte ich , daß sie leise betete , und den Beistand eines höhern Wesens anrief , mit welchem sie sich in liebendem , natürlichem Einverständnisse befand . Seitdem fand ich sie öfters so . Gleichwohl kann ich die Spur dieser Richtung noch nicht völlig klar in ihr auffinden . Ich trage auch eine gewisse Scheu vor jedem erläuternden Schritt . Sehr wahrscheinlich weichen unsere Ansichten hier von einander , und die Gewißheit darüber könnte sie stören . Mich stört so leicht Niemand in dem , was in mir feststeht ; aber gegen Formen rennt man an , ohne es zu wissen . Erst gestern machte ich die Erfahrung . Wir krochen am Simplon herum . Ich ließ Emma auf einer bequemen Stelle bei ihren Trägern . Sie blickte von hier ruhig nach den Thälern hinunter , indeß ich , von innerer Unruhe getrieben , froh , mir einen Augenblick selbst anzugehören , alle Mühseligkeit verachtend , die zackigen Klippen noch um eine bedeutende Strecke hinan klomm , und jetzt auf einem Abhange fast schwebend mit stolzen Erwartungen um mich sah . Allein , die Atmosphäre hing , von Dünsten verdeckt , wie ein wallender Vorhang , zwischen der Stelle , wo ich stand , und den nächsten hundert Schritten unter mir . » Alles ist anders , als man es denkt ! « rief ich , und wollte den Rückweg antreten . Es war indeß leicht an dem dumpfen Rauschen und Brausen aus der Ferne , die Vorbereitung einer Explosion der Elemente wahrzunehmen . Ich wollte das abwarten , und folgte nun mit steigendem Antheil dem Kampfe der Natur . Blauschwarze , electrische Ballen wälzten sich unförmlich , und von ihrem eignen Luftzuge gedrängt , übereinander zu einem schauerlichen Chaos . Es ward dunkler und dunkler , zuletzt ganz finster , die Nacht hielt mich dicht umarmt in ihre Schleier gehüllt . Da fuhr der Stoß einer kreuzenden Luftschicht , wie ein langer weißer Strahl in den aufgethürmten Knäuel , und , als sollten Himmel und Erde untergehen , so faßte und riß ein Wirbelwind , der die Welt aus ihren Fugen zu reißen Miene machte , in das Gewölk . Ein Augenblick noch , und die gährenden Stoffe stürzten krachend und schäumend unter Donner und Blitz und Wogenströmen in die Tiefen hinab , über mir ward es hell wie in einer azurnen Kugel . Ich blickte überrascht und sprachlos um mich . Die majestätische Gewalt dieses Vorganges fesselte mich unverrückt auf demselben Fleck . Doch , ich dachte an Emma , und arbeitete mich nun durch das Unwetter , das vor mir herging , hindurch , zu der Stelle , wo ich sie gelassen hatte . Sie war nicht mehr dort . Ihre Träger kamen mir indeß , durch sie abgeschickt , bereits entgegen . Ich erfuhr , daß eine nahe Hütte ihr Obdach gebe , und eilte nun dahin . Es stürmte und regnete noch in einem fort . Sie flog mir in die Arme . Der Gedanke , daß die zerstörende Macht der Elemente uns plötzlich hier am Eingange eines neuen Lebens hätte trennen können , erschütterte mich unwillkührlich . Ich war bewegt , und zeigte es ihr . Sie sah mich mit ihrem stillen , festen Blicke an . » Ich wußte es wohl , « sagte sie , » daß Dir nichts begegnen würde . « » Bist Du so zuversichtlich ? « entgegnete ich , vielleicht ein wenig kühler als zuvor . » Ich bin es nur in einer Art , « versicherte sie mit abgewandtem Gesicht , indem sie , ohne weiter etwas hinzuzusetzen , an das kleine Hüttenfensterchen trat . Ich folgte ihr dahin . Das Gewitter zog immer tiefer abwärts . Die jenseitige Bergwand färbte sich schon wieder im röthlichen Licht der Abendsonne , ein feiner Sprühregen flimmerte silbern zwischen den Steinen . Eine Heerde weißer Ziegen und buntgefleckter Kühe zog einzeln und lautlos vorüber . Der junge Hirtenknabe folgte ihnen , sein Liedchen pfeifend . » Sieh , « rief Emma , mit einem Lächeln , das an Corregio und seine Bilderwelt erinnerte . » Sieh , wie schnell Gott den wilden Aufruhr gestillt hat . Die Sonnenlichter drüben gehen wie seine Friedensboten über die Berge . « Ich bemerkte , indem sie sprach , ein kleines silbernes Cruzifix , das sie sonst verborgen an einer Schnur um den Hals trägt , über ihre gefaltenen Hände herabhängen . Gewiß hatte sie , in der Angst ihrer Seele , ihre Zuflucht dazu genommen . Ein jeder hat seine Art , dachte ich , und ließ sie . Doch erwiederte ich : » Hier ist Ruhe und Ordnung , allein dort oben war es , als rolle der feurige Wagen des zornigen Gottes der Israeliten auf den Wolkenbergen hin , und schleudere seine Wetter auf die Erde . Nichts , « fuhr ich fort , » füllt meine Brust mit so heiligen Schauern göttlicher Erhabenheit , als die großen Erscheinungen der Natur . Das sind lebendige Symbole . Sie reden mit andern Zungen , als todte Bilder . « » Die Natur ist auch ein todtes Bild , « meinte sie , » ohne das Leben in dem Glauben des Christen . « Ich lächelte . Sie war ernst geworden . Zum erstenmale sah ich den Schatten einer Wolke auf ihrer Stirne . Sie sagte nichts . Aber es war ganz klar , ich hatte ihr wehe gethan . Es wird gewiß nie wieder geschehen . Aber da siehst Du , es sind immer nur Formen , die zwischen die Herzen treten . Das ist der Fluch der Menschheit ! Lebe wohl , Heinrich ! Was hilft so eine Ausflucht in die Weite ! Man muß doch wieder in die gezogenen Schranken zurück . Nun ! ich komme auch zurück . Bald bin ich wieder heimisch unter den Meinigen . - Den Meinigen ? Wer sind sie ? Man hat eine besondere Gewohnheitssprache , ohne viel darüber nachzudenken , angenommen , und damit die Begriffe gewaltig auf den Kopf gestellt . Aber ! Lebe wohl ! Lebe wohl ! Sophie an Elise Sie sollten mir ohne Worte und Gründe verzeihen , geliebte Elise , die Freude des Wiedersehens , hoffte ich , werde meine Vertheidigerin sein . Alles war vorbereitet zur Abreise . Ich sah schon in Gedanken Ihr liebes , gerührtes Lächeln , im Kampfe mit dem kleinen Rest von Empfindlichkeit , der mehr und mehr an der Wärme aufflammender Freundschaft wegschmolz . Das alles sind nur Gedankenbilder geworden . Ich werde Sie sehr lange nicht sehen ! Lassen Sie mich alle Empfindungen unterdrücken , die hierbei in mir laut werden . Schelten , urtheilen Sie auch nicht , ehe Sie es wissen , daß ich ein Opfer bringe , und dabei leide . Liebste Elise , die Abreise des jungen Paares hat die Mutter in einen Zustand versetzt , von dem nur diejenigen einen Begriff haben , welche diese merkwürdige , in allen ihren Eigenschaften so eigenthümliche Frau kennen . Vielen mag sie unzusammenhängend vorkommen , da sich im Gegentheil alles scheinbar Abweichende in einer Richtung bei ihr fortbewegt , und ein und dasselbe Ziel hat . Es ist Emma , Emma allein , welche die Saiten ihres Innern so oder so anschlägt . Der jedesmalige Ton hängt hiervon ab . Liebe zu dem Herzen ihres Herzens bedingt die ungestüme oder verhaltene Pulsschläge desselben . Wie die Aussenwelt hierauf einwirkt , oder sie diese , in der einzigen Lebensbeziehung , die sie kennt , umschaffen oder beherrschen will , das ist die einzige Aufgabe ihrer Gedanken und Empfindungen . Die Lösung derselben ist schwierig , sie giebt sie vielen Widersprüchen preis . Jetzt ist das geliebte Kind ihr entrissen . Ein Anderer übernimmt das Geschäft , für sie zu denken und zu handeln . Ein Dritter , nach ihrem Gefühl ein unberufener Dritter , bestimmt über das Wohl und Weh der Theuren . - Es ist nicht Trauer , nicht Schmerz - Selbstvernichtung , verzehrende Eifersucht , Verzweiflung ist es , die ihre hohl gewordene Brust zerreißt . Die Wahl der Tochter war nicht die ihrige . Alles widerstrebte ihren Wünschen in dem Manne , der auf unbegreifliche Weise den ruhigen Spiegel der Gefühle in Emma erschüttert , und aus dem verborgenen Grunde der fügsamsten Seele eine so starke und ausschließende Neigung heraufgelockt hat , daß hier nichts mehr zu unterdrücken war , sondern auf einer oder der andern Seite ein Opfer gebracht werden mußte . Die Mutter hat es gebracht . Aber , anders ist es mit dem Augenblick der Begeisterung , anders mit dem ruhig fortgehenden Leben ! Den ersten überfliegt der Gesammtmensch in uns , dem andern erliegt das Menschliche in jeder momentanen Steigerung empfundener Unbequemlichkeit . Die kluge Weltfrau hat an dem unerwünschten Geschick ihrer Tochter gedreht , geschoben und gehalten , was sie nur daran handhaben konnte , allein das Verschobene gleicht sich nicht aus . Sie erkennt das schärfer als Andere . Deshalb ist sie innerlich gebrochen , und kann nichts mit Haltung kommen sehen . Es gab einen Zeitpunkt in meinem Leben , wo sie mir als stärkere und weisere Gefährtin kräftig zur Seite stand , und , wenn auch nicht mein Herz zu heilen , doch Ruhe und äussere Verhältnisse der Hoffnungslosen zu bewahren wußte . Ich verdanke ihr die sanfte Ausgleichung unzähliger Widersprüche , die Stille und Freudigkeit meines jetzigen Berufs , einen ruhigen Abend und viele selige Träume vom neuen Tage . Elise , würden Sie es gut heißen , wenn ich die Freundin jetzt verließe , wo ich ihr vergelten kann , was sie an mir that . Sie würden es nicht gut heißen , das darf ich zuversichtlich behaupten . Ich sage Ihnen daher auch ohne alle Furcht vor Mißbilligung , daß ich den Winter über nicht nach meinem Stift zurückkehre , ja , daß ich nicht einmal in Deutschland bleibe , sondern die bekümmerte Frau nach Italien begleite , wohin sie , in Aufträgen ihrer Prinzessin , reist , die , wie Sie wissen , aus dem toskanischen Hause entsproß . Ich irre wohl schwerlich , wenn ich die Absicht der großmüthigen Fürstin in dieser Sendung zu erkennen glaube . Sie will etwas Fremdes in die Seele ihrer betrübten Dienerin schieben , und sie durch andere Gegenstände auf andere Gedanken bringen . Gleichwohl fürchte ich , wird sie hiermit ganz ihren Zweck verfehlen . Es giebt Stimmungen , in welchen das Ableiten nur heftiger und unwilliger auf das eigene Interesse zurückdrängt , und das Uebel ärger macht . Das Letzte zu verhüten , hauptsächlich aber die Reise selbst nur möglich zu machen , was bei dem schlaffen , schwankenden Gemüthszustand der wahrhaft Erkrankten sehr schwer halten würde , habe ich mich zu ihrer Gesellschafterin aufgeworfen . Die Fürstin billigt , ja wünscht es . So werden wir denn schon in wenigen Tagen auf dem Wege nach Florenz sein . Gott ist überall ! und ich gehorche seinem Willen , hier oder dort . Dies reicht hin , jede andere Frage des Innern abzuweisen . Machen Sie es auch so , liebe , zärtliche Elise . Ich weiß , Sie missen mich ungern . Sie haben auch sonst Niemand , dem Sie sich , in den vielen unbeschäftigten Augenblicken eines einsamen Tages , mittheilen können . Allein , eben deshalb ist es vielleicht gut , daß ich eine Zeitlang zurücktrete . Es bringt Sie wohl dahin , Andere aufzusuchen . Es kann Ihnen nicht entgangen sein , daß man Sie ohnehin des Hochmuths beschuldigt , und darin etwas Gesuchtes , ja Anmaßendes finden will . Zudem ist Ihnen Emma in Kurzem nahe . Liebe Elise , was soll ich Ihnen weiter sagen ? - Ich fürchte für dies arme Herz . Sie war es , die Hugo ihre Hand gab , er hat sie angenommen ! aber er hält sie so lose , so furchtsam , möchte ich sagen , in der seinen , als ängstige es ihn , daß er diese nun nicht besser gebrauchen kann . Der Ernst , die Gewalt ihrer Gefühle , hat das leichte Spiel jugendlicher Empfindungen in einem festen Verhältniß gefangen genommen . Mir ahndet , die Ketten , welche sie arglos um sein wie ihr Geschick legte , werden mit dem vollen Gewicht ihrer Last auf sie allein zurückfallen . Doch , wozu die nutzlosen und trügerischen Blicke in eine ungewisse Zukunft . Liebe , liebe Elise , sein Sie der Schutzengel der Unerfahrnen . Ich lege sie Ihnen ans Herz . Es ist so schön , das Störende abwenden oder doch mildern helfen . Indem ich Ihnen auf solche Weise einen Theil meiner eignen Verpflichtungen , die ich nur gegen andere vertausche , zurücklasse , und somit mein Andenken auf die lebendigste Weise bei Ihnen gesichert weiß , verlasse ich Sie ruhiger . Könnten Sie in meinem Herzen lesen , Sie würden deutlicher verstehen , was ich kaum anzudeuten vermag . Sein Sie glücklich , beste Elise ! und machen Sie Alle durch Ihre Nähe so glücklich , wie ich es mehrere Jahre hindurch war ! Auf ewig die Ihrige . Die Oberhofmeisterin an den Comthur Sie thun sehr wohl , daß Sie Ihren Neffen in Schutz nehmen . Ich kenne auch kaum zwei Menschen , die einander so ähnlich wären , als Sie beide . Dies mag Sie befremden . Ich glaube es . Sie wissen vielleicht selbst nicht warum . Aber ich bitte , erlassen Sie mir die Beweisführung . Mein Kopf , mein Geist , sind so schwach in diesem Augenblick , daß es vergebliche Mühe wäre , mich auf etwas Bestimmtes einlassen zu wollen . Nur so viel : Verschiedene Umstände bilden dieselben Grundzüge des Charakters , hier so , dort anders aus . Die Familienähnlichkeit bleibt gleichwohl unverkennbar . Daß Ihre und Hugo ' s Ansichten von einander abweichen , beweist nichts . Systeme macht man , die Natur hat man . Sie haben beide keine glückliche . Ich empfinde es . Mich friert in der lauen Atmosphäre , die Sie umgiebt . Ich könnte lachen über alles , was Sie in die Seele einer Mutter schwatzen , hätte ich das seit Emma ' s Abreise nicht verlernt . Was wissen Sie von den zarten Fäden , die von dem Hauch eines unberufenen Wortes erzittern . Einsiedler , in der Welt wie im Gefühl , predigen Sie in der Wüste , aber nicht am Hausaltar liebender Familien ; dies Heiligthum bleibt Ihnen unzugänglich . Ihr Trost wird Zurechtweisung . Ich forderte den einen nicht , und bin wenig gestimmt , die andere zu ertragen . Mir werfen Sie es vor , die Verbindung beschleunigt zu haben , welche ich jetzt ungeschehen wünsche . Ich bin sehr unschuldig an dieser Verbindung . Das , dächte ich , wissen Sie . Doch einmal , bis auf einen gewissen Punkt gedrängt , wollte ich Licht sehen , und machte daher Tag . Sie zwangen mich zu handeln , das ist es , was Sie meine Ungeduld nennen . Sie verstehen nicht , wie