uns nicht der Prunk , nicht die leckere Tafel , nicht das weiche Lager , von dem wir uns kaum erheben . « » Verblendete ! « eiferte Jochai : » In Fesseln liegst Du , aber in denen der verdammlichen Eitelkeit , die über dem Spiegel das Gesetz vergißt . Gefallsüchtige ! Nicht auf den unzüchtigen Tänzen der Ungläubigen , nicht bei ihren heidnischen Feierlichkeiten und unsittlichen Schmausereien sollst Du glänzen . Gefalle Deinem Vater , gefalle Deinem Manne ! Die übrige Welt kenne Dich nicht . « Purpurfarbe überzog Esthers Gesicht . Verlegen lächelte sie , schlug dann die großen schwarzen Augen , um Versöhnung flehend , zu dem Alten auf , und reichte ihm die Hand . - » Dir und dem Vater will ich ja auch nur gefallen , « sprach sie bittend : » und einst dem Manne , den mir Ben David erwählen wird . - Wo bleibt aber der Vater ? Die Sanduhr zeigt bereits die siebente Stunde . Es wird ihm doch kein Leid zugestoßen seyn ? « » Den wahre der Fürst Israel ! « erwiederte Jochai mit glaubigem Vertrauen . - » Gewiß ist mein Sohn zurückgehalten worden von den Freunden , oder es hat ihn der Sabbath auf freiem Felde überrascht , und ein wahrer Gesetzfreund heiligt ihn durch Ruhe und ein friedlich Mahl , wo es auch sey . « In dem Augenblicke pochte es gelinde an die Hausthüre . Der Schall verbreitete sich schnell durch den leeren Vorderbau in das festliche Gemach . Großvater und Enkelin fuhren etwas zusammen . Die alte Christenmagd zündete die Traglampe an , und langte nach dem Schlüssel an der Wand . - » Bedächtig ! « flüsterte ihr Jochai zu : » Ich gehe mit , um vom Fenster herab zu ersehen , wer der Klopfende ist . Komme , alte Magd ! Vorsicht ist von Nöthen . « - Die Alte leuchtete dem Hausherrn vor , und Esther blieb allein zurück , sinnend den Kopf in die Hand gestützt . » Hm ! « seufzte sie nach einer Weile : » der Großvater hat gut reden . Das Eis seiner hundert Jahre hat eine Rinde um ihn gelegt , daß er das Sehnen und Wünschen der Jugend nicht begreift . Und dennoch , trotz seinen Ermahnungen und Bußreden wird er mich nicht überzeugen . - Ich bin recht unglücklich ! « fuhr sie nach einer kleinen Stille fort : » unglücklicher als ich mir ' s vielleicht selbst träumen lasse , ... und , ach ! - nur Eines fehlt zu meinem Glücke ; aber auch das unerringbar Einzige ! « Schwermüthig ließ sie das Haupt sinken . Da trat Jochai herein , hinter ihm sein Sohn Ben David , ein Knäbchen an der Hand führend . Freudig eilte die Tochter an des Vaters Hals , und erkundigte sich angelegen ob seines langen Wegbleibens . » Ich brach spät auf von der Nachtherberge , « sprach Ben David : » der kurze Wintertag hat mich verlassen , da ich noch über eine Stunde von hier entfernt war . Mein Begleiter da konnte auch nur schlecht voran mit seinen Beinchen , und so trug ich ihn denn die letzte halbe Stunde auf dem Rücken hieher . Die Einlaßpforte Hab ich mir geöffnet , mit einem dicken Groschen und da bin ich . Gut Schabbes ! « Esther erwiederte freundlich den Gruß , und musterte neugierig den Knaben , der vor Müdigkeit beinahe in die Kniee sank , und von Ben David auf den Sitz am Ofen gebracht wurde . Der alte Jochai jedoch sah mit finsterer Miene auf das Treiben seines Sohns , und sprach : » Ich kann nicht segnen Deinen Eingang , denn Du hast den Sabbath entheiligt durch Deine Reise während seines Beginnens , durch die Last die Du auf Dich nahmst , indem Du diesen Buben auf die Schultern nahmst , und durch den Einlaßpfennig , den Du berührtest zu verbotner Zeit . « » Frommer Vater ! « versetzte Ben David : » so ich gesündigt habe und das Gesetz beleidigt , indem ich den kleinen Menschen der hinzusinken und zu erfrieren dachte , in Sicherheit gebracht , so will ich , wenn Du befiehlst , gern auf meinen Platz verzichten am Tische , am Boden liegen und Fasten , bis Du sagst : genug ! nur befiehl , daß der Knabe gesättigt werde , und eines warmen Lagers sich freue . « » Was soll er hier ? « fragte Jochai streng wie zuvor : » Er ist ein Christenknabe , dessen Leib das Kleid des Unreinen ist , der abstammt von dem Adam Belial , und nicht Platz soll nehmen im Hause der Gerechten , sondern gehört in die Höhle des Esau . « » Vater ! « erwiederte Ben David unterwürfig : » Dein Wort sey gelobt , doch der Unmündige ist noch Gottes allein , der das Kind regieret in seinen Gedanken und Werken . Erlaube , daß dieser , der noch nicht ist , weder ein Sohn des Gesetzes , noch ein Sohn Baals , hier bleibe bis ich ihn übermorgen zu seiner Mutter führe . « » Esther vereinigte ihre Bitten mit denen ihres Vaters , und der rauhe Alte erlaubte endlich , daß der Knabe bleibe , unter der einzigen Bedingung jedoch , - daß die Christenmagd ihn sättige , und in ihrer Kammer zur Ruhe bringe . Grete nahm demzufolge den bereits Entschlummerten auf die Arme , und trug ihn hinaus . - Nach einer langen Ermahnung , in Zukunft den Sabbath würdiger zu feiern , bot Jochai seinem Sohn den Kuß des Friedens , und den Platz am Tische , und das Mahl begann , nachdem der Greis gleich einem Patriarchen , Brod , Wein , Salz und Fisch gesegnet , und Ben David sein Haupt bedeckt hatte . Als sie zu Tische saßen , fragten Vater und Tochter neugierig nach Ben Davids Geschäften , und besonders nach dem Abenteuer , das ihn mit dem Kinde zusammengebracht . Der Fünfzigjährige legte dem Alten , mit aller Ehrfurcht eines halberwachsenen Sohnes , von seinem Handel und Wandel genaue Rechenschaft ab ; beobachtete jedoch nicht dieselbe Genauigkeit , als er auf den Kleinen zu sprechen kam . Er behauptete nämlich , das Kind einige Stunden von Frankfurt , verirrt und umherlaufend gefunden , und von ihm herausgebracht zu haben , daß es nach der Stadt gehöre . Aus Mitleid habe er es mitgenommen , um seinen Vater oder seine Mutter auszukundschaften , und hoffe , sich dadurch etwas Ansehnliches zu verdienen , da das Kind aus gutem Hause zu seyn scheine . « » Was der Alte vorhin dem Mitleid ungern einräumen zu wollen bedacht war , ließ er jetzt der Berechnung eines Vortheils hingehen , und belobte des Sohns Umsicht und Gewandtheit . Zugleich aber beklagte er sich über Esthers Unzufriedenheit mit ihrer Lage , und forderte den Vater auf , mit Strenge dergleichen unziemliche Gedanken in ihr zu ersticken . « » Zürne nicht , Vater ! « antwortete Ben David hierauf : » Schilt nicht die übermüthige Lust , mit welcher die Jugend nach den lockenden Früchten der Welt blickt , die nun einmal durch des hochgelobten Gottes unerforschlichen Rathschluß den Gojim bestimmt sind , statt seinem Volke . Dein Bart ist weiß geworden im Kerker und Du sehnst Dich hinaus . Mein Haupthaar ist ergraut unter dem Joch , und ich dürste nach Freiheit . Warum soll das kräftige Geschlecht das nach uns kommt , nicht sich hinaus wünschen aus dem Haus der Gefangenschaft unter die Oelbäume des freien Lebens ? « Jochai schüttelte zweifelnd das Haupt , und strich unmuthig den langen Bart. Ben David fuhr aber zu Esther gewendet , fort : » Beruhige Dich , mein Kind . Vielleicht fügt es sich , daß ich Dich im nächsten Frühjahr mit hinausnehme in den Garten der Welt . Ich gedenke , zu fahren gen Costnitz , woselbst viele der großen Herren mein bedürfen werden , und wo wir auftreten können in Glanz und Pracht , wie es uns hier die Klugheit verbietet . « » Ei , was sprichst Du ? « fragte Jochai ängstlich den Sohn . » So ich nicht schon begraben liege an dem Ort der Lebendigen1 , wirst Du nicht das Mädchen von meiner Seite nehmen . Wer soll mich hüten , wer mich pflegen , bist Du fern ? « » Gib Dich zufrieden , Vater ! « antwortete Ben David : » der gute Knecht Zodick wird an Dir thun , wie an seinem Vater . « » Zodick ? « fragte Jochai zweifelhaft : » Zodick , der das Gesetz der Väter so wenig beachtet , daß er noch jetzt sich im Hause nicht sehen ließ ? « » Ich dachte , er sey schon in seine Kammer gegangen ! « erwiederte Ben David , und wollte noch einige Bemerkungen über Zodick ' s früheres Benehmen hinzusetzen , als ein fürchterlicher Tumult vor dem Hause laut wurde , auf dessen Pforte Schlag auf Schlag fiel . Erschrocken fuhr die Familie in die Höhe , und Grete stürzte herein , durch ihre heftigen Geberden etwas Ausserordentliches verkündend , das sich auf der Straße zugetragen . Entsetzen ergriff den Alten und die schöne Esther , denn ein Volksauflauf , mit einer neuen daraus entspringenden Judenschaft , stand wie ein ungeheures Gespenst vor ihren Gedanken ; aber Ben David beruhigte sie mit wenig Worten , ermahnte sie , die Thüre des Hintergebäudes fest zu verriegeln und die Kostbarkeiten bei Seite zu bringen , und folgte , wenn auch nicht ohne Herzklopfen , der lebhaft voranschreitenden Grete die Treppe hinab , durch den Hausgang an die Pforte , die von wiederholtem Pochen ertönte , und vor welcher das Gesumme einer ansehnlichen Menschenmenge sich vernehmen ließ . - » Wer pocht so ungestüm ? « fragte Ben David durch das Schlüsselloch , und zurück schrie eine klagende Stimme die Antwort : » Herr ! öffne ! Dein Knecht Zodick ist ' s ! öffne ! bei Deines Vaters Haupt beschwöre ich Dich : laß mich nicht zu Schanden werden vor den Edomitern hier auf der Schwelle Deines Hauses ! « - Und Gemurre und einzelnes Spottgelächter rings umher . - Ben David , die Verzweiflung des hülferufenden Hausgenossen nicht verkennend , befahl seinen Leib dem Gott seines Bundes , und gebot der Magd , zu öffnen . - Das Schloß ging auf sammt den Riegeln , und kaum klaffte die Thüre , als ein Haufe gemeinen Pöbels sich hereindrängte in ' s Haus : neugierige und höhnisch gezogene Gesichter , von wenigen Laternen und Kienspänen schwach beleuchtet ; in deren Mitte der Diener des Hauses , Zodick , Gesicht , Hemde und Gewand von Blut befleckt , das reichlich herabströmte aus einer breiten Stirnwunde . Ben David fuhr bei diesem Anblick erschrocken zurück , hob beide Hände gen Himmel , und rief in heiligem Eifer : » Zodick ! unseliger Knecht ! Hat Dich der Fürst der höllischen Nacht berückt , daß Du also trunken und blutend von einem Falle eintrittst in die Hütten Israels , und verbrecherisch schändest die liebliche Königin Schabbath , die allhier ihren Sitz genommen ? « Zodick winkte verneinend mit der Hand , sank jedoch , unfähig zu reden , auf die Schwelle der Unterstube . Ben David sah fragend umher in dem Kreis der Nachbarn , die zum Theil in schmutzigen Nachtgewändern , erst dem Lager entflohen , als gaffende und schadenfrohe Zeugen den Verwundeten umstanden . - » Was hat ' s gegeben , liebe Freunde ? « fragte er mehrmals vergebens , bis endlich ein ältlicher Mann von rechtlichem Aussehen sich hindurch drängte , und also sprach : » Ich will Dir Auskunft geben , Jude ! Ich bin der Schmid Albrecht dort an der Ecke dieser Gasse , und kam vor Kurzem aus unsrer Herberge . Wie ich nun kaum zwanzig Schritte von meinem Hause bin , so stolpre ich über den Rothkopf da , der halb besinnungslos in der Gasse liegt , wie ein Trunkner . Da ich ihn beleuchte mit dem Lichtstümplein , das ich in Händen trug , erkenne ich ihn wohl , und auch er macht die Augen auf , fährt zusammen , und ruft : Laßt mich los ! ich bin unschuldig ! Es war leicht zu sehen , daß der Bube in augenscheinlicher Verwirrung befangen war , und nicht im Rausche . Ich begütigte ihn daher , und nun hat er , da er mich erkannt , erzählt , daß ihn auf dem Fischerfelde , von wannen er nach Hause gehen wollen , mehrere Gesellen mit roth und schwarz gefärbten Gesichtern überfallen , geplündert und mit einem Streithammer verletzt haben ; daß jedoch zum Glück der Streich schier fehlgegangen und nur gestreift habe , und er dem Tode entgangen sey , indem er sich zur Erde fallen lassen , gleich als habe er die letzte Ölung . Da er zu Dir verlangte , hab ich ihm erlaubt , sich an meinem Arm zu führen , und auf sein klägliches Geschrei sind die Nachbarn herbeigelaufen . « Nach dieser Erzählung lief ein Gemurmel durch den Haufen , bedauernd , daß der Jude nicht umgekommen war unter den Streichen seiner Verfolger ; und sich auflösend in ein rohes Gelächter , das sich den an der Stubenthüre lehnenden , keines Worts mächtigen Menschen als Zielscheibe setzte . Ben David , ungeduldig , dem störenden Auftritt ein Ende zu machen , dankte höflichst dem wohlbeleibten Schmid für seinen Beistand , und öffnete die Stube , um den Diener hineinzubringen . Die Menge quoll aber auch in das Gemach hinein , und musterte mit Luchsaugen die elenden Geräthschaften , die darin an den Wänden umherstanden . Mehrere junge Bursche hatten nicht wenig Lust mit ihren flackernden Lichtspänen über Gang und Treppe in das Oberhaus zu dringen . Aber Gretens abweisende Geberden , und noch mehr die Einflüsterung älterer Leute , die ihren Uebermuth vor den in jedem Judenhause verborgenen Fallthüren und mit Vorbedacht offen gelassenen Kellergruben warnten , hielten die Verwegenen von ihrem Vorsatz ab . Zugleich drängten sich auch einige benachbarte Juden herein , schwatzend , neugierig wie die übrigen , und zudringlich mehr , als hülfreich in ihren angebotnen Dienstleistungen . Vergebens bat Ben David diese Letztern den Mißhandelten ihm ganz allein zu überlassen , - sie wichen nicht ; vergebens flehte er die anwesenden Christen an , endlich doch mit seinem besten Danke das Haus zu räumen . Sie gingen nicht , und forderten endlich ziemlich trotzig ihren Lohn , daß sie den Judenknecht nach Hause geleitet hatten . Ben David , solcher unziemlichen Forderungen nicht ungewohnt , bezeugte sich nun , die Ungestümen auf den Sonntag zu vertrösten , da ihm das Gesetz verbiete , am Sabbath Geld anzurühren , allein damit machte er das Uebel nur ärger . » Seht den Juden an ! « rief Einer aus der Schaar : » Gälte es , unsre Taschen zu leeren , würde er sich wenig um das Gesetz kümmern . « - » Am Sonntag haben wir Schabbes ! « rief ein Andrer : » also muß er heute zahlen , der Hundsjude . « - Umsonst suchte Ben David die Ungerechtigkeit zu beschwichtigen ; der Pöbel wurde schwürig ; die Habsüchtigsten erwischten von den in der Kammer umherliegenden Trödelwaaren was ihnen am Dienlichsten schien , und machten sich damit davon . Die Händellustigen aber brachen aus in Schimpfworte , und mehrere geballte Fäuste schlugen durch ihre drohende Bewegung die Nachbarjuden in die Flucht , die ihre Glaubensgenossen feig im Stich ließen , und die Luft nur von ihrem mörderischen Hülfsruf erschütterten . Eine gute Folge schien jedoch ihr Zetergeschrei herbeizuführen , denn der Oberstrichter der Reichsstadt , der gerade zufällig die Straßen durchritt , um die Nachtschwärmer und Trinkbrüder zu Paaren zu treiben , hörte das Getöse , und erschien in schnellem Trab auf dem Schauplatz , wo Ben David gerade in Gefahr stand , körperliche Mißhandlungen zu erfahren . Die Rathsknechte , die des Oberstrichters Roß umgaben , wiesen mit ihren Hackenstangen die Angreifer bald zur Ruhe , und der Friedensstifter erfuhr in wenig Augenblicken , von was hier eigentlich die Rede sey . Gleichgültig zuckte er die Achseln und sprach mit verächtlichem Tone zu Ben David : » Was hat Dein Knecht noch in später Dämmrung auf dem Fischerfelde zu schaffen ? Kein Wunder ist ' s , daß er in die Hände der Blutzapfer fiel , die jetzo wiederum innerhalb und ausser der Stadt ihr Wesen treiben sollen , wie mir der Küfermeister , Andreas von Liebfrauenberg , vor einer Stunde geklagt hat , der auch von den Mordbuben nächst dem Hirschgraben angefallen worden ist , sich aber durch seine Faust befreit , und einige von den Hunden übel zugerichtet hat . Das vermag freilich ein Hebräer nicht . « Ein wieherndes Gelächter der umstehenden Knechte und Bürger lohnte das Witzwort des Gewaltigen , der , Stille gebietend , also fortfuhr : » Ich befehle Dir daher , Jude , daß Du Deinen Knecht ehrlich zu Hause haltest . Für die heut verursachte Störung hergebrachter Ordnung , - denn die lange Glocke ist schon lange geläutet worden - büße ich Dich um fünf Goldgulden , die Du unerläßlich nächsten Montag auf dem Rententhurm zu erlegen gehalten bist . Auch hast Du von Rechts wegen diesen wackern Bürgern zu zinsen , jedem einen dicken Groschen , daß sie Dir den Knecht nach Hause geführt ; denn die Menschenliebe , die sich um einen Juden kümmert , muß belohnt werden . Sie mögen am Sonntagsmorgen das Geld bei Dir in Empfang nehmen . « Geschmeidig bückte sich Ben David und küßte den Mantelzipfel des Oberstrichters . » Erlaubt , o Herr ! « sprach er demüthig : » die meisten dieser Leute haben sich schon gepfändet an meinem Eigenthume , und sind mit Zeug und Linnen davon gegangen . « » Kannst Du die Leute nennen ? « fragte der Oberstrichter streng , und fuhr , ohne eine Antwort abzuwarten , fort : » Nein ; Du kannst es nicht . Und wärst Du ' s auch im Stande , auf Deiner Seite wäre immer die größte Schuld . Warum gibst Du nicht gutwillig , und warum hälst Du Dein Auge nicht auf Deine Lumpen ? Schließe jetzt Dein Haus , und verhalte Dich still . Die leiseste Widerrede kostet Dich zehn Gulden . Geht nach Haus , brave Bürger ! Gut Nacht , liebe Freunde ! « Die rasche Schwenkung seines Gauls hatte beinahe den armen Ben David in den Koth geworfen ; dennoch versäumte er den letzten Bückling nicht , und ließ mit niedergeschlagenen Augen die spöttelnden Nachbarn an sich vorübergehen . Darauf befahl er der Magd ganz leise die Thüre zu verschließen , und den halb ohnmächtigen Zodick nach seiner Kammer zu bringen . Er selbst verlor kein Wort mehr an den Menschen , der ihm so viel Verdruß gemacht hatte , und kehrte mit schwerer Brust und manchem unmuthigen Seufzer in das Hintergebäude zurück , wo Jochai und Esther ängstlich auf jedes Geräusch lauschten , und um den Feiertag nicht zu schänden , alles in der gewohnten Ordnung hatten liegen und stehen lassen . Freudig bewillkommten sie den Ruhebringenden , der sich andächtig neigte vor dem Tische und den schwebenden Lichtern , und sprach : » Esau ' s Sturm hat sich gelegt . Gebenedeit seyst Du , hochgelobter Gott , dessen Jakob , Herrlichkeit unsre Scheitel berührt . Wie schön sind Deine Hütten und deine Wohnungen , Israel ! Wie schön ist dein Palast , wohlduftende Königin Schabbath , du Freude und Trost aller Gläubigen . « Und sein Mund jubelte , während seine Augen von Thränen , wie sie tiefempfundene Knechtschaft erpreßt , überfloßen ; seine Lippen sprachen Versöhnungsgebete und frohe Psalmen , während sein Herz anschwoll von unterdrückten Bannformeln gegen die Ungläubigen . Der greise Jochai murmelte neben ihm Fluchgebete in den Bart , herausgestoßen mit allem Feuer orientalischer Wortfülle . Esther wandte sich aber voll Grauen von seinem Gebete , und sagte nur Amen zu dem ihres Vaters . Am nächsten Morgen , an dem noch der Großvater ruhte , und Ben David , angethan mit der Zizis und den Tephillim seinen Frühsegen sprach und die Psalmen , die die Sabbathfeier vorschreibt , da , wo keine Schule die Söhne des alten Bundes zum feierlichen Dienste des Höchsten versammelt , schlich sich seine blühende Tochter nach der Kammer , wo die Magd Grete ihre Zeit zubrachte , während der Festtage . Auf dem dürftigen Lager der Alten , die abwesend war , beschäftigt um den kranken Zodick , schlief noch der Knabe , den Ben David in ' s Haus gebracht hatte . Auf den Zehen näherte sich Esther dem Schlummernden , beugte sich über ihn , und betrachtete mit Wohlgefallen die Züge seines unschuldigen Gesichts . - Ich habe mich doch nicht geirrt , flüsterte sie in sich hinein , da ich schon gestern einige Mahnung finden wollte in diesem Antlitz , an ein andres das mir nur allzutheuer ist . Beschaue ich diese braunen krausen Locken , die hochgezogenen Augenbraune , die länglichte Nase und den lächelnden Mund , so bin ich in Versuchung , zu glauben , sein Bild liege vor mir , und ich müßte es ans Herz drücken , da ich ihn nimmer , ach nimmer umfangen werde ! Sie setzte sich vertraulich zu dem kleinen Träumer , spielte leicht mit seinem schönen Haar , und verlor sich in dem Andenken einer Vergangenheit , die sich ihr reizend bald , und bald betrübend , nur allzuoft aufdrang in ihrer stillen Einsamkeit . - Bin ich nicht eine Thörin ? fragte sie sich am Ende selbst , aufschreckend aus ihrem Hinbrüten : Mache ich mich nicht etwa einer Sünde schuldig , da ich hier mit diesem Bilde eines edeln Christen die Augenblicke vertändle ? Jochai könnte es wohl gar Abgötterei nennen , wie er so gerne zu thun pflegt , wenn ich mit Liebe an etwas hänge ! - Sie stand auf . - Guter Knabe ! fuhr sie nach einer Weile fort , gleichsam wider Willen nach ihm zurücksehend : Weder Dich , noch den dem Du zufällig gleichst , darf ich mein nennen . Wohl Dir , wohl ihm , daß er so ist , und wehe mir . Ihr seyd nicht geschaffen , um im Elend eure Tage zu vertrauern . Euch winkt Ehre und Freiheit . Wir kennen Beides nicht . Du wirst zurückgehen zu Deinen trostlosen Eltern , und mein Vater wird Dich segnen , wenn sie reich sind und nicht karg den Dienst belohnen . Ich aber , Du holder Junge , segne Dich , weil Dein Anblick mir die Wonne in die Wirklichkeit zauberte , die ich nur in der Erinnerung zu genießen , angewiesen bin ! - Esther wollte scheiden , aber schon an der Thüre angelangt , zog es sie allgewaltig zurück zu dem Knaben . - Ich will gehen ? fragte sie sich : Gehen , ohne den Wunsch , an seinem Anblick mich zu weiden , ganz erfüllt zu haben ? genügt mir es denn , diese vom Schlummer erstarrten Züge in Gedanken mit ihm zu vergleichen ? Lebend will ich ihn , offen seine Augen sehen , und in die dürstende Brust das lang hinweggenommene Labsal schlürfen ! Rasch fuhr sie mit warmer Hand über die Stirne des Kindes , das ruhig , wie ein lächelnder Engel die Augen aufschlug , und in die glühenden Esthers schaute . » Gundel ! « stammelte der Schlaftrunkne , die Ärmchen nach der Verkannten ausstreckend . Ben Davids Tochter bog sich aber zurück , und der Knabe ersah seinen Irrthum . Bekümmert verzog sich sein Mund , die Händchen fielen auf die Decke zurück . » Du bist es nicht ! « klagte er : » Liebe fremde Frau , wirst Du mich zur Mutter bringen und zu meinem Hänschen ? « » Ich möchte Dir Mutter seyn , holdes Kind ! « erwiederte Esther freundlich : » wenn ich es nur seyn dürfte . « » Warum darfst Du denn nicht ? « fragte der Knabe zutraulich werdend : » Du bist so gut und lieb ; Dich möchte ich schon Mutter nennen , viel lieber als die schwarze Mutter , die mich beständig schmälen wird , weil ich sie verloren habe . « » Schmälen würde sie Dich ? « sprach Esther , ihn an sich drückend , » wäre sie dann Mutter ? Jubeln wird sie , und dem hochgelobten Gott danken , der Dich wieder in ihre Arme führt . « Der Knabe starrte sie verwundert an . » Gundel hat mir einmal von dem lieben Gott erzählt ! « sprach er hierauf . - » Nicht wahr , er ist überall ? « - » Ja , mein Kind . « - » Er läßt seinen Kindlein nichts Böses geschehen ? « - » Nein , mein Knabe . « - » So ist er nicht da , wo die schwarze Mutter ist . Sie hat mir oft wehe gethan , und Gott hat ihr ' s nicht verboten . Aber hier ist er , bei Dir , denn Du bist so gut und so schön , daß ich auch immer bei Dir bleiben möchte . « - » Ja ; der Ewige ist hier ! « rief Esther : » Er spricht aus Deinem Lallen , er thut sich kund in meinem Herzen , das Dich sein Kleinod nennen würde wäre es ihm erlaubt . « » Verblendete ! « sprach Jochai hinter ihr , der leise eingetreten war : » Danke Dem , den man nicht nennt bei seinem Namen , daß es Dir nicht erlaubt ist , diesen Christenauswurf in Deinen Armen zu hegen . Du sehnst Dich , hinabzusteigen zu den verworfenen Söhnen und unzüchtigen Töchtern Kains , wie die Fürsten des Himmels , Asa und Asael , Gelüsten trugen zu den Töchtern der Erde . Aber , so wie die fehlenden Engel hängen müssen zwischen Himmel und Erde , also wird auch Dich der Zorn des Herrn ereilen , wo Du nicht ablässest vom Irrthume . « Esther legte die Hand des Großvaters auf ihr Haupt , kniete nieder und sprach : » Vater , ich danke täglich dem Ewigen , daß er mich eine Tochter Zions werden ließ . Verkenne mich nicht . « - Jochai sah sie streng an , schüttelte das Haupt und redete : » Weib , Zögling der Schlange ! ob Du wahr sprichst , weiß nur Er allein . Aber Du schändest den Sabbath , daß Du hier am Bette des Christenbuben weilst , während ein Sohn des Gesetzes in unserem Hause leidet , auf den noch kein Strahl Deines Auges fiel . « » Du meinst Zodick ? « erwiederte Esther kalt , und stand auf : » Grete mag ihn pflegen und heilen . Das Gesetz verbietet mir , am heiligen Tage Wunden zu verbinden . « » Zodick ist ein getreuer Bekenner des Glaubens und dieser wird ihn heilen , ohne Dein Zuthun ; « versetzte Jochai , und führte Esther hinweg in die geschmückte Stube , obgleich sie sich nur ungern von dem weinenden Knaben trennte . » Was hast Du gegen den getreuen Zodick ? « fragte Jochai , da Beide sich wieder in der Sabbathsruhe sich befanden : » Sprich , rede offen . « » Mich ärgert der Mensch , so oft ich ihn erblicke ; « antwortete Esther offenherzig : » Seine ungeschlachte Gestalt , sein rothes Haar und sein schielender Blick sind mir zuwider . « » Liebe Deinen Bruder , spricht die Pflicht ; « versetzte Jochai : » Gewöhne Dich , auch den Häßlichen zu lieben , wenn er Dein Mann werden soll ; spricht die Klugheit . « Esther erbleichte , ... faßte sich indessen bald und fragte verlegen lächelnd : » Nicht wahr , Du scherzest , Vater ? - Zodick mein Gatte ? .... « » So wurde es ausgemacht , zwischen Deinem Vater und dem seinigen , « erwiederte Jochai . » Als ihr noch Kinder wart , habt ihr Euch schon die Hände gereicht , und : Missal Tobh ! gesagt , wie es unsre Rabbinen gesegneten Angedenkens verlangen . Zodicks Vater ist daheim gegangen , von wannen man nicht wiederkehrt , und auf seinem Gedächtniß sey Friede . Aber der Bund muß gehalten werden , so lange Zodick ein Mann nach dem Herzen Gottes bleibt . Er dient schon mehr denn sechs Jahre um Dich , und am Ende des siebenten wird er Dich heimführen nach Worms , wo noch unsre Brüder athmen dürfen , in ihren Ketten . « Esther las aus den Augen des Alten , daß der Sache kein Schwank zum Grunde liege , und die Angst fiel ihr schwer auf das Herz , um so mehr , da Jochai also fortfuhr : » In der letzten Zeit hab ich dann und wann Zweifel gehegt gegen Zodicks Frömmigkeit : immer hat er aber meine Zweifel widerlegt , und erst gestern hat sein trauriges Aussehen bestätigt , daß er gezwungen nur das Gesetz verletzt . Darum wollte ich Dich vorbereiten , und Dich bitten , nicht schnöde gegen ihn zu seyn . « » Ich kann immer noch nicht glauben , daß Du nicht scherzest , Vater ! « antwortete Esther : » Ist es jedoch Ernst , was Du mir verkündest , so glaube gewiß , daß Du und der Vater mich vielleicht zwingen können , den Widerwärtigen zu ehelichen , daß ich ihn aber niemals lieben werde . « » Ein fleißiger Mann verkehrt Kupfer in Gold , die Abneigung des Weibes in Liebe , « meinte Jochai . » Du wirst ihn näher kennen lernen ,