er hatte nebenbei auch manche geheime Nachricht erspäht , die bis jetzt nur der engere Ausschuß des Rates mit den Bundesobersten teilte . Zufrieden mit dem Erfolg seiner vielen Geschäfte kam er gegen Mittag nach Hause und sein erster Gang war nach seinem Gaste zu sehen . Er traf ihn in sonderbarer Arbeit . Georg hatte lange in einem schöngeschriebenen Chronikbuch , das er in seinem Zimmer gefunden hatte , geblättert . Die reinlich gemalten Bilder , womit die Anfangsbuchstaben der Kapitel unterlegt waren , die Triumphzüge und Schlachtenstücke , welche mit kühnen Zügen entworfen , mit besonderem Fleiße ausgemalt , hin und wieder den Text unterbrachen , unterhielten ihn geraume Zeit . Dann fing er an , erfüllt von den kriegerischen Bildern , die er angeschaut hatte , seinen Helm und Harnisch , und das vom Vater ererbte Schwert zu reinigen und blank zu machen , indem er , zu großem Ärgernis der Frau Sabine , bald lustige bald ernstere Weisen dazu sang . So traf ihn sein Gastfreund . Schon unten an der Treppe hatte er die angenehme Stimme des Singenden vernommen ; er konnte sich nicht enthalten noch einige Zeit an der Türe zu lauschen , ehe er den Gesang unterbrach . Es war eine jener ernsten , beinahe wehmütig tönenden Weisen , wie sie durch ihren innern Wert erhalten und fortgetragen , bis auf unsere Tage herabkamen . Noch heute leben sie in dem Munde der Schwaben , und oft und gerne haben wir , ergriffen von ihrer einfachen Schönheit , von den gehaltenen Klängen ihrer vollen Akkorde , an den lieblichen Ufern des Neckars sie belauscht . Der Sänger begann von neuem : » Kaum gedacht War der Lust ein End gemacht . Gestern noch auf stolzen Rossen , Heute durch die Brust geschossen , Morgen in das kühle Grab . Doch was ist Aller Erden Freud und Lüst ' . Prangst du gleich mit deinen Wangen , Die wie Milch und Purpur prangen , Sieh , die Rosen welken all . Darum still Geb ich mich , wie Gott es will . Und wird die Trompete blasen , Und muß ich mein Leben lassen , Stirbt ein braver Reitersmann . « » Wahrlich , Ihr habt eine schöne Stimme « , sagte Herr von Kraft , als er in das Gemach eintrat , » aber warum singet Ihr so traurige Lieder ? Ich kann mich zwar nicht mit Euch messen , aber was ich singe , muß fröhlich sein , wie es einem jungen Mann von achtundzwanzig geziemt . « Georg legte sein Schwert auf die Seite und bot seinem Gastfreunde die Hand . » Ihr mögt recht haben « , sagte er , » was Euch betrifft ; aber wenn man zu Feld reitet wie wir , da hat ein solches Lied große Gewalt und Trost , denn es gibt auch dem Tode eine milde Seite . « » Nun , das ist ja gerade was ich meine « , entgegnete der Schreiber des Großen Rates , » wozu soll man das auch noch in schönen Verslein besingen , was leider nur zu gewiß nicht ausbleibt . Man soll den Teufel nicht an die Wand malen , sonst kommt er , sagt ein Sprüchwort ; übrigens hat es damit keine Not , wie jetzt die Sachen stehen . « » Wie ? ist der Krieg nicht entschieden ? « fragte Georg neugierig . » Hat der Württemberger Bedingungen angenommen ? « » Dem macht man gar keine mehr « , antwortete Dieterich mit wegwerfender Miene , » er ist die längste Zeit Herzog gewesen , jetzt kommt das Regieren auch einmal an uns . Ich will Euch etwas sagen « , setzte er wichtig und geheimnisvoll hinzu , » aber bis jetzt bleibt es noch unter uns ; die Hand darauf . Ihr meint der Herzog habe 14000 Schweizer ? Sie sind wie weggeblasen . Der Bote , den wir nach Zürch und Bern geschickt haben , ist zurück ; was von Schweizern bei Blaubeuren und auf der Alb liegt - muß nach Haus . « » Nach Haus zurück ? « rief Georg erstaunt , » haben die Schweizer selbst Krieg ? « » Nein « , war die Antwort , » sie haben tiefen Frieden , aber kein Geld ; glaubt mir , ehe acht Tage ins Land kommen , sind schon Boten da , die das ganze Heer nach Haus zurückrufen . « » Und werden sie gehen ? « unterbrach ihn der Jüngling , » sie sind auf ihre eigene Faust dem Herzog zu Hülfe gezogen , wer kann ihnen gebieten , seine Fahnen zu verlassen ? « » Das weiß man schon zu machen ; glaubt Ihr denn , wenn an die Schweizer der Ruf kommt , bei Verlust ihrer Güter und bei Leib- und Lebensstrafe nach Haus zu eilen14 , sie werden bleiben ? Ulerich hat zuwenig Geld , um sie zu halten , denn auf Versprechungen dienen sie nicht . « » Aber ist dies auch ehrlich gehandelt « , bemerkte Georg , » heißt das nicht dem Feinde , der in ehrlicher Fehde mit uns lebt , die Waffen stehlen und ihn dann überfallen ? « » In der Politica , wie wir es nennen « , gab der Ratschreiber zur Antwort , und schien sich dem unerfahrenen Kriegsmann gegenüber kein geringes Ansehen geben zu wollen , » in der Politica wird die Ehrlichkeit höchstens zum Schein angewandt ; so werden die Schweizer z.B. dem Herzog erklären , daß sie sich ein Gewissen daraus machen , ihre Leute gegen die freien Städte dienen zu lassen ; aber die Wahrheit ist , daß wir dem großen Bären mehr Goldgülden in die Tatze drückten als der Herzog . « » Nun , und wenn die Schweizer auch abziehen « , sagte Georg , » so hat doch Württemberg noch Leute genug , um keinen Hund über die Alb zu lassen . « » Auch dafür wird gesorgt « , fuhr der Schreiber in seiner Erläuterung fort , » wir schicken einen Brief an die Stände von Württemberg , und ermahnen sie , das unleidliche Regiment ihres Herzogs zu bedenken , demselben keinen Beistand zu tun , sondern dem Bunde zuzuziehen . « 15 » Wie ? « rief Georg mit Entsetzen , » das hieße ja den Herzog um sein Land betrügen ; wollt Ihr ihn denn zwingen , der Regierung zu entsagen , und sein schönes Württemberg mit dem Rücken anzusehen ? « » Und Ihr habt bisher geglaubt , man wolle nichts weiter als etwa Reutlingen wieder zur Reichsstadt machen ? Von was soll denn Hutten seine 42 Gesellen und ihre Diener besolden ? Wovon denn Sickingen seine 1000 Reiter und 12000 zu Fuß , wenn er nicht ein hübsches Stückchen Land damit erkämpft ? Und meint Ihr , der Herzog von Bayern wolle nicht auch sein Teil ? Und wir ? Unsere Markung grenzt zunächst an Württemberg - « » Aber die Fürsten Teutschlands « , unterbrach ihn Georg ungeduldig , » meint Ihr , sie werden es ruhig mit ansehen , daß Ihr ein schönes Land in kleine Fetzen reißet ? Der Kaiser , wird er es dulden , daß Ihr einen Herzog aus dem Lande jagt ? « Auch dafür wußte Herr Dieterich Rat . » Es ist kein Zweifel , daß Karl seinem Vater als Kaiser folgt ; ihm selbst bieten wir das Land zur Obervormundschaft an , und wenn Österreich seinen Mantel darauf deckt , wer kann dagegen sein ? Doch , sehet nicht so düster aus ; wenn Euch nach Krieg gelüstet , da kann Rat dazu werden . Der Adel hält noch zum Herzog , und an seinen Schlössern wird sich noch mancher die Zähne einbrechen . Wir verschwatzen übrigens das Mittagsmahl , kommt bald nach , daß wir erfahren was Frau Sabina uns gekocht hat . « Damit verließ der Schreiber des Großen Rates von Ulm , so stolzen Schrittes , als wäre er selbst schon Obervormund von Württemberg , das Zimmer seines Gastes . Georg sandte ihm nicht die freundlichsten Blicke nach . Zürnend schob er seinen Helm , den er noch vor einer Stunde mit so freudigem Mute zu seinem ersten Kampf geschmückt hatte , in die Ecke ; mit Wehmut betrachtete er sein altes Schwert , diesen treuen Stahl , den sein Vater in manchem guten Streite geführt , den er sterbend seinem verwaisten Knaben als einziges Erbe vom Schlachtfeld gesendet hatte . » Ficht ehrlich « , war das Symbolum , das der Waffenschmied in die schöne Klinge gegraben hatte , und er sollte sie für eine Sache führen , die ihre Ungerechtigkeit an der Stirne trug ? Wo er der Kriegskunst erfahrener Männer , der Tapferkeit des einzelnen die Entscheidung zutraute , da sollten geheime Ränke , die Politica , wie Herr Dieterich sich ausdrückte entscheiden ? Wo ihn der fröhliche Glanz der Waffen , die Aussicht auf Ruhm gelockt hatte , da sollte er nur den habgierigen Planen dieser Menschen dienen ? Ein altes Fürstenhaus , dem seine Ahnen gerne gedient hatten , sollte er von diesen Spießbürgern vertreiben sehen ? Unerträglich wollte ihm auch der Gedanke scheinen , von diesem Kraft sich belehren lassen zu müssen . Doch dem Unmut über seinen gutmütigen Wirt , konnte er nicht lange Raum geben , wenn er bedachte , daß ja jene Plane nicht in seinem Kopfe gewachsen seien ; und daß Menschen , wie dieser politische Ratschreiber , wenn sie einmal ein Geheimnis , einen großen Gedanken in Erfahrung gebracht haben , ihn hegen und pflegen wie ihren eigenen ; daß sie sich mit dem adoptierten Kinde brüsten , als wäre es Minerva und aus ihrem eigenen , harten Kopfe entsprungen . Mit milderen Gedanken kam er zu seinem Gastfreund , als man ihn zu Tisch rief . Ja , die ganze Ansicht der Dinge wurde ihm nach einigen Stunden bei weitem erträglicher , als er sich erinnerte , daß ja auch Mariens Vater dieser Partei folge ; es war ihm , als möchte die Sache doch nicht so schwarz sein , welcher Männer , wie Frondsberg ihre Dienste geliehen . Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort , Das schnell sich handhabt wie des Messers Schneide - - Gleich heißt ihr alles schändlich oder würdig , Bös oder gut . - Dieses wahre Wort des Dichters möge die Gesinnung Georgs bezeichnen , die Gesinnung Georgs , der vielleicht allzuschnell seine Ansicht über jene Dinge änderte . Und wie die düsteren Falten des Unmuts , auf einer jugendlichen Stirne sich schneller glätten , wie selbst schmerzliche Eindrücke in des Jünglings Seele von freundlichen Bildern leicht verdrängt werden , so erhellte auch Georgs Seele der freudige Gedanke an den Abend . Man hat uns erzählt , daß unter die schönsten Stunden im Leben der Liebe , die gehören , wo die Erwartung sich an schöne Erinnerungen knüpft . Der Geist seie da ahnungsvoller , das Herz gehobener . So mochte auch Georg fühlen . Er träumte von den schönen Augenblicken , wo es ihm vergönnt sein werde , die Geliebte zu sehen , sie zu sprechen , ihre Hand zu fassen und in ihrem Auge zu lesen . VI Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen , Da flüstert sie leise , sie kann ' s nicht verschweigen . L. Uhland Wenn es möglich gewesen wäre , auf einem Trödelmarke oder in der Auktion eines Antiquars ein » Taschenbuch zum geselligen Vergnügen , mit neuen Tanztouren vom Jahr 1519 « aufzufinden , wir hätten nicht leicht so angenehm überrascht werden können , als durch einen Fund ähnlicher Art , den uns der Zufall in die Hände spielte . Wir waren nämlich in vorliegender Historie bis an dieses Kapitel gekommen , das um der Sage zu folgen , von einem Abendtanz handeln soll ; da fiel uns mit einem Male der Gedanke schwer aufs Herz , daß wir ja nicht einmal wissen , wie und was man in jenen Zeiten getanzt habe . Wir hätten zwar schlechthin sagen können , » sie tanzten « ; aber wie leicht wäre es geschehen gewesen , daß eine unserer freundlichen Leserinnen einen Anachronismus gemacht , und etwa Georg von Frondsberg in ihren Gedanken einen Cotillon hätte vortanzen lassen . In dieser Verlegenheit stießen wir auf das sehr selten gewordene Buch : » Vom Anfang , Ursprung und Herkommen der Turniere im heiligen römischen Reich . Frankfurt 1564 . « Wir fanden in diesem teuren Folianten , unter andern trefflichen Holzschnitten einige , die einen solchen Abendtanz vorstellten , wie er zu Zeiten Kaiser Maximilians , etwa ein Jahr vor dieser Historie , gehalten wurde . Wir dürfen beinahe mit Gewißheit annehmen , daß der Abendtanz im Ulmer Rathaussaal sich in nichts von jenem angeführten unterschied , und man wird sich den deutlichsten Begriff eines solchen Vergnügens machen , wenn wir eines dieser Bilder beschreiben . Den Vordergrund nehmen Zuschauer und die Pfeifer , Trommler und Trompeter ein , die , nach dem Ausdrucke des Turnierbuches , » eins aufblasen « . Zu beiden Seiten , mehr dem Hintergrunde zu , steht die tanzlustige Jugend , in reiche schwere Stoffe gekleidet . In unseren Tagen siehet man bei solchen Gelegenheiten nur zwei Grundfarben , Schwarz und Weiß , worein sich die Herren und Damen , wie in Nacht und Tag geteilt haben ; anders zu jenen Zeiten . Ein überraschender Glanz der Farben strahlt uns aus jenem Bilde entgegen . Das herrlichste Rot vom brennendsten Scharlach bis zum dunkelsten Purpur , jenes brennende Blau , das uns noch heute an den Gemälden alter Meister überrascht , sind die freudigen Farben ihrer malerisch drapierten Gewänder . Die Mitte der Szene nimmt der eigentliche Tanz ein . Er hat am meisten Ähnlichkeit mit der Polonaise , denn er ist ein Umzug im Saale . Den Zug eröffnen vier Trompeter mit langen Wappenfahnen an den Instrumenten ; diesen folgt der Vortänzer und seine Dame , diese Stelle begleitet bei jedem Tanze wieder ein anderer , und es entschied hiebei nicht die Geschicklichkeit , sondern der Rang des Tänzers . Auf diese folgen zwei Fackelträger und dann Paar um Paar der lange Zug der Tanzenden . Die Damen schreiten ehrbar und züchtig einher , die Männer aber setzen ihre Füße wunderlich , wie zu kühnen Sprüngen , einige scheinen auch mit den Absätzen den Takt zu stampfen , wie wir auf jeder Kirchweihe in Schwaben noch heutzutage sehen können . So war der Abendtanz zu Ulm . Man blies schon längst zum ersten auf , als Georg von Sturmfeder in den Rathaussaal eintrat . Seine Blicke schweiften durch die Reihen der Tanzenden , und endlich trafen sie Marien . Sie tanzte mit einem jungen , fränkischen Ritter seiner Bekanntschaft , schien aber der eifrigen Rede , die er an sie richtete , nicht Gehör zu geben . Ihr Auge suchte den Boden , ihre Miene konnte Ernst , beinahe Trauer ausdrücken ; ganz anders als die übrigen Fräulein , die in der wahren Tanzseligkeit schwimmend , ein Ohr der Musik , das andere dem Tänzer liehen , und die freundlichen Augen bald ihren Bekannten , um den Beifall in ihren Mienen zu lesen , bald ihren Tänzern zuwandten , um zu prüfen , ob ihre Aufmerksamkeit auch ganz gewiß auf sie gerichtet sei ? In gehaltenen Tönen hielten jetzt die Zinken und Trompeten aus und endeten ; Herr Dieterich Kraft hatte seinen Gastfreund bemerkt und kam ihn , wie er versprochen , zu seinen Muhmen zu führen . Er flüsterte ihm zu , daß er selbst schon für den nächsten Tanz mit Bäschen Berta versagt sei , doch habe er soeben um Mariens Hand für seinen Gast geworben . Beide Mädchen waren auf die Erscheinung des ihnen so interessanten Fremden vorbereitet gewesen , und dennoch bedeckte die Erinnerung dessen , was sie über ihn gesprochen , Bertas angenehme Züge mit hoher Glut , und die Verwirrung , in welche sie sein Anblick versetzte , ließ sie nicht bemerken , welches Entzücken ihm aus Mariens Auge entgegenstrahlte , wie sie bebte , wie sie mühsam nach Atem suchte , wie ihr selbst die Sprache ihre Dienste zu versagen schien . » Da bringe ich euch Herrn Georg von Sturmfeder , meinen lieben Gast « , begann der Ratschreiber , » der um die Gunst bittet , mit euch zu tanzen . « » Wenn ich nicht schon diesen Tanz an meinen Vetter zugesagt hätte « , antwortete Berta schneller gefaßt als ihre Base , » so solltet Ihr ihn haben , aber Marie ist noch frei , die wird mit Euch tanzen . « » So seid Ihr noch nicht versagt , Fräulein von Lichtenstein ? « fragte Georg , indem er sich zu der Geliebten wandte . » Ich bin an Euch versagt « , antwortete Marie . So hörte er denn zum ersten Male wieder die Stimme , die ihn so oft mit den süßesten Namen genannt hatte , er sah in diese treuen Augen , die ihn noch immer so hold anblickten , wie vormals . Die Trompeten schmetterten in den Saal ; der Oberfeldlieutenant Waldburg Truchseß , dem man den zweiten Tanz gegeben hatte , schritt mit seiner Tänzerin vor , die Fackelträger folgten , die Paare ordneten sich , und auch Georg ergriff Mariens Hand und schloß sich an . Jetzt suchten ihre Blicke nicht mehr den Boden , sie hingen an denen des Geliebten ; und dennoch wollte es ihm scheinen , als mache sie dieses Wiedersehen nicht so glücklich wie ihn , denn noch immer lag eine düstere Wolke von Schwermut oder Trauer um ihre Stirne . Sie sah sich um , ob Dieterich und Berta , das nächste Paar nach ihnen , nicht allzu nahe sei . - Sie waren ferne . » Ach Georg « , begann sie , » welch unglücklicher Stern hat dich in dieses Heer geführt ! « » Du warst dieser Stern , Marie « , sagte er , » dich habe ich auf dieser Seite geahnet , und wie glücklich bin ich , daß ich dich fand ! Kannst du mich tadeln , daß ich die gelehrten Bücher beiseite legte und Kriegsdienste nahm ? Ich habe ja kein Erbe als das Schwert meines Vaters ; aber mit diesem Gute will ich wuchern , daß der deinige sehen soll , daß seine Tochter keinen Unwürdigen liebt . « » Ach Gott ; du hast doch dem Bunde noch nicht zugesagt ? « unterbrach sie ihn . » Ängstige dich doch nicht so , mein Liebchen , ich habe noch nicht völlig zugesagt ; aber es muß nächster Tage geschehen . Willst du denn deinem Georg nicht auch ein wenig Kriegsruhm gönnen ; warum magst du um mich so bange haben ? Dein Vater ist alt und zieht ja doch auch mit aus . « » Ach , mein Vater , mein Vater ! « klagte Marie , » er ist ja - doch brich ab , Georg , brich ab - Berta belausche uns ; aber ich muß dich morgen sprechen , ich muß , und sollte es meine Seligkeit kosten . Ach ! wenn ich nur wüßte wie ? « » Was ängstigt dich denn nur so ? « fragte Georg , dem es unbegreiflich war , wie Marie statt sich der Freude des Wiedersehens hinzugeben , nur an die Gefahren dachte , denen er entgegengehe ? » Du stellst dir die Gefahren größer vor als sie sind « , flüsterte er ihr tröstend zu : » Denke an nichts , als daß wir uns jetzt wiederhaben , daß ich deine Hand drücken darf , daß Auge in Auge sieht wie sonst . Genieße jetzt die Augenblicke , sei heiter ! « » Heiter ? o diese Zeiten sind vorbei , Georg ! höre und sei standhaft - mein Vater ist nicht bündisch ! « » Jesus Maria ! was sagst du « , rief der Jüngling und beugte sich , als habe er das Wort des Unglücks nicht gehört , herab zu Marien ; » o sage , ist denn dein Vater nicht hier in Ulm ? « Sie hatte sich stärker geglaubt ; sie konnte nicht mehr sprechen ; bei dem ersten Laut wären ihre Tränen unaufhaltsam geflossen ; sie antwortete nur durch einen Druck der Hand , und ging mit gesenktem Haupt nach Kraft suchend , ihren Schmerz zu bekämpfen , neben Georg her . Endlich siegte der starke Geist dieses Mädchens über die Schwäche ihrer Natur , die einem so großen , tiefen Kummer beinahe erlegen wäre . » Mein Vater « , flüsterte sie , » ist Herzog Ulerichs wärmster Freund , und sobald der Krieg entschieden ist , führt er mich heim auf den Lichtenstein ! « Betäubend wirbelten jetzt die Trommeln , in volleren Tönen schmetterten die Trompeten , sie begrüßten den Truchseß , der eben an dem Musikchor vorüberzog ; er warf ihnen , wie es Sitte war , einige Silberstücke zu , und von neuem erhob sich ihr betäubender Jubel . Das leise Gespräch der Liebenden verstummte vor der rauhen Gewalt dieser Töne , aber ihr Auge hatte sich in diesem Schiffbruch ihrer Liebe um so mehr zu sagen , und sie bemerkten nicht einmal wie ein Geflüster über sie im Saal erging , das sie als das schönste Paar pries . Aber nur zu wohl hatte Berta diese Bemerkungen der Menge gehört . Sie war zu gutmütig , als daß Neid darüber in ihre Seele gekommen wäre , aber sie setzte sich doch im Geiste an Mariens Platz , und fand , daß man vielleicht das Paar nicht minder schön gefunden hätte . Auch das Gespräch , das zwischen den beiden begonnen hatte , fiel ihr auf . Die ernste Base , die selten oder nie mit einem Mann lange sprach , schien mehr und angelegentlicher zu reden , als ihr Tänzer . Die Musik hinderte sie zu verstehen , was gesprochen wurde ; die Neugierde , die man vielleicht nicht mit Unrecht jungen Mädchen ausschließlich zuschreibt , wurde in ihr rege , sie zog ihren Tänzer näher an das vordere Paar , um - ein wenig zu lauschen ; aber war es Zufall oder Absicht , das Gespräch verstummte als sie näher kam , oder wurde so leise geführt , daß sie nichts davon verstand . Ihr Interesse an dem schönen , jungen Mann wuchs mit diesen Hindernissen ; noch nie war ihr der gute Vetter Kraft so lästig geworden , als in diesen Augenblicken ; denn die zierlichen Redensarten , womit er ihr Herz zu umspinnen gedachte , verhinderten sie , jene genauer zu beobachten . Sie war froh , als endlich der Tanz sich endigte . Denn sie durfte hoffen , daß der nächste an des jungen Ritters Seite desto angenehmer für sie sein werde . Sie täuschte sich nicht in ihrer Hoffnung Georg kam , sie um den nächsten Tanz zu bitten , der auch sogleich begann , und sie hüpfte fröhlich an seiner Seite in die Reihen . Aber es war nicht mehr derselbe , der vorhin mit Marien so freundlich gesprochen hatte . Verstört , einsilbig , in tiefe Gedanken versunken , war der junge Mann an ihrer Seite , und es war nur zu sichtbar , daß er sich immer erst wieder sammeln mußte , wenn er eine ihrer Fragen beantworten sollte . War dies jener » höfliche Reiter « , welcher sie , ohne daß sie sich je gesehen hatten , so freundlich grüßte ? War es derselbe , welcher so heiter , so fröhlich war , als ihn Vetter Kraft zu ihnen führte ? Derselbe , der mit Marien so eifrig sich unterredet hatte ? Oder sollte diese - - ? ja es war klar . Marie hatte ihm besser gefallen , ach ! vielleicht weil sie die erste war , die mit ihm tanzte . Je weniger Berta gewohnt war , sich der ernsten Marie nachgesetzt zu sehen , um so mehr befremdete sie dieser Sieg ihrer Base , um so mehr glaubte sie sich beeifern zu müssen , ihren Rang , ihre Gaben geltend zu machen . Sie setzte daher mit ihrer heiteren Geschwätzigkeit das Gespräch über den bevorstehenden Krieg , das sie mit Mühe angesponnen hatte , fort , als sie nach Beendigung des Tanzes zu Marie und dem Ratsschreiber traten . » Nun ? und der wievielste Feldzug ist es denn , Herr von Sturmfeder , dem Ihr jetzt beiwohnet ? « » Es ist mein erster « , antwortete dieser kurz abgebrochen , denn er war unmutig darüber , daß jene ihn noch immer im Gespräch halte , da er mit Marie so gerne gesprochen hätte . » Euer erster ? « entgegnete Berta verwundert , » Ihr wollt mir etwas weismachen , da habt Ihr ja schon eine mächtige Narbe auf der Stirne . « » Die bekam ich auf der hohen Schule « , antwortete Georg . » Wie ? Ihr seid ein Gelehrter ? « fragte jene eifrig weiter . » Nun , und da seid Ihr gewiß recht weit weg gewesen ; etwa in Padua oder Bologna , oder gar bei den Ketzern in Wittenberg . « » Nicht so weit als Ihr meint « , entgegnete er , indem er sich zu Marien wandte ; » ich war in Tübingen . « » In Tübingen ? « rief Berta voll Verwunderung . Wie ein Blitz erhellte dies einzige Wort , alles was ihr bisher dunkel war , und ein Blick auf Marien , die mit niedergeschlagenen Augen , mit der Röte der Scham auf den Wangen , vor ihr stand , überzeugte sie , daß die lange Reihe von Schlüssen , die sich an jenes Wort anschlossen , ihren nur zu sicheren Grund haben . Jetzt war ihr auf einmal klar , warum sie der artige Reiter begrüßte , warum Marie weinte , die ihn gewiß gerne auf der feindlichen Seite gesehen hätte , warum er so viel mit jener gesprochen , warum er bei ihr selbst so einsilbig war . Es war keine Frage , sie kannten sich , sie mußten sich längst gekannt haben . Beschämung war das erste Gefühl , das bei dieser Entdeckung Bertas Herz bestürmte , sie errötete vor sich selbst , wenn sie sich gestand , nach der Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt zu haben , dessen Seele ein ganz anderer Gegenstand beschäftigte . Unmut über Mariens Heimlichkeit verfinsterte ihre Züge . Sie suchte Entschuldigung für ihr eigenes Betragen , und fand sie nur in der Falschheit ihrer Base . Hätte diese ihr gestanden , in welchem Verhältnis sie zu dem jungen Manne stehe , sie hätte ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt , er wäre ihr dann , meinte sie , höchst gleichgültig geblieben , sie hätte nie diese Beschämung erfahren . Wir haben es von guter Hand , daß junge Damen große Beleidigungen , tiefere Schmerzen im Gefühl ihrer Würde mit Anstand zu ertragen wissen ; daß sie aber oft , wenn es sich um geringe Dinge handelt , nicht Gleichmut genug besitzen , um das Wahre vom Falschen zu unterscheiden , nicht Großmut genug , um zu vergessen . Berta hat an diesem Abend den unglücklichen jungen Mann keines Blickes mehr gewürdigt , was ihm übrigens über dem größeren Schmerz , der seine Seele beschäftigte , völlig entging . Sein Unglück wollte es auch , daß er nie mehr Gelegenheit fand , Marien wieder allein und ungestört zu sprechen ; der Abendtanz ging zu Ende , ohne daß er über Mariens Schicksal und über die Gesinnungen ihres Vaters gewisser wurde , und Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit ihm zuzuflüstern , er möchte morgen in der Stadt bleiben , weil sie vielleicht irgendeine Gelegenheit finden würde , ihn zu sprechen . Verstimmt kamen die beiden Schönen nach Hause . Berta hatte auf alle Fragen Mariens kurze Antwort gegeben , und auch diese , sei es , daß sie ahnete , was in ihrer Freundin vorgehe , sei es , weil sie selbst ein großer Schmerz beschäftigte , war nach und nach immer düsterer , einsilbiger geworden . Aber auf beiden lastete die Störung ihres bisherigen freundschaftlichen Verhältnisses erst recht schwer , als sie ernst und schweigend in ihr Gemach traten . Sie hatten sich bisher alle jene kleinen Dienste geleistet , welche junge Mädchen nur noch zu engerer Freundschaft verbinden . Wie ganz anders war es heute ! Berta hatte die silberne Nadel aus dem reichen blonden Haar gezogen , daß es in langen Ringellocken über den schönen Nacken herabströmte . Sie versuchte , es unter das Nachthäubchen zu stecken ; ungewohnt , diese Arbeit ohne Mariens Hülfe zu verrichten , kam sie nicht damit zustande , aber zu stolz , ihre Feindin , wie sie Marien in ihrem Sinne nannte , ihre Verlegenheit merken zu lassen , warf sie das Häubchen in die Ecke und ergriff ein Tuch , um es um das Haar zu winden . Schweigend nahm Marie das verworfene Häubchen wieder auf , und trat hinzu , das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise zu ordnen und aufzubinden . » Hinweg , du Falsche ! « rief die erzürnte Berta , indem sie die hilfreiche Hand zurückstieß . » Berta , hab ich dies um dich verdient ? « sprach Marie mit Ruhe und Sanftmut . » O wenn du wüßtest , wie unglücklich ich bin , du würdest sanfter gegen mich sein ! « » Unglücklich ? « lachte jene laut auf , » unglücklich ; vielleicht weil der artige Herr nur einmal mit dir tanzte ? « » Du bist recht hart , Berta « , antwortete Marie , » du bist böse auf mich , und sagst mir nicht einmal warum ? « » So ? Du willst also nicht wissen , daß du mich betrogen hast ? nicht