wenigstens für den Moment eine Art Unglück ist , kam längst aus der Mode , und da könnte es doch geschehen , daß ich an einem Orte , wo ich ganz unbekannt wäre , eben so verlassen da sitzen müßte als dieses arme Kind . Zu meiner grossen Freude werde ich indessen eben gewahr , daß man sie zum nächsten Tanze wieder auffordert , und nun tanze ich selbst mit verdoppelter Lust , da der Anblick der kleinen Verlassenen mich nicht mehr quält . « » Die Sie gar nicht kennen ? « fragte Holm . » Die ich gar nicht kenne . Muß man denn alle Leute kennen ? « erwiederte Vicktorine lachend , und hüpfte mit ihrem Tänzer davon , der in diesem Augenblick herantrat , um sie zum eben beginnenden Tanze abzuholen . Nachdem letzterer vollendet war , setzte sich Vicktorine hin um auszuruhen , und Raimund nahte ihr von neuem . » Ich möchte wohl einmal , und wäre es auch nur für eine einzige Stunde , Sie sein , mein Fräulein , « sprach er lächelnd , » es ist wohl ein verwegner Wunsch , aber ich kann ihn nicht unterdrücken . Ich möchte wissen , wie jemanden zu Muthe ist , der in der Gewisheit auftritt , mit jedem Lächeln , jedem Blick , Freude und Bewunderung um sich her zu verbreiten . « » Sind Sie nicht kindisch ! « rief Vicktorine , recht herzlich lachend . » Das wäre ja ein Bewustsein , wie es höchstens eine Prinzessin haben könnte , der man von Jugend auf solch albernes Zeug in den Kopf gesezt hat . Unser einem fällt so etwas gar nicht ein . « » Fräulein , Sie sind zu bescheiden , und wenn ich dürfte , so sezte ich gerne hinzu : Sie sind auch in diesem Augenblicke nicht recht aufrichtig gegen sich selbst . Denn wie könnte Ihnen der Eindruck entgehen , den Sie durch ihr blosses Erscheinen überall hervorbringen ! « sprach Raimund . » Ich bin nicht halb so bescheiden als Sie es vielleicht denken , « erwiederte Vicktorine mit einer sehr gefälligen Zutraulichkeit in ihrem Wesen . » Ich wäre aber doch eine gar zu alberne Thörin , « fuhr sie fort , » wenn ich nicht merkte , wie viel , oder eigentlich wie wenig von dem , was Sie die allgemeine Bewunderung nennen , ich mir selbst zuzuschreiben habe . Ich weis recht gut daß ich ziemlich häßlich und sogar etwas unangenehm sein könnte , ohne daß das Betragen der Gesellschaft gegen mich sonderlich dadurch abgeändert würde , wenn alles übrige meiner Existenz , was nicht Ich ist , nur so bliebe wie es ist . Dies sage ich mir recht oft , um hübsch in der Demuth zu bleiben , « sezte sie mit einem angenehmen Lächeln hinzu , und eilte mit ihrem sich nahenden Tänzer wieder fort . Raimund blickte mit einem nie zuvor gekannten Gefühl ihr nach . Ihre Schönheit , ihr Geist , ihr musikalisches Talent hatten ihn schon oft zu lebhafter Bewunderung hingerissen ; doch die Güte , die ächte Bescheidenheit , die liebenswürdige Offenheit und Einfachheit ihres Wesens , die er gerade an diesem Abend an ihr entdeckte , wo sie einen Triumph feierte , der tausend andre schwindlich gemacht hätte , zeigten sie ihm im fast überirdischen Lichte . Den ganzen übrigen Abend hindurch blieb er in ihrer Nähe , er bat sie um einen Tanz , den sie ihm gleich und gern gewährte , und schwebte an ihrer Seite , wie von Himmelsflügeln getragen , in nie gekannter Seeligkeit durch den Saal . Bei Tische , wo nur die Damen saßen und die Herren sie bedienten , blieb er ihr gegenüber hinter dem Stuhle des jungen Mädchens stehen , das sie in Schutz genommen hatte . Durch Vicktorinens Beispiel dazu bewogen , suchte er das noch immer von der übrigen Gesellschaft ziemlich vernachlässigte Wesen durch die feinste Aufmerksamkeit über dessen Verlassenheit zu trösten . Vicktorine lohnte ihm dies von Zeit zu Zeit mit einem freundlichen Lächeln , oder durch ein paar queer über den Tisch hin ihm zugesprochne Worte , während sie mit unabänderlichem , an Stolz gränzenden Gleichmuthe die Huldigungen der jungen Herren hinnahm , die den fremden Prinzen in ihrer Mitte , sich schaarenweise hinter ihrem Stuhle drängten , mit einander wetteifernd um die Ehre , ihr zuweilen einen Teller oder ein Glaß Wasser reichen zu dürfen . Im seeligsten Taumel kehrte Raimund vom Balle nach Hause ; ihm war die ganze Nacht hindurch , als schwebe er noch immer in einer bezauberten Welt . Er sah Vicktorinen wieder und wieder , sie behandelte ihn von nun an gleich einem alten Bekannten , dem man ohne ängstlichen Rückhalt sich zeigt wie man ist . Jedes Wiedersehen ließ ihn tief in das Innere eines reinen Gemüths voll Liebe und Milde blicken , jedes enthüllte ihm neue Beweise eines von Natur hellen lebhaften Geistes , reich begabt mit den günstigsten Anlagen , stets bereit , alles Gute , Hohe und Treffliche in sich aufzunehmen . Die Heftigkeit , zu welcher das Ungewohntsein jedes Widerspruchs sie zuweilen hinriß , die an Eigensinn gränzende Festigkeit , mit der sie hielt was sie einmal ergriffen , und achtlos durchzusetzen suchte , was sie für recht und gut anerkannte , konnte er freilich an ihr nicht entdecken , weil sich ihm dazu keine Gelegenheit bot . Raimund sah nun in Vicktorinen das Wesen in entzückend blühender Jugendfülle , lebend und athmend vor sich stehen , das bis jezt nur , gleich einem unerreichbaren Traumbilde , seiner jugendlichen Fantasie vorgeschwebt hatte . Er fühlte sich ihr zu eigen fürs ganze Leben , um so mehr , da er , ohne zu geckenhafter Einbildung herabzusinken , es sich nach wenigen Tagen nicht mehr verbergen konnte , daß auch Vicktorine ihn ebenfalls vor allen Andern auszeichnete . Ihr süsses Erröthen , das freudige Aufstrahlen ihrer Augen , wenn er sich nahte , das ihr ganz ungewohnte weiche Beben der Stimme , wenn sie ihn anredete , tausend kleine Züge in ihrem Benehmen , viel zu zart für jede Beschreibung , verkündeten ihm sein Glück lange ehe es ausgesprochen ward . Doch auch diese Stunde , die höchste Blüthe des Lebens , blieb nicht aus ; aber wie sie herbeigeführt ward , was er sprach , was Vicktorine antwortete , wußte diese der Tante selbst nicht ausführlich zu vertrauen . Die Glücklichen hatten fast wortlos einander verstanden , fast wortlos hatten sie den Bund der Treue fürs ganze Leben geschlossen . Das höchste ihm denkbare Ziel des Glückes so nahe vor Augen , beschloß Raimund jezt , ohne Aufschub die Kenntnisse , die er sich erworben , im bürgerlichen Leben thätig geltend zu machen , und dann bei Vicktorinens Vater um ihre Hand zu werben . Freilich war Kleeborns Abneigung , sie einem andern , als einem Kaufmanne zu geben , zu stadtkundig geworden , als daß Raimund nichts davon hätte erfahren sollen ; doch Vicktorine war überzeugt , oder wollte es sein , daß ihr Vater unter diesem Vorwande nur die Anträge ihrer adlichen Verehrer zu entfernen gesucht habe , weil er nur gegen diese stets einen unbesiegbaren Widerwillen laut aussprach , ohne dabei der andern bürgerlichen Stände zu erwähnen . Raimund glaubte Vicktorinen gerne , denn was glaubt hoffende Liebe nicht ? In der freien Re chsstadt , in welcher sie lebten , konnte Raimund auf dem Wege , den er einzuschlagen gedachte , zu den höchsten Ehrenstellen gelangen , und er durfte um so eher hoffen alles zu erreichen , was er in dieser Hinsicht wünschen konnte , da er keine bedeutende Mitbewerber um sich sah , die ihm den Preis streitig gemacht hätten . Freilich stand das Ziel , das er zu erreichen streben wollte , ihm noch fern , doch beide , er und Vicktorine , waren nicht nur jung genug um die Zeit ihrer völligen Vereinigung ruhig abwarten zu können , sondern auch zu seelig in der Gegenwart , um über diese nicht gern die Zukunft zu vergessen . Und überdem , welcher Glückliche gieng nicht jedem Wechsel seines Zustandes mit einem heimlichen Bangen entgegen , selbst wenn diese Veränderung zu noch Höherem zu führen verheißt ! Bei alle dem verhehlte Raimund es sich nicht , daß sein kleines Vermögen gegen den fürstlichen Reichthum , der Vicktorinen einst zufallen sollte , durchaus nicht in Anschlag gebracht werden könne ; doch sein heller reiner Sinn war weit über jene edelmüthig sein wollende Armseeligkeit erhaben , die nicht minder ängstlich berechnend als der Eigennutz , das Geld der Geliebten wägt und zählt , und es höher stellt als ihre Liebe , um nur , wäre es auch auf Kosten ihres Glückes , mit romanhaft grosmüthiger Entsagung prunken zu können . Vicktorine war sein , sie selbst hatte sich ihm gegeben ; auch arm hätte er sie nicht weniger geliebt , und so konnte die Goldmasse , die einst als Eigenthum ihr zufallen sollte , den Werth dieses Geschenks in seinen Augen weder erhöhen noch sein Necht daran vermindern . Auch fühlte er in sich Kraft , Muth und Talent mehr als hinlänglich , um die Geliebte seines Herzens in jedem Falle nicht nur vor Mangel zu schützen , sondern ihr auch alles zu verschaffen , was man zu einem bequemen , ehrenvollen Leben bedarf . Wie die Welt ihn beurtheilen könne ? kam ihm dabei gar nicht in den Sinn , und wenn er auch daran gedacht hätte , sein Vater hatte ihm gelehrt , auf das Gespräch der Leute nicht mehr Werth zu legen , als es verdient , ihm durchaus nie ein entscheidendes Urtheil über seine Handlungen einzuräumen , wenn es das Glück eines ganzen Lebens galt . Während Raimund zum Eintritt in das thätige Leben eines Geschäftsmannes die ernstlichsten Vorkehrungen traf , faßte Vicktorine ihrer Seits den Entschluß , ihm diesen Schritt dadurch zu erleichtern , daß sie ihrer Beider Hoffnung so sicher zu stellen suchte als möglich . Niemand wußte bis jezt um ihre Liebe , denn sie hatte keine einzige jener Vertrauten , die im gewöhnlichen Laufe der Dinge in der Mädchenwelt eben so unentbehrlich sind , als auf dem französischen Theater . Vicktorine hatte nie jenes Bedürfniß gekannt , von sich und ihren Gefühlen unablässig zu reden oder gar lange Briefe darüber zu schreiben , welches so Viele verlockt , wa hre oder eingebildete Liebesgeschichten an- und auszuspinnen , um nur in den Augen ihrer Vertrauten als die Heldin eines kleinen Romans zu glänzen . Hingegen war aber auch ihrem offnen Gemüth alles Heimlichthun durchaus verhaßt , und sie beschloß daher , die erste schickliche Gelegenheit zu ergreifen , um ihrem Vater das stille Geheimniß ihres Herzens zu entdecken , und ihn im Voraus durch Bitten und Gründe für ihre Liebe zu gewinnen . Der ihr für dieses Geständniß günstig scheinende Moment blieb nicht lange aus . Sie war mit ihrem Vater allein , und fand ihn in einer sehr freundlichen Stimmung , doch ihr Vertrauen ward leider ganz gegen ihre Erwartung erwiedert . » So ! du hast Romane gelesen , mein Kind , und sie sind dir , wie ich sehe , schlecht bekommen « antwortete ihr Herr Kleeborn , sobald er nur erst begriff was sie meinte , und dies mit einer Art ironischer Gelassenheit , die Vicktorinen , gleich einem Dolchstiche , wehe that . » Doch das thut nichts , es wird sich schon wieder geben , denn du bist noch jung und kannst noch vieles lernen , « fuhr er im nemlichen Tone fort . » Du wirst schon mit der Zeit einsehen , « sezte er hinzu , » daß die Welt anders aussieht , als es in deinen Büchern steht . Indessen du magst dies bald begreifen , oder spät , oder auch gar nicht , so präge dir wenigstens fest in den Sinn , daß dein Vater nie auf den thörichten Einfall kommen kann , seine der ganzen Welt rühmlichst bekannte Firma mit seinem Tode erlöschen zu lassen , und sein einziges Kind nebst allem , was er mit Mühe und Sorge erworben hat , einem Federhelden zu übergeben , der ein so beträchtliches Vermögen weder zu verwalten noch zusammen zu halten weis . « Vicktorine wollte hier das Wort nehmen , doch ihr Vater lies sie nicht dazu kommen . » Schlage dir diese und ähnliche Grillen gänzlich aus dem Sinne , Vicktorine , « rief er mit zornfunkelndem Blick , vor dem die Erschrockene verstummen mußte . » Ich warne dich , auf nichts eigensinnig zu bestehen , « fuhr er fort , » denn es hilft dir nichts , ich fordre Gehorsam . Es steht fest wie die Sonne , daß kein Baron , kein Graf , selbst kein Prinz mein Schwiegersohn wird , aber auch kein Schulfuchs , sondern ein tüchtiger Mann meines Standes , des ersten glücklichsten und ehrenvollsten in der Welt , weil er der nützlichste ist . Uebrigens hast du vergessen , mir den Namen deines Seladons zu nennen . Schweige , ich verlange auch nicht , ihn zu erfahren , weil es mir gleichgültig ist , wie ein arroganter Thor heissen mag . Du weißt jezt meinen Willen ; geh ' und richte dich darnach . « Die eisige Kälte , mit welcher Herr Kleeborn dieses Urtheil aussprach , und die vollkommenste Gleichgültigkeit gegen dessen sichtbaren Eindruck auf das Gemüth seiner Tochter , mit welcher er dieser sich zu entfernen winkte , überzeugten Vicktorinen nur zu sehr von dem Vergeblichen jedes Versuches , den strengen Richter zu erweichen . Ueberdem war es ihr in diesem Augenblick ' unmöglich , noch länger in seiner Gegenwart zu verweilen , so ergriffen fühlte sie sich von der ganz unerwarteten Aufnahme , die ihr herzliches Vertrauen gefunden hatte . Mit unbeschreiblich-schmerzhaftem Erschrecken ward sie jezt den von ihr nie zuvor geahneten Ernst des Schicksals der Menschen gewahr , das nie vergißt , auch seinen Günstlingen Dornen unter die Rosen zu streuen , die scheinbar den Weg bedecken . Bis jezt war jeder Wunsch , selbst jede schnell vorübergehende Mädchenlaune der Verwöhnten in Erfüllung gegangen , nichts war ihr jemals verwehrt oder abgeschlagen worden , und nun preßten Schmerz , Zorn und bange Furcht vor der Zukunft ihr heißbrennende Thränen aus den Augen , die bis diese Stunde nur freudiges Lächeln oder Thränen des Mitleids gekannt hatten . Jezt erst fühlte sie ganz , was Raimund ihr war ; sie hatte ihn sogar nie zuvor so innig geliebt , als in diesem Moment , wo sie zum erstenmale die Möglichkeit sich dachte , von ihm getrennt werden zu können . Ihre Thränen trockneten , indem sie sich gelobte , der unbeugsamen Gewalt ihr starkes Herz voll Liebe und ihren festen feurigen Muth entgegen zu stellen . Endlich ergriff sie ohne weiteres Bedenken die Feder , um dem Geliebten das zwischen ihr und ihrem Vater Vorgegangene umständlich und offen darzustellen . Ihre Worte trugen das Gepräge einer leidenschaftlichen Gluth , welche ihr bis jezt stets fremd geblieben war , und die ein zuvor von ihr nie gekanntes Gefühl erlittnen Unrechts in ihr entzündet hatte . Sie dachte nicht daran , ihre Worte zu wählen , sie ward immer begeisterter , je länger sie schrieb , und zulezt schien ihr nichts ausdrucksvoll und glühend genug , um nur dem Freunde ihres Herzens Vertrauen in ihre Liebe und Treue einzuflössen , ihn im voraus über alles das zu trösten , was ihrem Glücke sich entgegen stellen könnte und ihm den starken Muth mitzutheilen , von dem sie sich selbst in diesem Momente durchdrungen fühlte . » Ich bin dein , Raimund , « schrieb sie nach vollendeter Erzählung des Vorgangs zwischen ihr und ihrem Vater ; » ich bin dein und bleibe es und wärst du weit über dem Meer , und leuchteten dir in einem andern Welttheil andre Sterne als mir , und gienge dir in dem Augenblick fern von mir die Sonne auf , in welchem ich sie sinken sehe . Die Mitternacht würde dann auch mein Morgen sein , den Tag würde ich verträumen , und nur in der Nacht leben , wenn ich wüßte daß du des Lichtes dich freutest und deiner Vicktorine liebend gedächtest . Habe nur Vertrauen zu mir , denn nichts kann von dir mich wenden , nicht Bitten , nicht Drohen , nicht die Macht der Zeit , viel weniger die sterbliche Gewalt . « » O könnte ich diese goldnen Ketten abstreifen , die ich jezt so herzlich verachte . Könnte ich mit dir in verborgener Mittelmässigkeit leben , für dich arbeiten und entbehren ! Du denkst vielleicht , deine vom Glück verwöhnte Vicktorine spreche nur so leichthin von Entbehrungen , die sie nicht kennt , ohne einen Begriff damit zu verbinden ; aber glaube mir , mein Freund , ich weis was ich damit sage . Ich weis wohl , daß anfangs mir verzognem Kinde Dürftigkeit scheinen würde , was Andre als seltnen Ueberfluß hoch halten ; ich weis , daß meine Erziehung mir leider schwere Fesseln angelegt hat , und daß ich gewissermassen von neuem leben lernen müßte , wenn ich aus dem Gleise hinausträte , an welches ich von meiner Geburt an gewohnt bin . Ich leugne das Opfer nicht ab , das ich damit brächte , aber bedenke auch , welches unnennbare Wonnegefühl es sein müßte , durch irgend ein Opfer und wäre es das höchste , die Seeligkeit zu erringen , an der Hand des Geliebten durchs Leben zu gehen ! Durch dich , mit dir immer höher zu streben zum Urquell alles Guten und Wahren und Schönen ! « » Ich bin nicht für den Schmerz gebohren , das weis ich seit heute , da ich zuerst ihn empfand ; er erdrückt mich , er vernichtet mich , und nur im Sonnenscheine des Glücks kann alles das Gute , welches in mir , wie in jedem lebenden Geschöpfe liegt , zur vollen Blüthe sich entfalten . Und wo ist Glück für mich als bei Dir ? « » Doch fahre hin , schöner Traum vor dem was sein könnte , ich muß Dir entsagen , denn ich darf meinen Vater nicht ohne seine Einwilligung verlassen , wenn ich Raimunds und des Glückes werth bleiben will , dem ich so nah zu sein hoffte , und das jezt in so ungemessner Ferne vor mir steht . Ich werde meinem Vater gehorchen wie ich that seit ich lebe , mit heissen , bittern Thränen schreibe ich dies nieder , doch ohne Kampf mit mir selbst . Ich werde seinen Wünschen entgegen eilen , und jeder seiner Winke sei mir Befehl , in allem , wo er mir gebieten darf . Ach alles , alles will ich thun , alles , alles leiden , hingeben , entbehren , nur Dich zu lieben , wolle er mir nicht verwehren , er darf es nicht , er kann es nicht , so wenig als er mir verbiethen kann zu athmen . Die Hand , die meines Herzens Schlag schuf und erhält , legte auch den Keim dieser Liebe gleich bei seinem Entstehen in dies nehmliche Herz ; mein Dasein ist mit dem Deinen innigst verflochten , es läßt sich nicht losreissen , dies nur versuchen , hieß sündigen , es wäre geistiger Selbstmord , darum bin und bleibe ich dein , nahe oder ferne , gleich viel . « » Während ich Dir schreibe , Geliebter ! kam Trost in meine Seele . Wie konnte es anders sein , Du warst ja bei mir und ich fühlte Deine liebende Nähe ! Raimund , noch blüht uns die Gegenwart , wir werden uns sehen , uns sprechen wie zuvor , und sind durch gemeinschaftliche Sorge nur noch inniger vereint . Mein Vater hat mir nicht geboten , den Umgang mit Dir aufzuheben , er kennt nicht einmal den Namen des Mannes , dem seine Tochter auf ewig angehört , anfangs lies er mir nicht Zeit ihn zu nennen , später hielt er es nicht der Mühe werth , darnach zu fragen . So leichthin behandelt er das Herz , das Glück seines Kindes ! Doch auch hierin liegt Trost ; ich darf den Vater nun noch nicht grausam schelten , denn er weis ja nicht , was er mir thut ; vielleicht wäre er sonst milder , er hat mich ja immer geliebt ? « Es war der erste Brief , den Vicktorine jemals an Raimund geschrieben hatte , und sie sendete ihn verborgen in einem Pakete Musikalien an ihn ab , ohne dadurch Argwohn zu erregen ; denn der Singverein veranlaßte oft solche Sendungen . Daß Raimund das Schreiben erhalten habe , war nicht zu bezweifeln , doch viele Tage vergiengen , ohne daß er ihr antwortete . Vergebens hoffte Vicktorine im Singverein ihn zu treffen , vergebens suchte ihr Auge ihn auf der Promenade , im Konzert , im Theater , er fehlte überall , wo sie sonst gewohnt war , wenigstens aus der Ferne seinen Gruß zu erwiedern . Sie vergieng beinahe vor innrer Unruhe ; tausend , immer abentheuerlicher werdende Besorgnisse drängten sich ihr auf und füllten ihre Fantasie mit Schreckbildern . Und doch war jeder Versuch , aus dieser beängstigten Lage zu kommen , ihr unmöglich , denn es fehlte ihr der Muth , nur Raimunds Namen zu nennen , vielweniger mochte sie es wagen , bei Bekannten nach ihm sich zu erkundigen . Endlich nach mehreren , in unaussprechlicher Bangigkeit verlebten Tagen erhielt auch sie ein Paket Musikalien , sie erbrach es mit zitternder Hand , es enthielt das , wonach sie so lange sich gesehnt , einen Brief des Geliebten . Raimund schrieb : » Du , meine Vicktorine ! Du , deren schöne Seele so wahr , so glühend es empfindet , welche Seeligkeit es sei , der Liebe alles zu opfern , freue Dich mit Deinem Freunde , daß er der Glückliche ist , dem die strenge Pflicht erlaubt , was sie Dir verbietet . « » Ja , ich habe im festen , heiligen Vertrauen auf Dich alles von mir geworfen ; meine Aussichten für die Zukunft , meine Pläne , die ganze bisherige Tendenz meines Lebens ; sogar meiner Unabhängigkeit habe ich , für einige Zeit wenigstens , entsagt , um nur die Hoffnung mir zu gewinnen , Dich mir einst erwerben zu können ; denn - seit zwei Tagen arbeite ich im Komtoir des Kommerzienraths Fischer , dessen Sohn , wie Du weist , einer meiner Universitätsfreunde ist . « » Du erbleichst , Dein schönes Auge füllen Thränen und bange Furcht bemeistert sich Deiner , indem Du dieses liesest . Fasse Muth , meine Vicktorine , zage nicht , zweifle auch nicht ; ich habe den Schritt , den ich that , wohl überlegt . Um dieses zu können , vermied ich es sogar in diesen Tagen , Dich zu sehen , denn ich wollte den wichtigen Kampf mit mir ganz allein in ungestörter Stille auskämpfen ; ich schrieb Dir nicht , bis ich , mit mir selbst völlig einig , Dir sagen konnte : das habe ich gethan , statt Dir zu melden : das gedenke ich zu thun . Ich bin nicht minder offen als Du ; ich werde es gegen Dich immer so sein , und darum will ich nicht einmal das Dir verhehlen , daß auch ich nicht ohne Schmerz von allem Gewohnten mich losreissen und die von meinem Vater für mich gewählte Bahn verlassen konnte , um mich in das Gewirre und Getreibe einer Welt zu werfen , die nie die meine war . Doch glaube mir : ich bin unfähig , je zu bereuen , was ich nur nach vielfacher Ueberlegung unternahm , und werde gewiß von nun an alle Pflichten des an sich ehrenwerthen Standes erfüllen , den ich selbst mir erwählte , ja den ich mir erwählen mußte , um gegen mich selbst gerecht zu sein . « » Theure Vicktorine , ich habe mich in dieser Zeit sehr strenge geprüft , ich bin mit mir selbst offen zu Werke gegangen , was so schwer ist ; denn wen täuscht man lieber und leichter , als sich selbst ? Auch Dich will ich nicht täuschen , und so gestehe ich Dir offen , daß ich jezt weis : ich könnte ohne Dich das Leben zwar tragen , aber ich fühle auch , daß ich mich alsdann dazu anschicken müßte , wie zu einer nächtlichen Winterreise ohne Wärme und Licht , denn Du , Vicktorine , bist die Sonne meines Daseins , das ich ohne Dich kraftlos , in Dunkelheit hinschleppen müßte . Darum schilt mich nicht , daß ich that was ich mußte ; beneide mich auch nicht , daß ich durfte was Du nicht darfst , und vor allem , tadle Deinen Vater nicht , dessen wohlgemeinter , und im rechten Lichte gesehen , auch wohl motivirter Wille mir es möglich machte , Dir durch mehr als Worte zu zeigen was Du mir bist . « » Kann es Dich beruhigen , und ich hoffe es wird es , so vernimm , daß ich schon jezt einsehe , wie ich zu meinem jezigen Berufe , bei meinen , freilich zu anderm Zwecke erworbnen Kenntnissen nicht viel mehr brauchen werde als Gewöhnung und dabei Aneignung des ihm eigenthümlichen , mechanischen Theils desselben , den gewöhnlich Knaben in früher Jugend schon erlernen . Alles dies dünkt mir indessen zum Theil nicht schwer zu begreifen , zum Theil werde ich dessen überhoben . Was dem Knaben als Zentnerlast erscheint , ist ja überdem dem reifen Manne ein Spiel . Und wäre es auch anders , was kann mir lästig dünken , wenn ich den Blick dem Ziele zuwende , zu dem ich strebe . « Leidvoll und Freudvoll versank Vicktorine in sich selbst , als sie dieses las . Das Opfer , welches Raimund ihr gebracht , erfüllte ihr Gemüth nicht mit Liebe , nicht mit Bewunderung , aber mit einem aus beiden zusammengesezten namenlosen Gefühl : als sie ihr Wesen so ganz mit dem seinen verschlungen , daß nur Tod sie von ihm reissen könne . Die Liebenden sahen sich wieder ; ihr erstes Wiedersehen war ein schmerzlich-entzückender Augenblick ; auch ward ihnen von nun an nur selten das Glück , mehr , als Blicke oder ein paar flüchtig hingeworfene Worte mit einander wechseln zu können ; denn Beide fühlten jezt mehr wie je die Nothwendigkeit , ihr Geheimniß den Augen der neugierigen Welt zu verbergen . Sie vermieden deshalb auf das gewissenhafteste jede Unvorsichtigkeit in ihrem Betragen , durch die das Heiligthum ihrer Herzen unberufnen Beobachtern hätte verrathen werden können . So vergieng ihnen ein Jahr und drüber in der Seeligkeit des reinsten Bewustseins vertrauensvoller inniger Liebe . Das jungen Holm rasch ausgeführter Entschluß war bei seinem Alter , bei seinen Kenntnissen in einem andern Fache , bei seinen Aussichten in eine ihm offen stehende ehrenvolle Zukunft zu beispiellos , als daß er nicht selbst in dieser großen Stadt dadurch hätte Aufsehen erregen sollen . Anfangs war darüber , als über eine große Thorheit viel gesprochen und gespöttelt worden , späterhin aber begann Raimund , sich ganz auf eine entgegengesezte Weise bemerkbar zu machen . Man fühlte sich gezwungen , die Leichtigkeit zu bewundern , mit welcher der Neuling Schwierigkeiten überwand , die denen unüberwindlich geschienen hatten , welche , von Jugend auf zum Kaufmannsstande erzogen , es für unmöglich hielten , sich ohne diesen Vortheil in Geschäften solcher Art zurecht finden zu können . Raimunds sehr ausgebreitete Kenntnis fremder Sprachen , die Geschicklichkeit , mit der er den bedeutendsten Theil der Korrespondenz seines Hauses zu führen wußte , und mehr noch als alles dies , der Scharfblick und die Berechnung der Umstände , durch welche er dasselbe zu einigen sehr vortheilhaft ausfallenden Spekulazionen veranlaßt hatte , erwarben ihm allgemeine Achtung an der Börse . Man wußte , daß er ohne alle Belohnung an Gelde im Fischerschen Komtoir arbeite , aber die angesehnsten Häuser hätten gern um jeden Preis einen solchen Gehülfen sich erworben , der , ohne die Lehrjahre überstanden zu haben , gleich als Meister auftrat . Jeder profezeyete in ihm einen künftigen Stern erster Größe in der handelnden Welt , wenn das Glück ihn nur so begünstigen wolle , als seine Kenntnisse und sein Fleiß es verdienten . Sogar Herr Kleeborn erwähnte seiner einigemal über Tische , und mit grossem Lobe . Vicktorine getraute sich dabei kaum , die Augen von ihrem Teller zu erheben , und ihr laut pochendes Herz wollte vor banger Freude zerspringen , denn ein ganz eignes schlaues Lächeln ihres Vaters , indem er den Namen Holm auffallend betonte , verrieth ihr nicht nur seine Bekanntschaft mit ihrem Geheimniß , sondern sie glaubte auch mit Sicherheit , Pläne zu ihrem künftigen Glück darin lesen zu dürfen . Ganz unbefangen und ahnungslos folgte sie daher dem Ruf ihres Vaters , als dieser sie , wie er zuweilen that , zu sich in sein Kabinet beschied . Höchstens erwartete sie wieder einmal von einem abgewiesenen Heurathsantrage hören zu müssen , und sie erschrack daher schon ein wenig , als Herr Kleeborn mit ganz sonderbarer , etwas feierlicher Freundlichkeit ihr entgegen trat , ihre Hand ergriff , und sie nöthigte , sich zu ihm auf das Sofa zu setzen . » Vicktorine , « begann er nach einer kleinen Pause , seine wahrscheinlich vorher einstudirte Rede , » Vicktorine , Du bist mein einziges Kind , und Du weist , wie es von jeher mein höchster Wunsch war , Dein wahres Glück nach bester Einsicht und Kraft zu begründen . Viele Jahre hindurch habe ich Tag und Nacht für Dich gesorgt und gearbeitet , darum ist es jezt an Dir , mich für alle meine Sorge und Mühe zu belohnen . Nun , ich muß es Dir zum Ruhm nachsagen , Du warst ein folgsames Kind , und hast Dir nie